Als Kurt die Treppe hinaufeilte, drängten sich im ersten Stock

gerade die letzten Empörer durch eine Tür und warfen diese vor den

heranstürmenden Soldaten ins Schloß. Auf dem Treppenabsatz kniete

zusammengebrochen Feldwebel Mißbach.

Kurt hielt erschöpft im Laufen inne.

»Was ist Ihnen, Feldwebel?« rief er dem vor sich Hinstierenden zu.

»Sind Sie verwundet?«

Der Kniende hob den Kopf. Seine Augen blickten irr auf den Offizier.

»Herr Leutnant,« lallte Mißbach mit schwerer Zunge, »mein Sohn ist dort

drin.«

Damit wies er auf die Tür, vor der ein Haufe Soldaten aufs höchste

erregt wartete, daß sie unter den gegen sie geführten Beilhieben

einstürze.

Allmer blickte ungläubig auf den Knienden.

»Unsinn, Feldwebel!« sagte er bestimmt, während oben die Tür krachend

in Trümmer fiel. »Ihr Sohn unter den Empörern? Sie sehen Gespenster.

Korporal Mißbach ist in der Kaserne. Er hatte doch Dienst, als wir

ausmarschierten.«

Feldwebel Mißbach wollte antworten. Aber seine Lippen bewegten sich

nur, und sein Kopf sank wieder herab.

Da verließ ihn Kurt und sprang die Stufen vollends hinauf.

* * * * *

Als die Stürmenden in das Hotel eingedrungen waren, stand Valentine

zitternd inmitten ihrer Kranken. Ob die wütenden Soldaten die

Verwundeten schonen würden? Ihre Blicke hingen voll Entsetzen an der

Tür. Auf dem Korridor krachten Schüsse, und schwere Tritte stampften

die Treppe herauf. Hastiges Laufen und erregte Rufe von allen Seiten.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Heinrich sprang herein.

»Um Gotteswillen!« rief Valentine, »flieh, Heinrich! Die Wände nach den

Häusern der Kirchgasse sind durchgeschlagen. Rasch fort, sonst ist es

zu spät!«

Heinrich schüttelte den Kopf.

»Feige Bande!« murmelte er verächtlich; »alle auf und davon. Ich stand

nur noch allein.«

»Heinrich,« flehte Valentine, am ganzen Körper zitternd, »tu mir's

zuliebe!« Und sie legte beschwörend die Hände auf seinen Arm. »Tu es um

meiner Mutter willen, guter, lieber Heinrich!«

Ein tiefer Atemstoß kam aus Heinrichs Mund.

»Es geht nicht, Valentine,« sagte er rauh. »Als ich aus der Kaserne

entlief, wußte ich, wie es kommen würde. Und trotzdem tat ich's. Alle

werden Mitgefühl finden, wenn man sie auch noch so hart verurteilt, --

ich allein nicht! Meine Kameraden verachten mich, und die bürgerlichen

Kämpfer werden mit Fingern auf mich zeigen. Ich habe nicht nur meinen

Eid gebrochen, ich habe auch auf meine Kameraden -- geschossen!«

Da blieb Valentine stumm und sah von dem Jugendfreund weg. Schwere

Axtschläge hallten an der Tür des Nebenzimmers. Sie weckten das Mädchen

aus ihrer Starrheit.

»O Gott!« rief sie. »Der Fremde wird das Haus doch verlassen haben ...«

Mit diesen Worten lief sie zu der Tür, die in das Nebenzimmer führte,

und öffnete.

Der Fremde stand mit dem grünen Schirm über den Augen neben den

geschlossenen Koffern zum Fortgehen bereit. In seiner Hand hielt er den

Hut. Der greise Kammerdiener sprach erregt auf ihn ein.

Da brach die Tür unter den Axtschlägen zusammen, und ein Schwarm

Soldaten mit wutentstellten und pulvergeschwärzten Gesichtern, aus

denen das Weiße des Auges furchtbar leuchtete, drängte ins Zimmer.

Der Weißhaarige fuhr herum und zog blitzschnell einen Revolver aus

seiner Rocktasche. Den Soldaten mit einer beschwörenden Handbewegung

entgegentretend, rief er:

»Zurück! Das sind die Zimmer Seiner Durchlaucht des Prinzen von

Schwarzbu...«

Ein gräßlicher, dumpfer Schlag, -- der Alte stürzte mit zerschmettertem

Kopf nieder. Valentine sah, wie der Fremde zu den Eingedrungenen

sprechen wollte. Da krachten aus den Gewehren eines sächsischen und

eines preußischen Soldaten gleichzeitig zwei Schüsse. Der Fremde warf

die Arme in die Luft und brach rücklings zusammen. In sein schweres

Aufschlagen auf den Fußboden mischte sich der gellende Schrei eines

Weibes, -- Valentine war in die Knie gebrochen.

Über sie hinweg sprang jetzt Heinrich, den vordersten Soldaten

blitzschnell mit dem Kolben niederschlagend. Ein zweiter wuchtiger

Hieb, und der nächste flog mit eingestoßener Brust seinen Kameraden

in die Arme. Durch die Kraft des Streiches brach der Kolbenhals

dicht hinter der Schraube ab, und der Kolben fiel zu Boden. Heinrich

faßte das Gewehr an der Mündung, und sein eiserner Arm schwang die

zerbrochene Waffe wie eine furchtbare Keule. Ein Dritter, -- ein

Vierter stürzte schwer getroffen nieder, -- da stieß einer der

Ergrimmten dem völlig Umringten das Bajonett tief in die linke Seite.

Heinrich stand einen Augenblick wie eine Bildsäule. Dann entsank

die Waffe seinen Händen. Taumelnd schlang er die Arme um seinen

Angreifer und riß ihn zum dröhnenden Fall mit hin. Durch die Wucht des

Niedersturzes blieb der Soldat betäubt liegen.

Nun eilten alle Soldaten wieder hinaus, nachdem noch der letzte sein

Gewehr mit der Mündung Heinrich auf die Brust gesetzt und abgeschossen

hatte.

Kaum eine Minute hatte das Gemetzel gedauert. Jetzt herrschte nach

dem fürchterlichen Tumult tiefe Stille im Zimmer. Nur die Zeugen des

grauenvollen Geschehnisses, die regungslos auf dem Fußboden herumlagen,

erzählten mit stummen Worten, was sich zugetragen. Von den oberen

Stockwerken hallte entfernter Lärm in das Schweigen hinein. Der Geruch

von Pulver und Blut erfüllte den Raum.

Valentine kniete noch auf der Stelle, wo sie zusammengebrochen war. Ihr

Gesicht war schrecklich entstellt. Die unnatürlich weit aufgerissenen

Augen glitten geistlos durch das Zimmer, bis sie auf Heinrich haften

blieben. Mit ungeheurer Anstrengung raffte sie sich auf, ging zu ihm

hin und kauerte neben dem Sterbenden nieder. Der Schmerz zerriß ihr die

Brust; aber ihre Augen blieben tränenlos.

»Heinrich,« wehklagte sie leise, »Heinrich -- -- --«

Da schlug der junge Mann die Augen auf und erkannte das Mädchen.

Ein schwaches Lächeln trat auf seine Lippen. Und als sie seine Hand

erfaßte, versuchte er, sie zu streicheln.

»Mit mir ist's aus,« flüsterte er.

Valentine preßte die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien.

»Ich muß schon früh sterben,« hauchte er in abgerissenen Worten. »Aber

es gab eine Zeit in meinem Leben voll Sonnenschein. Das waren die Jahre

in euerm Hause. Soviel Glück ist nicht jedem beschieden. Jetzt möchte

ich aber nicht länger leben. Meine Stirn trägt ein ... Schand -- mal.«

Das Mädchen sank vollends auf den Boden nieder und legte den Kopf des

Verscheidenden auf ihren Schoß.

»Heinrich, -- Heinrich!« stammelte sie mit zuckendem Mund.

Ein erneutes Lächeln trat auf seine rasch verfallenden Züge.

»Ich habe es nicht verdient, so friedlich zu sterben,« sagte er, schon

fast nicht mehr vernehmlich.

Ein Erstickungsanfall drohte ihn zu überwältigen.

»Valentine,« lispelte Heinrich noch einmal, »ich habe euch alle ja so

unaussprechlich lieb gehabt!«

Das Mädchen faltete in grenzenloser Verzweiflung die Hände und betete

laut. Als sie die Worte sprach: »... Dein Wille geschehe ... und

vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern ...,« da

bewegten sich noch einmal die Lippen des Sterbenden, als ob er diese

Worte mitspreche. Dann sank sein Kopf zurück.

»Heinrich!« schrie Valentine herzzerreißend auf.

Aber der junge Mann hörte diese irdische Stimme nicht mehr. Er hatte

seine letzte Wanderung bereits angetreten -- -- --

Valentine war vernichtet. Mechanisch erhob sie sich, als sie Schritte

vernahm. Ihre Augen waren umflort, daß sie den Eintretenden nicht

erkennen konnte. Nur die Uniform unterschied sie.

Nicht wissend, was sie tat, hob sie den zu ihren Füßen liegenden

Revolver auf, der neben der Leiche des weißköpfigen Kammerdieners lag,

und richtete ihn zur Verteidigung auf den Soldaten.

Da schlug der Klang einer bekannten Stimme in ihre Seele, und sie hörte

ihren Namen aussprechen. Des Mädchens Blicke bohrten sich durch den

Nebel, der vor ihnen lag, -- -- der Revolver fiel polternd auf den

Fußboden, und der erhobene Arm sank schlaff an ihrer Seite herab. Der

Mann ihr gegenüber war -- Kurt Allmer!

Wohl eine Minute lang verharrten beide regungslos, die Augen ineinander

gesenkt. Dann neigte Valentine demütig die Stirn tief herab, wandte

sich um und ging mit schwankenden Schritten in das Krankenzimmer

zurück. Kurts Blicke folgten ihr. Als er durch die geöffnete Tür

die Verwundeten sah, beschlich ihn heimliche Befriedigung. Er hatte

geglaubt, Valentine gehöre zu den Kämpfenden.

Schon wandte sich Kurt wieder nach der Tür, als seine Augen auf der

Leiche eines der Gefallenen haften blieben. Er griff sich an die Stirn.

War das kein Trugbild? Nein, es war Wahrheit! Feldwebel Mißbach hatte

recht gesehen! Kurt wandte sich kopfschüttelnd von dem Anblick und

verließ das Zimmer.

Auf dem Treppenabsatz lag Feldwebel Mißbach lang ausgestreckt, auf der

Brust das Eiserne Kreuz. Sein Gesicht war dunkelrot. Kurt beugte sich

zu ihm nieder und rüttelte ihn. Feldwebel Mißbach war tot! -- Da ließ

Kurt von ihm ab und ging langsam die Treppe hinunter. Dort der Sohn --

hier der Vater! »Herzschlag ...« murmelte Kurt.

Unten im Hausflur sammelte er eine Anzahl Soldaten, die sich hier

inzwischen zusammengefunden hatten, um sie nach den gegenüberliegenden

Häusern der Kirchgasse zu führen. Dort war unterdessen ebenfalls

gestürmt worden. Der aus diesen Häusern dringende Lärm verkündete, daß

darin noch ein hartnäckiger Kampf Mann gegen Mann geführt wurde.

Kurt schlang den Faustriemen des Portepees um das rechte Handgelenk.

Als er hierauf mit seiner kleinen Abteilung ins Freie trat, sah er

neben der Tür des Hotels den Soldaten Ullrich hilflos auf dem Pflaster

liegen. Der Verwundete flehte inständig, ihn fortzutragen, da aus den

nahen Fenstern unausgesetzt nach ihm geschossen würde.

»Schafft ihn rasch in das Haus,« rief Kurt seinen Leuten zu und bückte

sich nach dem Soldaten, um ihn selbst mit aufzuheben.

In diesem Augenblick erhielt Kurt einen furchtbaren Schlag in den

Rücken, der ihn beinahe über den Liegenden geworfen hätte. Unter

Aufbietung aller Kräfte richtete er sich in die Höhe und sah sich

um. Es war niemand in der Nähe. Nur seine Leute liefen hastig in das

gegenüberliegende Haus, nachdem sie den Verwundeten in den Torweg des

Hotels gebracht hatten, wo er vor den Kugeln geschützt war.

Kurt fühlte, wie ihm die Sinne zu schwinden drohten. Da krampfte er

die Finger um den Säbelgriff und ging unsicheren Schritts, den Kopf

herabgesenkt, über den leeren Neumarkt zurück.

Was war doch mit ihm? Seine Beine wollten ihn ja kaum mehr tragen?

Warum lief er denn eigentlich über den Platz? Schossen die Aufrührer

aus den Fenstern zu seiner Linken nicht andauernd auf ihn? Natürlich

schossen sie! Die Kugeln schwirrten ja in einem fort an ihm vorbei.

»Klägliche Schießerei,« murmelte Kurt. »Dankt nur Gott, daß ihr nicht

bei der 4. Kompagnie Albert steht, da würdet ihr schon schießen

lernen! -- Aber die Beine! Herrgott nochmal, was haben doch bloß diese

verflixten Beine?« Und er biß die Zähne aufeinander, um die Herrschaft

über sich nicht zu verlieren. -- »Taumele ich nicht?« sprach er vor

sich hin. »Na, gewiß taumelst du,« antwortete er sich selbst. »Du

kannst dich doch kaum mehr auf den Beinen halten. -- Nur erst über

den Platz hinweg sein! Bloß dieser Kanaille nicht den Triumph gönnen,

daß ein Königlich sächsischer Leutnant vor ihren Augen aus Mattigkeit

hinstürzt. -- Links, rechts. Donnerwetter, ihr Füße, seid doch nicht so

widerspenstig ...«

Warum hielt denn seine Hand den Säbel nicht mehr umfaßt? Schleppte er

ihn am Faustriemen nicht auf dem Pflaster nach? »Links, rechts; links,

rechts.« -- Da, ein scharfer Erzklang! Der Säbel flog in die Höhe und

fiel sogleich wieder herab, mit der Spitze von neuem nachschleifend.

»Erbärmliches Geknalle,« murmelte er ingrimmig, »bloß den Säbel treffen

sie. 's ist ja lächerlich! Laufe hier stundenlang auf fünfundzwanzig

Schritt Distanz wie eine ganze Figurscheibe herum, und nicht ein

einziger Treffer! Korporal Mißbach, die Leute müssen besser zielen! Das

ist ja die reinste Patronenverschwendung!«

Kurt empfand dunkel, daß er kaum noch vorwärts kam. »Der Neumarkt nimmt

heute gar kein Ende,« räsonnierte er vor sich hin. »Aber ich laufe auch

wie eine Schnecke. Vorhin, auf Stadt Rom zu, -- da ging's anders! Hol's

der Geier -- wie verfault waren wir über den Platz weg ... halt -- halt

-- hübsch langsam -- nicht stolpern -- links, rechts; links, rechts ...«

»War es vorhin nicht genau so, als wenn mir ein Stück glühendes Eisen

in das rechte Schulterblatt gestoßen würde? -- Ein Schuß? Ach, Torheit!

Der war über mich weg gegangen, denn ich sah doch ganz deutlich neben

dem liegenden Ullrich auf dem Pflaster das Blei spritzen. -- Links,

rechts; links -- -- Verdammt nochmal! Jetzt zerschießt mir diese

Schwefelbande gar noch meinen Paradetschako. Aber der fällt nicht

'runter, freut euch nicht zu früh! Der Kinnriemen hält fest. Ach was,

mag er schief sitzen, 's ist ja schon stockfinstere Nacht! -- Aber

warum krieg' ich denn bloß keinen Atem mehr? Ist denn hier die Luft

alle? Donnerwetter, sticht das auf der Brust, wenn ich tief Atem hole!

-- Mußt Kamillentee trinken und schwitzen, mein Junge, wird Tante

Sidonie sagen. Hast dich gewiß wieder mal erkältet. Links, rechts --

links, rechts,« preßte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen

hervor.

Kurt Allmer war unter dem heftigsten Feuer aus den Fenstern

der Kindschen Häuser über den Neumarkt in seiner ganzen

Länge hinweggelaufen[1]. Jetzt hatte er Stadt Berlin an der

Augustusstraßenecke erreicht. Die Truppen, die in dieses Hotel

inzwischen eingedrungen waren, hatten mit atemlosem Staunen zugesehen,

wie er langsam über den Platz zurückkam.

[1] Historisch.

Kurt taumelte so stark, daß es bei jedem Schritt aussah, als müsse er

niederstürzen. Da hörte er eine Stimme wie aus weiter Ferne rufen:

»Aber lieber Allmer, was ist Ihnen denn?« und eine nebelhafte Gestalt

in Uniform mit Stabsoffiziersachselstücken tauchte vor seinen Augen auf.

Leutnant Allmer versuchte noch, militärische Haltung anzunehmen und die

Hand an den Tschako zu legen. Aber der daran hängende Säbel zog den Arm

wieder herab.

»Melde gehorsamst,« murmelte er, die Augen schließend, »ich bin ... ver

... wun ...«

Dann sank er in ein paar ausbreitete Arme, und die Sinne vergingen ihm.

* * * * *

Während in Altstadt voll maßloser Erbitterung gekämpft wurde, war es

in Neustadt still. Nur das unaufhörliche Krachen der Schüsse drang wie

ferner Gefechtslärm über die Elbe herüber.

Auf der Augustusbrücke rollte Wagen auf Wagen, in denen die verwundeten

Soldaten nach dem Hospital in der Neustadt gebracht wurden.

Gerade hielt wieder ein solcher verdeckter Wagen vor dem eisernen

Tor des Militärkrankenhauses. Ein alter Herr, der in Begleitung

einer jungen Dame mit bleichem Gesicht vorüberging, beobachtete, wie

der diensthabende Arzt mit dem vom Kutscherbock herabgekletterten

Lazarettgehilfen sprach und wiederholt mit den Achseln zuckte.

Da bemerkte der Stabsarzt die Vorbeigehenden und grüßte.

»Kein Platz mehr, Herr Kriegsrat,« antwortete er auf die Frage des

alten Herrn. »Unsere Betten sind schon fast alle belegt. Wir dürfen

nur noch hereinnehmen, wo voraussichtlich noch zu helfen ist. Hier ist

ein Verwundeter, der einen Lungenschuß hat, durch und durch, -- also

hoffnungslos. -- -- Fahren Sie den Kranken in die Loge auf der Bautzner

Straße,« wandte sich der Stabsarzt wieder an den Lazarettgehilfen,

»dort wird eine Anzahl Betten für uns bereit gehalten.«

Auf das Gesicht der jungen Dame trat ein schmerzlicher Zug, und sie

sprach ein paar leise Worte zu ihrem Begleiter.

»Herr Stabsarzt,« sagte dieser, »geben Sie uns den armen Teufel. Er

kann bei uns ebenso ungestört sterben, wie anderswo.«

Der Stabsarzt erklärte sich einverstanden.

»Fahren Sie nur geradezu,« wandte sich der alte Herr an den Kutscher.

»Es sind bloß ein paar Minuten; das erste Haus in der Glacisstraße ist

es.«

Der Lazarettgehilfe stieg wieder auf den Bock, und die Pferde zogen

langsam an. Der alte Herr hinkte ein wenig, doch blieb er mit seiner

Begleiterin dicht hinter dem Wagen.

»So, da sind wir ja schon,« sagte er, als sie die Glacisstraße erreicht

hatten, und führte die junge Dame in das Haus.

»In die obere Giebelstube lassen wir ihn bringen,« sagte diese. »Dort

liegt er am ruhigsten. Ich werde gleich in die Diakonissenanstalt nach

einer Schwester schicken.«

Inzwischen hatte der Lazarettgehilfe mit dem Kutscher die Trage vom

Wagen gehoben und brachten sie nun in die sonnenhelle Hausflur, wo sie

ihre Last niederstellten.

Auf der Bahre lag mit wachsbleichem Gesicht und geschlossenen Augen

ein junger Offizier vom 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert.

Sein Aussehen war das eines Toten. Neben ihm stand ein zerschossener

Tschako. An seiner rechten Seite lag der bloße Säbel. Der Faustriemen

des Portepees war um das Handgelenk geschlungen.

Die Blicke des alten Herrn richteten sich teilnahmvoll auf den

Ohnmächtigen. Da zuckte der Greis in jähem Schreck zusammen und sah

schnell nach seiner Enkelin. Ursula von Abendroth lehnte totenblaß an

der Wand. Ihre Brust bewegte sich unter heftigen Atemstößen stürmisch

auf und nieder, und ihre großen Augen ruhten starr auf der Gestalt des

Verwundeten.

»Liebe Leute,« stammelte der Kriegsrat in ungeheurer Erregung, von

einem Fuß auf den andern tretend, »unsere Räume reichen doch nicht --

ich irrte mich -- und mit der Pflege wird es auch hapern -- bringt

Euern Kranken doch lieber nach der Loge ...«

Die beiden Träger sahen verwundert auf den bestürzten Greis und dann

auf das junge, schöne Mädchen, das mit einer Ohnmacht zu kämpfen

schien. Schweigend traten sie wieder zu der Bahre und gingen damit

langsam rückwärts nach der Tür.

In diesem Augenblick fuhr Ursula von Abendroth steil auf.

»Halt!« rief sie in leidenschaftlichem Ton, lief mit schnellen

Schritten nach der nahen Tür ihres Zimmers und riß diese weit auf:

»Hier herein bringt den Verwundeten,« klang befehlend ihre Stimme durch

den Hausflur, »und legt ihn behutsam auf das Bett ...!«

[Illustration: Der verwundete Leutnant Allmer im Kugelregen den

Neumarkt überquerend.]

Siebzehntes Kapitel

Der Monat Juni war ins Land gezogen, und der Aufstand war längst

niedergeschlagen.

Die hochgespannte Erregung hatte sich allmählich verflüchtigt; eine

kühle Beurteilung der Ereignisse war aufgekommen. Die besonnenen

Elemente, die den Kämpfen ferngeblieben waren, hatten längst die

Oberhand gewonnen. Auch die erhitzten Gemüter beruhigten sich langsam.

Man erkannte die Fehler, die gemacht worden, verstand die innere

Schwäche und Unwahrheit der vermeintlichen Berechtigung zu dem blutigen

Aufstand, und manch einer begriff nicht, wie ihn der Sturm hatte mit

fortreißen können.

Nach dem jähen Aufflammen der Geister herrschten niedergedrückte

Stimmung und Mutlosigkeit. Und man sah besorgt in die Zukunft und

ahnte, daß dem heftigen Ansturm wider die Regierung ein empfindlicher

Rückprall folgen würde.

Die Bewohner des Häuschens in der Glacisstraße hatten die letzten

Wochen in schwerer Bangigkeit durchlebt. Während draußen der junge

Frühling unter tausend- und abertausendfältigem Sprießen und Blühen

sein farbenprächtiges, duftendes Kleid gewoben und über das noch

zuckende sächsische Land tröstend gebreitet hatte, lag im Innern des

Hauses ein junges Menschenkind, das nicht leben und sterben konnte.

Wiederholt war der unbarmherzige Sensenmann an Kurts Schmerzenslager

getreten und wieder gegangen. Dann waren Tage gekommen, wo sich in die

Herzen der Bangenden das leise Hoffen auf die endliche Genesung des

Schwerverwundeten gestohlen. Aber immer hatte sich Kurts Befinden von

neuem verschlimmert, daß die zage Hoffnung wieder erstarb. Bis endlich

niemand mehr zu hoffen wagte und eine dumpfe Trostlosigkeit sich aller

bemächtigte.

Die Ärzte hatten immer nur mit den Achseln gezuckt und versichert, daß

Menschenkunst hier umsonst sei. Alles irdische Wissen wäre machtlos,

wenn sich die Lebenskraft so verzweifelt gegen den Allbezwinger wehre.

Ein neuer Tag war gekommen, wo das Fieber in dem aufs letzte ermatteten

Leib des Kranken nicht mit der gewohnten Heftigkeit raste. Aber solcher

Tage hatte es schon gegeben! Keiner der drei Menschen, deren Herzen um

das Leben des geliebten Kranken zitterten, wagte noch zu hoffen, in der

Besorgnis, die dämonischen Geister wieder wachzurufen.

Seitdem die tückische Kugel in Kurts Rücken eingedrungen und sich den

Ausweg durch die Brust gebahnt hatte, war der Verwundete noch nicht

wieder zum Bewußtsein gekommen. --

Die Sonne schien freundlich ins Zimmer, als die Augenlider des

Kranken ein paarmal leise zitterten und sich alsdann halb öffneten.

Da unterschied Kurt die verschwommenen Umrisse einer grauen Katze,

die behaglich auf einem buntgestickten Kissen lag und ihn verwundert

ansah. Es war eine allerliebste Katze, nur viel kleiner, als Katzen

schlechthin zu sein pflegen. Ja, eine so niedliche Katze war es, wie er

noch keine gesehen hatte. Das Tierchen schien sich über seinen Anblick

zu freuen, denn es ringelte den Schwanz auf und zu und begann leise zu

schnurren.

Aber was war das? Neben dieser Katze entdeckte Kurt eine zweite, --

eine dritte, -- eine vierte! Ja, eine ganze Anzahl von Katzen sah er!

Alle lagen auf Kissen und sahen ihn erstaunt und erfreut an.

Kurt schloß vor Mattigkeit die Augen. Als er nach kurzer Zeit von neuem

aufsah, fiel sein Blick wieder auf die Katzen. Jetzt erkannte er einen

durchscheinenden Vorhang, auf dem die Tiere in grauer Farbe aufgedruckt

waren. Gleichzeitig hörte er zwei Frauenstimmen gedämpft miteinander

sprechen.

Da versuchte der Kranke, den Kopf dahin zu wenden. Diese leise Bewegung

schienen die Sprechenden gehört zu haben, denn ihre Unterhaltung brach

ab.

Kurt musterte aufmerksam seine Umgebung und entdeckte, daß er in

einem Himmelbett lag, dessen Vorhang zugezogen war. Da bewegte sich

geräuschlos die eine Hälfte des Vorhangs, und ein Gesicht beugte sich

über ihn.

»Bist du aufgewacht, mein Junge?« hörte er leise eine Stimme sagen, die

wie zwischen Lachen und Weinen klang.

Regungslos sah er eine Weile in das Gesicht. Es war faltig und

abgehärmt.

»Erkennst du mich, Kurt?« vernahm er die zage Stimme wieder.

Es dauerte noch eine Zeitlang, dann kam es wie ein Hauch von seinen

Lippen:

»Tante Sidonie ...«

Er merkte noch, wie es feucht auf sein Gesicht niederfiel. Dann war es

ihm, als ob er in eine unermeßliche Tiefe hinabsänke. Das Bewußtsein

hatte ihn wieder verlassen.

Nach einer geraumen Zeit erwachte Kurt von neuem. Gleich waren die

Katzen wieder da. Jetzt konnten sie ihn aber nicht noch einmal äffen,

denn er erinnerte sich deutlich seiner ersten Begegnung mit ihnen.

Er wandte den Blick zur Seite und unterschied hinter dem Vorhang einen

weiblichen Kopf. Tante Sidonie konnte es nicht sein; dieses Gesicht

war ja viel jünger. Es war ein feingezeichnetes Profil, was er dort

sah. Er konnte die Umrisse des Kopfes gegen den hellen Hintergrund klar

erkennen.

Wieder machte er eine Bewegung. Darauf klangen eilig leise Schritte,

und Tante Sidonie stand vor ihm. Jetzt besaß er soviel Kraft, daß er

sie genau betrachten konnte. Ihr Gesicht schien ihm schmaler als sonst.

Ja, wenn ihn nicht alles täuschte, sah er darin tiefe Falten. Hatte

Tante Sidonie denn Sorgen?

»Was ist mir?« fragte Kurt leise, »und wo bin ich?«

Beim Klang dieser Stimme zuckte es in Tante Sidoniens Gesicht

wunderlich, und sie warf einen Freudenblick hinter sich, als ob noch

jemand im Zimmer sei. Dann trug sie flink einen Stuhl herbei und setzte

sich neben dem Kranken nieder.

»Weißt du nicht, Kurt,« fragte sie mit gedämpfter Stimme, »daß du

während des Straßenkampfs verwundet worden bist?«

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 17 / 18 段