„Ältestes bewahrt mit Treue,

Freundlich aufgefaßt das Neue.“

Es lautet: „An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck

erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle

neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können -- sodann die letzte

Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging,

als eine unkünstlerische zu bekämpfen -- endlich eine neue poetische

Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen. -- Unerschütterlich

steht in uns die Ansicht, daß wir noch keineswegs am Ende unserer

Kunst sind, daß noch viel zu thun übrig bleibt, daß Talente unter uns

leben, die uns in unseren Hoffnungen auf eine neue reiche Blütenzeit

der Musik bestärken und daß noch größere erscheinen werden. -- Die

+Erhebung deutschen Sinnes durch deutsche Kunst+, geschieht sie nun

durch Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer

Talente; mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden.

-- Wir wüßten nicht, was wir vor anderen Künsten und Wissenschaften

voraus haben sollen, wo sich die Parteien offen gegenüberstehen und

befehden, noch überhaupt, wie es sich mit der Ehre der Kunst und der

Wahrheit der Kritik vereinbaren ließe, den drei Erzfeinden unserer und

aller Kunst, den Talentlosen, dann den Dutzendtalenten, endlich den

talentvollen Vielschreibern ruhig zuzusehen. Wir schreiben ja nicht, um

die Kaufleute reich zu machen, wir schreiben den Künstler zu ehren.“

In kurzer Zeit gebot die Zeitschrift über eine stattliche Anzahl

tüchtiger Mitarbeiter; wir nennen unter anderen: Bank, Berger, Dorn,

Griepenkerl, Stephen Heller, Kahlert, Keferstein, Kistner, Koßmaly,

Krägen, Lorenz, Löwe, Lyser, Mangold, Marx, Nauenburg, Riefstahl,

Schüler, Töpken, Truhn, Weißmann, Wenzel, Zuccalmaglio. Für die

Redaktion zeichneten Schunke, Schumann, Wieck und Knorr. Man blättere

in den ersten Bänden der Zeitschrift nach: das fröhliche, kräftige

Leben darin wird noch jetzt Anteil erwecken; auch Versehen kamen vor,

wie sie ja im Gefolge aller jugendlichen Unternehmungen sind. Jeder

steuerte eben bei, was er hatte. Der Stoff schien damals endlos;

man war sich eines edlen Strebens bewußt; neue Götterbilder sollten

aufgestellt, ausländische Götzen niedergerissen werden; man arbeitete

Tag und Nacht. Es war das Ideal einer großen Künstlerbrüderschaft zur

Verherrlichung deutscher, tiefsinniger Kunst, das wohl jedem als das

herrlichste Ziel seines Strebens vorleuchten mochte. Und wie denn die

Zeitschrift zu günstiger Stunde, unter günstigen Umständen unternommen

wurde, einmal weil man des Schneckenganges der alten musikalischen

Kritik überdrüssig war und weil wirklich neue Erscheinungen am

Kunsthimmel aufstiegen, dann weil die Zeitschrift im Schoß von

Deutschland, in einer von jeher berühmten Musikstadt entsprang und

der Zufall gerade mehrere junge, gleichgesinnte Künstler vereinigt

hatte, so griff das Blatt auch rasch um sich und verbreitete sich nach

allen Gegenden hin. Fast alle bedeutenden Tonsetzer dieser Periode:

Mendelssohn, Chopin, Hiller, Taubert, Stephen-Heller, Gade, Berlioz,

Franz, Verhulst und Sterndale Benett wurden teils durch dieselbe

zuerst verständnisvoll gewürdigt, teils geradezu in die musikalische

Welt eingeführt -- nur gegen Meyerbeer nahm die Zeitschrift eine

ablehnende Haltung ein; mit Recht darf man heute behaupten. Im übrigen

liegen ihre Verdienste vornehmlich auf dem Felde der Klaviermusik.

Hier erzielte sie einen vollständigen Umschwung des Geschmackes; indem

fortan gedankenvollere, polyphone Gebilde an Stelle der alten virtuosen

Passagenwerke traten. Für die gleichfalls in Aussicht genommene

Opernreform in ähnlicher, gedeihlicher Weise zu wirken, blieb ihr

dagegen versagt, schon darum, weil es in „Klein-Paris“ kein rechtes

Theaterleben gab und den Herausgebern, abgesehen von der unerläßlichen

Begabung, auch die Erfahrung im dramatischen Genre abging.

Die Herausgeber! Ist’s denn erlaubt, von ihnen in der Mehrzahl

zu sprechen? Wieck war immerfort auf Reisen, Knorr erkrankte, so

daß eigentlich nur Schumann und Schunke als Häupter der Leipziger

romantischen Schule in Betracht kamen. Schunke wiederum, dem die Feder

nicht parieren wollte, war bloß eine moralische Macht, so daß die

Redaktionsgeschäfte fast einzig und allein auf Schumanns Schultern

lasteten. Jetzt mußten dem Musiker, der bereits 1831 in der Finkschen

Zeitung einen schönen Aufsatz über Chopin und 1833 einen über Klara

Wieck im „Kometen“ veröffentlicht hatte, seine schriftstellerischen

Gaben frommen. Er lieferte nicht allein zahlreiche Beiträge,

bearbeitete die eingelaufenen, manchmal recht elend stilisierten

Artikel, sondern besorgte auch Korrespondenzen, Verrechnungen,

Korrekturen, Anweisung der Honorare u. s. w. -- alles ohne irgend einen

pekuniären Vorteil. Zum Komponieren blieb ihm unter solchen Umständen

allerdings nur spärliche Muße.

Es war ungefähr zur Zeit des ersten Erscheinens der Zeitschrift,

als Schumann, nicht ohne längeres Sträuben seinerseits, bei dem

kunstsinnigen Kaufmanne +Carl Voigt+ und dessen Gattin +Henriette+

eingeführt wurde. Aber „nur einen Schritt in ihr Haus gethan, und

der Künstler fühlte sich heimisch darin. Aufgehängt waren über dem

Flügel die Bildnisse der besten Meister; eine ausgewählte musikalische

Bibliothek stand zur Verfügung; der Musiker, schien es, war Herr im

Hause, die Musik die oberste Göttin.“ Ein beredter Zeuge des regen

Künstlerverkehres ist das Album der Frau Voigt, durch die Autographe

berühmter Musiker -- Mendelssohn, Löwe, Chopin und anderer -- mit

denen sie teilweise auch Briefwechsel unterhielt, sehr kostbar.

(Jansen.) Poetisch und musikalisch begabt -- sie war L. Bergers

Schülerin im Klavierspiel -- hat Henriette (die „Beethovenerin“) auf

den ihr freundschaftlich zugethanen Schumann bildend und belebend

eingewirkt. Sie wurde auch seine Vertraute in dem etwa gleichzeitig

sich entspinnenden Liebesverhältnisse zu +Ernestine von Fricken+.

Dieselbe, die Tochter eines reichen böhmischen Barons aus Asch, kam im

Frühjahr 1834 nach Leipzig, um sich bei Wieck im Pianofortespiel zu

vervollkommnen, „ein herrliches, reines, kindliches Gemüt,“ wie Robert

sie schildert, „zart und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und

allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch -- kurz ganz

so, wie ich mir meine Frau wünsche.“ Am 5. September verlobte sich

Schumann mit ihr, erhielt auch die Einwilligung des Vaters -- allein

der Brautstand war nicht von langer Dauer. Schon im August des nächsten

Jahres wurde das Verlöbnis, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis noch

entziehen, in aller Freundschaft wieder gelöst.

Inzwischen hatte sich ein tief schmerzliches, aber nicht unerwartetes

Ereignis zugetragen. Ludwig Schunke war (7. Dezember 1834) an einer

zehrenden Brustkrankeit, Novalis vergleichbar, sanft aus dem Leben

geschwunden. Schumann war trostlos. Zu seiner Trauer um den Geliebten

gesellten sich noch allerlei, durch die Liederlichkeit des Verlegers

der Zeitschrift, E. +Hartmann+, hervorgerufene Zerwürfnisse, welche

endlich dadurch beigelegt wurden, daß Schumann, der nach Schunkes

Tode und Knorrs und Wiecks Rücktritt von den Leitern des Unternehmens

allein übrig geblieben, die Zeitschrift ankaufte und dem Buchhändler

+Johann Ambrosius Barth+ zum Verlag übergab. Herausgeber und Besitzer

in einer Person (vom 1. Januar 1835 ab), benützte er das erworbene

Eigentumsrecht, um wichtige Verbesserungen im kritischen Teile des

Blattes eintreten zu lassen. Musikalische Schöpfungen sind, wie schon

bemerkt, in diesem Zeitraume nur wenige zu verzeichnen. Ehe wir uns

aber mit ihnen befassen, ist es notwendig, bei dem „+Davidsbunde+“ zu

verweilen, der in den Spalten der „Neuen Zeitschrift“ eine große Rolle

spielt. Schumann dachte sich dabei einen idealen, natürlicherweise bloß

im Kopfe seines Stifters existierenden Geheimbund fortschrittlicher

Künstler, welcher König David, den mannhaften Besieger der Philister,

als Schutzpatron verehrte. Unter den Mitgliedern ragen namentlich dreie

hervor: Florestan, Eusebius und Meister Raro. +Florestan+ ist der

Wortführer der neuen Richtung in der Musik. Rücksichtslos und ungestüm

zieht er gegen jedes pedantische Festhalten am alten Zopf zu Felde.

„Warum denn rückwärts komponieren? Wem die Perücke gut steht, der mag

sich eine aufsetzen; aber streicht mir die fliegende Jugendlocke nicht

weg, wenn sie auch etwas wild über die Stirn hereinfällt. Also Locken,

Sonatenschreiber und keine falschen...! Wie kommen wir dazu, uns von

vorigen Jahrhunderten Vorschriften geben zu lassen?“ Im Gegensatze

zu ihm ist +Eusebius+ weich und schwärmerisch, ein mädchenhaft

schüchterner Jüngling. Meister +Raro+ endlich vermittelt zwischen

beiden; er vertritt die Besonnenheit und Einsicht des gereiften Mannes.

Wie diese merkwürdigen Gestalten im Verhältnis zu Schumann aufzufassen

sind, erklärt er selbst in einem Briefe an Dorn: „Florestan und Euseb

ist meine Doppelnatur, die ich wie Raro gern zum Mann verschmelzen

möchte.“ Auch hinter den übrigen Bündlern hat man wirkliche Personen

zu suchen; es sind +Walt+ (Rakemann), +Julius+ (Knorr), +Jonathan+

(Schunke?), +Serpentinus+ (Bank), +Fritz Friederich+ (Lyser) und

+Giara+ oder +Zilia+ (Klara Wieck). Zur Gestalt Meister Raros soll

Friedrich Wieck einige Züge geliehen haben.

Aber nicht allein in der Zeitschrift liebt es Schumann, sich

hinter den Namen Florestan und Eusebius zu verbergen. Sie prangen

auch als Verfasser auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe seiner

leidenschaftlichen +Fis-Moll-Sonate+ (_op._ 11), deren Wert zum

erstenmale +Franz Liszt+ erkannt und in seiner geistreichen Weise

dargelegt hat. (_Gazette musicale_, 1837, Nr. 46.) Freilich will

die Bezeichnung „Sonate“ nicht durchwegs passen: die Triebkraft der

Phantasie sprengt eben da und dort die überlieferten klassischen

Formen. Einen ähnlich stürmischen Charakter trägt das sonst minder

bedeutende _op._ 8 +Allegro+ (seiner Braut gewidmet), welches Schumann

an Frau Voigt mit dem Bedeuten sandte, „daß der Verfasser mehr tauge

als das Werk und weniger als die, der es zugeeignet ist.“ Bei weitem

höher steht dagegen _op._ 9 der +Karneval+, ein anmutig belebtes, an

pikanten Rhythmen und bunten Modulationen reiches Faschingsbild. Das

beständig wiederkehrende Motiv _ASCH_ weist uns auf die persönlichen

Beziehungen dieser Schöpfung; es drückt den Namen der Vaterstadt

Ernestines in Noten aus. Schumann fand es „sehr schmerzlich“, wie denn

das ganze Werk in ernster Stimmung komponiert worden ist. Der Musik

wird das aber niemand anmerken; sie charakterisiert das fröhliche

Gewimmel im hellerleuchteten Ballsaal ganz meisterlich. Der bedächtige

Pierrot schreitet vorüber, Pantalon und Colombine kommen leichten Fußes

einhergetrippelt, der Harlekin schlägt seine Capriolen und eine Kokette

läßt verführerisch ihre Augen spielen. Die Davidbündlerschaft fehlt

auch nicht beim Feste. Wir sehen den wild dreinfahrenden Florestan, den

träumerischen Eusebius, Chiara, Estrella (Ernestine), ferner Paganini

und Chopin. Die Krone des Ganzen aber bildet der kecke „Marsch der

Davidsbündler gegen die Philister“, welch letztere sehr ergötzlich

durch die Melodie des Großvatertanzes („Und als der Großvater die

Großmutter nahm“) charakterisiert sind. Natürlich werden die Armen zu

guterletzt jämmerlich geschlagen und Davids siegreiche Jünger erheben

frohlockend ihr übermütiges Jubellied.

[2] Noch freier verfährt Schumann in einem zweiten Hefte, das der

Verleger des besseren Absatzes wegen als _op._ 10 erscheinen

ließ; er streift diesmal der Komposition alles Geigenmäßige

ab und ersetzt die Klangeffekte des Streichinstrumentes sehr

geschickt durch solche, die dem Klaviere eigentümlich sind.

4. Klara.

Wem nie von Liebe Leid geschah,

Geschah auch Lieb von Liebe nie.

+Gottfried v. Straßburg.+

Nicht lange nach der Lösung des Verhältnisses zu Ernestine von Fricken

hielt eine neue Liebe Einzug in Schumanns Herzen, eine Liebe, deren

Keime wohl schon manches Jahr in seiner Brust geruht haben mochten,

ehe sie trieben, sproßten und breit sich entfalteten, eine Liebe, die

ihn harte Kämpfe und bittere Schmerzen gekostet, eine Liebe, der die

deutsche Kunst einige ihrer schönsten und edelsten Blüten zu verdanken

hat. Es war Klara Wieck, die langjährige Freundin, welche Ernestines

Stelle dauernd einnehmen sollte. Geboren am 13. September 1819, fand

sie schon als Kind ihres Klavierspieles halber allgemeine Bewunderung.

Neun Jahre alt ließ sie sich zum erstenmale öffentlich hören, zwei

Jahre später begann sie mit dem Vater, dessen vorzügliche Lehrmethode

in ihrem Spiele die größten Triumphe feierte, weite Konzertreisen, die

über Dresden, Weimar, Kassel, Frankfurt bis Paris führten. Die Aufnahme

war überall enthusiastisch. In Weimar trug der greise Goethe das

Stuhlkissen eigenhändig für sie herbei und schenkte ihr beim Abschied

sein Brustbildmedaillon mit der Widmung: „Der geistreichen Klara

Wieck.“ Auch andere berühmte Männer: Spohr, Mendelssohn, Alexander von

Humboldt, Chopin, Herz und andere nahmen an ihr lebhaftes Interesse;

Schumann verehrte sie „wie der Pilgrim das ferne Altarbild“ und

stellte sie in eine Reihe mit Paganini. Über ihre äußere Erscheinung

giebt Heinrich Dorn folgende Nachricht: „Meine Klara (denn sowohl

von ihrem Vater, als von allen, die sie kannten, wurde sie nicht

anders genannt), war 1831 ein reizender Backfisch; zierliche Gestalt,

blühende Gesichtsfarbe, zarte, weiße Händchen, üppiges, schwarzes Haar,

kluge, glutvolle Augen; alles war an ihr appetitlich.“ Mit Robert,

„dem herrlichen, prächtigen Menschen,“ stand sie in geschwisterlichem

Verhältnis. „Klara,“ schreibt er seiner Mutter 1833, „die wie immer

innig an mir hängt, ist die alte -- wild und schwärmerisch -- rennt

und springt und spielt wie ein Kind und spricht wieder einmal die

tiefinnigsten Dinge. Es macht Freude, wie sich ihre Herzens- und

Geistesanlagen jetzt immer schneller, aber gleichsam Blatt für Blatt

entwickeln. Als wir neulich zusammen von Connewitz heimgingen (wir

machen fast täglich zwei- bis dreistündige Märsche), hörte ich, wie

sie für sich sagte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich!“ Wer hört

das nicht gern! Auf demselben Wege stehen sehr unnütze Steine mitten im

Fußsteg. Wie es nun trifft, daß ich oft im Gespräche mit anderen mehr

auf- als niedersehe, geht sie immer hinter mir und zupft an jedem Stein

leise am Rock, daß ich ja nicht falle. Einstweilen fällt sie selbst

darüber.“ Bald darauf spricht Schumann dem Mädchen mit der Dedikation

der Impromptus die Hoffnung aus, „daß die Vereinigung unserer Namen

auf dem Titel eine unserer Ansichten und Ideen für spätere Zeiten sein

möchte. +Mehr bieten kann ich Armer nichts.+“ Während des Brautstandes

mit Ernestine verblaßte begreiflicherweise das Bild Klaras, die sich

obendrein meist auswärts auf Kunstreisen befand. Doch schon im Sommer

1835 schwebt ihm überall ihr „Engelskopf“ mitten unter Festen und

Freudenhimmeln vor. Täglich, ja stündlich fühlte er sich mehr zu

ihr hingezogen und während des folgenden Winters vollzog sich die

Umwandlung des bisher bloß freundschaftlichen Bundes in ein offenes

Liebesverhältnis. Klaras rege Beteiligung am Leipziger Musikleben,

welches damals durch die Ankunft Mendelssohns einen neuen, mächtigen

Aufschwung nahm, brachte sie fortwährend mit Robert in Berührung. Im

Februar 1836 endlich, kurz nach dem Tode seiner Mutter (gestorben

4. Februar) erscheint das förmliche „Sie“ im Briefwechsel durch das

vertraute „Du“ ersetzt, denn Schumann schreibt: „Vielleicht daß der

Vater die Hand nicht zurückzieht, wenn ich ihn um seinen Segen bitte.

Freilich giebt es da noch viel zu denken, auszugleichen. Indes vertraue

ich auf unseren guten Geist. Wir sind vom Schicksal schon füreinander

bestimmt: schon lange wußte ich das, aber mein Hoffen war nicht so

kühn, +dir+ es früher zu sagen und von dir verstanden zu werden.“

Nun war Vater Wieck unserem Künstler zwar aufrichtig gewogen und

hatte gern zur Verbreitung seiner Werke beigetragen, allein _in

puncto_ seiner Tochter verstand der alte, etwas fahrige Herr keinen

Spaß. Klara, sein Stolz, die sichtbare Verkörperung seiner illustren

Klaviermethode, schien ihm wahrlich zu Höherem bestimmt als die

Frau eines noch ziemlich unbekannten und unbemittelten Komponisten

abzugeben! Er wies die kühne Werbung rundweg ab und reiste, um eine

weitere Annäherung zu vereiteln, mit Klara auf der Stelle nach Breslau.

Doch gelang es Schumann, der als Redakteur der Musikzeitung überall

Verbindungen hatte, wenigstens geheimen Briefwechsel mit der Geliebten

zu pflegen.

Sein nächstes Streben war jetzt auf die Gründung einer sicheren

Existenz gerichtet, denn die fünfhundert Thaler Rente, die er von

seinem väterlichen Erbteil bezog, reichten wohl hin ihn vor Not

und Sorge ums tägliche Brot, den treuen Gefährtinnen des deutschen

Musikers, zu schützen, aber nicht zum Unterhalt einer Familie. Durch

Verpflanzung der Zeitschrift nach Wien hoffte er ihre Einträglichkeit

um ein Bedeutendes zu steigern und betrieb deshalb in aller Stille aber

eifrig diese Angelegenheit. So schwand das Jahr unter viel Bekümmernis,

für die ihn nur der häufige Umgang mit Felix Mendelssohn einigermaßen

entschädigen konnte. Mendelssohn besaß, was Schumann am meisten

fehlte: musikalische Durchbildung, Weltgewandtheit, außerordentlichen

Formensinn und imponierte damit dem jüngeren Meister bis zu heller

Begeisterung. „Er ist der beste Musiker der Zeit, zu dem ich aufschaue

wie zu einem hohen Gebirge,“ ruft er aus, während der Schöpfer des

„Paulus“, dem Schumanns kostbares Gut, der Gehalt im Busen eigentlich

abging, mit der schönen Form im Geiste die künstlerische Bedeutung

des Freundes, so sehr er ihn als Menschen hochschätzte, nie begriffen

hat. Wehe aber, wenn sich jemand in Schumanns Gegenwart ein abfälliges

Urteil über Mendelssohns Musik erlaubte! Das konnte den sonst so

stillen, fast apathisch Scheinenden in die größte Erregung versetzen.

Übrigens bemerkt er selbst einmal ganz richtig: „In ähnlichen

Verhältnissen wie er (Mendelssohn) aufgewachsen, von Kindheit an zur

Musik bestimmt, würde ich euch samt und sonders überflügeln.“

Fast täglich trafen die beiden Meister am Mittagstische des Hotels de

Baviere zusammen. Außerdem gehörten noch Walther von Goethe, Frank,

David und Sterndale Benett zur Tafelrunde. Dem letzteren, der sich

damals längere Zeit in Leipzig aufhielt, sind die _Etudes symphoniques_

(_op._ 13) gewidmet, höchst originelle Variationen, deren prächtiges

Finale mit dem beabsichtigten Anklang an ein englisches Volkslied

(„Wer ist der Ritter hochgeehrt?“) direkt an das Nationalgefühl

Benetts appelliert. Daneben vollendete Schumann noch ein _Concert sans

orchestre_ (_op._ 14, später Sonate III genannt) und die herrliche

+C-Durphantasie+ (_op._ 17) „eine tiefe Klage um Klara.“ Anfangs wollte

er sie, da ihr eventueller Ertrag für das in Bonn zu errichtende

Beethovendenkmal bestimmt war, „Obolus“ oder „Ruinen, Siegesbogen und

Sternenkranz“ betiteln, bis er sich später für „Große Sonate“ und

schließlich für das weit angemessenere „Phantasie“ entschied. Als Motto

trug das Werk den Schlegelschen Vers: „Durch alle Töne tönet im bunten

Erdenraum ein leiser Ton gezogen für den, der heimlich lauschet.“

Mit dem leisen Tone ist, wie aus einem Schumannschen Briefe hervorgeht,

Klara gemeint. Auf sie weisen uns denn auch die Kompositionen

des folgenden Jahres, die +Phantasiestücke+ (_op._ 12) und die

+Davidsbündlertänze+ (_op._ 6) hin, von welchen namentlich die erste

in der Kunstwelt Anerkennung und Liebe gefunden hat. In diesen

wunderbaren Stimmungsbildern entfaltet sich Schumanns Talent in seiner

ganzen Fülle und Eigentümlichkeit, mag er nun „des Abends“ schwärmen

oder seltsame „Traumeswirren“ schildern oder „Grillen“ nachjagen oder

die bedeutungsvolle Frage „Warum?“ an das Schicksal richten. Für das

gelungenste Stück hielt er selbst das fünfte „In der Nacht“, worin

er, als es bereits fertig war, die Geschichte von Hero und Leander zu

finden glaubte: „wie er sich ins Meer stürzt, sie ruft, er antwortet,

er durch die Wellen glücklich ans Land -- dann die Kantilene, wo sie

sich in den Armen haben -- dann, wie er wieder fort muß, sich nicht

trennen kann, bis die Nacht wieder alles in Dunkel hüllt.“ Mit Bezug

auf das Schlußstück: „Das Ende vom Lied“, schreibt Schumann an Klara:

„Ich dachte dabei, nun am Ende löst sich alles in eine lustige Hochzeit

auf, aber am Schluß kam wieder der Schmerz um dich dazu und da klingt

es wie Hochzeit- und Sterbegeläute untereinander.“ Ganz ähnlich lautet

eine Briefstelle über die Davidsbündlertänze, welchen als Motto der

alte Spruch: „In all und jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid;

bleibt fromm in Lust und seid dem Leid mit Mut bereit“ vorangesetzt

ist. „In den Tänzen,“ heißt es dort, „sind viele Hochzeitsgedanken --

sie sind in der schönsten Erregung entstanden, wie ich mich nur je

besinnen kann; ein ganzer Polterabend nämlich ist die Geschichte und du

kannst dir Anfang und Schluß ausmalen. War ich je glücklich am Klavier,

so war es, als ich sie komponierte.“

Vergleicht man die angeführten Stellen miteinander, so ergeben

sich aus ihnen wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf seines

Liebesromanes. Während zur Zeit der Komposition der Phantasiestücke

ihn noch bange Zweifel an dem guten Ausgang heimsuchen, sehen wir ihn

jetzt in ungetrübter Heiterkeit der Zukunft entgegenschauen. Klaras

unerschütterliche Treue war’s, die ihn vor gänzlicher Resignation

bewahrte, ja schließlich sogar mit solcher Zuversicht erfüllte, daß

er am 13. September 1837, ermutigt durch das freundliche Benehmen des

Vaters, um ihre Hand nochmals anzuhalten wagte. Wieck hatte schon

vermeint, daß die Leidenschaft der beiden Liebenden, die sich auf

stillschweigendes Übereinkommen hin über ein Jahr nicht gesehen, durch

die Trennung erkalten werde und mußte nun zu seinem Ärger gewahren,

daß die Flamme heller brenne wie zuvor. Überrascht und außer Stande

begründeten Einwand zu erheben, gab er bloß unklare, ausweichende

Antwort. Er spielte auf Schumanns ungeregelte Verhältnisse an: dieser

schränkte sich auf das Äußerste ein. Er ließ verlauten, daß Schumann

noch mehr verdienen müsse. Dieser nahm, obgleich die Zeitschrift auch

so prosperierte, seinen alten Plan, die Übersiedelung nach Wien,

energisch wieder auf, besonders als Klara dortselbst im Dezember große

Triumphe gefeiert hatte. Die Unterhandlungen mit Wiener Freunden des

Blattes (Vesque von Püttlingen und Joseph Fischhof) zogen sich hin

bis zum Herbst des folgenden Jahres, und Schumann schrieb in dieser

Zeit drei seiner vorzüglichsten Werke: +Die Novelletten+ (_op._ 21),

die man als Nachklang der Phantasiestücke betrachten kann, ferner die

+Kreisleriana+ (_op._ 16) und +Kinderscenen+ (_op._ 15).

Schumann · 第 2 / 8 段