Handzeichnung in der Albertina zu Wien.]

[Illustration: Abb. 46. +Der zwölfjährige Jesus unter den

Schriftgelehrten.+ Gemälde von 1506, in der Gemäldesammlung des

Palastes Barberini zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 47. +Bildnis eines unbekannten Mannes+, von

1507. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

[Illustration: Abb. 48. +Bildnis eines jungen Mannes.+ In der

Gemäldesammlung des Schlosses Hamptoncourt bei London.

(Aus dem ersten Jahresheft der Kunsthistorischen Gesellschaft für

photographische Publikationen.)]

Nach der Fertigstellung dieser sechzehn Blätter fehlte nur noch weniges

an der Vollendung der Bilderfolge des Marienlebens. Die Ereignisse

aber brachten es mit sich, daß dieses Wenige erst nach einer Reihe von

Jahren zur Ausführung kam.

Der Umstand, daß Dürers Holzschnitte in Venedig unbefugterweise

nachgestochen wurden und daß der deutsche Meister deshalb den Schutz

seines Urheberrechtes bei der venezianischen Regierung hätte nachsuchen

wollen, soll die erste Veranlassung zu einer längeren Reise nach

Venedig gewesen sein, die Dürer im Jahre 1505 antrat.

Hauptsächlich beschäftigte ihn aber in Venedig die Ausführung

einer Altartafel, die er im Auftrage der dort ansässigen deutschen

Kaufleute für deren Kirche San Bartolomeo malte. Es ist das jetzt im

Prämonstratenserstift Strahow zu Prag befindliche „Rosenkranzfest.“

Darauf sind in einer Komposition von reicher, festlicher Pracht

die Jungfrau Maria und das Jesuskind als Spender des Rosenkranzes

dargestellt: sie schmücken die Häupter des Kaisers Maximilian I und

des Papstes Julius II mit Kränzen von natürlichen Rosen; zu beiden

Seiten werden eine Anzahl anderer Personen durch den heiligen Dominikus

und eine Schar von Engeln in gleicher Weise gekrönt. Im Hintergrunde

erblickt man den Maler selbst nebst seinem liebsten und treuesten

Freunde, dem berühmten Humanisten Wilibald Pirkheimer; er hält ein

Blatt in der Hand, worauf zu lesen ist, daß in einem Zeitraum von fünf

Monaten der Deutsche Albrecht Dürer das Werk im Jahre 1506 ausgeführt

habe (Abb. 42). Leider hat das vielbewunderte Gemälde, das noch vor

seiner Vollendung den Dogen und den Patriarchen von Venedig veranlaßte,

den deutschen Maler in seiner Werkstatt aufzusuchen, das nachmals

durch Kaiser Rudolf II für eine sehr hohe Summe angekauft und mit

unglaublichen Vorsichtsmaßregeln nach Prag gebracht wurde, in späteren,

rücksichtsloseren Zeiten durch starke Beschädigungen und mehr noch

durch schauderhaft gefühllose, modernisierende Übermalung der Köpfe

von Maria und dem Jesuskind, sowie der Luft und anderer Teile schwer

gelitten. Die Schönheit der Gestalten und der Komposition, bei der

Mehrzahl der Figuren auch den Charakter und den Ausdruck der Köpfe

und Hände können wir noch bewundern; aber der einst aufs höchste

gepriesene Reiz der Farbe und der meisterlichen Ausführung kommt nur

noch stellenweise zur Geltung und läßt uns die Zerstörung doppelt

beklagen. Eine bessere Vorstellung von der ursprünglichen Klarheit des

Gemäldes und besonders von dem Kopf der Maria erhalten wir durch eine

alte Kopie desselben im Hofmuseum zu Wien, obgleich diese Kopie der

Feinheit Dürers, besonders in den Köpfen, bei weitem nicht gerecht wird

(Abb. 43).

[Illustration: Abb. 49. +Adam.+ Ölgemälde von 1507, im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 50. +Eva.+ Ölgemälde von 1507, im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Nebenher malte Dürer in Venedig eine Anzahl von Bildnissen und mehrere

kleinere Gemälde. Das schönste von diesen besitzt die Dresdener Galerie

in der ergreifenden und malerisch wirkungsvollen Darstellung des

Gekreuzigten, die ungeachtet des miniaturartigen Maßstabes ein wahrhaft

großartiges Werk ist. Finsternis senkt sich über die Erde herab; nur am

Horizont glüht ein gelblicher Lichtstreifen über dem Meere. Der Wind

macht die Haare und das Lendentuch des Gekreuzigten flattern, dessen

hellbeleuchtete Gestalt als das Licht in der Finsternis erscheint.

Kein Zucken in dieser Gestalt weist auf die Qual der Schmerzen hin:

Ruhe ist über den Dulder gekommen, er hebt das edle Anlitz mit dem

Ausdruck ungebeugten Vertrauens empor, und wir vernehmen die Worte:

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Abb. 44). -- In der

Barberinischen Sammlung zu Rom befindet sich ein laut Inschrift in

fünf Tagen gemaltes Bild, welches den zwölfjährigen Jesus im Gespräche

mit den Schriftgelehrten darstellt. Es ist die schnelle, wenn auch

durch Studien (Abb. 45) vorbereitete Niederschrift eines Gedankens,

zu dem Dürer durch den Anblick von Leonardo da Vincis Charakterköpfen

angeregt worden sein mochte. Das Ganze besteht eigentlich nur aus

Köpfen und Händen; aber diese sind alle gleich ausdrucksvoll (Abb.

46). -- Zu den in Venedig entstandenen Porträts gehört vielleicht das

mit der Jahreszahl 1507 bezeichnete Bildnis eines blondhaarigen jungen

Mannes im kunsthistorischen Hofmuseum zu Wien, welches bekundet, daß

Dürer im Anblick der italienischen Kunstwerke gelernt hatte, alle ihm

eigene scharfe Bestimmtheit der Kennzeichnung in ein Gesicht zu legen,

ohne dabei die Züge so hart zu malen, wie er es in seinen früheren

Bildnissen gethan hatte (Abb. 47). Dieses Bild hat eine besondere

Merkwürdigkeit. Auf die Rückseite der Holztafel, die vorn den so

angenehm aussehenden jungen Mann zeigt, hat Dürer die Avaritia, den

Geiz, gemalt in der Gestalt eines häßlichen, abgemagerten alten Weibes,

das einen Sack mit Goldstücken hält und den Beschauer höhnisch anlacht.

Gewiß hat der junge Mann sein Porträt bei Dürer bestellt gehabt, dann

aber nicht bezahlen wollen, und der Künstler hat seinem Ärger hierüber

Luft gemacht durch die Allegorie, die er breit und mit kräftigen

Farben auf die Rückseite des nun in seinem Besitz verbleibenden Bildes

hinstrich. -- In dieselbe Zeit mag wohl auch der im Schloß Hamptoncourt

befindliche treffliche Bildniskopf eines anderen jungen Mannes mit

wollig herabhängendem blonden Haar fallen, auf das als ein bisher

unbeachtet gebliebenes und durch tadellose Erhaltung ausgezeichnetes

Werk Dürers erst kürzlich die Aufmerksamkeit gelenkt worden ist (Abb.

48).

Von Venedig aus machte Dürer eine Reise nach Bologna und Ferrara.

Eine begonnene Reise nach Mantua gab er wieder auf, weil der Zweck

derselben, die persönliche Bekanntschaft des von ihm so hochverehrten

Mantegna zu machen, durch dessen Tod vereitelt wurde.

[Illustration: Abb. 51. +Die Marter der zehntausend persischen

Christen.+ Gemälde von 1508. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Von Dürers Leben in Venedig gibt eine Reihe von noch vorhandenen

Briefen Kunde, die der Meister an seinen Freund Pirkheimer geschrieben

hat. Da erfahren wir, daß der deutsche Maler für die einheimischen

Künstler ein Gegenstand der Neugierde und des Neides war; daß zwar

viele Edelleute, aber wenig Maler ihm wohl wollten; daß unter diesen

wenigen aber der achtzigjährige Altmeister Giovan Bellini war. Wir

sehen das allmähliche Entstehen der Altartafel; wir hören Dürers Klage,

daß diese allzu zeitraubende Arbeit ihn zwinge, eine Menge lohnenderer

Aufträge auszuschlagen, und nehmen teil an seiner Freude über das

endliche Gelingen des Werkes und über den Beifall, den dasselbe

findet. Wir sehen ihn die Gassen der Lagunenstadt durchstreifen, um

für den Freund allerlei Besorgungen zu machen. Wir vernehmen, wie er

sich’s wohl sein läßt in der Fremde, aber dabei für die Seinen in der

Heimat zärtlich besorgt ist und als ein vorsichtiger Hausvater seine

Erwerbsverhältnisse überschlägt. Mit lustigem Übermut beantwortet er

des Freundes derbe Späße, und bei dem Gedanken an die Heimkehr kann er

die Worte nicht unterdrücken: „Wie wird mich nach der Sonnen frieren.“

Erst zu Anfang des Jahres 1507 kehrte Dürer nach Nürnberg zurück.

Der Aufenthalt in Venedig war für seine künstlerische Bildung von

großer Bedeutung gewesen. Die Berührung mit der italienischen Kunst

hatte ihn in seiner eigenen Kunst weitergebracht, ohne daß er den

Gewinn mit dem geringsten Opfer von seinem Selbst bezahlt hätte. Seine

Anschauungsweise war größer geworden, sein Formgefühl hatte sich

verfeinert; aber wie sein Empfinden, so blieb seine künstlerische

Ausdrucksweise durch und durch deutsch. Es gehört mit zu den höchsten

Ruhmestiteln Albrecht Dürers, daß das männliche Bewußtsein seiner

Künstlerschaft und das freudig stolze Gefühl seines Deutschtums ihm

jeden Versuch verwehrte, den eigenen festen Halt aufzugeben und sich an

die fremdländische Kunst anzulehnen. Die Nachahmung der Italiener hat

nach ihm die deutsche Kunst zu Grunde gerichtet.

[Illustration: Abb. 52. +Studie+ zu den Händen eines betenden

Apostels im Hellerschen Altarbild (1508). Pinselzeichnung in der

Albertina zu Wien.]

Nach der Rückkehr schuf Dürer in rascher Folge mehrere größere Gemälde.

Das erste war eine Darstellung von Adam und Eva auf zwei Tafeln in

lebensgroßen Figuren. In Italien hatte Dürer gesehen, mit welch hoher

künstlerischen Schönheit die nackte Menschengestalt bekleidet werden

kann. In diesen beiden Gestalten des Mannes und des Weibes, die eine

Vollkommenheit der Formen zeigen, wie sie der Kunst des Nordens bis

dahin unerreichbar gewesen war, legte er gleichsam öffentlich Zeugnis

ab von dem, was sich ihm für seine Kunstanschauung Neues in dem Lande

der alten Kunst offenbart hatte. Aber man würde Dürer großes Unrecht

thun, wenn man die beiden Figuren bloß auf die Form hin, der denn doch

noch nordische Mängel anhaften, betrachten wollte. Das Beste daran ist

vielmehr die Feinheit des Gefühls, mit der die Empfindung der beiden

erdacht und ausgesprochen ist. Der Ausdruck liegt nicht bloß in den

Köpfen. Hier das mit weiblicher Zurückhaltung gemischte schmeichelnde

Verlocken, dort scheues Zagen im Verein mit der Unfähigkeit, zu

widerstehen: das ist in den ganzen Gestalten, bis in die Füße und die

Fingerspitzen hinein mit einer Meisterschaft, die in dieser Beziehung

kaum ihresgleichen hat, zur Anschauung gebracht (Abb. 49 und 50). Man

kann sich vorstellen, welches ungeheure Aufsehen diese beiden Tafeln

bei ihrem ersten Erscheinen erregten. Dieselben sind schon früh kopiert

worden. Um den Besitz der Originale streiten sich die Sammlung des

Pittipalastes zu Florenz und das Pradomuseum zu Madrid. Der Streit

ist wohl überflüssig. Man muß unbedingt annehmen, daß der Meister

selbst sich zu einer Wiederholung dieses Werkes, in dem er etwas nie

Dagewesenes erreicht hatte, entschlossen hat. Die Ausführung durch

seine eigene Hand ist bei dem Madrider Exemplar unanfechtbar; aber auch

bei dem Florentiner Exemplar, das leider weniger gut erhalten ist,

kann wohl nicht an der Eigenhändigkeit der Arbeit gezweifelt werden.

Die Figuren stimmen hier und dort ganz genau miteinander überein. Im

übrigen unterscheiden sich die beiden Ausführungen in ähnlicher Weise,

wie die Zeichnung und der Kupferstich von 1504. In Florenz treten

die Figuren, wie es dem Inhalt der Darstellung entspricht, aus einem

landschaftlichen Hintergrund, den Tiere beleben, hervor. In Madrid

heben sie sich, um ganz unbeeinträchtigt für sich selbst zu wirken, von

schlichtem schwarzen Grunde ab; auch der Baumstamm mit der Schlange an

der Seite Evas ist hier nicht in malerischer Ausführung, sondern mehr

als bloße Andeutung gemalt. An dem unteren Zweig des Baumes hängt bei

der Eva in Madrid ein Täfelchen, worauf zu lesen ist, daß der Deutsche

Albrecht Dürer das Bild gemacht habe. („+Albertus Durer alemanus

faciebat post virginis partum 1507+“.)

[Illustration: Abb. 53. +Studie+ zum Kopf eines emporblickenden

Apostels im Hellerschen Altarbild. Weiß gehöhte Tuschzeichnung im

Kupferstichkabinett des Berliner Museums.]

Mehr Arbeit als die beiden lebensgroßen Einzelgestalten machte dem

Meister ein Gemälde mit zahllosen kleinen Figuren, welches Kurfürst

Friedrich der Weise bei ihm bestellte: „Die Marter der Zehntausend“

(Hinrichtung der persischen Christen unter König Sapor). Dürer

verwendete den ganzen großen Fleiß, den er besaß, auf dieses Bild, an

dem er über ein Jahr arbeitete und das er im Sommer 1508 vollendete

(Abb. 51). Dasselbe befindet sich jetzt in der Gemäldesammlung des

kunsthistorischen Hofmuseums zu Wien. Vor allem müssen wir hier

Dürers Meisterschaft in der malerischen Bewältigung der großen

Figurenmassen, wobei er der in kühnen Linien aufgebauten Landschaft

eine wesentliche Rolle zugewiesen hat, und in der Erfindung

mannigfaltiger Einzelheiten, durch die er den grausigen Gegenstand

anziehend zu machen gewußt hat, bewundern. Die ursprüngliche

Farbenharmonie des unglaublich fein ausgeführten Bildes ist leider

dadurch gestört, daß das reichlich angewendete Lasursteinblau im Laufe

der Zeit durch die Farben, mit denen es gemischt war, durchgewachsen

und an die Oberfläche getreten ist, so daß es jetzt sehr viel stärker

spricht, als es nach der Absicht des Meisters sollte.

[Illustration: Abb. 54. +Gewandstudie+ zu einem Apostel

des Hellerschen Altarbildes. Weiß gehöhte Tuschzeichnung im

Kupferstichkabinett des Berliner Museums.]

Mit der gleichen Sorgfalt malte Dürer dann die Mitteltafel eines

umfangreichen Altarwerks, mit dessen Ausführung ihn der reiche

Frankfurter Kaufherr Jakob Heller gleichfalls schon im Jahre 1507

beauftragt hatte. Er selbst schrieb an den Besteller, daß er all

seine Tage keine Arbeit angefangen habe, die ihm besser gefiele, und

noch nach der Ablieferung im August 1509 war er um die vorsichtige

Behandlung des Bildes besorgt. Von seiner fleißigen und gewissenhaften

Vorbereitung auf dieses Werk legt eine Anzahl von Naturstudien Zeugnis

ab, die in feiner Pinselzeichnung ausgeführt sind (Abb. 52, 53, 54).

Gegenstand des Gemäldes war die Himmelfahrt Marias. Unten umstehen die

Apostel das leere Grab, und oben in den Wolken, in denen sich Scharen

kleiner Engel umhertummeln, wird die Jungfrau von Gott Vater und

Christus mit der Krone der Himmelskönigin geschmückt. Die wunderbare

Schönheit dieser von dem Meister selbst für sein bestes Werk gehaltenen

Schöpfung, in der sich mit der liebevollsten Ausarbeitung der

Einzelheiten eine großartige Einheitlichkeit der malerischen Wirkung

verband, können wir nur noch ahnen im Anblick einer alten Kopie, welche

mit sechs der von Gehilfen ausgeführten Flügelbilder im Historischen

Museum zu Frankfurt aufbewahrt wird. Das Original, für welches Kaiser

Rudolf II den Frankfurter Dominikanern, in deren Kirche das Altarwerk

aufgestellt war, vergeblich 10000 Gulden bot, und das dann später von

Herzog Maximilian von Bayern erworben wurde, ist im Jahre 1674 bei dem

Brande der Münchener Residenz ein Raub der Flammen geworden.

[Illustration: Abb. 55. Aus der Kupferstichpassion: +Das Gebet am

Ölberg+ (1508).]

[Illustration: Abb. 56. Aus der Kupferstichpassion: +Der Judaskuß+

(1508).]

Ein günstigeres Geschick hat über dem nächsten großen Gemälde

gewaltet, welches Dürer schuf. Es ist das Allerheiligenbild, auch

Dreifaltigkeitsbild genannt, das er für die Kapelle des sogenannten

Landauerklosters oder Zwölfbrüderhauses in Nürnberg, einer wohlthätigen

Stiftung zweier dortigen Bürger, malte und im Jahre 1511 vollendete.

Als die Kapelle geweiht wurde, erhielt sie ihren Namen zu Ehren aller

Heiligen; dadurch war die Wahl des Gegenstandes für das Altargemälde

bestimmt: die in der Anbetung des dreifaltigen Gottes vereinte

Gesamtheit der Heiligen (Abb. 66). Wohlerhalten und unversehrt

schmückt diese Tafel die kaiserliche Gemäldegalerie zu Wien. Nur die

Farbenwirkung hat auch hier durch das Durchwachsen des Blau, sowie

ferner durch das Verblassen der Schattentöne in den grünen Gewändern

ihren Einklang einigermaßen eingebüßt. Aber die hohe Vollkommenheit der

Zeichnung und der Ausführung können wir bei diesem unvergleichlichen

Meisterwerk in ihrer ganzen ursprünglichen Herrlichkeit bewundern.

Wohl in keinem anderen Erzeugnis der deutschen Malerei ist so viel

Großartigkeit mit so viel Poesie vereinigt. Man darf unbedenklich

behaupten, daß diese Meisterschöpfung Dürers das erhabenste Werk der

kirchlichen Kunst diesseits der Alpen ist. Es entrückt den Geist des

gläubigen Beschauers in die Sphären der Seligen. Von Engelchören

umschwebt, deren Reigen sich in ungemessener Ferne verliert, erscheint

in lichtdurchstrahltem Gewölk die heilige Dreifaltigkeit: Gott Vater

in Krone und Königsmantel auf dem doppelten Regenbogen thronend,

hält mit den Händen das Kreuz, an dem Gott Sohn sich der Menschheit

opfert, und über seinem Haupte schwebt der heilige Geist in Gestalt

der Taube. Zu beiden Seiten knieen die Auserwählten des alten Bundes

und die Heiligen der Christenheit, mit der Jungfrau Maria und Johannes

dem Täufer an der Spitze. Ihnen reiht sich auf einem niedrigeren

Wolkenkranze die ungezählte Schar der namenlosen Seligen aller Stände

an, von Kaiser und Papst bis zu Bauer und Bettelfrau. Tief unten liegt

die Erde in weiter, vom Himmelslicht rosig überstrahlter Landschaft.

-- Zwischen den Seligen ist in einer demütigen Gestalt -- links am

Bildrande, neben dem mit einer Gebärde der Ermutigung sich umwendenden

Kardinal -- der Stifter des Gemäldes, Matthäus Landauer, abgebildet.

Unten auf der Erde aber steht Albrecht Dürer, bescheiden in die Ferne

gerückt den Himmlischen gegenüber, doch mit gerechtem Selbstbewußtsein

hinausblickend zu dem sterblichen Beschauer, dem er sich als den

Urheber des Gemäldes nennt. Auch auf dem Bilde der zehntausend

Märtyrer und auf der Hellerschen Altartafel hatte er, wie er es beim

Rosenkranzfest zuerst gethan, sich selbst in den Hintergrund gemalt und

dabei voll Vaterlandsgefühl seinem Namen den Zusatz „ein Deutscher“

beigefügt. Auf der Inschrifttafel des Allerheiligenbildes nennt er sich

mit Heimatsstolz als einen Sohn der Stadt, welche das Bild bewahren

soll. -- Das Allerheiligenbild, dessen Maßstab im Verhältnis zu seinem

großen Inhalt sehr klein ist, wurde in einem prächtig geschnitzten

Holzrahmen, für den Dürer selbst den Entwurf gezeichnet hatte, an

seinem Bestimmungsort aufgestellt. In einer Zeit, wo die Nürnberger

ihren Dürer nicht mehr gebührend zu schätzen wußten, gelang es dem

eifrigen Dürersammler Kaiser Rudolf II, das Gemälde zu erwerben. Der

leere Rahmen blieb in Nürnberg zurück und befindet sich, leider durch

grauen Anstrich entstellt, jetzt im Germanischen Museum. Es ist ein

Aufbau, der sich aus einem schmuckreichen Sockel, verzierten Säulen an

den Seitenwänden, einem von diesen getragenen Gebälk und darüber einem

halbkreisförmigen Aufsatz zusammenfügt. In dem Bogenfeld des Aufsatzes

und in dem Fries des Gebälkes ist das Jüngste Gericht in geschnitzten

Figuren dargestellt; an den Seiten des Aufsatzes befinden sich als

freistehende Figuren Engel mit Posaunen und auf dem Scheitel desselben

ein Engel mit dem Kreuz.

[Illustration: Abb. 57. +Marienbild.+ Mit Wasserfarben angetuschte

Federzeichnung vom Jahre 1509. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 58. +Der Schmerzensmann.+ Titelbild zur

Kupferstichpassion. (1509).]

In der Erfindung dieser reichen architektonischen Einfassung seines

Gemäldes hat Dürer sich als einen echten Renaissancekünstler zu

erkennen gegeben in dem Sinne, daß er an die Stelle spätgotischer

Gebilde die wiederbeseelten Formen des klassischen Altertums setzte.

In Venedig hatte er Kunstwerke gesehen, in denen die Formenwelt der

antiken Bau- und Zierkunst sich wiederspiegelte, und er huldigte dem

tonangebenden Geschmack seiner Zeit, indem er versuchte, in seinen

eigenen Schöpfungen derartige Formen anzubringen. Schon vor der

venezianischen Reise hatte er ja bisweilen -- besonders im Marienleben

-- sich bemüht, aus unklaren Vorstellungen heraus Gebäude, die der

Antike gleichen sollten, zu ersinnen. Jetzt besaß er, wenn auch kein

wirkliches Verständnis, so doch immerhin einige, durch die Anschauung

von Erzeugnissen der oberitalienischen Renaissance gewonnene Kenntnis

von der Baukunst des Altertums. Wohl das hübscheste Beispiel von seinen

Versuchen, dasjenige, was er sich in dieser Beziehung angeeignet

hatte, selbständig zu verwerten, finden wir in einer Zeichnung vom

Jahre 1509, die im Baseler Museum aufbewahrt wird. Es ist eine mit

Wasserfarben leicht bemalte Federzeichnung, die in einer Komposition

voll Reiz und Anmut die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde zeigt,

die dem Spiel kleiner Engelskinder lauschen, während hinter ihnen der

Nährvater Joseph arbeitsmüde am Tisch eingeschlafen ist; über der

wunderlieblichen Gruppe wölbt sich eine offene Halle, deren reiche

Formen den größten Teil des Bildes einnehmen. Hier hat Dürer mit

sichtlicher Lust und mit feinem Schönheitsgefühl eine Architektur nach

antiker Art, mit korinthischen Säulen und kassettiertem Tonnengewölbe,

entworfen (Abb. 57).

Im Jahre der Vollendung des Dreifaltigkeitsbildes gab Dürer seine „drei

großen Bücher“ als ein zusammenhängendes Werk heraus: nämlich die

inzwischen fertig gewordenen Folgen des Marienlebens und der Passion

und eine neue, um ein Titelbild vermehrte Auflage der Apokalypse.

[Illustration: Abb. 59. +Titelbild zu dem Holzschnittwerk „Das

Marienleben“+ (1510).]

[Illustration: Abb. 60. Aus dem Holzschnittwerk „Das Marienleben“:

+Marias Tod+ (1510).]

[Illustration: Abb. 61. Aus dem Holzschnittwerk „Das Marienleben“:

+Die Aufnahme Marias in den Himmel+ (1510).]

An der Spitze dieses großen Holzschnittwerkes steht das neugezeichnete

Titelbild zum Marienleben. In diesem reizvollen Bild, das, um Platz

für den Titel zu lassen, nur einen Teil der Blattseite ausfüllt,

sehen wir die Jungfrau Maria mit dem Kinde an der Brust zugleich als

das Weib der Apokalypse dargestellt: mit dem Mond unter den Füßen,

von der Sonne umgeben und mit einer Krone von zwölf Sternen über dem

Haupt. Es ist wunderbar, wie Dürer es verstanden hat, mit schwarzen

Strichen den Eindruck von strahlendem Licht hervorzubringen (Abb.

59). Dem Titel folgen die vorher genannten sechzehn Bilder. An diese

reihen sich zwei herrliche, im Jahre 1510 hinzugefügte Blätter, aus

denen man, wenn man sie mit den früheren vergleicht, deutlich sieht,

wie Dürer sich in der Zwischenzeit vervollkommnet hatte. Das erste der

beiden führt uns in das Sterbegemach Marias. Man fühlt die feierliche

Stille, das Dämpfen der Schritte und der Stimmen im Kreise der Apostel,

die das Bett umgeben, auf dem die Mutter Christi mit dem Ausdruck

seligen Friedens auf dem vom Tod verschönten Antlitz eben den letzten

Atemzug gethan hat (Abb. 60). Dann kommt die Aufnahme Marias in

den Himmel in einer Darstellung, welche im allgemeinen der Anordnung

dem Hellerschen Altarbild ähnlich, in allen Einzelheiten aber wieder

in neuer Weise erdacht ist. Unten sind um den Steinsarg, der den

Körper Marias bergen sollte, die Apostel versammelt und blicken voll

Staunen über das Unbegreifliche zum Himmel empor. Dort oben kniet im

strahlendurchfluteten Lichtraum über Wolken und Regenbogen die dem

Grab Entrückte in verklärter und verjüngter Gestalt und empfängt von

dem dreifaltigen Gott die Himmelskrone (Abb. 61). Darauf folgt noch

ein überaus liebenswürdiges Schlußblatt, das der Art seiner Zeichnung

nach bereits vor der venezianischen Reise entstanden sein muß und

gleichsam ein Nachwort zu der Erzählung von „Unserer Lieben Frauen

Leben“ bildet. Da sitzt Maria als Himmelskönigin, mit dem Jesuskind auf

dem Schoß, von Engeln und Heiligen verehrt; aber sie sitzt nicht auf

einem Himmelsthron, sondern in einem traulichen irdischen Gemach, den

Sterblichen zugänglich als holde Fürbitterin.

[Illustration: Abb. 62. Aus dem Holzschnittwerk „Die kleine Passion“:

+Christus als Gärtner+ (1509-1510).]

Auf dem Titelblatt, welches Dürer zur Passion zeichnete, nachdem

er sich zur Veröffentlichung dieses so lange zur Seite geschobenen

Werkes entschlossen hatte, erscheint Christus als „Schmerzensmann,“

das heißt in einer in der Spätzeit des Mittelalters aufgekommenen

Darstellung, welche das ganze Leiden des Heilandes zusammenfassend

zeigt: entblößt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt, verspottet, an Händen

und Füßen mit Nägeln durchbohrt, dem Grabe verfallen, so heftet der

Heiland einen Blick voll tiefen Schmerzes auf den Beschauer (Abb. 63).

In der Passion ist der Unterschied zwischen den älteren Kompositionen

und den mit der Jahreszahl 1510 bezeichneten vier neuen, bei denen

auch die Schnittausführung gut gelungen ist, sehr groß. Eines dieser

Blätter bildet den Anfang der Bilderfolge: das letzte Abendmahl. Das

Wort: „Einer unter euch wird mich verraten“ versetzt die Apostel in

Aufregung; Judas kriecht in sich zusammen, versteckt seinen Geldbeutel

und thut, als ob ihn dieses Wort am wenigsten berühre. Das nächste der

Blätter von 1510 führt in einem Bilde voll leidenschaftlich bewegten

Lebens die Gefangennahme Jesu vor. Noch haften Hand und Lippen des

Verräters am Haupte des Verratenen, und schon ist dieser mit Stricken

gefesselt, und die wilde, lärmende Rotte schickt sich an, das Opfer

fortzuzerren, das in diesem schrecklichen Augenblick, wo die Erfüllung

des Leidensgeschickes zur Thatsache wird, einen hilfeflehenden Blick

menschlichen Entsetzens zum Himmel sendet. So begreiflich wie nutzlos

erscheint der grimme Zorn des Petrus, der das Schwert über dem mit

Ungestüm zu Boden geschleuderten Knecht Malchus schwingt (Abb.

64). Die beiden anderen neuen Kompositionen bilden den Schluß der

Passion: Christi Hinabfahrt zur Hölle und Auferstehung. Mit gewaltiger

Dichterkraft führt uns der Zeichner in die Vorhölle, wo Christus unter

dem ohnmächtigen Toben greulicher Teufelsgestalten die Seelen der Väter

aus einem tiefen Verließ hervorholt; hinter den Befreiten sieht man das

offene Thor der Hölle, das dem Blick nichts weiter enthüllt als ein

grenzenloses schwelendes Flammenmeer, dessen ausstrahlende Glut die

Siegesfahne des Erlösers emporwehen macht. Nicht minder großartig ist

das Auferstehungsbild. Eine starke Wache von Bewaffneten umgibt das

Grab. Einige von ihnen schlafen, ein alter Kriegsmann schüttelt unsanft

einen der Pflichtvergessenen; einer erwacht eben und öffnet gähnend

die Augen, er sieht, ohne noch zu begreifen; andere aber erkennen das

Wunder, das sich vollzieht. Über dem geschlossenen Steindeckel der

Gruft, an der man das von der Obrigkeit angelegte Siegel unverletzt

sieht, schwebt der Heiland empor, von einer Wolke aufgenommen und von

Cherubimscharen begrüßt. Er hebt das von dem dreiteiligen Lichtschein

der Gottheit umstrahlte Antlitz zum Himmel empor, in der Linken hält er

die Siegesfahne, mit der Rechten segnet er die durch das vollbrachte

Leidenswerk erlöste Welt (Abb. 65).

[Illustration: Abb. 63. +Der Schmerzensmann.+ Titelbild zu dem

Holzschnittwerk „Die große Passion“.]

[Illustration: Abb. 64. Aus dem Holzschnittwerk „Das Leiden Jesu

Christi (Große Passion)“: +Die Gefangennahme Christi+ (1510).]

[Illustration: Abb. 65. Aus dem Holzschnittwerk „Die große Passion“:

+Die Auferstehung+ (1510).]

Die Zeichnung, welche Dürer der Apokalypse als Titelbild hinzufügte,

stellt den Evangelisten Johannes dar, dem die Mutter Gottes als das mit

der Sonne bekleidete Weib der Offenbarung erscheint.

Es ist bemerkenswert, daß Dürer für den Druck des Textes zum

Marienleben und zur Passion -- es waren lateinische Verse, welche

der ihm befreundete Benediktiner Chelidonius verfaßt hatte -- die

neu aufgekommenen Schriftzeichen der Renaissance, die von den

italienischen Druckern der alten römischen Schrift nachgebildeten

sogenannten lateinischen Buchstaben, verwendete. Für den Text zur

Apokalypse behielt er die spätgotischen Lettern der ersten Ausgabe bei.

In dem nämlichen Jahre 1511 gab Dürer ein kleines Buch heraus,

welches eine bildliche Schilderung des Leidens Christi in wieder

anderer Auffassung, von Gedichten des Chelidonius begleitet, enthält.

Auch dieses Buch trägt den Titel Passion („+Passio Christi+“),

und es ist von jeher gebräuchlich, seine Bilderfolge und diejenige

des großen Buches durch die Bezeichnungen „die Kleine Passion“ und

„die Große Passion“ zu unterscheiden. Die Kleine Passion besteht

aus siebenunddreißig Holzschnitten: einer Titelzeichnung, welche

Christus als Schmerzensmann auf einem Stein sitzend darstellt, und

sechsunddreißig Blättern in dem kleinen Format von ungefähr 9½ zu

12½ Centimetern, welche in Kompositionen von meistens nur wenigen

Figuren das Erlösungswerk mit Ausführlichkeit und in einer mehr

volkstümlichen Weise erzählen. Die sämtlichen Bildchen, von denen

einige mit der Jahreszahl 1509, andere mit 1510 bezeichnet sind,

scheinen schnell hintereinander gezeichnet zu sein. Die Erzählung

beginnt mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies, als

der Vorbedingung der Erlösung. Nachdem die Menschwerdung des Erlösers

durch die Verkündigung und die Geburt verbildlicht worden ist, bildet

der Abschied Jesu von seiner Mutter die Einleitung zu den Ereignissen

der mit dem Einzug in Jerusalem beginnenden Leidenswoche. Vor und nach

dem letzten Abendmahl sind die Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel

und die Fußwaschung eingefügt. Das Gebet am Ölberg, wo Christus im

Seelenkampf die vor die Stirn gehobenen Hände zusammenpreßt, überbietet

an Größe und ergreifender Tiefe der Auffassung das entsprechende Bild

der Großen Passion. Die Begebenheiten zwischen der Gefangennahme

und der Verurteilung werden in allen Einzelheiten geschildert, von

der Vorführung vor Annas bis zur Händewaschung des Pilatus. Auf die

Kreuztragung folgt Veronika, die mit dem Abdruck von Christi Antlitz

auf dem Schweißtuch zwischen Petrus und Paulus dasteht, als besonderes

Bild. Wir sehen, wie Christus an das Kreuz angenagelt wird, und wie

er am Kreuze die letzten Worte spricht; dann wie er in die Unterwelt

hinabsteigt; wie sein Leichnam vom Kreuze abgenommen, dann am Fuße

des Kreuzes beweint und darauf in das Grab gelegt wird. Auf die

Auferstehung folgt die Erscheinung des Auferstandenen vor seiner

Mutter, vor Maria Magdalena -- ein Bild von hochpoetischer Stimmung

(Abb. 62) --, vor den Jüngern zu Emmaus und vor Thomas. Darauf folgt

die Himmelfahrt, bei der das Entschwinden Christi in befremdlicher,

aber wirksamer Weise dadurch veranschaulicht ist, daß man nur noch

seine Füße sieht. Die Herabkunft des heiligen Geistes und die

Wiederkehr Christi am Jüngsten Tage bilden den Schluß.

Nichts spricht mehr für die Unerschöpflichkeit von Dürers

Gestaltungsvermögen, als die Thatsache, daß er sich zu derselben Zeit

mit der Ausarbeitung einer Folge von Kupferstichen beschäftigte, welche

gleichfalls das Leiden des Heilandes, in abermals anders ersonnenen

Darstellungen, behandelte.

Neben den vier Büchern brachte Dürer eine ganze Anzahl von einzelnen

Holzschnittblättern auf den Markt. Im Jahre 1510 veröffentlichte er

auch einige Holzschnitte mit längerem Text in Reimen, den er selbst

verfaßt hatte und durch Hinzufügung des Monogramms als sein geistiges

Eigentum kennzeichnete; er gab darin Lebensregeln, Ermahnungen zur

Vorbereitung auf den Tod und Betrachtungen über das Leiden Christi.

Die Jahreszahl 1511 findet sich auf mehreren Einzelholzschnitten von

besonderer Schönheit. Da ist vor allem das große Blatt „die heilige

Dreifaltigkeit“ -- eine Nebenfrucht des Landauerschen Altargemäldes --,

ein erhabenes Bild von wunderbar überirdischer Stimmung. „So sehr hat

Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab“, ist

der Inhalt der Darstellung. Über den Wolken, in denen die Winde nach

den vier Richtungen blasen, thront Gott Vater im endlosen Raum, den die

von der Gottheit ausgehenden Lichtstrahlen erfüllen. Er hält den Sohn

in der Gestalt des gemarterten und getöteten Dulders auf dem Schoße,

und ein Beben des Schmerzes geht durch die Engelscharen, in denen die

Zeichen von Christi Marter und Tod getragen werden (Abb. 67). -- Das

Blatt ist ein Meisterwerk der Formschneidekunst, es bringt jeden

Strich des Zeichners klar zur Geltung. Dürer hatte die Kräfte, deren er

sich zum Schnitt seiner Holzzeichnungen bediente, jetzt so geschult,

daß er ihnen Aufgaben anvertrauen konnte, die, wie dieses Blatt, die

volle Wirkung und die Linienfeinheit eines Kupferstiches erreichten.

[Illustration: Abb. 66. +Die Anbetung der heiligen Dreifaltigkeit

durch alle Heiligen.+ Altargemälde von 1511. In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Ein anderer großer Holzschnitt aus demselben Jahre, „die Messe des

heiligen Gregor“, gehört ebenfalls zu den großartigsten Erzeugnissen

von Dürers dichterischer Gestaltungskraft. Da sehen wir, wie vor

den Augen des messelesenden Papstes Gregor der Altaraufsatz zum

Sarge wird, aus dem der Schmerzensmann emporsteigt, umgeben von den

Marterwerkzeugen und den übrigen bekannten Wahrzeichen seines Leidens;

wehklagende Engel verneigen sich vor der rührenden Gestalt, die mit

einem Blick unsäglicher Bekümmernis den Zweifler anschaut. Dahinter

verschwimmt alles in dunklem Nebel, der sich wie ein Schleier vor die

ministrierenden Bischöfe legt, sich zu dichten Wolkenmassen ballt und

mit dem Weihrauchdampf zusammenfließt. Es ist wunderbar, mit welcher

Vollkommenheit hier das Traumhafte einer Erscheinung zur Anschauung

gebracht ist: mit greifbarer Körperlichkeit steht das Gesicht vor

dem Schauenden da, aber im nächsten Augenblick wird es verschwinden,

der Nebel wird zerrinnen, und der Begnadete und Bekehrte wird nichts

anderes erblicken, als seine unbeteiligte reale Umgebung (Abb. 68).

[Illustration: Abb. 67. +Die heilige Dreifaltigkeit.+ Holzschnitt

von 1511.]

[Illustration: Abb. 68. +Die wunderbare Messe des heiligen

Gregor.+ Holzschnitt aus dem Jahre 1511.]

Eine innige Poesie heiligen Erdendaseins erfüllt das Blatt, welches die

heilige Familie umgeben von ihren Verwandten, die sogenannte „heilige

Sippe“ darstellt. Jede dieser Persönlichkeiten ist ein Charakter, und

ein paar Baumstämme und der Rücken eines Hügels zaubern den Eindruck

einer reizvoll behaglichen Landschaftsstimmung hervor (Abb. 69).

[Illustration: Abb. 69. +Die heilige Sippe.+ Holzschnitt von 1511.]

Die Gemälde, welche Dürer zunächst nach der Landauerschen Altartafel

ausführte, erforderten kein so ungeheures Maß von Arbeitskraft, wie der

Meister sie bei seiner feinen und gewissenhaften Art der Ausführung auf

die Altarbilder der letzten Jahre verwendet hatte. Es sind Werke von

großem Maßstab bei erheblich geringerem Umfang. Die Gemäldesammlung

im Wiener Hofmuseum besitzt ein liebenswürdiges kleines Marienbild

vom Jahre 1512, das nach einer angeschnittenen Birne, welche das

auf den Händen Marias liegende nackte Jesuskind im Händchen hält,

benannt zu werden pflegt (Abb. 70). Dürers italienische Zeitgenossen

haben in ihren Madonnen ein Maß von sinnlicher Schönheit, in deren

Vollkommenheit sie, gleich wie die Künstler des klassischen Altertums,

das Ausdrucksmittel für geistige Vollkommenheit sahen, zur Anschauung

gebracht, das über dasjenige, was der deutsche Meister in dieser

Hinsicht zu schaffen vermochte, sehr weit hinausgeht. Aber keiner von

ihnen reicht an diesen heran in Bezug auf die Verbildlichung heiligster

Jungfräulichkeit. Keine Formenschönheit vermöchte so nachhaltig

auf den Beschauer zu wirken, wie der unfaßbare Zauber vollkommener

Herzensreinheit, der über dem süßen Mädchengesicht dieser Dürerschen

Madonna schwebt.

[Illustration: Abb. 70. +Madonna mit der angeschnittenen Birne.+

Ölgemälde von 1512, in der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Ferner malte Dürer im Jahre 1512 im Auftrage seiner Vaterstadt, die ihn

1509 durch Ernennung zum Ratsmitgliede geehrt hatte, zwei lebensgroße

Kaiserbilder zum Schmucke der „Heiltumskammer“, eines zur Aufbewahrung

der Reichskleinodien bestimmten Gemaches. Die darzustellenden Kaiser

waren Karl der Große als der Gründer des Kaisertums und Sigismund als

derjenige, welcher der getreuen Stadt Nürnberg das „Heiltum“ anvertraut

hatte. Für diesen benutzte Dürer ein älteres Bildnis; in seinem

Karl dem Großen schuf er das Idealbild des gewaltigen Herrschers,

das seitdem in der Vorstellung des deutschen Volkes lebt (Abb. 71).

Ziemlich stark übermalt, befinden sich diese Gemälde, von denen sich

die Stadt niemals getrennt hat, jetzt im Germanischen Museum.

Danach ließ Dürer mehrere Jahre hindurch das Ölmalen fast vollständig

ruhen. In wie verhältnismäßig kurzer Zeit er auch die aufs

sorgfältigste vorbereiteten und bis ins kleinste durchgearbeiteten

Gemälde entstehen ließ, ihm selbst ging „das fleißige Kläubeln“, wie

er schon 1509 in einem Briefe an Heller klagte, nicht rasch genug von

statten; er wollte lieber „seines Stechens warten“.

[Illustration: Abb. 71. +Karl der Große.+

Dürer(#55740) · 第 13 / 20 题