Zwanzig Jahr

Wurden’s, da hört ich hier und dar

Der Vogelschar

Einen, der klar

Pfiff einen Ton, der dorther war.

Und nun gar

Kommt im einundzwanzigsten Jahr

Ein Vogelpaar,

Macht erst mir klar,

Daß nicht ein Ton verloren war.

Meine Lieder

Singt ihr wieder,

Mein Empfinden

Klingt ihr wieder,

Mein Gefühl

Beschwingt ihr wieder,

Meinen Frühling

Bringt ihr wieder;

Mich, wie schön

Verjüngt ihr wieder;

Nehmt meinen Dank, wenn auch die Welt

Wie mir einst, ihren vorenthält.

Heutzutage ist ganz Deutschland über den Wert der Schumannschen Lieder,

dieser echten Kinder des Frühlings und des Glückes einig geworden und

schätzt sie als Perlen musikalischer Lyrik, von welchen ihr Schöpfer

mit Recht behaupten durfte: „Ich getraue mir nicht mehr leisten zu

können und bin auch zufrieden damit.“ Jawohl, zufrieden!

[3] Enthält Gedichte verschiedener Poeten: Byron, Moore, Burns,

Rückert, Heine, Mosen und Goethe.

[4] Aus der Tonwelt. (Essays, Berlin 1882, 2. Aufl.) R. Schumann und

seine Schule, S. 221 ff.

[5] Von Schumanns Wertschätzung Löwes giebt die folgende Stelle aus

einem Aufsatz im Leipziger Tageblatt (1835) ein schönes Zeugnis:

„Sollten wir irgend einen lebenden Komponisten anführen, der

vom Beginne seiner künstlerischen Laufbahn bis zum jetzigen

Augenblicke deutschen Geist und deutsches Gemüt beurkundet und es

im Zartesten wie im Wildesten, in der Sprache der ersten Liebe,

wie im Ausbruche des tiefsten Zornes ausgesprochen hätte, so

müßten wir Löwe nennen.“

6. Wollen und Wagen.

Wir sahen, wie der bittere Kampf um Klara die herrlichen Kräfte des

Schumannschen Genius zur Entfaltung brachte; jetzt betrachten wir auch

die Wunden, die er davontrug, Wunden, die nie wieder verharschten, aus

denen langsam sein edelstes Herzblut verrann, bis die Nacht des Todes

den völlig Erschöpften in ihre Arme schloß und von qualvollem Siechtum

erlöste. Zu diesem Behufe muß aber noch einmal auf jene Zeit des

Ringens zurückgegangen werden.

Seit der zweiten Werbung um seine Tochter hatte Vater Wieck einen

tiefen Ingrimm gegen den aufdringlichen Schwiegersohn gefaßt und keine

Gelegenheit versäumt, Robert, insbesondere aber dessen künstlerisches

Schaffen, herabzusetzen und diese Äußerungen kamen dem Betroffenen alle

zu Ohren. Er schalt ihn phlegmatisch („Fismollsonate und phlegmatisch!

Liebe zu einem solchen Mädchen und phlegmatisch!“ bemerkt Schumann

dazu), spottete, daß seine Kompositionen niemand kaufe und fragte

höhnisch, wo denn sein Freischütz und sein Don Juan wären? Solche

Reden stachelten in Robert den vom Vater überkommenen Ehrgeiz auf.

„Mir ist immer,“ schreibt er (1840), „als hätte ich doch, z. B. gegen

Mendelssohn noch nicht genug auf der Welt geleistet und das drängt und

peinigt mich manchmal.“ (Vgl. damit S. 37.) Auch der Einfluß seines

Zeitalters, des jungen Europa, dessen Geistesprodukte insgesamt mehr

dem Streben nach öffentlicher Auszeichnung als wahrem Schaffensdrang

ihr Entstehen verdanken, darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam

jetzt gar seine Stellung als Gatte, später auch als Vater, so daß

eine Reihe von Umständen zusammentraf, die Schumann veranlaßten, das

Feld seiner künstlerischen Thätigkeit zu erweitern. „+Sonst+“, lautet

charakteristisch genug sein Bekenntnis, „galt mir gleich, ob man sich

um mich bekümmere oder nicht. Hat man Frau und Kinder, so wird das ganz

anders. Man muß ja an die Zukunft denken, man will auch die Früchte

seiner Arbeit sehen, nicht die künstlerischen, sondern die prosaischen,

die zum Leben gehören und diese bringt und vermehrt nur der +größere

Ruf+.“ „Wenden Sie sich,“ rät er Koßmaly, „ganz zur größeren

Orchestermusik, das macht Namen und flößt den Verlegern Respekt ein.

Schreiben Sie größere Stücke: Symphonien, Opern. Mit Kleinem ist schwer

durchdringen.“

Gerade in diesem „Kleinen“ aber war Schumann groß. Er war Genremaler

in der Musik, wie sein geliebter Jean Paul es in der Poesie gewesen.

In knappen Formen, auf engem Raume Vieles und Bedeutendes zu sagen,

darin bestand seine eigentümliche Meisterschaft. Doch das schien ihm

jetzt allzu gering: der Gatte der ruhmbedeckten Klara mußte „Größeres“

zu Werke bringen! Hatte er einst mit einem Citat aus Wilhelm Meister

die deutschen Künstler gewarnt, das Bette ihres Talentes nicht

zu überschreiten, so verkündete er jetzt mit lauter Stimme: das

unterscheide eben die deutschen Musiker von Italienern und Franzosen,

das habe sie groß gemacht, daß sie in allen Gattungen sich versuchten.

„Wenn wir daher,“ fährt er fort, „einige Pariser Opernkomponisten große

Künstler genannt finden, so möchten wir erst fragen: wo sind denn

eure Symphonien, eure Quartette, eure Psalmen u. s. w.?“ In dieser

Meinung begann er denn auch alle möglichen Gattungen zu kultivieren,

Symphonien, Quartette, Oratorien, Opern u. s. w. -- all einerlei.

Daß ihm der erste Versuch das Feld seiner Künstlerschaft zu verlassen,

die Liederkomposition, so überraschend gelungen war, trug wohl dazu

bei, Schumann über den Umfang seiner Begabung zu täuschen. Allein in

Wirklichkeit hatte er mit diesem ersten Versuche die ihm gesteckten

Grenzen noch gar nicht überschritten. Schumann war eine eminent

+lyrische Natur+, das wird gerade an seinen Liedern klar, in denen er

vor allem die entsprechende Stimmung wiedergiebt, während Schubert

mehr auf dramatischen Aufbau bedacht ist. In früherer Zeit hatte er

das selbst wohl eingesehen; jetzt lenkte er, vom Ehrenwahn geblendet,

ab von dem lauschigen Waldpfad, auf den die Natur ihn gewiesen, zur

sonnigen, breiten, symphonischen Heerstraße.

Nun wär’s von vornherein nicht anzunehmen, daß ein bedeutender Geist,

auch wenn er sich auf einem seiner natürlichen Anlage fern liegenden

Gebiete hervorthun will, bloß Unbedeutendes producieren werde. Allein

bald mehr, bald minder bemerkt man doch die Forcierung des Talentes,

welche da und dort zu schwülstigen Übertreibungen führen muß, während

wieder viele Stellen hinter den Anforderungen der betreffenden

Kunstform zurückbleiben. Die nächste Folge davon ist Ungleichheit des

Werkes; neben Partien von großem Kunstwert stehen dann unmittelbar

solche, die sich aus tändelnden, unebenbürtigen Themen zusammensetzen,

was die richtige Beurteilung des Ganzen überaus erschwert. Wo aber

können wir das deutlicher wahrnehmen als an Schumanns Symphonien, mit

denen er 1841 die zweite Periode seines Schaffens eröffnet hat?

Die große „Frühlingssymphonie“ (_B_-Dur, _op._ 38) entstand unter

dem Eindrucke eines Böttgerschen Gedichtes[6] in wenigen Tagen.

Schumann war damals im Vollbesitze seiner schöpferischen Kraft und,

wie im ersten Anlauf vieles gelingt, so ist gleich der erste Satz gar

herrlich ausgefallen: ein blühendes Tonstück, welches den Gedanken

„Im Thale geht der Frühling auf“ illustriert. „Gleich den ersten

Trompeteneinsatz“, schreibt Schumann darüber, „möcht’ ich, daß er

wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen -- in das Folgende

könnte ich dann hineinlegen, wie es überall zu grüneln anfängt, wohl

gar ein Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt,

was zum Frühling etwa gehört.“ Geringeres Interesse erregt die bald

darauf verfaßte Orchestersuite: Ouvertüre, Scherzo, Finale (_op._ 52)

und auch die zweite +Symphonie+ _D-moll_ (erschienen 1853 als _op._

Nr. IV, _op._ 120) steht trotz mancher Schönheiten im einzelnen nicht

so hoch, ist aber bei weitem einheitlicher gestaltet. Im Vergleich zu

den früheren Kompositionen fällt namentlich die formale Rundung, die

besonnene Zügelung der Phantasie auf, welche wir sicherlich seiner

Rivalität mit Mendelssohn zuzuschreiben haben; denn Mendelssohn übte

auf seinen Freund eine seltsame, magische Anziehung aus, der die

grundverschiedene Individualität desselben nur mühsam widerstand;

wie denn Schumann in Momenten, wo ihn die eigene schöpferische Kraft

verläßt, fast immer in Mendelssohnsche Phrasen zu verfallen pflegt. Die

Schnelligkeit, mit welcher er den ihm fremden Orchestersatz bewältigen

lernte, verdient übrigens rückhaltlose Bewunderung; volle Meisterschaft

darin zu erwerben, blieb ihm freilich versagt, ja, man merkt diesen

Symphonien an, daß sie am Klaviere ersonnen und erst nachträglich

instrumentiert worden sind.

Im folgenden Jahre (1842) warf sich Schumann ganz ausschließlich

auf die Kammermusik, offenbar durch die in seinem Hause häufig

stattfindenden Quartettmatineen veranlaßt. Die Chancen waren für

ihn hier zum Teile minder günstig, insofern als dieses Genre noch

innigere Vertrautheit mit dem Charakter der einzelnen Instrumente

erfordert. Zum Teile freilich wieder besser: denn während die für den

öffentlichen Konzertsaal berechnete, in großen Zügen zu entwerfende

Symphonie seiner nach innen gekehrten Natur nicht entsprach, war

ihm der Kammermusikstil, welcher feinere Ausführung in den Details

und kontemplatives Einspinnen in gewisse Figuren verträgt, weitaus

homogener. Man sehe nur seine +Streichquartette+ (_op._ 41) an,

besonders das dritte in _A_-Dur. Kann er gar auch das Klavier zur

Mitwirkung herbeiziehen, so entstehen so prachtvolle Werke wie das

+Klavierquintett+ (_op._ 44), das wohl das hervorragendste seiner

Gattung seit Beethoven genannt werden darf. Welche kontrapunktistische

Kunst steckt in dem Schlußsatz! Von einer Klavier+begleitung+ kann

eigentlich keine Rede sein, denn das Klavier wird ebenso wie die

Viola von Schumann stets konzertierend behandelt. An Kunstwert kommt

dieser Schöpfung das +Klavierquartett+ (_op._ 47) sehr nahe: ein Trio,

betitelt +Phantasiestücke für Pianoforte, Violine und Violoncell+

(_op._ 88) ist minder bedeutend; seine schönsten Trios (_D-moll_ und

_F-dur_) schrieb Schumann erst vier Jahre später.

Schon im nächsten Winter sehen wir den unermüdlichen Meister auf wieder

anderem Gebiete thätig. Nachdem er mit einem melodiösen +Andante und

Variationen+ für zwei Klaviere (_op._ 46) längst verlassene Bahnen

für ein Weilchen neuerdings betreten, unternimmt er die Komposition

eines groß angelegten Chorwerkes (_op._ 50), welchem Moores Poem

„Das Paradies und die Peri“ zu Grunde liegt. Die deutsche Bearbeitung

rührt von Schumanns Jugendfreund Flechsig her, einzelne Stücke, und

zwar den Chor der Nilgenien, der Houris, das Quartett „Peri, ist’s

wahr“, das Solo „Verstoßen“, „Gesunken war der goldne Ball“ sowie

den Schlußchor dichtete er selbst hinzu. Dann ging es mit heller

Begeisterung an die Komposition des hochpoetischen Werkes, dessen

Inhalt im Folgenden kurz skizziert sei: Eine Peri -- mit diesem Namen

belegt der orientalische Mythus feenartige, eines Vergehens halber

aus der Oberwelt verstoßene Luftgeister -- eine solche Peri sehnt

sich heiß nach ihrer seligen Heimat zurück; und, da sie trauernd am

Eingang des Paradieses steht, wird ihr durch Engelsmund in rätselhaften

Worten Rückkehr verheißen, wenn sie „des Himmels liebste Gabe“ zu den

heiligen Pforten bringe. Jene zu suchen, durchwandert sie Indiens

Blumenhügel und die Wüsten des Nillandes, aber weder die letzten

Blutstropfen eines im heldenmütigen Kampfe gegen den Unterdrücker

gefallenen Jünglings, noch der letzte Seufzer einer Braut, die zu ihrem

von der Pest ergriffenen Geliebten herbeigeeilt, treu an seiner Seite

stirbt, vermögen der Peri Entsühnung zu erwirken. Zum drittenmale

schwebt sie auf neue Suche hernieder, diesmal über Syriens Fluren. Es

ist Abend. Ein Kind spielt harmlos unter Blumen, während unweit davon

ein alter Räuber sein Pferd am Brunnen tränkt. Vom Minaret ertönt der

Vesperruf der Muezzin und andächtig faltet das Kind die Händchen zum

Gebete. Das sieht der wilde Reitersmann. Die Erinnerung an die eigene

unschuldsvolle Kinderzeit übermannt ihn -- er weint. Seine Reuethränen

aber trägt die Peri empor und -- die Pforte des Paradieses springt

auf. Nicht was Menschen für das höchste Opfer halten, die Hingabe des

Lebens, dem Vaterlande oder der Liebe dargebracht, gilt also auch

dem Himmel als die wertvollste Gabe: die Thräne des reuigen Sünders,

die Erneuerung des eigenen Ich ist das Höchste und Größte in den

Augen des Ewigen. Und das Finden dieser Thräne, d. h. die Erkenntnis

jener Wahrheit öffnet der Peri den Himmel. Dies ist die durchaus

christliche Idee der allegorischen Dichtung, die sich, zumal ihr das

farbenprächtige, morgenländische Gewand einen bestrickenden Zauber

giebt, für die musikalische Darstellung, wie kaum eine andere, dankbar

erweist. (Reimann.) Schumanns Kunst feiert denn auch an diesem Stoffe

wahre Triumphe und selbst wer das fatale Genre („Weltliches Oratorium“)

zu verdammen geneigt ist, muß die außerordentlichen lyrischen

Schönheiten, die einander in langer Kette folgen, anerkennen. Schade

nur, daß die einzelnen Stücke, namentlich im letzten Drittel, zu wenig

kontrastieren, wodurch der Hörer bei der Ausführung schließlich ermüdet

wird. Schumann selber schreibt, eine innere Stimme habe ihm während der

Komposition zugerufen: dies ist nicht vergeblich, was du thust.

Sein äußeres Leben verlief inzwischen ziemlich einförmig; nur in die

Zeit der „Peri“ fallen zwei erwähnenswerte Ereignisse. Im April 1843

wurde er nämlich durch Mendelssohn an das neugegründete Leipziger

Konservatorium als Lehrer der Komposition berufen und bald darauf

fand auch eine Versöhnung mit dem Schwiegervater Wieck statt, welche

ihm um Klaras willen lieb sein mußte. Seine Lehrthätigkeit ist ohne

sonderliche Erfolge geblieben, dazu fehlte ihm vor allem die nötige

Beredsamkeit. Gewöhnlich setzte er sich mit der Arbeit eines Schülers

an den Flügel, las sie, und wenn ihm etwas mißfiel, so griff er es

auf dem Klaviere, wobei er jenen nur mit einem mißbilligenden Blicke

ansah. Der positive Gewinn, den man aus seinen spärlichen Bemerkungen

davontrug, war gering. In jenen Kämpfen um Klara hatte nicht nur sein

künstlerisches Streben eine andere Richtung genommen, auch mit seinem

äußeren Wesen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Er mied

je länger, je mehr größere Gesellschaft und zeigte sich selbst im

Verkehr mit seinen besten Freunden wortkarg. Henriette Voigt erzählt,

daß sie manchmal mit ihm an schönen Sommerabenden eine Wasserfahrt

gemacht habe. Da wären sie denn eine Stunde schweigend nebeneinander

im Kahn gesessen. Bei der Trennung aber habe ihr Schumann die Hand

gedrückt und nur gesagt: „Heute haben wir uns recht verstanden.“ Etwas

Ähnliches weiß Brendel zu berichten: „Schumann hatte einen vorzüglichen

Markobrunner in Gohlis entdeckt und forderte mich auf, ihn dorthin zu

begleiten. In glühender Hitze pilgerten wir selbander, ohne ein Wort

zu sprechen, durch das Rosenthal, und draußen angekommen, war diesmal

in der That der Markobrunner die Hauptsache. Es war kein Wort aus

ihm herauszubringen und so ging es auch auf dem Rückwege. Nur eine

Bemerkung machte er, die mir zugleich einen Blick in das gestattete,

was ihn erfüllte. Er sprach über die eigentümliche Schönheit eines

solchen Sommermittags, wo alle Stimmen schweigen, vollkommene Ruhe in

der Natur herrscht. Er war versunken in diesen Eindruck und bemerkte

bloß, daß die Alten ihn mit dem Ausdruck „Pan schläft“ treffend

bezeichnet hätten. In solchen Momenten nahm Schumann nur insoweit Notiz

von der Außenwelt, als sie zufällig in seine Träume hineinspielte.

Gesellschaft war für ihn dann nur da, um ihn des Gefühls des

Alleinseins zu entheben.“

Zu Anfang des Jahres 1844 begleitete Robert seine Frau auf einer

Konzertreise nach Rußland, welche er ihr schon vor der Hochzeit hatte

versprechen müssen. Überall, in Mitau, Riga, Petersburg, Moskau, ward

die Künstlerin enthusiastisch aufgenommen und auch ihr Gatte erwarb

seiner Musik zahlreiche Freunde, z. B. die Grafen Wielhorsky, in deren

Palais seine _B_-Dursymphonie und seine Quartette zur Aufführung kamen.

Nach den Anstrengungen der letzten Zeit mußte die Arbeitspause und der

Wechsel der Umgebung höchst wohlthätig auf ihn einwirken; allein kaum

zurückgekehrt, machte er sich schon wieder an einen grandiosen Plan,

die Komposition des Goetheschen +Faust+ und schrieb mit Aufgebot aller

Kraft den größeren Teil der gewaltigen Schlußscene: dann erfolgte --

im Herbste -- naturgemäß der Rückschlag. Ein nervöses Leiden stellte

sich ein, finstere Dämonen beherrschten ihn, so daß der Arzt auf das

dringendste Enthaltung von jeder geistigen Arbeit und Verlassen des

musikalisch allzu bewegten Leipzig anriet. Schumann übersiedelte nach

Dresden, anfangs mit der Absicht, daselbst nur für kurze Zeit zu

verweilen; doch entschloß er sich später, diese Stadt zum dauernden

Aufenthaltsorte zu erwählen. Die Redaktion der Zeitschrift, welche er

seit seiner Verheiratung als drückende Last empfunden, hatte er schon

vom 1. Juli des Jahres an seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter

Oswald Lorenz abgegeben; später, im Januar 1845, verkaufte er sie an

Franz Brendel. „Ich habe was in meinen Kräften stand gethan, die besten

Talente meiner Zeit zu fördern,“ sagte er zu ihm bei der Übergabe.

„Fahren Sie darin fort!“ Wirklich ist die „Neue Zeitschrift“ stets

eine eifrige Verfechterin des Kunstfortschrittes geblieben und hat

namentlich zur richtigen Würdigung der „neudeutschen Schule“ sehr viel

beigetragen.

Allmählich besserte sich der leidende Zustand des Meisters. Im nächsten

Frühling war er glücklicherweise so weit hergestellt, daß er wieder

an musikalische Thätigkeit denken durfte, wobei er sich zur Vorsicht

einstweilen auf kontrapunktistische Studien beschränkte, weil dieselben

mehr den Verstand als seine überreizte Phantasie in Anspruch nahmen. So

entstanden damals die +Studien und Skizzen für den Pedalflügel+ (_op._

56, 58). Vier Fugen für das Pianoforte (_op._ 72) und sechs +Orgelfugen

über den Namen Bach+ (_op._ 60), wahre Prunkstücke kontrapunktistischer

Kunst, schöne Früchte seiner täglichen Beschäftigung mit den

Werken des großen Thomaskantors, welcher er seit jenem, so bald

abgebrochenen Unterrichtskursus bei Dorn immer eifriger obgelegen.

„Bachen ist nach meiner Überzeugung überhaupt nicht beizukommen; er

ist inkommensurabel,“ schreibt er einmal einem Freunde und gesteht,

daß ihn die armseligen, musikalischen Erzeugnisse um ihn her förmlich

misanthropisch machen. „Da rette ich mich immer in Bach und das giebt

wieder Lust und Kraft zum Wirken und Leben.“

Darnach wandte sich sein neubelebter Mut wieder den freieren

Kunstformen zu. Das hochbedeutende +Klavierkonzert+ _A-moll_ (_op._

54) wurde vollendet und eine dritte +Symphonie+ _C_-Dur (_op._ 61) in

Angriff genommen. Die Gesellschaft einiger Freunde (Ferdinand Hiller,

Auerbach, Bendemann, Reinick, Rietschel, Hübner), welche sich zweimal

wöchentlich im „alten Postgebäude“ beim Biertisch zu versammeln

pflegte, suchte er jetzt häufiger auf. Daß sich zu dem Komponisten des

Tannhäuser, der dort ebenfalls verkehrte und dessen Ruf ganz Dresden

erfüllte, kein näheres Verhältnis herausgebildet hat, wird man bei der

Verschiedenheit der Charaktere begreiflich finden. „Schumann ist ein

hochbegabter Musiker,“ erzählt Wagner, „aber ein unmöglicher Mensch.

Als ich von Paris kam, besuchte ich ihn, sprach von den französischen

Musikzuständen, dann von den deutschen, sprach von Litteratur und

Politik -- er aber blieb so gut wie stumm, fast eine Stunde lang. Ja,

man kann doch nicht immer +allein+ reden! Ein unmöglicher Mensch!“

Schumanns Urteil hingegen lautete, Wagner sei zwar sehr unterrichtet

und geistreich (-- „ein geistreicher Kerl voll toller Einfälle“ --),

rede aber unaufhörlich und das könne man doch auf die Länge nicht

aushalten.

Über den „Tannhäuser“ selbst äußerte sich Schumann nach der Durchsicht

der ihm von Wagner geschenkten Partitur gegen Mendelssohn ziemlich

wegwerfend: um kein Haar breit besser als Rienzi, eher matter,

forcierter. Allein schon ein paar Wochen später erklärt er, manches

zurücknehmen zu müssen, denn „von der Bühne herab sieht sich alles ganz

anders an. Ich bin von vielem ganz ergriffen gewesen... Tannhäuser

enthält Tiefes, Originelles, überhaupt hundertmal Besseres als seine

früheren Opern. In Summa, er kann der Bühne von großer Bedeutung

werden. Das Technische, die Instrumentierung finde ich ausgezeichnet,

ohne Vergleich meisterhafter gegen früher.“ Solch anerkennende

Beurteilung ist Wagner damals noch selten zu teil geworden.

Schumann · 第 4 / 8 段