Ölgemälde von 1512, im Germanischen Museum zu Nürnberg.]

Die Kupferstiche, die ihm zumeist am Herzen lagen, als er jene

Worte schrieb, waren die schon erwähnten Passionsbilder. Einen Teil

dieses Werkes hatte er schon während der Arbeit an dem Hellerschen

Altargemälde ausgeführt, wie die Jahreszahlen 1508 und 1509 auf

mehreren Blättern beweisen. Die Mehrzahl der dazu gehörigen Stiche

vollendete Dürer im Jahre 1512, und im folgenden Jahre gab er die

aus siebzehn kleinen Blättern bestehende abgeschlossene Folge an die

Öffentlichkeit. Die Kupferstichpassion beginnt mit einem Titelbild,

welches den an der Martersäule stehenden Schmerzensmann zeigt, aus

dessen Seitenwunde Strahlen des erlösenden Blutes sich auf die

Häupter von Maria und Johannes -- die als Vertreter der ganzen

erlösten Menschheit hier stehen -- sich ergießen (Abb. 58), und

erzählt dann die Geschichte von Christi Leiden und Tod und Sieg über

den Tod in fein ausgeführten Bildchen, deren besonderer Charakter,

entsprechend der hingebenden, liebevollen Arbeit des Kupferstechers,

ein inniges Versenken in das Dargestellte ist. Wenn man die Kleine

Holzschnittpassion eine volkstümliche Erzählung nennen kann, so darf

man die Kupferstichpassion mit einer Reihe stimmungsvoller Gedichte

vergleichen (Abb. 55, 56, 73, 74 und 75). Wer diese Blättchen mit einer

Hingabe betrachtet, die derjenigen ähnlich ist, mit der sie geschaffen

sind, der wird eine Quelle nie versiegenden Genusses in ihnen finden.

[Illustration: Abb. 72. +Der heilige Hieronymus mit dem

Weidenbaum.+ Kupferstich von 1512.]

Die im Jahre 1512, wo Dürer sich dieser Arbeit mit reichlicherer Muße

hingeben konnte, entstandenen Blätter der Kupferstichpassion überbieten

die früher gestochenen ganz erheblich an Feinheit. Überhaupt machte

Dürer in dieser Zeit die schnellsten und bedeutendsten Fortschritte

in der Handhabung des Grabstichels. Das Kupferstechen war jetzt in

ausgesprochener Weise seine Lieblingsbeschäftigung, und die stete Übung

und das rastlose Bemühen, immer mehr zu erreichen, führten ihn zu

außerordentlichen Erfolgen. Blätter, wie die im Jahre 1513 gestochene

herrliche Komposition der zwei klagenden Engel, die der Welt das Bild

des dornengekrönten Erlösers vor Augen halten (Abb. 76), sind auch in

technischer Beziehung so schön, daß man eine weitere Vervollkommnung

dieser Art von Kupferstich kaum für möglich halten sollte. Und doch

gelangte Dürer, der im Kupferstich das Mittel suchte, seinen innersten

Empfindungen geläufigen Ausdruck in vollendeter Form zu geben, noch

weiter. In den Jahren 1513 und 1514 schuf er die drei Blätter, die den

Höhepunkt der deutschen Kupferstecherkunst bezeichnen und die zugleich

in rein künstlerischer Beziehung, als Mitteilungen aus dem tiefsten

Inneren der Künstlerseele, in denen Gedanken und Form eins sind, zu

Dürers vollendetsten Werken gehören. Es sind die drei Blätter, die

zu allen Zeiten nur ungeteilte Bewunderung gefunden haben: „Ritter,

Tod und Teufel“, „Melancholie“ und „St. Hieronymus im Gehäuse (in der

Stube)“.

[Illustration: Abb. 73. Aus der Kupferstichpassion: +Christus vor

Kaiphas+ (1512).]

[Illustration: Abb. 74. Aus der Kupferstichpassion: +Christus in der

Vorhölle+ (1512).]

Zur Erklärung des Blattes „Ritter, Tod und Teufel“ weiß eine alte

Nachricht zu sagen, daß dasselbe sich auf eine Geschichte beziehe, die

zu Dürers Zeit von einem Ritter Namens Philipp Rink erzählt wurde. Aber

das Bild bedarf keiner Erklärung, die der unmittelbar packenden Wirkung

seiner dichterischen Kraft und Schönheit nur Abbruch thun würde. In

einem wilden Hohlweg reitet auf schlüpfrigem Boden ein Ritter, den

Speer auf der Schulter. Es ist Abend; man fühlt den klaren Ton, der

nach Sonnenuntergang die Luft erfüllt, in dem wolkenlosen Stückchen

Himmel, das über dem Rand der Schlucht, von Gestrüpp in schroffen

Linien durchschnitten, sichtbar ist; man fühlt das schwindende Licht,

das die fern auf einer Bergeshöhe liegende Burg mit einem weichen Ton

überzieht. In der schaurigen Schlucht aber ist es kühl und düster.

Ein verglimmender Abendstrahl, der auf einer Kante des Abhanges ruht,

weicht der heraufrückenden Dunkelheit. In unheimliche Finsternis führt

der sich verengende Weg zwischen höher steigenden Wänden; -- führt er

ins Verderben? Neben dem Ritter reitet als bleiches Gespenst der Tod,

und hinter ihm schleicht ein grauenhafter Teufel, der mit schauerlich

gierigem Blick aus glühenden Augen die Krallenhand nach ihm hebt. Des

Ritters Roß und Hund ahnen etwas Beängstigendes. Er aber kennt keine

Furcht; ohne rechts noch links zu sehen, in unerschütterlicher Haltung,

reitet er vorwärts. Jeder Deutsche wird diesen Rittersmann verstehen,

der trotz Tod und Teufel auf dem eingeschlagenen Wege bleibt (Abb. 77).

Solch einen Mann der entschlossenen That quälen die grübelnden Zweifel

nicht, auf die das träumerische Bild der „Melancholie“ hinweist. Da

sitzt eine Gestalt, welche die Macht des Menschengeistes verkörpert,

mit dem Lorbeer des Ruhmes gekrönt, von allerlei Zeichen menschlichen

Wissens und Könnens, wie Handwerksgerät und mathematischen Körpern,

umgeben. Wohl mag dieses mächtige Wesen sich weithin tragen lassen von

seinen starken Schwingen; dennoch sinkt es schließlich in sich zusammen

im Gefühl seiner Unvollkommenheit. Es gleicht dem Kinde, das auf dem

Mühlstein sitzt und auf einem Täfelchen Schreib- und Rechenübungen

macht. Es möchte das Tier beneiden können, dem kein Forschensdrang

den Schlaf raubt. Der Schmelztiegel des Alchimisten, durch den die

letzten Grundbestandteile der Dinge sich doch nicht ermitteln lassen,

die Kugel, deren Inhalt sich nicht in Zahlen ausdrücken läßt, sind

Zeichen der Beschränkung des menschlichen Geistes, Gegenstücke zu der

an den Turm gelehnten Leiter, dem Spottbild auf die winzige Kleinheit

der dem Menschen erreichbaren Erhebung über die Erde. Raum und Zeit

setzen dem Menschengeist Schranken. Die Sanduhr und das Glöcklein

an der Turmwand, wo ein Zahlenquadrat von zweckloser Spielerei des

menschlichen Scharfsinns erzählt, verkünden die Flüchtigkeit und das

Gemessensein der Zeit. Und über dem verschwindenden Horizont des

Oceans durchleuchtet die Rätselerscheinung eines Kometen den endlosen

Himmelsraum, an dem das unfaßbare Gebilde des Regenbogens prangt.

Seiner Nichtigkeit dem All gegenüber sich bewußt, starrt der Genius

mit gesenkten Fittichen voll Niedergeschlagenheit vor sich hin, und

müßig ruht seine Hand auf dem Buch, in dem das Unbegreifliche doch

nicht gesagt, und an dem Zirkel, mit dem das Unerreichbare nicht

gemessen werden kann (Abb. 79). Der Beschauer mag vielleicht finden,

das Bild sei mit ausgeklügelten und schwer verständlichen Beziehungen

überladen. Aber deren Ausdeutung im einzelnen ist auch gar keine

unerläßliche Vorbedingung für den Genuß des Bildes: das Ganze spricht

mit voller Verständlichkeit zu uns durch seine Stimmung. Das ist das

Einsehen, „daß wir nichts wissen können“. Auch Dürer hat einmal das

Bekenntnis niedergeschrieben: „Die Lüge ist in unserer Erkenntnis,

und die Finsternis steckt so hart in uns, daß auch unser Nachtappen

fehlt.“ Den geraden Gegensatz hierzu bildet jener in seiner Arbeit

volles Genügen findende Forscher, der im heiligen Hieronymus verkörpert

ist. Ganz in sein Werk versunken, sitzt der große Kirchenvater in

seiner gemütlichen Gelehrtenstube; man fühlt die behagliche Wärme,

die das Sonnenlicht, durch die Butzenscheiben gedämpft, in das Gemach

hineinträgt; in friedlichem Schlummer ruht der Löwe des Heiligen neben

einem Hündchen (Abb. 81). Auch in diesen beiden Blättern ist Dürer

wieder so kerndeutsch. Man braucht kein sogenanntes Kunstverständnis zu

besitzen, sondern nur ein deutsches Herz zu haben, um diese Stimmungen

mitfühlen zu können.

[Illustration: Abb. 75. Aus der Kupferstichpassion: +Die

Grablegung+ (1512).]

Die Jahre, in denen Dürer aus der innersten Schatzkammer seines Herzens

solch köstliche Juwelen der vollendetsten Stimmungsmalerei hervorholte,

brachten ihm den größten Schmerz seines Lebens, die Krankheit und den

Tod seiner Mutter. In einer besonderen Aufzeichnung hat er hierüber

ergreifend und ausführlich berichtet. Die fromme, sanftmütige und

wohlthätige Frau starb nach mehr als jahrlangem Siechtum am 17. Mai

1514. Wenige Wochen vor ihrem Tode, am Okulisonntag, hatte Dürer

sie in einer lebensgroßen Kohlenzeichnung abgebildet. Das Berliner

Kupferstichkabinett bewahrt dieses rührende Bildnis: ein abgemagertes,

vieldurchfurchtes Antlitz mit gottergebener Duldermiene, die den Tod

in der Nähe sieht (Abb. 78). Sicher ist Dürer an keiner Arbeit mehr

mit dem ganzen Herzen dabei gewesen, als an dieser sichtlich in kurzer

Zeit hingeschriebenen Zeichnung, in der er das Bild seiner Mutter,

die in der rastlosen Thätigkeit der schaffenden, sorgenden Hausfrau

früher vielleicht niemals eine Stunde erübrigt hatte, um dem Sohn zu

sitzen, jetzt in der unfreiwilligen Muße der Krankheit, in letzter

Stunde, als ein Jammerbild festhielt. Es mag ihm eine Pein gewesen

sein, die Entstellungen, die die Todesnähe in das geliebte Antlitz

gegraben, Zug um Zug zu verfolgen. Aber er schenkte sich nichts von

dem Schrecklichen: nicht die Erschlaffung der Augenmuskeln, welche die

beiden Augensterne auseinander weichen läßt, nicht das Zusammensinken

der Nasenknorpel, noch die entsetzliche Abmagerung, welche die

Knochen und die einzelnen Muskelstränge des Halses mit fürchterlicher

Deutlichkeit unter der verwelkten Haut hervortreten läßt. Das ist die

Liebe und Ehrfurcht, die Dürer vor der Natur hegte. Wenn er etwas

in der Wirklichkeit Vorhandenes nachbildete als das, was es war, so

bildete er es so nach, wie es war. Seine Treue und Ehrlichkeit war

dann so bedingungslos vollkommen, daß dieser Realismus von keinem

unserer modernen Maler auch nur um ein Härchen überboten werden

könnte. Dürers Studienblätter bieten zahlreiche Belege. Ein besonders

sprechendes Beispiel ist auch das in Abbildung 80 wiedergegebene,

mit schnellen Federstrichen gezeichnete Bildnis einer weiblichen

Persönlichkeit, deren gutmütiges, durch eine Anschwellung des rechten

Augenlides verunziertes Gesicht auch sonst unter Dürers Zeichnungen

vorkommt, -- wahrscheinlich einer Verwandten des Hauses.

[Illustration: Abb. 76. +Zwei Engel mit dem Schweißtuche der

Veronika.+ Kupferstich von 1513.]

Von Gemälden weist das Jahr 1514 nur einen Christuskopf von zu

bezweifelnder Echtheit auf, der sich in der Kunsthalle zu Bremen

befindet. Dem Jahre 1515 gehört eine Maria als Schmerzensmutter, unter

dem Kreuze stehend gedacht, in der Münchener Pinakothek, an. Beides

sind Werke von untergeordneter Bedeutung. Das meiste von Dürers Zeit

wurde jetzt durch Aufgaben in Anspruch genommen, die der Kaiser ihm

stellte.

Kaiser Maximilian, der sich an der Hervorhebung seiner eigenen

Persönlichkeit erfreute, ohne deswegen eitel zu sein -- ein Zug, der

im Geiste jener Zeit begründet war und der ja auch bei Dürer in den

vielen Selbstbildnissen zu Tage tritt --, hatte die Idee zu einer

großartigen bildlichen Verherrlichung seines Lebens selbst entworfen.

Das Ganze sollte einen Triumph vorstellen und aus zwei Teilen, dem

Triumphbogen oder der Ehrenpforte und dem Triumphzuge, bestehen. Des

Kaisers Freund und treuer Begleiter, der Geschichtschreiber, Dichter

und Mathematiker Johannes Stabius, übernahm die Anordnung und verfaßte

die Inschriften. Ehrenpforte und Triumphzug sollten jedes in einem

riesigen Holzschnittblatt erscheinen, und Dürer war beauftragt,

zunächst die Zeichnung der Ehrenpforte anzufertigen. Im Jahre 1515 war

er mit der gewaltigen Bildermasse, aus der sich dieses seltsame Gebilde

zusammenfügte, fertig. Seit drei Jahren hatte er daran gearbeitet.

92 Holzstöcke, deren Schnitt der Nürnberger Formschneider Hieronymus

Andreä ausführte, waren zur Herstellung des Blattes erforderlich,

das in seiner vollständigen Zusammensetzung über drei Meter hoch und

wenig unter drei Meter breit ist. Das Ganze stellt ein Gebäude von

sehr entfernter Ähnlichkeit mit einem römischen Triumphbogen dar,

über und über mit Bildern aus dem Leben des Kaisers (Abb. 82-85), mit

geschichtlichen und sinnbildlichen Figuren, mit Wappen, mannigfaltigem

Zierwerk und mit Inschriften bedeckt. An Stelle seines gewöhnlichen

Monogramms hat Dürer hier sein Familienwappen, den Schild mit der

offenen Thür, angebracht.

[Illustration: Abb. 77. +Ritter, Tod und Teufel.+ Kupferstich vom

Jahre 1513.]

[Illustration: Abb. 78. +Dürers Mutter.+ Kohlenzeichnung aus dem

Jahre 1514, im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.

Die Beischrift von Dürers Hand in der rechten oberen Ecke lautet:

„1514 an oculy. Dz ist albrecht dürers muter dy was alt 63 Jor.“ Nach

ihrem Tode fügte er mit Tinte hinzu: „Und ist verschiden Im 1514. Jor

am erchtag (Dienstag) vor der crewtzwochen, um zwey genacht (in der

Nacht.)“]

[Illustration: Abb. 79. +Die Melancholie.+ Kupferstich aus dem

Jahre 1514.]

[Illustration: Abb. 80. +Federzeichnung nach dem Leben+,

vermutlich Dürers Schwägerin Katharina Frey darstellend, von 1514.

Dürer(#55740) · 第 14 / 20 题