#Swirlu# -- so hieß unser neuer Reisegefährte -- konnte sich gar nicht

von seinem Erstaunen erholen; und er würde vor Freuden über diese

Luftfahrt toll geworden sein, wenn diese Freude nicht durch die Furcht

von Zeit zu Zeit wäre gemäßiget worden. Als wir ihm sagten, daß wir nach

der Hauptstadt #Sepolis# im Königreiche #Biribi# wollten, um von da nach

#Momoly# zu kommen, so rieth er uns, dort gar nicht niederzusteigen,

sondern oben drüber weg zu segeln; weil wir in diesem Lande -- wo der

Militärdespotismus eben so wohl, als in #Plumplatsko# zu Hause sei --

gar leicht in eben dieselben Verdrüßlichkeiten gerathen könnten,

besonders da wir nun keine Empfehlungen mehr hätten. »In Momoly,« sagt

er, »hat es keine Noth, das ist ein gar besonderes Land; da ist ein

Mensch wie der andere. Sie werden ohnehin nicht viel verlieren,« setzte

er hinzu, »wenn Sie in der Höhe von #Biribi# bleiben. Das Land ist

entnervt, wie das unsrige; der itzige Regent ist ein Schwachkopf, wie

der unsrige; der aber noch überdies von Pfaffen gegängelt wird. Erst

kürzlich hat er es wieder durch ein öffentliches Edikt bewiesen, das

allen gesunden Menschensinn zu ersticken sucht, und puren Pfaffenunsinn

schwatzt. Er sucht, wie Schwachköpfe pflegen, den Stein der Weisen;

verliert aber, indem er ihn sucht, vollends den kleinen Rest seiner

Vernunft, und hat immer einige Adepten um sich, die ihn durch ihre

Betrügereien um große Summen prellen. Ein Glück für das Land ist es

noch, daß ein fremder Fürst und ein Paar Minister, die Kopf und Herz

besitzen, manchmal die Mentors dieses Schwachkopfes machen, und sich

einmischen, wenn die Sache zu ernsthaft wird.«

Wir befolgten diesen guten Rath, und steuerten gerade auf die

Himmelsgegend von Momoly los; indem wir uns nur so hoch erhoben, daß wir

mit unseren Sehrohren die unteren Gegenden und die Städte beobachten

konnten. Und da #Swirlu# schon einmal in Momoly gewesen war, und das

Land und die Hauptstadt desselben wohl kannte; so liefen wir um so

weniger Gefahr, dasselbe zu verfehlen.

Wir waren itzt, nach #Swirlu's# Zeugnisse, ohngefehr noch 200 Meilen von

#Whashangau#, der Hauptstadt von #Momoly# entfernt. Wind und Wetter aber

waren so günstig, daß wir in einem Tage, der hier etwas kürzer, als bei

uns ist, den weiten Weg glücklich vollendet hatten.

Um dem Zusammenlaufe des Volks nicht ausgesetzt zu sein, senkten wir uns

abermal eine gute Strecke weit vor der Stadt herab, ließen die

Ruderknechte beim Schiff zurück, und gingen nach der Stadt.

Hier war weder Thor noch Wache; kein Mensch mit dreierlei Farben fragte

uns, wer wir wären, noch ob wir Pässe hätten; und was noch weit

sonderbarer war: alle Menschen gingen im bloßen Gewande der Natur, womit

sie Gott gekleidet hatte. Ihre Wohnungen waren kleine niedrige Hüttchen,

ohne Kunst und Pracht.

Aber wie erstaunten wir erst, als wir auf offener Straße vor den Augen

vieler Menschen, Bursche und Mädchen sahen, die sich hier öffentlich

begatteten! Um der Ehrbarkeit meines Sohnes zu schonen, wollt' ich über

Hals und Kopf eine Seitengasse einschlagen, allein es war so nahe keine;

wir mußten an dem Specktakel vorbei, woran sich die Acteurs ihrer Seits

gar nicht stören ließen, und die Vorbeigehenden nicht den geringsten

Anstoß zu finden schienen.

Ich ärgerte mich nicht wenig über dieß Verderbniß der Sitten, wofür ich

es hielt, und wollte eben die beiden Sünder auseinander jagen, als mich

#Swirlu# mit einem unbändigen Gelächter bei der Hand faßte: »Was wollen

Sie machen?« sagte er, »denken Sie doch, daß wir in #Momoly# sind. Das,

was Sie sehen, ist hier eben so wenig unerlaubt, als bei uns das Wasser

lassen; und Sie werden es hier noch so gewohnt werden, daß Sie eben so

gleichgültig daran vorübergehen, als die Leute, die Sie sahen.«

Ich verbiß meinen Unwillen, und um nicht auf eine zweite Scene dieser

Art zu stoßen, fragt' ich ihn um einen Gasthof. Er fing noch mehr an zu

lachen. »Dieß sind lauter Gasthöfe,« sagte er, »Sie haben hier nur zu

wählen; eines jeden Haus steht hier dem andern offen; und wo Sie nur

eintreten, werden sie willkomm seyn. Was aber dabei das Bequemste ist --

die Bewirthung kostet nichts! Man weiß hier gar nichts vom Geld. Es lebe

Whashangau! und die Momolyten! das heiß ich mir ein Land, das sich

gewaschen hat!«

Mit diesen Worten lief er auf ein blühendes, vollwüchsiges Mädchen zu,

das er auf gut momolytisch salutiren wollte, die ihn aber mit einer

derben Ohrfeige abfertigte, welches mir mit der Sitte dieses Volks

einigen Kontrast zu machen schien.

Wir sahen uns nunmehr nach der ansehnlichsten Wohnung um, die in unserem

Gesichtskreise lag, und traten daselbst ein. Ein alter Mann, mit

ehrwürdig grauem Haupte, reichte uns treuherzig die Hand, und bot uns

freundlichen Willkomm. Aber was wir sahen, war reinlich und in seiner

Art schön. Nirgends zeigte sich Luxus oder Reichthum; überall Einfalt

und Wohlbehaglichkeit. Wir fragten durch Swirlu -- der uns hier bei

jeder Gelegenheit zum Dollmetscher diente, weil er die Landessprache

konnte -- ob wir auf einige Tage Herberge haben könnten, und mit

freundlichem Lächeln antwortete der Greis: »Herzlich gerne!« Sogleich

ließ er Früchte und Milch aufsetzen, die zwar aus einer andern Art von

Thieren, als bei uns gemolken wird; aber nicht weniger kräftig und noch

wohlschmeckender als jene ist.

Er erkundigte sich itzt, woher wir dann kämen, weil unsere Tracht Fremde

zu verkündigen schien. Wir sagtens ihm, und erzählten ihm unsere

wunderbare Reise und alles. Der Mann war eben so erstaunt über unsere

Erzählung, als erfreut, daß er solche Gäste zu beherbergen habe. Er

konnte nicht satt werden, uns zuzuhören, und wir mußten ihm versprechen,

ihn des andern Tages zu unserm Luftschiffe zu führen, und ihm alles

daran genauer zu erklären.

Wir hatten unvermerkt ziemlich tief in die Nacht geplaudert, als wir

endlich unserm liebreichen Wirthe, mit freundlichem Händedruck, guten

Schlaf wünschten, und uns zur Ruhe begaben.

Kaum als des andern Tages die Sonne aufgegangen war, hörten wir auf den

Gassen schon eben die Bewegung, die man bei uns erst gegen Mittag zu

hören pflegt. Wir sahen hinaus, neugierig, was es wohl gebe: aber wir

wurden nichts gewar.

Da uns unser Wirth gehört hatte, so kam er auf unser Zimmer, um uns an

unser Versprechen zu erinnern. Er bemerkte, daß wir, allem Anscheine

nach, sehr gut geschlafen hätten, weil die Gottheit, seinem Ausdrucke

nach, schon eine Stunde lang die Welt beleuchte. Wir fragten, ob man

dann alle Tage hier so frühe aufstehe. »Alle Tage, sobald Gott

erscheint;« war seine Antwort. »Wir versammeln uns um diese Zeit an

gewissen Tagen unter Gottes freiem Himmel auf dem Felde -- denn welcher

Tempel ist herrlicher und der Gottheit würdiger, als die Natur? -- sehen

Gott in seiner Majestät zu uns heraufkommen, werfen uns vor ihm aufs

Angesicht nieder, und beten ihn an!«

Ihr betet also die Sonne an? fragten wir.

»Allerdings,« erwiederte der Alte. »Strahlt nicht aus ihr Gottes Güte,

Gottes Milde, Gottes allernährende Wohlthätigkeit, Gottes Größe,

Herrlichkeit und Majestät? Giebts unverkennbarere, sichtbarlichere

Zeichen der Gottheit?? Ich weiß zwar, es sind auf unserer Welt Völker,

die sich ihren Gott selber schnitzen, ihm kostbare Steinhaufen

errichten, ihr geschnitztes Bildchen darin einsperren, vor ihm hinknien,

und es anbeten, wie wir die Sonne -- und sich darob weit klüger dünken,

als wir. Aber sind wohl solche Thorheiten eines Einwurfs werth? Wir

lachen darüber, und haben Mitleid mit dem verblendeten Volke, das das

Spiel seiner Pfaffen ist, die den Gottesdienst als den wahren,

gottgefälligen vorschreiben, der sie am Besten nährt. Ihr sollt einmal

unserem Gottesdienste mit beiwohnen, um zu sehen, welcher Euch besser

erbaut. Ihr dörft aber darum keineswegs die Gebräuche desselben

mitmachen, wenn Ihr nicht wollt. Jeder hat bei uns freien Willen, zu

glauben, und zu beten, was und wie er will, wenn er nur ein guter Mensch

und ein rechtschaffener Bürger ist, der Ruhe und Ordnung nicht störet.

Wir würden unsere Religion entehren, und ihre Gründe verdächtig machen,

wenn wir jemand durch Zwang nöthigen wollten, die Wahrheit derselben zu

glauben, und die Gebräuche derselben zu befolgen. Der Glaube muß die

Folge von der Ueberzeugung sein. Ohne Ueberzeugung glauben müssen, ist

thierisch und sklavisch, folglich des vernünftigen, freien Menschen

unwürdig. Ueberzeugung aber erhält man nicht durch Zwang und Gesätze;

sondern durch den freien Gebrauch unserer Vernunft, dieses edlen

Geschenks der Gottheit, das uns allein über andere Thiere erhebt. Sünde

ist es demnach bei uns, den Gebrauch der Vernunft im Geringsten

einzuschränken.«

Wir fragten: welches dann die Lehrsätze ihrer Religion wären.

»Unsere Religion,« erwiederte der Alte, »hat keine besonderen Lehrsätze.

Die Vernunft lehrt uns das Dasein eines Wesens, das wir Gott nennen; sie

lehrt uns dies Wesen lieben und verehren, weil wir ihm Dasein und

Erhaltung zu danken haben; und fürchten, weil es gerecht ist; sie lehrt

uns, was übel und gut sei; lehrt uns jenes vermeiden und dieses thun.

Natur und Vernunft sind demnach unsere Gesetztafeln, worinn Gott seinen

Willen jedem Menschen mit deutlichen Zügen eingrub -- und darinn besteht

unsere ganze Religion.«

Wir erstaunten, so viel reine Simplicität, so viel schlichten

Menschensinn unter einem, nach unserer Meinung, so rohen Volke zu

finden. Aber ich konnte nicht umhin, ihm den Widerspruch entgegen zu

setzen, den die scandalöse Scene vom gestrigen Abend mit seiner

ebenerwähnten Gesetztafel, wie ich dafür hielt, machte.

Er lächelte, als ich von der Sache, wie von Laster und Schande, sprach.

»Allumstralende Gottheit!« rief er endlich mit Begeisterung, »verzeih

Deinen Geschöpfen, die den heiligsten Trieb, den Du in ihren Busen

legst, und durch Deinen Einfluß darinnen erhältst, den Trieb der

Fortpflanzung für unerlaubt, das Werk der Menschenzeugung für lasterhaft

halten können! Ist es dann auch Laster und Schande unter Euch, eine

Pflanze zu stecken, ein Feld zu besäen, ein Blumenbett zu begiesen?«

Wir verneinten es, weil es leblose Dinge wären.

»Also wäre der Vorzug, den Ihr vor der Pflanze habt, gerade die Ursache,

warum Ihr Euch zu schämen hättet? Oder sind etwa Eure Menschen so

abscheuliche, böse Geschöpfe, daß es Sünde und Schande ist, derer zu

zeugen?«

Wir verneinten es abermal, und fügten hinzu: daß wir die Zeugung des

Menschen keineswegs für sündlich hielten, vorausgesetzt nur, daß gewisse

Cärimonien vorhergegangen wären, die man die Trauung heiße; daß aber

auch dann die Begattung allemal in heimlichster Verborgenheit geschehen

müsse.

»Welche Widersprüche!« versetzte der Alte. »Ists möglich von

vernünftigen Geschöpfen solchen Unsinn zu hören, der überdieß durch die

Gesätze autorisirt wird? Ist eine Sache sündlich: wie kann sie durch

alle Cärimonien der Welt nicht sündlich gemacht werden? Ist sie aber

erlaubt: was brauchts der Cärimonien, um sie erst erlaubt zu machen? --

Und warum sich einer Handlung schämen, die mit, oder ohne Cärimonien

erlaubt ist? warum heimliche Winkel suchen, um sie zu begehen?«

Wir wandten ihm das Sittenverderbniß und die Unordnung ein, die daraus

entstehen müßten, wenn man die Sache allgemein erlaubte, und öffentlich

verübte. Die Menschen -- sagten wir -- würden sich dann durch

allzufrühzeitigen und unmäßigen Genuß entnerven; die Ehen würden

aufhören, und Entvölkerung würde einreißen; niemand würde wissen können,

wer Vater eines Kindes sei, und keiner würde eben darum die

Vaterpflichten an seinem Kinde erfüllen wollen.

»All diese Folgen,« versetzte der Alte, »liegen nur in Eurer Einbildung,

oder in Eurer üblen Statsverfassung. Wisset! indem Ihr den Genuß zum

Laster und zu einer Heimlichkeit macht, reitzt Ihr nothwendig die

Lüsternheit darnach; denn nichts macht lüsterner nach dem Genusse, als

Verbottensein; nichts reitzt mehr den Vorwitz, als geheimnißvolles

Wesen.[5] Warum entnervet sich dann das Vieh nicht durch allzufrühen und

unmäßigen Genuß? Gleichwohl ist es noch niemanden eingefallen, dem Viehe

Zwang darinn anzulegen. Glaubt mir, eben diese Freiheit, eben diese

Unheimlichkeit im Genusse, die Euch bei uns befremdet, ist gerade das

Mittel, den Misbrauch derselben zu verhindern. Die Leichtigkeit zu

geniesen, und die Gewohnheit Scenen des Genusses täglich und stündlich

zu sehen, macht, daß wir gegen diese Handlung nicht lüsterner als gegen

jedes andere Bedürfniß der Natur sind: statt daß die Beschwerlichkeit

und die Heimlichkeit, womit man bei Euch zum Genusse gelangt, der Sache,

wie jeder andern, nothwendig neue Reitze giebt, die sie sonst nicht hat.

Liebe Freunde! folget der Natur. Sie ist die sicherste Führerin, die

gewiß keines ihrer Geschöpfe in sein eigenes Verderben leitet. Aber sie

rächt sich dafür, sobald man ihr Bande anlegt, und durch jegliches

derselben zieht sie den Menschen in sein Elend. Sie ist ein Strom; man

lasse ihm seinen Lauf, und er wird keinen Schaden thun; aber man setze

ihm Dämme entgegen, und er wird in wilden Fluten ausbrechen, und Felder

und Wiesen verwüsten, die er vorher fruchtreich benetzte. O Menschen!

Menschen! wie könnt Ihr doch blind genug sein, Euch von der Natur zu

entfernen -- den Pfad aus dem Auge zu verlieren, den sie Euch so

liebreich vorzeichnet? Wie könnt Ihr glauben, durch Zwang und Gesätze es

besser zu machen, als es Gott machte, der diese Natur in Euch legte, und

Euch durch ihre Stimme väterlich zuruft? Seht Ihr nicht, daß Ihr Euch

Eurem Verderben immer mehr nahet, je weiter Ihr Euch von dem Pfade der

Natur entfernet? Verzeiht mir, liebe Fremdlinge!« fuhr er mit feuchtem,

glänzenden Auge fort: »verzeiht, wenn ich mit Hitze zu Euch spreche. Es

ist nicht blinde Vorliebe für mein Vaterland, nicht Eigensinn für die

Sache, die ich vertheidige; es ist wahrer Eifer für Menschenwohl, wahre

Ueberzeugung, daß es ihnen so besser wäre, und warme, innige Theilnahme

an dem unglücklichen Schicksale der Menschheit, die das traurige Opfer

einer unnatürlichen Gesetzgebung ist.«

[Fußnote 5: Man kann über diesen Gegenstand nichts Treffenders, däucht

mich, sagen, als was ich ohnlängst in _Gustav Wolart_ S. 79. 80 und 81.

las, einem Büchelchen, das sich unter den empfindsamen Schriften unseres

Jahrhunderts vorzüglich dadurch erhebt, daß es Denkkraft mit Empfindung

vereinigt. Auch die _Annalen der Menschheit_ haben im 2ten Hefte, _von

den verborgensten Ursachen körperl. Gebrechen_, hierüber vieles gesagt,

was der Aufmerksamkeit empfohlen zu werden verdient. A. d. Verl.]

Er hielt hier vor Empfindung einige Augenblicke inne. »Glaubt Ihr mir

noch nicht,« so sprach er weiter, »was ich Euch von den Vortheilen

unserer Verfassung sagte, so seht unser glückliches Völkchen an! Ihr

werdet keinen darunter finden, der durch Liebe entnervt ist; Jünglinge

und Mädchen blühen voll Gesundheit; keinen, der durch Liebe unglücklich

ward, denn der Genuß wird ihm nicht dadurch erschwert. Bei all dem

werdet Ihr keinen ausschweifenden Kerl, noch eine lüderliche Buhldirne

sehen; und der mögte übel wegkommen, der mit wildem Feuer auf die erste

Beste losstürmen zu können glaubte.« -- #Swirlu# ward hier feuerroth --

»unsere Jünglinge und Mädchen haben darum nicht weniger ihre sanften,

zärtlichen Gefühle, und werfen sich nicht jeglichem in die Arme. Die

Ehen hören daher auch keineswegs bei uns auf, wie ihr fürchtet. Es ist

gar nichts Seltnes, daß Mann und Weib sich miteinander unter der

Bedingung verbinden: daß beide sich künftig alleine geniesen wollen.

Dieser Vertrag wird dann vor Zeugen errichtet, und von dem Augenblick an

ist den Verbundenen fremder Genuß aufs Strengste verboten. Ihr könnt

daher in diesem Lande, das Ihr für barbarisch haltet, eben so viele und

vielleicht weit mehrere Bilder häuslicher Glückseligkeit finden, als in

dem Eurigen. Ich selbst habe mit meinem Weibe 15 Jahre[6] lang ein

himmlisches Leben gelebt, habe 20 Kinder mit ihr gezeugt -- und ewig

werd' ich ihren Tod beweinen!«

Hier stockte seine Sprache; er wischte sich eine Thräne aus dem Auge,

und fuhr fort: »Es ist noch übrig, daß ich Euch den Einwurf beantworte,

den Ihr mir machtet: daß man bei unserer Verfassung nicht wissen könne,

wer eines Kindes Vater sei, und daß eben darum keiner die Vaterpflichten

an seinem Kinde würde erfüllen wollen.«

[Fußnote 6: Man erinnere sich der oben angezeigten Jahrsrechnung.]

»Wenn Ihr unsere ganze Einrichtung wüßtet, so würdet ihr diese

Einwendung wohl schwerlich gemacht haben. Ich will Euch also davon

unterrichten. Wir haben -- kein Eigenthum, denn die Natur hat keines;

sie hat jedem gleiche Rechte, gleiche Bedürfnisse gegeben. Alles, was

wir haben, das ist Feld und Frucht und Vieh, ist daher unter uns

gemeinschaftlich. Niemanden fällt es ein, sich davon mehr zuzueignen,

als er braucht. Und was sollte er damit thun? wozu würde es ihm helfen,

als daß es ihm eine unnöthige Last machte? Denn wir haben ja keine

Bedürfnisse, als jene der Natur; unsere Nahrung besteht aus dem, was

unser Feld und unser Vieh giebt; unsere Wohnung ist eben so einfach, und

unsere Kleidung noch einfacher; denn wir tragen, wie Ihr seht, das blose

Gewand, das uns die Natur mit auf die Welt gab, und behängen uns, wenns

sehr kalt ist, mit den Häuten unserer Thiere. Aber die weise Mutter

Natur hat dafür gesorgt, daß die Menschen -- woferne sie den Gesätzen

der Natur getreu bleiben -- so viel auch derer immer da sind, genug

haben, und daß von den Menschen, wie von den Pflanzen, nicht mehrere

hervorkommen, als der Erdstrich, worauf sie wachsen, ernähren kann.

Keiner unter uns hat also jemals Mangel; denn keiner hat Ueberfluß. --

Sagt mir nun, meine Freunde! warum sollte der Vater sein Kind

verläugnen? Warum die Mutter den Vater? Nehmt auch an, daß jener es

nicht gewiß wisse -- welcher unter Euch weiß es dann gewiß, daß er Vater

ist? -- so weiß es doch die Mutter; und da diese unter uns ganz und gar

keine Ursache noch Vortheile hat, einen andern Vater anzugeben; so kann

man sich auf ihre Aussage sicher verlassen, welches man, dünkt mich, bei

Euch nicht immer kann.

Aber gesetzt nun sogar, daß die Mutter es nicht wisse; gesetzt, daß der

Vater sein Kind verläugne -- welches bei uns ein fast undenklicher Fall

ist; so würde daraus hier weiter gar nichts folgen, als daß ihn das Kind

nicht Vater, und dieser den Sohn nicht Sohn nennen würde: denn der junge

Ankömmling hat nun sein Theil in unserer Gemeinschaft, wie jeder andere.

Der Vater -- er mag das Kind als das Seinige erkennen, oder nicht --

braucht ihm nichts zu geben, nicht für ihn zu sorgen -- und der Mutter

entgeht eben so wenig das Geringste dabei, ob der Vater sich als Vater

bekenne oder nicht; denn sie macht deswegen an den Vater keine

Ansprüche; kann, in jedem Falle, keine machen, und hält sich für die

kleinen Mutterbeschwernisse, durch die Mutterfreuden reichlich

entschädigt.«

Wir standen verstummt und erstaunt über alle die praktische Weisheit,

die uns der Greis hier vorgetragen hatte, und über die Wahrheit, der wir

darinnen nicht zu widerstehen vermochten. Noch nie hatte ich die Sache

in diesem Lichte betrachtet. Erziehung, Gewohnheit, Vorurtheile umzogen

sie vor mir stäts mit Dämmerung. Jetzt fiels wie Schuppen von meinen

Augen, und mir war plötzlich wie einem Menschen, der zum erstenmale in

seinem Leben den Tag erblickt.

Wer ist, fragt' ich mit Lebhaftigkeit, der weise Regent und Gesätzgeber

Eures Landes? Und, zu meiner noch größeren Verwunderung, vernahm ich:

daß hier keine Menschen, die man Könige heißt, noch andere Herrscher,

sich vom Schweis und Blute eines ganzen Landes mästen, und für mehr

tausend andere davon verzehren; sondern daß drei der Klügsten und

Rechtschaffensten aus dem Volke, worauf die Uebrigen alle

kompromittirten, jeden vorkommenden Streithandel entscheiden, und durch

klugen Rath und väterliche Fürsorge dem Lande und jeglichem Innwohner in

allen Fällen beistehen. »Zwar kommen hier nur äusserst selten

Streitigkeiten vor;« setzte der Greis hinzu, »denn da wir kein Eigenthum

haben, so hört unter uns die Hauptursache aller Zwietracht auf, und wir

leben unbeneidet in glücklicher Ruhe und Eintracht.«

Die Rede des Greisen hatte mich sehr unruhig und tiefsinnig gemacht. Wir

gingen itzt mit ihm, das Luftschiff ihm zu zeigen; aber ich weiß nicht

mehr, wie wir hin und her kamen. Das Bild, das mir der Alte von der

Glückseligkeit seines Landes geschildert hatte, beschäftigte

unaufhörlich meine ganze Sele. Ich betrachtete es von allen Seiten, und

fand immer mehr, daß dieses Volk, das ich für roh und barbarisch

gehalten hatte, das glücklichste und weiseste, das ich kenne, in der

Schöpfung sei. Ich verglich damit unsere Statsverfassung, und fühlte den

betrübten Abstand, den wir mit unserer eingebildeten Aufklärung und

Verfeinerung dagegen machen; fühlte, wie glücklich auch wir, unter solch

einer Einrichtung sein könnten -- und welche unglückliche Sklaven

unnatürlicher Gesätze, des Betruges, der Habsucht und des Despotismus

wir wirklich sind! Ich sah an uns -- die Barbaren, und in Momoly -- die

aufgeklärte Nation!

Je länger wir uns in #Whashangau# aufhielten, desto mehr ward

ich in meiner Ueberzeugung bestärkt. Ich sah überall Güte,

Menschenfreundlichkeit und Herzlichkeit; jedermann bestrebte sich, dem

andern gefällig zu sein; nie hört' ich, oder sah Feindschaft, Streit

oder Zänkerei. Allgemeine Eintracht und Freude herrschte unter dem

Volke. Des Abends versammelten sie sich gewöhnlich, bei schönem Wetter,

unter einem alten großen Baume. Die Aeltern saßen in einem Zirkel auf

einer Bank, und die Jüngern tanzten, Jünglinge und Mädchen beim Tone

einer Art von Schallmeien um sie her. Auf allen Gesichtern blühte

Gesundheit, und Saft und Nervenkraft strotzte in ihren Muskeln und den

vollen fleischichten Lenden. Hier sah ich kein von Kummer und Noth

entstelltes Gesicht; keine von Ausschweifungen abgebleichte Wange. Man

wußte hier von Krankheiten nur sehr wenig; die meisten starben aus

Entkräftung des Alters: hingegen wußte man auch nichts von Aerzten und

Arzneien; einige Kräuter ausgenommen, die das Land hervorbringt, und die

gegen die gewöhnlichen Krankheiten fast immer ein sicheres Mittel sind.

Eines Tages mit aufgehender Sonne, kam unser liebreiche Wirth zu uns,

und trug uns an: ob wir nicht heute wollten ihrem Gottesdienste

beiwohnen, weil eben einer der Tage sei, wo sie sich gewöhnlich alle

dazu versammelten. Wir willigten sehr gerne ein, und gingen mit ihm. Er

führte uns auf eine Anhöhe, von der man die schönste Aussicht, besonders

gegen Aufgang hin, hatte.

Als hier die ersten Stralen die kommende Gottheit verkündeten,

erschallte ein feierlicher Hochgesang voll der rührendsten Empfindung

und Einfalt. Indeß stieg die Sonne, im glänzenden Purpur, langsam und

majestätisch herauf -- ihre Stralen vergoldeten den Erdkreis, und die

ganze Natur schien milde und lächelnd sich der kommenden Sonne zu

freuen. Immer begleitete sie Gesang voll Empfindung und Ausdruck. Nun

stand Sie da! -- und alle schwiegen -- fielen aufs Angesicht nieder, und

beteten in stiller Andacht. Dann stunden sie auf -- warfen sich noch

einmal nieder vor der Gottheit; küßten die Erde, die sie beschien -- und

gingen schweigend . . . . . .

Nie war mir ein Gottesdienst rührender, nie ehrwürdiger vorgekommen, als

dieser. Ha! in dem großen, offenen Tempel der Natur -- lauter lebende

Bilder der wohlthätigen Schöpfung um uns her -- und das große würdige

Bild der Gottheit im Angesichte -- ha! wie so anders empfindet, und

betet man hier, als zwischen den Mauern, die wir Tempel nennen, vor

einem grotesken Bilde der Gottheit und dem noch groteskeren eines

vermumten Pfaffen! Ich kann nicht beschreiben, was ich hier empfand.

Mein Herz schwoll von heiligen Empfindungen -- mir war, als säh' ich

Gott -- im Ausbruche des Gefühls stimmten wir alle in das Lied ein --

warfen uns, von Empfindung hingerissen, mit den Uebrigen an die Erde --

und beteten mit Inbrunst.

Reise eines Erdbewohners in den Mars · 第 2 / 3 段