In einer englischen Privatsammlung.]

Um Dürer ganz kennen und würdigen zu lernen, muß man sich mit der

Betrachtung seiner Handzeichnungen beschäftigen. Es haben sich

deren sehr viele aus allen Zeiten seiner Thätigkeit erhalten.

Sie sind freilich weit auseinander in öffentlichen und privaten

Sammlungen verstreut, aber zum großen Teil sind sie durch treffliche

Vervielfältigungen, namentlich durch die Braunschen Photographien,

der Öffentlichkeit übergeben. Des Meisters unermüdlicher Fleiß, die

Gewissenhaftigkeit seines Studiums und der Reichtum seiner Phantasie

treten gleichermaßen in diesen in allen nur erdenklichen Arten der

Technik bald flüchtig hingeworfenen, bald liebevoll durchgearbeiteten

Studien und Skizzen zu Tage. An erster Stelle stehen hier die Köpfe.

In diesen Abschriften der Wirklichkeit, mögen sie in großem oder

in kleinem Maßstabe, mit dem Pinsel, der Feder, dem Stift oder der

Kohle gezeichnet sein, lebt eine Naturfrische, die sich so ganz und

voll nur selten in den ausgeführten Gemälden bewahren ließ. Wieviel

manchmal durch die Übertragung in die Malerei verloren ging, zeigen

besonders auch die Kinderköpfchen, die in den Gemälden meistens an

einer gewissen Härte leiden, während sie in den Studienzeichnungen

entzückend sind (Abb. 127). Den zu bestimmten Werken gemachten Studien,

den Modellköpfen und den Bildnissen benannter Persönlichkeiten reiht

sich eine große Menge von Bildnissen Unbekannter an, die nur durch die

Zeichnungen, in denen sie uns mit greifbarer Lebendigkeit vorgeführt

werden, fortleben (Abb. 128 ein um das Jahr 1520 gezeichnetes Bildnis).

Ganz besonders fesseln diejenigen Blätter, auf denen die abgebildete

Persönlichkeit nicht porträtmäßig zurechtgesetzt, sondern mit einem,

man möchte sagen hochmodernen Realismus in scheinbar zufälliger --

aber überzeugend charakteristischer -- Stellung festgehalten erscheint

(Abb. 129). -- Wahre Wunderwerke sorgfältigster Naturnachbildung sind

mehrere in Wasserfarben gemalte Blätter, Pflanzen- und Tierstudien,

die Dürer augenscheinlich aus keinem anderen Grunde gemacht hat,

als weil es ihn freute, sich mit liebevollem Eingehen in die Natur

zu versenken; so eine tote Mandelkrähe und ein Flügel von demselben

Vogel in der Albertina, auf geglättetes Pergament gemalt, mit einer

unvergleichlichen Wiedergabe des Schillerglanzes der Federn, und

ein Hase, bei dem sozusagen jedes einzelne Haar ausgeführt ist, in

derselben Sammlung. -- Einen nicht geringeren Genuß gewährt die

Betrachtung der Kompositionsentwürfe, die meistens mit der Feder

gleich in einem gewissen Grad von Vollendung gezeichnet sind (Abb.

36, 103, 104, 114, 130), bisweilen aber auch sich auf eine flüchtige

Angabe beschränken (Abb. 1 und 131) oder nur mit wenigen leichten

Linien die Grundzüge eines Bildes feststellen (Abb. 132). Auch

hier besitzt die erste Niederschrift der künstlerischen Gedanken

eine Frische und Herzlichkeit des Ausdrucks, deren Reiz in einer

zeitraubenden Ausführung -- selbst wenn die Ausführung in dem Dürers

Hand am meisten zusagenden Kupferstich geschah -- nicht mehr mit

solcher Unmittelbarkeit zur Geltung kommen konnte. Eine große Zahl

von Dürers erhaltenen Kompositionszeichnungen ist auch ganz ohne eine

bestimmte Absicht späterer Ausführung, bloß um dem Schaffensdrange

des Augenblicks zu genügen, entstanden. Auch befinden sich Blätter

darunter, die schon Ausführungen sind und für sich selbst als

abgeschlossene Kunstwerke betrachtet sein wollen. Das vorzüglichste

in dieser Art sind neben der „Grünen Passion“ zwei zusammengehörige

Bildchen (in der Albertina und im Berliner Kupferstichkabinett),

die Auferstehung Christi und Simson im Kampf mit den Philistern

darstellend, die mit der denkbar äußersten Feinheit und Vollendung

in schwarz und weiß auf dunkel grundiertem Papier gezeichnet sind

und die von Dürer selbst für wert gehalten wurden, mit seiner vollen

Namensunterschrift bezeichnet zu werden. -- Eine eigene Klasse von

Zeichnungen bilden diejenigen, die wissenschaftlichen Untersuchungen

dienen, indem sie die Grenzen der möglichen Verschiedenheiten in der

menschlichen Gesichtsbildung feststellen wollen (Abb. 133) oder auf

die Ermittelung der Gesetze harmonischer Verhältnisse ausgehen durch

Einzeichnung von Maßen und Zirkelschlägen in Figuren von Menschen und

Pferden.

[Illustration: Abb. 128. +Bildnis eines unbekannten Mannes.+

Kohlenzeichnung in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 129. +Bildnis eines unbekannten Mannes.+

Silberstiftzeichnung im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.]

Vom Jahre 1526 an war Dürer fast nur noch schriftstellerisch thätig.

Schon 1525 hatte er ein Buch über die „Meßkunst“ (Perspektive) mit

erläuternden Holzschnitten herausgegeben. 1527 widmete der vielseitig

gebildete Künstler, der auch über Gymnastik und über Musik Abhandlungen

geschrieben hatte, die er indessen nicht herausgab, dem König Ferdinand

ein mit zahlreichen Illustrationen und mit einem schönen heraldischen

Titelbilde geschmücktes Werk, durch das er dem von den Türken

bedrohten Vaterlande nützen wollte, und das für die Folgezeit nicht

ohne praktische Bedeutung geblieben ist: „Unterricht zur Befestigung

der Städte, Schlösser und Flecken.“ Ein mit diesem Werke in innerem

Zusammenhang stehender großer Holzschnitt, die Belagerung einer Stadt

darstellend, war die letzte lediglich künstlerische Arbeit, welche

Dürer der Öffentlichkeit übergab. -- Es drängte den Meister noch, die

von ihm auf dem Gebiete der Kunst gemachten Erfahrungen kommenden

Künstlergeschlechtern mitzuteilen. Seine eigene Kunst schätzte der

größte Künstler ganz klein; aber er glaubte, mit der Zeit würden die

deutschen Maler „keiner anderen Nation den Preis vor ihnen lassen“. Zur

Erlangung dieses Zieles wollte er nach Kräften beitragen, indem er auf

die Notwendigkeit wissenschaftlicher Studien für den Künstler hinwies.

Ihn dauerte die Unwissenheit vieler seiner Berufsgenossen, die, nur

handwerksmäßig gebildet, ihre Werke zwar mit geschickter Hand, aber

„ohne Vorbedacht“ malten. Die „Meßkunst“ sollte nur ein Teil seiner

von ihm schon lange vorbereiteten umfassenden Unterweisung für junge

Kunstbeflissene sein. Den Hauptbestandteil dieses Werkes sollte eine

„Proportionslehre“ in vier Büchern bilden; Abhandlungen über Malerei

und anderes sollten sich anschließen. Doch nur das erste Buch der

„Proportionslehre“, die nachmals von seinen Freunden in ihrem ganzen

Umfange druckfertig gemacht und herausgegeben und die später in viele

Sprachen übersetzt wurde, vermochte er selbst endgültig fertig zu

stellen.

[Illustration: Abb. 130. +Der heilige Christophorus.+

Federzeichnung. In einer Privatsammlung in Paris.]

[Illustration: Abb. 131. +Martyrium der heiligen Katharina.+

Entwurf zu einem Fries, Federzeichnung im British Museum.]

[Illustration: Abb. 132. +Madonna mit Heiligen.+ Federskizze,

anscheinend aus der ersten Zeit nach der venezianischen Reise. Im

Museum des Louvre zu Paris.

Die Heiligen der oberen Reihe sind durch Beischriften von Dürers Hand

als Jakob, Joseph, Joachim und Zacharias, Johannes, David, Elisabeth

und Anna bezeichnet.]

Plötzlich und früher, als man erwartete, starb Dürer vor Vollendung

seines 57. Lebensjahres eines sanften Todes. Er ward auf dem

Johanneskirchhof zu Nürnberg in dem Erbbegräbnis der Familie Frey

bestattet. „Dem Gedächtnis Albrecht Dürers. Was von Albrecht Dürer

sterblich war, wird von diesem Hügel geborgen. Er ist dahingegangen

am 6. April 1528.“ So lautet in klassischer Kürze die von Pirkheimer

verfaßte lateinische Inschrift der Erzplatte, welche die Gruft bedeckt.

Zahlreiche Auslassungen geben uns Kunde von dem Schmerz, mit dem die

Todesnachricht die größten Männer der Zeit erfüllte.

So hoch auch Dürer, den seine gelehrten Freunde den deutschen Apelles

nannten, um seiner Kunst willen geehrt worden war, fast noch höher

hatte man ihn um seiner menschlichen Tugenden willen geschätzt und

bewundert.

Eine schöne Schilderung seiner Persönlichkeit hat uns Joachim

Camerarius, der erste Leiter des von Melanchthon zu Nürnberg

gegründeten Gymnasiums, in der Vorrede zur lateinischen Ausgabe von

Dürers Proportionslehre hinterlassen. „Die Natur hatte ihm,“ heißt es

darin, „einen in Bau und Wuchs ansehnlichen Körper gegeben, passend

zu der schönen Seele, die er einschloß. Sein Kopf war scharf geprägt,

die Augen leuchtend, die Nase wohlgeformt und kräftig geschnitten, der

Hals ein wenig zu lang, die Brust breit, der Leib schlank, die Schenkel

muskulös, die Unterbeine fest. Aber seine Finger -- etwas Schöneres

meinte man gar nicht sehen zu können. In seiner Rede lag ein solcher

Wohllaut und ein solcher Reiz, daß den Zuhörern nichts unangenehmer

war, als wenn er aufhörte zu sprechen. Seine Seele war von glühendem

Verlangen nach vollendeter Schönheit der Sitten und der Lebensführung

erfüllt, und er zeichnete sich darin so aus, daß er mit Recht für einen

vollkommenen Mann gehalten wurde. Aber darum war er keineswegs von

trübseliger Strenge oder von unangenehmem Ernst; im Gegenteil, alles,

was als Beitrag zur Verschönerung und zur Erheiterung des Lebens gilt,

ohne von Ehrbarkeit und Recht abzuweichen, das hat er nicht nur sein

Leben lang nicht außer acht gelassen, sondern auch als Greis noch gut

geheißen, wie seine nachgelassenen Schriften über Gymnastik und Musik

darthun. Vor allem aber hatte die Natur ihn zur Malerei geschaffen,

und darum hat er sich dem Studium dieser Kunst mit allen Kräften

hingegeben und sich eifrig bemüht, die Werke berühmter Maler aller

Nationen und den tieferen Grund ihrer Art und Weise kennen zu lernen,

und was er davon für richtig hielt, sich anzueignen. Mit dem höchsten

Recht bewundern wir Albrecht als den eifrigsten Hüter der Sittlichkeit

und Züchtigkeit und als einen Mann, der durch die Großartigkeit seiner

Malereien das Bewußtsein seiner Kraft kund gab, und bei dem doch auch

von den kleineren Werken nichts gering geschätzt werden darf. Man

findet in seinen Arbeiten keinen unüberlegt oder verkehrt gezeichneten

Strich, keinen überflüssigen Punkt. Was soll ich von der Fertigkeit

und Sicherheit seiner Hand sagen? Man möchte schwören, mit Lineal und

Zirkel sei gezogen, was er ohne anderes Mittel als Pinsel, Stift oder

Feder zum Verblüffen der Zuschauer hinzeichnete. Was soll ich davon

sprechen, mit welcher Übereinstimmung von Hand und schaffendem Geist

er oftmals die Verbildlichungen irgend welcher Dinge auf das Papier

warf oder, wie die Künstler sagen, hinsetzte? Späteren Lesern wird

es gewiß unglaublich erscheinen, daß er bisweilen eine Zeichnung an

weit auseinander liegenden Stellen nicht nur einer ganzen Darstellung,

sondern auch einzelner Figuren anfing, die dann, wenn er die Verbindung

hergestellt hatte, so zusammenkamen, daß gar kein besserer Zusammenhang

denkbar gewesen wäre. Mit dem Pinsel führte er auch die feinsten Sachen

auf Leinwand oder Holztafel ohne vorherige Aufzeichnung aus, und zwar

so, daß nichts daran zu tadeln war, daß vielmehr alles das höchste Lob

fand. Das haben besonders die gefeiertsten Maler bewundert, die als

die Sachverständigsten die Schwierigkeit kannten. -- Wie sehr hoch

Albrecht auch stand, so strebte er doch in seinem großen und erhabenen

Geist immer noch weiter. Wenn überhaupt etwas an diesem Manne war, das

einem Fehler ähnlich schien, so war es sein unbegrenzter Fleiß mit der

oftmals bis zur Ungerechtigkeit getriebenen scharfen Selbstbeurteilung.

-- Nichts Unreines, nichts Unwürdiges kommt in seinen Werken vor,

da von allen derartigen Dingen die Gedanken seiner keuschen Seele

zurückflohen. Wie würdig war der Künstler seines großen Erfolgs!“

[Illustration: Abb. 133. +Studie über die Unterschiede der

Gesichtsbildung.+

Dürer(#55740) · 第 18 / 20 题