Da bedeckte der alte Mann die Augen mit beiden Händen, lehnte sich
zurück und blieb eine lange Zeit stumm. Valentine! Sein Kind, an dem
sein ganzes Herz hing! Jetzt stand auch sie unter den Kämpfenden! Daß
sie gegangen, nur um die Leidenden zu pflegen, vermochte er kaum zu
glauben. Er kannte ihren aufflammenden Sinn -- --
Als er heute den langen Zug der Verwundeten gesehen und ihr Wimmern
und die bittern Anklagen und Verwünschungen gehört, hatte ihm das Herz
brechen wollen.
O! wie fürchterlich lastete doch die Verantwortung auf ihm!
Als auch er sich dafür erklärte, daß das Volk die Erfüllung seiner
Forderungen erzwingen müsse, hatte er mit vielen Anderen geglaubt, die
Regierung würde den Kampf nicht annehmen, sondern nachgeben. Statt
dessen blieb sie fest. Und nun dieser entsetzliche Zustand!
»Leg' dich nieder, lieber Mann,« sagte Frau Marschall sanft und
streichelte seine Hand.
Da stand der Schwergeprüfte auf, beugte sich über seine Frau und ließ
es geschehen, daß sie ihre Arme um seinen Hals schlang und ihn wie ein
Kind herzte und wieder und immer wieder küßte. Mit übermenschlicher
Kraft mußte er an sich halten, daß er nicht vor Verzweiflung laut
aufschrie.
Advokat Marschall konnte trotz seiner großen Müdigkeit keinen Schlaf
finden. Von schweren Gewissensbissen gepeinigt, warf er sich im Bett
hin und her. Im Hause war es totenstill. Auch von der Gasse drang kein
Laut herein. Die alte Standuhr in der Wohnstube verkündete feierlich
die abgelaufenen Stunden. Aus ihren gemessenen Perpendikelschlägen
hörte er eine Stimme heraus, die heftige Anklagen gegen ihn ausstieß.
Ab und zu hallte von fernher ein einzelner Schuß durch die schweigende
Nacht. Sonst herrschte lautlose Stille.
Auf den Gassen war es menschenleer. Nur hinter den Barrikaden
lagerten um eine einsame Laterne herum in der empfindlichen Kälte der
Frühlingsnacht die todesmatten Schläfer, das Gewehr im Arm. Vielleicht
gaukelten liebliche Bilder vor ihrer Seele, und sie sahen sich im Traum
in der Heimat friedlich mit ihren Lieben vereint. Nur wenige Stunden
noch. Dann flammte über der Dreikönigskirche purpurn das Frühlicht auf,
und die Blutarbeit begann wieder.
Aus den Wassern des Stroms stiegen die Nebelfrauen herauf und fegten
durch das Elbtal, ihre langen Gewänder hinter sich herschleifend. Dann
fuhren sie über das hartgeprüfte Land. Wo sie eine Mutter oder Gattin
wußten, die bleich hinter dem Fenster wachte und mit verhärmten Augen
nach ihrem Teuern in die Nacht hinaussah, ließen sie ihre Schleier
gleich Leichentüchern auf- und niederwallen. Vor jenem Felsen aber,
auf dem hoch droben Sachsens König einsam weilte, liehen sie sich die
Kräfte des Sturms. Hohle Klagelieder singend, umflatterten sie die
schweigende Feste, schlugen an das eiserne Tor und rüttelten an den
Fenstern.
An dem dunkeln Nachthimmel funkelten die Sterne in hellem Glanz,
unbekümmert um den Hader der törichten Menschlein tief drunten, die
sich voll Erbitterung zerfleischten, als wäre ihnen nie das Wort
erklungen: Friede auf Erden!
Und wie in den zur Verteidigung hergerichteten Häusern und hinter den
Barrikaden die bürgerlichen Kämpfer, so lagerten vor den Mauern des
altehrwürdigen Königschlosses der Wettiner, im Zwinger und auf der
Brühlschen Terrasse die stark erschöpften Truppen. Die heftigsten
Vorwürfe waren ihnen von den Gegnern zugeschleudert worden, daß sie
sich nicht scheuten, auf ihre Brüder und Väter zu schießen. Aber sie
hielten ihren Treuschwur!
Das Andenken an diese braven Soldaten wird nicht untergehen. Mit
helleuchtender Schrift ist in das Buch der Geschichte eingeschrieben:
Sie waren Helden!
Und während im Rathaus, wo sonst für das Wohl der sächsischen
Hauptstadt gewirkt wurde, bis zum frühen Morgen die Leitenden der
bürgerlichen Kämpfer sich berieten, waren drüben im Blockhaus die
Führer der Truppen vereinigt. An ihrer Spitze stand jener Mann von
eisernem Willen, der für die Niederwerfung des Aufstands mit schärfster
Gewalt eintrat: Kriegsminister Rabenhorst.
Advokat Marschall lag, von fürchterlichen Seelenqualen gepeinigt,
schlaflos auf seinem Lager. Er konnte in der Dunkelheit, die in der
Kammer herrschte, seine Frau nicht sehen. Aber ihre Atemzüge verrieten
ihm, daß auch sie wachte.
»Schläfst du?« fragte er einmal leise.
»Zerquäle dich nicht, mein guter Hermann,« antwortete Frau Marschall
mild, »schlaf!«
Da schwieg er und starrte mit weitgeöffneten Augen in die pechschwarze
Finsternis hinein.
In dieser Nacht hielt Advokat Marschall Gericht über sich. Und als
er das Soll und Haben seiner irdischen Rechnung lange betrachtet und
sorgfältig verglichen hatte, blieb trotz eines ansehnlichen Guthabens
eine Schuldsumme als Rest. Diese Erkenntnis raubte ihm alle Hoffnung.
Und er wußte nunmehr, daß sich in seinem Lebenskelch nur noch eine
schale Neige befand.
Endlich ging diese furchtbare Nacht ihrem Ende zu.
Als die ersten Morgenstrahlen Marschall aus seinem kurzen Schlummer
weckten, bedeckte kalter Schweiß seinen Körper. Da gedachte er seiner
Pflicht, die ihn aufs Rathaus rief. Entschlossen stand er auf und
kleidete sich an. Seine leisen Hantierungen weckten seine Frau.
»Wie geht dir's?« fragte er zärtlich und trat an ihr Bett.
Frau Marschall sah ihren alten, treuen Lebensgefährten mit einem Blick
voll unaussprechlicher Liebe an.
»Du solltest bis zu Mittag im Bett bleiben,« erwiderte sie. »Tu mir's
zuliebe, Hermann!«
Marschall schüttelte den Kopf und sagte mit Nachdruck:
»Jetzt, wo alles auf dem Spiel steht, gehöre ich auf meinen Platz.«
Da versuchte es Frau Marschall nicht noch einmal, ihren Mann zum
Bleiben zu bewegen.
Inzwischen hatte Anna Kaffee gekocht und brachte ihn herein.
»Der schöne Sonntagmorgen,« sagte sie, das Fenster öffnend, »heute
werden wir die Glocken vom Kreuzturm wohl nicht zu hören kriegen.«
Als unmittelbare Antwort darauf krachte von der Schloßgassenbarrikade
her ein Schuß, dem alsbald weitere folgten. Nach wenigen Minuten war
das Gewehrfeuer wieder zu seiner vollen Stärke angewachsen, um bis in
die sinkende Nacht anzuhalten.
Frau Marschall hatte beim Rollen des ersten Schusses verstohlen
geseufzt. Als sie aber sah, wie ihr Mann verstört auffuhr, haschte sie
nach seiner Hand und zog sie auf das Deckbett nieder.
»Bleibe noch eine Weile bei mir,« bat sie weich. Daß sie aber plötzlich
eine große Bangigkeit verspürte, verschwieg sie ihm. Da schlugen die
Uhren von den Kirchtürmen die vierte Morgenstunde.
»Hier riecht es ja so sengrig,« sagte Anna, als sie wieder hereinkam,
um das Kaffeegeschirr zu holen.
Auch Advokat Marschall verspürte jetzt den Geruch. Er ging zum Fenster
und sah eine Sekunde lang die Brüdergasse nach dem Zwinger hinab. Und
als er sich wieder umwandte, war sein Gesicht kreidig. Mit ungeheurer
Anstrengung sagte er:
»Die Rasenden! Jetzt haben sie das Opernhaus angezündet. Es steht über
und über in Flammen.«
Frau Marschall faltete stumm die Hände und schloß die Augen.
»Wenn der Heinrich hier wäre,« sagte sie tief atmend.
»Aber gute Madam,« rief Anna im Hinausgehen, »der Heinrich is ja bei's
Militär und muß mit schießen.«
Advokat Marschall fuhr sich mit den Händen an den Kopf und stöhnte:
»Bevor ich gestern abend vom Rathaus fortging, habe ich Tzschirner
noch das Versprechen abgenommen, daß die provisorische Regierung keine
gewalttätige Handlung unternehmen dürfe. Und jetzt diese fluchwürdige
Freveltat.«
Ein fürchterlicher Zorn stieg in dem gutmütigen Mann herauf und
erstickte alle weiteren Worte. Wie sinnlos schritt er in der Kammer auf
und ab, mit den Armen durch die Luft schlagend.
»Weil wir nicht mehr die Herren der Bewegung sind!« stieß er
mit abgerissenen Worten heraus. »Das fremde Gesindel, das sich
eingeschlichen hat und dem nichts heilig ist! Dieser Bakunin ...«
Hier brach die Stimme.
»Ich wollte, der Heinrich käme und brächte mich weit fort von hier,«
sagte Frau Marschall, als ob sie bete.
Da klopfte es. Die Kranke ließ die zitternden Hände auf das Deckbett
fallen und starrte mit verhaltenem Atem nach der Tür. Kam er? --
Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und Anna stürzte
schreiend herein.
»Sie haben das Haus aufgebrochen!« rief sie mit gerungenen Händen.
In der offenen Tür standen ein gutgekleideter Mann mit einer
blutigroten Schärpe um den Leib und hinter ihm zwei verdächtige
Gestalten. Advokat Marschall schoß wie ein gereizter Stier auf die
Männer zu und herrschte sie an:
»Was wollt ihr hier? Wie könnt ihr in mein Haus eindringen?«
Der Schärpenträger trat auf die Schwelle und erwiderte in anmaßendem
Ton und mit fremdartiger Aussprache:
»Wir sollen das Haus anbrennen.«
»Waas? Mein Haus in Brand stecken?«
Advokat Marschall taumelte.
»So ist es,« versetzte der Sprecher, »es kann gleich losgehen. Wir
haben ein Faß Öl und ein Faß Pech mitgebracht. Das schütten wir im
Treppenflur aus und brennen es an.«
»Ihr Wahnsinnigen!« rief Marschall außer sich, »was soll denn das
heißen?«
Da nahm ein anderer in unverfälscht Leipziger Mundart das Wort und
antwortete mit einem Klang von gutmütigem Bedauern in der Stimme:
»Sie, mei Gudster, härnse mal. Um Ihr'n ald'n Gasten handelt sich's ja
garnich. Dadriewer gennse beruhigt sein. Awer der Wind steht grade so
scheene. Wenn's Haus anfangen dud ze brenn', dann bläst'rs Feier hinden
nachdn brinzlichen Balläh. Un dadruff hammersch ja bloß abgesähn. Nich
edwa uff Ihr Haus. I, Gudd behiede, uff Ihr Haus nich!«
»Wer hat euch diesen Auftrag gegeben!« rief Marschall mit drohender
Stimme. »Etwa Tzschirner?«
»Ach, Tzschirner,« versetzte der Fremde mit der roten Schärpe
wegwerfend. »Tzschirner, -- diese Drahtpuppe! Der einzige, der zu
befehlen hat, ist Bakunin! Von ihm erhielten wir die Weisung.«
Advokat Marschall schlug sich mit beiden Fäusten vor die Stirn.
»Bakunin!« schrie er auf, und die Speichelflocken flogen ihm vom Munde.
»Bakunin! Und diese Kreatur bestimmt jetzt unser Geschick! Hahaha!
Während auf den Gassen sächsisches Blut in Strömen vergossen wird im
Dienst der Revolution -- die unsere bürgerliche Bewegung schon längst
erdrückt hat -- führt ein herzugelaufener Landfremder das Regiment
und übt eine Schreckensherrschaft aus, gegen die der Zustand, den wir
abschütteln wollten, eine wahrhaft goldene Zeit gewesen ist. O, welch
ein entsetzlicher Hohn ...!«
»Wir sind nicht hier, um Ihre Klagelieder anzuhören,« antwortete der
Mann an der Tür kalt, »sondern um unsern Auftrag auszuführen. Unten
harren noch mehr von den Unsrigen. Wenn Sie nicht augenblicklich von
hier fortgehen, müssen Sie die Folgen tragen.«
Diese Worte trafen Marschall wie Keulenschläge.
»Sofort verlaßt ihr mein Haus, Brandstifter!« donnerte er die Männer an.
In diesem Augenblick trat im Nachtgewand und mit verschlafenem Gesicht
aus der nebenliegenden Kammer Friedchen verwundert herein.
»Aber, Kinder, wer schreit nur so?« fragte sie unschuldsvoll. »Da wird
man ja aus dem besten Schlaf geweckt.«
Anna schoß zu ihr hin.
»Um Gottes willen, bloß still, Fräulein,« raunte sie ihr zu, »die
Männer schlagen unsern Herrn sonst noch tot.«
Da erkannte Friedchen blitzartig die Situation. Mit einem Aufschrei
lief sie ans Fenster und verkroch sich hinter Anna, die ihr dahin
gefolgt war.
»Nun, habt ihr mich verstanden?« schrie Marschall noch einmal.
Die Männer rührten sich nicht.
»Kennt ihr mich nicht?« herrschte er sie an. »Ich stehe der
provisorischen Regierung nahe und befehle euch, auf der Stelle aus
meinem Hause zu gehen!«
Da trat der Leipziger wieder vor und sagte:
»Machense nu mal weider geene Mährde un nähmse Vernumft an. Das Haus
wärd ähm angebrannt! Dadervon beißt änne Maus gee Fädchen ab.«
Advokat Marschall erkannte, daß er machtlos war, und seine ohnehin
schon gänzlich untergrabene Willenskraft brach plötzlich zusammen.
Verzweifelt fuhr er mit den Händen in sein weißes Haar, das feucht an
den Schläfen klebte. In sein verstörtes Gesicht schoß ein Ausdruck,
wonach er sich in der nächsten Sekunde auf die Männer stürzen oder
weinen mußte.
»Aber ihr seht ja,« stammelte er mit erstickter Stimme, »daß meine
Frau krank zu Bett liegt. Sie kann bei Lebensgefahr das Haus nicht
verlassen.«
»Auf ein Leben mehr oder weniger kommt's jetzt nicht an,« sagte der
Schärpenträger verächtlich. »Was ist denn nun schon weiter dabei, wenn
eine alte Frau stirbt, wo so viel junges Blut dahin ist. Wer fragt nach
unserm Leben!«
Frau Marschalls Pulse flogen, und ihre runzligen Hände zuckten ohne
Rast auf dem Deckbett hin und her.
»Der Heinrich muß kommen,« stammelte sie und wandte in
unaussprechlichem Schmerz die Augen von ihrem seelisch völlig
gebrochenen Mann, weil sie seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte.
»Erbarmt euch, gute Leute!« bat Marschall jetzt in ergreifendem Tone,
»erbarmt euch um der christlichen Liebe willen und wartet so lange mit
eurem Beginnen, bis ich vom Rathaus zurück bin ...«
»Tod und Teufel, alter Heulknochen!« schrie der Fremde. »Wir haben
unsere beste Zeit verschwatzt. Jetzt wird angefangen!«
Kaum waren diese Worte gesprochen, als die in der Tür stehenden drei
Gestalten plötzlich wie Strohpuppen beiseite geworfen wurden und
ein Mann mit dunkelrotem Gesicht in die Kammer trat. In demselben
Augenblick flog Anna aus ihrer Ecke, unter Tränen lächelnd, auf den
Eingetretenen zu und warf ihm die Arme um den Hals.
»Heinrich!«
Darauf herrschte eine kurze Weile tiefes Schweigen in dem Raum.
Frau Marschall fand zuerst wieder Worte.
»Ich wußte es ja, daß er kommen würde,« murmelte sie.
Heinrich drängte das an ihm hängende Mädchen sanft von sich. Sein Atem
keuchte vor Eile und Zorn.
»Herr Advokat,« stieß er in fliegenden Worten heraus, während seine
Augen drohend auf den Brandstiftern ruhten, »Sie brauchen bloß ein Wort
zu sagen, und ich werfe diese Lumpenhunde die Treppe 'nunter, daß sie
die Hälse brechen, -- einen nach dem andern!«
Während er dies sagte, wichen die drei Eindringlinge unwillkürlich ein
paar Schritte zurück. Die athletische Gestalt Heinrichs und seine nur
mühsam gebändigte Wut ließen ahnen, daß er ein furchtbarer Gegner sein
mußte.
Mit diesem heftigen Ausbruch hatte sich Heinrichs Zorn aber auch schon
wieder verflüchtigt, und sein schwerblütiges Temperament kam obenauf.
Und als er noch dazu Frau Marschall sah, deren Augen starr an ihm
hingen, erhielt er seine volle Besonnenheit wieder.
»Herr Advokat,« sagte er, »die Madam muß fort ...«
»Aber meine Frau ist doch krank und kann nicht aus dem Bett,« stöhnte
Marschall verzweifelt auf.
»Das werden wir schon machen,« antwortete Heinrich, der jetzt wieder
in seiner ganzen Pomadigkeit war. »Herr Professor Richter hat mir's
gestern aufgetragen, daß die Madam fort soll. Wenn es für sie
gefährlich wär', hätte er's nicht verlangt. Ich hab' einen Wagen
mitgebracht, der die Madam nach dem Trompeterschlößchen fährt. Aber
wir dürfen keine Minute mehr verlieren; unten im Hause spielt die Brut
schon mit Feuer.«
Während der letzten Worte war er zu der Kranken getreten, hob sie samt
dem Unterbett und der Zudecke wie ein Spielzeug in die Höhe und schritt
mit ihr zur Tür.
Da rief draußen die Stimme des Leipzigers:
»Härnse, mit der Frau gennse nich mehr iewer die Drebbe gehn, 's
Geländer brennt schoon. Die andern Leide gomm' noch nunter, aber de
Beddn fangn glei Feier.«
In der Tat zeigte sich auf dem Flur dicker Qualm, der bereits in die
Kammer eindrang. Bei diesem Anblick verlor Advokat Marschall alle
Beherrschung und fing laut an zu schluchzen.
»Mein Haus! -- mein Vaterhaus!« klagte er ergreifend, das Gesicht mit
den Händen verhüllend.
Während diesem allen schallte von der nahen Barrikade her unaufhörlich
das sinnbetäubende Krachen der Gewehre in die Kammer.
Heinrich legte die Kranke wieder auf das Bett und rief:
»Anna, die Wäscheleine!«
Das Mädchen flog. In einer halben Minute war die Leine zur Stelle.
Mit ein paar raschen Griffen schlang Heinrich sie um die Betten und
verknotete sie fest.
In diesem Augenblick erschien Friedchen wieder, die inzwischen in die
Nebenkammer gehuscht war. Ihre Kleider waren in Unordnung und die halb
aufgelösten Zöpfe hingen über das verängstigte Gesicht herunter. Unter
dem einen Arm trug sie Bürzelchen, ihren dicken Mops, der -- aus dem
Schlafe gerissen -- ärgerlich dreinsah, und mit dem Ellbogen des andern
Arms preßte sie einige zerlesene Leihbibliotheksbücher an sich.
»Schnell vor das Haus, Herr Advokat,« rief Heinrich, »ich lasse die
Madam hinunter.«
Mit diesen Worten hob er das Bündel auf und trug es zum Fenster.
Noch stand Marschall wie angewurzelt, als im Treppenhaus eine Stimme
schrie:
»Die Leute da oben, vorwärts! In einer Minute brennt die ganze Treppe.«
Da faßte Anna ihren Herrn am Arm und riß ihn fort. Das bepackte
Friedchen fegte hinterdrein. Bürzelchen bellte zornig.
Jetzt ließ Heinrich die in Betten gehüllte Kranke recht vorsichtig
hinab. Inzwischen war Marschall unter dem Fenster angekommen, fing mit
dem Kutscher das Bündel auf und legte es behutsam auf den Tafelwagen.
Frau Marschall lächelte ihren Mann an und sagte:
»Es geht mir ganz gut, Hermann. Sorge dich nicht.«
»Rasch fort,« rief Heinrich, der unterdessen an der um das
Fensterkreuz geschlungenen Wäscheleine herabgeglitten war.
In diesem Augenblick hörte er hinter sich eine müde Stimme sagen:
»Ich konnte es zu Hause nicht mehr aushalten, Heinrich. Bist du mir
böse?«
Und als er sich umwandte, sah er in das gramerfüllte Gesicht seiner
Schwester.
»Linchen!« rief er und riß sie stürmisch an sich. Dann hob er sie rasch
auf den Wagen, auf den schon Friedchen und Anna geklettert waren.
Die Gasse war menschenleer. Nur die Männer, die den Brand in das Haus
gelegt hatten, standen gaffend um den Wagen herum. Aus der Tür drang
dicker Qualm. Im Treppenhaus brannte es jetzt lichterloh.
»Kutscher, fort!« schrie Heinrich mit Aufbietung seiner ganzen Stimme,
da in dem fürchterlichen Lärm des nahen Gewehrfeuers fast jeder Laut
unterging.
Der Mann verstand den Zuruf und sprang auf den Bock.
»Fahren Sie mit, Herr Advokat,« rief Heinrich dem wie betäubt Stehenden
ins Ohr und setzte ihn kurzerhand auf den Wagen.
Heinrich war gerade im Begriff, sich selbst hinaufzuschwingen, als aus
der Seitengasse am Taschenbergpalais plötzlich ein Schwarm Soldaten
hervorbrach, voran ein Offizier. Blitzschnell erkannte ihn Heinrich.
Es war der Oberleutnant von Döring. Die Brandstifter wirbelten beim
Anblick der Soldaten nach der andern Seite davon, wie Spreu vor dem
Gewittersturm.
»Heinrich, die Kompagnie!« rief Linchen schrill durch den Lärm.
Da schlug der Kutscher wie unsinnig auf das Pferd ein, daß der Wagen
mit großer Schnelligkeit durch die Soldaten hindurchrasselte. Heinrich
hatte im letzten Augenblick sein Gewehr vom Wagen gerissen. Er
durfte es nicht wagen, hinaufzuspringen. Sie hätten ihn erkannt und
herabgeschossen. Linchen hatte richtig gesehen, es war die Kompagnie
seines Vaters.
Er hörte noch den Oberleutnant rufen:
»Die Löschmannschaften vor!«
Dann wandte er sich um und lief schnell nach Stadt Gotha zu. Da
knallten von hinten her Schüsse, und die Kugeln pfiffen an ihm vorüber.
Trotzig hielt er im Laufen inne und ging, unbekümmert um die Gefahr, in
langsamem Schritt weiter, bis er bei Stadt Gotha um die Ecke bog.
[Illustration: Erstürmung der Hotels des Saxe und Stadt Rom.]
Dreizehntes Kapitel
Nun stand Heinrich dicht neben der hohen Barrikade, von der die
Verteidiger wie tags zuvor in drei Etagen Schuß auf Schuß abgaben.
Schnell wollte er durch den schmalen Zwischenraum zwischen Barrikade
und Stadt Gotha hindurchlaufen, als er wenige Schritte vor sich die
drohende Mündung einer Kanone erkannte und den durchdringenden Ruf:
Achtung! aus dem Feuerlärm heraus hörte. Geschwind prallte er beiseite
und sprang mit Geistesgegenwart in die Nische des Hoteleingangs.
Da zerriß auch schon das Krachen des Schusses die Luft, und ein Hagel
von Eisenstücken brauste unmittelbar an seinem Gesicht vorbei. Heinrich
wurde von der Erschütterung zu Boden geworfen und verlor für einen
Augenblick die Besinnung. Noch halb unbewußt sprang er auf und eilte
hinter die Barrikade. Hier blieb er stehen und lehnte sich erschöpft an
das Haus.
Da erdröhnte der zweite Schuß aus der Kanone. Unwillkürlich blickte
Heinrich die Schloßgasse entlang und sah, wie von dem mittleren
Durchgang des Georgentores ein schweres Stück des steinernen Bogens auf
die Erde geschleudert ward.
Heinrich hatte infolge der starken Erschütterung noch immer das Gefühl
des Taubseins. Da wurde seine Aufmerksamkeit durch vielstimmige Rufe
erregt. Und als er sich umwandte, sah er, wie vom Altmarkt her eine
zweite Kanone an Stricken gezogen im Sturmlauf herangefahren wurde. Es
war, wie das andere Geschütz, ein starker Böller, wie Heinrich deren
schon bei Festschießen gesehen hatte. Das Rohr war aus Bronze gegossen
und reich verziert.
Unter rasendem Jauchzen, das den nervenzerreißenden Lärm des
Gewehrfeuers noch übertönte, wurde das schon geladene Geschütz von
starken Fäusten auf die Barrikade gehoben und sogleich auf das
Königliche Schloß gerichtet. Ein gewaltiger Donnerschlag! -- Klirrend
zersplitterten noch die letzten Fensterscheiben in den umliegenden
Häusern, und ein tumultartiges Gejubel brach aus.
Der offenbar zu stark geladen gewesene Böller machte wie ein aufs Blatt
geschossener Hirsch einen Luftsprung, überschlug sich und fiel mit den
Rädern nach oben auf die Plattform der Barrikade nieder. In das Rollen
der Gewehrschüsse mischte sich stürmisches Triumphgeschrei: oberhalb
des Georgentores hatte sich wiederum ein großes Stück Mauerwerk gelöst.
Heinrich konnte das hirndurchbohrende Getöse nicht mehr ertragen. Er
fühlte, daß er sich erst eine Weile erholen mußte, bevor er wieder auf
die Barrikade stieg. Langsam schritt er die Schloßgasse entlang nach
dem Altmarkt.
Obwohl es erst fünf Uhr morgens war, bot sich dasselbe Bild wie am
Abend vorher. In der Rosmaringasse, auf dem Altmarkt und in der
Wilsdruffer Gasse wogten starke Menschenmassen, die erregt schrien und
Lieder revolutionären Inhalts sangen. Durch die Menge drängten sich
Männer, die wahrhaft feierlich nach ihrer Barrikade gingen, als ob
es sich um die Vollbringung eines die Menschheit beglückenden Werkes
handele. Den Hauptteil der Masse bildeten aber Tagediebe mit wahrhaften
Galgengesichtern, denen der friedliche Bürger schon in ruhigen Zeiten
gern ausweicht, und die gar nicht daran dachten, ihr kostbares Leben
einzusetzen.
Einige dieser Gesellen trugen zu ihrer sonstigen zerfetzten Kleidung
einen sorgfältig gearbeiteten, schwarzen Gehrock oder einen
glattgebügelten Zylinderhut. Andere brüsteten sich mit goldenen Uhren
und kostbaren Ringen oder zeigten ein schweres Stück Silbergeschirr
herum. Die Herkunft dieser Gegenstände war Heinrich offenbar; sie waren
beim Plündern erbrochener Häuser erbeutet worden.
»Sind das die Freiheitskämpfer,« fragte er sich im stillen, »die das
Land glücklich machen sollen und von denen du geträumt hast, als du aus
der Kaserne entwichst?«
Da krampfte der junge Mann zähneknirschend die Faust um den Gewehrlauf
und hätte dem Erstbesten von diesem Gelichter am liebsten den Kolben
vor den Kopf geschlagen.
Plötzlich dachte Heinrich an Valentine. Und er wunderte sich, daß er
das Mädchen vorhin im Hause ihrer Eltern nicht gesehen hatte. -- Wo war
sie? War ihr etwas zugestoßen? Dieser Gedanke beunruhigte ihn. Denn er
sorgte sich um alles, was bei Marschalls vorging.
Heinrich beschloß, sich nach Valentine zu erkundigen und dieserhalb
auf das Rathaus zu gehen, wo er den Advokaten anzutreffen hoffte. Von
ihm konnte er ja auch erfahren, ob die Madam das Trompeterschlößchen
wohlbehalten erreicht hatte. Um ihre Pflege war ihm nicht bange. Er
wußte, daß Linchen bei der Kranken war.
Am Rathauseingang sperrte eine dichte Kette von Ratsdienern den
Zutritt. Als Heinrich den Advokaten Marschall nannte, dem er eine
wichtige Nachricht zu überbringen habe, ließ man ihn ungehindert durch.