Jene geben sich, wie ja die Überschrift sagt, als Schöpfungen

des berühmten romantischen Musikus Kreisler, mit welchem sich

Schumann hier identifiziert. Man kennt diese originelle Gestalt

T. A. Hoffmanns, deren excentrisches Wesen und Gebaren durch

atemversetzende Synkopenketten sehr zutreffend charakterisiert wird,

aus „Kater Murr“ (Universal-Bibliothek Nr. 153-156). Von einer neuen,

überaus liebenswürdigen Seite zeigt sich Schumanns Genius in den

„Kinderscenen“. Mit welcher Feinheit, bemerkt Liszt, läßt er die

verschiedensten Jugendeindrücke aufeinander folgen! Wie harmonisch

verteilt er Licht und Schatten im Fortschreiten von Begebenheiten im

äußeren Leben des Kindes zur Schilderung seiner Innerlichkeit! Und --

um nur bei einem allgemein bekannten Werk einen Augenblick zu verweilen

-- wie glücklich ist die Aufeinanderfolge der Stücke! Glaubt man doch

bei der Erzählung „von fremden Ländern und Menschen“ die aufhorchenden

blonden Kinderköpfchen starr nach dem Munde des Erzählers gerichtet

zu sehen, bis die „kuriose Geschichte“ ihre erregte Phantasie wieder

in das umgebende Leben zurückführt, wo dann mit dem „Haschemann“ der

Übergang zum Tummeln und Spielen gemacht wird. Da ist aber ein Kind,

dessen Gedanken schon in die Ferne, nach dem Unmöglichen schweifen,

das Freude auf Freude, Spiel auf Spiel häufen möchte. Dem bittenden

Kinde antwortet man mit weisem, sanftem Vorwurf: „Glückes genug.“ So

müssen die kaum sich entfaltenden Seelen schon das schwere Wort von

der irdischen Unzulänglichkeit begreifen lernen. Doch dem innigen

Sittenspruch folgt eine „wichtige Begebenheit“. Da wenden sich die

jungen Gemüter von dem Betrübtsein, das selbst der leiseste Vorwurf

ihnen bringt, zu den wechselnden Vorfällen der Wirklichkeit, in denen

wieder für einige der Hauptreiz darin liegt, daß sie zu schwärmerischem

Nachsinnen, zu „Träumereien“ führen, denen man nirgends besser als „am

Kamin“ nachhängen kann. Dort beginnen wieder wunderbare Geschichten

voll merkwürdiger Ereignisse, wie der „Ritter vom Steckenpferd“

oder voll Grausens, wenn sie „fast zu ernst“ werden oder „fürchten

machen“. Nun aber senkt sich das friedlichste und liebenswürdigste

der Gespenster, der Sandmann, über die von wirren Bildern des Tages

ermüdeten Augen des „einschlummernden Kindes“ und „der Dichter

spricht.“ Er spricht zu den Ruhenden und giebt seinen Segen all

den kleinen Ereignissen des Tages, deren Bedeutung sein denkender

Geist erhöht; denn im symbolischen Spiegel zeigen sie die großen

Begebenheiten des reiferen Lebens, wie sie oft in derselben Folge von

denselben Eindrücken angeregt erscheinen.

Anfang Oktober 1838 reiste Schumann, nachdem an seiner Statt Oswald

Lorenz die Leitung der Redaktionsgeschäfte übernommen hatte, selbst

nach der Donaustadt, um sowohl mit den Behörden und Verlegern die

nötigen Unterhandlungen zu pflegen, als auch um das Publikum ein wenig

kennen zu lernen. Allein schon nach den ersten Tagen sah er sich in

seinen Hoffnungen gründlich getäuscht; der heilige Boden, auf welchem

die größten deutschen Tondichter einstens gewandelt, war jetzt der

Tummelplatz italienischen Opernklingklangs und ausgelassener Tanzmusik.

Man wird den künstlerischen Niedergang Wiens wohl am treffendsten

seit dem Falle der Euryanthe (Oktober 1823) datieren, da von diesem

Zeitpunkte an die Freunde deutscher Kunst, eingeschüchtert und

uneins den fanatischen Parteigängern Rossinis das Feld ganz und gar

überließen. Bald nach seiner Ankunft schon bekennt Schumann, „ich passe

nicht unter diesen Schlag Menschen; hinge es von mir ab, morgen ging

ich nach Leipzig zurück; die Zeitung verliert offenbar, wenn sie hier

erscheinen muß;“ ja, nicht einmal das Erscheinen des Blattes sollte er

durchsetzen können, da man ihm als Ausländer die Bedingung stellte, daß

ein österreichischer Verleger an die Spitze des Unternehmens trete, die

Wiener Buchhändlerfirmen aber davon nichts wissen wollten, weil sie

für ihren Strauß, Proch u. s. w. von der „revolutionären“ Zeitschrift

fürchteten. In den landesüblichen, lobhudelnden Recensententon mit

einzustimmen und dadurch in den Augen Norddeutschlands feige, matt

und verändert zu gelten, dazu war Schumann natürlicherweise nicht zu

bewegen. Von der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens völlig überzeugt,

kehrte er im Frühjahr 1839 schweren Herzens nach Sachsen zurück. So

ganz fruchtlos sollte übrigens der Wiener Aufenthalt für die Kunst

nicht gewesen sein, denn eine Anzahl reizender Klavierwerke ist damals

teils neu entstanden, teils vollends ausgeführt worden und zwar

folgende: +Scherzo, Gigue und Romanze+ (_op._ 32), +Arabeske+ (_op._

18), +Blumenstück+ (_op._ 19), +Humoreske+ (_op._ 20), +Nachtstücke+

(_op._ 23), +Faschingsschwank+ (_op._ 26). Von diesen erfordern nur die

beiden letztgenannten einige Bemerkungen. Im Faschingsschwank, der in

Wien erschienen ist, macht sich nämlich Schumann den Spaß, der hohen

Censur ein Schnippchen zu schlagen, indem er recht unschuldig mitten

unter allerlei Tanzmotiven plötzlich die in Wien streng verbotene

Marseillaise anklingen läßt. Die Nachtstücke hingegen sind darum

merkwürdig, weil sich in ihnen die ersten Spuren einer beginnenden

Gemütsverdüsterung zeigen. „Es kommt darin,“ schreibt er, „eine Stelle

vor, auf die ich immer zurückkomme; da ist, als seufzte jemand recht

aus schwerem Herzen: „Ach Gott.“ Ich sah bei der Komposition immer

Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen und als ich

lange nach einem Titel suchte, kam ich immer auf den: Leichenphantasie.

Beim Komponieren war ich auch oft so angegriffen, daß mir die Thränen

herankamen und wußte doch nicht warum. Da kam Theresens (seiner

Schwägerin) Brief und nun stand es klar vor mir. Bruder Eduard lag im

Sterben.“

Solche melancholische Stimmungen verflogen indessen rasch in dem

buntfarbigen, regsamen Wiener Leben. Auch an erhebenden Momenten fehlte

es nicht, wozu man den freundschaftlichen Verkehr mit Mozarts Sohne und

den Besuch der Grabstätten der großen Tonmeister zählen muß. Auf dem

Heimwege vom Währinger Kirchhof war’s, da fiel ihm ein, daß Schuberts

Bruder Ferdinand ja noch lebe. Er suchte denselben auf, durchwühlte

den Nachlaß des früh Verblichenen und entdeckte darin zu seiner

Freude die große C-Dursymphonie, welche sogleich an Mendelssohn zur

Aufführung übersendet wurde. Auch gelang es ihm, Breitkopf und Härtel

zur Drucklegung des bedeutenden Werkes zu bewegen. Ausführliches über

die denkwürdige Episode findet man im dritten Band seiner „Gesammelten

Werke“ (Universal-Bibliothek, Nr. 2621 u. 2622).

Nach Leipzig zurückgekehrt, widmete sich Schumann mit allen Kräften

der Zeitung, die ihn nach der langen Abwesenheit „wieder so jugendlich

anlachte“ wie in den Tagen ihrer Gründung. In richtiger Erkenntnis,

daß ihm nur die Vereinigung mit der Geliebten den zu freiem Schaffen

unentbehrlichen Seelenfrieden verleihen könne, hielt er sodann im

Sommer 1839 zum drittenmale bei Wieck um Klara an. Der alte Starrkopf

aber weigerte sich so hartnäckig, daß dem liebenden Paare kein

anderer Ausweg übrig blieb, als den Heiratskonsens gerichtlich zu

erzwingen. Wie peinlich mußte diese Notwendigkeit unseres Künstlers

stille, empfindsame Natur berühren, zumal da Wieck in seiner Wut alle

Haltung verlor und sich nicht scheute, eine Schmähschrift gegen den

Bräutigam seiner Tochter zu veröffentlichen! Komponiert wurde in dieser

aufgeregten Zeit nur wenig: +drei Romanzen für Klavier+ (_op._ 23).

Klara, die in bitterem Kampf zwischen Liebe und Kindespflicht für

Robert entschieden hatte, verließ jetzt den Vater und begab sich zu

ihrer Mutter, Wiecks erster geschiedener Gattin nach Berlin.

Der gerichtliche Entscheid, dessen Ausfall übrigens nicht zweifelhaft

sein konnte, ließ lange auf sich warten. Inzwischen kam das Jahr 1840,

zu dessen Beginne sich Schumann durch seinen Freund Keferstein an

der Universität Jena um den Doktortitel bewarb. Derselbe wurde ihm

auch wirklich in Anbetracht seiner künstlerischen, kritischen und

ästhetischen Thätigkeit _honoris causa_ verliehen. Bald darauf hatte

der neugebackene Doktor die Freude, seinen verständnisvollen Beurteiler

in der _Gazette musicale_ (vergl. S. 33), Liszt, der eben in Leipzig

konzertierte, von Angesicht kennen zu lernen. Der geniale König des

Klaviers machte auf Schumann einen tiefen Eindruck. „Liszt erscheint

mir alle Tage gewaltiger,“ schreibt er, „ich bin mit ihm fast den

ganzen Tag beisammen. Er sagte mir gestern, mir ist’s, als kennte ich

Sie schon zwanzig Jahre -- mir geht’s auch so. Wir sind schon recht

grob gegeneinander... Wie er doch außerordentlich spielt und kühn und

toll und wieder zart und duftig, daß wir alle zitterten und jubelten!“

Das waren ein paar schön verlebte Tage in dieser schmerzlichen Zeit des

Harrens und der Ungeduld.

Endlich, im Sommer, traf der ersehnte Heiratskonsens ein und nun stand

der ehelichen Verbindung der Vielgeprüften kein Hindernis mehr im Wege.

Am 12. September traute sie Pfarrer Wildenhahn, ein Schulkamerad

Roberts, in aller Stille in Schönefeld, einem Dorfe bei Leipzig.

Keine glücklichere, keine harmonischere Vereinigung -- sagt Liszt schön

und treffend -- war in der Kunstwelt denkbar als die des erfindenden

Mannes mit der ausführenden Gattin, des die Idee repräsentierenden

Komponisten mit der ihre Verwirklichung vertretenden Virtuosin. Robert

und Klara Schumann reihen sich in den Sagen der Kunst den glänzenden

Beispielen von dem schönen Walten der Natur ein, welche diese beiden

Künstler und Liebenden, die auf Erden nur in und durch sich glücklich

werden konnten, nicht durch Zeit und Raum trennte, sondern ihnen zu

günstiger Stunde in gemeinsamem Vaterlande das Leben gab, damit sie

sich begegnen, ihre Geschicke in einem Strome vereinigen, ihre Herzen

in ein Meer gemeinsamer, tiefer Anschauungen versenken konnten. Die

Annalen der Kunst werden beider Gedächtnis in keiner Beziehung trennen

und ihre Namen nicht vereinzelt nennen können, die Zukunft wird mit

+einem+ goldenen Schein beide Häupter umweben, über beiden Stirnen

nur +einen+ Stern erglänzen lassen, wie auch ein berühmter Bildner

(Rietschel) die Profile des unsterblichen Paares schon in einem

Medaillon vereinigt hat.

5. Die Lieder.

Lenzes Gebot, die süße Not,

Die legten’s ihm in die Brust,

Nun sang er, wie er mußt.

+Wagner.+

„Ich schreibe jetzt nur Gesangssachen, großes und kleines, auch

Männerquartette. Kaum kann ich Ihnen sagen, welcher Genuß es ist, für

die Stimmen zu schreiben, im Verhältnis zur Instrumentalkomposition

und wie das in mir wogt und tobt, wenn ich in der Arbeit sitze. Da

sind mir ganz neue Dinge aufgegangen,“ berichtet ein Brief vom 19.

Februar 1840 an Keferstein. Wirklich hat Schumann in diesem Jahre,

das man darum auch das „Liederjahr“ zu nennen pflegt, ausschließlich

Vokalwerke geschaffen, und zwar so schöne, so vollendete, daß

sie noch gegenwärtig als unübertroffene Muster dastehen und den

Gipfelpunkt der ganzen Kunstform in Deutschland bedeuten. Gleichwie

einst Beethoven im Schlußsatze der neunten Symphonie das Wort zu

Hilfe nehmen mußte, um jene Deutlichkeit des Ausdruckes zu erzielen,

welche der Instrumentalmusik allein versagt ist, so drängte, _si

licet parva componere magnis_, unseren Meister, nachdem er in seinen

scharf charakterisierenden Klavierstücken die äußerste Grenze rein

musikalischen Ausdrucksvermögens berührt hatte, die Kraft des

Empfindens, welche durch das reiche Liebesglück dieses Jahres zu

höchster Gewalt gesteigert worden war, am Ende auch zur menschlichen

Sprache hin. Der äußere Anlaß, der Schumann bewog, von dem bisher

kultivierten Felde der Klavierkomposition auf das vokale Gebiet

überzutreten, ist nicht recht bekannt. Noch im Sommer 1839 schrieb er

an Hirschbach: „Komponieren Sie doch mehr für Gesang, oder sind Sie

vielleicht wie ich, der ich Gesangskompositionen, so lange ich lebe,

unter die Instrumentalmusik gesetzt habe und nie für eine große Kunst

gehalten? Doch sagen Sie niemandem davon.“ Vielleicht hat der rege

Briefwechsel mit dem Liederkomponisten Koßmaly die erste Anregung

gegeben.

Damit wir Schumanns hohe Verdienste um das deutsche Lied nicht

unrichtig bemessen, dürfen wir bei ihrer Würdigung sein künstlerisches

Verhältnis zu Schubert nie aus dem Auge verlieren. Daß der Fortschritt

des Schöpfers der „Winterreise“ seinen Vorgängern gegenüber größer

sei, als der Fortschritt von ihm zu Schumann, wird kein Einsichtiger

bestreiten wollen. Auch entspringen manche Vorzüge des Schumannschen

Liedes nicht etwa einer -- in diesen Punkten wenigstens überlegenen

Begabung, als vielmehr äußeren, zufälligen Umständen. Nirgends

erwachte z. B. der Sinn für Sprachreinheit und Sprachrichtigkeit so

spät wie in Österreich. Nicht lange vor Mozarts Tode gestand der

österreichische Dichter Alxinger, daß er mit eiserner Geduld fast jedes

Wort in einem Lexikon nachschlagen müsse, ehe er es niederzuschreiben

wage und bewunderungswürdig erscheinen unter solchen Verhältnissen

die so häufigen Offenbarungen feineren Sprachgefühls bei ungebildeten

Musikern wie Mozart oder Schubert. Man darf nicht zweifeln, daß diese

Meister, durch irgend einen Zufall in frühester Kindheit aus der

Heimat etwa nach Sachsen verschlagen und daselbst an einem Gymnasium

erzogen, den Neueren an sorgfältiger Beachtung des Sprachaccentes und

an packender Wahrheit des Ausdrucks keineswegs nachstehen würden und

ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Gedichte. Schubert mußte

noch komponieren, was ihm gerade zu Händen kam; Schumann hingegen

vermochte, dank seinen ausgebreiteten litterarischen Kenntnissen frei

aus dem unerschöpflichen Born deutscher Lyrik zu wählen, was ihm der

Komposition würdig und fähig schien. „Weshalb nach mittelmäßigen

Gedichten greifen, was sich dann immer an der Musik rächen muß?

Einen Kranz von Musik um ein wahres Dichterhaupt schlingen -- nichts

Schöneres. Aber ihn an ein Alltagsgesicht verschwenden, wozu die

Mühe?“ Am häufigsten hat Schumann Rückert und Heine komponiert, welche

durch mehr als vierzig Stücke vertreten sind; dann folgen Goethe (24),

Eichendorff (22), Burns (19), Justinus Kerner (17), A. v. Chamisso

(14), E. Geibel, Elisabeth Kulmann, Hoffmann von Fallersleben (11),

Uhland, Robert Reinick (10), Nikolaus Lenau, Möricke (9), Lord Byron

(6), Friedrich Hebbel, Andersen (5). Vereinzelt erscheinen Moore,

Mosen, Platen, Zedtlitz, Schiller, Halm, Anastasius Grün, Klopstock,

Shakespeare, Immermann u. a. Das ergiebt, wenn noch einige Texte

altdeutscher oder spanischer Herkunft mit eingerechnet werden, an

dreihundert Gesangsstücke, von welchen die Hälfte allein auf das Jahr

1840 fällt; vier Hefte mehrstimmiger Gesänge (_op._ 29, 33, 34, 43) und

die doppelte Anzahl mit Sololiedern, nämlich: +Liederkreis von Heine+

(_op._ 24), +Myrthen+ (_op._ 25).[3] +Zwölf Gedichte von Justinus

Kerner+ (_op._ 35). +Sechs Gedichte von Robert Reinick+ (_op._ 36).

+Liederkreis von Eichendorff+ (_op._ 39). +Frauenliebe und Leben von

Chamisso+ (_op._ 42). +Zwölf Gedichte aus Rückerts Liebesfrühling+

(_op._ 37). +Fünf Lieder+ (Andersen zugeeignet, _op._ 40) und

+Dichterliebe von Heine+ (_op._ 48). Das ist viel, sehr viel und reicht

doch nicht heran an Schuberts erstaunliche Fruchtbarkeit, zumal, wenn

man die kurze Lebenszeit dieses Meisters mit in Betracht zieht.

Schon die obigen Daten lassen erkennen, daß Schumanns Lied auf der

romantischen Lyrik beruht, während Schubert sich, wie man weiß, von

Goethes Muse angezogen fühlte. Zwar hat Schumann auch und öfter

Goethesche Gedichte in Musik gesetzt, doch bezeichnenderweise meist

solche aus dem Divan (Myrthen) und Wilhelm Meister (_op._ 98), die

eine Neigung zur Romantik zeigen. Übrigens gehören sie nicht zu seinen

vorzüglichsten Leistungen, vielmehr wird uns die ganze Innigkeit seines

Herzens gerade bei der Komposition jüngerer Liederblüten enthüllt.

Ein Übel freilich haftet diesen modernen „Vertonungen“ immer an.

Gedichte, die fast kaum für den laut gesprochenen Vortrag, sondern

bloß für die stumme Lektüre bestimmt sind, werden in einer Weise

in Musik gesetzt, daß sie, gesungen, dem eigenen Dichter als etwas

ihm Wildfremdes vorkommen müssen. Bei einem Gedichte, welches als

Litteraturgedicht bereits vollkommen der Absicht des Poeten genügte und

somit eine musikalische Ausführung gar nicht aus sich bedang, kann die

musikalische Komposition natürlich auch bloß wiederum ein besonderes

Gedicht des Musikers sein, das mit dem Wortgedichte einen oft ganz

willkürlichen oder nur allgemeinen Gefühlszusammenhang hat. (Wagner.)

Die Fälle, in denen es thatsächlich zur vollen Übereinstimmung zwischen

Text und Komposition kommt, sind ziemlich selten, sogar bei den

Meistern dieser Kunstform. Auch Schumann gelang sie nur einigemale, am

schönsten wohl in dem herrlichen Cyklus „Frauenliebe und Leben“; sonst,

z. B. bei den -- im übrigen entzückend gesetzten -- Eichendorffschen

Liedern, kann er bloß einzelnen hervorstechenden Eigentümlichkeiten,

dem Verschwimmenden, in Duft sich Auflösenden gerecht werden, indessen

manch feiner Zug dieser Poesien verloren geht. Wieder anders verhält es

sich mit Fr. Rückert. Seine Verse gewinnen im Schlepptau einer schönen

Melodie („Du meine Seele, du mein Herz“), welche über die häufigen

trivialen Wendungen hinwegtäuscht; bei sorgfältiger Deklamation

aber treten die Mängel seiner bunt schillernden, stimmungsarmen

Lieder deutlich zu Tage. Bei Kerner, Burns, Reinick trifft Schumann

sehr glücklich den Volkston (Wohlauf noch getrunken, Erstes Grün;

-- Das Hochlandsmädchen, Mich zieht es nach dem Dörfchen hin; --

O Sonnenschein, Ständchen), oft aber sucht er, wie insbesondere

bei Reinick, diese anspruchslosen Gedichte tiefer aufzufassen,

wodurch ein fühlbares Mißverhältnis zwischen dem naiven Text und der

reflektierenden musikalischen Wiedergabe entstanden ist.

Mit Heinrich Heine hat’s eine eigene Bewandtnis. Sangen einst die

Romantiker gern von wandernden Musikanten, die mit lustigem Spiel

alles Volk zu Tanz und Freude bewegen, während schneidendes Weh in

ihrem Herzen haust, so macht sich der ungezogene Liebling der Grazien

den Spaß, das ganze Verhältnis einfach umzukehren. Er thut, als sei

er unsagbar traurig, an Leib und Seele elend aus Liebesgram, bis dem

vertrauensseligen Leser die Thränen der Rührung über die Backen laufen,

indessen der Schalk sein heimlich Gaudium hat. Unter der ungeheueren

Schar der Angeführten sieht man neben sehr vielen Ästhetikprofessoren

und Litteraturhistorikern auch unsere harmlosen Liederkomponisten

der Reihe nach figurieren. Sie merkten den Ulk nur stellenweise, da

wo Heine selbst den täuschenden Schleier mit einem plötzlichen Witze

zerschleißt: daß ja die +ganze+ Dichtung ein genial durchgeführter

Witz sei, ist keinem aufgegangen. Damit soll der Wert z. B. der

Schumannschen Heinelieder nicht geschmälert sein, sondern bloß dem

verbreiteten Irrtum begegnet werden, als habe Schumann den Geist der

Heineschen Lyrik mit großer Treue bewahrt. Das ist ganz unmöglich,

denn die Musik, die wahrste von allen Künsten, wäre gar nicht

imstande, ironische Stimmungen auszudrücken. Unser Meister nahm also

diese Lügenpoesie gläubig hin als das, was sie schien, strebte ihren

(absichtlich) übertriebenen Klagen durch Erschöpfung des musikalischen

Ausdrucksvermögens zu entsprechen, so daß sie schließlich gar,

gleichsam wiedergeboren aus dem Schoße der Tonkunst, als echte und edle

Gebilde jedes Herz bezaubern und entzücken.

Mit der Verschiedenheit der Texte hängt es auch zusammen, daß dem

Klavierpart bei Schumann eine viel bedeutendere Rolle zugeteilt

ist, als bei Schubert. Die pointenreiche, komplizierte, moderne

Lyrik läßt sich in all ihren feinen Details durch die Singstimme

gar nicht erschöpfen; hier tritt unterstützend und ergänzend der

Klavierpart hinzu und verschmilzt mit der Gesangsmelodie, welche ohne

ihn oft gar nicht als Melodie verstanden werden könnte, zu +einem+

unauflöslichen Ganzen. Bald weckt er vor dem Eintritt des Gesanges

im Hörer die erwünschte Stimmung, bald spinnt er die, in den letzten

Worten des Gedichtes angeregten Gedanken weiter fort, nicht selten

führt er sogar die Gesangsmelodie, die manchmal gar nicht über dem

Dreiklang der Tonart endigt und gleichsam abgebrochen scheint, erst

zum befriedigenden Abschluß. In diesen Nachspielen liegt nicht zum

mindesten die Schönheit Schumannscher Lieder. Wie sinnig schlägt er,

um nur ein berühmt gewordenes Beispiel anzuführen, am Ende des Cyklus

„Frauenliebe und Leben“, die Töne des ersten Liedes „Seit ich ihn

gesehen“, wieder an, als verliere sich die Witwe in Erinnerung an ihr

zerronnenes Liebesglück!

Daß die reich ausgestattete Klavierbegleitung die Singstimme

beeinträchtigt, ist ein nur teilweise berechtigter Vorwurf. Es ist

wahr, scharfgezeichnete melodische Linien finden sich bei ihm nicht

so häufig wie z. B. bei Schubert. Soll eine traumhaft schwankende

Empfindung dargestellt werden, so kommt der Gesang über einzelne

Melodienknospen, deren volles Erblühen man vergebens erwartet, nicht

hinaus, er bleibt zuweilen bloß musikalische Deklamation, und die

Begleitung wird die eigentliche Trägerin des poetischen Gedankens.

Anderseits aber weiß Schumann, wo die Singstimme den einfachen Gehalt

eines Liedes erschöpfen kann, mit der Begleitung auch zu sparen und

sich mit wenigen charakteristischen Accorden zu begnügen. Wenn er den

Sänger oft in unbequeme Lagen, zu weiten Sprüngen und dergleichen

zwingt, so muß man das seinem Streben nach möglichst prägnantem

Ausdruck schon zu gute halten. Ein Kunstwerk ist eben keine Schuletüde,

es fordert vom Ausführenden gesteigerte, nicht bloß gewohnhafte

Bethätigung des erworbenen Könnens. Sehr richtig bemerkt da Ehlert,[4]

daß es sich nicht darum handle, „für die Stimme möglichst bequem

zu schreiben, sondern darum, eine poetische Empfindung musikalisch

auszudrücken, natürlich nur so weit, als dies ohne offene Verletzung

der gesanglichen Rücksichten möglich ist...“ Wer beim Komponieren

eines Liedes ans Atemholen denkt, der kann alles sein, nur kein Poet.

Das Schumannsche Lied nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Die

Vertiefung in den poetischen Lokalton des Gedichtes durch Schubert

schon in hohem Maße ausgebildet, wird von ihm bis zur erstaunlichen

Gewißheit des Selbsterlebten geführt. Wie wenig Mittel oft dazu

gehören, ersehe man aus „In der Fremde“ (_op._ 39, Nr. 1), wo die

scheinbar einfachste, accordliche Bewegung die „schöne Waldeinsamkeit,“

in der den Sänger „keiner mehr kennt,“ mit bebender Handgreiflichkeit

zeichnet, oder aus der „Mondnacht“ (ebenda Nr. 5), wo wenige Stimmen

der Begleitung das „es war als hätte der Himmel die Erde still

geküßt“, so -- ich kann nur wiederholen -- erlebt malen, daß jeder es

fühlt, hier spannt ein Dichter im Mondlicht und Blütenschimmer „weit

seine Flügel aus.“ Namentlich alles Träumerische, Weiche, Verschämte

hat niemals durch einen anderen Musiker einen treffenderen Ausdruck

erfahren. Nie vielleicht wohnte in einem Manne so viel dichterisches

Erröten über die Rätsel seiner Bestimmung wie in ihm. Sein eigentlicher

Ausdruck in dieser Liederzeit war das Jünglingshafte mit seinem

dunkelscheuen Kraftgefühl, seinem morgenrötlichen Schimmer und seiner

Frühlingsschwermut.

Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß sich Schumann 1840 auch in der

Ballade versuchte und darin mit ihrem unübertrefflichen Meister,

Carl Löwe,[5] nicht unrühmlich um den Preis rang. +Belsazar+ von

Heine (_op._ 57), je drei balladenmäßige +Gesänge+ von +Geibel+ und

+Chamisso+ (_op._ 30 der Hidalgo, _op._ 31 die Löwenbraut, _op._ 32

die Kartenlegerin) und drei Hefte +Balladen+ und +Romanzen+ (_op._

45, 49 die beiden Grenadiere), die feindlichen Brüder; (_op._ 53

der arme Peter), denen später noch ein viertes (_op._ 64 Tragödie)

folgte, stammen noch aus dem Liederjahr; _op._ 87, der +Handschuh+

von Schiller, aus 1849. Doch liegt die Bedeutung Schumanns als

Vokalkomponist nicht gerade in diesen, wenn auch wertvollen Werken,

sondern vor allem in seinen Liedern, welche bei ihrem Erscheinen

freilich mißachtet und verkannt worden sind. Um so mehr freute

Schumann das Dankgedicht Friedrich Rückerts für die Komposition des

„Liebesfrühlings“, an welcher auch Klara mit drei Liedern (2, 4, 11)

beteiligt war. Es lautet:

An Robert und Klara Schumann.

Lang ist’s, lang

Seit ich meinen Liebesfrühling sang;

Aus Herzensdrang,

Wie er entsprang,

Verklang in Einsamkeit der Klang.

Schumann · 第 3 / 8 段