Valentine verneinte.

»Ich werde mit dem Wirt sprechen.«

»Sie sind sehr gütig,« sagte Valentine in freudiger Bewegung.

Damit verließen sie wieder das Zimmer. Während der Fremde Valentine

bis zur Tür begleitete, sprach er in seiner angenehmen, ruhigen Art:

»Wenn es Ihren Schützlingen noch an etwas Unentbehrlichem fehlt, sagen

Sie mir's bitte. Vielleicht kann ich helfen.«

Valentine dankte noch einmal und verließ sodann das Zimmer.

Als sie wieder zu ihren Kranken kam, fand sie einen Arzt vor, der nach

den Verwundeten sah. Er lobte die verständig angelegten Verbände und

gab dem Mädchen Verordnungen für die Schwerverwundeten. Dann entfernte

er sich eilig, da er noch an andern Orten nachsehen müsse. Am nächsten

Vormittag, versprach er, wiederzukommen.

Nachdem er gegangen und Valentine noch die Wünsche einiger Kranken

erfüllt hatte, setzte sie sich mit dem jungen Mädchen zusammen an den

kleinen Tisch, der zwischen den beiden Fenstern stand.

Valentine fühlte sich erschöpft. Aber ihre Befriedigung war größer als

die Abspannung. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und ihre Gedanken

eilten zu dem alten Haus in der kleinen Brüdergasse -- -- --

Das Krankenzimmer wurde durch zwei Kerzen beleuchtet. Ein starker

Geruch von Arznei und Verbandmitteln herrschte darin. Die meisten

Kranken schliefen. Einige warfen sich unruhig in den Betten hin und her

und stöhnten laut. Wenn einer etwas verlangte, huschte die Magd mit

unhörbaren Schritten zu ihm hin.

Auch an den Fremden mußte Valentine denken. Sein ruhiges und bestimmte

Wesen hatte ihr Vertrauen eingeflößt. Vor allem pries sie aber seine

Bereitwilligkeit, mit der er sogleich auf ihren Wunsch eingegangen

war. Er stammte sicherlich aus höheren Kreisen und verurteilte den

Aufstand. Aber für ihre Verwundeten besaß er doch ein warmes Herz. Das

hatte sie aus dem Ton seiner Stimme herausgehört.

Was aber Valentinens weiblichem Empfinden besonders wohlgetan hatte,

war die ritterliche Art, mit der er ihr begegnet war.

Da klopfte es leise an die Tür, und das junge Mädchen ging, um

nachzusehen. Valentine hörte draußen eine Männerstimme gedämpft

sprechen, worauf die Magd ihr winkte. Als Valentine auf den Korridor

trat, stand der weißhaarige Kammerdiener vor ihr.

»Fräulein, mein Herr würde sich freuen, wenn Sie mit ihm zur Nacht

speisen wollten.«

Diese unvermutete Einladung überraschte Valentine. Als sie gegen Abend

den Kranken das Essen gereicht, hatte sie im Eifer nicht daran gedacht,

selbst etwas zu genießen. Jetzt verspürte sie Hunger. Sie zauderte

einen Augenblick, dann sagte sie zu. Rasch gab sie dem jungen Mädchen

noch ein paar Weisungen und schritt alsdann dem Diener hinterdrein.

Der Weißkopf öffnete die Tür weit und ließ Valentine eintreten. In

der Mitte des Zimmers brannte jetzt eine Hängelampe, die mattes Licht

verbreitete. Der Fremde kam Valentine entgegengeschritten.

»Junge Menschen, die Gutes tun,« sagte er, »unterlassen gern, an sich

selbst zu denken. Ich vermutete dies auch bei Ihnen. Deshalb bat ich

Sie, mir beim Nachtmahl Gesellschaft zu leisten.«

Valentine war ein wenig verwirrt. Aber die natürliche Freundlichkeit

des fremden Herrn half ihr, die Verlegenheit bald zu überwinden.

»Sie haben nicht unrecht,« antwortete sie mit schwachem Lächeln. »Die

Verrichtung meiner gegenwärtigen Pflichten ist mir noch zu ungewohnt,

daß ich an alles dächte.«

»Der Mensch darf nie auf sich selbst vergessen,« scherzte er. »Sie

können Ihren Kranken nur dann gute Dienste leisten, wenn Sie mit Ihrer

Kraft richtig haushalten.«

Während der letzten Worte bot der Fremde Valentine den Arm und führte

sie zum Tisch. Hier setzte er sich ihr so gegenüber, daß die Lampe in

seinem Rücken war.

Während des Essens blieb die Unterhaltung einsilbig. Der Fremde

bemerkte des Mädchens Erschöpfung und vermied es, sie zu Antworten

anzuregen. Er erzählte, daß er aus Wien hierhergekommen sei, um eine

Dresdner Berühmtheit wegen seines Augenleidens zu befragen. Der Arzt

habe ihm eine sofortige Operation dringend angeraten, zu der er sich

auch entschlossen. Der Eingriff sei geglückt. Heute habe ihm der Arzt

gesagt, daß er andernfalls hätte erblinden müssen.

Valentine hörte voll Teilnahme zu und beglückwünschte den Fremden zu

dem Erfolg und lobte seinen raschen Entschluß.

»Vorsicht ist eine gute Eigenschaft,« sagte der Fremde, »aber beherzt

sein, ist viel besser, -- oft alles! Sie haben sicherlich auch

nicht lange geschwankt, bevor Sie sich zu Ihrem gegenwärtigen Beruf

entschlossen.«

Valentine errötete.

»Nein, ich hatte keine Zeit, mich lange zu besinnen,« entgegnete sie.

»Wer erst einmal zaudert, kommt meist zu spät zur Ausführung.«

Der Fremde pflichtete diesen Worten lebhaft bei.

Hierauf stockte die Unterhaltung von neuem. Zerstreut hörte Valentine

auf die ruhigen Worte des Fremden. Ihre Gedanken waren anderswo.

Sie schweiften wieder zu den Eltern, zu ihren Kranken und zu den

Todesmatten in den Vorderzimmern des Hotels, die jetzt in bleiernem

Schlafe von den furchtbaren Anstrengungen der letzten Tage ausruhten

und die Schrecken des Kampfes auf ein paar Stunden vergessen hatten.

Da hob der Fremde seinen geschliffenen Kelch, gefüllt mit rotem

Burgunder.

»Auf daß meine Tischgenossin am heutigen Abend Befriedigung an ihrem

schweren Beruf finden möge -- und daß die Ereignisse ihre Hilfe bald

wieder entbehrlich machen möchten.«

Valentinens Gesicht war während der letzten Worte bleich geworden. Ihre

harten Züge erschienen wie gemeißelt. Sie neigte die Stirn und warf dem

Fremden einen Blick voll Dankbarkeit zu.

Dann ergriff auch sie ihr Glas und sprach:

»Dem Wohltäter meiner Schutzbefohlenen!«

Dabei zitterte ihre Hand so stark, daß der Wein über den Rand des

Glases hinaustrat und ein paar Tropfen wie leuchtende Rubinen auf das

Tischtuch herabfielen.

Jetzt räumte der Kammerdiener das Geschirr ab, und der Fremde lud

Valentine ein, sich mit ihm an den Kamin zu setzen, in dessen hoher

Wölbung die Buchenscheite flammten und knisterten. Dann brannte er sich

eine dunkle Virginiazigarre an, die ihm der Weißkopf gereicht, schlug

die Knie übereinander und lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück.

»Über den deutschen Ländern schwebt gegenwärtig ein Verhängnis,« begann

er, den Rauch in einem wagerechten Strahl von sich blasend. »Die Luft

ist mit dem Geruch frischen Bluts angefüllt und die heiligen Altäre

des Volks sind verbrannt oder in Trümmer zerschlagen. Wie lange diese

Verwirrung anhalten mag, ist heute noch nicht abzusehen. Wenn die

entflammten Gemüter erst wieder ruhig geworden sind, wird sich ein Alp

auf vieler Brust legen.«

Hier schwieg der Fremde eine Weile. Endlich sprach er weiter:

»Neben vielem materiellen Gut sind auch hohe sittliche Werte zerstört

worden. Man wird diesen Schaden noch mit Bangigkeit abschätzen und

erkennen, daß es eiserner Beharrlichkeit bedarf, wieder aufzurichten,

was man mit einem Handstreich stürzte. Aber die Zeit der schmerzlichen

Betrachtung ist noch nicht da; noch spotten ja die Gewalten jeder

Fessel. Wo aber nichts anderes geschieht, als den aufbäumenden

Volkswillen niederwerfen und festschnüren, entsteht bloß neue

Verbitterung. Der Unterliegende beugt widerwillig den trotzigen Nacken.

Die Tore des Herzens öffnen sich aber nur dem großmütigen Sieger!«

Der Fremde machte von neuem eine Pause und hüllte sich in eine

Rauchwolke. Valentinens Augen hingen an seinem Mund. Jetzt fuhr er wie

im Selbstgespräch fort:

»Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in dem Hexenkessel der

Empörung befinde. Noch sind nur wenige Monate verflossen, als ich

in Wien Augenzeuge der Schrecken des Volksaufruhrs gewesen bin,

-- freilich nicht als friedlich Außenstehender wie heute. Zu der

unmittelbaren Umgebung des Grafen Latour gehörend, beobachtete ich,

wie die Männer des Zentralausschusses und die knabenhaften Doktrinäre

der akademischen Legion um die Konstitution feilschten, sah den

bestialisch zugerichteten Leichnam dieses unerschrockenen Mannes an

einen Laternenpfahl aufknüpfen und kämpfte in der Leopoldstadt mit

den Truppen Windischgrätz. Die Erstürmung jeden Hauses glich einer

Schlacht. Die mit bewunderungswürdigem Heldentum kämpfenden Verteidiger

wurden von den aufs äußerste erbitterten Soldaten blind niedergemacht.

Es war ein Gemetzel ohnegleichen!«

Der Fremde brach kurz ab. Valentine bemerkte den tiefen Eindruck, den

die lebhafte Erinnerung auf den Erzähler machte. In seinem ernsten

Gesicht zuckte es verstohlen, und die vom Feuer abgewendeten Augen

waren halb geschlossen.

»Und was war die Ursache dieser Menschenschlächterei?« hob er mit

halblauter Stimme wieder an, -- »das Volk verlangte Freiheiten und

verbriefte Rechte darauf. Jeder unparteiisch Urteilende mußte eine

Änderung der Verhältnisse gutheißen. Nur Starrköpfe waren es, die jede

Konzession ablehnten.

Aber das Volk verscherzte sich selbst die Zuneigung der Billigdenkenden

unter den Vertretern der staatlichen Autorität! Waren anfangs

seine Forderungen gerecht, so wuchsen sie bald ins Maßlose. Jedes

Zugeständnis stachelte die Begehrlichkeit an, und selbst die Besonnenen

verstiegen sich zu unerfüllbarem Verlangen. Nachgiebigkeit wurde als

Schuldbewußtsein betrachtet, Wohlwollen als Schwäche. -- Sie hätten

fürs erste das Wenige nehmen sollen, das man ihnen bot.«

Der Fremde machte eine unwillige Handbewegung.

»Und nun wiederholte sich das alte Schauspiel, das aber, solange es

Menschen gibt, immer wieder von neuem seine Auferstehung feiern wird:

während die ehrenhaften Elemente noch schwankten, kamen die Dilettanten

des Lebens, die Stümper, und vergifteten das letzte, was noch gesund

geblieben war. Der massive Unverstand drängte die ehrlichen, wenn auch

in traumhafte Wünsche verlorenen Führer beiseite. Der Pöbel gewann die

Oberhand. Und damit ist noch immer der Kampf der Geister erdrosselt

worden. Das schonungslose Ringen der blindwütigen Gewalten trat an

seine Stelle. -- So war es in Wien, und so ist es jetzt hier!«

Da richtete sich Valentine aus ihrer zusammengesunkenen Haltung auf.

Eine helle Röte färbte ihre bleichen Wangen, und ihre Augen leuchteten

in seltsamem Glanz. Und während sie sprach, fielen von den Wimpern

Tränen in ihren Schoß.

»Um wieviel besser,« begann sie mit unsäglicher Bitterkeit, »waren

an der Donau die Fordernden daran, wenn man ihnen _wenig_ bot. Hier

bot man ihnen nichts! Nur Tröstungen auf später! Seit dreißig Jahren

erfüllt aller Herzen das unstillbare Sehnen nach einem geeinten

deutschen Vaterland. Der Schmerz über die Zerrissenheit der deutschen

Stämme bereitet selbst dem einfachen Mann tiefes Weh, und Schamröte

färbt sein Gesicht, wenn er vernimmt, wie andere Völker mit unserer

Uneinigkeit Spott treiben. Die hundertmal wiederholten Bitten des

Volks fanden keine Erhörung! Auf wessen Seite liegt nun die Schuld,

wenn nach allem fruchtlosen Mühen der Bürger zur Waffe greift und sein

Zorn sich gegen die richtet, die aus Bangnis um ihre Vorherrschaft im

Staat sich einem Wandel widersetzen? Den innern Frieden des Volks zu

wahren und zu fördern, ist die heilige Pflicht der Obrigkeit. Warum

verschließen die Regierenden den maßvollen Wünschen ihr Ohr? Warum

weigern sich die Könige, die Reichsverfassung anzuerkennen? Die Männer,

die in der Paulskirche in Frankfurt das schwere Werk schufen, sind

die Besten des deutschen Volks, und ihre Beweggründe sind rein und

selbstlos!«

Valentine hatte mit edler Wärme gesprochen. Ihre Stimme besaß einen

metallischen Klang, und das Beben der Lippen verriet ihre tiefe

Bewegung. Jetzt lehnte sie sich zurück und sah regungslos und mit

weitgeöffneten Augen in die Flammen.

Der Fremde betrachtete das Mädchen verstohlen. Endlich erwiderte er:

»Die Entwicklung der inneren politischen Zustände des deutschen Volks

seit den Freiheitskriegen hat die Hoffnungen nicht erfüllt, mit denen

man nach Beendigung jener großen Tage dem Morgenrot einer neuen Zeit

entgegenjubelte. Große Umwälzungen in der Geschichte der Deutschen

haben sich immer langsam vollzogen. Unser Volkstum gleicht einem

knorrigen Eichbaum, der nur widerstrebend das hergibt, was er besitzt.

Und um seine Krone stattlich zu entfalten, bedarf es langer Jahre,

währenddessen schwere Stürme über ihn hinbrausen und bis ins Innerste

erschüttern. Aber sein Stamm ist fest und sein Mark gesund. Die Ungunst

der äußeren Gewalten kann sein Wachstum wohl für eine Zeit hemmen, sie

vermögen aber nicht, den Baum zu entwurzeln.«

Hier wich der Fremde von dieser Betrachtung ab und fuhr unvermittelt

fort:

»Bei aller Anerkennung der Ideale, um derentwillen die Waffen jetzt

erhoben worden sind, gilt dieser Kampf doch nur einer von vornherein

aussichtslosen Sache. Denn es ist Wahnwitz, wenn die Sachsen ihren

König zwingen wollen, die Reichsverfassung anzuerkennen, solange

Preußen damit zögert. Überhaupt dieses Wort: Reichsverfassung! Es ist

zum Schlagwort der Masse geworden, zum Zuckerbrot, mit dem die Führer

sie gelockt, und zur Geißel, mit der man sie ausgepeitscht hat. Die

bürgerlichen Kräfte reichten zu einer machtvollen Erhebung nicht aus,

deshalb kam die Hilfe der Menge gelegen. Zu derselben Stunde aber, in

der der große Haufe aufstand, verloren die Verständigen die Führung,

und die schrankenlose Willkür entriß ihnen die Zügel. Es war nicht mehr

die Sache der Gasse, sondern der Gosse. Jetzt denkt man gar nicht mehr

an jene maßvollen Forderungen. Ein verheerender Sturm ist losgebrochen!

Der Pöbel herrscht, und der Kampf gilt dem Umsturz!«

Valentine schwieg und blickte wie geistlos in das Feuer. Sie atmete

schwer. Die züngelnden Flammen erschienen ihr wie verzerrte Fratzen,

die sie mit höhnischem Lächeln ansahen und ihre blutigroten Arme nach

ihr ausstreckten.

Da trat der Fremde an ihre Seite und legte ihr teilnehmend die Hand auf

die Schulter.

»Mein liebes Fräulein,« sagte er in väterlichem Tone, »Sie sind ein

Kind des Landes, und seine Not geht Ihnen zu Herzen. Aber Sie sollen

Tröstung in Ihrem Wirken finden, das ihnen Gelegenheit gibt, die

Wunden zu heilen, die dieser ruchlose Aufstand geschlagen. Wohltun

und Barmherzigkeit üben, sind die edelsten Vorrechte des Weibes. Das

tiefe Leid, das Ihre Seele erfüllt, wird durch das erhebende Bewußtsein

gemildert werden, nichts gemein zu haben mit denen, die so lange

geschürt, bis das Elend und der Jammer hereinbrachen.«

Das blasse Gesicht Valentinens wurde bei diesen Worten marmorweiß,

und ihre Augen schlossen sich. Eine Weile verharrte sie unbeweglich,

während der Fremde mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab ging.

Dann erhob sie sich mit Anstrengung, murmelte ein paar Dankesworte für

die genossene Gastfreundschaft und verließ das Zimmer.

[Illustration]

Fünfzehntes Kapitel

Im Hotel herrschte lautlose Stille. Mit eiserner Beherrschung erfüllte

Valentine bei ihren Kranken noch die letzten Verrichtungen für die

Nacht. Dann wies sie die Magd an, sich zur Ruhe zu begeben. Das junge

Mädchen mit dem blassen, schmalen Gesicht und den großen, stillen

Augen beharrte jedoch darauf, die Nacht im Lehnstuhl inmitten der

Kranken zu verbringen und bat sie, sich selbst auszuruhen. Da ging

Valentine in das von dem Fremden überlassene Nebenzimmer und legte sich

unausgekleidet auf ein Bett.

In derselben Nacht, in der in dem kleinen Bürgerhaus auf der

Brüdergasse, worin jahrzehntelang ohn' Unterlaß der köstlichste

Frieden treu gehegt worden war, die beiden alten Leute von furchtbaren

Seelenqualen gepeinigt keinen Schlaf fanden, wachte ihr Kind an einer

der Stätten dem Morgen entgegen, wo während des Tages der blutige Kampf

am erbittertsten getobt hatte.

Die Rede des Fremden hallte Valentine unaufhörlich im Ohre wider, und

die fürchterliche Wahrheit seiner Worte grub sich ihr tief ins Herz.

Wesenlose Schattengestalten stiegen in der Dunkelheit vor ihren Augen

herauf, umwandelten gespenstisch ihr Lager und setzten sich zu ihr auf

das Bett. Das sind die unerbittlichen Geister der Zwietracht und des

Hasses, hörte Valentine eine Stimme sagen, die auch du hast beschwören

helfen.

Und sie dachte an ihre glückliche Kindheit, an ihren geliebten

Vater, der, wie sie jetzt wußte, aus seinem Traum, die Menschheit zu

beglücken, verhängnisvoll erwacht war, und an die stille Mutter, die

bei diesem allen unsäglich litt.

Grenzenlose Traurigkeit zog in des Mädchens Herz und lähmte ihr die

Kraft, zu wollen und zu hoffen. Wie sah doch jetzt alles ganz anders

aus! Eine einmütige Kundgebung gegen die Weigerung der Regierung, ein

flammender Protest des ganzen Landes, der den Ernst des Volkswillens

offenbarte, hätte das Äußerste sein dürfen, wozu ein wirklicher

Freund des Volkes raten konnte. Was darüber hinaus geschehen, war

schreckenvoll!

Valentinens scharfer Verstand erkannte jetzt deutlich, daß der Fremde

recht hatte. Das Wort Reichsverfassung hatte als schmetternde Fanfare

gedient, bestimmt, das Volk in die Höhe zu reißen, als Losung, um

den schon lange im Lande weilenden, aber noch gefesselten Geist

der Empörung mit einem Schlage zu befreien. Der Aufstand war eine

Machtprobe! Die Regierung sollte erfahren, daß man sie zu allem zwingen

könne.

Und selbst wenn diese Probe gelang, was war ihr Erfolg? Sollte der

König, sofern er bei seiner Weigerung blieb, zur Abdankung gezwungen

und die Republik ausgerufen werden? -- Nein! An dem monarchischen

Grundpfeiler des sächsischen Staates hatte wohl kaum einer der Führer,

die am Anfang an der Spitze der Bewegung standen, rütteln wollen!

Valentine stöhnte auf unter einer zermalmenden Schuld. Auch sie hatte

den Kampf herbeigesehnt, sie -- ein Weib! Wie jene gutgesinnten,

lebensreifen Männer, hatte die Bewegung auch sie mit fortgerissen.

Die sonst nicht leicht für eine gemeinsame Idee zu sammelnden Sachsen

-- hier, wo es der Verwirklichung einer der großen Sehnsuchten des

deutschen Volkes galt, -- hatten sich alle einmütig zusammengefunden.

Nur war das Land, in das sie ihre Blicke mit heißem Verlangen

richteten, ein Traumland -- -- --

Aber die nüchterne Wirklichkeit ist unduldsam gegen die Träger

nationaler Hochziele, wenn sie eine gewaltsame Änderung der

Machtverhältnisse im Lande herbeiführen wollen. Der graue Alltag

haßt die leuchtenden Farben am Himmel der Idealisten und nennt diese

Schwärmer.

Auch an die Männer dachte Valentine, die ihr Leben freudig einsetzten

und die kaum verstanden, wie rechtlos der Kampf war. Und wieder trat

das reine Bild des Vaters vor ihr Auge. Ein furchtbarer Alp legte sich

auf sie. Und sie hörte eine Stimme aus der Tiefe ihres starken Herzens

heraufschallen: seine Schuld!

Da schrie das Mädchen in namenlosem Weh auf. Ihre Lippen bewegten sich,

als ob sie bete, und ihre Augen suchten angstvoll nach einer Tröstung.

So hatte Valentine bis gegen Mitternacht gelegen. Da hörte sie, wie

im Nebenzimmer ein Kranker wiederholt um einen Trunk Wasser bat.

Entschlossen riß sie sich aus ihren qualvollen Träumen, sprang vom

Bett auf und machte eine Bewegung, als wenn sie alle Schwäche von sich

abwerfen wolle.

Sie ging in die Krankenstube und sah die junge Magd in tiefem Schlaf.

Da reichte sie dem Fiebernden das Glas und ordnete mit liebevoller

Schonung sein Lager. Dann setzte sie sich auf den Holzstuhl zur Seite

des schlafenden Mädchens und horchte gespannt auf die Atemzüge der

Kranken.

Als die ersten Schimmer des jungen Tages hereinbrachen, wurden die

Schläfer im Hotel Stadt Rom wach. Das Schweigen der Nacht zog auf

den Flügeln der scheidenden Finsternis von dannen, und dumpfes

Stimmengewirr und Poltern hob an, denen alsbald Waffenlärm und das

Getöse des Gewehrfeuers folgten. Um die vierte Stunde rollte mit dem

letzten Glockenschlag der Frauenkirche wieder der erste Schuß durch die

feierliche Stille des Sonntagmorgens.

Auf den im Frührot schimmernden und von der heraufsteigenden Sonne

golden gefärbten Dächern der Häuser am Neumarkt saßen die Amseln und

pfiffen unermüdlich in die neu erwachte Frühlingspracht hinein. Beim

Krachen der ersten Schüsse aber schwiegen die munteren Sänger und

flogen erschreckt davon, dem Menschen die entweihte Stätte des Friedens

überlassend.

Valentine hatte die Betten aus den Zimmern des Fremden in das neue

Krankenzimmer bringen lassen. Es währte auch nicht lange, bis wieder

Verwundete ihre Hilfe suchten. Doch waren es zum Glück nur leichte

Verletzungen, die von Streifschüssen oder von ermatteten Kugeln

herrührten. Als aber am Brühlschen Palais ein Geschütz auffuhr und

seine Geschosse dröhnend in das Mauerwerk des Hotels einschlugen,

wurden auch Schwerverwundete hereingetragen.

Deshalb atmete Valentine auf, als der junge Arzt wieder erschien, der

bereits am Abend vorher die Kranken besucht hatte. Er sah todmüde aus,

als wenn er während der ganzen Nacht kein Auge zugetan hätte. Rasch

legte er die nötigen Verbände an und bezeichnete die Kranken, die er im

Laufe des Vormittags nach der Klinik bringen lassen würde.

Nachdem er gegangen war, widmete sich Valentine wieder ihren

Pflegebefohlenen. Unermüdlich ging sie von einem zum andern, reichte

den Begehrenden Nahrung und versuchte, den Schwerleidenden ihre Qualen

mit tröstenden Worten zu erleichtern. In ihrem Herzen hatte sich alle

Weichheit befreit, und ein unendliches Mitgefühl für ihre Kranken war

in dem Mädchen erwacht.

Von den Vorderzimmern tönte unausgesetzt das Krachen der Gewehre

herein. Valentine sah, welche Pein der Lärm manchem Verletzten

bereitete. Und es tat ihr weh, daß sie die Schwerleidenden nicht davor

bewahren konnte.

Da deutete die Magd nach der Tür, und als sie hinsah, bemerkte sie den

weißhaarigen Kopf des Dieners in dem Spalt.

»Mein Herr läßt noch einmal bitten,« flüsterte der Alte.

Als Valentine in das Zimmer des Fremden trat, saß dieser mit dem grünen

Schirm über den Augen vor einem geöffneten Koffer. Um ihn herum standen

Reisekörbe, und den Fußboden und die Stühle bedeckten Kleider und

allerhand Gegenstände.

Bei ihrem Eintreten stand der Fremde auf und führte Valentine zum

Kamin, zu dessen beiden Seiten sie sich niedersetzten.

»Das ist noch die einzige Stelle, wohin die Brandung nicht reicht,«

sagte er, auf die wirr durcheinanderliegenden Sachen zeigend. »Wie Sie

sehen, ziehe ich aus.«

»Ich habe mich gewundert, daß Sie diesen schreckenvollen Ort nicht

schon längst verlassen haben,« antwortete Valentine.

Der Fremde zuckte mit den Achseln.

»Die erst vor kurzem vorgenommene Operation meiner Augen verbot eine

frühere Übersiedelung. Heute hat mir der Arzt diese erlaubt. Ich werde

im Kurländer Haus Wohnung nehmen. Der Wagen, mit dem ich dahin fahre,

wird verdunkelt; -- so wird es wohl ohne Schaden gehen.«

Valentine machte einen Versuch zu lächeln.

»Wissen Sie auch,« sagte sie, »daß mir Ihr Fortgehen Freude bereitet?«

»Sie müßten keine treue Sorgerin Ihrer Schutzbefohlenen sein,«

antwortete der Fremde, »wenn Ihnen der Zuwachs an Krankenzimmern nicht

willkommen wäre. Ich verstehe das. Leider finden Sie nur noch zwei

Betten vor. Aber wollene Decken kann ich Ihnen dalassen.«

Valentine dankte durch Neigen des Kopfes.

»Der nicht aussetzende Feuerlärm tagsüber,« fuhr der Fremde fort, »war

ja bisweilen recht störend. Aber ich saß doch in diesen Hinterzimmern

ziemlich sicher. Jetzt befürchte ich freilich, daß diese Sicherheit

nicht mehr lange dauern würde.«

Und als er bemerkte, daß Valentine ihn fragend ansah, fügte er hinzu:

»Die Leute, die vorn an den Fenstern stehen, sind mutige Männer. Ich

habe mich vorhin überzeugt, mit welcher Kaltblütigkeit sie schießen.

Es ist nur schade, daß sie nicht für eine bessere Sache kämpfen.

Sicherlich werden sie auch tapfer aushalten, wenn Mann gegen Mann

steht. Und das wird, wie ich vermute, nicht mehr lange ausbleiben.«

»Glauben Sie, daß die Truppen angreifen werden?« fragte Valentine, sich

jäh aufrichtend.

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 15 / 18 段