Nach Dürers Tod ausgeführter Holzschnitt in Helldunkeldruck.]

Der letzte Holzschnitt religiösen Inhalts, den Dürer herausgab -- im

Jahre 1526 --, war eine heilige Familie: ein kleines, fein gezeichnetes

liebliches Bild, von eigenartig poetischer Wirkung dadurch, daß

die Glorienscheine, welche die Häupter der Mutter und des Kindes

umleuchten, mit ihren Strahlen die ganze Luft erfüllen.

Der kirchlichen Malerei waren jene Jahre, in denen die Reformation in

Nürnberg eingeführt wurde und die beunruhigten Gemüter hin und her

schwankten, nicht günstig. Im Jahre 1523 wurde in Dürers Werkstatt ein

kleines Altarwerk fertig. Die zerstreuten Bruchstücke dieses Werkes,

das als der Jabachsche Altar bezeichnet zu werden pflegt, weil es

während der längsten Zeit seines Bestehens die Hauskapelle der Familie

Jabach in Köln schmückte, befinden sich in der Münchener Pinakothek, im

städtischen Museum zu Köln und im Städelschen Institut zu Frankfurt.

Dürer selbst hat daran wohl keinen Strich gemalt. Vielleicht war die

Bestellung eben dieses Altars die Veranlassung, daß er überhaupt

wieder Gehilfen annahm, deren er sich sonst, wie es scheint, seit dem

Jahre 1509 nicht mehr bei der Ausführung seiner Arbeiten bedient hatte.

Im Jahre 1526 malte Dürer noch ein kleines Andachtsbild: die Jungfrau

Maria -- etwas mehr als Brustbild, wenig unter Lebensgröße --, mit

dem Jesuskind auf dem Arm, für das sie einen Apfel bereit hält. Das

Kind, das eine Kornblume im Händchen hält, ist in ganz unbefangener

Kindlichkeit dargestellt. Die Jungfrau ist sehr lieblich in ihrem

sanften und bescheidenen Ausdruck; aber der Versuch, die Form

zu idealisieren, der in dieser späten Zeit des Meisters doppelt

befremdlich wirkt, ist nicht ganz glücklich ausgefallen. Ein

eigentümlich schwermütiger Ton liegt über dem Bilde (Abb. 119).

[Illustration: Abb. 123. +Das Löwenwappen mit dem Hahn.+

Kupferstich.]

[Illustration: Abb. 124.]

In dem nämlichen Jahre vollendete Dürer das letzte große Werk seiner

Malerei: die beiden Tafeln mit den Aposteln Johannes und Petrus

einerseits und Paulus und Marcus andererseits, die, bekannt unter dem

Namen „die vier Apostel“ oder „die vier Temperamente“ jetzt in der

Münchener Pinakothek prangen. Schon seit Jahren hatte er sich damit

beschäftigt, die Apostel in Charaktergestalten zu verbildlichen. Fünf

Apostelfiguren führte er in Kupferstich aus in den Jahren 1514 bis

1526; aber er führte die Reihe nicht zu Ende. Es drängte ihn, gleichsam

ein großes Schlußwort seiner Kunst in den gemalten Apostelbildern

auszusprechen, zu denen die Studien bis in das Jahr 1523 hinaufreichen.

Seit dem Dezember 1520, wo er auf der Reise nach Seeland zum erstenmal

von einem heftigen Unwohlsein ergriffen wurde, kränkelte Dürer. Jetzt

fühlte er, daß die Tage seiner Schaffenskraft gezählt seien. Vor

seinem Ende wollte er seiner geliebten Vaterstadt ein künstlerisches

Vermächtnis übergeben, und dazu wählte er die Apostelbilder. Aus einer

tiefernsten Stimmung heraus, aber mit jugendlicher Kraft schuf er

diese mächtigen lebensgroßen Gestalten, in denen seine schöpferische

Fähigkeit, Charakterbilder ins Dasein zu rufen, auf ihrer größten Höhe

erscheint. Die ganze Liebe, die er auf eine sorgfältige Ausführung

zu verwenden vermochte, hat er diesem Werke gewidmet, aber alles

Kleinliche hat er vermieden. Er hat hier jene erhabene Einfachheit

erreicht, die er, wie er einst Melanchthon voll Schmerz über seine

Unvollkommenheit gestand, zwar als den höchsten Schmuck der Kunst

erkannt, aber niemals erlangen zu können geglaubt hatte. In mächtiger

Größe treten die Gestalten aus einem leeren schwarzen Hintergrund

heraus. Die ganze Aufmerksamkeit des Beschauers wird auf die vier Köpfe

gelenkt. Die beiden Gewänder, welche den größten Raum der Bildflächen

einnehmen, der weiße Mantel des Paulus und der rote des Johannes, sind

mit einer einfachen Großartigkeit angeordnet, die mit der Großartigkeit

der Köpfe in vollem Einklang steht (Abb. 120 und 121). Die große

Verschiedenheit der Köpfe hat schon zu Dürers Lebzeiten die Ansicht

aufkommen lassen, daß hier zugleich die vier Temperamente dargestellt

seien. Bei der großen Bedeutung, welche die damalige Wissenschaft den

sogenannten Temperamenten oder Flüssigkeitsmischungen im menschlichen

Körper, der „feurigen, luftigen, wässerigen oder irdischen Natur“

beilegte, ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß Dürer selbst auch an

diese Unterscheidungen gedacht habe. Was der ernst sinnende Johannes,

der ruhige Petrus, der lebhafte Marcus und der feurige Paulus dem

Beschauer sagen wollen, das hat der Maler durch die Unterschriften

erläutert, welche er den Bildern hinzufügte: „Alle weltlichen Regenten

in diesen gefahrvollen Zeiten sollen billig acht haben, daß sie nicht

für das göttliche Wort menschliche Verführung annehmen, denn Gott will

nichts zu seinem Wort gethan, noch davon genommen haben. Darum hört

diese trefflichen vier Männer Petrum, Johannem, Paulum und Marcum.“ Als

„ihre Warnung“ werden nun die Stellen aus dem zweiten Brief des Petrus,

aus dem ersten Brief des Johannes, aus dem zweiten Brief des Paulus an

Timotheus und aus dem zwölften Kapitel des Marcusevangeliums angeführt,

welche vor falschen Propheten und Sektierern, vor Leugnern der Gottheit

Christi, vor Lasterhaften und vor hoffärtigen Schriftgelehrten warnen.

Mit diesen mahnenden Unterschriften versehen verehrte Dürer die beiden

Tafeln im Herbst 1526 seiner Vaterstadt zu seinem Andenken. Rührend

ist die Bescheidenheit des Begleitschreibens, mit dem er dieselben

an den Rat übersandte: „Dieweil ich vorlängst geneigt gewesen wäre,

Eure Weisheit mit einem kleinwürdigen Gemälde zu einem Gedächtnis

zu verehren, habe ich doch solches aus Mangelhaftigkeit meiner

geringschätzigen Werke unterlassen müssen. Nachdem ich aber diese

vergangene Zeit eine Tafel gemalt und darauf mehr Fleiß denn auf andere

Gemälde gelegt habe, achte ich niemand würdiger, dieses zu einer

Gedächtnis zu behalten, als Eure Weisheit, deshalb ich auch dieselbe

hiermit Eurer Weisheit verehre, unterthänigerweise bittend, dieselben

wollen dieses kleine Geschenk gefällig und gütig annehmen und meine

günstigen gnädigen Herrn, wie ich bisher anbei gefunden habe, sein und

verbleiben.“

Ein Jahrhundert lang hingen die beiden Gemälde in der Sitzungsstube der

ersten Würdenträger von Nürnberg. Dann erwarb sie Kurfürst Maximilian

von Bayern. Dieser ließ auf die Vorstellungen des Rats von Nürnberg

die bedenklich erscheinenden Unterschriften von den Tafeln absägen und

an die Kopien ansetzen, welche die Nürnberger anstatt der Originale

behielten.

Mit dem an Meisterwerken so reichen Jahre 1526 war Dürers künstlerische

Thätigkeit im wesentlichen abgeschlossen.

[Illustration: Abb. 125. +Bücherzeichen Pirkheimers+, Holzschnitt.

Mit dem Pirkheimerschen und Rieterschen Wappen, demnach vor dem Tode

von Pirkheimers Gattin Crescentia Rieter (1504) gezeichnet. „Für sich

und seine Freunde aufgestellt, Buch des Wilibald Pirkheimer.“]

[Illustration: Abb. 126. +Bücherzeichen des Propstes von St. Lorenz

in Nürnberg, Hektor Pomer+, Holzschnitt. Unterschrift in drei

Sprachen: „Dem Reinen ist alles rein.“]

Sehr vieles und unendlich großes hatte er geschaffen als Maler,

Kupferstecher und Zeichner für den Holzschnitt. Für die erhabensten

Figuren der christlichen Kunst hatte er eine Gestaltung gefunden,

welche seither maßgebend geblieben ist. Der von ihm geschaffene

Christuskopf, namentlich der dornengekrönte, auch im Leiden

majestätische (s. Abb. 76), wird niemals überboten werden können;

nicht mit Unrecht ist ein erst nach Dürers Tode erschienener, aber

zweifellos auf seiner Vorzeichnung beruhender Holzschnitt, der in

einem Haupt Christi von doppelter Lebensgröße das qualvollste Leiden

und zugleich die Überwindung des Leidens veranschaulicht, das Leiden

als gewollte That darstellt, als das christliche Gegenstück des

olympischen Zeus gepriesen worden (Abb. 122). Daneben hatte er es nicht

verschmäht, die Größe seines Könnens auch scheinbar kleinen Dingen

zuzuwenden. Er zeichnete prächtige Wappen und gab damit das Schönste,

was die Renaissance auf heraldischem Gebiet hervorgebracht hat (Abb.

123). Er erfand Titelverzierungen für Bücher (Abb. 124) und entwarf

geschmackvolle Buchzeichen („+Ex-libris+“) für die Bibliotheken

seiner Freunde (Abb. 125 und 126). Er konstruierte Alphabete und trug

durch seine mustergültigen lateinischen Buchstaben (vergl. Abb. 2)

mit bei zur Renaissance der Schrift -- eine Renaissance, die freilich

in Deutschland unvollständig blieb, da wir ja heute noch an der

augenverderbenden spätgotischen Schrift mit ihren kantigen kleinen

und ihren wunderlich verschrobenen großen Buchstaben mit sonderbarer

Hartnäckigkeit festhalten. Er bildete Naturmerkwürdigkeiten ab zur

Befriedigung der öffentlichen Neugierde, und er fertigte Entwürfe

architektonischer und kunstgewerblicher Art an, sowohl zum Zwecke

allgemeiner Belehrung, als auch zu besonderen Zwecken für seine

Bekannten. Maler und Bildner verdankten seiner Liebenswürdigkeit

Vorbilder für ihre Werke. So gibt es von seiner Hand eine Skizze zu

einem von Hans von Kulmbach ausgeführten Gemälde und eine solche

zu einem von Peter Vischer gegossenen Grabmal (Abb. 90). Seine

Gefälligkeit kam jedem an ihn gerichteten Wunsch entgegen; ein

merkwürdiges Beispiel gibt die Zeichnung eines Affentanzes, die er in

einem (im Museum zu Basel bewahrten) Brief an den Magister Felix Frey

in Zürich schickte, mit der Entschuldigung, daß er die Zeichnung nicht

besser habe machen können, weil er lange keinen lebenden Affen gesehen

hätte (Abb. 110). Gern stellte Dürer, der emsige Forscher, seine

Handfertigkeit in den Dienst der Wissenschaft, nicht nur wenn es sich

um die bildliche Ergänzung der von ihm selbst verfaßten Fachschriften

handelte; er hat auch für seinen Freund Stabius Erd- und Himmelskarten

ausgeführt. Auch was er als Knabe in der Goldschmiedewerkstatt seines

Vaters gelernt hatte, verwertete Dürer gelegentlich. So gravierte

er zum Schmucke eines Schwertgriffs für den Kaiser Maximilian ein

Goldplättchen mit der Kreuzigungsgruppe; das Plättchen selbst ist

verschwunden, nur einige Abdrücke desselben, bekannt unter dem Namen

„der Degenknopf“, sind noch vorhanden (Abb. 134). Für ein Kästchen, das

einem Fräulein Imhof geschenkt wurde und welches sich heute noch zu

Nürnberg im Besitz dieser Familie befindet, lieferte er ein in Silber

gegossenes Relief, das eine anmutige weibliche Gestalt zeigt.

[Illustration: Abb. 127. +Engelstudie.+ Weißgehöhte

Kreidezeichnung.

Dürer(#55740) · 第 17 / 20 题