Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.]

[Illustration: Abb. 26. +Flügelbild vom Paumgärtnerschen Altar+

(mutmaßliches Bildnis des Lukas Paumgärtner) in der königl. Pinakothek

zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 27. +Flügelbild vom Paumgärtnerschen Altar+

(mutmaßliches Bildnis des Stephan Paumgärtner) in der königl.

Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 28. +Die drei Bauern.+ Kupferstich.]

[Illustration: Abb. 29. +Landsknecht mit der Fahne Kaiser

Maximilians.+ Kupferstich.]

Es ist nicht allein die vorher nie dagewesene und nachher nie

übertroffene Größe und Kühnheit der Erfindung, was Dürers Zeichnungen

zur Apokalypse ihre große Bedeutung gibt. Zu dem künstlerischen Wert

dieser Blätter kommt die besondere kunstgeschichtliche Stellung,

die sie einnehmen. Sie bezeichnen den wichtigsten Wendepunkt in der

Geschichte des Holzschnittes. Bisher mußten die Holzschnitte bemalt

werden, um für fertige Bilder gelten zu können. Dürer machte seine

für den Schnitt bestimmten Zeichnungen so, daß es keiner derartigen

Ergänzung bedurfte; er war der erste, der durch Anbringen geschlossener

Strichlagen Gegensätze von Hell und Dunkel, Licht und Schatten in

die Holzzeichnungen brachte und durch dieses bis zu einem gewissen

Grade „farbige“ Zeichnen eine malerische Wirkung erreichte, welche

die Zuhilfenahme von Farben überflüssig machte. Die Anforderungen an

die ausführenden Formschneider, welche mit dem Messer seinen Strichen

folgen mußten, so daß die Striche erhaben über dem vertieften Grund der

Platte stehen blieben, wurden dadurch allerdings gewaltig gesteigert.

Aber durch das gewählte sehr große Format und durch die ausdrucksvolle

Bestimmtheit seines Striches half Dürer den Formschneidern die

Schwierigkeiten der Aufgabe, die er ihnen stellte, überwinden.

Zweifellos hat er die Schnittausführung persönlich sehr aufmerksam

überwacht. Im allgemeinen muß man sagen, daß die Bilder zur Apokalypse

dafür, daß die Formschneider niemals zuvor Gelegenheit gehabt hatten,

so hohen künstlerischen Ansprüchen gegenüber ihre Geschicklichkeit zu

erproben, recht gut geschnitten sind; in den feineren Teilen, besonders

Gesichtern und Händen, hat das Schneidemesser freilich noch oft genug

den Strich des Meisters verunstaltet.

[Illustration: Abb. 30. +Die Kreuzigung.+ Mit Weiß gehöhte

Zeichnung auf getöntem Papier, vom Jahre 1502. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 31. +Das Wappen des Todes.+ Kupferstich vom

Jahre 1503.]

Die gleiche Aufmerksamkeit wie dem Holzschnitt wandte Dürer dem

Kupferstich zu. Wann er angefangen hat, sich mit diesem Kunstverfahren

zu beschäftigen, wissen wir nicht. Vielleicht hatte er dazu schon

bei seinem Vater die Anregung empfangen; in Goldschmiedewerkstätten

war ja die Kupferstecherkunst geboren worden. Die Überlieferung,

daß er auch hierin von Wolgemut unterrichtet worden sei, leidet

an Unwahrscheinlichkeit, da eine kupferstecherische Thätigkeit

Wolgemuts nicht erwiesen ist. Es gibt unter Dürers frühesten, noch mit

schüchterner Hand ausgeführten Kupferstichen einige, welche mehr oder

weniger genau mit Stichen einer geübteren Hand, die mit einem +W+

gezeichnet sind, übereinstimmen. Das +W+ ist auf Wolgemut gedeutet

worden, und man hat geglaubt, Dürer habe, als er seine ersten Versuche

in der Grabstichelarbeit machte, zu seiner Übung Werke des älteren

Meisters nachgestochen. Aber die Annahme, daß das +W+ Wolgemut

bedeute, ist mit den gewichtigsten Gründen zurückgewiesen worden; und

für den unbefangenen Beschauer spricht aus den fraglichen Blättern so

deutlich Dürers Geist, daß man ihn für den Erfinder und jenen Meister

+W+, wer es auch sein mag, für den Nachstecher halten muß. Zu

diesen Stichen gehört das in Abbildung 9 wiedergegebene Marienbild,

das wegen des darauf befindlichen Affen -- einer müßigen Beigabe, wie

sie die Künstler jener Zeit gern anbrachten, um die Vielseitigkeit

ihrer Geschicklichkeit zu zeigen, -- die Bezeichnung „Madonna mit der

Meerkatze“ führt. Die Ungeübtheit im technischen Verfahren verrät sich

hier an manchen Stellen. Aber über dem Ganzen liegt eine Stimmung von

echt Dürerscher Poesie. Wir empfinden in dieser Landschaft die Luft

eines kühlen deutschen Sommerabends; Wolken steigen geballt empor,

aber der Wind, der die Köpfe der alten Weiden beugt, vertreibt sie

wieder. Es geht ein fröstelnder Schauer durch die Natur, und in leiser

Schwermut schweifen die Gedanken. Mit stillem, ahnungsvollen Leid

betrachtet die junge Mutter ihr Kind, das sorglos mit einem Vogel

spielt. Zu der Landschaft, die diesem Blatte die Stimmung, in der

sein künstlerischer Wert liegt, gibt, hat Dürer eine noch vorhandene

Naturaufnahme aus der Umgegend von Nürnberg benutzt. Dieselbe

befindet sich im Britischen Museum zu London und trägt von Dürers

Hand die Aufschrift „Weier-Haus“. Es ist einer jener mit Wasserfarben

gemalten Ausschnitte aus der landschaftlichen Wirklichkeit. -- In der

realistischen Umgebung liegt auch der besondere, uns heute wieder

so unmittelbar ansprechende Reiz des gleichfalls zu Dürers frühen

Kupferstichen gehörigen Blattes: „Der verlorene Sohn“. Unregelmäßige,

teilweise verwahrloste Bauernhäuser und Stallungen, feuchter Erdboden,

ein Misthaufen, in dem ein Hahn herumpickt: das ist der Schauplatz, in

dessen Poesielosigkeit gerade die ergreifende Poesie der Darstellung

liegt. In dem Schmutze dieses Hofes ist bei den Schweinen und

Ferkeln, die sich um den Futtertrog drängen, ein verkommener Mensch

niedergekniet und preßt in heißem Gebet die Finger ineinander, zu

reuiger Umkehr entschlossen. Gewiß bleibt der Blick manchen Beschauers

zuerst an der ungeschickten Zeichnung des schurzartig umgebundenen

Kittels hängen, unter dessen Falten der Zusammenhang zwischen Rumpf und

Beinen der Figur verloren geht; aber man sehe sich statt dessen den

Kopf und die Hände an, mit welcher Zerknirschung und welcher Inbrunst

dieser Mensch betet! (Abb. 10).

[Illustration: Abb. 32. +Adam und Eva.+ Tuschzeichnung aus dem

Jahre 1504. In der Albertina zu Wien.]

[Illustration: Abb. 33. +Adam und Eva.+ Kupferstich von 1504.]

[Illustration: Abb. 34. +Die Anbetung der heiligen drei Könige.+

Ölgemälde vom Jahre 1504, in der Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

„Ein guter Maler,“ schrieb Dürer einmal, „ist inwendig voller

Figuren, und wenn’s möglich wäre, daß er ewiglich lebte, so hätte

er aus den inneren Ideen allzeit etwas Neues durch die Werke

auszugießen.“ Holzschnitt und Kupferstich gaben ihm Gelegenheit,

aus der Fülle der Ideen mehr auszugießen, als in durchgeführten

Gemälden möglich gewesen wäre. Mehr noch als der Holzschnitt, bei

dem immerhin in der Rücksichtnahme auf die Volkstümlichkeit der

Darstellung eine Beschränkung lag, gestattete ihm der Kupferstich,

seinen künstlerischen Einfällen zu folgen und Gegenstände zu

bearbeiten, die ihm nicht gewichtig genug erschienen als Vorwürfe

für Bilder, oder die ihrer Natur nach die immer mit einer gewissen

Stofflichkeit behaftete Ausführung in Malerei nicht zuließen, oder

die sich nach den allgemeinen Anschauungen der Zeit nicht zu Gemälden

eigneten. Denselben Meister, der in den apokalyptischen Bildern das

Erhabenste und Übernatürlichste so eindringlich zu schildern wußte,

sehen wir gelegentlich in das volle Menschenleben hineingreifen und

die alltäglichsten Dinge künstlerisch wiedergeben. Dürer hat eine

Anzahl echter Genrebilder und genrehafter Gruppen oder Einzelfiguren

veröffentlicht, voll von schlagender Lebenswahrheit, bisweilen von

köstlichem Humor (Abb. 28 und 29). Auch Stiche mythologischen,

sinnbildlichen und phantastischen Inhalts gab er neben seinen

zahlreichen religiösen Blättern heraus.

[Illustration: Abb. 35. +Johannes der Täufer.+ Flügelbild eines

unvollendet gebliebenen Altarwerkes, von 1504. In der Kunsthalle zu

Bremen.]

Wie den Holzschnitt, so brachte Dürer auch den Kupferstich zu

malerischer Wirkung, und zwar, da hier die Ausführung eine eigenhändige

war, in viel weiter gehendem Maße. In seinen frühen Stichen ging

die Helldunkelwirkung nicht wesentlich über dasjenige hinaus, was

die zur Heraushebung der Formen erforderliche Schattierung von

selbst mit sich brachte. Das war die Art und Weise, wie damals

allgemein in Kupfer gestochen wurde. Dürer aber stellte in dem Maße,

wie seine Geschicklichkeit mit der Übung zunahm, immer größere

Anforderungen an sich selbst in der Handhabung des Grabstichels, und

bald beherrschte er dieses Werkzeug so, daß er damit die kräftigsten

wie die zartesten Töne hervorrufen konnte. Während er durch seine

kräftigen Holzschnittzeichnungen seinen Namen den breitesten

Volksmassen bekannt machte, wurde er durch seine feinen Kupferstiche

zum Liebhaber der Kunstfreunde und Sammler. -- Das Meisterwerk von

Dürers Grabstichelarbeit aus dieser Zeit seines Heranreifens -- eine

der vollendetsten technischen Leistungen der Kupferstecherkunst

überhaupt -- ist „das Wappen des Todes“ von 1503, zugleich ein Muster

heraldischer Formengebung und in seiner düsteren Stimmung ein Erzeugnis

echtester künstlerischer Empfindung (Abb. 31). -- Der erste in hellen

und dunklen Massen zu voller malerischen Bildwirkung durchgeführte

Kupferstich erschien im Jahre 1504, eine Darstellung von Adam und Eva.

Eine schöne Vorzeichnung zu diesem Stich, die sich in der Albertina zu

Wien befindet, zeigt die beiden Figuren auf ganz schwarzem Hintergrunde

(Abb. 32). In dem ausgeführten Stich aber hat Dürer eine reichere und

natürlichere Wirkung erzielt durch die dunkelen Massen der schattigen

Paradieseslandschaft (Abb. 33). Noch in anderer Beziehung ist dieses

Blatt ein Markstein in der Geschichte der deutschen Kunst. Dürer hat

sich ehrlich bemüht, die natürliche Schönheit der Menschengestalt zur

Geltung zu bringen, und man darf nicht verkennen, wie viel er hier

als erster, der sich auf keinen Vorgänger stützen konnte, da man vor

ihm den nackten Menschen als etwas Unschönes darzustellen pflegte, in

dieser Hinsicht erreicht hat. In wohlberechtigtem Selbstgefühl brachte

er auf dem Stich statt des bloßen Monogramms ein Inschrifttäfelchen

an, durch das er in der damaligen Weltsprache der Gelehrten, auf

lateinisch, mitteilte, daß Albrecht Dürer aus Nürnberg diese Arbeit

gemacht habe. Man muß freilich annehmen, daß bei der Bildung der

Gestalten von Adam und Eva dem Meister die Anschauung italienischer

Werke anregend und behilflich gewesen ist. Eben die Kupferstecherkunst

war es, welche durch ihre leichtbeweglichen Erzeugnisse die Kenntnis

von der italienischen Kunst auch diesseits der Alpen verbreitete.

Besonders waren es die Stiche des Mantuaners Mantegna, die auf Dürer

großen Eindruck machten, so daß sie ihn gelegentlich sogar zur

Nachbildung reizten.

[Illustration: Abb. 36. +Die Kreuzabnahme.+ Federzeichnung.

Entwurf zu der Darstellung des nämlichen Gegenstandes in der „Grünen

Passion“. In der Sammlung der Uffizien zu Florenz.]

Die Thätigkeit Dürers als Maler wurde inzwischen wieder durch den

Kurfürsten von Sachsen in Anspruch genommen. Die Jahreszahl 1502

auf einer im Museum zu Basel befindlichen Zeichnung, welche die

Kreuzigung Christi in einer an Figuren überreichen Komposition

darstellt (Abb. 30), bestimmt die Entstehungszeit eines für diesen

Fürsten angefertigten Altarwerkes, welches sich jetzt im Schloß

des Fürst-Erzbischofs von Wien zu St. Veit bei Wien befindet. Die

Mitteltafel dieses Werkes zeigt die Kreuzigung in fast ganz genauer

Übereinstimmung mit der Baseler Zeichnung. Die Flügel, welche infolge

des Hochformates des durch sie zu verschließenden Mittelbildes sehr

schmal sind, enthalten die Kreuztragung und die Erscheinung des

Auferstandenen vor Maria Magdalena; dabei ist hier durch die schöne

baumreiche Landschaft, dort durch das Stadtthor und die verkürzt

gesehene Stadtmauer das unbequeme Format sehr glücklich ausgenutzt.

Außen enthalten die Flügel die großen Gestalten des heiligen Sebastian

und des heiligen Rochus. Die Ausführung dieses Altargemäldes hat

Dürer den Händen von Gehilfen überlassen. Dagegen malte er im

Jahre 1504 eine vom Kurfürsten von Sachsen für die Schloßkirche zu

Wittenberg bestellte Altartafel, die Anbetung der heiligen drei

Könige darstellend, ganz mit eigener Hand. Dieses wunderbare Gemälde,

das jetzt in dem Kranze auserlesener Meisterwerke prangt, den die

sogenannte Tribuna der Uffiziengalerie zu Florenz umschließt, läßt bei

dem vorzüglichen Zustand seiner Erhaltung den ganzen ursprünglichen

Reiz der Farbengebung und die bis auf die kleinsten Einzelheiten

sich erstreckende liebevolle Sorgfalt der Meisterhand erkennen und

bewundern. Wer deutsch empfindet, den wird es von all den herrlichen

Schöpfungen der Antike und der italienischen Renaissance, die

hier in einem Raume vereinigt sind, immer wieder hinziehen zu dem

wunderlieblichen Bilde dieser deutschen Madonna, die in unbefangener

Würde und voll stillen Mutterglückes zusieht, wie dem nackten

Knäblein aus ihrem Schoß von fremden Fürsten ehrerbietige Huldigungen

dargebracht werden (Abb. 34).

[Illustration: Abb. 37. +Die Kreuzigung.+ Zeichnung von 1504 (aus

der „Grünen Passion“), in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 38. +Die Grablegung.+ Zeichnung von 1504 (aus

der „Grünen Passion“), in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Aus dem nämlichen Jahre 1504 stammen zwei nicht ganz fertig gewordene

Altarflügel in der Kunsthalle zu Bremen, welche den Einsiedler

Onuphrius und Johannes den Täufer (Abb. 35) in trefflich mit den

Figuren zusammenkomponierten Landschaften zeigen.

Zugleich arbeitete Dürer in dieser Zeit wieder an zwei großen

Holzschnittwerken, von denen das eine die Leidensgeschichte Christi,

das andere das Leben der Jungfrau Maria behandelte. Mit gleich hoher

Meisterschaft schilderte Dürer in diesen Werken, die unter den Namen

„Große Passion“ und „Marienleben“ bekannt sind, die ergreifendsten

tragischen Vorgänge und die reizvoll behaglichsten Familienbilder.

Beide Werke kamen indessen erst später zum Abschluß und zur

Veröffentlichung. Das Bilderwerk über die Leidensgeschichte, dem er ein

ähnlich großes Format gab, wie der Apokalypse, hat er wahrscheinlich

schon bald nach der Vollendung jenes ersten Holzschnittwerkes in

Angriff genommen. Sieben von den Blättern stimmen in der Art und Weise

der Zeichnung ganz mit den Bildern der Apokalypse überein. In tief

ergreifender Auffassung ist da geschildert, wie der Heiland im Gebet am

Ölberg kniet und die Hände wie in einer unwillkürlichen Bewegung der

Abwehr gegen den Leidenskelch vorstreckt, während im Vordergrunde die

Jünger schlafen und in der Ferne schon der Verräter die Gartenpforte

durchschreitet; wie er zur Geißelung an eine Säule gebunden, der

Grausamkeit der wilden Peiniger und dem Hohn der nicht minder rohen

Zuschauer preisgegeben ist; dann wie er, eine bejammernswerte, gebeugte

Gestalt, in Mantel und Dornenkrone von Pilatus dem erbarmungslosen

Volke gezeigt wird. Das großartig erdachte nächste Blatt zeigt den

Erlöser, unter der Last des Kreuzes auf die Kniee niedergesunken, den

Kopf der Veronika zugewendet, die sich anschickt, das blutüberströmte,

schmerzdurchzuckte Antlitz abzutrocknen; der rauhe Kriegsknecht, der

den Dulder an einem um den Gürtel gebundenen Strick führt, hält in

diesem Augenblick mit Zerren inne, aber einer der den Zug begleitenden

Beamten stößt den Zusammengebrochenen unbarmherzig mit seinem Stab

in den Nacken. Dann folgt die Kreuzigung in gedrängter Komposition:

auf der einen Seite des Kreuzes die Mutter Maria ohnmächtig in den

Armen einer der anderen Marien und des Johannes, auf der anderen Seite

der Hauptmann mit einem Begleiter zu Pferde; Engel fangen das Blut

aus den Wunden des Erlösers auf, und Sonne und Mond erscheinen hier

wieder mit schmerzlich teilnehmenden Gesichtern -- wie denn überhaupt

dieses Blatt sich am wenigsten von der überlieferten Darstellungsweise

entfernt. Das nächste Bild schildert die Klage um den vor dem Eingang

des Grabes unter einem dürren Baum niedergelegten heiligen Leichnam;

und daran schließt sich die Darstellung, wie der Körper des Heilandes,

von einem inzwischen größer gewordenen Gefolge begleitet, in die Gruft

getragen wird, während Maria kraftlos in der Unterstützung des Johannes

liegen bleibt. Bewunderungswürdig ist in diesen beiden Bildern, wie

auch in anderen, die Landschaft, deren Linien und Massen wesentlich

mit zur Komposition gehören. -- Leider ist die Schnittausführung der

Passionsbilder weniger gut gelungen als diejenige der Zeichnungen zur

Apokalypse; bei einzelnen hat das Schneidemesser den Strich des

Meisters sichtlich in gar grober Weise entstellt.

[Illustration: Abb. 39. Aus dem Holzschnittwerk „Unser Frauen Leben“

(Das Marienleben): +Die Vermählung von Joseph und Maria+ (1504).]

[Illustration: Abb. 40. Aus dem Holzschnittwerk „Das Marienleben“:

+Rast der heiligen Familie in Ägypten+ (1504-1505).]

[Illustration: Abb. 41. Aus dem Holzschnittwerk „Das Marienleben“:

+Christi Abschied von seiner Mutter+ (1504-1505).]

[Illustration: Abb. 42. +Das Rosenkranzfest.+ Ölgemälde von 1506,

im Prämonstratenserstift Strahow zu Prag.

(Nach einer Aufnahme nach dem beschädigten und stellenweise übermalten

Original.)]

[Illustration: Abb. 43. Alte Kopie von +Dürers Rosenkranzfest+, in

der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.]

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dürer durch die Einbuße, welche

seine Schöpfungen unter der Hand der Holzschneider erlitten, bewogen

wurde, die Leidensgeschichte Christi gleich noch einmal in freien

Zeichnungen, bei denen keine Rücksicht auf das, was dem Formschneider

möglich und was ihm nicht möglich wäre, ihn beengte, zu behandeln.

Im Jahre 1504 zeichnete er die herrliche Folge von zwölf Blättern,

die nach der Farbe des Papiers „die Grüne Passion“ genannt wird (in

der Albertina zu Wien). Die Gegenstände der Folge sind der Judaskuß,

Christus vor Herodes, Christus vor Kaiphas, die Geißelung, die

Dornenkrönung, die Vorstellung vor dem Volk, die Kreuzschleppung,

die Anheftung an das Kreuz, der Kreuzestod, die Kreuzabnahme, die

Grablegung und die Auferstehung. Dürer machte diese Zeichnungen

nicht zum Zwecke der Veröffentlichung, sondern für sich; doch als

etwas in seiner Art Fertiges, dessen Ausführung durch Entwürfe

vorbereitet wurde (Abb. 36). Man möchte glauben, daß er sich selbst

eine Entschädigung geben wollte für die Nichtbefriedigung, die

ihm die Holzschnittkompositionen verursachten. Seine künstlerische

Freiheit ist hier sehr viel größer als dort. Er hat sich mit voller

Künstlerlust in die Aufgabe versenkt, sich die geschichtlichen

Begebenheiten so natürlich wie möglich vorzustellen. Darum bleibt auch

alles Unnatürliche, von der älteren Kunst in sinnbildlicher Bedeutung

Angewendete, wie die Strahlenscheine und die Verkörperung von Sonne

und Mond, weg. Die Naturwahrheit in der Schilderung der Vorgänge, die

mit einer staunenswürdigen Schlichtheit und Einfachheit anschaulich

gemacht werden, hat den Künstler sozusagen von selbst auch zu einer

reineren Natürlichkeit der Form geführt. Unverkennbar ist Dürer bei

der Anfertigung dieser Blätter auch von dem Verlangen nach einer

weitergehenden und feineren malerischen Wirkung, als sie ihm durch

die derben offenen Striche der Holzzeichnung erreichbar war, geleitet

worden. Es ist überraschend, wieviel Farbigkeit des Eindruckes er mit

ganz geringem Aufwand von Mitteln, in Schwarz und Weiß mit dem Pinsel

auf dem getönten Papier zeichnend, erreicht hat. Der sehr glücklich

gewählte grünliche Ton des Papiers spricht selbst mit, indem er

wesentlich beiträgt zu der eigenen, wehmütigen Stimmung der Bilder

(Abb. 37 und 38).

[Illustration: Abb. 44. +Christus am Kreuz.+ Ölgemälde von 1506,

in der königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

Von den Holzschnittbildern, in denen Dürer das Leben der Jungfrau

Maria nach der Legende und den Evangelien schilderte, scheint der

größte Teil in den Jahren 1503 bis 1505 fertig geworden zu sein. Diese

liebenswürdigen Blätter sind auf einen ganz anderen Ton gestimmt als

die Apokalypse und die Passion. Mit richtigem Gefühl hat Dürer hier,

wo die Darstellungen nicht sowohl durch Großartigkeit, als vielmehr

durch innige Poesie wirken wollen, einen kleineren Maßstab gewählt,

und dem entspricht die zartere Zeichnung. Trotz dieser besonderen

Schwierigkeiten für den Formschneider ist die Mehrzahl der Blätter

wieder ganz gut geschnitten. Dürer muß entweder geschicktere und

besser geübte Hände für diese Arbeit gefunden oder aber sich mehr Zeit

genommen haben, die Schnittausführung persönlich zu beaufsichtigen.

Die Bilderdichtung beginnt im Anschluß an die alte Legende von den

Eltern Marias, mit der Darstellung, wie das Opfer, welches Joachim

im Tempel darbringen will, vom Hohenpriester zurückgewiesen wird,

weil die Unfruchtbarkeit seiner zwanzigjährigen Ehe mit Anna als ein

Zeichen gilt, daß Gottes Fluch auf dem Ehepaar laste. Dann erscheint

dem Joachim, der sich im Kummer über diese Schande von seiner Frau

getrennt und in die Einöde zu den Hirten zurückgezogen hat, ein Engel,

der ihm die Geburt einer Tochter vorherverkündet. Ganz prächtig ist

in diesem Bilde die Landschaft: die langgestreckte Halde, auf der

die Schafe weiden, am Saum eines wilden Waldes, mit Ausblick auf das

fern in der Tiefe liegende Meer mit gebirgiger Küste. Der empfangenen

Verheißung zufolge in die Stadt zurückgekehrt, trifft Joachim unter

der Goldenen Pforte des Tempels, die als reicher spätgotischer Rahmen

das Bild einschließt, mit Anna wieder zusammen; während die beiden

sich in herzlicher Umarmung begrüßen, machen die in einiger Entfernung

stehenden Nachbarn -- eine prächtige Gruppe -- ihre Bemerkungen über

die Begegnung, und ein Bettler eilt mit Hast herbei, um die freudig

bewegte Stimmung des Ehepaares für sich auszunützen. Dann blicken

wir in einem köstlichen Bild in die Wochenstube, wo das neugeborene

Kindlein gebadet wird, während eine Dienerin der Mutter Anna die Suppe

an das Bett bringt, an dessen Seite die alte Wärterin eingeschlafen

ist, und Gevatterinnen und Basen mit Bier und Kuchen das Ereignis

feiern. Das ist recht und schlecht ein Nürnberger Sittenbild aus Dürers

Zeit. Nur die schöne Gestalt eines Engels, der in einer Wolke oben im

Gemach schwebt und knieend dem Kindlein aus der Höhe herab huldigt,

belehrt uns, daß dieses Kind, Maria, ein außergewöhnliches Wesen ist.

Das folgende Blatt führt uns in die Vorhalle des Tempels, wo die

Wechsler nicht fehlen, die das Bethaus entweihen. Das heranwachsende

Kind schreitet aus der Schar der anteilnehmenden Verwandten heraus

und betritt die zum Heiligtum führenden Stufen, um sich oben, wo es

von den Priestern erwartet wird, dem Dienste Gottes zu weihen. In der

Architektur des Tempels und seines Vorhofes hat Dürer sich bemüht,

etwas „Antikisches“ -- so nannte man damals dasjenige, was wir heute

als Renaissance bezeichnen -- zu schaffen. Mehr gotisch als antikisch

ist die Kirchenarchitektur auf dem so einfachen und so schönen Bilde,

welches die Trauung der zur Jungfrau herangewachsenen Maria mit

Joseph vor dem Hohenpriester darstellt (Abb. 39). Das nächste Blatt

zeigt Maria, wie sie, in einem weiträumigen Gemach, dessen Decke auf

stattlichen Bogenstellungen ruht, am Betpult sitzend, die Botschaft

des Engels demütig entgegennimmt. Dann folgt wieder ein ganzes

Meisterwerk: die Begrüßung von Maria und Elisabeth vor der Thüre von

Elisabeths Wohnung, auf deren Schwelle Zacharias, den Besuch höflich

grüßend, erscheint. Maria ist über das Gebirge herabgekommen, und

man sieht in der Ferne, hinter dem schattigen Tannen- und Laubwald

des Mittelgrundes, die Bergmasse, die sich in mannigfaltigen Formen

immer höher emportürmt, hell beleuchtet in durchsichtiger Luft; vom

entlegensten und höchsten Gipfel hat ein weißer Wolkenballen sich

losgelöst, der in dem tiefen Ton des sommerlichen Himmels langsam

zerfließt. Man weiß nicht, was man hier mehr bewundern soll, die

prachtvolle landschaftliche Stimmung oder die feinfühlige Beobachtung

der Frauenseele, die in den Figuren sich äußert. Dann sehen wir Maria

in einem zerfallenen Stallgebäude vor dem Knäblein knieen, dem sie

das Dasein gegeben hat; kleine Engel betrachten mit kindlicher Freude

und Neugier den Neugeborenen, und andere Englein lobsingen ihm in

der Luft; von der einen Seite kommt Joseph mit eiligen Schritten mit

einer herbeigeholten Laterne herein -- man sieht, daß er während des

Geheimnisses der Geburt nicht zugegen war --, und durch die andere

Thüre nahen schon die Hirten mit Schalmei und Dudelsack, um das Kind

zu grüßen. Auf dem folgenden Bild wohnen Maria und Joseph der durch

die Priester in einer Art von Kapelle vorgenommenen Beschneidung des

Jesuskindleins bei. Darauf nehmen sie in einem als Stall dienenden

zerfallenen Burggemäuer die Huldigungen entgegen, welche die mit

reisigem Gefolge herbeigekommenen drei königlichen Weisen dem Kinde

darbringen. Weiterhin bringt Maria das Reinigungsopfer in der

fremdartig, aber groß erdachten, in der Tiefe von dämmerigem Dunkel

erfüllten Säulenhalle des Tempels. Dann führt Joseph die mit dem

Kinde auf dem geschirrten Esel sitzende Maria über einen Steg in

endlos ausgedehntem Wald, dem eine naturgetreu gezeichnete Dattelpalme

ein morgenländisches Gepräge gibt; eine lichte Wolke, mit kleinen

Cherubim angefüllt, gleitet über den Flüchtlingen durch die Wipfel

der Bäume. Darauf folgt ein köstlich erfundenes Blatt, welches den

ungestörten friedlichen Aufenthalt der heiligen Familie in Ägypten

verbildlicht. In einer Ortschaft, der man die Weltentlegenheit ansieht,

wo erhaltene und verfallene Gebäulichkeiten aneinander lehnen,

haben die Flüchtlinge Unterkunft gefunden. Da liegen sie im Freien

ihren täglichen Arbeiten ob, unweit der Treppe eines halbzerstörten

verlassenen Hauses, neben der ein Laufbrunnen plätschert. Joseph haut

mit der Axt ein Balkengestell zurecht; Maria sitzt in seliger, stiller

Mutterfreude neben der Wiege und spinnt. Drei große und ein kleiner

Engel umgeben das Kopfende der Wiege; eine Schar von kleinen Engeln

tummelt sich mit kindlicher Geschäftigkeit, um die von Josephs Arbeit

abfallenden Späne aufzuheben und fortzuschaffen; andere bringen,

selber spielend, Spielzeug herbei, um das jetzt schlafende Jesuskind

nach seinem Erwachen zu unterhalten. Hoch vom Himmel blicken Gott

Vater und der heilige Geist herab auf das Idyll, das eines jeden

Beschauers Herz erfreut (Abb. 40). Darauf folgt gleich die Darstellung

der Begebenheit, die zuerst bekundet, daß der Sohn Marias den Kreis

des engen Familienlebens verlassen muß, um seinen Beruf zu erfüllen:

Maria und Joseph finden den zwölfjährigen Jesus im Tempel zwischen den

Schriftgelehrten. Was alles die Mutter an namenlosen Schmerzen erdulden

muß während des Leidens ihres Sohnes, das hat Dürer nur angedeutet in

einem einzigen Blatt von erschütternder Macht des Ausdrucks: Jesus

schickt sich an, den Weg zu betreten, der ihn zu Leiden und Tod

führt. Er hat Abschied genommen und wendet sich noch einmal um und

segnet seine Mutter, die, auf die Kniee niedergesunken und nur durch

die besorgte Unterstützung einer Freundin am Umfallen verhindert, in

ahnungsvoller Seelenqual die Hände ringt, während ihre Blicke sich

festzusaugen scheinen an die Augen des Sohnes (Abb. 41).

[Illustration: Abb. 45. +Studienkopf+ zu dem Bilde:

Der zwölfjährige Jesus unter den Schriftgelehrten.

Dürer(#55740) · 第 12 / 20 题