Deutsch von G. I. Klett

An seinem Sterbebett gab ich mir selbst das Versprechen, sobald seine

Geschichte einst öffentlich erzählt werden könnte, wollte ich es tun.

Aber ich wußte, in dem ersten darauf folgenden Menschenalter konnte dies

kaum geschehen.

* * * * *

Nun hat sich öffentlich vor aller Augen in Norwegen etwas ereignet, das

bis zu mir dringt und fragt: Ist die Zeit noch nicht gekommen?[1]

Ivar Bye's Name war den Meisten bekannt, welche die Eröffnung des

norwegischen Theaters in Christiania sahen. Bis in die fünfziger Jahre

waren wir künstlerisch ein von Dänemark abhängiges Land; wir waren ohne

dramatische Literatur, ohne Schauspieler und, der Ansicht vieler

gebildeter Norweger zufolge, absolut unfähig, dies Beides zu erlangen,

-- bis Ole Bull den Braven zeigte, daß dennoch ein großes

Schauspielertalent im Volk steckte, und daß die Stücke von selbst kamen.

Nach dem Bergenser norwegischen Theater, das er errichtete, erstand das

Christianiaer norwegische Theater, in Gang gebracht von einigen

Patrioten, deren einziger überlebender der alte Oberlehrer K. Knudsen[2]

ist. Am Eröffnungstag des norwegischen Theaters war Ivar Bye mit dabei.

Ein dunkler, breitschultriger Mann von schlanker Taille, einen Kopf so

schön von Form, so gut und edel von Gesichtsausdruck, daß keiner ihn

vergaß. Die Stirn breit und hoch, das Haar fast schwarz, die Augenbrauen

gewölbt, eine Adlernase, schmal, fein, -- und dazu die guten, grauen

Augen mit einem Schelm drin, sobald er sprach. Dann verzog sich auch der

Mund gern zu einem Lächeln, voll von Erotik und erhellt von einem

Schimmer herrlicher Zähne in breiter Rundung. Diese grauen Augen und der

Mund taten gute Dienste zusammen, machten unablässig Eroberungen unter

Männern und Frauen, alten und jungen. Aber im Stillen. Obgleich sein

Kopf auf einem recht langen Hals aufrecht getragen wurde, und obschon

das Kinn vorspringend war und Mut bekundete und obschon das hagere,

bräunliche Antlitz Energie verhieß, -- immer kam er gedämpft und

rücksichtsvoll.

[Fußnote 1: Ein begabter Arbeiter war im Jahr 1894 zum Stortings-Mann

für Trontheim gewählt worden, gab sich aber darauf selber als wegen

einiger Jugendvergehen vorbestraft an.]

[Fußnote 2: + im Jahr 1895.]

Zwei Mängel hatte der Körper; er war nicht rund ausgebaut, sondern eher

flachgedrückt, und die Kniee waren nicht frei von der Neigung,

auseinander zu gehen. Die Meisten sahen das nicht; sie hielten sich an

seinen schönen Gang, dessen angenehmen Rhythmus sie empfanden. Nie hat

jemand ihn irgendwo im Vordergrund gesehen, wo sie ihn aber zu Gesicht

bekamen, da zog er die feineren Naturen an. Und auch die andern fühlten,

hier war ein Mann von Rasse.

Und das war er. Aus einer alten norwegischen Beamtenfamilie, in der das

Erbe unsrer ältesten Geschlechter steckte, er hieß nicht Bye.

Sein Großvater hatte als Beamter Kassendefraudation begangen, und obwohl

die Umstände nicht sonderlich gravierend waren, empfanden es die Kinder

als eine solche Schande, daß sie einen andern Namen annahmen. Ivars

Vater war zum Offizier bestimmt, ich glaube auch, er war auf der

Kriegsschule; aber nach des Vaters Fall mußte er sich damit zufrieden

geben, Sergeant zu werden.

Jeder Moldenser Schuljunge aus meiner Zeit erinnert sich an Sergeant

Bye, wenn er in der Stadt war .... stets betrunken. Ein mittelgroßer,

breit ausgehauener Mann mit großer Adlernase und mit einer gewissen

Würde in seinen Bewegungen. Selbst wenn er am allerbetrunkensten war,

bewahrte er die. Er konnte nicht gedeihen in der Umgebung, zu der er

herabgesunken war, und so schuf sein romantisches Naturell sich manche

sonnige Stunde, in denen er den Herrn spielte. Alle rühmten seine Güte

und Rechtschaffenheit.

Der Sohn hatte denselben Drang aus dem Bauernleben heraus. Draußen an

der Küste ging es damals recht eng und ärmlich zu. Da saß er als Hirte

und träumte davon, das Geschlecht zu ehemaliger Herrlichkeit

emporzuheben; er erzählte diese großen Träume bloß seiner kleinen

Schwester, sonst niemand. Die beiden Geschwister hielten sich ganz für

sich.

Der kleine Ivar hatte ein unglaubliches Talent, sie und sich selbst

herauszuputzen. »Etwas zu machen aus nichts oder aus einer ungeeigneten

Materie,« wie das religiöse Lehrbuch meiner Zeit »die Schöpfung«

definierte. Zum Lohn für dies Talent wurde, als er älter war, Vaters

abgelegte Uniform für ihn gewendet und zugeschnitten, so daß er sich

eines Tages in der Stadt in blauem Tuchanzug, mit blauer Mütze zeigen

konnte! Das war wohl der höchste Festtag seines Lebens! Er wurde auch

gleich um seiner ungewöhnlichen Schönheit willen bewundert. Die

Gesellschaft anderer als der Zöglinge der höheren Schule verschmähte er.

Er erzählte mir später, wie er lange vergebens darauf brannte, mit in

das Spiel der großen, vornehmen Jungens zu kommen. Und es glückte, --

dank Einem insbesondere, dem Herrn über alle andern. Die Hingebung und

der Stolz des kleinen Jungen kannte keine Grenzen.

Hier hatte er auch seine erste Liebe. Es war kein Mädchen, sondern ein

fast erwachsener Kamerad unter denen, die sich seiner angenommen hatten,

-- schön, verwegen, herrschsüchtig, schon recht lebenserfahren, schon

ziemlich verdorben. Aber das verstand Ivar nicht; er bewunderte seine

Flottheit, sein Befehlshabertalent, seine herablassende Leutseligkeit,

-- und vielleicht vor allem seine große Schönheit, seine hohe, schlanke

Figur, seine ungewöhnlich weiße Haut zu schwarzem Haar -- nicht zu

vergessen seine gesellschaftliche Gewandtheit und die Gunstbeweise der

Frauen ihm gegenüber; das war für den Knaben etwas ganz Neues. Das war

der Herrentyp, das Ideal des Knaben.

Unter all diesen Kameraden war Ivar der kleinste und behendeste, wenn es

gefahrvolle Schelmenstreiche galt, z. B. Äpfel und Beeren in den Gärten

stehlen und verschwunden sein, wenn der Eigentümer oder andre den Lärm

hörten und herbeikamen. Jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt

hatten, wie eine Schnur über den Weg spannen, so daß die Bauern, wenn

sie betrunken von der Stadt zurückkehrten, drüber fielen und die Pferde

durchgingen, oder wenn sie die Leinen an den Booten der Bauern

durchschnitten hatten, so daß sie ins Meer hinaustrieben ... jedesmal,

wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, ohne entdeckt zu werden, so

hielten sie das für »eine Tat«. In Stadt und Umgegend davon reden zu

hören, das war ein Jux!

An einem Ende der Stadt lebte eine geizige, zornmütige Witwe, die einen

Laden und einen großen Garten besaß; mit diesem Zornbesen lagen sie ganz

besonders in Fehde, d. h. _sie_ wußten, wem sie ihren Schabernack

spielten; aber die Alte wußte nicht, gegen wen sie Wachen ausstellte,

den Hund hetzte, in die dunkeln Herbstabende hinaus schalt und drohte.

So lange trieben sie das, bis sie fanden, es sei nötig, noch mehr zu

tun. Der Vorschlag des Anführers, daß sie sich eines Abends in den

geschlossenen Laden schleichen und ihre Kleingeldkasse (sie wußten, in

welcher Schiebelade sie stand) entwenden wollten, fand allgemeine

Zustimmung. Das war ein »Hauptulk«; ihr Zorn würde gradezu in

»Besessenheit« ausarten! Der Jüngste und Behendste wurde durchs

Kellerfenster hineinkommandiert, die Andern standen Wache.

Aber wie es nun zuging, -- der Jüngste und Behendste wurde entdeckt. Und

mit einem Mal erhielt die Sache ein Aussehen, wie es keiner der

Spaßmacher sich gedacht hatte.

An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Das Ende war, daß er,

der den Streich auf Befehl ausgeführt, die Kasse abgeliefert und keinen

Vorteil davon gehabt hatte, -- der Einzige war, der gefaßt, angeklagt

und verurteilt wurde. Die andern waren »guter Leute Kinder«. Es waren

auch verschiedene Konfirmierte unter ihnen, für die die Strafe allzu

ernst geworden wäre; denn die Gesetze jener Zeit waren streng.

So drangen denn die andern Knaben und deren Eltern mit Bitten und

Versprechungen auf ihn ein; der Gefängniswärter gab freien Zutritt. Es

wäre gar nicht notwendig gewesen, ihn zu bitten, alles auf sich zu

nehmen; er hätte gern sein Leben für die Kameraden gegeben. Besonders

für den Großen mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar. Es war eine

Freude für ihn, als schließlich auch der kam und sagte: »Du sollst es

nicht bereuen,« -- und ihm dazu übers Haar strich.

Wohl tat es weh, als Vater und Mutter kamen und ihn gar nicht verstehen

konnten. »Er, der immer so lieb und gut gewesen war, -- er sollte nun

ihre Schande werden!« Der Knabe weinte bitterlich mit ihnen; aber

schwieg.

Und dabei bliebs auch an dem schweren Tag, als er in seinem hübschen

blauen Anzug an Bord des Dampfschiffes mußte; er sollte in das

Trontheimer Zuchthaus überführt werden, um dort »konfirmiert« zu werden.

Er durfte an der Reeling stehen und nach der Stadt hinüberblicken; er

wollte gern aufpassen, ob keiner von denen, für die er die Reise tat, in

einem der Boote drunten war. Er durfte an der Reeling stehen, bis das

Dampfboot abfuhr. Aber er sah keinen von ihnen.

Im Zuchthaus wurde er vom ersten Tag an aller Liebling. Sie hatten

Mitleid mit dem schönen, lieben Jungen; sie wetteiferten darin, etwas

für ihn zu tun, damit er vorwärts käme, wenn er einst entlassen würde.

Hier, im Trontheimer Zuchthaus, wurde er auch konfirmiert. Hier las,

rechnete und schrieb er, und noch eh er heraus kam, war ihm eine Stelle

als Laufbursche bei einer der ersten Familien der Stadt gesichert. An

dem neuen Platz wiederholte sich dasselbe, -- alle nahmen sich seiner

an. Sein Unterricht wurde fortgesetzt, er bekam hübsche Kleider; es

machte ihnen Spaß, ihn zierlich gekleidet zu sehen, so schön, wie er

war. Ja, er erhielt eine Guitarre geschenkt und lernte darauf spielen,

denn er hatte Stimme und begleitete sich nun selbst. Die guten Feen, die

in dieser Weise Rosen auf seinen Weg streuten, waren natürlich

hauptsächlich Damen; auch ein Liebesverhältnis spielte dabei mit.

Und bald mehrere.

Er erlebte in dieser Richtung die wunderlichsten Dinge, von denen ich je

gehört habe. Ich bin wohl der Einzige, zu dem er davon gesprochen hat;

aber auch da fast nur in Andeutungen. Näheres darüber zu erzählen, habe

ich nicht das Recht. Ich glaube, daß diese seine Gabe, zu schweigen,

eben weil sie aus rücksichtsvoller Güte geboren war, die Frauen zu ihm

hinzog, -- mehr noch als seine Schönheit; mehr noch als andre erotische

Eigenschaften, die wie ein Geheimnis unter ihnen umgingen. Über

derartiges können Frauen ja nicht schweigen.

Nach außen hin war dies sicherlich seine glücklichste Zeit. Aber wenn

ich später darüber nachgedacht habe, ist mir mehr und mehr der Glaube

gekommen, daß er da einen Knax fürs Leben bekommen hat.

Man darf ja wohl annehmen, daß die Knabenträume, die er mir erzählte,

aus Kräften in ihm entsprangen, aus einer Energie, die später nicht zur

Reife gedieh. Ich gebe jedoch zu, daß ich sein Geschlecht nicht kenne

und es deshalb so genau nicht wissen kann. Nicht alle Träume sind eine

Selbstprophezeihung von Kräften; sie können auch nur als Erinnerungen

aus der Vergangenheit des Geschlechts mittreiben.

Später, als ich ihn traf, war er ohne starken Lebensdrang, ohne

sonderliche Unternehmungslust; und unter all der Liebe, in deren Mitte

er lebte, war keine, die seinen Sinn ganz erfüllte. Seine Schwärmerei

war damals, mit einem oder dem andern seiner Freunde unter den Kapitänen

hinauszukommen. Eine Reise nach Hamburg, Bremen, Kopenhagen, Schweden

machen, oder andre Städte in Norwegen besuchen zu können. Ich erwähne

dies besonders, weil es besonders charakteristisch ist.

Die Sache war nämlich die: er wußte nicht, oder wollte nicht wissen,

wohin.

Es war, als müßte ein andrer kommen und bestimmen. Er verließ Trontheim

und kam nach Christiania, wo man den hübschen Menschen in einem Laden

sehen konnte. Rasch hatte er einen neuen Kreis von Freunden und

Freundinnen; aber immer dieselbe Unentschlossenheit.

Da liest er in der Zeitung, daß seine Bewunderung aus den Kindertagen,

der Mann mit der weißen Haut und dem schwarzen Haar, im ersten Hotel der

Stadt wohnt!

Er hat mir später erzählt, daß er vor Erregung zitterte und sich krank

melden mußte; er konnte seine Gedanken nicht zur Arbeit sammeln. All die

Jahre hindurch hatte er, oft ohne es sich selbst zu gestehen, auf ihn

gewartet. Das Letzte, was er aus dem Mund des Freundes, in dem ihm

eigenen, selbstherrlichen Ton gehört hatte, war ja: »Du sollst es nicht

bereuen!« Eine runde, volle Anweisung, ausgestellt von einem Mann, der

die Ritterlichkeit selbst war. Bye hatte ihn in all diesen Jahren nicht

belästigt; zu der Schuldsumme hatten sich also Zinsen gehäuft. Der

Freund war nun auch im Auslande ein reicher Mann geworden, wenn das

Gerücht nicht trog; Bye würde auch ins Ausland kommen, das fühlte er!

Nun galt es also, ihm zu sagen, daß er hier war. Aber es mußte so

geschehen, daß andre es nicht hörten oder sahen; das hätte den

Nichtsahnenden in Verlegenheit bringen können! Er erkundigte sich

deshalb im Hotel, wo der Fremde abends hinginge; und Nacht für Nacht

ging er selbst vor sein Hotel; er wollte ihm begegnen, wenn er heimkam.

Aber es traf sich nie günstig. Da faßte er Mut und schrieb. Erzählte

ihm, daß er in der Stadt sei, und erbat sich eine Unterredung,

gestattete sich, die Zeit und den Ort ihres Zusammentreffens, des

Freundes Zimmer im Hotel, vorzuschlagen.

Zur bestimmten Zeit fand er sich vor der bestimmten Tür ein. Er stand

und lauschte, eh er anklopfte; es war Licht darin -- aber kein Geräusch.

Endlich klopfte er. Ein kräftiges »Herein!« antwortete ihm. Als Bye

nicht sogleich zu öffnen vermochte, wurde es wiederholt -- noch

kräftiger -- vom besten Gewissen der Welt.

Ivar Bye stand vor einem hohen, stattlichen Mann in eleganter

Gesellschaftstoilette, der eben Parfüm auf sein Taschentuch goß.

Sie sahen einander an; und die erste Folge davon war, daß keiner von

ihnen grüßte. »Ich habe Ihren Brief erhalten; aber ich bedaure, daß die

Zeit, die Sie vorgeschlagen haben, nicht günstig ist; ich bin im Begriff

auszugehen. Bitte, nehmen Sie Platz!«

Bye blieb stehen.

»Ich sehe, es geht Ihnen gut. Was treiben Sie?« -- »Ich bin im

Handelsfach.« -- »So, wirklich? Sind Sie schon lange hier?« -- »Ein Jahr

oder so.« -- Er wußte nicht mehr, was er redete, das Zimmer fing an,

sich im Kreis zu drehen. »Ja, Sie müssen wirklich entschuldigen, aber

ich höre eben den Schlitten vorfahren.« Er wandte sich um und legte ein

großes seidnes Halstuch um, eh er den Pelz umnahm. Es klopfte. Ein

Diener meldete, daß der Schlitten da war, eilte herbei und half dem

Herrn in den Pelz. Bye stand noch immer unbeweglich, als der Herr mit

einem höflichen Adieu an ihm vorbei in den Gang hinaus und die Treppe

hinab ging.

Bye war über dreißig Jahre alt, als er mir dies erzählte, und mehrere

Jahre waren vergangen, seit es geschehen war. Aber er weinte wie ein

betrogenes Weib.

Nach dieser Begegnung wurde er langsam ein anderer. Wie ich es später

begriff, müssen die ersten äußeren Anzeichen davon gewesen sein, daß er

seine Lieder nicht mehr sang, es kaum ertrug, sie von andern singen zu

hören; die Guitarre rührte er nicht mehr an. Es ist dies nicht so zu

verstehen, daß das Leben der Erwartung, das er bisher geführt hatte, von

dem energischen Bestreben abgelöst wurde, sich eine Zukunft zu schaffen.

Das lag ihm gar nicht mehr, wenn er das je getan hatte. Sondern so, daß

die Schwärmerei, die er im Innersten genährt hatte, ihre sentimentalen

Erinnerungen fahren ließ und statt dessen ihre Dichtung um die zu

spinnen begann, in deren Kreis er gerade stand; wenigstens um Einzelne

von ihnen. Es begann damit, daß er bei guten Menschen Trost und Zuflucht

suchte für das Beste in ihm; aber auf die Dauer ward es zu einer

Lebenskette, welche die Geschichte des einen Freundes oder der einen

Freundin an die der andern schloß, und alle zusammen bildeten sein

Glück. Nach und nach lebte er ausschließlich für Andere.

Wie andre junge Leute nach Enttäuschungen und Wunden in einem Kloster

eindämmern, so er in guten Werken.

Als das norwegische Theater in Christiania errichtet werden sollte, war

der ehemalige sentimentale Sänger und Guitarreklimperer der erste, der

sich meldete. Viele Moldenser erschraken, als sie seinen Namen hörten.

Daß _er_ es wagte, auf einer Bühne aufzutreten! Kurz darauf lernte ich

ihn kennen und begriff sofort, wie natürlich es für diesen Träumer war,

nach Aladdins Schloß zu suchen. Da würde er leben -- nicht in den

Prachtgemächern, nicht an den Fenstern und auf den Balkons paradierend,

bereit, Huldigungen zu empfangen; sondern in den weinlaubumschatteten

Bogengängen, in den Alkoven, in den heimlichen Plätzchen rund um die

Kaskaden draußen im großen Park. Der Mitwisser aller Geheimnisse, der

Vertraute und Helfer aller. Immer im Hintergrund mit kleinen Diensten

und guten Ratschlägen bereit; immer bereit, die Jüngsten zu loben, die

Unglücklichen zu trösten, sich mit den Glücklichen zu freuen. Er selber

hatte keinen Ehrgeiz; sein Trontheimer Dialekt (welchen die Bühnenleiter

nicht zu brechen verstanden, solange es noch Zeit war), und seine

Dilettanten-Furcht vor dem Unnatürlichen, die ihn verhinderte,

ordentlich loszulegen, waren ihm überall im Wege. Aber wenn wir fragen,

so wird uns jeder Einzelne von denen, die noch vom ersten Personal des

norwegischen Theaters leben, erzählen, was er für die war, die er gern

hatte, denn er war ein verwöhnter Menschenkenner! Sie werden uns

erzählen, was sie seinem Geschmack, seiner Erfindungsgabe, wo es ihr

Wohl galt, seiner taktvollen Aufrichtigkeit, seiner Treue und Diskretion

verdanken. Heiter und warmherzig, phantasievoll und vertrauenerweckend,

ihre kleinen Fehler verspottend und züchtigend; das, was er liebte,

hervorlockend.

Er war noch nicht lange da, als er zum ersten Mal in seinem Leben festen

Boden unter den Füßen zu fühlen begann; es schwankte nicht mehr alles.

Aber just da erhielt er einen anonymen Brief von »einem Moldenser«.

Darin wurde er gefragt, »wie _er_ es wagen könne --?«

Und hier war's, wo ich dazu kam.

Eins von den ersten Dingen, die ich erzählen hörte, als ich Zögling der

höheren Schule zu Molde wurde, war, wie dieser gutherzige, schöne Junge

von älteren, »vornehmeren« Kameraden mißbraucht und dann schmählich

verlassen worden war. Darüber herrschte in Molde sowohl damals als

später nur _eine_ Stimme. Als es nun mit Schlangenzungen zu zischen

begann, schien es mir deshalb, wir Moldenser müßten die Ersten sein, sie

in ihre Löcher zurückzupeitschen. Ich habe ein Talent für Organisation;

in aller Eile veranlaßte ich die Moldenser Studenten, eine Leibwache um

ihn zu schließen, eine Wache des Schweigens und der Freundschaft. Und zu

äußerer Sicherheit nahmen wir ihn in die Studentenkolonie auf, die ein

paar von uns gegründet hatten. Er zog mit seiner langen Pfeife, seinem

kleinen Hausrat -- vor allem seiner kleinen Beefsteakpfanne, an der so

viele von uns sich erfreut haben! -- bei uns ein; seine Bude oben wurde

bald unser Lieblingsaufenthalt.

Als Theaterkritiker konnte ich ihm auch indirekt eine Stütze sein, wenn

die Leute uns überall zusammen sahen. Ich stutzte einen französischen

Lustspiel-Einakter für ihn und noch einen andern Notleidenden, Kapitän

David Thrane, zurecht; letzterer hatte Walzer- und Operettenmelodien

komponiert, die er darin angebracht haben wollte. Bye erhielt eine

kleine erotische Rolle; ich wollte sehen, ob er vielleicht am Ende doch

einmal mit etwas von dem, was er besaß, herauskommen könnte. Er wagte

sich jedoch kaum zu rühren, so daß das Stück glänzend Fiasko machte. Wir

tranken unter großem Gelächter auf seinen Tod.

Für das norwegische Theater kamen bald böse Tage. Wir Norweger haben

nämlich die Gewohnheit, jedes nationale Unternehmen dreimal an unsrer

Gleichgiltigkeit oder Uneinigkeit zugrunde gehen zu lassen. Erst beim

viertenmal ist es lebensfähig. Bye ging mit einer schlechten Truppe auf

die Wanderschaft. Aber eben damals war ich Direktor am Bergenser Theater

geworden und schickte ihm Reisegeld.

Ich seh ihn noch, wie er am ersten Tag meine Garderobe musterte und sich

daraus ein paar Hosen mit Seidenstickerei an den Säumen herunter

auswählte; ich seh ihn mit einem Taschenmesser sitzen und diese

Verzierungen austrennen; denn grade diese Hosen hatte er sich nun einmal

ausgesucht. Er war bettelarm. Er hatte nämlich alles, was er hatte,

weggegeben, solchen, die es nötiger brauchten, als er. »Für mich war ja

noch immer Rat,« sagte Bye, »ich wußte ja, ich hatte dich in der

Hinterhand.« Ich möchte wissen, ob ich jemals in meinem Leben stolzer

auf etwas gewesen bin, das er mir gesagt hat. Es war auch das Einzige

dieser Sorte, was er mir zu spendieren für zuträglich hielt.

Er nannte mich -- wie alle Kameraden -- »Björnen« (Bär) oder »Bjö'en«

und behandelte mich wie ein Kind, oder wie einen hellen Toren --

insonderheit wie das letztere, indem er mich vollständig entmündigte.

Ich bekam mein eignes Geld nicht in die Hand, -- wobei ich mich

ausgezeichnet stand, -- sondern mußte ab und zu etwas von ihm »leihen«.

Er umgarnte mich geradezu mit den abscheulichsten Schlichen und stiftete

Verschwörungen gegen mich unter meinen Freunden an. Obschon es immer zu

meinem eignen Besten geschah, -- wenn ich dahinter kam, oder wenn es zu

stark gegen meine Passionen ging, so kriegte er Prügel; aber in der

Regel ging's nach seinem Willen. Wenn alles vorüber war, hielt er mich

unbarmherzig zum Narren, und dann lachten wir alle beide.

Im Frühling zogen wir nach Trontheim, um wieder vor den Trontheimern zu

spielen -- ich darf wohl sagen, ein gut einstudiertes Repertoire. Die

Trontheimer wollten uns erst das Theater nicht vermieten; »es sollte

repariert werden«. Ich mußte hinauf und es erobern, und die andern kamen

nach. Bye war mit dabei. Eine lustige Gesellschaft waren wir -- lauter

junge Leute, der Direktor der zweitjüngste von allen! Eine Sommerreise,

wie sie kaum ihresgleichen gehabt hat in Norwegen! Sie hätte ihren

Dichter haben müssen; -- der aber starb mit Georg Krohn.

Proben und Vorstellungen, Gesellschaften, Ausflüge, Tollheiten und

Reden, -- ich hielt zu jener Zeit beständig Reden! ... man kann sich

eine Vorstellung davon machen, wie wir mit den Trontheimern umsprangen,

wenn ich erzähle, daß wir jeden Abend bei gutem Wetter damit endeten,

daß Rektor Müller -- man denke, der Rektor der Stadt! -- auf der

Feuerleiter in den Stiftsgarten stieg, ohne sich festzuhalten, und

weiter über die Dachrinne und wieder zurück!

Ich wohnte im ersten Hotel der Stadt.[3] Ivar Bye wohnte natürlich bei

mir. _Er_ sagte nichts und _ich_ sagte nichts; aber wir waren im voraus

darüber einig, so und nicht anders mußte er Trontheim wiedersehen.

Den Tag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir miteinander an dem

langen, düstern Haus vorbei, in dem er einmal als Gefangener gesessen

hatte. Nie vergeß' ich, welche Stimmung in mir zitterte, meine Augen

begegneten den seinen. Er sagte irgend etwas, wie: sie haben ein neues

Tor; oder: das Tor ist neu angestrichen. Ich weiß nicht mehr, was. Ich

sagte nichts; d. h. ich schwatzte unaufhörlich von ganz andern Dingen.

In Trontheim waren nur Wenige, die sein Geheimnis kannten, und diese

Wenigen waren seine guten Freunde. Hier war er also sicher. Ich seh ihn

noch draußen auf einem Stein mitten in dem großen Lerfoß, ein Stück weit

von der Stadt; Gott weiß, wie er da hinaus gekommen war. Er hockte da --

nackt. Da war er einmal ganz losgelassen! Eine solche Wildheit und ein

solcher Übermut offenbarte sich da, daß man erwartete, er würde sich in

den Strom werfen. Ich stand und dachte: Jetzt ist Bye froh!

[Fußnote 3: In einer wehmütigen Stunde, mitten unter allem Jubel,

schrieb ich da:

»Auf Sankte-Hans

ist Lachen und Tanz;

ich aber weiß nicht, ob sie flicht ihren Kranz.«

]

Später sagte ich zu ihm: »Was hätte aus dir werden können, Bye, wenn du

dich hättest frei entwickeln können.«

»Ja,« antwortete er, »etwas zwischen Aschenputtel und Nöck. Auch wenn

der Nöck weint.«

Und eine Weile darauf: »Aber für mich war von Anfang an die Schranke

gezogen.«

Zwei Tage zuvor hatte ich mich verlobt, deshalb lebt der Tag in meinem

Gedächtnis wie Sonnenschein; jedes Wort steht vor mir in gleicher

Klarheit wie die Landschaft. Solange diese Verlobung sich vorbereitet

hatte, schwieg er; nicht mit einem Hauch seines Mundes, so schwach, daß

er die kleinste Feder bewegt hätte, versuchte er auf meinen Entschluß

einzuwirken. Und doch sagte er mir, sogleich nachdem es geschehen war,

daß es sein höchster Wunsch gewesen war! Herrliche Tage hatten wir drei!

Und es blieb so, als ich mich verheiratete, obwohl er ausziehen mußte

und meine Frau einzog; er kam beständig zu uns.

Jenes Jahr ist zweifellos das für meinen Charakter gefahrvollste

gewesen. Ich hatte eine unbändige Arbeitskraft; ich leitete das Theater

und das Oppositionsblatt der Stadt und damit die große Wahl, die erste

in Norwegen auf ganz nationalem Grund. Gleichzeitig nahm ich in

ausgedehntestem Grad am Vereinsleben und an Gesellschaften teil, schrieb

an einer Erzählung und dichtete Lieder. Aber mir war nicht leicht eine

Schranke zu setzen, wenn ich etwas erreichen wollte; ich hatte ja auch

immer Glück.

Ihm und ihr verdanke ich es, und der Mithilfe meiner teuren Freunde

Georg und Henrik Krohn, Dankert Roggen, Andreas Behrens, Henrichsen,

Dahl u. a., daß ich so einigermaßen unversehrt daraus hervorgegangen

bin.

Unter den warmen, unmittelbaren Menschen in Bergen fanden sich Freunde

für Ivar Bye. Als Garderobier am Theater, wo man ihn seines guten

Geschmacks willen angestellt hatte, kam er mit vielen verschiedenen

Schichten der Bevölkerung zusammen, und er traf wie gewöhnlich, seine

Auswahl. Durch uns andre lernte er noch mehr kennen, -- so daß er nun

endlich Menschen gefunden hatte, die er brandschatzen konnte für seine

armen Freunde in allen Ecken und Winkeln des Landes! Nach und nach

gewann er, -- das war unausbleiblich -- vollständige Herrschaft über

die, die er gern hatte, und er erhielt sie sich auch, weil er genau

wußte, wie er jeden Einzelnen zu nehmen hatte. Eine alte Verwandte

meiner Frau liebte ihn so, daß sie den Tag für verloren hielt, an dem er

nicht vorgesprochen hatte. Trotzdem wollte sie ihm das Kleid nicht

geben, das sie eben an hatte; es war ja auch wirklich zu toll, um so

etwas zu bitten. Bye hatte nämlich ein altes armes Fräulein, dem dies

Kleid akkurat paßte; es war so hübsch warm, so recht ein gutes

Winterkleid, und sie besaß mehrere, das alte Fräulein aber gar keines.

Kaum war Bye gegangen, so fing das, was er gesagt hatte zu wirken an.

Vielleicht mußte es eben grade solch ein Kleid sein? Sie zog es aus und

packte es ein. Eh' Bye von seinen vielen Besorgungen nach Hause kam, lag

das Kleid auf seinem Zimmer. -- Für andre hatte er eine andere Art des

Vorgehens. Wenn sie mit einem ausgedienten Kleidungsstück nicht

herausrücken wollten (es gibt ja liebenswürdige Menschen, die in diesem

Punkt unglaubliche Gewohnheitstiere sind), so nahm er es ganz einfach

und ließ uns andre dann arglos fragen: »Aber, Liebe, haben Sie denn das

graue Kleid nicht mehr? Es stand Ihnen so gut!«

Was er sich und uns Spaß machte mit all seinen Schlichen, um uns Geld

für seine alten Fräuleins abzulocken! Er hatte ein wahres Genie dafür,

solche aufzustöbern und sie mit seinem Geplauder und seinen diskreten

Gaben zu erfreuen.

Ivar Bye hat uns in Wahrheit gelehrt, gut zu sein, und viele, viele

außer uns.

Als Beweis dafür, wie sicher er sich seiner Freunde fühlte, muß ich

einen kleinen Streich erzählen, über den seinerzeit halb Bergen lachte.

Wir waren in Gesellschaft bei einer Dame, die für ihre ausgezeichneten

Kuchen bekannt war. »O,« sagte meine Frau, »besonders _der_ da schmeckt

köstlich!« -- »Den sollst du mit nach Hause nehmen,« antwortete Bye.

Alle Kuchen wurden aufgegessen, nur nicht diese Sorte; sie waren fast

unberührt. »Ich begreif' es nicht,« sagte die Wirtin, als die andern

Gäste fort waren und wir noch allein da waren. »Ich glaubte, die Kuchen

seien die Besten.« -- »_Ich_ begreif' es gut,« sagte Bye, »ich bin

nämlich zu allen Leuten gegangen und habe ihnen gesagt, daß in den

Kuchen da faule Eier seien!« --

Der reichste Teil aber seiner Menschenkenntnis, seiner Wärme und Güte

sammelte sich in seinem Beruf als Ratgeber und Vertrauter. Er war dazu

geboren. Keine Instinkte sind im Menschen feiner entwickelt, als die,

die Verständnis ahnen! Und andrerseits gibt es kein sichereres Zeugnis

moralischer Macht, als das, Bekenntnisse zu erzwingen einfach dadurch,

daß man ist, der man ist! Und diese Macht hatte er.

Unsre Literatur hat ein Denkzeichen für seine Art und Weise, Vertrauen

entgegen zu nehmen. Es ist niedergelegt in dem Gedicht:

Ein Tag; Ivar Bye: Zwei Erzählungen · 第 11 / 15 题