öffnen sollte. Doch hatte Valentine dies immer wieder hinausgeschoben,
weil auch sie die drohende Nähe der Gefahr nicht erkannte und ihr Herz
bei dem Gedanken bebte, von ihm Abschied nehmen zu müssen. Selbst als
sie wußte, daß sie für die rücksichtslose Anwendung der schärfsten
Gewalt mit noch größerer Entschiedenheit eintrat, als viele Männer,
hatte sie nicht vermocht, sich von Kurt zu trennen. Bis Valentine
endlich nach furchtbaren Seelenkämpfen ihr Herz besiegt und den
Geliebten um seinen letzten Besuch gebeten hatte, der ihren Abschied
bringen sollte.
Da hatte sich während weniger Stunden jener große Umschwung der
politischen Verhältnisse vollzogen, und die Binde war von Kurts Augen
gefallen. Aus freiem Antrieb war er gekommen, um zu erklären, daß ihn
Pflicht und politische Überzeugung zwängen, den väterlichen Freund
nunmehr als Gegner zu betrachten. Und als sie sich zum Abschied die
Hand gereicht, hatte Valentine noch einmal den vornehmen Charakter des
Geliebten im Blick seiner Augen empfunden.
Wie auch die Zeiten sich immer gestalten würden, sie wußte, es war
ein Abschied fürs Leben. In steifer Haltung, die Hand schwer auf den
Tisch gestützt, hatte Valentine dem Gehenden nachgesehen. Als seine
Gestalt in der Tür verschwand, war es ihr, wie wenn Eiseskälte nach
ihrem Herzen zog. Und sie mußte alle Kraft aufbieten, um die drohende
Schwäche zu überwinden.
Endlich hatte sie den Blick von der Tür gewandt und war mit steifen
Schritten zu der kranken Mutter hinaufgegangen.
Frau Marschall lag in hohem Fieber. Valentine hieß Anna gehen, um
während der Nacht allein bei der Kranken zu bleiben. Wie Professor
Richter angeordnet, kühlte sie unaufhörlich die heiße Stirn der Mutter
mit kaltem Wasser und bot ihr für den brennenden Durst erfrischende
Zitronenlimonade.
Es war gerade jene Nacht, in der die Aufrührer an dem Bau der Barrikade
bei Stadt Gotha mit Anspannung aller Kraft arbeiteten.
Valentine saß neben dem Bett und wendete kein Auge von der kranken
Mutter und achtete auf deren leiseste Bewegung. Die kleine Öllampe
verbreitete in der Kammer einen trüben Schein. Von der nahen
Schloßgasse drangen die aufgeregten Rufe der fieberhaft Arbeitenden
herein. Die schweren Hammerschläge hallten von dem harten Granit laut
durch die stille Nacht und bereiteten der Kranken fürchterliche Pein.
Sie warf sich im Bett ruhelos hin und her und stieß in der Fieberhitze
unaufhörlich wirre Worte aus.
Kurz nach Mitternacht kehrte Valentinens Vater in höchster Abspannung
nach Hause zurück. Bevor er gegangen, hatte er lange geschwankt, ob er
seine kranke Frau verlassen durfte, bis er es gegen Abend mit schwerem
Herzen endlich doch getan hatte. Jetzt, wo die Lage so bedrohlich
geworden, war es dringend notwendig, daß die besonnen Gebliebenen ihren
Einfluß geltend machten. Die Stimme seines Herzens mußte schweigen,
denn das Wohl und Wehe vieler stand auf dem Spiel. Und was würde man
sagen, wenn er, einer der Führer der Bewegung, in der entscheidenden
Stunde an seinem Platz gefehlt hätte?
Die letztvergangenen Tage hatten Marschall große Aufregung und
harte Anstrengung gebracht. Und die plötzliche schwere Erkrankung
seines guten Weibes, das er voll Zärtlichkeit liebte, hatte ihn fast
zusammenbrechen lassen.
Dazu quälten ihn die ersten bösen Zweifel, ob es recht gewesen, daß er
der unaufhaltsam steigenden Erregung, soweit seine Kräfte reichten,
nicht Einhalt getan hatte. Wohl wußte er sich frei von dem Vorwurf,
das Feuer der Empörung frivol geschürt zu haben, -- er hatte immer zur
Mäßigung geraten. Aber hätte er sein Ansehen zugunsten einer ruhigeren
Entwicklung nicht noch energischer geltend machen können?
Der alte Mann mit dem weichen Gemüt beugte sich über die Bewußtlose
und küßte ihre heiße Stirn. Die Kranke schreckte zusammen und murmelte
unverständliche Worte. Tief erschüttert sank Marschall auf einen Stuhl.
Seine Augen waren mit Tränen gefüllt.
Da trat Valentine hinzu und nötigte ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Sie
sah, wie gebrochen ihr Vater war, und fühlte, wie er litt. Aber er
wehrte ab und wollte mit ihr wachen. Endlich gelang es ihrem Zureden,
daß er sich zu Bett legte. Ihre ruhigen Worte machten ihn sichtlich
gefaßter. Er bewunderte im stillen die seelische Stärke seiner Tochter
und schämte sich seiner Weichheit.
Als der Vater die Kammer verlassen hatte, setzte sich Valentine
wieder an das Bett. Auch auf sie stürmten Zweifel ein. Aber sie
schalt sich schwächlich und verscheuchte unwillig diese Anwandlung.
So wie es jetzt stand, hatte es kommen müssen. Ja die Bewegung mußte
weiterschreiten, -- bis zum Äußersten! Sonst wäre die Tätigkeit der
Führer doch nur das Spiel unreifer Knaben gewesen.
Man stritt um die höchsten Güter des Volks! Jetzt gütlich beigeben,
wäre schimpflich. Ein Zurück gab es nicht mehr. Es war gut, daß alles
auf des Messers Schneide stand. Willigte die Regierung nicht noch in
letzter Stunde in die Forderungen, so mochte die alte Form zerbrechen.
Die nächsten Tage würden den Herrschenden zeigen, daß mit der Geduld
des langmütigen Volks kein Mißbrauch getrieben werden durfte. Seine
Wünsche mußten erfüllt werden. Sonst trat es die bestehenden Gesetze in
Grund und Boden!
Valentine schloß während der ganzen Nacht kein Auge und verrichtete
ihren Dienst mit peinlicher Sorgfalt. Erst gegen Morgen wurde die
Kranke ruhiger und verfiel endlich in einen tiefen Schlaf, aus dem sie
auch der Lärm nicht weckte, der mit dem anbrechenden Tag auf den Gassen
verstärkt wieder anhob.
Als Professor Richter gegen Mittag Frau Marschall besuchte, war sie
eben erwacht. Wenngleich sie sehr schwach war, fand er ihren Zustand
doch viel besser und erklärte, daß jetzt alle Gefahr vorüber sei.
Advokat Marschall, der inzwischen schon wieder ein paar Stunden auf dem
Rathaus gewesen war, mußte an sich halten, daß er vor dem Bett nicht
niedersank. Voll tiefer Rührung strich er mit der Hand zärtlich über
die bleichen Wangen der Kranken, die ihm seine Liebe mit dankerfüllten
Blicken lohnte. An das Verlassen des Betts war vorläufig freilich
nicht zu denken. Doch sollten der Kranken kräftigende Speisen gereicht
werden.
Die Gesundung ging nunmehr rasch vorwärts, denn Frau Marschall besaß
eine kräftige Natur. Am nächsten Tag war sie schon ohne Fieber und
konnte sich im Bett aufsetzen, und der Appetit wurde rege. Während der
darauffolgenden Nacht schlief sie bis zum Morgen.
Valentine wich nicht von dem Bett der Mutter und blieb auch nachts in
deren Kammer. Advokat Marschall war tagsüber immer abwesend. Ab und
zu kam er atemlos nach Hause geeilt. Wenn er die weiterschreitende
Besserung gewahrte, hellte sich sein sorgenerfülltes Gesicht auf, und
er setzte sich neben die Kranke und plauderte zärtlich mit ihr.
Aber die beiden Frauen sahen, wie ihn die Unruhe quälte. Deshalb
hielten sie ihn nicht zurück, wenn er sie nach kurzer Zeit voll Hast
wieder verließ. Er vermied auch, von den Vorgängen in der Stadt zu
sprechen, und empfand es mit stillem Dank, daß ihn niemand danach
fragte. Mutter und Tochter schwiegen auch zueinander darüber, als ob
eine heimliche Vereinbarung unter ihnen bestünde.
Frau Marschall ahnte, daß sich die Lage aufs höchste verschärft hatte
und seufzte zuweilen verstohlen. In Valentine aber frohlockte es. Das
Getöse auf der Straße verriet ihr, daß man das begonnene Werk nicht
schmachvoll im Stich lassen wollte.
Am darauffolgenden Donnerstag kam Professor Richter erst spät abends
und verordnete, daß die Kranke noch acht Tage im Bett bleibe. Sie sei
sehr von Kräften gekommen, und man müsse auf der Hut sein, damit kein
Rückfall eintrete.
Er erzählte, das Linienregiment Albert habe das Schloß besetzt,
und bei dem Versuch, das Zeughaus zu stürmen, sei das erste Blut
geflossen. Stundenlang hätte er an den Verwundeten schwere Operationen
vornehmen müssen, daß er ganz abgespannt sei. Auch wäre er vom
Sicherheitsausschuß beauftragt worden, in Gasthäusern und Schulen
Lazarette zu errichten. Für diesen Zweck müsse er Pflegepersonal
anwerben und für Betten, Instrumente und Verbandzeug sorgen. Nun
fehlten freilich noch die Ärzte, und die wolle er in dieser Nacht
gewinnen. Die Lage sei schlimm. Schon der nächste Tag könne schwere
Kämpfe bringen.
Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Die beiden Frauen blieben
wach, um den Vater zu erwarten. Als dieser eine Stunde darauf aber noch
nicht zurückgekehrt war, löschte Valentine die Lampe aus und begab sich
zur Ruhe.
Am Morgen in aller Frühe wurden sie durch heftiges Gewehrfeuer geweckt.
Valentine kleidete sich rasch an und beruhigte die bestürzte Mutter.
Dann eilte sie in die Kammer des Vaters. Sein Bett war unberührt; -- er
war während der Nacht nicht nach Hause gekommen.
»Der Vater ist spornstreichs auf das Rathaus gelaufen,« sagte sie zu
der Kranken, um sie nicht noch mehr zu ängstigen. »Sobald sich ihm eine
freie Viertelstunde bietet, kommt er nach Hause. Ich will nur gleich
einmal die Anna auf die Gasse schicken, damit wir erfahren, was das
Schießen bedeutet.«
Nach kurzer Zeit kam Anna mit allen Zeichen des Entsetzens zurück.
Der König und die Minister seien geflohen, und der Aufstand wäre
ausgebrochen. Die Truppen schössen vom Schloß aus nach Stadt Gotha und
die bürgerlichen Kämpfer von der Barrikade nach dem Schloß. Soeben habe
man in die Apotheke am Altmarkt die ersten Verwundeten gebracht.
Das Gewehrfeuer schwieg während des ganzen Tages nicht, und der Lärm
auf der Gasse wuchs von Stunde zu Stunde.
Frau Marschall lag stumm in den Kissen, und Valentine erriet, daß die
Mutter schwere seelische Qualen litt. Aber kein Wort der Klage kam
von den Lippen der Kranken. Der Gedanke an den Gatten bereitete ihr
fürchterliche Pein. Er war einer der Führer der Aufständischen! Und sie
dachte an die große Verantwortung, die er auf sich gehäuft. Solange
die Leiter der Bewegung aufgeregte Reden gewechselt hatten, war sich
vielleicht keiner des furchtbaren Ernstes bewußt gewesen, der hinter
ihren Worten stand.
Jetzt war das Spiel mit Worten aus, und die Flamme des Bürgerkriegs war
zischend aufgefahren!
Am Nachmittag trat Herr Marschall überraschend in die Kammer. Sein
Gesicht war verstört. Aber die Frauen erkannten, daß er das Schwere,
was ihn drückte, mit Fassung trug. Frau Marschall wollte ihm im ersten
Aufwallen ihres Herzens die Hände entgegenstrecken. Aber sie tat es
nicht, weil sie glaubte, ihr Trost könne ihn nur noch mehr bedrücken.
Wie immer unterließ es Marschall, von den Kämpfen mit den Truppen
zu sprechen. Dafür erzählte er, daß Stadtrat Meisel und einige
andere Ratsmitglieder sich heute morgen zum Stadtkommandanten begeben
hätten, um mit ihm zu unterhandeln. Für diesen Abend sei eine
weitere Verhandlung mit General Schulz verabredet worden, an der
auch er teilnehmen wolle. Die alte Regierung bestünde nicht mehr.
Wenn es gelänge, die Truppen zu bewegen, die provisorische Regierung
anzuerkennen, wäre der Aufstand beendet.
Frau Marschall schöpfte bei diesen Worten Hoffnung und wünschte den
Verhandlungen einen glücklichen Erfolg. Valentine aber blieb stumm.
Dann legte sich Advokat Marschall auf ein paar Stunden nieder und
verließ gegen Abend wieder das Haus. Bald darauf kam Professor Richter
für wenige Minuten. Er brachte einen alten, zuverlässigen Mann mit, der
im Hause bleiben sollte, damit die Frauen des männlichen Schutzes nicht
gänzlich entbehrten. Auch riet er, die Haustür immer verschlossen zu
halten.
Den Zustand der Kranken fand Professor Richter vortrefflich. Frau
Marschall war vollständig fieberfrei. Er erzählte, daß immer mehr
Verwundete hereingebracht würden, und welche Schwierigkeiten es
habe, genug Pflegerinnen zu finden. Für die Lazarette hätte er zur
Not ausreichend bekommen. Aber hinter den Barrikaden wolle keine
Samariterdienste tun. Der Transport der Verwundeten nach den Lazaretten
werde so verzögert, daß oft die Verletzten erst als Sterbende gebracht
würden. Viele Kämpfer wollten wegen der Verwundeten nicht aus dem
Gefecht weichen. Doch gäbe es auch eine große Anzahl von Maulhelden,
die schwadronierend durch die Gassen zögen und nicht Hand anlegten.
Allein im Hotel Stadt Rom hätten sich heute nachmittag drei Verwundete
verblutet, weil man sie zu lange liegen gelassen.
Als Valentine dies hörte, richtete sie sich steil auf. Da fiel ihr
Blick auf die Mutter. Und sie zwang die Worte zurück, die ihr auf der
Zunge lagen.
Während sich Professor Richter zum Gehen anschickte, trat Friedchen in
die Kammer. Ihr Haar war wirr und ihr Gesicht verängstigt.
»Wann wird denn nun endlich die gräßliche Schießerei aufhören, Herr
Professor,« klagte sie, »man kommt gar nicht mehr dazu, seine Lektüre
mit Andacht zu genießen. Wie schwer einem das bißchen Leben doch
gemacht wird! Kaum hat man sich mühsam in eine gefühlvolle Stimmung
hineingelesen, knallen auch schon wieder die Flinten roh dazwischen.«
Professor Richter sah verständnislos in Friedchens bekümmertes
Gesicht. Zwar kannte er sattsam ihre Schrullen, aber angesichts der
furchtbaren Wirklichkeit, daß nur wenige Schritte vom Hause entfernt
der mörderische Kampf tobte, fand er keine Antwort. In Eile griff er
nach seinem Hut und empfahl sich.
Friedchen blieb noch eine Weile sitzen und barmte über die böse Zeit.
Warum die Menschen nicht mit dem zufrieden wären, was sie besäßen. Es
gäbe doch keinen, der alles hätte, was er sich wünsche. Wer aber satt
zu essen habe und öfters in ein gutes Buch sehen könne, der begehe
wahrhaftig einen Frevel, wenn er dann noch unzufrieden sei. Was wollten
denn die Leute eigentlich! Früher waren die Menschen besser! Erst
seit kurzer Zeit sei alles außer Rand und Band. Nun stellten sie sich
gar noch auf die Straße und molestierten die Friedfertigen mit ihrem
Geschieße, wodurch doch nur Unglück passiere. Man könne nicht immer
bloß während der Nacht lesen, das verdürbe die Augen. Und versuchte
man, tagsüber ein paar Stunden zu schlafen, so verhinderte einen wieder
das ewige Geknalle daran, Ruhe zu finden.
Weder Frau Marschall noch Valentine hatten versucht, den Wortschwall
zu unterbrechen. Gegen Tante Friedchens Einfältigkeit war nicht
anzukämpfen.
Viele Jahre lang hatte Frau Marschall unsägliche Mühe darauf verwendet,
die in ihrem Hause lebende jüngere Schwester zu ernster Arbeit zu
bewegen. Vergebens. Jeden freundlichen Zuspruch hatte sie unter
heftigem Weinen angehört. Jetzt ließ man sie in Ruhe.
Friedchen war harmlos und gutmütig und gab von ihrem ererbten Kapital
den Armen reichlich. Sie half Wohltätigkeitsanstalten gründen und
unterstützen und hielt im Kreise gleichgesinnter Kaffeeschwestern lange
und verworrene Reden, mit besonderer Vorliebe über die Veredelung des
Menschengeschlechts. Damit war ihre Tätigkeit aber auch zu Ende. Den
übrigen Teil ihres unschuldsvollen Lebens verbrachte sie mit Lesen.
Sie verschrotete die Bücher zentnerweise und die süßlichsten waren ihr
die liebsten. In den Leihbibliotheken der Stadt war sie wie zu Hause.
Konnte sie eines neuen Buches habhaft werden, so verschlang sie es und
brauchte unterdessen weder leibliche Nahrung noch Schlaf. --
Am nächsten Vormittag trat Valentine in Friedchens Stube. Die Tante
saß im Nachtgewand auf der Bettkante und war in das auf ihren Knien
liegende Buch so vertieft, daß sie Valentinens Kommen überhört hatte.
Es mußte ihr sehr kalt sein, denn sie war unwillkürlich ganz in sich
hineingekrochen. Aber ihre Augen glänzten, und auf den Wangen des
übernächtig bleichen Gesichts stand ein roter Tupf.
»Guten Morgen, Friedchen! Ich dachte, du schliefest noch,« sagte
Valentine.
Friedchen wachte wie aus einer fernen Welt auf und sah die Nichte
verständnislos an, bis sie deren Worte begriffen hatte.
»Schlafen? Ich schlafen? Wer könnte denn bei einem solchen Buch ein
Auge zutun! Du vielleicht? Ach ja, du bist doch ganz anders, als ich.
Nein, Valentinchen,« setzte sie mit einem verzückten Augenaufschlag
hinzu, »dieser himmlische Clauren!«
Valentine überhörte die herausgesprudelten Worte.
»Ich bin gekommen, um mit dir etwas zu besprechen,« erwiderte sie ernst.
»Rein vergessen kann man sich dabei. Clauren! Clauren!«
»Hörst du das heftige Feuern in der Stadt?« fragte Valentine.
Friedchen horchte.
»Wahrhaftig,« rief sie weinerlich, »nun schießen sie schon wieder.«
»Seit vier Stunden bereits,« versetzte Valentine trocken.
Mit diesen Worten nahm sie der Tante das Buch aus den Händen, klappte
es zu und legte es auf den Tisch.
»Aber Kind, warum tust du denn das, ich möchte doch --« jammerte
Friedchen.
»Weil ich mit dir sprechen muß,« unterbrach sie das Mädchen mit ruhiger
Bestimmtheit. »Höre mich aufmerksam an. In einer Stunde gehe ich von
Hause fort. Auf wie lange, weiß ich nicht. Unterdessen sollst du die
Mutter pflegen.«
Friedchen sah der Sprechenden fassungslos ins Gesicht.
»Du -- gehst -- fort?« sagte sie mit Grabesstimme und schlug die Hände
über dem Kopf zusammen.
Valentine nickte.
»Einige Tage werde ich nicht zu Hause sein, vielleicht auch länger. Wer
kann's wissen.«
»Jetzt willst du hinaus auf die Gasse, wo es draußen so gefährlich ist?
Und auf so lange Zeit? Was willst du denn eigentlich tun? Du wirst doch
nicht etwa mit schießen wollen?«
»Nein,« antwortete Valentine, »ich werde nicht kämpfen. Aber die
Verwundeten will ich pflegen helfen!«
Friedchen starrte die Nichte an. Auf ihrem Gesicht stand grenzenlose
Bestürzung. Endlich rief sie:
»Ja, wie kommst denn du gerade dazu? Laß das doch die andern tun!«
»Es werden Pflegerinnen gebraucht, und wie Professor Richter erzählte,
herrscht großer Mangel daran. Deshalb will ich ihm meine Dienste
anbieten.«
Friedchen schauerte in sich hinein und zog die Zipfel der Nachtjacke
über der Brust zusammen.
»Valentinchen, liebes Kind, bleib' hier und laß die draußen ihre
Kranken allein warten,« wimmerte sie. »Warum haben sie angefangen.«
Da setzte sich das Mädchen neben die Zusammengesunkene und legte den
Arm um ihre zuckenden Schultern.
»Denkst du nicht daran, daß der Vater einer von denen ist,« sagte sie
mit tiefernster Stimme, »die das Volk so weit gebracht haben? Aber wie
du ihn kennst, wirst du auch überzeugt sein, daß er nicht leichtsinnig
gehandelt hat. Jetzt ist keine Zeit, zu klagen; nun kämpfen sie.
Denk' an alle die armen Verwundeten, Friedchen, die nichts davon
verstehen, ob die Führer des Aufstands unrichtig gehandelt haben. Sie
setzen einfach ihr Leben ein, weil ihnen der Kampf heilig gilt. Manche
Mutter draußen im Lande wird sich um ihren Sohn ängstigen, der voller
Begeisterung alles im Stich ließ -- auch sie. Und während sie in Sorge
vergeht, liegt er vielleicht schwer getroffen und hilflos hier auf der
Gasse. Jetzt gilt es, Schmerzen zu lindern und nicht danach zu fragen,
wie alles gekommen ist.«
Tante Friedchen schluchzte laut und nickte wiederholt.
»Du hast recht, Kind,« sagte sie weinend, »aber ich kann wirklich
nicht mit dir gehen. Huh, mir graust, wenn ich nur daran denke, einen
verwundeten Menschen pflegen zu müssen. Ich kann nun einmal kein Blut
sehen.«
»Bleibe ruhig daheim,« tröstete Valentine, »du sollst ja die Mutter
pflegen.«
»Ja, das will ich tun,« rief Friedchen entschlossen, »meiner armen
Schwester soll es wahrhaftig an nichts fehlen, während du fort bist.
Nur verlange nicht, daß ich dich begleite. Aber du könntest doch etwas
mitnehmen für die Kranken, damit sie nicht zu frieren brauchen.«
Dabei griff sie mechanisch um sich und deutete unsicher auf ihren
wollenen Unterrock.
»Oder Geld,« setzte sie hastig hinzu, als sie Valentinens stumme
Ablehnung sah. »Ich werde dir alles mitgeben, was ich zu Hause habe.«
Valentine stand auf.
»Kleide dich nur rasch an,« versetzte sie, sich zur Tür wendend, »und
komm herunter. Unterdessen will ich's der Mutter sagen.«
Als Friedchen eine halbe Stunde darauf in die Kammer der Kranken trat,
stand Valentine schon zum Fortgehen bereit am Bett der Mutter, die die
Hand ihrer Tochter mit beiden Händen umfaßt hielt. Keins von ihnen
sprach ein Wort; ihre Blicke ruhten zum letztenmal stumm ineinander.
Sie dachten wohl daran, daß sie sich nicht wiedersehen würden.
Valentine hatte ihren Wunsch nur mit wenigen Worten zu erklären
brauchen. Die Kranke hatte ein paarmal tief geatmet, dann war sie
wieder still geworden. Sie verstand alles! Eine köstliche Ruhe war über
sie gekommen. Wie Valentine hoch aufgerichtet neben dem Bett gestanden
und sie angesehen, wußte die Kranke, daß eine tiefe Wandlung im Innern
ihres Kindes erfolgt war. Die Mutter hatte immer einen kühlen Hauch
verspürt, wenn Valentine in den letzten Wochen mit männlichem Sinn
davon gesprochen, daß das Volk aufstehen müsse. Jetzt sprach ihr Herz.
Und was Valentine zur Ausführung ihres Entschlusses drängte, war ja der
Gedanke an den Vater!
»Mein mütterlicher Segen begleitet dich, mein Kind,« sagte Frau
Marschall und küßte Valentinens Lippen.
»Gott behüte dich, Mutter,« antwortete diese mit zuckendem Mund, »grüße
den Vater!«
Dabei glitt ihre Hand schmeichelnd über das schmale Gesicht der
Liegenden und über das glattgestrichene, silberglänzende Haar.
Wortlos reichte Valentine der Tante die Hand. Friedchen war so
ergriffen, daß sie unter fließenden Tränen nur ein paar kurze
Abschiedsworte stammeln konnte. Dann wandte sich Valentine zum Gehen.
An der Türe blieb sie plötzlich stehen und blickte zu dem Bett zurück.
Während einer knappen Sekunde sahen sich Mutter und Tochter noch einmal
stumm in die Augen. Der ganze furchtbare Ernst des Abschieds lag in
diesem Blick. Die Kranke erkannte die bange Herzensnot der Tochter,
und ein trostreiches Lächeln verklärte ihr stillfriedliches Gesicht.
Da lächelte auch Valentine und nickte der Mutter zum letztenmal zu. Im
nächsten Augenblick schloß sich die Tür hinter ihr.
Frau Marschall schaute eine lange Weile regungslos auf die leere
Stelle. Dann schauerte sie zusammen, wandte ergebungsvoll das Gesicht
nach der Wand und sagte mit schwacher Stimme:
»Friedchen, laß mich jetzt allein.«
Zwölftes Kapitel
Während des ganzen Tages hielt das Gewehrfeuer ununterbrochen an.
Die Kranke lag fast immer mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und
antwortete kaum auf Friedchens Plaudern. Da regte sich das Zartgefühl
in Friedchens Brust, und sie erwähnte fortan die Abwesende nicht mehr.
Herr Marschall war tagsüber nicht nach Hause gekommen. Und nachdem
gegen Abend Anna mit großer Entrüstung erzählt hatte, daß der fremde
Mann, den Professor Richter mitgebracht, soeben heimlich auf und davon
gegangen sei, waren die Frauen allein im Hause. Friedchen und Anna
horchten ängstlich, wenn auf der Gasse ein schreiender Haufe vorüberzog
und wagten nicht, an die Fenster zu treten.
Die Dunkelheit war hereingebrochen, und Friedchen stand gerade im
Begriff, die Lampe anzuzünden, als es mit einem Male an der Haustür
klopfte. Es war der hungernde Heinrich, der Einlaß begehrte. Geschwind
blies Friedchen das Streichholz aus und blieb vor Schreck eine Weile
regungslos stehen. Gleichzeitig kam Anna eilends aus der Küche herbei
und lehnte entschieden ab, die Tür zu öffnen und nachzusehen. Übrigens
würde sie hier in der Kammer während der Nacht auf einem Stuhle
schlafen.
Bald darauf klopfte es noch mehrere Male. Friedchen und Anna drängten
sich geängstigt aneinander und jammerten leise.
»Möchtest du nicht einmal zum Fenster hinaussehen?« fragte Frau
Marschall die Schwester.
Friedchen wehrte mit beiden Händen ab und flüchtete in eine Ecke der
Kammer. Zu sprechen wagte sie nicht.
Da dröhnte die Tür unter den Kolbenstößen des vor dem Hause ungeduldig
Wartenden.
Anna bedeckte das Gesicht mit der Schürze, während Friedchen sich auf
das andere Bett warf und einen Weinkrampf bekam. So blieben die drei
Frauen, kaum wagend sich zu rühren, in dumpfem Schweigen beieinander,
bis in der Nacht Herr Marschall nach Hause kam.
Jetzt machte Anna Licht und begleitete Friedchen in die nebenliegende
Kammer, wo sich beide in ihren Kleidern auf ein Sofa legten.
Frau Marschall bemerkte die seelische und körperliche Erschöpfung ihres
Mannes.
»Setz' dich noch eine Weile zu mir, Hermann,« bat sie in weichem Tone,
»bevor du zu Bett gehst.«
Advokat Marschall ließ sich neben dem Bett seiner Frau nieder. Seine
Kraft war zu Ende. Regungslos starrte er vor sich hin. Endlich sah er
müde auf.
»Wo ist Valentine?« fragte er.