H. Knackfuß

+Mit 134 Abbildungen von Gemälden, Holzschnitten,

Kupferstichen und Zeichnungen+

=Fünfte Auflage=

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

+Verlag von Velhagen & Klasing+

1897

Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös

ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis

eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

=Die Verlagshandlung.=

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: Abb. 1. +Die Kreuztragung.+ Skizze Dürers zu einem

Fries, im British Museum zu London.]

Albrecht Dürer.

[Illustration: Abb. 2. +Buchstabe aus einem Albrecht Dürer

zugeschriebenen Holzschnitt-Alphabet.+]

Aus der schönen Knospe, die im XV. Jahrhundert heranwuchs,

entfaltete sich jene prächtige Blüte, welche der deutschen Kunst des

XVI. Jahrhunderts einen der ehrenvollsten Plätze in der gesamten

Kunstgeschichte sichert. Vor den anderen Künsten fand die Malerei

ihre großen Meister in Deutschland. Die Kraft des größten deutschen

Künstlers erwuchs auf dem Boden der gewerbfleißigen Reichsstadt

Nürnberg, in deren Malerwerkstätten alte Handwerksüberlieferungen

mit Gewissenhaftigkeit und Emsigkeit gepflegt wurden. Albrecht Dürer

ward zu Nürnberg am 21. Mai 1471 geboren. Sein Vater war ein aus

Ungarn eingewanderter Goldschmied; derselbe war in seiner Jugend

lange in den Niederlanden „bei den großen Künstlern“ gewesen, war

dann im Jahre 1455 nach Nürnberg gekommen und hatte in der Werkstatt

des Goldschmieds Hieronymus Holper Stellung gefunden; 1467 hatte er

dessen erst fünfzehnjährige Tochter Barbara geheiratet und war im

folgenden Jahre Meister und Bürger von Nürnberg geworden. Der junge

Albrecht, bei dessen Taufe der berühmte Drucker und Buchhändler Anton

Koburger Gevatter stand, wurde für das väterliche Gewerbe bestimmt.

Nachdem er die Schule besucht hatte, lernte er beim Vater das

Goldschmiedehandwerk. Aber seine Lust trug ihn mehr zu der Malerei denn

zu dem Goldschmiedehandwerk; und als er dies dem Vater vorstellte, gab

dieser nach, obschon es ihm leid that um die mit der Goldschmiedelehre

vergeblich verbrachte Zeit. -- Es sind Dürers eigene Aufzeichnungen,

denen wir diese Nachrichten verdanken.

Von Albrecht Dürers früh entwickelter außergewöhnlicher Begabung sind

uns zwei Proben bewahrt geblieben. Die unter dem Namen Albertina

bekannte Sammlung von Kupferstichen und Handzeichnungen im Palast

des Erzherzogs Albrecht zu Wien besitzt ein mit dem Silberstift

gezeichnetes Selbstbildnis des Goldschmiedelehrlings mit der später

eigenhändig hinzugefügten Beischrift: „Das hab ich aus einem Spiegel

nach mir selbst konterfeit im 1484. Jahr, da ich noch ein Kind war.

Albrecht Dürer“ (Abb. 3). Das andere Blatt, welches mit Hinsicht

auf die Jugend seines Urhebers eine nicht minder erstaunliche

Leistung ist als jenes, und das zugleich bekundet, daß auch in

der Goldschmiedewerkstatt ein gediegener Zeichenunterricht erteilt

wurde, befindet sich im Kupferstichkabinett des Berliner Museums;

es ist eine Federzeichnung vom Jahre 1485 und stellt eine thronende

Mutter Gottes zwischen zwei Engeln dar. Da sehen wir Figuren, die,

wie es nicht anders zu erwarten, eine nur unvollkommene Kenntnis

des menschlichen Körpers verraten, und Gewänder, die in angelernter

Formengebung die eckige Scharfbrüchigkeit des Faltenwurfs zeigen,

welche der spätgotischen Kunst Oberdeutschlands eigen war und die nicht

nur mit der Vorliebe der Zeit für leichte Sammetgewebe zusammenhing,

sondern auch mit der tonangebenden Stellung der Holzschnitzerei in der

bildenden Kunst. Zugleich aber zeigt sich in dem Aufbau der Komposition

neben einer liebenswürdigen kindlichen Schlichtheit ein feiner Sinn

für Raumausfüllung und abgewogene Verteilung der Massen, und vor allem

erfreut den Beschauer eine Herzlichkeit und Innigkeit der Empfindung,

die vollkommen künstlerisch ist. Und die zarten und doch schon so

sicheren Striche, mit denen der Knabe gezeichnet hat, lassen die

markige Festigkeit der Hand des Mannes vorausahnen (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 3. +Dürers Selbstbildnis vom Jahre 1484.+

Silberstiftzeichnung in der Albertina zu Wien.

Der Vermerk von Dürers Hand in der oberen rechten Ecke des Bildes

lautet: „Das hab ich aus einem Spiegel nach mir selbst konterfeit im

1484. Jahr, da ich noch ein Kind war. Albrecht Dürer.“

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Am 30. November 1486 kam Albrecht Dürer zu Michael Wolgemut in die

Lehre; auf drei Jahre ward die Zeit bemessen, die er hier „dienen“

sollte. -- Aus dieser Lehrzeit Dürers stammt ein Bildnis seines Vaters,

das in der Uffiziengalerie zu Florenz bewahrt wird (Abb. 5). Schon in

diesem frühen Werk gibt sich der junge Künstler als ein Meister der

Bildnismalerei zu erkennen. Die ernsten, klugen Züge des Mannes auf

dessen frommen Sinn der Rosenkranz in seinen Händen hinweist, sind mit

großer Lebendigkeit und Feinheit aufgefaßt; man sieht, das Bild muß

sprechend ähnlich gewesen sein. Den liebevollen Fleiß, den der junge

Maler auf die Ausführung dieses ersten Bildnisses verwendet hat, kann

man in dem jetzigen Zustande des Gemäldes nur noch ahnen. Denn dasselbe

war sehr schlecht erhalten und ist deswegen einer Überarbeitung

unterworfen worden; dabei hat alles ein derberes Aussehen bekommen, als

es noch vor wenigen Jahren -- vor der Überarbeitung -- der Fall war;

namentlich erscheint das Gesicht durch die Vergröberung der Züge jetzt

älter, als in dem früheren Zustand. Auf diesem Bilde erscheint zum

erstenmal das bekannte Monogramm Albrecht Dürers, welches er zeitlebens

beibehalten hat. Auf die Rückseite der Holztafel hat Dürer ein Wappen

gemalt. Noch stärker durch die Unbilden der Zeit geschädigt, als die

Vorderseite, zeigt diese erste Probe von Dürers heraldischem Geschmack

in ihrem jetzigen übermalten Zustand kaum noch einen Strich von seiner

Hand. Doch bleibt dieselbe sachlich interessant. Es ist ein Ehewappen.

Von den beiden unter einem Helm vereinigten Schilden muß demnach der

linke -- mit einem springenden Widder -- derjenige der mütterlichen

Vorfahren Dürers sein; der rechte Schild, derjenige der Familie Dürer,

zeigt als sogenanntes redendes, das heißt aus dem Namen hergeleitetes

Wappen eine geöffnete Thüre (Abb. 6).

[Illustration: Abb. 4. +Marienbild.+ Federzeichnung von 1485 im

königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.]

Als Albrecht ausgedient hatte, schickte ihn sein Vater auf die

Wanderschaft. Nach Ostern 1490 zog er aus und sah sich vier Jahre

lang in der Welt um. In Kolmar und in Basel ward er von den Brüdern

des kürzlich verstorbenen Martin Schongauer freundlich aufgenommen.

Von dort aus scheint er die Alpen durchwandert zu haben und bis nach

Venedig gekommen zu sein. Unterwegs hielt er manches Landschaftsbild

fest, und zwar bisweilen in sorgfältigster Ausführung mit Wasserfarben.

Dürer war vielleicht der erste Maler, welcher die selbständige

Bedeutung der Landschaft und die Poesie der landschaftlichen Stimmung

erfaßte. Dabei wußte er die Formen und die Farben der Natur mit

unbedingter Treue wiederzugeben. Manche seiner früheren und späteren

Studienblätter aus der Fremde und aus der Heimat sind Landschaftsbilder

im allermodernsten und allerrealistischsten Sinne (Abb. 7).

[Illustration: Abb. 5. +Dürers Vater.+ Gemälde von 1490 in der

Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Neben vielerlei Studien und Entwürfen hat sich aus Dürers Wanderzeit

auch ein sorgfältig in Öl gemaltes Selbstbildnis vom Jahre 1493

erhalten (in der Sammlung Felix zu Leipzig). Goethe hat dasselbe

beschrieben mit den Worten: „Unschätzbar hielt ich Albrecht Dürers

Porträt, von ihm selbst gemalt mit der Jahrzahl 1493, also in seinem

zweiundzwanzigsten Jahre, halbe Lebensgröße, Bruststück, zwei Hände,

die Ellenbogen abgestutzt, purpurrotes Mützchen mit kurzen schmalen

Nesteln, Hals bis unter die Schlüsselbeine bloß, am Hemde gestickter

Obersaum, die Falten der Ärmel mit pfirsichroten Bändern unterbunden,

blaugrauer mit gelben Schnüren verbrämter Überwurf, wie sich ein feiner

Jüngling gar zierlich herausgeputzt hätte, in der Hand bedeutsam ein

blaublühendes Eryngium, im Deutschen Mannestreue genannt, ein ernstes

Jünglingsgesicht, keimende Barthaare um Mund und Kinn, das Ganze

herrlich gezeichnet, reich und unschuldig, harmonisch in seinen Teilen,

von der höchsten Ausführung, vollkommen Dürers würdig, obgleich mit

sehr dünner Farbe gemalt.“ „Mein Sach die geht, wie es oben steht“, ist

mit zierlichen Lettern in den Hintergrund geschrieben (Abb. 8).

Als Dürer nach Pfingsten des Jahres 1494 heimkam, hatte ihm sein

Vater bereits die Braut geworben. Es war Agnes Frey, die Tochter

eines kunstreichen Mannes, der „in allen Dingen erfahren“ war, aus

angesehenem Geschlecht. Schon am 14. Juli desselben Jahres fand die

Hochzeit statt.

[Illustration: Abb. 6. +Ehewappen von Dürers Eltern.+ Auf die

Rückseite des in Abb. 5 wiedergegebenen Bildes gemalt.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Man möchte denken, daß Dürer sich beeilt hätte, die Züge seiner jungen

Gattin, die als schön galt, in einem Bilde festzulegen. Erhalten

hat sich aber aus der ersten Zeit der Ehe nur eine ganz flüchtige

Federzeichnung (in der Albertina), die nicht als Bildnis, sondern mehr

als Scherz aufgefaßt, die junge Frau in halber Figur zeigt, wie sie,

mit auf den Tisch gestütztem Arm, das Kinn auf die Hand gelehnt, eben

im Begriff ist einzunicken. „Mein Agnes“ hat Dürer dabei geschrieben.

Wie Frau Agnes, die hier in der Hausschürze und mit unbedecktem, nicht

ganz in Ordnung gehaltenem Haar erscheint, in ihren guten Kleidern

aussah, mag man wohl berechtigt sein, aus drei ebenfalls in der

Albertina befindlichen Trachtenbildchen zu entnehmen, aquarellierten

Federzeichnungen, die Dürer im Jahre 1500 ausführte und mit den

Beischriften versah: „Also geht man in Häusern (zu) Nürnberg“, „Also

geht man in Nürnberg in die Kirchen“ und „Also gehen die Nürnberger

Frauen zum Tanz.“ Ein wirkliches Bildnis der „Albrecht Dürerin“ hat

Dürer im Jahre 1504 mit dem Silberstift gezeichnet. Dasselbe befindet

sich, leider sehr verwischt, in einer Privatsammlung zu Braunschweig.

Da sehen wir unter der großen Haube ein nicht mit ungewöhnlichen Reizen

ausgestattetes, aber offenes und verständiges Gesicht.

[Illustration: Abb. 7. +Die Drahtziehmühle.+ Naturaufnahme in

Wasserfarben. Im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.]

Dürers Ehe blieb kinderlos. Dennoch hatte er bald für den Unterhalt

einer größeren Familie zu sorgen. Im Jahre 1502 beschloß Dürers Vater

sein Leben; er hatte dasselbe „mit großer Mühe und schwerer, harter

Arbeit zugebracht“. Mit schlichten, herzlichen Worten hat Dürer in

seinen Aufzeichnungen das Andenken des Mannes geehrt, der ihn von

frühester Kindheit an zu Frömmigkeit und Rechtschaffenheit erzogen

hatte. Nach des Vaters Tode nun lag dem jungen Meister nicht nur für

die zärtlich geliebte Mutter, die er zu sich nahm, sondern auch für

eine Schar von jüngeren Geschwistern die Sorge ob. Dem Anschein nach

waren seine Vermögensverhältnisse eine Zeitlang keineswegs glänzend;

durch seine unermüdliche Arbeitskraft aber und durch seine rastlose

Thätigkeit brachte er es nach und nach zu einer ganz ansehnlichen

Wohlhabenheit.

Bald nach der Verheiratung eröffnete Dürer eine selbständige

Werkstatt. Dazu bedurfte es weder eines Meisterstückes noch sonstiger

Förmlichkeiten. Denn in Nürnberg galt, im Gegensatz zu den übrigen

Städten Deutschlands, die Malerei als eine freie Kunst, die keinen

zünftigen Ordnungen unterworfen war. Das kam auch der Stellung eines

Malers, der in Wahrheit ein Künstler war, zu gute: Albrecht Dürer ist

niemals als Handwerksmeister betrachtet worden. Die ersten größeren

Aufträge freilich, die dem jungen Künstler zu teil wurden, Altarwerke

und Gedächtnistafeln, mußten in der üblichen Weise mit Hilfe von

Gesellen hergestellt werden. Doch auch in diesen Arbeiten offenbarte

sich deutlich die schöpferische Kraft des Meisters und seine sichere

Beherrschung der Form, und unverkennbar prägte er manchem der Bilder

die Züge der eigenen Künstlerhand auf.

[Illustration: Abb. 8. +Dürers Selbstbildnis vom Jahre 1493.+

Ölgemälde in der Sammlung Felix zu Leipzig.]

[Illustration: Abb. 9. +Marienbild („Madonna mit der Meerkatze“).+

Einer der frühesten Kupferstiche Dürers.]

[Illustration: Abb. 10. +Der verlorene Sohn.+ Einer der frühesten

Kupferstiche Dürers.]

[Illustration: Abb. 11. +Mutmaßliches Bildnis Friedrichs des Weisen,

Kurfürsten von Sachsen+; mit Wasserfarben gemalt. Im königl. Museum

zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

In Dürers künstlerischem Wesen treten zwei Grundzüge hervor,

der wissenschaftliche und der phantastische. Dürer erklärte den

Wissenstrieb für die einzige unter den begehrenden und wirkenden

Kräften des Gemüts, welche niemals befriedigt und übersättigt werden

könnte. So trat er auch seiner Kunst als Forscher entgegen. Er wollte

erkennen, um sich immer mehr vervollkommnen zu können. Das Suchen nach

dem Wesen der Schönheit führte ihn zwar zu dem echt künstlerischen

Bekenntnis: „Die Schönheit, was das ist, das weiß ich nicht.“ Aber

von seiner Jugend an bis ins Alter ließ er nicht ab, mit Zirkel und

Maßstab die Gestalt des Menschen und des nächstschönen Geschöpfes, des

Pferdes, zu untersuchen, um, wenn sich auch die Schönheit mit Maß und

Zahl nicht fassen ließ, so doch die Gesetzmäßigkeit, auf der die

Harmonie der Erscheinung beruhen mußte, zu ergründen. Zum Ausgleich

war ihm neben dem grübelnden Verstand eine kühn umherschweifende

Phantasie gegeben. Während jener das Gesetzmäßige suchte, liebte diese

das Ungewöhnliche und Seltsame; sie reizte ihn, Erscheinungen, welche

die Träume ihm vortäuschten, in Form zu kleiden. Forschungstrieb und

Einbildungskraft, beide ließen ihn als beste Lehrmeisterin der Kunst

die Natur entdecken. Das war der große Schritt, der Dürers Kunst von

derjenigen seiner Vorgänger scheidet. Dürer umfing die Natur mit

Liebe. Er wußte das Wirkliche mit der denkbar größten Unmittelbarkeit

aufzufassen. Aber bei der äußersten Naturtreue opferte er auch nicht

das geringste von seinen künstlerischen Absichten auf. Seine eigenen

Worte kennzeichnen am besten die ganze Hoheit seiner Kunstanschauung:

„Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur; wer sie heraus kann reißen,

der hat sie.“ Niemand solle glauben, führt Dürer den Gedanken weiter

aus, daß er etwas besser machen könne, als wie es Gott geschaffen

habe. Nimmermehr könne ein Mensch aus eigenen Sinnen ein schönes Bild

machen; wenn aber einer durch vieles Nachbilden der Natur sein Gemüt

voll gefaßt habe, so besame sich die Kunst und erwachse und bringe

ihres Geschlechtes Früchte hervor: „daraus wird der versammelte

heimliche Schatz des Herzens offenbar durch das Werk und die neue

Kreatur, die einer in seinem Herzen schafft, in der Gestalt eines

Dinges.“ -- Schon in seinen Jugendarbeiten hat Dürer gezeigt, einen

wie reichen Schatz er in seinem Herzen versammelt hatte. -- Das

älteste erhaltene Altarwerk aus Dürers Werkstatt befindet sich in der

Dresdener Gemäldegalerie. Dasselbe besteht aus drei mit Temperafarben

auf Leinwand gemalten Bildern und zeigt uns in der Mitte die Mutter

Gottes, auf den Flügeln die Heiligen Antonius und Sebastian. Dürers

eigenhändige Arbeit blickt hier überall durch, und sein erfindender

Geist waltet sichtbar in der kleinsten Einzelheit. Die drei Bilder

bringen schon in der Auffassung ganz Neues, sind unabhängig von

jeder früheren Art und Weise, die hier gegebenen Gegenstände zu

behandeln. Auf dem Mittelbild sehen wir die Jungfrau Maria, in weniger

als halber Figur, hinter einer Brüstung, auf welcher das Jesuskind

schlafend auf einem Kissen ruht. Sie hat in einem Gebetbuch gelesen,

welches aufgeschlagen auf einem kleinen Pult an dem einen Ende der

Brüstung liegt, und wendet sich jetzt nach dem Kinde hin, an das

sie mit gefalteten Händen die Fortsetzung ihres Gebetes richtet.

Über ihr schweben kleine Englein und schwingen Weihrauchfässer,

deren aufsteigender Dampf nach alter kirchlicher Symbolik das Gott

wohlgefällige Gebet bedeutet. Zwei andere Englein halten über dem

Kopf der Jungfrau eine prächtige Krone. Wieder andere der kleinen

Engelkinder sind herabgestiegen auf den Boden des Gemaches, dessen

Raum den Hintergrund bildet, und machen sich hier und in der in einem

Durchblick sichtbaren Werkstatt Josephs durch häusliche Verrichtungen

nützlich. Eines der kleinen Wesen weht mit einem Wedel die Fliegen vom

Antlitz des schlummernden Jesus. Das ist alles überaus liebenswürdig

empfunden, und ein unendlicher Fleiß der Ausführung erstreckt sich von

dem erkennbaren Bilderschmuck des Gebetbuchs im Vordergrund bis zu

den winzigen Figuren, die man ganz fern auf der durch das Fenster des

Gemaches sichtbaren Straße gewahrt. Künstlerisch aber noch bedeutender

als das Mittelbild sind die schmalen Flügelgemälde, welche die beiden

Heiligen ebenfalls als Halbfiguren hinter Brüstungen zeigen mit

kleinen Engeln, die ihre Häupter umschweben (Abb. 12). Der heilige

Einsiedler Antonius ist ein ruhiger Greis; er hält die trockenen,

knochigen Hände auf das Betrachtungsbuch gelegt und läßt sich nicht

mehr ängstigen durch die unholden Teufelsfratzen, die seinen Kopf

umschwirren und um deren Verscheuchung die kleinen Engel sich bemühen.

Bei dem heiligen Sebastian ist die Jugendlichkeit ebenso vollkommen

durchgeführt, wie bei dem Einsiedler die Altehrwürdigkeit; sie spricht

aus den weichen Formen des Kopfes, dem lockigen Geringel der Haare

und den kraftgefüllten Muskeln des entblößten Körpers, wie aus dem

lebhaften Ausdruck des Betenden und selbst seiner Art und Weise,

die Hände zu falten. Von den munter flatternden Englein sind einige

damit beschäftigt, ein Purpurgewand um die nackten Schultern des

Glaubenszeugen zu legen, zwei andere, von denen eines ein Bündel Pfeile

als Zeugnis von dessen Martertod unter dem Arm trägt, halten einen

goldenen Reif, die Krone der Heiligkeit, für ihn in Bereitschaft. Auch

bei dem heiligen Antonius trägt einer der Engel ein solches schmales

Diadem herbei. Durch diese Reifen und die entsprechende Königskrone

im Mittelbilde hat Dürer die sonst gebräuchlichen Heiligenscheine

ersetzt, deren Anbringung ihm wohl nicht recht vereinbar erschien

mit der aufrichtigen Naturwahrheit, mit der er seine Gestalten

durchbildete. Das Streben nach möglichst vollkommener Naturwahrheit --

nach innerer im Charakter und Ausdruck der Personen, und nach äußerer

in der Form, spricht sich in diesen Bildern schon sehr deutlich aus.

Unverhüllte Körperformen von so durchgearbeiteter schöner Naturtreue

wie der Oberkörper dieses Sebastian waren bis dahin in Deutschland

noch nicht gemalt worden. -- Das Dresdener Altarwerk stammt aus der

Schloßkirche zu Wittenberg. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß

dasselbe zufolge einer Bestellung des Kurfürsten Friedrich von Sachsen

ausgeführt worden ist, der sich zwischen 1494 und 1501 wiederholt in

Nürnberg aufhielt und für den Dürer mehrfach thätig war. -- Mehrere

um diese Zeit oder wenig später unter Dürers Leitung und nach seinen

Entwürfen angefertigte Altargemälde und Einzeltafeln lassen die Hand

von Gehilfen recht deutlich erkennen. Aus anderen hinwiederum spricht

mit voller Kraft des Meisters begnadete Eigenart und seine packende,

über jeden Wechsel des Zeitgeschmacks triumphierende Wahrhaftigkeit

der Darstellungsweise. Vor allem gilt dies von einem in der Alten

Pinakothek zu München befindlichen, wiederum aus einem Mittelbild mit

zwei Flügeln bestehenden Altarwerk, welches, weil es im Auftrage von

Mitgliedern der Nürnberger Familie Paumgärtner gemalt worden ist, als

der Paumgärtnersche Altar bezeichnet zu werden pflegt (Abb. 25-27). Die

Mitteltafel dieses Werkes zeigt die Geburt Christi. Wir blicken in das

Innere einer malerischen Ruine, deren Säulen und Bogen dem romanischen

Stil angehören; das ist sehr bezeichnend für die Renaissance, die das

Alte aufsuchte und nachbildete, während sich die mittelalterliche Kunst

bei der Darstellung von Architekturen stets aufs genaueste nach dem

jedesmaligen Baustil der Zeit richtete; Werke des Altertums hatte Dürer

ja noch nicht kennen gelernt, und so äußerte der Zug der Zeit sich bei

ihm darin, daß er anstatt des Antiken das Altertümlichste, was ihm

zugänglich war, also Romanisches, zur Darstellung brachte. Die Ruine

dient als Stall. Dem Seitenraum, welcher Ochs und Esel beherbergt,

ist ein Bretterdach vorgebaut, und unter diesem liegt das neugeborene

Knäblein, von kindlich sich freuenden Engeln umgeben. Maria betrachtet

knieend ihr Kind in freudiger Erregung. Joseph kniet ergriffen und

bewegt an der anderen Seite des Kindes, außerhalb des Schutzdaches

nieder. Von draußen herein kommen schon einige Hirten, denen der Engel,

den man noch in den Lüften schweben sieht, die Botschaft verkündet hat

(Abb. 25). Das Schönste aber an dem Paumgärtnerschen Altar sind die

beiden Flügelbilder; auf jedem derselben erblicken wir die lebensvolle

Prachtgestalt eines geharnischten Kriegers, der in wilder Landschaft

neben seinem Rosse steht (Abb. 26 u. 27). Vermutlich führen uns diese

Männer mit ihren scharf ausgeprägten bildnismäßigen Gesichtern die

Stifter des Altarwerks vor. Man pflegt den vom Mittelbild rechts

stehenden als Lukas Paumgärtner, den anderen als dessen Bruder Stephan

zu bezeichnen. Es war ja nicht ungebräuchlich, daß die Stifter eines

Altars ihre Bildnisse auf demselben anbringen ließen. Und sich in

Kriegskleidung darstellen zu lassen, dazu könnten die Paumgärtner ja

irgend eine besondere Veranlassung gehabt haben. Aber es widerspricht

der kirchlichen Gepflogenheit und dem natürlichen Gefühl, daß in

Stifterbildnissen als solchen die irdischen Persönlichkeiten anders als

in der durch die Zusammenstellung mit dem Göttlichen gebotenen Haltung

der Verehrung und Anbetung abgebildet worden wären. Deswegen muß man

annehmen, daß die beiden Geharnischten, auch wenn sie die Züge der

Paumgärtner tragen, zugleich zwei ritterliche Heilige -- etwa Georgius

und Eustachius -- vorstellen. Das Fehlen des Heiligenscheins ist kein

Gegengrund gegen diese Annahme. Denn Dürer hat dieses herkömmliche

Zeichen der Heiligkeit in seinen ausgeführten Gemälden immer

weggelassen. Mit der vollkräftigen Wirklichkeitstreue, in der er seine

Gestalten und deren Umgebung malte, vertrug sich selbst der leichte

goldene Strahlenschein nicht, den die van Eycksche Schule an Stelle des

mittelalterlichen Nimbus eingeführt hatte.

[Illustration: Abb. 12. +Der heil. Antonius der Einsiedler und der

heil. Sebastian.+ Flügelgemälde des Altarwerkes in der königl.

Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 13. +Die Fürlegerin.+ Wahrscheinlich als

Studie zu einem Marienbild gemaltes Bildnis aus dem Jahre 1497. In der

Gemäldegalerie zu Augsburg.]

[Illustration: Abb. 14. +Dürers Vater.+ Kohlenzeichnung im British

Museum zu London.]

[Illustration: Abb. 15. +Dürers Selbstbildnis von 1498.+ In der

Uffiziengalerie zu Florenz.

Dürer(#55740) · 第 9 / 20 题