Im Jahre 1846 weist das Schumannsche Kompositionsverzeichnis bloß

mehrere Chorlieder: _op._ 55 +Fünf Lieder von Burns+, _op._ 59 +Vier

Gesänge+ von Lappe, Platen, Möricke, Rückert und die Vollendung der

_C_-Dursymphonie auf. Die Kritik pflegt diesem Werke, in welchem

er seine musikalische Kraft zum Grandiosen, Beethoven-Gleichen zu

steigern rang, den Preis vor den übrigen Symphonien zuzusprechen,

in theoretischer Hinsicht, was die kunstvolle Durchführung und

Kombination der Themen anbelangt, gewiß mit Recht. Es bedeutet ohne

Zweifel den Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn, aber keineswegs seine

vorzüglichste Leistung. Man fühlt, daß es nicht dem „innersten

Lebensdrange“ entspringt und erst im Adagio kommt der echte Schumann,

der Lyriker voll zur Geltung und erhebt seinen wunderbarsten Gesang.

Allein, ob auch der Meister seine Kraft auf das Äußerste anspannte

und aufrieb -- der ersehnte Ruhm blieb immer noch aus. In Dresden

freilich hatte er sich über Mangel an Anerkennung nicht zu beklagen

und wenn er nach Leipzig zu Besuch kam, was ab und zu geschah, war

ihm die enthusiastischste Aufnahme gewiß. Auch die Verleger machten

keine Schwierigkeiten. Überall sonst aber kannte ihn die große Menge

bloß als den Mann der Klara Wieck, so wenig Schumann das zugeben

wollte. Als einmal ein alter Freund bemerkte, daß Klara sehr viel dazu

beigetragen habe, ihm den Weg als Tonsetzer zu erleichtern, sprang

er höchst beleidigt auf und lief davon. Wie schmerzlich mußte ihn da

der offenbare Mißerfolg mehrerer seiner schönsten Kompositionen auf

der 1847 unternommenen Konzerttour nach Wien berühren. Sie wurden

am 1. Jänner im Musikvereinssaal mit achtungsvollem Stillschweigen

aufgenommen; die Achtung galt seiner -- Frau. Die wenigen Anhänger

zitterten vor einer möglichen Wiederholung des Vorfalls bei einem

auswärtigen Hofkonzert, wo Serenissimus nach vielen Artigkeiten für

Klara unseren Meister huldreichst fragte: „Sind Sie auch musikalisch?“

Im Künstlerverein „Konkordia“ traf Schumann den zufälligerweise

gleichfalls anwesenden Meyerbeer an; aber beide Männer wichen einander

vorsichtig aus. (Hanslick.) Zum Abschied gab das Schumannsche

Ehepaar eine glänzende Soiree, bei welcher alle Wiener Celebritäten:

Bauernfeld, Eichendorff, Stifter, Deinhardstein und _last not least_

-- Grillparzer erschienen waren. Der Letztere, ein warmer Bewunderer

der Künstlerin Klara, hatte diese schon 1838 in einem schönen Gedichte

besungen; von ihrem Gatten als Komponisten Notiz zu nehmen, fiel ihm

damals eingestandenermaßen nicht ein. So stand es um Schumanns Ruhm

am Donaustrande. Besser fielen die beiden Konzerte in Prag aus,[7] wo

Ambros, ein begeisterter Verehrer des Meisters in der „Bohemia“ unter

dem Davidsbündlernamen Flamin wirksame Propaganda gemacht hatte und

auch in Berlin, wo „Paradies und Peri“ unter des Autors Direktion --

recht elend, nebenbei bemerkt -- zur Aufführung kam. Im Juli endlich

besuchte Schumann auch seine Vaterstadt, die ihren größten Sohn auf

jede mögliche Weise, durch Fackelzug, Ständchen u. s. w. ehrte. Die

Reisen und Zerstreuungen dieses Jahres scheinen heilsamen Einfluß auf

seinen Geist ausgeübt zu haben, denn seine Produktion ist gegen 1846

unstreitig reicher. Nebst mehreren Chören, und zwar +Abschiedslied+

(_op._ 84), +Ritornelle+ von Rückert in kanonischen Weisen (_op._

65), +drei Gesänge+ für Männerchor (_op._ 62), schrieb er zwei sehr

schöne Trios (_op._ 63 u. 80); die Ouvertüre sowie den ersten Akt einer

romantischen Oper +Genoveva+ (_op._ 81).

Schon längst hatte sich Schumann mit dem Gedanken an ein musikalisches

Drama getragen, ja sogar 1838 ein von Becker (nach T. A. Hoffmanns

Novelle: Doge und Dogaressa, Univ.-Bibliothek Nr. 464) verfertigtes

Libretto zu komponieren begonnen. Es wurde indessen bald wieder

beiseite gelegt, weil er darin ein „tiefes, deutsches Element“

vermißte. In den folgenden Jahren steigerte sich, angesichts der

Successe der großen Pariser Opern, sein Wunsch zu verzehrender

Sehnsucht. „Wissen Sie mein morgen- und abendliches Künstlergebet?“

schreibt er 1842, „+deutsche Oper+ heißt es. Da ist zu wirken. --

Die deutschen Komponisten scheitern meistens an der Absicht, dem

Publikum gefallen zu wollen. Gebe aber nur einmal einer etwas Eigenes,

Einfaches, Tiefes, Deutsches, und er soll sehen, ob er nicht mehr

erlangt.“ Eine ganze Reihe nationaler Opernstoffe fand sich in seinem

Projektenbuche aufgezeichnet, unter andern Nibelungen, Wartburgkrieg,

Lohengrin, Till-Eulenspiegel, Meister Martin und seine Gesellen. Allein

vergebens fahndete er nach einem Dichter für sie, vergebens fragte er

bei Zuccamaglio, Griepenkerl, Marbach um geeignete Texte an. Endlich

glaubte er in Robert Reinick, welcher bereits für Freund Hiller ein

Libretto geliefert hatte, den rechten Mann gefunden zu haben und

veranlaßte ihn, die dramatischen Bearbeitungen der Genovevasage von

Tieck und Hebbel zu einem Opernbuche zusammenzuschweißen. Doch war

dessen Arbeit nicht nach Schumanns Sinne, und da Hebbel selbst eine

Umgestaltung seines Stückes freundlich, aber entschieden ablehnte,

sah sich der Meister der Töne dazu gedrängt, den Pegasus nach Wagners

Vorgang selbst zu besteigen. Unter seinen Händen entspann sich

die Handlung der Oper nun also: Pfalzgraf Siegfried zieht in den

Maurenkrieg und läßt seine junge Frau, Genoveva, in der Hut seines

Günstlings Golo zurück. Dieser, in sündiger Liebe für die Gebieterin

entbrannt, aber mit Entrüstung zurückgewiesen, verbündet sich mit

ihrer zauberkundigen Amme Margaretha, um sie zu verderben. Es wird das

Gerücht von einem vertrauten Verhältnis zwischen Golo und Genoveva

ausgestreut, die empörte Dienerschaft dringt in der Herrin Schlafgemach

und findet darin -- den alten Kastellan Drago, welcher sich, um

Genovevas Unschuld erweisen zu können, daselbst heimlich verborgen

hatte. Der Greis wird von den Knechten, ohne Gehör zu finden, erwürgt,

Genoveva als des Ehebruches Schuldige ins Gefängnis geschleppt. Dann

eilen Margaretha und Golo zu Siegfried, das Geschehene zu melden.

Der ergrimmte Gatte will die Ungetreue töten lassen, befragt aber,

um ganz sicher zu gehen, Margarethas Zauberspiegel. Das trügerische

Gerät zeigt ihm Dragos und Genovevas sträflichen Umgang, so daß er

vor Wut den Spiegel zerschlägt und davonstürzt. Aus den Trümmern

aber steigt Dragos Geist auf und befiehlt der Hexe, ohne Verzug dem

Grafen die Wahrheit zu gestehen. Im vierten Akte soll Genoveva, welche

eine zweite Werbung Golos wiederum abgefertigt hat, in der Wildnis

hingerichtet werden. Aber zur rechten Zeit erscheint der über den

Sachverhalt aufgeklärte Gatte und führt sein schuldloses Weib im

Triumphe auf das Schloß zurück. -- Die vielfachen Willkürlichkeiten

und Unklarheiten in der Motivierung treten an diesem knappen Aufriß

noch nicht so grell zu Tage wie an dem Stücke selbst. Zwar machte

der wohlmeinende Wagner Vorstellungen und Einwände, aber Schumann

in dem Wahne, jener wolle ihm seine besten Effekte verderben, wurde

ordentlich böse und unter seinen näheren Bekannten fand sich keiner,

der ihn bewogen hätte abzustehen, nicht nur von der Komposition

dieses Textes, sondern einer Oper überhaupt; vielmehr hetzten sie den

Irrenden, der schon jeden Kompaß verloren, eher noch in die falschen

Bahnen hinein. Die Wahrheit zwingt uns anzuerkennen, daß Schumann

auch auf diesem, seiner lyrischen Natur geradewegs widerstrebenden

Gebiete viel richtiges Wollen bekundet hat. Von italienischen Mustern

wollte er durchaus nichts wissen und „Lassen Sie mich in Ruhe mit der

Kanarienvogelmusik und den Haarbeutelmelodien“ rief er, als man ihm

von Cimarosas _Matrimonio segreto_ sprach. Sein Vorbild war Webers

Euryanthe. An Stelle des alten Recitativs, das er für eine überlebte

Kunstform hielt, strebte er eine musikalische Deklamation zu gewinnen

-- freilich ohne Glück. Der Mangel an scharfen Kontrasten, an diesen

Kennzeichen eines echten Dramas, ist’s, der die Genovevamusik auf der

Bühne so wirkungslos macht; das konnten sogar eifrige Parteigänger

Schumanns gleich bei der ersten Aufführung in Leipzig, welche sich zu

seinem Leidwesen bis zum 25. Juni 1850 hinauszog, sich nicht verhehlen.

Die Spannung auf dieses Werk war nach Lobes Mitteilungen groß und

viele Umstände vereinigten sich zu Gunsten des Komponisten. In Leipzig

hatte er viele Freunde und Verehrer. Mehrere berühmte Künstler waren

zugegen: Liszt, Spohr, Meyerbeer, Hiller u. s. w. Schumann dirigierte

die Oper selbst. Das Leipziger Publikum ist für Musik leicht entzündbar

und mit Beifallsbezeugungen nicht karg. So konnte man einen jener

glänzenden Kunstabende erwarten, welche Leipzig beliebten Künstlern

für gelungene Leistungen gern bereitet. Die Erwartung wurde jedoch

teilweise getäuscht. Außer der Ouvertüre applaudierte man nur noch die

Aktschlüsse und in den Journalen entwickelte sich eine unerquickliche

Polemik für und wider. Schumann aber, fest überzeugt, daß jeder Takt

seiner Oper völlig dramatisch sei, nahm ungünstige Kritiken, entgegen

seiner einstigen Gepflogenheit, gewaltig krumm, ja, zögerte nicht,

ein langjähriges, freundliches Verhältnis zu Krüger, welcher das Werk

etwas scharf recensiert hatte, sogleich zu lösen. So verlief die ganze

Opernaffaire in jeder Hinsicht übel und bis auf den heutigen Tag ist

es den deutschen Theatern trotz mannigfacher Versuche nicht gelungen,

Schumanns Schmerzenskind dem Repertoire zu erhalten.

Nebst der Genoveva fällt in das Revolutionsjahr 1848 noch das

kantatenartige +Adventlied+ von Rückert (_op._ 71) und zwei

Klavierwerke: die phantasievollen, farbenprächtigen, durch Rückerts

Makamen des Hariri angeregten +Bilder aus dem Osten+ (_op._ 66) und

das +Album für die Jugend+ (_op._ 68), das uns auf seine eigene,

reichbesetzte Kinderstube zurückweist. „Ich wüßte nicht, wann ich

mich je in so guter musikalischer Laune befunden hätte, als da ich

die Stücke (_op._ 68) schrieb,“ berichtet er an Reinecke. „Es strömte

mir ordentlich zu. Sie sind mir besonders ans Herz gewachsen -- und

recht eigentlich aus dem Familienleben heraus. Die ersten Stücke im

Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag

und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als finge ich

noch einmal von vorn an zu komponieren; und auch vom alten Humor

werden Sie hier und da spüren. (Vergl. Nr. 12.) Von den Kinderscenen

unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines

Älteren und für Ältere, während das Album mehr Vorspiegelungen,

zukünftige Zustände für Jüngere enthält.“ Ein Pendant zu diesen

reizenden Genrestücken, von welchen Nr. 16 Erster Verlust, Nr. 13 Mai,

lieber Mai, Nr. 28 Erinnerung (an den 1847 gestorbenen Mendelssohn) und

Nr. 30 Adagio namentlich hervorgehoben seien, bildet das im folgenden

Jahr komponierte +Liederalbum für die Jugend+ (_op._ 79), mit welchem

Schumann die später von Taubert, Reinecke und anderen weitergeführte

Gattung der Kinderlieder aufnahm. In der Anordnung bemühte er sich

die Stufenfolge vom Leichten zum Schwierigeren einzuhalten, Mignon

(Nr. 29) schließt endlich ab „ahnungsvoll den Blick in ein bewegteres

Seelenleben richtend.“

Von diesen lieblichen, wenn auch manchmal leidvollen, lyrischen Perlen

sticht die ungefähr gleichzeitige „Musik zu Lord Byrons +Manfred+“

(_op._ 115) überaus grell ab. Das Gedicht, welches nur uneigentlich

der dramatischen Gattung angehört, war für den Lyriker wie geschaffen

und bot freien Spielraum zu grüblerischem Versenken. Für die innere

Zerrissenheit, die düstere Schwermut des Byronschen Helden, wie sie

der Meister in den wiederkehrenden Anfällen seines Nervenleidens

selbst empfunden haben mag, fand er denn auch tiefergreifende Töne und

besonders die Ansprache an Astarte: „Gerufen hab’ ich dich aus dunkler

Nacht“ ist den bedeutendsten Schöpfungen seines Genius beizuzählen.

Freilich wirkt diese Musik nicht so sehr auf der Bühne, für welche ja

auch das Gedicht nicht berechnet ist; auch nicht im Konzertsaal, trotz

des verbindenden Textes, welchen Richard Pohl dafür geschrieben hat;

sondern beim einsamen Genusse am Flügel daheim.

Das Jahr 1849 ist an Kompositionen in Schumanns Leben unstreitig das

fruchtbarste. „Man muß ja schaffen,“ schreibt er, „so lange es Tag

ist.“ Namentlich fällt die große Zahl der Chorkompositionen (_op._

67, 69, 75, 91, 93, 98 b, 108, 137, 141, 145, 146) auf, was sich aber

aus seiner Stellung als Dirigent eines Gesangvereins leicht erklärt.

Schon 1847 hatte er nach Ferdinand Hiller die Leitung der Dresdener

Liedertafel übernommen, jedoch bald wieder aufgegeben; teils weil er

darin zu wenig musikalisches Streben vorfand, teils weil ihm „die

ewigen Quartsextaccorde des Männergesang-Stiles“ bald langweilig

wurden. Größeres Vergnügen bereitete dem Meister ein von ihm selbst

am 5. Januar 1848 gegründeter Chorverein, welcher in kurzer Zeit an

hundert Mitglieder zählte. „Wir kommen,“ heißt es in einem Briefe,

„oft außerhalb der Stadt zusammen, wandeln dann bei Sternenschein

zurück und dann erklingen Mendelssohnsche und sonstige (das heißt

seine eigenen) Lieder durch die Nacht und alle sind so fröhlich,

daß man es mit werden muß.“ Aus der Zahl dieser, zum Teil ungemein

schwierigen Chöre seien die +Jagdlieder+ (_op._ 137), die Motette:

„+Verzweifle nicht im Schmerzensthal+“ (_op._ 93), das zarte +Requiem

für Mignon+ aus Wilhelm Meister (_op._ 98) und das von Schumann

besonders geliebte +Nachtlied+ von Hebbel (_op._ 108) namhaft gemacht.

Außerdem komponierte er nebst +drei Liederheften+ (_op._ 79, 95, 98

_a_) und +vier Duetten+ für Sopran und Tenor (_op._ 78), noch einige

Liederkreise für eine und mehrere Stimmen: +Minnespiel+ von Rückert

(_op._ 101), +Spanische Liebeslieder+ (_op._ 138) und das köstliche,

gleichsam aus Jasminduft gewobene +Spanische Liederspiel+ (_op._ 74).

Eine melodramatische Begleitung zu Hebbels Ballade „+Schön Hedwig+“

(_op._ 106) leitet uns zu den reinen Instrumentalwerken hinüber. „Es

ist eine Art der Komposition, die wohl noch nicht existiert und so sind

wir immer vor allem dem Dichter zu Dank verbunden, die, neue Wege der

Kunst zu versuchen, uns so oft anregen.“ Dem heutigen Geschmacke sagt

diese anorganische Verbindung zwischen Wort und Tönen nicht mehr zu;

Schumann dagegen that sich auf seine Errungenschaft viel zu Gute und

schrieb noch 1853 eine ähnliche Musik zu Hebbels „+Haideknaben+“ und

Schelleys „+Flüchtlingen+“ (_op._ 122). Auch die absolute Musik ist

durch eine erkleckliche Anzahl von Kompositionen vertreten; zunächst

durch mehrere Klavierwerke: die interessanten +Waldscenen+ (_op._ 82).

+Vier Märsche+ (_op._ 76). +Zwölf vierhändige Stücke+ (_op._ 85) sowie

+Introduktion und Allegro+ für Pianoforte und Orchester (_op._ 92);

dann durch Phantasien, Konzertstücke und dergleichen für Violoncello,

Horn, Klarinette und Oboe. (_op._ 70, 73, 86, 94, 102).

Die Folgen solch übermäßiger Anstrengung, zu welcher sich noch die

mannigfachen Aufregungen durch die politischen Wirren dieses Jahres

gesellten, blieben nicht aus. Ein unerträglicher Kopfschmerz peinigte

den Meister, so daß die in Angriff genommene Vollendung des „Faust“

nur langsam fortschreiten konnte. Seit den ersten Arbeiten daran

(1844) hatte er nach zweijähriger Pause nur ab und zu ein Stück

hinzukomponiert, den „Schlußchor“, „Gerettet ist das edle Glied“, die

„Gretchenscenen“ und „Fausts Erwachen“. Im Sommer 1848 wurde sogar

eine Privataufführung im Schumannschen Hause veranstaltet und zur

Goethefeier (29. August 1849) gab man das Werk an mehreren Orten,

in Weimar, Dresden und Leipzig. Freilich, wenn die Behauptung laut

wurde, daß der zweite Teil des Faust erst durch Schumanns Musik

verständlicht worden sei, so ist das nur insofern richtig, als dieser

von der Gedankenlosigkeit stets arg verlästerte Teil der Mitwirkung

der Tonkunst bedarf, um den gehörigen Eindruck hervorzubringen und

insofern, als viele Musiker, durch diese Komposition aufmerksam

gemacht, sich den „zweiten Teil“ besser angesehen und darum vielleicht

besser verstanden haben. Übrigens lag es gar nicht in Schumanns

Vermögen, den ungeheuren Vorgang des Weltgedichtes mit ebenbürtiger

Musik auszustatten, sondern er komponierte ihn auf seine Weise, das

heißt in den lyrischen Partien, z. B. dem wahrhaft himmlischen Hymnus

an die Gottesmutter wunderschön. Anderes, z. B. der Schlußchor, muß

als unpassend bezeichnet werden, denn wir hören zwar ein Chorstück

von erlesener Pracht, dessen Melodik aber dem durchaus mythischen

Sinn der Verse, in welchen die letzten Dinge aller menschlichen

Weisheit ausgesprochen sind, nicht entspricht. Der Autor selber

fühlte das wohl und geriet darüber einigemale in Desperation. Er

komponierte die Nummer um -- ohne auch mit dieser zweiten Fassung

den rechten Ton getroffen zu haben. Der Palestrinastil, in dessen

Herrlichkeiten sich Schumann ebendamals versenkte, wäre hier vielleicht

am Platze gewesen. 1850 schrieb er dann noch die Scene mit den grauen

Weibern, sowie Fausts Tod hinzu; die Ouvertüre, wohl der schwächste

Teil des Werkes, ist erst 1853 entstanden, aus dem Bedürfnis, das

Ganze abzurunden und auf die verschiedenen Stimmungen wenigstens

einigermaßen vorzubereiten. Mittlerweile hatte Ferdinand Hiller seine

Konzertdirektorstelle in Düsseldorf aufgegeben und sollte die Leitung

des Kölnischen Konservatoriums übernehmen. Bei seinem Abgange schlug

er zu seinem Nachfolger Schumann vor, von dem er wußte, daß er sich,

erfolglos freilich, in Wien, Berlin und Leipzig um ein ähnliches Amt

beworben habe. Der Meister zögerte lange, sich von der lieben Heimat

zu trennen; denn erstens standen daselbst mehrere, für ihn sehr

wichtige Aufführungen seiner Peri und Genoveva bevor, dann gab Klara

mit Konzertmeister Schubert in Dresden stark besuchte Soireen und

schließlich schien Aussicht vorhanden, durch Vermittlung einflußreicher

Freunde zum Kapellmeister an des flüchtigen Wagner statt ernannt zu

werden. Während nun die ganze Angelegenheit in der Schwebe hing,

begab sich Schumann mit seiner Frau auf Kunstreisen über Leipzig nach

Hamburg, wo er mit Jenny Lind bekannt wurde und an ihr eine begeisterte

Interpretin seiner Lieder fand. Der berühmten Sängerin ist -- zum Dank

für ihre Mitwirkung bei zwei Konzerten Klaras -- das Liederheft _op._

89 gewidmet.

Nach Dresden zurückgekehrt, vernahm er, daß die Stelle am Hoftheater

schon durch einen anderen, C. Krebs, besetzt sei; man mochte in

maßgebenden Kreisen an der „revolutionären“ Gesinnung des großen

Künstlers Anstoß genommen haben. Denn in politischer Hinsicht stimmte

er mit Wagner so ziemlich überein und machte kein Hehl aus dieser

seiner Denkungsweise. Bei einem Spaziergange mit dem bekannten

Litteraten Graf Baudissin suchte ihm der letztere zu beweisen, daß die

konstitutionelle Monarchie allen übrigen Regierungssystemen vorzuziehen

sei. Schumann hörte scheinbar aufmerksam zu, die Auseinandersetzungen

zeitweise mit einem billigenden Kopfnicken begleitend. Doch mußte

er wohl in die Fortspinnung irgend eines musikalischen Gedankens

verloren gewesen sein, denn als ihn Baudissin frug, ob er ihn nun

zu seiner Ansicht bekehrt habe, antwortete Schumann: „Die Republik

bleibt doch die beste Staatsform!“ Seine Märsche (_op._ 76) wurden von

Vertrauten sogar „Barrikadenmärsche“ genannt, obwohl ihm, bei seinem

zurückgezogenen Wesen, nichts ferner lag, als etwa persönlich auf

den Barrikaden eine Rolle zu spielen. Genug, er sah sich in seinen

Hoffnungen getäuscht und entschloß sich nunmehr rasch zur Übersiedelung

ins niederrheinische Land. Komponiert hat er im Laufe des Jahres 1850

bis zu diesem Zeitpunkte (Anfang Oktober) bloß ein Chorwerk (_op._

144) und mehrere Lieder (_op._ 83, 89, 90 sowie einige aus _op._ 77,

96, 127). Ein seltsamer Zufall fügte es, daß Schumann den Lenauschen

Gedichten in _op._ 90 ein altes Requiemslied angehängt, als die

Nachricht vom Ende des unglücklichen Dichters eintraf. Er hatte ihm,

ohne es zu wissen, das Totenlied gesungen; und wenige Jahre später

sollte er selbst der furchtbaren Krankheit erliegen, welche jenen, ihm

nahverwandten Geist so früh zerrüttete und zerstörte.

[6] Du Geist der Wolke, trüb und schwer,

Fliegst drohend über Land und Meer.

Dein grauer Schleier deckt im Nu

Des Himmels klares Auge zu.

Dein Nebel wallt herauf von fern

Und Nacht verhüllt der Liebe Stern:

Du Geist der Wolke, trüb und feucht,

Was hast du all mein Glück verscheucht,

Was rufst du Thränen ins Gesicht

Und Schatten in der Seele Licht?

O wende, wende deinen Lauf

Im Thale blüht der Frühling auf!

[7] Das Programm enthielt u. a.: 29. Jänner. Klavierstücke von Bach,

Skarlatti, Mendelssohn, Chopin; sechs Lieder und das

Klavierquintett von Schumann. 2. Februar. Leonorenouvertüre

(Nr. 3, C-Dur); Lieder von Speyer, Klavierstücke von Klara, von

Henselt und Liszt. -- Kanon und Klavierkonzert von Schumann.

7. Letzte Lebensjahre.

Und der letzte Schritt auf Erden

Macht den letzten Fehler gut.

+Grillparzer.+

„Ich suchte in einer alten Geographie nach Notizen über Düsseldorf und

fand da unter den Merkwürdigkeiten angeführt: drei Nonnenklöster und

eine Irrenanstalt. Die ersteren lasse ich mir gefallen allenfalls,

aber das letztere war mir unangenehm zu lesen. Ich will dir sagen,

wie das zusammenhängt. Vor einigen Jahren wohnten wir in Maxen, da

entdeckte ich denn, daß die Hauptansicht aus meinem Fenster nach dem

Sonnenstein[8] zuging. Dieser Anblick wurde mir zuletzt ganz fatal; ja,

er verleidete mir den Aufenthalt. So, dachte ich denn, könne es auch in

Düsseldorf sein. Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken

der Art in acht nehmen.“

Ahnte der arme Meister, als er diese Zeilen an Hiller schrieb, das ihm

drohende Verhängnis? Stieg das düstere Bild der Zukunft schreckhaft vor

seiner Seele auf? Fast scheint es so. Denn er mußte doch zuweilen die

allmähliche Ermattung seines Geistes fühlen, fühlen, wie die Phantasie,

ja zuletzt die klare Denkkraft ihn verließ; o furchtbare Erkenntnis!

Aber immer wieder, als sei er einem Fluche verfallen, trieb ihn der

unselige Ehrgeiz und alte Gewohnheit zu neuem Schaffen an, zermarterte

er sein müdes, brennendes Hirn und beschleunigte so seinen Untergang.

Als er im besten Mannesalter, im sechsundvierzigsten Lebensjahre starb,

da hatte die deutsche Kunst keinen wertvollen Entgang mehr zu beklagen,

es war ein völlig Erschöpfter, den sie zur ewigen, wohlverdienten Ruhe

in die Grube senkten.

Zu Anfang der Düsseldorfer Periode hätte das allerdings niemand

vermuten können. Der neue Wirkungskreis, die Ortsveränderung, die

reizvolle Gegend und der ehrenvolle Empfang -- alles das übte zunächst

einen belebenden Einfluß auf Schumann aus. Man merkt es an den sogleich

nach der Ankunft begonnenen Kompositionen, dem +Cellokonzert+ (_op._

129) und besonders an der fünften, der „rheinischen“ Symphonie Es-Dur

(_op._ 97), welche den symphonischen Stil in mancher Hinsicht besser

trifft als ihre älteren Schwestern, wohl darum, weil sich Schumann

diesmal sein Ziel nicht so hoch gesteckt hatte. Frische musikalische

„Bilder des Lebens am Rheine“ ziehen an uns vorüber und der vierte

Satz, der „im Charakter einer feierlichen Ceremonie“ gehalten werden

soll, weist sogar auf eine bestimmte Begebenheit, die Erhebung

des Erzbischofs von Köln (Geissel) zum Kardinal, welcher Schumann

beigewohnt hatte.

Mit der neuen Stellung war er sehr zufrieden, obwohl ihm zum Dirigenten

viele wichtige Eigenschaften fehlten: die körperliche Geübtheit, die

Geistesgegenwart und vor allem die so notwendige Mitteilungsgabe.

Belehrungen über die Vortragsweise erwartete man von ihm vergebens,

sondern er ließ das Stück durchspielen und wenn es noch nicht ging,

wiederholen. Oft sagte er seinen Musikern, er habe sich dies oder

jenes ganz anders gedacht, ohne sie über die eigentümliche Art seiner

Auffassung weiter aufklären zu können. Zum Glück war das Düsseldorfer

Orchester durch Hiller, Rietz und Mendelssohn so weit geschult, daß

die Unzulänglichkeit Schumanns, den man auf den Händen trug, dem

Publikum nicht weiter bekannt wurde. Nebst den Abonnementskonzerten

hatte er nur noch die wöchentlichen Übungen des Singvereines und die an

gewissen Festtagen stattfindenden Musikaufführungen in der katholischen

Kirche zu leiten, so daß ihm genug freie Zeit übrig blieb, um seinen

eigenen Studien nachzugehen. Im Sommer war er gar nicht beschäftigt.

Er benützte die Konzertferien zu kleineren oder größeren Ausflügen,

reiste zum Beispiel im Juli 1851 in die Schweiz und im August dieses

Jahres zum Musikfeste nach Antwerpen, wo er zum Schiedsrichter beim

Wettsingen gewählt worden war. Sonst verfloß sein Leben in Düsseldorf

zumeist recht einförmig. Um zwölf Uhr mittags ging er mit Klara und

irgend einem Bekannten spazieren, von sechs bis acht besuchte er ein

Gasthaus, um Zeitungen zu lesen und ein Glas Bier zu trinken -- die

übrigen Stunden des Tages waren der Arbeit gewidmet. Da saß er in

seinem traulichen, langgestreckten, mit Bücher- und Musikalienschränken

verstellten Zimmer am Flügel und komponierte.

Schumann · 第 5 / 8 段