In einer englischen Privatsammlung.]

Anziehender als dieser Riesenholzschnitt, bei dem man nur anstaunen

kann, wie lebendig sich Dürers Gestaltungskraft auch unter dem Drucke

genauer bindenden Vorschriften noch zu bewegen vermochte und wie er in

die zahlreichen Darstellungen von Schlachten und Belagerungen immer

wieder Abwechselung zu bringen wußte, ist eine andere Arbeit, die er

im Jahre 1515 für den Kaiser ausführte und in der er nach Herzenslust

den Eingebungen seiner von einer Welt von Gestalten erfüllten Phantasie

nachgehen konnte. Maximilian hatte für seinen persönlichen Gebrauch

ein Gebetbuch drucken lassen. In einem Exemplare dieses Gebetbuches,

das sich jetzt in der Königlichen Bibliothek zu München befindet,

schmückte Dürer 45 Blätter mit Randverzierungen in Federzeichnung.

Der Reichtum an künstlerischem Erfindungsvermögen, der hier entfaltet

ist, entzieht sich jeder Beschreibung. Bald unmittelbar auf die

Gebete Bezug nehmend, bald in der Verfolgung eines durch einen Satz

oder ein Wort angeregten Gedankens abschweifend, bald auch scheinbar

willkürlichen Einfällen folgend, hat der Meister auf die breiten Ränder

der Pergamentblätter die erhabensten himmlischen Gestalten, sowie

ernste und scherzhafte Figuren aus dem Leben gezeichnet; Fabelwesen

und allerlei Tiere, natürliche wie erdichtete, mischen sich hinein;

daneben sprießt und sproßt überall das köstlichste Zierwerk von

wundervollen Pflanzengewinden hervor, kühne Federzüge fügen sich zu

seltsamen Fratzen oder Tierfiguren zusammen, verflechten sich zu

regelmäßigen Ornamenten oder laufen in weitgeschwungene Schnörkel

aus. Bald eng, bald lose schmiegen sich die Randzeichnungen, wie

inhaltlich an das Wort, so als Schmuckgebilde an das Viereck des

gedruckten Textes an; hier umrahmen sie denselben vollständig, dort

bilden sie einen Zierstreifen nur an einer Seite, da schließen sie

ihn von beiden Seiten ein oder umranken eine Ecke; nur in einzelnen

Fällen beschränken sie sich am Schluß eines Abschnittes auf eine

Vignette am Fuß der Seite. Ihr Reiz ist unerschöpflich, und jedes

Blatt hat seine eigene einheitliche Stimmung. Das erste der von Dürer

geschmückten Blätter zeigt als Begleitung eines Gebetes, welches die

vertrauensvolle Empfehlung in den göttlichen Schutz enthält, ein

freudig heiteres Ornament von Rosenranken, in dem sich Tiere tummeln,

während oben im Geranke ein Mann sitzt, der auf der Schalmei bläst und

dessen Haltung und Ausdruck eine Stimmung vollkommenen Seelenfriedens

aussprechen. Dann sind neben Gebeten, in denen der heiligen Barbara,

des heiligen Sebastian und des heiligen Georg gedacht wird, die

Gestalten dieser Heiligen angebracht: Barbara als eine liebliche

fürstliche Jungfrau, auf einer Blume stehend; Sebastian, von Pfeilen

durchbohrt, an einen Baum gebunden, unter dessen Wurzeln der böse

Drache ohnmächtig faucht und mit dem Schweife Ringe schlägt; Georg, als

ein prächtiger geharnischter Ritter, der mit dem aufgerichteten Speer

in der Rechten in eiserner Ruhe dasteht und mit der linken Faust den

besiegten Lindwurm wie ein erlegtes Wild am Halse in die Höhe gezogen

hält. Weiterhin erscheint bei einem Gebet, das von der menschlichen

Gebrechlichkeit handelt, im Zierwerk die scherzhaft aufgefaßte

Figur eines Arztes, der mit wichtiger Miene durch seine Brille den

im Glase befindlichen Krankheitsstoff seines Patienten betrachtet;

unter ihm sitzt ein Häschen, und über ihm hängt eine Drossel in der

Schlinge. Zu einem Gebet, das von der Verwandlung von Brot und Wein in

Christi Fleisch und Blut spricht, hat Dürer den Heiland als blutenden

Schmerzensmann gezeichnet. Bei einem in Todesnot zu sprechenden Gebet

hat er ein sogenanntes Totentanzbild angebracht: der Tod -- hier

nicht wie auf dem Kupferstich von 1503 als wilder Mann, auch nicht

wie auf dem berühmten Stich von 1513 als eine seltsam gespenstische

Erscheinung, sondern als ein fast zum Gerippe zusammengeschrumpfter

Leichnam gebildet -- tritt mit dem Stundenglas einem prunkhaft

aufgeputzten Kriegsmann entgegen, der gegen ihn umsonst das Schwert zu

ziehen sucht; darüber sieht man eine Wetterwolke und einen vom Falken

gestoßenen Reiher. Das Gebet für die Wohlthäter hat den Meister zur

Verbildlichung der Wohlthätigkeit angeregt durch eine Darstellung des

Pelikans, der sich die Brust aufreißt, um seine Jungen zu füttern,

und durch einen wohlgekleideten Mann, der einem halbnackten Bettler

eine Gabe spendet. Bei dem Gebet für die Verstorbenen zeigt er einen

Engel, der eine Seele aus den Flammen des Fegefeuers zur Herrlichkeit

Gottes emporträgt, während kleine Engel denen, die noch weiter büßen

müssen, Kühlung zublasen; als Gegenbild ist dabei auch der Böse, der

die Seelen einfängt für die Qual, angedeutet: unten schießt aus den

Flammen ein Liniengebilde hervor, das sich zur Gestalt eines Drachen

entwickelt, der mit langer Zunge einen umherflatternden Schmetterling

einfängt. Darauf folgt im Text der 129. (130.) Psalm, und hier kniet

König David mit der Harfe vor dem himmlischen Vater in der Höhe. Auf

den Psalm folgt der Anfang des Johannesevangeliums. Dabei ist der

Evangelist dargestellt, der mit seinem Schreibgerät in der Einsamkeit

sitzt und zu der strahlenden Erscheinung der Himmelskönigin mit dem

Christuskind emporschaut. Nachdem dann der 50. (51.) Psalm mit

überwiegend ornamentalen Gebilden begleitet worden ist, kommt zu einer

Anrufung der heiligen Dreifaltigkeit ein Bild des dreieinigen Gottes;

oben schwebt eine Schar von Cherubim, und unten verwandelt sich der

Kreuzesstamm, an dem Gott Sohn sich zeigt, in einen Weinstock mit

Reben. Bei den nun folgenden Betrachtungen über verschiedene Heilige

sehen wir den heil. Georg als Ritter zu Roß in voller Rüstung, der

den Schaft seines Speeres, an dem das Banner mit dem Kreuzeszeichen

weht, auf den Lindwurm aufstellt, der überwunden unter den Hufen

des Pferdes liegt; dann die heil. Apollonia, die Apostel Matthias

und Andreas und den heil. Maximilian, diese alle mit Hinzufügung

von anderen, schmückender Raumausfüllung dienenden Bildchen, deren

einige sehr bemerkenswerte Tierdarstellungen enthalten. Dann folgt

eine prächtige Komposition zum 56. (57.) Psalm, der mit den Worten

„Gegen die Mächtigen“ überschrieben ist. In den Wolken steht Christus

mit der Weltkugel in der Linken, die Rechte zum Segen erhoben; „er

sendet vom Himmel und errettet mich“: das ist dargestellt durch den

herabstürmenden Erzengel Michael, der den Satan niederwirft; „und

übergibt der Schmach meine Unterdrücker“: da sehen wir einen König

auf einem Triumphwagen, gezogen von einem Bock, den ein Knabe auf

einem Steckenpferde am Barte führt. Hierbei fehlt auch eine politische

Anspielung nicht, die den Unterdrücker näher kennzeichnet: dieser

König hat auf seinem Reichsapfel anstatt des Kreuzes den Halbmond. Bei

zwei darauffolgenden Psalmen, welche die gemeinschaftliche Überschrift

führen: „Zu sprechen, wenn man einen Krieg beginnen muß“, -- es sind

der 90. (91.) und der 34. (35.) Psalm --, ist unten jedesmal ein wildes

Kampfgetümmel dargestellt, und darüber, am Seitenrande, schwebt betend

ein Engel in himmlischer Ruhe. Auf der nächsten von Dürer geschmückten

Seite kommt der Satz vor: „Wie die Juden erschreckt zu Boden fielen.“

Dazu illustriert der Künstler den Vers des Johannesevangeliums: „Als

nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin es, da wichen sie zurück und fielen

zu Boden.“ Und da ihm bei der Darstellung der Gefangennahme gleich das

ganze Leiden Christi in die Vorstellung tritt, zeichnet er dazu an den

Seitenrand Maria als Schmerzensmutter. Weiterhin gibt dem Zeichner das

im Gebet vorkommende Wort „Versuchung“ das Thema zu der Einfassung der

betreffenden Seite: ein im krausen Rankengeschlinge einherwandelnder

Kriegsmann lauscht, halb argwöhnisch, halb begehrlich, auf das

Geraune eines seltsamen Vogels; und der Fuchs der Fabel lockt die

Hühner mit Flötenspiel. Bei den Gebeten zu Ehren der Muttergottes ist

die Darstellung der Verkündigung auf zwei gegenüberstehende Seiten

verteilt; dabei ist hier der Zorn des Teufels, der mit Geschrei und

Grimassen flüchtet, und dort die Freude der Engel, die einen Baum

pflanzen, geschildert. Dann sehen wir bei einem Kirchenliede einen im

Galopp dahersprengenden Ritter, den der Tod mit der Sense verfolgt und

den ein aus den Ranken sich herablassender Teufel bedroht. Bei dem 8.

Psalm musizieren die Hirten, und die Vögel jubeln in blumigen Zweigen

zu den Worten: „Herr, unser Herr, wie wunderbar ist dein Name“; und

ein Löwe, der unter den Augen eines Eremiten seine ganze Aufmerksamkeit

einem schwirrenden Insekt zuwendet, deutet die Unterwerfung der Tiere

unter die Füße des Menschen an. Was aber mag den Zeichner angeregt

haben, beim 18. (19.) Psalm den Hercules an den Rand zu zeichnen, der

die stymphalischen Vögel bekämpft? Vielleicht nur das Wort: „Frohlocket

wie ein Riese“ --? Deutlicher erkennbar sind die Anregungen bei

den nächsten Psalmenbildern: beim 23. (24.) Psalm ein indianischer

Krieger, in des Künstlers Vorstellung getreten aus den Worten: „Der

Erdkreis und alle, die ihn bewohnen“, die ihn an die bis vor kurzem

noch unbekannten Länder jenseits des Oceans denken ließen; beim 44.

(45.) Psalm ein Morgenländer mit einem Kamel, wohl aus dem Gedanken an

„die Reichen des Volkes mit Geschenken“ hervorgegangen. Eine Säule,

ein Engelknabe mit Früchten, ein spielender Hund, Vöglein in den

Zweigen, ein behaglich schlafender Mann: das webt sich zusammen zu

einem Stimmungsbild sicherer Ruhe, das die Worte des 45. (46.) Psalms

einrahmt: „Darum fürchten wir uns nicht, wenn auch die Erde erschüttert

wird.“ Nach einem bloß mit Phantasiespielen geschmückten Blatt folgen

zwei Bilder, welche, ohne daß man bestimmte Anknüpfungspunkte in den

von ihnen eingeschlossenen Psalmentexten finden könnte, den Gegensatz

zwischen Stärke und Schwäche verbildlichen: hier Hercules und ein am

Boden liegender Trunkenbold; dort ein gerüsteter Kriegsmann und eine

bei der Arbeit eingeschlafene alte Frau. Köstlich ist das Bild zum 97.

(98.) Psalm: „Singet dem Herrn ein neues Lied.“ Da hat sich eine ganze

Kapelle zu feierlicher Musik auf der Wiese vor der Stadt versammelt;

und eine freudig bewegte Stimmung klingt in den Schwingungen des

emporsteigenden Rankenwerkes nach, das sich aus den Baumstämmchen,

die auf der Wiese stehen, entwickelt. Im Text folgen nun wieder

verschiedene Gebete. Bei einer Erwähnung der Jungfrau Maria hat Dürer

diese als eine noch ganz jugendliche Gestalt, die zu kindlich frommem

Gebet die Hände faltet, an den Rand gezeichnet; über ihrem Haupt hält

ein Engel die Himmelskrone, und vor ihren Füßen singt ein entzückender

kleiner Engelknabe zur Laute. Im Gegensatz zu dieser Verbildlichung der

reinsten Gottseligkeit erscheint auf dem nächsten Blatt die Thorheit

der Welt unter dem Bilde einer mit Markteinkäufen beladenen Frau, die

mit beiden Füßen in ein Gefäß mit Eiern tritt, und auf deren Kopf

eine Gans mit den Flügeln klatscht. In dem folgenden Bild ist eine

ähnliche Gegensatzwirkung erzielt durch die Zusammenstellung eines

unter Reben zechenden Silen, dem ein Faun auf der Pansflöte aufspielt,

und eines in den Wolken betenden Engels. Dann folgt wieder ein Blatt,

das nur Zierwerk enthält (Abb. 86). Darauf kommt ein wunderschönes

Bild zum Beginn des Hymnus: „Herr Gott, dich loben wir.“ Seitwärts

steht der heil. Ambrosius, eine feierliche Bischofsgestalt, als der

Verfasser dieses Lobgesanges; und unten reitet das Christkind, dem

ein Engel die Wege bereitet, über die Erde. Das nächste Bild zeigt

einen Engel, der mit Inbrunst das Gebet: „Herr, eile mir zu Hilfe“ für

einen geharnischten Ritter spricht, der auf einen sich ihm mit der

Hellebarde entgegenstellenden wüsten Krieger einsprengt. Bei diesem

Ritter denkt man unwillkürlich an Kaiser Maximilian selbst, auf dessen

persönlicher Anordnung sicher die ganze Zusammenstellung der Gebete

beruht. Die folgende Seite, auf der wieder Psalmen beginnen, bringt

einen herrlichen Christuskopf auf dem Schweißtuch der Veronika. Auf der

nächsten Seite schließen Dürers Randzeichnungen mit einem Bild voll

heiterer Fröhlichkeit in jeder Linie, mit zum Klange einer Schalmei

tanzenden Paaren, das die Anfangsworte des 99. (100.) Psalms in Formen

übersetzt: „Jubelt Gott, alle Lande! dienet dem Herrn mit Freuden!“ --

Wie in der Eingebung des Augenblickes hingeschriebene Improvisationen

voll Geist, Gemüt und Geschmack treten all diese mannigfaltigen

Darstellungen vor das Auge des Beschauers. Aus dem leichten Spiel der

Künstlerhand ist Blatt um Blatt ein Meisterwerk hervorgegangen. Wenn

man mit Recht Dürers Allerheiligenbild neben Raffaels Disputa stellt,

so ist man in gleicher Weise berechtigt, die Randzeichnungen in des

Kaisers Gebetbuch das deutsche Gegenstück zu den vatikanischen Loggien

zu nennen. In ihren figürlichen Darstellungen ist eine unerschöpfliche

Fülle künstlerischer Schönheit enthalten. Ihre Ornamentik ist ganz frei

und selbständig, von der spätgotischen Zierkunst ebenso unabhängig wie

von derjenigen der damaligen italienischen Renaissance. Die Reinheit

der feinen geschwungenen Linienzüge offenbart eine Leichtigkeit und

Sicherheit der Hand, die an das Unbegreifliche grenzt. Man wird an die

alte Erzählung von Apelles erinnert, der keinen Tag vorübergehen ließ,

ohne sich im Zeichnen von Linien zu üben. Dürer soll die Fertigkeit

besessen haben, mit haarscharfem Strich einen Kreis zu ziehen ohne

die geringste Abweichung von der mathematischen Genauigkeit. Wer die

Randzeichnungen in Kaiser Maximilians Gebetbuch gesehen hat, hat keinen

Grund mehr, eine solche Thatsache zu bezweifeln.

[Illustration: Abb. 81. +St. Hieronymus im Gehäuse.+ Kupferstich

aus dem Jahre 1514.]

[Illustration: Abb. 82. Einzelbild aus dem großen Holzschnittblatt

„Die Ehrenpforte“: +Kaiser Maximilian und seine Braut Maria von

Burgund+.]

[Illustration: Abb. 83. Einzelbild aus dem Holzschnittblatt „Die

Ehrenpforte“: +Einzug in eine erstürmte Stadt+.]

[Illustration: Abb. 84. Einzelbild aus dem Holzschnittblatt „Die

Ehrenpforte“: +Kaiser Maximilian nimmt die Übergabe eines belagerten

französischen Platzes entgegen+.]

[Illustration: Abb. 85. Einzelbild aus dem Holzschnittblatt „Die

Ehrenpforte“: +Die Belehnung des Herzogs von Mailand durch Kaiser

Maximilian+.]

Im Jahre 1516 führte Dürer wieder einige Gemälde aus. Dieselben sind

sämtlich von geringem Umfang, teils Bildnisse, teils Heiligenbilder.

Eines der Bildnisse ist dasjenige von Dürers Lehrer Wolgemut. Da tritt

uns der ehrenwerte Meister, der für sein hohes Greisenalter noch

recht rüstig aussieht und dessen kluge Augen sich eine jugendliche

Lebhaftigkeit bewahrt haben, mit einer Lebendigkeit entgegen, die

uns die ganze Persönlichkeit vergegenwärtigt (Abb. 89). Wolgemut

war nie ein großer Künstler gewesen, aber ein achtbarer Maler,

der reichfarbige Altarbilder in biederer Komposition und fleißiger

Ausführung angefertigt hatte. Dürer hatte von ihm eine gediegene

Unterweisung in dem Handwerklichen seiner Kunst empfangen und bewahrte

ihm eine dankbare Verehrung.

[Illustration: Abb. 86. +Eine Seite aus Kaiser Maximilians Gebetbuch

mit Dürers Randzeichnungen+ (1515). In der königl. Bibliothek zu

München.]

Während hier Dürers realistische Kunst voll in die Erscheinung tritt,

zeigt ein in der Gemäldegalerie zu Augsburg befindliches kleines

Marienbild -- „Madonna mit der Nelke“ genannt --, das aus wenig mehr

als den Köpfen der Jungfrau und des Jesuskindes besteht, den bei

Dürer seltenen Versuch, zu idealisieren. Es mag sein, daß besondere

Wünsche des Bestellers ihn zu einer Annäherung an das Herkommen der

älteren Kunstweise veranlaßt haben; er hat hier auch, ganz gegen

seine Gewohnheit, Lichtscheine um die beiden Köpfe gemalt. Aber

befremdlich berühren einen in einem Dürerschen Werk diese unnatürliche

Verschmälerung der Nase, diese Verkleinerung des Mundes. Im seelischen

Ausdruck jedoch, in der unendlichen Liebenswürdigkeit dieser

jungfräulichen Mutter ist das Bild ganz des großen Meisters würdig.

[Illustration: Abb. 87. +Der Apostel Philippus.+ Gemälde in

Wasserfarben, vom Jahre 1516. In der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

[Illustration: Abb. 88. +Der Apostel Jacobus der ältere.+ Gemälde

in Wasserfarben, vom Jahre 1516. In der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Als Idealköpfe kann man wohl auch die beiden Apostelbilder bezeichnen,

die sich in der Uffiziengalerie zu Florenz befinden. Aber das Ideale

ist in diesen prächtigen Greisenköpfen, welche die Glaubensboten

Philippus und Jacobus, den weitgewanderten, vorstellen, nicht in einer

vermeintlichen Veredelung der Form gesucht, sondern es ist aus dem

Inneren der Persönlichkeiten heraus entwickelt; Charakterbilder zu

schaffen, war die Aufgabe, die Dürer sich hier gestellt hatte (Abb. 87

und 88).

[Illustration: Abb. 89. +Bildnis des Michael Wolgemut.+ Ölgemälde

von 1516, in der königl. Pinakothek zu München.

Die Inschrift in der rechten oberen Ecke des Bildes lautet: Das hat

albrecht dürer abconterfeyt nach sienem lehrmeister michel wolgemut jm

Jar 1516 und er was 82 jor und hat gelebt pis das man zelet 1519 Jor,

do ist er ferschieden an sant endres dag frü er by sun auffgyng.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Jahre 1517 scheint Dürer die Malerei wieder ganz beiseite gelassen

zu haben. Wenigstens findet sich diese Jahreszahl auf keinem seiner

Gemälde. Im folgenden Jahre versuchte er sich noch einmal an der

Aufgabe, eine lebensgroße unbekleidete Figur zu malen. Den Vorwurf

hierzu nahm er, auf einen zehn Jahre früher gezeichneten Entwurf

zurückgreifend, aus der römischen Geschichte, mit der sich in der

Renaissancezeit ja jeder Gebildete beschäftigte. Er malte die Lucretia,

die, an ihr Bett sich anlehnend, im Begriff steht, sich mit dem Dolch

zu durchbohren (Abb. 91). Dieses Bild ist bedeutsam als ein Beweis

von Dürers unausgesetztem Arbeiten an seiner eigenen Ausbildung. Denn

es ist kaum anzunehmen, daß er zum Malen dieses Bildes einen anderen

Grund gehabt habe, als die Absicht, sich zu üben durch die Bewältigung

der Schwierigkeiten, die in der malerischen Wiedergabe der nackten

Menschengestalt liegen. Die Bewältigung dieser Schwierigkeiten ist

ihm indessen hier lange nicht so gut gelungen wie bei den früheren

Bildern von Adam und Eva, denen die Lucretia in Bezug auf Malerei und

Farbe ebensowenig ebenbürtig ist, wie in Bezug auf den Ausdruck. Doch

bleibt die durchgebildete Modellierung der Formen, die dem Körper volle

Rundung verleiht, sowie auch die Schönheit dieser Formen immer sehr

beachtenswert.

[Illustration: Abb. 90. +Entwurf zu einem Grabmal+ (für Peter

Vischer gezeichnet). Federzeichnung von 1517. In der Uffiziensammlung

zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 91. +Lucretia.+ Ölgemälde von 1518, in der

königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Auch in seiner Lieblingskunst, dem Kupferstechen, schaffte und

strebte Dürer immer weiter. Vollkommeneres zu erreichen, als ihm in

den Meisterwerken von 1513 und 1514 gelungen war, das war innerhalb

der angewandten Herstellungsart der Kupferstiche allerdings nicht

mehr möglich. Aber nun sann er auf ein neues technisches Verfahren,

das ihm die Möglichkeit verschaffen sollte, seine Gedanken in noch

leichterer und frischerer Weise, als es die Arbeit mit dem Grabstichel

gestattete, auf die vervielfältigende Platte zu bringen. Schon früher,

etwa seit dem Jahre 1510, angestellte Versuche mit der sogenannten

„kalten Nadel“, einem spitzigen, ganz feine Linien in das Kupfer

einreißenden Instrument, hatten zu keinem befriedigenden Ergebnis

geführt. Das Hauptblatt dieser Gattung ist „der heilige Hieronymus

mit dem Weidenbaum“, von 1512. Nur sehr wenige allererste Abdrücke

geben einen Begriff davon, welchen außerordentlichen malerischen Reiz

Dürer hier, mit der scharfen Nadel wie mit einer unendlich feinen

Feder zeichnend, erstrebt und erreicht hat. In diesen ersten Abdrücken

kommt die wundervolle Stimmung ganz zur Geltung, die Stimmung der

tiefsten Einsamkeit, der Abgeschlossenheit von der Außenwelt, von der

großen Stadt, die ein Blick durch die schmale Felsenspalte in weiter

Ferne ahnen läßt, des Alleinseins mit Gott, dem der Kirchenvater sich

hingibt in diesem verborgenen Winkel öden Gesteins, wo nur spärliches

Gras und ein verkrüppelter Weidenbaum dürftige Nahrung finden (Abb.

72). Die späteren Abdrücke wurden so matt, daß sie von dieser Stimmung

und von der Lebendigkeit der Zeichnung gar keine Vorstellung mehr

gewähren. Nach den ungenügenden Erfolgen mit der kalten Nadel kam

Dürer auf die Radierung, als deren Erfinder -- wenigstens im Sinne

künstlerischer Anwendung des Verfahrens -- er wohl angesehen werden

muß. Statt die Zeichnung mit dem Stichel in die polierte Metallplatte

einzugraben, ritzte er sie mit der Nadel in eine auf die Platte

aufgetragene Grundierung und ätzte sie dann mit Säuren, welche von dem

Stoff der Grundierung nicht durchgelassen wurden und daher das Metall

nur da angriffen, wo es durch die Striche und Punkte der Zeichnung

bloßgelegt war, in die Platte hinein. Da das Kupfer dem Ätzverfahren

Dürers Schwierigkeiten entgegenstellte, bediente er sich dazu eiserner

Platten. Dürers Radierungen fallen, wie es scheint, sämtlich in die

Jahre 1514 bis 1518. Später kehrte er zum Grabstichel, der ihm doch

eine vollkommenere Befriedigung gewährte, zurück. Das berühmteste Blatt

unter Dürers Radierungen ist „die große Kanone“, die Darstellung eines

Nürnberger Geschützes, das unter der Aufsicht eines Stückmeisters und

unter der Wache strammer Landsknechte auf einem die weite Landschaft

beherrschenden Hügel aufgefahren steht und von einer Gruppe Türken

mit sehr bedenklichen Mienen betrachtet wird. Das Blatt war gegen die

herrschende Türkenfurcht gerichtet (Abb. 92).

Eine reizvolle Grabstichelarbeit aus dem nämlichen Jahre 1518, dem

die Radierung der großen Kanone angehört, ist das liebenswürdige

Marienbild, in welchem zwei schwebende Engel eine reiche Krone über dem

Haupt der Jungfrau halten, die in stillem mütterlichen Behagen dasitzt

und den Blick von dem Kinde hinweg mit ernstem Ausdruck dem Beschauer

zuwendet. In dem landschaftlichen Hintergrund ist hier ein überaus

anspruchsloses Motiv verwertet, ein einfacher Zaun; aber mit welcher

feinen Schönheit klingen die Linien dieser Landschaft, deren Ferne

zwischen den Zaunstecken durchblickt, mit dem Ganzen zusammen! (Abb.

93.)

Lose Holzschnittblätter streute Dürer fortwährend in die Welt, in denen

er viel Schönes bot. Was für einen bezaubernd kindlichen, herzinnigen

Ton hat er in dem entzückenden Mariengedicht gefunden, das er im Jahre

1518 auf Holz zeichnete! (Abb. 94.)

[Illustration: Abb. 92. +Die große Kanone.+ Radierung vom Jahre

1518.]

[Illustration: Abb. 93. +Madonna mit zwei Engeln.+ Kupferstich von

1518.]

[Illustration: Abb. 94. +Maria mit dem Jesuskind, von Engeln

umgeben.+ Holzschnitt von 1518.]

Gemälde, Radierungen, fliegende Holzschnitte, das waren alles nur

Nebenarbeiten in diesem Jahre. Das meiste von Dürers Zeit und

Arbeitskraft war durch die vom Kaiser gestellte Aufgabe mit Beschlag

belegt. Zwar waren mit den Zeichnungen zu dem Riesenholzschnitt

„Kaisers Triumphzug“, der noch umfänglicher gedacht war als die

Ehrenpforte und daher eine noch größere Anzahl von Holzstöcken

erforderte, außer Dürer noch verschiedene andere Maler beschäftigt.

Aber seine Aufgabe war schon umfangreich genug. Ihm war die Anfertigung

der bedeutsamsten Abschnitte der langen Bilderreihe aufgetragen, die

sich aus mancherlei Gruppen zu Fuß, zu Roß und zu Wagen zusammensetzen

sollte und für die der Kaiser selbst die genauesten Angaben gemacht

hatte. Unter anderem führte Dürer diejenige Abteilung aus, welche die

Kriege Maximilians verbildlichte; nach der ursprünglichen Vorschrift

des Kaisers sollten hier Landsknechte im Zuge einherschreiten,

welche auf Tafeln die betreffenden Kriegsbilder trügen; dies erschien

dem Meister zu eintönig, und er gefiel sich dafür in der Erfindung

schön geschmückter künstlicher Fortbewegungsmaschinen, auf denen die

Abbildungen der Schlachten, Festungen etc. bald als Gemälde, bald

als plastische Bildwerke gedacht, vorgeführt werden. Ein besonders

prächtiges Blatt schuf er in dem Wagen, darauf die Vermählung

Maximilians mit Maria von Burgund zur Darstellung kam. Den Mittelpunkt

des langen Zuges sollte der große Triumphwagen bilden, auf dem man den

Kaiser mit seiner ganzen Familie erblickte. Der erste Entwurf, den

Dürer zu diesem Wagen vorlegte, hat sich in einer in der Albertina

zu Wien aufbewahrten Federzeichnung erhalten (Abb. 95). Aber Dürers

Freund Wilibald Pirkheimer, der bei der inhaltlichen Ausarbeitung

des Triumphzuges mitzuwirken sich berufen fühlte, fand diesen

Entwurf ungenügend; denn er wollte, daß alle Tugenden des Kaisers in

verkörperter Gestalt auf und neben dem Wagen zu sehen sein sollten.

Einen hiernach angefertigten neuen ausführlichen Entwurf schickte

Pirkheimer im März 1518 an den Kaiser. Ehe indessen dieses Hauptstück

geschnitten wurde, fand das ganze Unternehmen einen plötzlichen

Abschluß, da Maximilian am 12. Januar 1519 starb. -- Vorher war es

Dürer noch vergönnt, den ihm so wohlgesinnten kaiserlichen Herrn nach

dem Leben abzubilden. Zu dem Reichstag, den Maximilian im Jahre 1518

nach Augsburg berief, begab sich auch Dürer mit den Vertretern der

Stadt Nürnberg. Am 28. Juni saß ihm der Kaiser „hoch oben auf der Pfalz

in seinem kleinen Stüble“. Hier entstand in sichtlich sehr kurzer Zeit

jene in der Albertina aufbewahrte geistreiche Kohlenzeichnung, welche

der Nachwelt ein so sprechendes Bild des „letzten Ritters“ überliefert

hat (Abb. 96).

[Illustration: Abb. 95. +Entwurf zu dem Kaiserwagen+ des

Holzschnittbildes „Triumphzug Maximilians“. Federzeichnung in der

Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 96. +Kaiser Maximilian.+ Kohlenzeichnung nach

dem Leben. In der Albertina zu Wien.

Beischrift: „Das ist Kaiser Maximilian den hab ich | Albrecht Dürer zu

Augspurg hoch oben auff | der pfalz in seinem kleinen stüble kunterfeit

| do man zalt 1518 am montag nach | Johannes tauffer.“]

[Illustration: Abb. 97. +Holzschnittbildnis Kaiser Maximilians+

vom Jahre 1519.]

Nach dieser Zeichnung veröffentlichte Dürer das Bildnis des Kaisers

in dem nämlichen Maßstab, etwas unter Lebensgröße, in zwei großen

Holzschnitten. Das eine Blatt gibt das Brustbild ohne weitere Zuthat,

nur mit einem Schriftzettel, darauf Namen und Titel des Kaisers

geschrieben sind. Das andere, das nach des Kaisers Tode erschien, zeigt

dasselbe in einer reichen Umrahmung, von verzierten Säulen eingefaßt,

auf denen Greifen als Halter des Kaiserwappens und der Abzeichen des

Goldenen Vließes stehen (Abb. 97). Dieselbe Zeichnung legte Dürer dann

auch zwei Gemälden zu Grunde. Von diesen befindet sich das eine, das

mit Wasserfarben auf Leinwand gemalt und durch die Zeit sehr getrübt

ist, im Germanischen Museum zu Nürnberg, das andere, das in Ölfarben

ausgeführt ist, in der Wiener Galerie. Auf ersterem ist der Kaiser

im Mantel mit weißem Pelz, mit der Kette des Goldenen Vließes, auf

dem anderen in schlichter Kleidung dargestellt (Abb. 98). Beidemal

hält er einen Granatapfel in der Hand, wodurch auf eine sinnbildliche

Bedeutung, die der Kaiser dieser Frucht beilegte, hingewiesen wird.

Aus den Inschriften, welche Dürer den Bildnissen des Kaisers beifügte,

fühlt man heraus, wie schmerzlich ihn dessen Hinscheiden ergriffen

hatte.

[Illustration: Abb. 98. +Kaiser Maximilian.+ Ölgemälde von 1519,

in der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Auf dem Augsburger Reichstag porträtierte Dürer auch den Kardinal

Albrecht von Brandenburg, Primas und Kurfürst des Reichs, Erzbischof

von Mainz und Magdeburg. Das mit Kohle gezeichnete Originalbildnis

des erst 28jährigen Kirchenfürsten besitzt ebenfalls die Albertina.

Im folgenden Jahre führte Dürer das Porträt in Kupferstich aus.

Denn der Kardinal war eine bekannte und beliebte Persönlichkeit,

deren Bild mancher gern besitzen mochte. Mit diesem prächtigen Blatt

eröffnete Dürer die herrliche Reihe seiner Kupferstichbildnisse. Die

Bildnisdarstellung beschäftigte ihn überhaupt von nun an am meisten.

Es ist, als ob der Meister die ganze gesammelte Kraft seiner reifsten

Jahre auf das eine Ziel gerichtet hätte, das menschliche Antlitz als

den Spiegel des Charakters zu ergründen. -- Von anderweitigen Arbeiten,

die aus seiner nimmer rastenden Hand hervorgingen, zeichnet sich unter

den Werken des Jahres 1519 noch der kleine feine Kupferstich aus, der

eine reizvoll ausgeführte Ansicht einer Feste, welche an die Burg von

Nürnberg erinnert, und davor im Vordergrund den heiligen Einsiedler

Antonius zeigt; das Stadtbild, das sich in vielgliederigem Umriß von

dem wolkenlosen Himmel abhebt, und das Bild des tiefsten Versunkenseins

in dem Einsiedler, der den Kreuzstab neben sich in den Boden gepflanzt

hat, klingen zu einer eigentümlich träumerischen Stimmung zusammen

(Abb. 99).

[Illustration: Abb. 99. +St. Antonius.+ Kupferstich aus dem Jahre

1519.]

Im Sommer 1520 trat Dürer eine Reise nach den Niederlanden an, die

sich über Jahr und Tag ausdehnte. Den Anstoß zu diesem Unternehmen

gab ihm zweifellos der Wunsch, mit Kaiser Maximilians Nachfolger Karl

V, dessen Landung in Antwerpen bevorstand, zusammenzutreffen. Denn

durch den Tod Maximilians war der Fortbezug einer Leibrente von 100

Gulden jährlich, die dieser ihm gewährt hatte, in Frage gestellt.

Die Auszahlung eines Betrages von 200 Gulden, den der Kaiser ihm auf

die Nürnberger Stadtsteuer angewiesen hatte, verweigerte der Rat von

Nürnberg trotz der schon ausgestellten kaiserlichen Quittung und trotz

aller Bemühungen Dürers. In diesen Angelegenheiten erhoffte er von dem

neuen Kaiser Hilfe, wenn es ihm gelänge, demselben persönlich nahe zu

kommen und sein Wohlwollen zu erwerben. Daneben trieb ihn sicherlich

das Verlangen, die niederländische Kunst durch eigene Anschauung kennen

zu lernen.

Am 12. Juli brach Dürer auf, von seiner Frau und einer Magd begleitet.

Am 2. August traf er in Antwerpen ein. Gegen Ende des Monats begab er

sich nach Brüssel, um sich der Statthalterin der Niederlande, Kaiser

Maximilians Tochter Margareta, vorstellen zu lassen, damit diese sich

bei dem jungen Kaiser, ihrem Neffen, zu seinen Gunsten verwende.

Nach Antwerpen zurückgekehrt, wohnte er dem glänzenden Einzug Karls

V bei. Er folgte dann, um eine Gelegenheit zum Überreichen seiner

Bittschrift an den Kaiser zu finden, dem Zuge desselben zur Krönung

nach Aachen und weiter nach Köln. Hier erlangte er am 12. November die

kaiserliche Bestätigungsurkunde für den Fortbezug seines Jahrgehaltes.

Auf die Auszahlung desjenigen Betrages von Kaiser Maximilians Schuld,

die dieser auf die Nürnberger Stadtsteuer angewiesen hatte, mußte er

indessen verzichten. Über Nymwegen und Herzogenbusch kehrte er nach

Antwerpen zurück. Von hier machte er im Dezember einen Ausflug nach

Seeland; im Frühjahr 1521 besuchte er Brügge und Gent und im Juni

Mecheln. Im Juli trat er darauf die Heimfahrt an. -- In einem kleinen

Skizzenbuch, aus dem noch manche Blätter in verschiedenen Sammlungen

bewahrt werden, und in einem ausführlichen Tagebuch hat der Meister

die Eindrücke dieser Reise festgehalten. Dürers Reisetagebuch ist ein

unschätzbares Vermächtnis, nicht nur in Hinsicht auf die Persönlichkeit

des Künstlers, sondern auch auf die Kulturgeschichte seiner Zeit.

[Illustration: Abb. 100. Aus Dürers Reiseskizzenbuch: +Bildnis des

kaiserlichen Hauptmanns Felix Hungersperg+. In der Albertina zu Wien.

„Das ist haubtman felix der köstlich lautenschlaher. -- Zu antorff

(Antwerpen) gemacht. -- 1520.“]

[Illustration: Abb. 101. +Trachtenzeichnung+ aus dem

niederländischen Skizzenbuch. (Beischrift: Ein bürgin.) In der

Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 102. +Studienköpfe von Seeländerinnen+, auf

der niederländischen Reise gezeichnet. In der Sammlung des Herzogs von

Aumale.]

[Illustration: Abb. 103. +Die Kreuztragung.+ Zeichnung aus dem

Jahre 1520. In der Uffiziengalerie zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 104. +Die Grablegung.+ Zeichnung von 1521. In

der Uffiziengalerie zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 105. +Studienkopf eines alten Mannes.+

Pinselzeichnung auf dunklem Papier, mit Weiß gehöht. Von der

niederländischen Reise 1521. In der Albertina zu Wien.

Die Beischrift Dürers oben am Rande der Zeichnung lautet: „Der Mann

war alt 93 Jar und noch gesund und fermüglich kräftig zu Antorff“

(Antwerpen).]

Der Meister führte einen großen Vorrat von Kunstware, das ist von

Holzschnitten und Kupferstichen, bei sich. Wir erfahren aus seinen

Aufzeichnungen, wie er gleich nach Antritt seiner Reise sich das

Wohlwollen des Bischofs von Bamberg durch das Geschenk eines gemalten

Marienbildes, zweier seiner großen Holzschnittwerke und mehrerer

Kupferstiche erwirbt; wie der Bischof ihn darauf in der Herberge als

seinen Gast behandeln läßt und ihm drei Empfehlungsbriefe und einen

Zollbrief, der sich bei der Weiterreise als sehr nützlich erweisen

sollte, mitgibt. In Frankfurt bekommt er von Jakob Heller Wein in die

Herberge geschickt. Auch an vielen anderen Orten findet er Bekannte und

Bewunderer, die es sich angelegen sein lassen, ihm Freundlichkeiten

zu bezeigen. Von Frankfurt an wird die Reise zu Schiff fortgesetzt.

Auf dem Rheinschiff führt Frau Agnes eigene Küche. Dürers Name ist

überall so bekannt, daß ihn in Boppard sogar der Zöllner frei passieren

läßt, obgleich der Freibrief des Bischofs von Bamberg hier nicht mehr

galt. Von Köln geht die Reise im Wagen auf der kürzesten Straße nach

Antwerpen. In Antwerpen wird Dürer gleich am Abend seiner Ankunft von

dem Vertreter des Augsburger Hauses Fugger zu einem köstlichen Mahl

geladen. Am darauf folgenden Sonntag geben ihm die Antwerpener Maler

ein glänzendes Fest, bei dem er wie ein Fürst geehrt wird und zu dem

ihm auch der Rat von Antwerpen den Willkommstrunk sendet. Er besucht

gleich in den ersten Tagen den Maler Quentin Massys; dann auch den

gelehrten Erasmus von Rotterdam. In allen Kreisen erfährt er die größte

Liebenswürdigkeit, besonders nehmen sich mehrere reiche Kaufleute

verschiedener Nationalität seiner an. Er besichtigt die stolzen

Bauwerke Antwerpens und bewundert die großartigen Vorbereitungen, die

für den Einritt des neuen Kaisers getroffen werden. Ein Schauspiel,

das ihn entzückt, ist die große Prozession am Sonntag nach Mariä

Himmelfahrt mit ihren prunkvollen Aufzügen von Wagen und Schiffen

mit lebenden Bildern, mit Reitern und mannigfaltigen Gruppen, deren

Beschreibung Dürer schließlich mit den Worten abbricht, daß er alles

das in ein ganzes Buch nimmer schreiben könnte. -- In Brüssel, wo er

von der Statthalterin mit der größten Leutseligkeit empfangen wird,

staunt er die kostbaren Wunderdinge an, die aus dem neuen Goldlande

jenseits des Oceans für den Kaiser geschickt worden sind, und sein

Herz erfreut sich dabei über „die subtilen Ingenia der Menschen in

fremden Landen“. Er bewundert das herrliche alte Rathaus und die

Werke der großen Maler des vergangenen Jahrhunderts. Mit seinen

lebenden Kunstgenossen tritt er auch hier in freundlichen

Verkehr. Der Maler Bernhard van Orley gibt ihm und einigen vornehmen

Herren vom Hofe ein Essen, dessen Aufwand den deutschen Meister in

Staunen versetzt. -- Beim Einzuge Karls V in Antwerpen weidet sich

das Auge des Malers daran, wie der Kaiser „mit Schauspielen, großer

Freudigkeit und schönen Jungfrauenbildern“ empfangen wird. Bei

der Kaiserkrönung zu Aachen ist er zugegen und bewundert „all die

köstlichen Herrlichkeiten, dergleichen kein Lebender etwas Prächtigeres

gesehen hat“. Auf der Fahrt von Aachen nach Köln ist er der Gast der

Nürnberger Gesandtschaft, welche die Krönungsinsignien nach Aachen

gebracht hat. In Köln wohnt er dem glänzenden Fest bei, welches die

Stadt zu Ehren Karls V veranstaltet, und sieht den jungen Kaiser auf

dem Gürzenich tanzen. Dürer vergißt aber auch nicht zu vermerken, daß

es ihm „große Mühe und Arbeit“ gemacht habe, die Bewilligung seines

Bittgesuches zu erlangen. Von den Sehenswürdigkeiten Kölns erwähnt

er das Dombild von Meister Stephan besonders, für dessen Aufschließen

er zwei Weißpfennige entrichtete. -- Die Winterreise nach Seeland

unternahm Dürer lediglich, um einen gestrandeten Walfisch zu sehen;

doch versäumte er auch hier das Aufsuchen der Kunstwerke nicht.

Bei dieser Reise kam er einmal in Lebensgefahr. Er erzählt in sehr

anschaulicher Weise diese Begebenheit, wie in Arnemuiden das Boot,

in welchem er gekommen, durch ein großes Schiff vom Anlegeplatz

losgerissen wird in dem Augenblick, wo die Mannschaft und die Mehrzahl

der Passagiere dasselbe schon verlassen haben, während er sich mit

noch einem Reisenden, zwei alten Frauen, einem kleinen Jungen und dem

Schiffsherrn noch an Bord befindet; wie nun das Boot bei starkem Wind

in die offene See hinaustreibt und eine allgemeine Angst entsteht;

wie er dann dem Schiffsherrn zuredet, die Hoffnung auf Gott nicht zu

verlieren, und wie sie vereint mit ungeübten Händen ein Segel so weit

hoch bringen, daß der Schiffsherr dadurch die Lenkung des Boots wieder

einigermaßen in die Hand bekommt, so daß es mit Hilfe herbeirudernder

Schiffer wieder gelingt, das Land zu erreichen. -- Während des nun

folgenden mehrmonatlichen ruhigen Aufenthalts in Antwerpen führt Dürer

ein geselliges, aber auch thätiges Leben. In der Fastnachtszeit wohnt

er mit seiner Frau mehreren Lustbarkeiten bei, und Anfang Mai nimmt er

an der Hochzeitsfeier des „guten Landschaftsmalers“ Joachim de Patenier

teil, bei welcher zwei Schauspiele -- das erste „sehr andächtig und

geistlich“ -- aufgeführt werden. -- Die Reise nach Brügge und Gent

dient ausschließlich dem Zwecke des Kunstgenusses; die Gemälde von van

Eyck, Roger van der Weiden, Hugo van der Goes und Hans Memling finden

gebührende Würdigung, besonders die „überköstliche, hochverständige

Malerei“ des Genter Altars; auch das marmorne Marienbild von

Michelangelo wird besichtigt. In beiden Städten veranstaltet die

Künstlerschaft Festbankette zu Ehren Dürers. Ebenso wird er später

in Mecheln gefeiert, wohin er sich hauptsächlich zu dem Zweck, die

Erzherzogin Margareta noch einmal zu sprechen, begeben hat; er wird

von der Fürstin sehr freundlich aufgenommen, findet aber mit einem

Bild des Kaisers, das er für sie gezeichnet hat, nicht ihren Beifall.

Nach der Rückkehr nach Antwerpen macht er die ihn sehr interessierende

Bekanntschaft des als Kupferstecher mit ihm wetteifernden

holländischen Malers Lucas van Leyden. -- Am Ende seines Antwerpener

Aufenthalts widerfuhr ihm noch eine große Ehre. König Christian II von

Dänemark, Schweden und Norwegen, der, aus seinem Reich vertrieben, bei

dem Kaiser, seinem Schwager, Hilfe suchte, schickte nach Dürer, um

sich von ihm porträtieren zu lassen. Dürer bemerkt, daß der König als

ein schöner und mutiger Mann ein Gegenstand der Bewunderung für die

Antwerpener ist. Er zeichnet das Bildnis desselben in Kohle, speist mit

dem hohen Herrn und begleitet denselben nach Brüssel, wo der Kaiser

und die Statthalterin den König festlich empfangen. Darauf gibt König

Christian dem Kaiser und der Statthalterin seinerseits ein Bankett,

und Dürer ist geladener Gast in dieser hohen Gesellschaft. Zwischen

den Festlichkeiten malt er das Bildnis des Königs in Öl mit geliehenen

Farben.

[Illustration: Abb. 106. +Dürers Frau+, 1521 auf der

niederländischen Reise gezeichnet.

„Das hat albrecht dürer nach seiner hausfrauen conterfei zu antorff in

der niederlendischen kleidung im Jor 1521 Do sy aneinander zu der e

gehabt hetten XXVII Jor.“

Dürer(#55740) · 第 15 / 20 题