lange damit gezögert. Vielleicht fühlten sie sich zum Angriff noch
nicht stark genug. Aber wie ich hörte, sind jetzt preußische Truppen zu
Hilfe gekommen. Auch das Geschützfeuer, mit dem sie das Haus in Trümmer
legen werden, weist auf ein baldiges Vorgehen.«
Valentine fühlte ihre Pulse heftig arbeiten. Seit diesem Morgen hatte
sie der heimliche Wunsch erfüllt, die Kämpfenden möchten Frieden
schließen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, wenn sie an die Qualen
ihrer Verwundeten dachte, und sie sah die Schuld der für den Aufstand
Verantwortlichen ins Riesengroße wachsen.
»Ich liebe den Anblick der in Wut geratenen Soldateska nicht,« erklärte
der Fremde, »und vor ihren Taten empfinde ich Grauen. Man kann es
wohl verstehen, wenn -- in einem Kampf wie hier -- die aufs höchste
gereizten Truppen die Gebote der Menschlichkeit vergessen. Weh denen,
die ihnen aber dann gegenüberstehen! Alle Mannszucht geht in ihrer
Wildheit unter. -- Doch Ihnen droht nichts, mein Fräulein,« setzte er
beschwichtigend hinzu. »Der Soldat bekämpft nur seinen Gegner. Bleiben
Sie für alle Fälle ruhig bei Ihren Kranken.«
Valentine erhob sich und ging zur Tür. Der Fremde folgte ihr.
»Es würde mir leid tun, wenn ich Sie erschreckt hätte,« sagte er.
Valentine machte eine verneinende Gebärde.
»Es ist besser, ich weiß alles,« versetzte sie mit leiser Stimme.
Und als ihre Hand schon auf der Türklinke lag, fragte sie noch:
»Wann werden Sie das Haus verlassen?«
»Nach dem Mittagessen,« erwiderte der Fremde.
Valentine zögerte einen Augenblick. Dann reichte sie ihm die Hand und
sah ihm ins Auge.
»Leben Sie wohl,« sagte sie, wobei ihre sonst sichere Stimme zitterte,
»und haben Sie herzlichen Dank!«
Der Fremde umschloß Valentinens Hand mit warmem Druck.
»Ich fühle, wie Sie leiden,« erwiderte er. »Der Grund Ihrer tiefen
Traurigkeit ist aber, wenn ich recht vermute, noch etwas anderes, als
das Schicksal Ihrer Kranken. Die Zeit mag Ihnen helfen, den Kummer zu
überwinden. Ihre starke Seele wird sich obenauf ringen. Ein Nacken wie
der Ihrige ist zu stolz, daß er sich vor dem Gram beugte. -- Leben Sie
wohl!«
Valentine sah noch einmal in die von dem grünen Schirm beschatteten,
gütigen Augen des Fremden. Dann ging sie.
Als sie auf dem Korridor ein paar Schritte getan hatte, fühlte sie eine
Schwächeanwandlung, die sie zwang, stehen zu bleiben. Da regte sich der
Trotz in ihr, und sie ging mit erhobenem Haupte weiter.
Vor der offen stehenden Tür eines der Vorderzimmer stockte ihr Fuß
unwillkürlich, und sie mußte hineinschauen. Es war mit Verteidigern
gefüllt, die in fiebernder Ungeduld nach den Fenstern drängten. Wenn
einer der Schützen zurücktrat, entspann sich jedesmal ein Streit um
den freigewordenen Platz. Das Krachen der Schüsse wurde von den Wänden
zurückgeworfen und erfüllte das Zimmer mit betäubendem Lärm.
Unter den Verteidigern befanden sich Jünglinge, Männer und Greise. Die
meisten standen wohl im Alter zwischen dreißig und vierzig. Welche
unter ihnen beobachteten eifrig die Wirkung der Schüsse und brachen
in lauten Triumph aus, wenn sie einen Treffer melden konnten. Andere
befanden sich in leidenschaftlicher Aufregung und gaben ihren Unmut
durch heftige Worte und Gebärden kund, wenn sie während einer längeren
Zeit nicht zum Schießen kamen. Wieder andere standen beiseite, luden
sorgfältig und warteten geduldig, bis sie ans Fenster treten konnten.
Einigen der Männer sah es Valentine an Kleid und Haltung an, daß sie
höheren Gesellschaftsschichten angehörten. Ausnahmslos leuchtete aus
aller Augen Kampfeslust.
Plötzlich brach in der Mitte des Zimmers einer der Schützen lautlos
zusammen. Die Umstehenden sprangen hinzu und richteten ihn auf. Auch
Valentine war unbewußt zu dem Verwundeten geeilt. Rasch wurde ihm
die Weste aufgeknöpft und das blutige Hemd beiseite geschoben, --
seine linke Brust war von einer Kugel durchbohrt. Das Herz hatte
schon aufgehört zu schlagen. Da legten ihn die Männer schweigend im
Hintergrund des Zimmers längs der Wand nieder. Es lohnte nicht, sich
weiter um ihn zu kümmern! Schwankenden Schritts ging Valentine auf den
Korridor zurück.
Vor dem Krankenzimmer stand ein Mann in einem hellen Anzug, das
Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt. Wie Valentine ihn in dem
Halbdunkel stehen sah, tat sie unwillkürlich einen tiefen Atemzug.
Diese Gestalt und dieser Anzug -- -- -- Beides war ihr bekannt, obwohl
es nicht zueinander zu gehören schien.
»Heinrich,« entfuhr es ihr im Näherkommen.
Nun erkannte sie ihn; es war Heinrich. Mit einem verlegenen Lächeln,
wie es ihm auf dem Gesicht zu stehen pflegte, wenn er in seiner
Schwerfälligkeit nicht die rechten Worte fand, kam er heran.
Mechanisch trat Valentine einen Schritt zurück, und ihr Auge streifte
den grauen Anzug. Wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis, daß es der
Zivilanzug des Leutnants Allmer war. Er hatte ihn bei seinem letzten
Besuch getragen.
»Wie kommst du denn hierher, Heinrich?« fragte jetzt Valentine wieder
gefaßt. »Und in dieser sonderbaren Verkleidung?«
Heinrich machte eine unbeholfene Bewegung.
»Schilt mich, soviel du magst,« murmelte er, »aber ich konnte nicht
anders!«
Und als er bemerkte, wie die Augen des Mädchens noch immer in
Verwunderung auf ihm hafteten, stieß er gequält heraus:
»Ach, Valentine, du weißt ja, mit welchem Widerwillen ich immer die
Uniform getragen habe ...«
Valentine antwortete nicht.
Da merkte Heinrich, wie das Gefühl dumpfer Verzweiflung in ihm
heraufstieg und ihm die Kehle zuschnürte, daß er nicht schlucken
konnte. Sein Herz klopfte mit starken Schlägen. Er vermochte
Valentinens starren Blick nicht länger zu ertragen und sah zur Seite.
»Ich hätte nimmermehr auf die bürgerlichen Kämpfer schießen können,«
murmelte er, »eher hätte ich die Waffe gegen mich selbst gerichtet.
Valentine,« setzte er in schlichter Geradheit hinzu, »wer innerlich
so an euch hängt, wie ich, der kann nicht anders! Die Luft in euerm
Hause« -- hier schwoll seine Stimme mit jedem Wort immer mehr an --
»ist für mich der Lebensatem! Ich wäre um keinen Preis zu bewegen, mich
in Widerspruch zu euch zu setzen. Nicht länger leben oder desertieren.
Etwas anderes gab es für mich nicht!«
Valentine war überwältigt von dem Geständnis der Anhänglichkeit
Heinrichs an ihr Elternhaus. Gleichwohl traf sie der leidenschaftliche
Ausbruch wie ein Schlag vor die Stirn. Dieser schwache und doch so
prächtige Mensch, wie er hier vor ihr stand, der seine Pflicht vergaß
und seinen Eid brach aus Treue zu denen, die ihm wohlgetan und von
denen er sich geliebt wußte -- -- -- seine Schuld, sagte sich das
Mädchen, würde einst andern zugeschrieben werden!
Er ist ein Mann, vernahm Valentine eine innere Stimme, der Gut und Böse
unterscheiden kann. Die Tugenden sind das Verdienst des Gerechten und
die Sünden die Schuld des Sündigen!
»Heinrich,« sagte Valentine mit gepreßter Stimme, »mußtest du das
tun? Hast du dich auch wirklich recht geprüft, bevor du diesen
verhängnisvollen Schritt tatest?«
Heinrichs Finger glitten unstet am Gewehrriemen auf und nieder.
»Aber, Valentine,« antwortete er mit ungekünstelter Einfalt, »ich habe
mich ja doch nie mit Gedanken über Politik ernsthaft beschäftigt. Wenn
man so ein einfacher Mensch ist, wo soll es denn da auch herkommen!
Hierzu sind ja die Studierten da. Ich habe das bürgerliche Leben von
Kind auf viel lieber gehabt, als das Soldatenleben. Und als mich mein
Vater in die Uniform hineinzwang, da ist allmählich ein Widerwillen
gegen das ganze Soldatenhandwerk in mir herangewachsen, daß ich schon
längst schwermütig geworden wäre, wenn ich euch nicht gehabt hätte.
Und wie ich sah und hörte, was für politische Anschauungen dein Vater
besaß, da hab' ich gleich gewußt, wie ich zu denken hatte. -- Ach,
Valentine, du weißt das alles ja schon, du kennst mich ja so gut. Warum
quälst du mich denn so ...?«
Valentine stieg es zum Halse herauf, und sie griff an den Kragen ihres
Kleides, als wenn sie ihn aufreißen müsse.
Heinrich trat dicht an sie heran und erzählte in seiner ungelenken
Sprechweise, wie es noch glücklich gelungen wäre, ihre Eltern aus dem
Hause herauszubringen, und daß er gehört habe, wie die Madam, in ihren
Betten bequem auf dem Wagen liegend, zum Herrn Advokaten gesagt habe,
es ginge ihr ganz gut, er brauche sich nicht zu ängstigen.
Da schossen Tränen in die Augen des Mädchens. Mit einer ungestümen
Bewegung warf sie ihre Arme um Heinrichs Hals, preßte ihn an sich und
küßte ihn viele Male. Heinrich wurde rot bis unter die Haarwurzeln und
ertrug Valentinens Küsse mit geschlossenen Augen.
Als Valentine die Umarmung gelöst hatte, sah sie Heinrich ohne
Verwirrung ins Gesicht.
»Was wirst du nun tun?« fragte sie.
Heinrich nahm langsam das Gewehr von der Schulter und stellte den
Kolben hart auf den Boden.
»Schießen,« antwortete er mit düsterer Entschlossenheit, »und zwar
bleibe ich hier im Hause.«
»Glaubst du, daß die Truppen angreifen?« fragte das Mädchen hastig.
»Das müssen sie,« versicherte er, »wenn sie nicht wollen, daß man sie
verhöhnt und ihnen Mutlosigkeit vorwirft.«
»Und wann denkst du, daß sie kommen werden?«
Heinrich zuckte gleichmütig mit den Achseln.
»Das weiß keiner, Valentine. Aber herankommen werden sie bestimmt!«
Valentine wandte sich rasch zum Gehen.
»Meine Kranken ...« rief sie zurück. »Laß dich wieder einmal sehen,
Heinrich!«
Im nächsten Augenblick war sie hinter der Tür verschwunden.
Sechzehntes Kapitel
Während des ganzen Vormittags wurde der Kampf auf beiden Flügeln und im
Zentrum mit stetig wachsender Heftigkeit geführt. Die beiden Hotels auf
dem Neumarkt erhielten von der Augustusstraße und von der Frauenkirche
her wirksames Geschützfeuer, das die in allen Stockwerken des Hauses
Stadt Rom eingebauten Erker vollständig in Trümmer schoß. Die Kindschen
Häuser an der Westseite des Platzes wurden von den Truppen in der
Münzgasse und im Coselschen Palais mit starkem Gewehrfeuer überschüttet.
Auf beiden Seiten wurde mit größter Tapferkeit gefochten. Von
dem Donnersturm der Revolution, dessen schauerliche Melodie am
gräßlichsten beim Ausbruch des Aufstands durch die Gassen geklungen
hatte, war nichts mehr zu spüren. Die Parteien kämpften wie die
ordentlichen Streitkräfte zweier sich feindlich gegenüberstehenden
Völker. Die Kaltblütigkeit, mit der die Aufrührer vor allem auf den
stark beschossenen Punkten aushielten, wurde selbst von ihren Gegnern
bewundert.
Der Zorn der Truppen über die Hartnäckigkeit der Aufständischen
steigerte sich schließlich bis zur Wut. Zahlreiche Kompagnien hatten
während der letzten Nächte, zum Teil bei strömendem Regen, auf dem
Pflaster der Gassen und Plätze gelegen, und ihre Verluste wuchsen
andauernd. Zudem wußten die sächsischen Soldaten, daß die meisten
Gewehre der Aufrührer ihren Armeegewehren älterer Konstruktion in der
Feuerwirkung überlegen waren. Aus all diesen Ursachen bemächtigte sich
der Truppen tiefe Erbitterung, und sie erwarteten voll Sehnsucht das
Signal zum Bajonettangriff. Endlich wurde der Befehl zum Sturm gegeben.
Es war zwei Uhr nachmittags. Die nicht im Feuer stehenden sächsischen
und preußischen Truppen waren auf dem Schloßplatz zusammengezogen
worden, wo sie in fieberhafter Spannung mit der Front nach dem
Georgentor harrten.
Bei diesen Truppen befand sich auch Kurt Allmer. Der Zufall hatte es
gefügt, daß die 4. Kompagnie immer an besonders gefährdeten Stellen
gekämpft hatte.
Mit heimlicher Bewunderung hatten die Soldaten die Kaltblütigkeit
ihres Leutnants während des heftigsten Feuers und seine vollkommene
Verachtung jeder Gefahr beobachtet. Wiederholt hatte Kurt das Gewehr
eines Verwundeten selbst zur Hand genommen und stundenlang geschossen.
Während des größten Teils der Nacht war er munter geblieben, hatte die
Posten unausgesetzt revidiert und mit ihnen gewacht, da das Gerücht von
einem heimlichen Angriff der Empörer umlief.
Kurt fühlte sich stark erschöpft. Sein Gesicht war von den
Anstrengungen der letzten Tage bleich, sein Auge matt. Bisweilen
war die Erinnerung in ihm schmerzlich erwacht, und seine Gedanken
hatten sich während des Kampfes in das gemütliche Haus des alten
Kriegsrats gestohlen -- zu Ursula. In diesen ernsten Tagen, wo er ohne
Unterbrechung dem Tod ins Auge sah, empfand er es deutlich, wie sein
ganzes Herz an diesem herrlichen Mädchen hing.
Nun war Ursula für ihn verloren! -- Vielleicht urteilte sie zu hart
über sein Vergehen. Doch stand es ihm nicht zu, seine Schuld zu
wägen. Und schuldig fühlte er sich! Ob Ursula noch einmal milder über
das Unrecht denken würde, das er ihr zugefügt? Vielleicht! Aber ihr
Verzeihen würde ihn nicht mehr erreichen -- --
Kurt Allmer war in tiefster Seele von der Gewißheit erfüllt, daß er
vor einem großen, unabwendbaren Schicksal stand.
Die Truppen auf dem Schloßplatz verhielten sich schweigend. Eine innere
Unrast zeigte sich auf den Gesichtern der Soldaten. Zu ihrer Linken,
am anderen Ende der Augustusstraße, hielt noch immer das Geschütz, und
seine Schüsse gegen Stadt Rom krachten in kurzen Pausen.
Vom Neumarkt, durch die breiten Gänge des Georgentores und vom Zwinger
herüber hörte man das starke Gewehrfeuer.
Die Offiziere standen vor der Front. In ihrer Mitte hielten zu Pferde
Oberst Sichart und ein paar Stabsoffiziere.
Da kam aus der Richtung des Grünen Tores der Oberbefehlshaber der
militärischen Streitkräfte, Generalleutnant von Schirnding, mit seinem
Stabe herangesprengt. Der Anblick des alten Veteranen aus den Tagen
von Leipzig in schneeweißem Bart und mit den jugendlich blitzenden
Augen wirkte auf die Truppen wie ein elektrischer Strom. Jeder Mann
reckte sich unwillkürlich höher, und aller Augen richteten sich auf die
Heranreitenden.
Jetzt hielt der Generalleutnant vor der Front. Oberst von Sichart
drängte sein Pferd an den Kommandierenden heran und empfing den Befehl
zum Angriff -- -- --
Zwei Kolonnen! Die erste unter Major von Hausen stürmt Hotel de
Saxe! Die zweite unter Hauptmann von Budritzky vom preußischen
Alexanderregiment nimmt Hotel Stadt Rom! Beide Sturmkolonnen werden
aus Truppenteilen der sächsischen und preußischen Armee gebildet! Der
Angriff hat sofort zu erfolgen!
Aus den Reihen der mit verhaltenem Atem den Worten des Kommandierenden
lauschenden Mannschaften erschollen ein paar gedämpfte Jubelrufe. Die
Begeisterung ließ die harte Disziplin für einen Augenblick vergessen.
Jeden der an dieser Stelle harrenden Soldaten überfiel eine fieberhafte
Erregung. Nur jetzt nicht zurückbleiben müssen! Das wäre ein Unglück --
eine Schande!
Die beiden Führer formierten ihre Kolonnen. Kurt Allmer horchte mit
zusammengepreßten Lippen auf die mit lauter Stimme gegebenen Befehle.
Da glänzten seine Augen, und in sein bleiches Gesicht schoß eine helle
Röte, -- die 4. Kompagnie wurde genannt.
Hauptmann von Budritzky teilte ein: an die Spitze der zweiten Kolonne
sächsische und preußische Zimmerleute und Pioniere mit Sägen und Äxten.
Hinter ihnen das 2. Peloton der 3. Kompagnie Albert unter Leutnant von
Schwerdtner; dazu Feldwebel Mißbach. Hierauf das Gros der Sturmkolonne:
die erste Sektion der 4. Kompagnie Albert unter Leutnant Allmer und ein
halber Zug der preußischen 11. Füsilierkompagnie.
Oberleutnant Wetzig und Leutnant von Schönberg nickten Kurt lächelnd
zu. Sie waren der ersten Kolonne zugeteilt.
Nun erfolgten kurz und ruhig die Kommandos. Die Kolonnen marschierten
-- von den enttäuschten Blicken der zurückbleibenden Kompagnien
begleitet -- im Paradeschritt durch die Augustusstraße bis zu ihrer
Biegung in den Neumarkt. Hier wurde noch einmal gehalten. Das an dieser
Ecke stehende Geschütz gab rasch noch einige Schüsse auf das Hotel de
Saxe ab. Dann wurde es zurückgezogen. Gleichzeitig schwieg auch der
Verabredung gemäß das Gewehrfeuer der Truppen auf der Terrasse und an
der Frauenkirche.
In diesem Augenblick brach die erste Kolonne vor und setzte sich
nach dem Neumarkt hin laufend in Bewegung. Sofort nahm das Feuer der
Aufrührer an Heftigkeit zu.
Als die Kolonne das Hotel Stadt Berlin am Anfang des Neumarkts erreicht
hat, gerät sie ins Stocken. Ein Hagel von Kugeln schlägt in sie ein,
und die ersten Verwundeten stürzen auf das Pflaster. Dann stürmen die
Soldaten wieder vorwärts. Einige Leute aber weichen zurück.
Leutnant Allmer sieht das. Er verläßt seinen Platz bei der noch hinter
dem Johanneum gedeckt stehenden zweiten Kolonne, springt mit schnellen
Sätzen vor und zwingt die Zaudernden mit erhobenem Säbel, der Kolonne
nachzulaufen. Da fällt sein Blick auf den Soldaten Engler seiner
Kompagnie, der mit zerschmettertem Oberschenkel auf dem Platze liegt.
Rasch ruft Allmer einen der Vorwärtseilenden zu sich und trägt mit ihm
den Schwerverwundeten zurück.
Unterdessen stürmt die Kolonne unter dem vernichtenden Feuer über den
weiten Platz hinweg. Die zu Boden Gestürzten bezeichnen den Weg, den
sie gegangen. Da strauchelt unmittelbar vor dem Brunnen der seinen
Leuten mit hochgeschwungenem Säbel voraneilende Major von Hausen und
stürzt zu Boden. Die Kolonne stürmt über ihren gefallenen Führer
hinweg und verschwindet in dem von den Vollkugeln des Geschützes
eingeschossenen Tor des Hotels de Saxe.
Noch hat der letzte Mann das Tor nicht erreicht, als der von einem
Prellschuß ans Knie getroffene Major von Hausen sich erhebt und mit
langen Sprüngen der Kolonne nacheilt.
Jetzt läßt der Artilleriehauptmann Grünwald das Geschütz wieder vor
dem Brühlschen Palais auffahren und richtet es selbst gegen Stadt Rom.
Ein paar wohlgezielte Schüsse schnell hintereinander, dann stürzt die
zweite Kolonne vor.
Am Jüdenhof, von wo die Stürmenden an den Kindschen Häusern entlang
müssen, geraten sie ins Kreuzfeuer. Leutnant Allmer wirft vom Flügel
aus einen Blick über seine Leute. Mit keuchendem Atem und geschlossenen
Augen stürmen sie vorwärts, -- durch den Eisenhagel hindurch.
»Schlag' fester!« knirscht er dem Tambour an seiner rechten Seite zu.
»Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« tönt der Klang der
Trommel dumpf in das Pfeifen und Rasseln und Krachen des entsetzlichen
Höllenkonzerts hinein. Tambour Gebhardt, ein vierzehnjähriger
Knabe, schlägt wie verzweifelt auf das Kalbfell. Da zersplittert
ein Trommelstock beim heftigen Aufschlagen auf den Eisenring der
Trommel. Den zweiten reißt ihm eine Kugel aus der Hand. Er hämmert
mit den Fäusten drauflos. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm --
bummbumm!« -- Kurt Allmer schließt ebenfalls eine Sekunde lang die
Augen; -- eine Wolke von Eisen fliegt um die Stirnen ... Von vorn und
besonders von rechts, aus den kaum zehn Schritt entfernten Häusern,
zischen, schwirren und heulen die Geschosse in den wie sinnlos
vorwärtsstürzenden Menschenhaufen blind hinein und reißen ihre Opfer
wütend zu Boden. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!«
Leutnant Allmer bohrt seine Augen in den Nacken des vor ihm laufenden
Soldaten Lucas. Da fliegt dessen Hinterkopf weg und blutiger Brei
spritzt umher. Der Verwundete bricht wie vom Blitz getroffen zusammen.
Allmer springt über ihn hinweg, stürzt beinahe, rafft sich aber wieder
auf. Eine Hand packt ihn von hinten am Rock. Er wendet den Kopf und
reißt sich los, -- Soldat Löffler fällt mit zerschmettertem Unterkiefer
nieder. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« -- »Will denn
dieser feuer- und flammenspeiende Höllenweg kein Ende nehmen?« keucht
Allmer, um im nächsten Augenblick aufzuschreien: »Schlag' fester! -- --
fe -- ster!« -- »Bumm -- bummbumm! bumm -- -- -- bummbumm!« Der Tambour
haut bloß noch mit der rechten Faust, die linke Hand hängt vom Knöchel
an einem Fleischfetzen herab. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm --
bummbumm!« klingt es nur noch matt. Das Gebrüll, Gestampfe, Geknatter
und Geprassel frißt den Klang der Trommel gierig ein.
Da schreit plötzlich die schrille Knabenstimme in Todesangst auf: »Herr
Leutnant! -- Herr Leutnant ...!« Dann gibt die junge, durchschossene
Brust nichts mehr her. Der Tambour stürzt und rollt mit seiner Trommel
seitwärts fort. Leutnant Allmer sieht durch Blut und Rauch, daß andere
vor und neben ihm fallen ... Stürze, wer mag! -- -- Vor ... wärts! Und:
»Hurra! -- Hurra!« hört er seine eigene Stimme in rauhen Kehllauten
rufen. Und: »Hurra! -- Hurra!« fallen die Stürmenden ein. -- Stadt Rom
ist erreicht! --
Hier stockt der rasende Angriff. Die Fenster sind mit starken Laden
verschlossen, und die schwere Tür widersteht allen Axthieben. Nur ihr
oberes Feld ist von einer Kanonenkugel zertrümmert worden. Pioniere und
Zimmerleute schlagen wie unsinnig mit Beilen auf Tür und Fensterladen.
Ohne sonderlichen Erfolg! Die furchtbare Erregung vereitelt besonnenes
Handeln.
Die keuchenden Soldaten stehen unterdessen mit Gewehr bei Fuß in
kerzengerader Haltung und ohne mit den Wimpern zu zucken vor dem Haus.
Jeder bohrt seine Augen auf die verrammelten Fenster; keiner wagt,
sich umzusehen. Aus den Häusern zwischen Kirchgasse und Frauengasse
werden die zum ohnmächtigen Ausharren Verurteilten unaufhörlich mit
Feuer überschüttet. So stehen sie heldenmütig, ohne eine Hand zu ihrer
Verteidigung aufheben zu können. Eine Schar, die noch vor wenigen
Sekunden mit furchtbarer Gewalt vorwärtsstürmte, -- jetzt regungslos
wie in Totenstarre, während von rückwärts auf zehn Schritt Entfernung
die Kugeln in den dichten Haufen einschlagen, daß die Todesmutigen
ruhmlos fallen. Wie Wild, das vor die Büchsen der Jäger getrieben
worden ist -- -- --
Noch hallen die Axtschläge hohl in das Knattern und Heulen der
Flintenkugeln hinein, als Leutnant Allmer vom Zorn überwältigt einen
furchtbaren Säbelhieb nach einer Stelle des Ladens tut, von der schon
wiederholt Stücke absplitterten. Aber der Eisenhauer springt zurück,
als habe er Granit berührt. Er hat den schweren Riegel getroffen, der
den Laden im Mauerwerk festhält.
Verzweifelt gleiten Allmers Blicke nach dem Fenster rechts vom
Tore, dessen Laden den Axthieben soeben nachgegeben hat. Auf der
Fensterbrüstung kniet Hauptmann von Budritzky.
»Der sächsische Leutnant dort,« ruft der Hauptmann, zurückschauend,
Allmer mit zürnender Stimme durch den Tumult zu; »zum Donnerwetter,
Herr, warum sind Sie denn noch nicht drin?!«
Ruft's und springt als Erster von seinen Leuten durch das Fenster
hinein.
Da stößt der solchermaßen hart Angelassene knirschend den Säbel in die
Scheide, ergreift sinnlos vor Wut mit beiden Händen die untere Kante
des Ladens und zieht ihn aus der Fensterhöhlung, daß ihm das Blut unter
den Fingernägeln hervorquillt. Ein Dutzend Hände folgt seinem Beispiel.
Die schon aus den Fugen geratenen starken Bretter können dieser Kraft
nicht widerstehen. Es knirscht und splittert! Noch ein gewaltiger
Axthieb, dann reißt der Laden krachend mitten auseinander.
Leutnant Allmer schwingt sich auf die Brüstung. Die Nächststehenden
helfen seiner Bewegung nach, daß er im Schwunge durch das Fenster
fliegt. Gleichzeitig reißt Feldwebel Mißbach die vor ihm stehenden
Soldaten beiseite und wirft seinen Riesenleib gegen die stark
erschütterte Tür, worauf diese dröhnend aufspringt. Im Nu sind alle
Soldaten im Hause verschwunden.
Die Tür des Zimmers, in das Kurt gesprungen, war verschlossen und mußte
von den ihm gefolgten Zimmerleuten erst eingeschlagen werden.
Hinter den stürzenden Brettern sperrte den leeren Korridor ein
einzelner Mann -- hohläugig und barhaupt, den langen, dürren Leib von
einer schwarzrotgoldenen Binde umschlossen. Es war der geistliche Herr
aus der Oberlausitz, der fanatische Barrikadenkommandant.
Furchtlos hielt er allein den in Raserei verfallenen Soldaten stand.
Er hob die Arme, als wenn er auf der Kanzel stünde, und sprach in
beschwörendem Tone:
»Weh' denen, die in Zorn verfallen und wider die heiligen Gebote
freveln ...«
Da stockte die fromme Rede. Erstaunt guckte der Mann Gottes nach seiner
rechten Hand, die mit einem Mal auf dem Fußboden lag. Im nächsten
Augenblick saß ihm ein halbes Dutzend Bajonette in der Brust, und der
Haufe stürmte über seine Leiche hinweg.