Ich hab' einen Freund -- In schlafloser Nacht -- --

Ich schrieb es fern von ihm -- nicht, damit er es bekommen sollte, sein

Name ist nicht genannt und er hat es nie erhalten; sondern weil das

Leben damals schwer für mich war.

-- -- Als meine Frau und ich mit unsrem kleinen Jungen vom Auslande

heimkehrten, vier Jahre nach meinem Abschied von ihm und vom Theater,

sehnten wir uns tiefinnerlichst nach Bergen und ich ganz besonders nach

ihm. Das Theater war aufgehoben. Natürlich. Aber Bye hatte sich

Vertrauen erworben, er blieb zurück als Aufseher über Haus und Habe, und

die kleine Einnahme genügte für ihn.

Wir hatten uns darauf gefreut, ihm unsern Jungen zu zeigen, -- und wir

mußten hören, daß Bye gefährlich krank sei. Trotzdem war viel Freude bei

der Rührung des Wiedersehens, denn er war ja auf, er hob unsern Jungen

hoch; wir wollten viel zusammen sein, sagte er.

Darin aber täuschten wir uns. Den Tag darauf mußte er zu Bett, um nicht

mehr aufzustehen. Es war, als hätten die Kräfte ausgehalten, bis wir

kamen; jetzt ging es rasch bergab.

Daß es schnell zu Ende ging, begriff ich zum erstenmal bei einem

Vorfall, einige Tage später; ich will ihn nicht verschweigen. Ich kam zu

ihm -- »kam« ist nicht das Wort, denn ich war wütend und stürmte die

Treppen hinauf. Ich war mit einer Sache beschäftigt, die mich erregte

und ich vergaß, -- wie junge gesunde Leute nur allzu oft tun, -- wie es

Schwachen und Kranken zumute ist. Nach alter Gewohnheit wollte ich mich

vor allem vor ihm austoben, und das tat ich auch. Da traf mich auf

einmal ein hilfloser Blick und ich hörte die Worte: »Ach nein -- ich

kann nicht fassen, was du sagst!« ... Wie ich erschrak, wie ich mich

schämte und unglücklich war! Und wie das sich verschärfte, als er ein

paar Tage darauf starb! So nahe war er dem Tod, und wir ahnten es nicht!

Es ist mir leider oft passiert, daß ich mit meinem unbändigen Eifer

denen weh getan habe, die ich am wenigsten kränken wollte, -- und alle

diese Fälle haben mich später heimgesucht, einzeln oder miteinander,

mich gequält, mich gedemütigt. Keiner aber öfter als dieser.

Denn war es nicht, zum Ausgang seines Lebens, wie eine letzte

Wiederholung all des rücksichtslosen Gebrauchs, den andre von seiner

hingebenden Natur gemacht hatten?

Wie wenn Anfang und Ende sich zusammenschließen sollten, stand, als die

Wirtin seine Augen geschlossen hatte und in seine Wohnung hinunter kam,

ein Fremder da; er fragte nach Ivar Bye. Sie erzählte ihm weinend, daß

sie ihm soeben die Augen geschlossen habe; der Fremde ward davon so

stark ergriffen, daß er sich setzen mußte. Er fing an, sie auszufragen,

und der Wirtin war es eine Erquickung, grade jetzt ihn aus ihres Herzens

reichster Fülle preisen und zuletzt sein geduldiges, ruhiges Sterbebett

schildern zu können. All das machte einen tiefen Eindruck auf den

Fremden. Er blieb lange sitzen. Als er sich erhob, um zu gehen, wollte

er aber seinen Namen nicht nennen. Er habe wie ein Beamter ausgesehen,

sagte sie. Sollte es einer der Kameraden von Molde gewesen sein, den

späte Reue grade in diesem Augenblick herbeigezogen hatte?

Der Anführer von damals war es nicht; der war längst tot.

Ich stand an Ivar Byes Grab und sagte mir, daß ich dies alles einmal

niederschreiben wollte. Für das juristische norwegische Volk.

Ich stand am Grab und blickte auf das Gefolge. Das war ja eine große

Beerdigung; ich kannte nicht den zwanzigsten Teil! Theatervolk,

Handwerker, Kaufleute, Seeleute, Beamte, arme Kerle, Reiche, die

Ältesten und die Jüngsten. Und am Grab erwarteten uns die Frauen. Mütter

waren da, die ihre Kinder mit sich hatten, und Mütter und Kinder weinten

um die Wette. Alte Fräulein aus dem Jungfernstift, arme Weiber, junge

Mädchen, alle mit Blumen und Tränen.

Ich kenne manche, die ihre Tränen wiederfinden werden, wenn sie dies

lesen. --

Wenn ich mir meine verstorbenen Lieben denke, so mag ich sie mir nicht

als Leichen, geschweige denn als abgemagerte Skelette denken. Ich denke

sie mir wieder mit der Röte des Lebens auf den Wangen, ihre Augen auf

mich gerichtet. Bye aber kann ich mir denken, so wie er jetzt aussehen

muß, -- ja, ich denke ihn mir meistens so, mit seiner Reihe herrlicher

Zähne in breiter Rundung, mit dem Nasenbein und den Höhlen unter dem

schönen Schädel. Ohne Scheu seh' ich die kalkgrauen Kniee, -- etwas

aufwärts- und auseinandergekrümmt, und die langen, gegeneinander

gelegten Knochenfinger.

Ich glaube nicht, daß dies ist, weil sein Gesicht hager war, so daß es

der Phantasie Vorschub leistete. Auch nicht, weil er, als Nöck draußen

in Lerfoß hockend, mitten im Sturz und Schaum des Wassers, mehr aus

Höhlen als aus Augen um sich starrte, während seine Zähne gleißten.

Nein, es ist wohl, weil sein Verstehen der Menschen und Dinge ein so

tiefes geworden war, ein so liebevolles, daß es für ihn nichts

Abstoßendes gab. Nicht in den Formen des Lebens und nicht in den Formen

des Todes. Und _das_ symbolisiert sich auf diese Weise in meiner

Erinnerung.

Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen · 第 12 / 15 题