Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.]

Zwei einzelne Altartafeln, die zwar überwiegend von Schülerhand

ausgeführt, aber als Kompositionen bedeutsame Werke des Meisters sind,

die eine mit der Jahreszahl 1500 bezeichnet, die andere augenscheinlich

zu derselben Zeit entstanden, stellen die Beweinung des Leichnams

Christi dar. Das eine dieser beiden Bilder, in der Münchener Pinakothek

befindlich, führt uns an den Fuß des Kreuzes. Der in ein Leintuch

gebettete heilige Leichnam ist eben auf den Boden gelegt worden; Joseph

von Arimathia hält den Kopf und Oberkörper desselben emporgerichtet,

während Nikodemus, mit einem großen Gefäß Spezereien im Arm, das

Leintuch am Fußende gefaßt hat. Neben Nikodemus steht eine der Marien,

tief eingehüllt in einen dunklen Mantel, mit einem zweiten Salbengefäß.

Die übrigen Frauen haben sich neben dem Toten auf den Boden

niedergelassen; zwischen zwei wehklagenden Matronen ringt die Mutter

Maria in lautlosem Schmerz die Hände; Maria Magdalena hält liebkosend

die schlaffe Rechte des Leichnams gefaßt. Der Jünger Johannes ist

ehrerbietig hinter die Frauen zurückgetreten; er blickt mit gefalteten

Händen zur Seite, ins Leere. In der Ferne sieht man in hellem

Abendlicht unter einer dunklen Wolke die Stadt und Burg von Jerusalem

mit darüber emporsteigendem felsigen Gebirge. Das Bild als Ganzes

fesselt gleich beim ersten Anblick den Beschauer durch die wunderbare

Freiheit und Natürlichkeit der doch so sorgfältig abgewogenen

Komposition, und je länger man dasselbe eingehend betrachtet, um so

ergreifender spricht aus demselben die tiefempfundene Klage (Abb. 24).

Das andere Gemälde ist diesem in der Stimmung sehr ähnlich. Es wurde

im Auftrage der Familie Holzschuher gemalt und befindet sich jetzt im

Germanischen Museum zu Nürnberg. Der Schauplatz des Vorgangs ist hier

vor die Öffnung der Grabeshöhle verlegt; es ist der Augenblick einer

kurzen letzten Rast auf dem Wege von Golgatha, das man in der Ferne

sieht, zur Gruft. Die Stifterfamilie ist nach einem der älteren Kunst

sehr geläufigen, bei Dürer sonst nicht mehr vorkommenden Gebrauch am

unteren Rande des Bildes in ganz kleinen Figuren, welche im Gebete

knieen, abgebildet.

[Illustration: Abb. 16. Aus dem Holzschnittwerk „Die heimliche

Offenbarung Johannis“ (1498): +Johannes vor dem Angesicht Gottes+

(Apok. 1, 12-17).]

[Illustration: Abb. 17. Aus dem Holzschnittwerk „Die heimliche

Offenbarung Johannis“ (1498): +Die vier Reiter+ (Apok. 6, 2-8).]

[Illustration: Abb. 18. Aus dem Holzschnittwerk „Die heimliche

Offenbarung Johannis“ (1498): +Das Blasen der sechsten Posaune+

(Apok. 9, 13-19).]

Die Aufgabe der Malerei begrenzt Dürer im Sinne seiner Zeit

folgendermaßen: „Die Kunst des Malens wird gebraucht im Dienst der

Kirche... behält auch die Gestalt der Menschen nach ihrem Absterben.“

Die Gemälde sollen also entweder Andachtsbilder oder Bildnisse sein.

Doch hat er sich im Jahre 1500 auch einmal auf dem der Kunst des

Nordens bisher fast völlig fremden Gebiete der Mythologie versucht,

mit einer Darstellung des Herkules, der die stymphalischen Vögel

tötet (im Germanischen Museum zu Nürnberg). Dieses mit dünnen Farben

auf Leinwand gemalte Bild ist sehr beachtenswert als ein Zeugnis von

der eingehenden Gewissenhaftigkeit, mit der Dürer den menschlichen

Körper kennen zu lernen sich bemühte. In Bezug auf diese Kenntnis

steht Dürer unendlich hoch über all seinen Vorgängern in Deutschland.

Das beweisen schon die Christuskörper auf den beiden vorerwähnten

Gemälden. Hier aber hat er sich die Aufgabe gestellt, das Spiel der

Muskeln in einer lebhaften Bewegung zu erfassen und wiederzugeben.

Bemerkenswert ist auch die schöne Landschaft mit den großen Linien von

Berg und See; ähnliche Formen mag Dürer wohl auf seiner Wanderschaft

am Südfuß der Alpen gesehen haben (Abb. 23). Viel bedeutender aber als

dieses Bild, das übrigens durch schlechte Behandlung sehr gelitten

hat, sind die Bildnisse, welche Dürer neben seinen Altarwerken in

jener Zeit malte. Ein in das Berliner Museum gelangtes Bild eines

Mannes in reicher Kleidung, mit Temperafarben gemalt, wird mit großer

Wahrscheinlichkeit als das Porträt des Kurfürsten Friedrich (des

Weisen) von Sachsen angesehen. Wenn diese Annahme zutrifft, so würde

es wohl gleichzeitig mit dem Dresdener Altarwerk entstanden sein, und

dieser fürstliche Gönner wäre vielleicht der erste gewesen, der bei

Dürer ein Bildnis bestellte (Abb. 11). Das Bild eines betenden Mädchens

mit prächtigem aufgelösten Goldhaar, über dem auf Stirn und Scheitel

ein ganz dünner, durchsichtiger Schleier liegt, in der Gemäldegalerie

zu Augsburg, gilt für das Porträt einer Tochter der Nürnberger Familie

Fürleger. Dieses holdselige Mädchenbild, das wie eine Naturstudie

zu einer Madonna aussieht, zeigt uns, daß Dürers scharfer Blick für

das Charakteristische auch den Zauber weiblicher Anmut und zarter

Jungfräulichkeit im innersten Wesen zu erfassen wußte (Abb. 13). Ein

aus dem nämlichen Jahre 1497, dem die „Fürlegerin“ angehört, stammendes

Bildnis von Dürers Vater befindet sich im Besitze des Herzogs von

Northumberland; vielleicht ist die schöne Kohlenzeichnung, welche das

Britische Museum bewahrt, als die Vorzeichnung zu demselben anzusehen

(Abb. 14). In Ermangelung von Bildnisaufträgen saß sich Dürer, nachdem

er den Vater gemalt hatte, wieder selbst Modell. Die dunkelblonden

Locken wallten ihm jetzt in reicher Fülle auf die Schultern herab,

in seinen Zügen lag ein über seine Jahre hinausgehender Ernst. So

zeigte er sich in dem im Pradomuseum zu Madrid befindlichen Gemälde,

in schwarz und weißer Kleidung von ausgesuchtem modischen Schnitt, mit

einem fast schwermütig zu nennenden Ausdruck um Mund und Augen. Das

Bild ist mit der Jahreszahl 1498 und den Worten:

„Das malt Ich nach meiner gestalt

Ich war sex und zwanzig Jar alt

Dürer(#55740) · 第 10 / 20 题