Im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 107. Studienzeichnung aus Antwerpen (1521): +Die

Mohrin des portugiesischen Konsuls Brandan+. In der Uffiziensammlung

zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 108. +Bildnis, mutmaßlich des Nürnberger

Patriziers Hans Imhof des Älteren.+ Ölgemälde aus dem Jahre 1521. Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 109. +Kaiser Maximilian auf dem Triumphwagen+

bekränzt von den Figuren der Tugenden. Bruchstück (in stark

verkleinerter Nachbildung) aus dem großen Holzschnitt „Triumphwagen

Maximilians“ (1522).]

Einen großen Raum nimmt in dem Tagebuch die Aufzählung der Geschenke

von Kunstwerken ein, welche Dürer nach allen Seiten hin verteilt, bald

als Gegengabe für etwas Empfangenes, bald auch, bei Höherstehenden, zu

dem Zwecke, sich deren Wohlwollen zu gewinnen. Nicht ohne Bitterkeit

ist in den Aufzeichnungen vermerkt, daß „Frau Margareth“, die

Statthalterin, für das viele, das sie von ihm bekommen, gar nichts

wiedergeschenkt habe. Sonst werden die mannigfaltigsten, zum Teil

kostbaren Geschenke als von ihm empfangen aufgezählt; auch seiner

Frau, die sich in Antwerpen ganz häuslich eingerichtet hat, fließen

bisweilen Geschenke zu. Dürer erweist sich als ein leidenschaftlicher

Sammler von Merkwürdigkeiten. Die Erzeugnisse einer fremdartigen

Natur, die ihm die Kaufleute, welche mit überseeischen Ländern in

Verkehr stehen, darbringen, sind ihm willkommene Gaben; auch benutzt

er manche Gelegenheit, derartige Dinge käuflich zu erwerben. Aber auch

Kunstwerke schafft er sich an. So tauscht er mit Lucas van Leyden eine

große Anzahl seiner Blätter gegen dessen ganzes Kupferstichwerk aus.

„Wälsche Kunst“, das heißt italienische Kupferstiche, kauft er gern,

und nachdem er die Bekanntschaft eines Schülers von Raffael, Vincidor

von Bologna, der ihn aufsuchte, gemacht, übergibt er demselben sein

gesamtes Werk an Holzschnitten und Kupferstichen mit dem Auftrag,

ihm dafür „das Werk Raffaels“, nämlich die Stiche des Marcantonio,

aus Italien kommen zu lassen. Bei einem Besuch in der Werkstatt des

berühmten Antwerpener Illuministen Gerhard Horebout erwirbt er eine

von dessen Tochter gemalte Miniatur und bemerkt dazu: „Es ist ein groß

Wunder, daß ein Frauenzimmer so viel machen kann.“ -- Seine „Kunstware“

führt er übrigens nicht bloß zum Verschenken und Vertauschen mit

sich, sondern er treibt auch einen lebhaften Handel damit; und nicht

nur mit der eigenen, sondern er hat auch den Vertrieb von Blättern

seiner Freunde, unter denen er den „Grünhans“ -- Hans Baldung Grien --

besonders nennt, übernommen. Wir erfahren aus dem Tagebuch, zu welch

niedrigen Preisen die jetzt so kostbaren Stiche Dürers damals verkauft

wurden. Denn über alle Einnahmen und Ausgaben -- unter den letzteren

eine wahre Unmenge von Trinkgeldern -- ist sorgfältig Buch geführt;

dabei sind einige kleine Verluste im Spiel ebensowenig vergessen, wie

der Verlust, der dadurch entstand, daß Frau Agnes einmal der Geldbeutel

abgeschnitten wurde. -- Auch über Dürers künstlerische Thätigkeit ist

Buch geführt. Von Malgerät hat er nur Wasserfarben, mit denen er sowohl

auf Papier, als auch auf „Tüchlein“ malte, mitgenommen. Aber schon bald

nach dem ersten Eintreffen in Antwerpen sieht er sich genötigt, sich

von Joachim de Patenier Ölfarben und einen Gesellen zu leihen. Seine

Kunstfertigkeit wird nach allen Seiten hin in Anspruch genommen; nicht

nur durch das Zeichnen und Malen von Bildnissen, sondern auch durch

mancherlei anderes: so muß er dem Leibarzt der Erzherzogin Margareta

den Plan zu einem Haus anfertigen, den Goldschmieden in Antwerpen

macht er Vorlagen für Schmucksachen und einer Kaufmannsgilde eine

Vorzeichnung für eine in Stickerei auszuführende Heiligenfigur, er

zeichnet Wappen für vornehme Herren und entwirft Maskenkostüme zu dem

Fastnachtsmummenschanz.

[Illustration: Abb. 110. +Tanzende Affen+, mit der Feder auf

die Rückseite eines Briefes gezeichnet „1523 (am Tag) nach Andreä zu

Nürnberg“. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie in Dornach i.

E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 111. +Kupferstichbildnis des Kardinals Albrecht

von Brandenburg+ („der große Kardinal“).

„1523.

So sah er aus, das sind seine Augen und Wangen und Lippen.

In seinem 34. Lebensjahre.

Albrecht, durch Gottes Barmherzigkeit der hochheiligen römischen Kirche

Kardinalpriester mit dem Titel von St. Chrysogonus, Erzbischof von

Mainz und Magdeburg, Kurfürst, Primas des Reiches, Administrator von

Halberstadt, Markgraf von Brandenburg.“]

[Illustration: Abb. 112. Kupferstichbildnis +Kurfürst Friedrichs des

Weisen+.

Unterschrift: „Christo geweiht. -- Dieser hat Gottes Wort mit der

größten Ergebung gefördert; Ewigen Nachruhms ist würdig darum er

fürwahr. -- Für Herrn Friedrich, Herzog von Sachsen, des h. römischen

Reichs Erzmarschall, Kurfürst, gemacht von Albrecht Dürer aus Nürnberg.

-- B·M·F·V·V· (unverständlich) -- 1524.“]

[Illustration: Abb. 113. +Wilibald Pirkheimers+ Bildnis aus dem 53.

Jahre seines Lebens, Kupferstich von 1521.

„Man lebt durch seinen Geist, das übrige gehört dem Tode.“]

Dürers Aufzeichnungen sind im allgemeinen ganz knapp und kurz gehalten,

und doch ist bisweilen in den wenigen Worten ein lebendiges Bild von

einer Person oder einem Vorgang gegeben. Zu ausführlicherem Bericht

reizen ihn manchmal die Festlichkeiten; so schildert er namentlich

das erste große Fest, das die Antwerpener Künstlerschaft ihm gab, mit

vielem Behagen.

Überall blickt in dem Tagebuch der beobachtende Maler durch, dessen

Augen immer beschäftigt sind. Bald ist es die Ansicht einer Stadt,

bald die Aussicht von einem Turm, hier eine Gartenanlage, da ein

Gebäude, was die Aufmerksamkeit des Meisters fesselt; hier hält er ein

hübsches Gesicht und dort die zu Markte gebrachten stattlichen Hengste

der Erinnerung für wert. Als echter Renaissancekünstler bemerkt er im

Aachener Münster sogleich, daß die dort „eingeflickten“ antiken Säulen

kunstrecht nach des Vitruvius Vorschrift gemacht seien.

Auch die weltgeschichtlichen Ereignisse, die damals Deutschland

bewegten, nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Durch die Nachricht

von Luthers Gefangennahme wird er tief erschüttert. An dem Tage, wo

er hiervon gehört hat, flicht er ein langes inbrünstiges Gebet in

seine Aufzeichnungen ein. Er läßt erkennen, daß er mit der ganzen

Aufrichtigkeit und tiefen Frömmigkeit seines Herzens dem Unternehmen

der Reformation zugethan ist, doch ohne zu ahnen, daß eine

Kirchentrennung daraus hervorgehen würde.

[Illustration: Abb. 114. +Die Anbetung der heiligen drei Könige.+

Federzeichnung von 1524. In der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Wenn wir lesen, wie unglaublich viel Albrecht Dürer während seines

Aufenthaltes in den Niederlanden, zwischen all den Festlichkeiten, den

Besuchen bei hoch und niedrig, dem Betrachten der Sehenswürdigkeiten,

dem Hin- und Herreisen zu Wagen, zu Roß und zu Schiff, immer und

überall für andere zeichnete und malte, so erscheint es uns kaum

begreiflich, daß er immer noch Zeit fand, an sein eigenes Studium zu

denken. Und doch hat er außer dem mit zum Teil höchst sorgfältigen

Zeichnungen wohlgefüllten Skizzenbuch auch eine Anzahl mit allem

Fleiße ausgeführter größerer Studienblätter mit heimgebracht.

Treffliche Proben von Dürers Thätigkeit auf der Reise geben die in

den Abbildungen 100, 102, 107 vorgeführten Blätter: die schnelle und

scharfe Federzeichnung, durch die Dürer sich die Züge eines Mannes

aufbewahrte, dessen Lautenspiel er bewundert hatte und mit dem er,

wie eine spätere nochmalige Ausführung von dessen Bildnis beweist,

näher bekannt wurde; die mit breitem Metallstift in großem Maßstabe

kräftig ausgeführten Köpfe einer alten und einer jungen Seeländerin;

die feine Stiftzeichnung, in der er die seltene Gelegenheit, eine

Negerin zu zeichnen, mit eingehender Beobachtung ausgenutzt hat. Die

Krone von Dürers auf der Reise gesammelten Studien ist der in schwarz

und weiß, mit dem Tuschpinsel und der Schnepfenfeder auf grau getöntes

Papier gezeichnete lebensgroße Kopf eines dreiundneunzigjährigen Alten

(Abb. 105), der ihm zu Antwerpen mehrmals Modell gesessen hat. Es

ist bezeichnend für des Meisters unermüdlichen Arbeitstrieb, daß er,

wenn sich ihm gerade nichts anderes darbot, zu dem Nächstliegenden

gegriffen und seine Frau porträtiert hat: eine große, mit dem

Metallstift auf dunkel grundiertem Papier ausgeführte Zeichnung

im Kupferstichkabinett zu Berlin zeigt uns Frau Agnes in dem

niederländischen Kopftuch, das der Gatte ihr von der Reise nach Seeland

mitgebracht hatte (Abb. 106). Aber nicht bloß Köpfe waren es, die er

seinen Studienmappen einverleibte, sondern auch mancherlei andere Dinge

zeichnete er auf, wie Ansichten des Hafens und der Kathedrale von

Antwerpen oder auffallende Landestrachten (Abb. 101) oder einen Löwen,

den er im Zwinger zu Gent beobachtete. Selbst auf der Fahrt blieb er

nicht müßig. Ein Skizzenbuchblatt (im Berliner Kupferstichkabinett)

zeigt eine vom Rheinschiff aus gezeichnete Ansicht der Uferhöhen bei

Andernach und davor das Brustbild eines Reisegefährten; ein anderes,

bei Boppard gezeichnet (in der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien),

zeigt wiederum Frau Agnes, dieses Mal in dichte Kopftücher eingemummt.

-- Von den Gemälden, welche Dürer in den Niederlanden anfertigte, haben

sich das Wasserfarbenbildnis eines alten Herrn mit roter Kappe (im

Louvre) und das mit Ölfarben gemalte Porträt des Malers Bernhard van

Orley (in der Dresdener Gemäldegalerie) erhalten.

[Illustration: Abb. 115. +Bildnis des Nürnberger Ratsherrn Jakob

Muffel.+ Ölgemälde von 1526. Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 116. +Bildnis des Johannes Kleeberger aus

Nürnberg+, in seinem 40. Lebensjahre. Ölgemälde von 1526. In der

kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

[Illustration: Abb. 117. +Philipp Melanchthon.+ Kupferstichbildnis

aus dem Jahre 1526.

„Lebensgetreu konnte Dürer Philippus’ Züge abbilden,

Seinen Verstand konnte nicht malen die kundige Hand.“

]

Als Dürer im Sommer 1521, wohlversehen mit Geschenken für seine

Freunde, heimgekehrt war, wurde ihm alsbald ein Auftrag von seiten

seiner Vaterstadt zu teil. Der Rat übertrug ihm die Anfertigung der

Entwürfe zur Ausmalung des Rathaussaales. Die dreifache Bestimmung

des Saales, zu Reichstagen, Gerichtssitzungen und Festlichkeiten,

war maßgebend für die Wahl der Gegenstände. Die kaiserliche Majestät

ward verherrlicht durch jene für Maximilian angefertigte Komposition

des „Großen Triumphwagens“, die Dürer jetzt dahin veränderte, daß

der Kaiser allein, ohne seine Familie, in der allegorischen Umgebung

erschien. In dieser Gestalt gab er den „Triumphwagen“ im Jahre 1522

auch in Holzschnitt heraus (daraus Abb. 109). Für die nächstgrößte

Fläche der zu bemalenden Saalwand entwarf der Meister als Warnung

vor vorschnellem Richterspruch eine Allegorie der Verleumdung, nach

einer vielgelesenen Beschreibung eines Gemäldes des Apelles. Dieser

Entwurf, eine ausgeführte Federzeichnung von 1522, wird in der

Albertina aufbewahrt. Für das kleinere Mittelfeld zwischen den beiden

großen Bildern ward eine lustige Darstellung bestimmt, die unter den

Namen „der Pfeiferstuhl“ bekannte Gruppe von sieben Stadtmusikanten

und sieben anderen volkstümlichen Figuren. -- Dürer lieferte bloß die

„Visierungen“ zu diesen Gemälden, die Ausführung geschah durch

andere Hände. Die Wandgemälde sind noch vorhanden, aber roh übermalt

und sehr schlecht erhalten.

[Illustration: Abb. 118. +Bildnis des Nürnberger Ratsherrn Hieronymus

Holzschuber.+ Ölgemälde von 1526.

Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 119. +Marienbild.+ („Madonna mit dem Apfel“).

Ölgemälde von 1526. In der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Dürers Hauptwerke aber in dieser Zeit und in den nächstfolgenden

Jahren waren Bildnisse. Mit der Jahreszahl 1521 bezeichnet ist ein

auf unbekanntem Wege in den Besitz des Königs Philipp IV von Spanien

gelangtes Brustbild eines älteren Herrn in Pelzrock und breitem

schwarzen Hut (Abb. 108). Dieses Prachtbildnis, in dem man Hans Imhof

den Älteren aus Nürnberg zu erkennen glaubt, hängt im Pradomuseum zu

Madrid an bevorzugter Stelle zwischen den auserlesensten Meisterwerken

der verschiedenen Nationen und Jahrhunderte, zusammen mit dem

Selbstbildnis von 1498. Mit welcher Kraft Dürer sein Leben lang an

seiner künstlerischen Vervollkommnung gearbeitet hat, das wird einem

nirgendwo so deutlich wie hier, wo man die beiden Bildnisse, von denen

das eine dem ersten, das andere dem letzten Jahrzehnt von des Meisters

Thätigkeit angehört, bei einander sieht. Das jugendliche Selbstbildnis

erscheint in dieser Umgebung dem verwöhnten Auge des Beschauers sehr

hart. Das Bildnis von 1521 aber hält jede Nachbarschaft aus. Es ist

etwas bedingungslos Vollkommenes. Es besitzt malerische Eigenschaften,

durch die es sogar den höchstgefeierten Bildnissen, welche Dürer

einige Jahre später malte, überlegen ist. -- 1522 veröffentlichte

Dürer das große prächtige Holzschnittbildnis des kaiserlichen Rates

und Protonotars beim Reichskammergericht, Ulrich Varnbüler, eines

dem Meister eng befreundeten Mannes. Später folgte das kleine

Holzschnittporträt des Humanisten Eobanus Hessus. Wahrscheinlich bei

Gelegenheit des Nürnberger Reichstages von 1522 bis 1523 porträtierte

Dürer zum zweitenmal den Kardinal Albrecht von Brandenburg und

dann auch seinen ältesten fürstlichen Gönner, Friedrich den Weisen

von Sachsen. Beide Bildnisse stach er in Kupfer, das erstere (zum

Unterschied von dem kleinen Porträt von 1519 „der Große Kardinal“

genannt, Abb. 111) im Jahre 1523, das letztere 1524 (Abb. 112).

Würdig schloß sich diesen herrlichen Kupferstichbildnissen dasjenige

des allzeit getreuen Freundes Wilibald Pirkheimer an (gleichfalls 1524,

Abb. 113), der nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Staatsmann

und Truppenführer seinen Namen berühmt gemacht hatte. Im Jahre 1526

entstanden dann die Kupferstichporträts des Erasmus von Rotterdam, den

Dürer in den Niederlanden zweimal nach dem Leben gezeichnet hatte, und

des Melanchthon (Abb. 117), der sich damals wiederholt in Nürnberg

aufhielt, um die Einrichtung des neugegründeten Gymnasiums zu leiten,

und den mit Dürer ein Band gegenseitiger Bewunderung und Zuneigung

verknüpfte. -- Das waren des Meisters letzte Kupferstiche.

In das Jahr 1526 fällt auch die Entstehung der letzten gemalten

Bildnisse Dürers. Darunter ist dasjenige des Johann Kleeberger, des

Schwiegersohnes des Wilibald Pirkheimer, das sich in der kaiserlichen

Gemäldegalerie zu Wien befindet, befremdlich wegen der vom Besteller

aus gelehrter Liebhaberei für das klassische Altertum gewünschten

Darstellungsweise. Kleebergers Bildnis ist, in Anlehnung an altrömische

Darstellungen, als Büste gedacht, die in einen Steinrahmen eingesetzt

ist, und man sieht, daß Dürer mit der Lösung des Widerspruchs, daß er

ein naturgetreues Porträt eines lebendigen Mannes malen und daß dieses

Porträt zugleich den Eindruck eines bemalten Steinbildwerks machen

sollte, nicht recht fertig geworden ist (Abb. 116). Um so dankbarer

war für den Meister die Aufgabe, die charaktervollen Köpfe zweier

älteren Herren zu malen, die in den höchsten Ämtern der Stadt Nürnberg

standen und die beide mit ihm befreundet waren. Das sind die jetzt

im königlichen Museum zu Berlin befindlichen herrlichen Bildnisse

des Jakob Muffel, eines ernsten, bedächtigen, schon etwas lebensmüde

aussehenden Mannes mit glattrasiertem Gesicht (Abb. 115), und des

Hieronymus Holzschuher, aus dessen gesundfarbigem, von Silberlocken

und weißem Bart umrahmten Gesicht die Augen mit Jünglingsfeuer

herausblitzen (Abb. 118). Beide Bildnisse sind großartige Meisterwerke;

aber die Erscheinung des alten Holzschuher hat für den Maler doch

einen besonderen Reiz gehabt, so daß er in diesem im vollsten Sinne

lebensprühenden Bilde eines seiner allervorzüglichsten Werke schuf.

[Illustration: Abb. 120. +Die Apostel Johannes und Petrus.+

Ölgemälde von 1526. In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 121. +Der Evangelist Marcus und der Apostel

Paulus.+ Ölgemälde von 1526. In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Schon während des Aufenthalts in den Niederlanden hatte Dürer den

Plan gefaßt, noch einmal -- zum fünftenmal -- das Leiden Christi

in zusammenhängender Folge zu schildern. Das zur Ausführung in

Holzschnitt bestimmte Werk kam als solches nicht zustande; auch von

den Entwürfen wurde nur ein kleiner Teil fertig. Aber diese Entwürfe,

Federzeichnungen in breitem Format, sind wieder kostbare Schöpfungen.

Wie alle früheren Passionswerke sind sie durch eine einheitliche

dichterische Stimmung miteinander verbunden. Die mehrfache Wiederholung

eines und desselben Gegenstandes weist darauf hin, daß Dürer sich

bei diesen Kompositionen nicht leicht entschließen konnte, eine für

befriedigend zu erklären; und deswegen hat er wohl, in dem Gefühl, daß

es ihm unmöglich sei, in diesem Werk sich selbst völlig Genüge zu thun,

das Ganze aufgegeben. Die frühesten der Blätter sind zwei Darstellungen

der Kreuztragung, beide im Jahre 1520, also noch in Antwerpen,

gezeichnet und beide jetzt in Florenz befindlich. Die eine zeigt einen

figurenreichen Zug, der eben das Stadtthor verläßt; das gaffende Volk

drängt sich von beiden Seiten; die Roheit der Kriegsknechte, die dem

Zuge Bahn machen, und die über die Stockung, die das Niedersinken des

Christus verursacht, in Zorn geraten, ist mit unbarmherziger Wahrheit

geschildert. Man sieht hier deutlich die Einwirkung niederländischer

Kunstweise. Auch das andere Blatt zeigt eine dichte Menschenmenge, von

so natürlicher Anordnung, daß man die Masse leben und sich bewegen

sieht; aber jene Schroffheiten sind vermieden. Christus ist nicht im

Augenblick des Niedersinkens dargestellt, sondern wie er mühsam unter

der Last des schweren Kreuzes schreitet, -- und das wirkt fast noch

rührender (Abb. 103). Von 1521 sind drei Zeichnungen der Grablegung

(eine in Florenz, eine in Frankfurt, eine im Germanischen Museum zu

Nürnberg), die, bei sonstiger großer Verschiedenheit untereinander, das

von der üblichen Darstellungsweise Abweichende gemeinsam haben, daß ein

förmlicher Leichenzug an uns vorüberzieht. Auf dem Florentiner Blatt

schreitet Joseph von Arimathia mit anderen Personen, welche Spezereien

und Tücher tragen, dem heiligen Leichnam voraus; an die kleine Schar

der Angehörigen und Getreuen, welche folgt und aus der nur Magdalena

laut jammernd an die Seite des Toten herausgetreten ist, hat sich,

aus dem Stadtthor kommend, ein Gefolge von Menschen angeschlossen,

die, ebenso wie einige den Zug betrachtende Männer, nicht sowohl durch

Verehrung für den zu Grabe Getragenen, als vielmehr durch Neugierde

herbeigeführt worden sind (Abb. 104). Also auch hier Betonung eines

naturgetreuen Volkslebens. Im Jahre 1523 zeichnete Dürer einen Entwurf

zum letzten Abendmahl (in der Albertina), der ebenfalls von der

üblichen Darstellungsweise in der Anordnung abweicht: Christus sitzt

nicht in der Mitte, sondern am Kopfende der langen Tafel. In einer auf

Holz übertragenen Zeichnung aus demselben Jahre aber hat Dürer die

Komposition in einer Weise angeordnet, die derjenigen von Leonardo da

Vincis Freskogemälde ähnlich ist. Dem Format und der Art der Zeichnung

nach gehört zu dieser Folge von Bildern aus dem Leben des Erlösers

auch das schöne Blatt in der Albertina, welches die Anbetung der

heiligen drei Könige in einer so schlicht und herzlich empfundenen und

zugleich so großartigen Komposition zeigt (Abb. 114). Zur Ausführung

in Holzschnitt kam von alledem nur die erwähnte eine Darstellung des

letzten Abendmahls.

[Illustration: Abb. 122. +Der große Christuskopf.+

Dürer(#55740) · 第 16 / 20 题