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Musiker-Biographien
13. Band
Schumann
von
Richard Batka
Zweite Auflage
Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
_Copyright 1891 by Philipp Reclam jun. Leipzig_
Uebersetzungsrecht vorbehalten
Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig
Inhalt
Seite
Vorwort 5
1. Die Jugendzeit (1810-1828) 7
2. Die Studienjahre (1828-1830) 14
3. Erste Künstlerzeit (1830-1835) 21
4. Klara (1835-1840) 34
5. Die Lieder (1840) 45
6. Wollen und Wagen (1840-1849) 54
7. Letzte Lebensjahre (1849-1856) 74
8. Rückblick 87
Vorwort.
Die deutsche Kulturgeschichte lehrt, daß die Ideale der Musik in
vier aufeinander folgenden Zeiträumen sich nach und nach erweitert
haben, so zwar, daß zu den bereits erkannten Zielen stets neue und
schönere gewonnen werden. Zur Zeit +Händels+ und +Bachs+ gipfelt die
Musik noch vorzugsweise in kunstreichem architektonischen Bau; in
der +Mozart+schen Periode kommt dazu die Forderung des sinnlichen
Wohlklangs; +Beethoven+, der Riese, entdeckt sodann die unermeßliche
Fähigkeit der Tonkunst, ganz individuelle Gefühle und Stimmungen
auszusprechen, und +Wagner+ endlich verschwistert sie auf das Innigste
mit der Poesie. Zwischen den beiden letztgenannten Meistern nimmt
+Robert Schumann+ zeitlich und ideell eine Mittelstellung ein. Noch
ist er in erster Reihe Musiker, aber in oder an seine Tonwerke drängen
sich schon vielfach poetische Elemente; der Gebrauch, Instrumentalsätze
mit sinnigen Überschriften zu versehen, der bereits gelegentlich bei
Beethoven vorkommt, findet sich bei Schumann so allgemein, daß man ihn
fast den Programmusikern zuzählen möchte, wäre es nicht anderseits
bekannt, daß er jene poetischen Titel meist +nach+ der musikalischen
Ausführung der Tonstücke zu verfassen pflegte. Was Schumann vor der
älteren Komponistengeneration, deren Studium einzig im Kontrapunkt
und Harmonielehre aufging, voraus hat, ist +die klassische und
litterarische Bildung+, wie wir sie auch bei anderen Künstlern seiner
Zeit, z. B. Berlioz, Mendelssohn, Meyerbeer, Liszt, Cornelius, Wagner
und anderen antreffen. Diese verleiht ihm nicht nur den feineren
Sprachsinn, vermöge dessen er in Vokalkompositionen Wort und Ton weit
genauer in Übereinstimmung bringen kann, sondern auch die Fähigkeit,
sein Urteil und seine Erfahrung in Sachen der Musik schriftstellerisch
zu verwerten. Durch sein Beispiel wird allmählich -- seit der Mitte
der dreißiger Jahre -- eine gänzliche Umgestaltung der musikalischen
Kritik in Deutschland herbeigeführt und das ästhetische Richtamt gerät
aus den Händen schnellfertiger Dilettanten in die Sachverständiger
und Künstler. Wird schließlich noch erwähnt, daß Schumann die
Mehrzahl seiner gleichstrebenden Zeitgenossen an Tiefe des Gefühls
und wirklicher Begabung weit hinter sich läßt, so ist damit seine
historische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpft, so wenigstens in den
wesentlichsten Punkten gekennzeichnet.[1]
[1] Aus der schon breit angeschwollenen Schumannlitteratur seien
namentlich folgende Schriften, die auch dem vorliegenden
Lebensabriß zu Grunde liegen, genannt: Fr. +Liszt+, R. Schumann.
(Gesammelte Werke IV., 1855.) +Wasiliewski+, R. Schumann. (Bonn
1857, 3. Aufl. 1880.) +Reißmann+, R. Schumann, sein Leben und
seine Werke. (Berlin 1865.) R. +Pohl+, Erinnerungen an R.
Schumann. (Deutsche Revue, 1878.) Ph. +Spitta+, R. Schumann,
ein Lebensbild. (Leipzig 1882.) G. +Jansen+, Die Davidsbündler.
(Leipzig 1883.) M. +Kalbeck+, Aus R. Schumanns Jugendzeit.
(Endlingers österreichische Rundschau, 1883.) +Clara Schumann+,
R. Schumanns Jugendbriefe (Leipzig 1886.) +Jansen+, R. Schumanns
Briefe. (Neue Folge, Leipzig 1886.) +Reimann+, R. Schumanns
Leben und Werke. (Leipzig 1887.) B. +Vogel+, R. Schumanns
Klaviertonpoesie. (Leipzig 1887.) +Erler+, R. Schumanns Leben aus
seinen Briefen. (2 Bde., Berlin 1887.) +Jansen+, R. Schumanns
schriftstellerische Thätigkeit. (Grenzbote, 1891.)
* * * * *
Ergänzend sei noch auf folgende Werke hingewiesen: Gesammelte
Schriften, herausgegeben von _Dr._ Heinrich Simon (Univ.-Bibl.)
1888; von M. Kreisig (1914). Biographien von A. Niggli (1879),
H. Abert (1903), Ernst Wolff (1906), A. Steiner (1911),
Walter Dahms (1916). Wasiliewskis Schumanniana (1884); seine
Schumann-Biographie erschien 1906 in 4. Auflage. Briefwechsel
mit Henriette Voigt (J. Gensel, 1892); Briefe in Auswahl (K.
Storck, 1896); Der junge Schumann (Alfred Schumann, 1910);
Schumann-Brevier (Friedr. Kerst); Aus Schumanns Kreisen (La Mara,
1911); Sonderheft der „Musik“. Schumanns Faustszenen (S. Bagge,
1879; Manfred Waldersee, 1880); Lieder in ersten und späteren
Fassungen (W. E. Wolff, 1914); Formale Eigentümlichkeiten
in Schumanns Klavierwerken (R. Hohenemser); Schumann als
Schriftsteller (H. Deiters); Clara Schumann (Berthold Litzmann).
In französischer Sprache erschienen: A. Marguerite (_„son œuvre
de piano“_); R. Pugno (_„Leçons écrits sur Schumann“_); die
Biographien von L. Schneider und M. Maréchal (1905) und Camille
Mauclair (1906); in holländischer Sprache eine solche von J.
Hartog.
Robert Alexander Schumann.
1. Die Jugendzeit.
Es bildet ein Talent sich in der Stille.
+Goethe.+
Romantik, erwachendes Nationalgefühl und frisches, wissenschaftliches
Streben -- das sind die bedeutsamen Zeichen, unter denen +Robert
Alexander Schumann+ am 8. Juni 1810 das Licht der Welt erblickte. In
demselben Jahre nämlich erschien Kleists „Käthchen von Heilbronn“,
Webers „Sylvana“, Jahns „Deutsches Volkstum“ und die neugegründete
Berliner Universität begann ihre umfassende Wirksamkeit. Freilich,
der Wellenschlag der herrschenden Zeitideen sollte ihn vorderhand
nur wenig berühren; lag doch sein Geburtsort, das kleine sächsische
Zwickau abseits von den Mittelpunkten deutschen Geisteslebens. Hier, im
anmutigen Muldethale, dem verbildenden und zerstreuenden Getriebe einer
großen Stadt entzogen, behielt er die Wahrheit und Ursprünglichkeit des
Empfindens und gedieh, bei Mangel äußerer Anregung zu jener Sammlung
Einfalt und Innerlichkeit, welche von jeher die Quelle künstlerischen
Schaffens gewesen ist.
Die musikalischen Anlagen hat Schumann nicht wie andere Meister der
Tonkunst von seinen Eltern überkommen. Mutter Johanna, geborene
Schnabel aus Zeitz, eine vortreffliche, aber in kleinstädtischen
Vorurteilen aufgewachsene Frau, besaß im ganzen nur wenig Sinn
für Musik. Vater August Schumann, ein ernster, tüchtiger, überaus
strebsamer Mann, der nach allerlei Drangsalen eine angesehene
Verlagsbuchhandlung gegründet und sich durch rastlosen Fleiß
zu beträchtlicher Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte, war eher
litterarischer Beschäftigung zugethan. Er führte die Taschenausgaben
ausländischer Klassiker ein, gab die zu ihrer Zeit vielgelesenen
„Erinnerungsblätter“ heraus, schrieb selbst mehrere wichtige
kaufmännische Werke und hat sich noch kurz vor seinem Tode durch
eine Übersetzung von Byrons „Beppo“ und „Childe Harold“ bekannt
gemacht. Seine schriftstellerische Ader vererbte sich nebst manchen
Charaktereigenschaften auch auf Robert, der als jüngstes von fünf
Geschwistern natürlicherweise der Liebling des Hauses war, „der
lichte Punkt“, wie ihn die Mutter nannte. Er genoß die sorgfältigste,
liebevollste Erziehung, besuchte mit dem Beginne des sechsten
Lebensjahres die Döhnersche Sammelschule, ja sogar Klavierunterricht
wurde ihm erteilt, so gut, oder vielmehr so mangelhaft es in dem
unbedeutenden Städtchen damals anging. Zwar fehlte es seinem
Musiklehrer, dem biederen, etwas pedantischen Organisten +Kuntsch+,
gewißlich nicht am besten Willen; allein als Autodidakt, ohne sichere
Methode, war er nicht imstande, das ihm anvertraute Talent in die
rechten Bahnen zu weisen und ihm die Handwerksregeln der Kunst als
treue Geleiter beizeiten zu eigen zu geben.
Früh schon erwachte in dem lebhaften, ehrgeizigen Knaben der
Schaffensdrang. Er verfaßte Räuberkomödien und führte sie mit Hilfe
der Brüder auf einer dazu hergerichteten Bühne zu Hause auf. Auch
wird erzählt, er habe seine Kameraden überaus drastisch am Klaviere
zu charakterisieren gewußt. So liefen poetische und musikalische
Liebhabereien eine Zeitlang nebeneinander her, bis ein zufälliges
Erlebnis zu Gunsten der Musik den Ausschlag gab. Auf einem Ausfluge
nach Karlsbad bekam er nämlich (1819) den Virtuosen +Moscheles+ zu
hören und empfing von dessen Spiele den ersten nachhaltigen Eindruck
seines Lebens. Einen Konzertzettel, den Moscheles berührt hatte,
behielt Schumann noch lange Jahre als kostbare Reliquie in Verwahrung
und sein ganzes Sinnen und Trachten war fortan auf das Klavierspiel
gerichtet. Auch der Beginn der Gymnasialstudien änderte daran nichts
weiter. Vielmehr gab sich Robert im Vereine mit einem gleichgesinnten
Freunde, Piltzing, beinahe ausschließlich den Musikfreuden hin.
Eines Tages geriet dem Zwölfjährigen die Partitur einer Righinischen
Ouverture in die Hand und brachte ihn auf den verwegenen Einfall, die
stummen Zeichen, welche geheimnisvoll und vielverheißend aus dem Hefte
starrten, klingen und ertönen zu lassen. Gedacht, gethan. Ein Orchester
von Mitschülern wird gebildet, Schumann dirigiert und ergänzt die
fehlenden Baßstimmen am Klaviere. Nach und nach erweiterte sich das
Repertoir und wies endlich, zu nicht geringer Befriedigung der kleinen
Künstlergesellschaft, sogar ein Werk ihres Kapellmeisters, den 105.
Psalm für Chor und Orchesterbegleitung auf.
Durch solche Erfolge kühn gemacht, wagte es Robert sich auch außerhalb
des väterlichen Hauses zu produzieren, namentlich bei der Familie
Carus, „wo alles Freude, Heiterkeit, Musik war“, wo er zuerst
die Quartette unserer klassischen Meister kennen lernte. In den
Vortragsabenden des Gymnasiums wirkte er gleichfalls eifrig mit, bald
als Deklamator, bald als Klavierspieler, und entwickelte eine solche
Fertigkeit auf dem Instrumente, daß der alte Kuntsch den Unterricht
mit dem Bemerken einstellte: Robert könne sich nun schon allein weiter
forthelfen.
Mittlerweile hatte Vater Schumann, der Treffliche, ohne selbst
musikalisch zu sein, die Begabung des Sohnes mit richtigem Blicke
erkannt und trug sich alles Ernstes mit dem Gedanken, ihn Musiker
werden zu lassen. Praktisch wie er war, wandte er sich sogleich
an die rechte Thüre, indem er den damals in vollem Ruhmesglanze
erstrahlenden Karl Maria von Weber anging, die Ausbildung des Kindes zu
übernehmen. Obschon sich nun Weber bereit erklärt hatte, zerschlugen
sich dennoch in der Folgezeit die Unterhandlungen, man weiß nicht
aus welchem Grunde. Sicherlich mag ein Teil der Schuld auf die Mutter
fallen, welche sich dem Plane ihres Gatten von Anfang an entschieden
widersetzte, da in ihren Augen der Künstlerberuf mit „schwankender
Zukunft und unsicherem Brote“ gleichbedeutend schien. Robert blieb also
am Gymnasium und das Zwickauer Stillleben nahm seinen Fortgang.
Bald nach dem Scheitern dieses Planes wandte sich die Neigung des
Knaben wiederum der Poesie zu. Die Werke unserer Dichter, wie sie das
väterliche Geschäft in reicher Fülle ihm darbieten konnte, wurden
gierig verschlungen; zu einer im Schumannschen Verlage erscheinenden
„Bildergalerie der berühmtesten Männer mit beigefügtem Texte“ lieferte
Robert im Alter von vierzehn Jahren litterarische Beiträge. Nicht lange
darnach finden wir ihn an der Spitze eines Vereins von Studiengenossen,
welcher nach dem Muster des Göttinger Hainbundes sich die Kenntnis und
Pflege der deutschen Litteratur zum Zweck gesetzt hatte. Schillers
Dramen wurden mit verteilten Rollen gelesen; an Goethe wagte man sich
noch nicht heran; doch scheint wenigstens der Faust schon damals
ein Lieblingsbuch Schumanns gewesen zu sein. Auch Schulze, Houwald,
Müllner, Byron haben nebst den griechischen Schriftstellern größeren
oder geringeren Einfluß auf ihn ausgeübt.
Das Jahr 1826 brachte zwiefache Trauer und Sorgen. Zwei geliebte Wesen
wurden Robert entrissen, das eine ihm über alles teure durch den Tod,
das andere in gewisser Hinsicht gleichfalls auf immer. Schwester Emilie
verfiel in eine unheilbare Gemütskrankheit und am 10. August erlag der
Vater, sein liebreicher, verständnisvoller Führer, einem zehrenden
Siechtum. Da vollzog sich, unter dem Eindrucke dieser schmerzlichen
Ereignisse eine bedeutende Wandlung in Schumanns ganzem Charakter: der
einst so muntere, lebhafte Knabe ward zum stillen, in sich gekehrten,
nachdenklichen Jüngling. „Ich habe Ansichten und Ideen über das Leben
gewonnen, mit einem Worte ich bin mir heller geworden,“ verzeichnet
sein Tagebuch.
Um diese Zeit begann auch die Liebe in Schumanns Brust zu erwachen. Er
schwärmte für Nanni, eine reizende Mädchengestalt, und wenige Wochen
später hatte eine stolze Schönheit, Liddy, sein Herz gewonnen. Nicht
auf lange freilich; denn sie vermochte dem Gedankenfluge Jean Pauls,
in dessen Schriften unser Robert eben damals schwelgte, nicht recht zu
folgen und seine Entrüstung über solche Einfalt machte der zarten Liebe
ein frühzeitiges Ende. Noch einmal traf er darnach mit dem Mädchen auf
einem Ausfluge wieder zusammen und begleitete es auf einen Hügel, wo
sie den Sonnenuntergang genießen wollten. Da -- doch hören wir Schumann
selbst, wie er über diese Begebenheit in einem Briefe berichtet: „Der
ganze Tempel der Natur lag weit und breit vor den trunkenen Augen:
wie eine Thetis hätte ich in diese Blumenströme fliegen und versinken
mögen; denke dir, daß ein verblühtes Ideal in der Brust still wieder
aufzukeimen begann, daß dieses verlorene Ideal an meiner Seite stand!
Und endlich, da die Sonne erst untergetaucht war und Frühlinge von
blühenden Rosen aus dem sterbenden Strahle aufdämmerten, als die
Höhen der Berge glühten, die Wälder brannten und die unermeßliche
Schöpfung in sanfte Rosenmassen zerfloß, da ich so hineinschaute in
diesen Purpurocean und alles, alles sich zu +einem+ Gedanken formte
und ich den großen Gedanken der Gottheit dachte und Natur, Geliebte
und Gottheit entzückt vor mir standen -- siehe -- da zog im Osten eine
schwarze Wolke herauf und ich ergriff Liddys Hand und sagte zu ihr:
‚Liddy, so ist das Leben,‘ und ich wies auf den schwärzlichen Purpur
am Horizonte -- und sie sah mich wehmütig an -- und eine Thräne glitt
von ihrer Wange. Da glaubte ich’s wieder gefunden zu haben das Ideal
und schweigend pflückte ich eine Rose. Aber ein Donnerschlag und ein
Blitzstrahl fuhr im Osten herauf, als ich sie ihr geben wollte -- und
ich nahm die Rose und zerzupfte sie -- jener Donnerschlag hatte mich
aus einem schönen Traume aufgeweckt. Ich war wieder auf +der Erde und
das hohe Bild des Ideals verschwunden, wenn ich an die Reden denke, die
sie über Jean Paul führte+.“
Bedarf es darnach etwa weiterer Zeugnisse für seine Verehrung des
großen Humoristen? Schumann stellte ihn damals über alle anderen
Dichter und konnte auch später, als er bereits im vollen Mannesalter
stand, noch bitterböse werden, wenn jemand den Wert seines Lieblings
herabzusetzen wagte. (Vgl. +Hanslick+, Aus dem Konzertsaal, S. 392.)
„Wenn die ganze Welt Jean Paul läse,“ heißt es in einem anderen Briefe,
„so würde sie bestimmt besser, aber unglücklicher; er hat mich oft
dem Wahnsinn nahe gebracht. Aber der Regenbogen des Friedens schwebt
immer sanft über allen Thränen und das Herz wird wunderbar erhoben und
milde verklärt.“ Daß die Gedichte, welche er in jener Zeit verfaßte
und die ein hübsches Verstalent verraten, von Jean Paulschen Wendungen
strotzen, kann man sich nach der obigen Stilprobe leicht vorstellen.
In derselben überschwenglichen Sprache sind auch seine beiden Romane
(Juniusabende und Selene), von denen aber nur der erste fertig geworden
ist, geschrieben. Doch wäre es irrig, den jungen Schumann für einen
fortwährenden Träumer und Sentimentalen zu halten, denn wir vernehmen
auch von lustigen Spritzfahrten mit seinen Genossen Rascher und
Walther, wobei tüchtig gekneipt, geküßt und schließlich „wankend und
schwankend“ nach Heim gezogen wird.
Inzwischen glomm unter der Asche seiner verloschenen Musikerhoffnungen
die Liebe zur Tonkunst still, aber unvertilgbar weiter, so daß es
nur eines Windhauches bedurfte, um sie aufs neue zur hellen Flamme
zu entfachen. Da traf im Sommer 1827 eine Verwandte des Carusschen
Hauses, die junge Gattin des Colditzer Arztes Dr. Ernst Carus, in
Zwickau zu Besuch ein und „Fridolin“ -- so wurde Schumann von der
befreundeten Familie scherzweise genannt -- wandte sich, von ihrem
seelenvollen Gesange begeistert, mit Leidenschaft wieder der Musik zu.
Durch sie machte er die Bekanntschaft mit Schuberts und Mendelssohns
Tonwerken, durch sie wurde er zu neuerlichen Kompositionsversuchen
angeregt. Allein da sein Vormund, der Kaufmann Rudel, mit der Mutter
in der Verurteilung des Künstlerberufes eines Sinnes war, schien jede
Aussicht, der Musik leben zu können, versperrt, und Robert wagte auch
nicht, teils aus Mangel an Thatkraft, teils aus Rücksicht für die
zärtlich geliebte Mutter, dem Wunsche der letzteren zu widerstreben.
Zu Ostern 1828 verließ er das Gymnasium. Wohlbewandert in den
klassischen Sprachen -- sogar an dem von seinem Bruder Karl verlegten
_Thesaurus totius latinitatis_ hat er mitgearbeitet -- bestand er die
Abgangsprüfung mit glänzendem Erfolge. Bevor er sich aber nach Leipzig
begab um Jus zu studieren, geleitete er noch einen jüngst gewonnenen
Freund, den Studenten +Gisbert Rosen+ auf seiner Fahrt nach Heidelberg.
Schwärmerische Verehrung für den Dichter des „Titan“ verband die
beiden, gleichgestimmten Jünglinge, die natürlicherweise Bayreuth als
nächstes Reiseziel erkoren und in der alten Markgrafenstadt ein paar
selige Stunden dem Andenken ihres Abgottes weihten. Am nächsten Tage
gings über Nürnberg und Augsburg nach München, wo sie Heinrich Heine
und den Maler Zimmermann kennen lernten. Hier in München trennten sich
ihre Wege. Rosen eilte über Augsburg dem Neckar zu, indessen Schumann
nach Sachsen zurückkehrte, dem Schicksal grollend, das die Menschen
zusammenführt, vereint und wieder voneinander reißt.
2. Die Studienjahre.
Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
+Goethe.+
„Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh
werden kann. Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten
Bergschlosses und lächelst vergnügt und heiter die Blüten des Juni
an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlösser
und meiner Träume stehe, und weinend in den düsteren Himmel meiner
Gegenwart und Zukunft blicke; überhaupt fliehe ich die erbärmlichen
Menschen und bin manchmal so recht zerknirscht über die Winzigkeit und
Erbärmlichkeit dieser egoistischen Welt. Ach, eine Welt ohne Menschen,
was wäre sie? Ein unendlicher Friedhof, ein Totenschlaf ohne Träume,
eine Natur ohne Blumen und Frühling, ein toter Guckkasten ohne Figuren
-- und doch! Diese Welt mit Menschen, was ist sie? Ein ungeheurer
Gottesacker eingesunkener Träume, ein Garten mit Cypressen und
Thränenweiden, ein stummer Guckkasten mit weinenden Figuren.“ Solche
Ergüsse, an Freund Rosen gerichtet, kennzeichnen die Gemütsstimmung,
in welcher der nunmehrige _stud. jur._ Schumann die ersten Tage in
Leipzig verlebte, deutlich genug. „Die Natur -- wo finde ich sie
hier?“ klagt er bald darauf der Mutter, „kein Thal, kein Berg, kein
Wald, wo ich so recht meinen Gedanken nachhängen könnte, kein Ort,
wo ich allein sein kann, als in der verriegelten Stube, wo es unten
ewig lärmt und spektakelt.“ Die Leipziger Burschenschaft, in welcher
damals eine recht neblige Deutschtümelei herrschte, entsprach seinen
idealen Vorstellungen ganz und gar nicht und er trat bald mit anderen
Gleichgesinnten zur Verbindung „Markomannia“ über, ohne darum im
studentischen Leben vollständig aufzugehen. Musik und Poesie trugen
über Kneipe und Fechtboden fast immer den Sieg davon.
Allmählich begannen die Wogen seines Schmerzes gelinder zu schlagen.
Im benachbarten Zweinaundorf fand er einen Ort, der seinen Natursinn
einigermaßen zufrieden stellte; auch fügte sich’s günstig, daß jene
Verwandte der Carusschen Familie, von der oben als trefflicher
Sängerin die Rede war, mit ihrem Gatten nach Leipzig übersiedelte.
Schumanns musikalische Natur empfing in dem musikfreundlichen Hause
mannigfaltige Anregung und Pflege, zumal da die hervorragendsten
Künstler der Stadt daselbst zu verkehren pflegten. Von hoher Bedeutung
wurde für ihn namentlich die Bekanntschaft mit +Friedrich Wieck+, dem
berühmten Klavierlehrer und dessen neunjähriger Tochter +Klara+. An dem
Spiele der kleinen Virtuosin konnte er recht deutlich absehen, welche
Erfolge durch einen planvollen, methodischen Unterricht zu erzielen
sind und war eifrig bemüht, die Mängel der eigenen Technik, wie sie
sich bei einem Autodidakten mit Notwendigkeit herausstellen müssen,
unter Wiecks kundiger Leitung wieder auszugleichen. Seinem Lehrer
erwuchs hier die heikle Aufgabe, die halberblühte Knospe noch einmal
zusammenzufalten, was bis zu einem gewissen Grade in der That auch
gelang; nur von der Unentbehrlichkeit theoretischer Musikkenntnisse
war Schumann einstweilen nicht zu überzeugen. Statt Harmonielehre zu
treiben, versenkte er sich in Gemeinschaft mit einigen musikalischen
Kommilitonen in die Schätze deutscher Kammermusik, studierte Bachs
„Wohltemperiertes Klavier“ und entzückte sich an den Tonwerken des
jüngst verstorbenen Meisters Schubert, welchen er gern mit Jean Paul zu
vergleichen pflegte. „Wenn ich Schubert spiele, so ist mir’s, als läs’
ich einen komponierten Roman Jean Pauls.“ Unter Schubertschem Einflusse
entstanden auch mehrere eigene Kompositionen, Polonaisen, Variationen
und ein Dutzend Lieder, welch letztere er an G. Wiedebein, einen
damals geschätzten Liederkomponisten, zur Beurteilung einschickte.
Die Antwort fiel günstig aus: „Sie haben viel, sehr viel von der Natur
empfangen; nützen Sie es und die Achtung der Welt wird Ihnen nicht
entgehen.“
An dem öffentlichen Musiktreiben Leipzigs, welches seit dem Ende der
zwanziger Jahre immer reicher und reicher erblühte, nahm Schumann
lebhaften Anteil. Der Thomanerchor, die Gewandhauskonzerte, erfreuten
sich schon damals eines ausgezeichneten Rufes, ja selbst die
untergeordneteren Institute, z. B. der Orchesterverein „Euterpe“ oder
die Matthäischen Quartettakademien boten achtbare Leistungen. Minder
Gutes läßt sich von dem etwas verwahrlosten Theater sagen; doch besaß
es wenigstens an seinem Kapellmeister Marschner eine bedeutende Kraft,
so daß man im allgemeinen der Behauptung Schumanns beipflichten kann,
es gebe in Deutschland keinen besseren Ort für einen jungen Musiker als
Leipzig.
Jawohl, für einen Musiker! Aber war er denn ein solcher? Gehörte er
nicht ins Kollegium, vor das _Corpus juris_, statt in den Konzertsaal
und vors Klavier? Das ist die bedenkliche Seite seines Leipziger
Universitätslebens. Zwar wird in den nach Zwickau gerichteten Briefen
von fleißigem Kollegienbesuche gesprochen und über die Eiskälte der
Rechtswissenschaften gejammert; allein aus den Briefen an vertraute
Freunde geht mit Sicherheit hervor, daß Schumann fast nie ein
juristisches Kollegium besucht, geschweige denn ein juristisches
Buch zur Hand genommen hat. Wohl aber hörte er die Vorlesungen des
Philosophen Krug und las Fichtes, Kants und Schellings Schriften.
Im folgenden Jahre vertauschte Robert die Leipziger Hochschule mit
der in Heidelberg. Wenn er indessen der Mutter, um ihre Einwilligung
zu erhalten, als Grund dieses Wechsels angiebt, daß dort die
berühmtesten Professoren lehrten, so ist das bei einem Studenten, der
die Überzeugung hegt, „daß alle Kollegien überhaupt nur Eseln nützen
können,“ bloß eitel Vorwand. In Wahrheit wollte er aus dem von der
Natur recht stiefmütterlich bedachten Leipzig heraus -- zumal da Wieck
den Klavierunterricht kurz zuvor wegen Zeitmangels eingestellt hatte --
wollte andere Menschen kennen lernen und vor allem wieder einmal Freund
Rosen in die Arme schließen. Die gute Mutter war bald überredet und
Schumann wandte seelenvergnügt dem „erbärmlichen Leipzig“ den Rücken.
Das war eine Fahrt, unter blauem Himmel über lachende Frühlingsau’n!
Dazu hatte ihm der Zufall in +Willibald Alexis+ einen geistvollen
Gefährten beigesellt, dem er sogar noch eine Strecke rheinabwärts
bis Koblenz das Geleite gab. In einem reizenden Briefe an die Mutter
schildert er ausführlich all seine Reiseerlebnisse, beschreibt die
lieblichen Mainlande, das interessante Frankfurt, die herrlichen Abende
am Rhein und vergißt auch nicht einige Bemerkungen über die Kost und
-- die Mädchen einzuflechten. Nur eine Stelle aus dem merkwürdigen
Berichte sei herausgehoben: „Um neun Uhr fuhren wir von Wiesbaden
ab. Ich drückte die Augen zu, um den ersten Anblick des alten,
majestätischen Vater Rhein mit ganzer Seele genießen zu können; und wie
ich sie aufschlug, lag er vor mir, ruhig, still, ernst und stolz wie
ein alter, deutscher Gott und mit ihm der ganze blühende, grüne Gau
mit seinen Bergen, Thälern und Rebenparadiesen.“ Es liegt ein Stück
Kulturgeschichte in diesen Worten; noch wenige Jahrzehnte zuvor konnte
der Deutsche mit dem Namen „Rhein“ nur die Vorstellung seiner Reben
verbinden; jetzt haftet an ihm eine Reihe mythischer Anschauungen,
jetzt ist er eine Art Heiligtum unseres Volkes geworden, und das
Weinlaub, das sein ehrwürdiges Haupt umkränzt, wird vom Epheu der Sage
beinahe überwuchert. Die Poesie dieses Stromes musikalisch zu erfassen,
wie es später Liszt in der „Lorelei“ oder Wagner in den „Nibelungen“
gethan hat, mußte Schumann allerdings versagt bleiben: sie war damals
beinahe noch ein ausschließliches Eigentum der Dichtkunst.
In Heidelberg, „der Vaterlandsstädte schönster“, führte Schumann mit
Rosen ein wahres Götterleben. Freilich, wenn er nach Hause schreibt,
daß ihm bei +Thibaut+ selbst das Jus besser schmecke, daß er jetzt
die Würde der Jurisprudenz begreifen lerne, so ist das gar nicht
buchstäblich zu nehmen. Der große Gelehrte betrieb, wie er offen zur
Schau trug, seine Wissenschaft nur mit Unlust und es war ein Ausspruch
von ihm bekannt, er würde, wenn er nochmals zu leben hätte, lieber
Musiker werden, als Pandektist. Solche Denkungsweise eroberte ihm
Schumanns Herz im Sturme, so wenig sich der Verehrer Schuberts sonst
mit dem musikalischen Glaubensbekenntnisse des greisen Professors auch
befreunden konnte. Thibaut hatte nämlich in seinem 1825 erschienenen
Buche „Über die Reinheit in der Tonkunst“ eine archaische Richtung
eingeschlagen und pflegte die Werke der alten Meister in seinem Hause
aufführen zu lassen. Auch Schumann wurde diesen Abendunterhaltungen
beigezogen. „Sie glauben kaum,“ schreibt er an Wieck, „was ich bei ihm
für herrliche, reine, edle Stunden verlebt habe und wie sehr seine
Einseitigkeit und pedantische Ansicht über Musik bei dieser unendlichen
Vielseitigkeit und bei diesem belebenden, entzündenden und zermalmenden
Geiste schmerzt.“
Der trefflichen Lehrer ungeachtet wurden die Kollegien aber nach
wie vor arg vernachlässigt. In dieser Hinsicht war Schumann einmal
unverbesserlich. Viel lieber durchstreifte er die reizende Umgebung
Heidelbergs oder stürzte sich, als der Winter seinen Ausflügen ein
Ziel setzte, in den Strudel des lustigen Studentenlebens. „Fast
alle Abende,“ heißt es in einem Briefe an die Mutter, „bin ich
in Gesellschaften oder auf Bällen.“ Bald treffen wir ihn bei den
Schlittenfahrten, welche die Studentenvereine -- er gehörte der
Saxoborussia an -- in großem Stile veranstalteten, bald und zwar am
häufigsten huldigt er dem Tanzvergnügen. Zugleich bereitet er sich
zu einer „italienischen Reise“ vor, welche in den zwischen Winter-
und Sommersemester eingeschalteten Ferien angetreten werden sollte
und treibt zu diesem Behufe das Studium der italienischen Sprache.
Einen Teil der Sonette Petrarkas hat er zu dieser Zeit mit wunderbarer
Treue und Gewandtheit, wie erzählt wird, metrisch ins Deutsche
übertragen. Mutter und Vormund wollten anfangs von dem kostspieligen
Plane begreiflicherweise nichts wissen, aber Robert legte ihnen so
eindringlich dar, daß die Ferien ja nicht zum Studium der Bücher,
als vielmehr der Welt, d. h. zum Reisen angeordnet seien, drohte
schließlich gar das erforderliche Geld wo anders auszuleihen, bis er
zuletzt doch die Bewilligung erhielt und im August, das Ränzel am
Rücken, den Stab in der Hand, gleich Eichendorffs lustigem Taugenichts
sein liebes Heidelberg verlassen konnte.
Nachdem er die majestätische Alpenwelt durchzogen, stieg er nieder ins
wälsche Gefilde. Sechs Tage wurden unter allerhand kleinen Abenteuern
in Mailand zugebracht, wo er auch zum erstenmale (im Scalatheater)
italienische Musik und Gesangeskunst zu hören Gelegenheit hatte. Eine
bedenkliche Abnahme des Reisegeldes zwang ihn endlich in Venedig zur
Umkehr. Mit geringer Barschaft, aber reich an Erfahrungen traf er im
Oktober 1829 wieder in der Neckarstadt ein.
Während des folgenden Winterhalbjahres bildete wieder die Musik
Schumanns eigentliches Studium. Als Klavierspieler war er in
ganz Heidelberg berühmt, namentlich seit er in einem Konzerte
des Musikvereins die Alexandervariationen von Moscheles glänzend
vorgetragen hatte. Am liebsten jedoch musizierte er in engem
Freundeskreise und riß namentlich durch seine freien Phantasien auf
dem Piano alle Hörer unwiderstehlich hin. Sein Studiengenosse +Töpken+
erzählt, daß ihm diese unmittelbaren Ergüsse Schumanns immer einen
Genuß gewährt hätten, wie er ihn später, so große Künstler er auch
gehört, in der Art nie wieder gehabt habe.
Wie im verflossenen Winter gab sich Schumann auch diesmal den
Karnevalsfreuden rückhaltlos hin. Auf den öffentlichen und privaten
Bällen Heidelbergs und Mannheims -- die beiden Städte standen in
Bezug auf gesellige Unterhaltungen in regem Wechselverkehr -- durfte
der wohlgebildete, stattliche Jüngling als vorzüglicher Tänzer nicht
fehlen. Daß dabei viel, sehr viel Geld aufging, kann man sich denken,
und es brauchte langer Bitten, ehe der Vormund überredet war, sein
flottes Mündel in dem teuren Heidelberg zu belassen.
Da sein väterliches Erbteil nicht hinreichte, um von den Zinsen zu
leben, gar für einen Menschen, der an solche Ansprüche gewöhnt war
wie Robert, hätte er sich nunmehr ernstlich auf das Studium werfen
sollen. Allein im Grunde seines Herzens stand bereits der Entschluß
fest, die Künstlerlaufbahn trotz aller Hindernisse zu betreten, und
das wunderbare Spiel Paganinis, den zu hören er zu Ostern 1830 nach
Frankfurt geeilt war, scheint diesen Entschluß zu völliger Reife
gebracht zu haben. Am 30. Juli endlich eröffnete er der Mutter
sein Vorhaben in einem langen Briefe: „Mein ganzes Leben war ein
zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus. Jetzt stehe ich am
Kreuzwege und erschrecke bei der Frage: Wohin? Folg’ ich meinem Genius,
so weist er mich zur Kunst und ich glaube den rechten Weg. Schreibe du
selbst an Wieck in Leipzig und frage ihn, was er von mir und meinem
Lebensplane hält. Fällt er ein günstiges Urteil, nun, so fehlt es an
Fortkommen und Ruhm sicherlich nicht.“ Die Bestürzung der Mutter, als
sie vernahm, daß ihr Robert, den sie bald am Ziele seines Studiums
wähnte, einen ganz neuen Beruf ergreifen wolle, war ungeheuer. Zitternd
und ängstlich schrieb sie an Wieck: „Auf Ihrem Ausspruche beruht
+alles+, die Ruhe einer liebenden Mutter, das ganze Lebensglück eines
jungen unerfahrenen Menschen, der bloß in höheren Sphären lebt und
nicht ins praktische Leben eingehen will. Ich bitte und beschwöre
Sie als Gatte und Vater, als Freund meines Sohnes, handeln Sie als
redlicher Mann und sagen Sie unumwunden Ihre Ansichten, was er zu
fürchten oder zu hoffen hat.“
Wieck antwortete mit einem glänzenden Zeugnisse, das die sorgende Frau
einigermaßen beruhigen konnte. Sie versagte darnach ihre Einwilligung
nicht, und Schumann, überglücklich über den günstigen Ausgang dieser
folgenschweren Angelegenheit, reiste zum zweitenmale, aber froheren
Mutes als Schüler nach Leipzig. „Ich vertraue Ihnen ganz, ich gebe mich
Ihnen ganz, nehmen Sie mich wie ich bin und haben Sie vor allen Dingen
Geduld mit mir. Kein Tadel soll mich niederdrücken und kein Lob wird
mich faul machen. Ich wollte, Sie könnten jetzt in mich sehen; es ist
still darinnen, nur um das ganze Welthaupt geht ein leiser, leichter
Morgenduft.“ Mit diesen Worten führte er sich bei dem verehrten Lehrer
ein.
3. Erste Künstlerzeit.
Ich hasse alles, was nicht vom innersten Drange kommt.
+Schumann+, Jugendbriefe, S. 159.
Überblicken wir Schumanns bisherigen Entwickelungsgang, so
fällt sogleich auf, daß er sich erst unverhältnismäßig spät dem
Künstlerberufe widmete, daß seine Erziehung auf ganz andere Ziele
gerichtet gewesen war, als auf die, welche ihm fernerhin einzig und
allein vorschweben sollten und daß ihm theoretische Kenntnisse in
der Musik beinahe noch gänzlich fehlten. Dagegen besaß er eine nicht
gewöhnliche Fertigkeit am Klaviere, feinen musikalischen Sinn und ein
hervorragendes Interpretationsvermögen. Unvergeßlich ist es seinen
Heidelberger Freunden geblieben, wie er z. B. Webers „Aufforderung zum
Tanze“ vorzutragen und während des Spieles zu erläutern wußte. „Jetzt
spricht sie,“ sagte er, „das ist der Liebe Kosen; jetzt spricht er, das
ist des Mannes ernste Stimme. Jetzt sprechen sie beide zugleich und
deutlich höre ich auch, was beide Liebende einander sagen.“
Solche Eigenschaften, der mächtige Zug der Zeit und die Hoffnung auf
baldigen Erwerb wiesen Schumann gebieterisch in die Virtuosenlaufbahn,
zu welcher er sich denn auch mit wahrem Feuereifer vorbereitete. In
drei bis vier Jahren hoffte er den hochverehrten Moscheles erreichen
zu können. Allein während der beseligende Gedanke, nun völlig der
Kunst anzugehören, und die Voraussicht künftiger Meisterschaft ihm die
Brust mit stiller Heiterkeit erfüllte, stand es nicht eben günstig um
seine äußeren Verhältnisse. Die Brüder, über den plötzlichen Wechsel
des Berufes ein wenig verstimmt, unterstützten ihn nur sehr spärlich
mit Geld, so daß er in allerlei lästige Verlegenheiten geraten mußte.
Erst nach einem Besuche Schumanns in Zwickau zu Ostern 1831 erscheint,
wahrscheinlich durch Vermittelung der Mutter, welche jetzt immer tapfer
auf seiner Seite stand, das frühere herzliche Einvernehmen mit der
Familie wieder hergestellt.
„Nun ist der Himmel so schön blau,“ schreibt er bald darauf nach Hause,
„daß ich jemand haben möchte, dem ich’s so recht sagen könnte, wie
glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges
Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich manchmal recht
den Augenblick der Gegenwart fühle. Es ist nämlich eine schöne Sache
um einen jungen Dichter und vollends um einen jungen Komponisten.
Du kannst gar nicht glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er
sich sagen kann: dies Werk ist ganz dein, kein Mensch nimmt dir dies
Eigentum und kann dir’s nicht nehmen, denn es ist ganz dein; o fühltest
du dieses +Ganz+! Da der Grund zu diesem Gefühle nur selten kommt,
da der Genius nur ein Augenblick ist, so bricht es dann auch in
seiner ganzen Schönheit hervor und erzeugt eine Art von beruhigendem
Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht.“
Was diese Briefstelle erst andeuten, aber noch nicht offen verraten
wollte, kommt schon in den nächsten Monaten zu Tage. Schumann hatte
nämlich den Sommer benützt, um einige noch in Heidelberg entworfene
Kompositionen auszuführen und konnte schon am 21. September der Mutter
das Erscheinen seines ersten Werkes: _Thème sur le nom Abegg, varié
pour le pianoforte_ ankündigen. „Wüßtest du, was das für Freuden sind,
die ersten Schriftstellerfreuden! Stolz wie der Doge von Venedig mit
dem Meere, vermähle ich mich zum erstenmale mit der großen Welt.“
Gewidmet ist die im Walzerrhythmus gehaltene Gelegenheitsarbeit einer
fingierten Comtesse Pauline d’Abegg, hinter welcher eigentlich eine
Mannheimer Ballbekanntschaft, Meta Abegg, die Verehrte eines Freundes,
steckt. Auch in Opus 2, den +Papillons+, zwölf kleinen, flatternden und
schäkernden Stücken, das letzte Kapitel der „Flegeljahre“ Jean Pauls
in Töne umgesetzt, bedient er sich noch der Tanzform. Außerdem sollte
damals eine Toccata (_op._ 7) vollendet werden, doch hielt ihn von
der Ausarbeitung die während der Komposition der obengenannten Werke
gewonnene Einsicht von der Notwendigkeit theoretischer Musikkenntnisse
zurück. Er nahm gegen Ende des Jahres, als Wieck mit seiner Tochter
auf einer Kunstreise nach Paris begriffen war, bei +Heinrich Dorn+,
Kapellmeister am Leipziger Theater, Unterricht. Freilich wollte das
trockene Studium einem Phantasiemenschen seines Schlages gar nicht
behagen. „Mit Dorn werde ich mich nie amalgamieren können,“ klagt
er an Wieck; „er will mich dahin bringen unter der Musik eine Fuge
zu verstehen.“ Allein später, nachdem die Vergangenheit bereits ihr
verklärendes Licht über jene Lehrzeit gebreitet hatte, gab er dem
Lehrer seine Dankbarkeit mit bewegenden Worten kund. Ihre Berechtigung
soll hier nicht näher untersucht werden; genug, daß der Schüler, als
Dorn im Frühling 1832 nach Hamburg abberufen wurde, schon so weit
vorgeschritten war, um sich mit Nutzen weiter bilden zu können und
hinreichende Sicherheit zu besitzen glaubte, um eine so „herkulische“
Arbeit, wie es die +Übertragung der Violinkaprizen Paganinis+ für
das Pianoforte war, zu unternehmen. Der kühne Versuch gelang und
fand auch gebührende Anerkennung. Namentlich freute sich Schumann
über eine sehr wohlwollende Recension seines Werkes in Haslingers
„Musikalischem Anzeiger“, die dem Dichter Grillparzer zugeschrieben
wird, wahrscheinlich aber von dessen Bruder Camillo herrühren
dürfte. In geistreicher Weise sind die leicht schwebenden, auf die
raffinierteste Violintechnik berechneten Etüden harmonisch ausgebaut,
ohne dadurch beschwert oder herabgezogen zu werden.[2] Aus derselben
Zeit stammt auch Opus 4, die +Intermezzi+, liedförmig entwickelte
Tonsätze verschiedenen Charakters. Ihr Titel erklärt sich aus dem
ähnlichen Gebrauche dieses Wortes in Eichendorffs, Heines und anderen
Gedichtsammlungen.
Trotz dieser schöpferischen Thätigkeit und der emsig fortgesetzten
theoretischen Studien brauchten die Vorbereitungen zur
Virtuosenlaufbahn keineswegs lässiger betrieben zu werden. Schumann
widmete sich eben vom frühen Morgen bis tief in die Nacht der Musik
und verkehrte im allgemeinen nur wenig mit der Außenwelt. Aber gerade
das Streben nach raschester Vervollkommnung sollte ihm verhängnisvoll
werden, denn er zog sich durch ein unglückliches Experiment, welches
die Unabhängigkeit der Finger voneinander beschleunigen sollte, eine
Lähmung des rechten Mittelfingers zu, die später, infolge verkehrter
Behandlung, eine Zeit lang sogar die Hand ergriff und alle seine
Virtuosenträume für immer zu nichte machte. Soviel aus Schumanns
gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war, hatte er den bezeichneten
Finger vermittelst einer selbst erfundenen Vorrichtung, während die
übrigen Finger übten, emporgezogen und durch die übergroße Anspannung
ein Erschlaffen der Sehne verursacht. Glücklicherweise schien anfangs
Aussicht auf Genesung vorhanden zu sein, so daß der Arme nicht gleich
verzweifeln mußte, sondern nach dem ersten nicht geringen Schrecken den
guten Mut bald wiedergewann. Einstweilen, bis der Finger geheilt wäre,
beschloß er, sich mit doppelter Kraft auf die Komposition zu werfen
und schrieb, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, „ganz nach
eigenem Sinne und ohne Anleitung“ einen symphonischen Satz, der später
auch wirklich in einem Konzerte der Klara Wieck (18. November 1832) zur
Aufführung gelangte, obendrein in seiner Vaterstadt. Schumann war zu
diesem für ihn hochwichtigen Ereignisse natürlicherweise nach Zwickau
geeilt und blieb daselbst den Winter über, mit der Umarbeitung seines
Werkes, auf welches er große Hoffnungen setzte, eifrig beschäftigt. In
der neuen Gestalt wurde es dann am 12. Februar 1833 im benachbarten
Schneeberg gespielt. Schon einige Wochen später kehrte der junge Autor
nicht ohne Stolz und Selbstbewußtsein nach Leipzig zurück.
Er bezog eine reizende Wohnung in Riedels Gärten, wie sie ein stilles
Dichtergemüt nur wünschen konnte, voll Sonnenschein, Blütenduft und
Vogelgesang. Das zweite Heft der Kaprizen und die phantasiereichen
„_Impromptus sur une Romance de Clara Wieck, dedié à Monsieur Fr.
Wieck_“ (_op._ 5), eine Huldigung an das befreundete Künstlerpaar,
sind hier im Laufe des Frühlings entstanden. Schumann wandte sich
also, offenbar mißtrauisch gegen seine symphonische Begabung wieder
der Klaviermusik zu. Zwar trat seine Symphonie noch ein drittes Mal
in einem Wieckschen Konzerte im Gewandhause an die Öffentlichkeit,
ist aber nie im Druck erschienen. Immerhin diente sie dazu, ihm die
Freundschaft namhafter Musiker, Hauser, Pohlenz und Stegmeyer, mit
denen er fortan häufig verkehrte, zu erwerben. Schumann war gerade
damals viel geselliger als je in späteren Jahren. Er pflegte des
Abends, nach beendigter Tagesarbeit das Restaurant zum „+Kaffeebaum+“
aufzusuchen, wo er im Kreise von Bekannten einige Stunden zubrachte.
Es waren fast ausschließlich Künstler und Altersgenossen, die dort
zusammenkamen: Wenzel, Knorr, Stegmayer, Ortlepp, Dr. Reuter, Lühe
und Lyser. Auf Schumanns Vermittlung hin stellte sich auch Wieck
ein, der gelegentlich sogar Klara mitbrachte und -- als Ältester --
den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft abgab. Robert aber saß
seitwärts in einer versteckten Ecke, den Kopf auf den Arm gestützt,
die unentbehrliche Cigarre im Munde, mit halbgeschlossenen Augen, wie
in Traum verloren. Dann wieder auflebend bis zur Gesprächigkeit und
Lebhaftigkeit, wenn ein interessanter Ideenaustausch angeregt wurde,
so daß man das Erwachen aus seiner Versunkenheit, das Heraustreten an
die Außenwelt beobachten konnte. (Brendel.) Das Gespräch bewegte sich
gewöhnlich um die musikalischen Zustände Deutschlands, welche eben in
jener Zeit nichts weniger als erfreulich zu nennen waren; insbesondere
in Bezug auf die Klaviermusik. Hier dominierten Herz, Hünten, Czerny
mit ihrem brillanten Floskelwesen und leeren Klingklang, während
die kürzlich verstorbenen Meister Beethoven, Weber, Schubert schier
vergessen schienen und jungen, bedeutenderen Talenten, wie Chopin,
Mendelssohn und andern keine Beachtung zu teil wurde. Sie begegneten
einer Kritik, die, allen neuen und außergewöhnlichen Erscheinungen
abhold, dieselben entweder schonungslos herunterriß oder vollständig
totschwieg, jedes oberflächliche Machwerk dagegen, sofern es nur in
althergebrachter Manier verfertigt war, ungebührlich lobte. So geschah
es z. B. in der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, seitdem
die Redaktion aus den Händen des alten, trefflichen +Rochlitz+ in
jene G. W. +Finks+ übergegangen. In Berlin führte +Rellstab+, der
Herausgeber der „Iris“ sein gefürchtetes Richtschwert gegen Schumann,
Chopin, Mendelssohn und Schubert. Neben diesen zwei kritischen
Zeitschriften kommt der Wiener „Musikalische Anzeiger“ (redigiert von
Castelli) gar nicht in Betracht; er pries das Beste und Schlechteste,
all einerlei.
Da fuhr eines Junitages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt
uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, daß die Poesie
in der Kunst wieder zu Ehren komme, daß der musikalische Zopf und die
kritische Honigpinselei ein Ende habe! So entstand der Plan einer neuen
Zeitschrift für Musik, in deren Leitung sich Wieck, Knorr, Ortlepp,
Schumann und Stegmayer teilen sollten. Freilich bis zur Verwirklichung
hatte es noch gute Wege. Hoffmeister, der zur Übernahme des Verlages
ausersehen war, zauderte trotz endloser Unterhandlungen. Auch fehlte
es nicht an Differenzen zwischen den Herausgebern selbst. Wieck
zum Beispiel, der eigentlich bloß seinen Namen hergab, fühlte sich
zurückgesetzt, wenn einer der jungen Leute die Betreibung der Sache
energisch in die Hand nahm. Ohne Schumanns hingebungsvolle Thätigkeit
wäre das Unternehmen sicherlich noch gescheitert. Wie wohl er sich in
dem neuen Wirkungskreise befand, läßt sich aus den tollen Streichen
ermessen, die er den Sommer über mit seinen Genossen inscenierte.
Es kam vor, daß er sie auf der Heimkehr aus dem „Kaffeebaum“ noch
um Mitternacht in den Riedelschen Garten lud; das Gitter ward mit
Lebensgefahr überklettert, der Kellner des Weinschanks, der sich im
Hause befand, herausgetrommelt und unter den rauschenden Bäumen begann
ein übermütiges Gelage.
War nun die Überanstrengung durch die Vorarbeiten zur Zeitschrift
oder eine Verkühlung schuld oder beides zugleich -- er verfiel nach
solch einer nächtlichen Schwärmerei in eine schwere Nervenkrankheit.
Unglücklicherweise mußte den Genesenden noch die erschütternde
Nachricht von dem Tode seiner Schwägerin Rosalie und seines Bruders
Julius treffen, wodurch die Erholung neuerdings hinausgeschoben wurde.
Erst im Dezember durfte er die Arbeit an der Zeitschrift wieder
aufnehmen.
Um dieselbe Zeit, zu Ende des Jahres 1833, hatte ein junger
schwäbischer Musikus Leipzig zum dauernden Aufenthalt erkoren und
wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schumannschen Freundeskreise
bekannt. „In Krauses Keller trat ein junger Mensch an uns heran, alle
Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wollten eine Johannesgestalt
an ihm finden, andere meinten, grübe man in Pompeji einen ähnlichen
Statuenkopf aus, man würde ihn für den eines römischen Imperators
erklären. Alle jedoch stimmten darin überein, daß es ein Künstler
sein müsse, so sicher war sein Stand von der Natur schon in der
äußerlichen Gestalt gezeichnet -- nun, ihr habt ihn ja alle gekannt;
die schwärmerischen Augen, die Adlernase, den feinironischen Mund,
das reiche, herabfallende Lockenhaar und darunter einen leichten,
schmächtigen Torso, der mehr getragen schien als zu tragen. Bevor er an
jenem Tage des ersten Sehens uns leise seinen Namen „+Ludwig Schunke+
aus Stuttgart“ genannt hatte, hörte ich innen eine Stimme: ‚das ist
der, den wir suchen‘ -- und in seinen Augen stand etwas Ähnliches.“
Schumann gewann an dem edlen, liebenswürdigen Künstler einen teuren
Herzensfreund, die Zeitschrift einen ihrer wärmsten Verfechter. Dank
seines werkthätigen Beistandes konnte die erste Nummer schon im April
erscheinen.
Ihr von Schumann entworfenes Programm war im wesentlichen eine
Paraphrase des Goetheschen Lehrspruches: