In dem geräumigen Flur stand eine Anzahl Pulverfässer. Von einigen

war der Deckel abgeschlagen, und der Inhalt lag in Haufen auf den

Steinfliesen. Etwa ein Dutzend Männer war mit Patronenanfertigen

beschäftigt.

Heinrich hatte starke Nerven. Als er aber die Sorglosigkeit sah, mit

der diese Männer inmitten der Pulvermassen arbeiteten, und als er gar

bemerkte, daß etliche offene Pfeifen und selbst Zigarren rauchten,

fühlte er einen Schauer. Schon der Inhalt weniger Fässer würde vollauf

genügen, das Rathaus in die Luft zu sprengen.

Da fiel sein Blick durch die offene Tür auf den Hof, wo er in

der letzten Nacht geschlafen hatte. Der große Haufen Brote war

verschwunden. An seiner Stelle stand jetzt die Ratsspritze, deren

gewaltiger Bauch gerade mit Spiritus gefüllt wurde.

Heinrich trat hinzu und erfuhr aus den Reden der Umstehenden, daß

noch einmal der Versuch unternommen werden sollte, das Prinzenpalais

in Brand zu stecken. Man wollte sich unter dem Schutze der Nacht

heranschleichen und durch eingeschlagene Fenster den Spiritus

hineinspritzen und brennende Pechkränze hinterdreinwerfen. Ein anderer

erzählte von einem Plan, nach dem Freiberger Bergleute das Schloß

unterminieren und mit Hilfe allen entbehrlichen Pulvers dem Erdboden

gleichmachen wollten.

In der Mitte des Hofes standen wieder Pulverfässer. Daneben hingen über

offenen Feuern große eiserne Kessel, in denen Pech gesiedet wurde.

Wenn der Wind in die lodernden Holzscheite fuhr, schlugen die Flammen

hoch auf, und die knisternden Funken wurden über den Hof und über die

offenen Pulverfässer hinweggeweht.

Heinrich faßte sich an die Stirn. War das Wirklichkeit, was er da sah?

Oder äffte ihn ein närrischer Traum?

Dort lief zwischen den Feuerstellen der Musikdirektor Röckel herum

und stellte die Leute an. Jetzt ging dieser zu den Arbeitern, die

lange eiserne Stäbe mit einem Maschinenmesser durchschnitten. Die so

gewonnenen kurzen Eisenzylinder hatte Heinrich schon verwenden sehen:

sie bildeten die furchtbare Munition für die Burgker Kanonen an der

Schloßgassenbarrikade. Hatten denn diese Männer hier alle Besinnung

verloren? Ein einziger der umherstiebenden Funken in das Pulver -- --

Starrköpfig schritt Heinrich die Rathaustreppe hinauf. Mochte kommen,

was wollte. Er ging der Gefahr nicht aus dem Weg! Auf den Barrikaden

würde er freilich einen schöneren Tod sterben, als wenn er mit dem

Rathaus in die Luft flöge. Nun, lange brauchte er sich hier nicht

aufzuhalten, dann wollte er wieder kämpfen. Nur nach Valentine und

Frau Marschall mußte er noch fragen.

Das Innere des Rathauses glich dem Hauptquartier einer geschlagenen

Armee. Auf den Treppen und Korridoren herrschte ununterbrochenes Laufen

und Hasten, und dumpfes Stimmengewirr erfüllte die Luft.

Freischärler mit Gewehren, andere mit Piken, einige sogar mit Sensen

eilten hin und her oder standen in lebhaft verhandelnden Gruppen

zusammen. Überall Wirrwarr und Aufgeregtheit. Jeder ordnete an, keiner

gehorchte.

Männer mit roten Schärpen und den bekannten breiten Hüten, worauf kühn

geschwungene Hahnenfedern wippten, an der Seite einen schleppenden

Reitersäbel, erteilten mit hochtrabenden Worten und unter herrischen

Gebärden Weisungen, denen drei andere gleichzeitig widersprachen.

Die Befehle wurden abgeändert, erweitert, eingeschränkt, -- jedesmal

wiederholte sich der Einspruch der Empfänger. Erneute Änderungen

und Gegenbefehle. Bis zuletzt keiner mehr wußte, woran er war. Da

wurde alles widerrufen. Die Gruppen gingen entrüstet und schimpfend

nach allen Seiten auseinander, und die Rotschärpen suchten sich

wichtigtuerisch einen neuen Kreis, wo sich das alte Spiel des langen

Schwadronierens wiederholte.

Als Heinrich den großen Rathaussaal betrat, fand er diesen ebenfalls

mit Menschen gefüllt. Hier sah er auch noch Kommunalgardisten. Auf

die Gasse wagte sich diese Bürgerwehr schon lange nicht mehr, da sie

überall tätlich angegriffen wurde.

Schreiber liefen in Eile vorbei, die ihres Amtes entsetzten Stadträte

standen beratend beieinander und Freischärler stolzierten herum in

lächerlichen Phantasieuniformen und mit mittelalterlichen Spießen, die

aus bürgerlichen Waffensammlungen entwendet waren. Auch verängstigte

Frauen waren da, die Nachricht über ihre Männer zu erhalten hofften,

kommende und abgehende Boten und verhaftete vornehme Bürger, von einem

Wall von Pikenmännern umgeben. Den Grund ihrer Festnahme kannte zumeist

weder der Verhaftete noch sonst jemand.

Wohin Heinrich blickte, sah er aufgeblasene Mienen, Wichtigtuerei und

Kopflosigkeit. Überall wurde geschrien, gelacht, geraucht und auf den

Fußboden gespuckt. Schnaps- und Weinflaschen gingen herum, und die

Verhafteten wurden verhöhnt und mit unflätigen Reden bedacht.

Da bemerkte Heinrich einen Schreiber des Advokaten Marschall, der jetzt

wohl im Dienst der provisorischen Regierung stand. Von ihm erfuhr er,

daß Marschall noch nicht hier sei, aber schon längst erwartet würde.

Heinrich beschloß, ebenfalls zu warten, und drängte sich in eine Ecke

des Saals.

Hier stand im Halbkreis eine Anzahl Kommunalgardisten, hinter denen

an einem langen Tisch ein einzelner Mann saß. Vor ihm war eine große

Landkarte von Sachsen ausgebreitet und daneben ein Plan von Dresden,

den er sorgfältig studierte. Der Mann gefiel Heinrich nicht. Er hatte

ein bleiches Gesicht, das ein ungepflegter, schwarzer Bart umrahmte,

und eine leichtgekrümmte, scharfgeschnittene Nase.

Jetzt trat ein Offizier in einer wunderlich aufgeputzten Uniform zu dem

Sitzenden und sprach mit ihm.

»Wer sind denn diese beiden?« fragte Heinrich einen älteren

Kommunalgardisten.

Der Angesprochene, ein biederer Dresdner, legte seinen Mund an

Heinrichs Ohr und raunte ihm zu:

»Derde schtehd, is Owerschtleidnand Heinze, der Kommandand unsrer

Streidkräfde, un derde sitzd, is Bakunin.«

»Bakunin?«

Der Schwarzgelbe nickte geheimnisvoll und in sichtlicher Ehrfurcht,

und als er bemerkte, daß seine Mitteilung auf Heinrich wenig Eindruck

machte, belehrte er ihn mit väterlichem Wohlwollen:

»Das is Sie ä sehr bedeidender Mann, junger Freind! An dänn kann keener

ran, der dirichierd Sie nämlich de Refoluzjon ganz alleene. In dänn

sein' Händn liechen alle Ziechel.«

»Ich denke, die provisorische Regierung bilden Tzschirner, Heubner und

Todt?« fragte Heinrich erstaunt.

»Nich mähr,« entgegnete der Wackere redselig. »Uff Dod is schon garnich

mähr ze rechnen, der is heide nachd ausgerissen wie Schafläder. Heibner

war glei vun vornerein bloß ä kleenes Binkdchen, un wie 'r sich

uffblies, worde änne große Null draus. Freilich, was Tzschirner is, der

is ja nich von Babbe! Nee, das kännde mr weeßknäbbchen ni sagen. Aber

Bakunin is'n ieber. Er is zwar bloß ä Bole ...«

Heinrich war überrascht.

»Ein Fremder leitet in diesen schweren Stunden unsere sächsische

Sache?« fragte er ungläubig. »Das ist doch eine himmelschreiende

Schmach!«

Der Kommunalgardist erschrak heftig und sah sich schnell um.

»Ei, Herrcheeses!« entfuhr es ihm. »Härnse, seinse bloß dadermid

mucksmeischenschtill! Wär wärdn in so änner äffendlichen Umgäwung

sulche Rädn fiehrn?«

Hiermit hatte er seinen Schreck aber schon verwunden. Er machte ein

dummschlaues Gesicht und fügte hinzu:

»Ich sag nich so un nich so. Nachher heeßt's allemal glei: Bietsch had

so oder so gesagd!«

Und als er bemerkte, wie sich Heinrichs Entrüstung nicht verringerte,

setzte er tröstend hinzu:

»Bakunin kennse ieberallhin holn, wose refoluzjoniern wulln. Das is ähm

nu so seine Spezjaledäd, wie m'r im Läb'n ze sagen pflächt. Dadermit

had'r was los. Allebunnähr!«

Heinrich hörte gespannt nach dem Tisch hin. Da hörte er den

Kommandanten sagen:

»Diese roten Punkte auf dem Stadtplan -- rund um den Kreuzturm --

stellen die Barrikaden dar. Durch sie halten wir in Altstadt die

wichtigsten Straßeneingänge besetzt. Es sind einhundertacht, alle nach

Sempers Angaben gebaut.«

Die Männer beugten sich über die Karte und Bakunin machte eine

Bemerkung, die Heinrich nicht verstand.

»Allerdings hat das Leibregiment den Zwingerwall gestürmt,« antwortete,

sich aufrichtend, der Kommandant, »aber es wird nicht lange dauern,

dann haben wir ihn wieder. Sie können sich dort unmöglich halten; das

Feuer der Unsrigen an der Ostraallee wird die Truppen dezimieren. In

einer Stunde lasse ich den Wall mit dem Bajonett nehmen.«

Während sich Bakunin von neuem in den Stadtplan vertiefte, trat

erhitzten Gesichts ein Turner an den Kommandanten heran und meldete,

das Turmhaus und die Gebäude an der Ostraallee könnten nicht mehr lange

gehalten werden. Die Verteidiger erlitten unter dem Feuer der Truppen

die schwersten Verluste, und die Kompagnien auf dem Zwingerwall zögen

schon Verstärkungen heran, vermutlich, um das Turmhaus zu stürmen.

Oberstleutnant Heinze hieß den Boten mit einer heimlichen Bewegung

schweigen. Dazu sah er verstohlen auf Bakunin, der jedoch so in den

Stadtplan vertieft war, daß er die Meldung nicht gehört hatte. Nun

versprach der Kommandant der Turmhausbesatzung sofortige Verstärkung.

Aber er verlangte, daß das Gebäude um jeden Preis behauptet werden

müsse. Hierauf verschwand der Bote eiligst.

Jetzt sah Bakunin wieder auf.

»Wir können unsere Stellungen also überall halten?« fragte er.

Der Kommandant lächelte überlegen.

»Halten?« erwiderte er, »vorgehen werden wir. Heute mittag soll der

Zwinger in unserm Besitz sein. Die Geschütze auf der Barrikade bei

Stadt Gotha werden den Schloßflügel über dem Georgentor binnen kurzem

in Trümmer geschossen haben. Bis dahin wird es auch gelungen sein, das

Taschenbergpalais in Brand zu setzen. Darauf ziehe ich alle Reserven

zusammen und nehme das Schloß im Sturm.«

Heinrich starrte den Kommandanten an. Das Schloß stürmen? Der Mann war

ein Großsprecher und verstand sicherlich nicht, was es hieß, einen

so gewaltigen und stark besetzten Bau anzugreifen. Und von Reserven

sprach er? Meinte er damit das verkommene Gesindel, das sich in den

Gassen herumtrieb?

Unterdessen empfing Bakunin eine Reihe von Meldungen und gab den Boten

kurze schriftliche Befehle mit oder beschied sie mündlich.

Da trat Stadtrat Meisel heran und bat um die Erlaubnis, die in den

Häusern zwischen Stadt Gotha und dem Schloß wohnenden Familien

auszuquartieren und in der Lüttichaustraße unterzubringen. Diese Häuser

der Schloßgasse seien aufs ärgste bedroht.

Bakunin zuckte geringschätzig mit den Achseln.

»Was -- Häuser,« antwortete er wegwerfend, »laßt sie in die Luft

fliegen! Meinetwegen mögen die Bewohner sie räumen. Aber die

Barrikadenbesatzung soll deshalb das Feuer nicht für eine Minute

unterbrechen.«

Stadtrat Meisel wandte sich eilends ab.

»Das ganze Erzgebirge ist im Aufstand,« hob der Kommandant wieder an.

»Zu jeder Stunde können wir bedeutende Zuzüge erwarten.«

Bakunins Gesicht verriet, daß er an die Verstärkungen nicht recht

glaubte.

»Tzschirner soll sogleich Boten über das ganze Land gehen lassen,«

befahl er, »mit der strengen Aufforderung an die Ortsbehörden, alle

Kampffähigen bewaffnet und auf schnellen Wagen nach der Hauptstadt zu

senden.«

Kommandant Heinze verbeugte sich und trat ab.

Neue Boten kamen und gingen. Unermüdlich empfing Bakunin ihre

Meldungen, erteilte Befehle und gab Anordnungen. Ratsmitglieder gingen

ab und zu, ebenso Schreiber, die seinen Namen unter Aufrufe setzen

ließen und Briefe brachten, worin über die Stimmung auf dem Lande

berichtet wurde.

Dazwischen beriet Bakunin mit Führern des Aufstands die Lage. Mit

scharfem Verstand erfaßte er sofort das ihm Vorgetragene, stellte

Kreuz- und Querfragen, hieß den Sprechenden schweigen und schickte ihn

fort, wenn es ihm beliebte. Keiner war so kaltblütig und für ein so

rücksichtsloses Vorgehen wie er. Bewunderung und Scheu lagen auf den

Mienen der mit ihm Sprechenden. Viele zitterten vor ihm.

Jetzt stand der Ratswachtmeister Meyer vor dem Gewaltigen.

»Sie haben sich geweigert,« sagte dieser mit einem lauernden Blick,

»die Pulverfässer in den Flur des Rathauses bringen zu lassen!«

Der Wachtmeister ließ sich nicht einschüchtern.

»Die Leute gehen mit dem Pulver leichtsinnig um,« versetzte er, »das

Rathaus ist in Gefahr. Der Stadtrat hat angeordnet ...«

»Angeordnet!« brauste Bakunin auf. »Der Stadtrat ist jetzt eine Null!«

»Ich will die Vorräte hinüber ins Chaisenhaus bringen lassen ...«

»Die Fässer bleiben hier!«

»Die provisorische Regierung hat es angeordnet,« fuhr der Wachtmeister

beharrlich fort und griff in die Tasche. »Hier ist der schriftliche

Befehl, unterzeichnet von Herrn Tzschirner selbst.«

Bakunin schlug dem Wachtmeister das ihm vorgehaltene Blatt aus der Hand

und maß den Widerspenstigen mit kaltem Blick.

»Hören Sie,« sagte er gelassen, aber in einem Ton, der verriet, daß er

vor nichts zurückschrecke, »ich habe Sie schon lange beobachtet. Sie

sind ein ganz Gefährlicher! Noch ein Wort und dann ...«

Der Wachtmeister verbiß seine Wut. Aber seine starken Schultern

zitterten. Am liebsten hätte er sich auf den Verhaßten gestürzt und ihn

erwürgt.

Da entdeckte Bakunin mit einem Seitenblick Tzschirner im Saal und rief

ihn heran.

»Sie wollen das Pulver fortbringen lassen?« fragte er stirnrunzelnd.

»Ich glaubte ...«

»Wir dürfen es der Menge nicht preisgeben. Nirgends steht es

geschützter als im Rathaus!«

Tzschirners Unsicherheit wuchs.

»Die hohe Gefahr, in der das Rathaus und wir alle schweben,« versetzte

er.

Bakunin lächelte heimtückisch.

»Ich fürchte die Gefahr nicht ...«

Tzschirner sah das Blatt, das seine Unterschrift trug, auf dem Tisch

liegen. Er griff danach, knüllte es zusammen und warf es auf den

Fußboden.

»Es ist gut, Meyer,« sagte er zu dem Wachtmeister, »Sie können gehen.

Lassen Sie die Fässer hier. Wir müssen das Pulver jederzeit zur Hand

haben.«

Der Wachtmeister entfernte sich widerwillig, und die beiden Männer

sprachen weiter miteinander, ohne den Vorfall noch einmal zu erwähnen.

»Wie ich höre,« versetzte Bakunin, »zieht sich die Bürgerschaft vom

Kampf immer mehr zurück. Wir müssen die angesehensten Bürger der Stadt

verhaften lassen, um ihnen zu zeigen, daß wir die Gewalt besitzen, sie

zum Kampf zu zwingen.«

»Ich habe schon eine große Anzahl von Verhaftungen vorgenommen,«

erklärte Tzschirner.

»Sicher noch zu wenig. Das hochmütige Bürgerpack muß eingeschüchtert

werden, sonst wirkt das böse Beispiel auf andere. Auch Frauen müssen

Sie festsetzen lassen! Das zwingt den Starrsinn der Männer weit besser,

als wenn wir sie selbst einsperren.«

Jetzt wandte sich Heinrich zum Gehen. Was er hier gehört, wühlte sein

Innerstes auf. Die Luft im Saal erschien ihm mit einem Mal erstickend.

Er vermochte nicht mehr länger auf Herrn Marschall zu warten. »Kämpfen,

kämp ... fen!« schrie in ihm eine Stimme.

Als er auf den Altmarkt trat, sah er Professor Richter auf das Rathaus

zuschreiten. Rasch lief er zu ihm hin und fragte nach Frau Marschall.

Professor Richter war noch nicht bei ihr gewesen, lobte aber, als er

die Umstände erfuhr, Heinrichs Entschlossenheit, mit der er die Kranke

aus dem brennenden Hause gerettet hatte.

Dann erkundigte sich Heinrich nach Valentine. Die wäre seit gestern

abend im Hotel Stadt Rom, beschied ihn der Professor, wo sie den

Verwundeten die erste Hilfe spende. Damit ließ er den jungen Mann

stehen und eilte weiter.

Hocherfreut, Valentine endlich zu sehen, schlug Heinrich den Weg nach

dem Neumarkt ein. Als er gestern das Hotel verließ, hätte er nicht

gedacht, daß er heute dahin zurückkehren würde. Am liebsten hätte er

freilich auf der Schloßgassenbarrikade gefochten. Aber nun Valentine

in Stadt Rom weilte, wollte er auch dahin. Er würde in ihrer Nähe

kämpfen, und sie legte Verbände an. Vielleicht auch ihm einen? -- --

Was tat's!

Vierzehntes Kapitel

Nachdem Valentine das elterliche Haus verlassen hatte, war sie nach

dem Zeughausklinikum gegangen, um Professor Richter ihre Dienste

anzutragen. Dort traf sie ihn auch. Als Valentine bat, sie als

Pflegerin zu behalten, lobte der Professor ihren Opfersinn und wies

sie an, ihn sogleich durch die Krankensäle zu begleiten, da gerade die

Verbände der Verwundeten gewechselt würden.

Wie Valentine die schweren Verletzungen sah, schien es ihr freilich,

daß sie ihre Kraft überschätzt habe. Aber sie war zu stolz, Schwäche

zu zeigen, und gewöhnte sich allmählich an den Anblick. Aufmerksam

achtete sie auf die Handreichungen der andern Pflegerinnen und bemühte

sich, es ihnen nachzutun. Ihr starker Wille und ihre natürliche

Geschicklichkeit für praktische Verrichtungen halfen ihr bald über die

ersten Schwierigkeiten hinweg.

Professor Richter rief Valentine an seine Seite und zeigte ihr, wie

Blutungen zu stillen und Wunden zu reinigen und zu verbinden seien.

Mit vielem Bedacht ging Valentine ihm zur Hand und empfand heimliche

Befriedigung, als ihre Versuche, es selbst zu tun, glückten und als

der Arzt seine Zufriedenheit aussprach. Da verlor sich die anfängliche

Zaghaftigkeit, und ihre Handgriffe wurden sicherer. So half sie

während des ganzen Nachmittags.

Am Abend brachte Professor Richter das Mädchen nach dem Hotel Stadt

Rom, wo sie fortan selbständig Hilfe leisten sollte. Gerade an dieser

Stelle wurden viele Kämpfer verwundet, da das Haus vom Johanneum und

von der Frauenkirche her andauernd mit starkem Feuer überschüttet wurde.

In dem Hotel fand Valentine denn auch eine erhebliche Anzahl Verletzter

vor, die der ersten Hilfeleistung harrten. Mit unendlicher Geduld ging

sie an die ernste Arbeit und wurde nicht müde, den Schwerverwundeten

Trost zuzusprechen und die Verletzungen nach den Weisungen des

Professors zu behandeln.

Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als das Feuer schwieg. Da

erst konnte Valentine auch an sich denken.

Zwar empfand sie große Müdigkeit. Aber ein köstliches Frohgefühl

bewegte ihre Brust und ließ sie die Abspannung vergessen. Das

Bewußtsein, die Leiden der Unglücklichen zu mildern, machte

ihr Herz höher schlagen. Manche bleiche Lippe hatte der jungen

Samariterin bebend Dank gestammelt und manches tränenerfüllte

Auge ihren Trostspruch stumm gelohnt, wenn der fliegende Atem den

Schwerverwundeten der Sprache beraubte.

Valentine fühlte jetzt deutlich, welche Wandlung sich in ihrem Innern

vollzogen hatte.

Noch vor wenigen Tagen, als die Bewegung immer drohender wurde bis der

Aufstand ausbrach, hatte sie bedauert, ein Weib zu sein, das nicht in

die Reihen der Kämpfenden treten konnte. Als aber das Gefecht begonnen

und sie von den ersten Verwundeten gehört, als Professor Richter

erzählt hatte, wie schnell die Zahl der Opfer des Kampfes wachse, und

als sie sich endlich bewußt geworden war, wie furchtbar schwer die

Verantwortung auf den Leitern der blutigen Erhebung ruhte, da hatte

sich alle Härte und Schroffheit gleichsam über Nacht aus ihrem Herzen

gestohlen! Und zu dem allen wußte sie sich mitschuldig. Hatte sie doch

nicht nur insgeheim, sondern auch mit vorschnellem Wort den Eintritt

der Katastrophe herbeigewünscht. Jetzt aber, wo die Entsetzlichkeit des

Krieges ihr vor Augen stand, erhob sich laut die Stimme ihres Herzens.

Und sie mußte helfen, lindern und Barmherzigkeit üben, bis ihr die

Kraft versagte!

Nachdem mit Einbruch der Dunkelheit das Gewehrfeuer endlich

geschwiegen, war in Stadt Rom sehr bald tiefe Ruhe eingetreten. Von den

ersten Morgenstunden bis in die sinkende Nacht hinein hatten die Männer

im Feuer gestanden. Jetzt machte sich die hohe Abspannung geltend. Nur

einige verlangten nach Nahrung. Die meisten waren zum Umsinken müde und

legten sich nieder, wo sie gerade standen. In allen Zimmern waren die

Fußböden mit Schläfern bedeckt.

Die Hotelbetten waren schon beim Ausbruch des Kampfes in zwei nach dem

Hofe zu gelegenen Stuben gebracht worden. Hier lagen die Verwundeten,

zu deren Pflege eine Magd des Hotels Valentine beistand.

Als das Feuer eingestellt war, meldeten sich noch ein paar

Leichtverletzte, die im Eifer des Kampfes ihre Wunden nicht beachtet

hatten. Bestürzt sah sich Valentine um. Sie hätte auch ihnen gern

Lagerstätten angewiesen, aber alle vorhandenen Betten waren bereits

belegt. Und sie bangte für den nächsten Tag, der ihr wieder neue

Verwundete bringen würde.

Da erfuhr sie von der Magd, daß in den Zimmern nebenan ein vornehmer

Gast wohne. Der Besitzer des Hotels habe ihm wiederholt eindringlich

vorgestellt, wie sein Leben aufs höchste bedroht sei. Aber der Fremde

hätte sich geweigert, das gefährdete Haus zu verlassen. Vielleicht

würde er auf das anstoßende Zimmer, in dem sich noch zwei Betten

befänden, zugunsten der Kranken verzichten.

Schnell entschlossen ließ sich Valentine nach dem Zimmer dieses Gastes

führen. Auf ihr Klopfen trat ein weißhaariger Diener in Livree, mit

Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen heraus, die Tür hinter

sich schließend.

Valentine brachte ihre Bitte vor. Der Glattrasierte, seiner Sprache

nach ein Österreicher, versicherte, daß auf das Zimmer nicht verzichtet

werden könne. Die Schilderung des Mangels an Raum und Betten für die

Verwundeten beantwortete er mit bedauerndem Achselzucken. Da verlangte

das Mädchen mit bestimmten Worten, daß er sie zu seinem Herrn führe.

Eine kurze Weile blieb der Befrackte unschlüssig, dann öffnete er

geräuschlos die Tür und verschwand hinter ihr.

Während Valentine voll Unruhe wartete, mußte sie an den seltsamen Gast

denken, der es verschmähte, ein sicheres Quartier aufzusuchen. Da

erschien der Diener von neuem und bat sie, einzutreten.

In dem großen Raum brannte eine einzige Kerze, die nur die nächste

Umgebung notdürftig erhellte. Am Tisch saß ein Herr im Alter von etwa

fünfzig Jahren und von vornehmem Aussehen. Beim Eintreten Valentinens

wandte er sich im Stuhl nach der Tür und nahm einen grünen Augenschirm

von der Stirn.

Valentine schritt unbefangen zu dem Sitzenden hin, der sie während

ihres Näherkommens aufmerksam betrachtete. Plötzlich stand er auf,

machte dem Mädchen eine Verbeugung und lud sie mit einer stummen

Handbewegung zum Sitzen ein.

Der Fremde hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht von ernstem Ausdruck.

Sein Schnurrbart und das Haar an den Schläfen waren grau. Er schien das

Bedürfnis zu haben, seine Augen zu schonen. Denn während er Valentine

fragend ansah, legte er die Hand an die Stirn, um selbst das dämmrige

Kerzenlicht noch zu dämpfen.

»Ich pflege hier im Hause die Verwundeten,« begann Valentine ohne

Umschweife. »Und da es mir morgen an Raum fehlen wird, die Verletzten

unterzubringen, so bitte ich Sie, mein Herr, mir ein Zimmer von den

Ihrigen abzutreten.«

»Sehr gern,« antwortete der Fremde ohne zu zögern. »Kann ich Ihnen

sonst noch helfen? Brauchen Sie Betten? In meinen Zimmern befinden sich

noch einige, die ich Ihnen zur Verfügung stelle.«

Valentine hatte dieses bereitwillige Entgegenkommen nicht erwartet.

Auf ihrem Gesicht prägte sich freudige Überraschung aus. Der Fremde

schien es zu bemerken. Gleichsam, als ob er sie verhindern wolle, ihrem

Empfinden Ausdruck zu geben, fragte er rasch:

»Möchten Sie sich das Zimmer einmal ansehen?«

»Wenn Sie es erlauben ...«

Der Fremde stand auf und winkte dem in respektvoller Entfernung

unbeweglich stehenden Kammerdiener.

»Die Kerze, Pepi.«

Gleichzeitig setzte er sich den Augenschirm wieder auf die Stirn. Der

Diener leuchtete voran, und sie betraten das Zimmer. Es war ein großer,

nüchterner Raum, in dem außer dem notwendigen Gerät zwei Betten und ein

breiter Divan standen.

»Hier kann ich zehn Verwundete unterbringen,« sagte Valentine, sich

erfreut umsehend.

»Wieviel leere Betten stehen noch in unsern Zimmern?« fragte der Fremde

den Diener.

Der Weißhaarige sann einen Augenblick nach.

»Ihrer fünf oder sechs,« antwortete er.

Sich wieder an Valentine wendend, sagte der Fremde:

»Vielleicht lassen Sie die Betten morgen vormittag durch Ihre Leute

hierher bringen.«

»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, mein Herr,« antwortete Valentine.

Der Fremde überhörte diese Worte.

»Erhalten Ihre Verwundeten ausreichend Essen?« fragte er.

»Die Küche des Hotels liefert es ihnen. Was ich heute abend sah, war

gut.«

»Haben Sie Wein?«

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 14 / 18 段