Keine Antwort. Seine Stimme ging fast unter in dem Getöse des ohne

Unterbrechung fortdauernden Feuergefechtes. Vier Häuser entfernt

befand sich Stadt Gotha. Die kleine Brüdergasse traf die Schloßgasse

im rechten Winkel. Die Barrikade stand dicht hinter der Ecke, daß er

sie nicht sehen konnte. Aber die hin und her schwirrenden Kugeln sah

er. Ihre Bahnen bildeten plötzlich erscheinende, dunkle Fäden, die

ebenso rasch wieder abrissen, wie sie auftauchten, wenn das Geschoß am

Ausgang der Gasse vorbeigeflogen war. Als wenn Geisterhände an einem

ungeheuern, unsichtbaren Webstuhl arbeiteten.

Nur das unaufhörliche Krachen der Gewehre belehrte ihn, daß es keine

Einbildung war, was er sah, und die lauten Rufe, mit denen die

Schießenden ihre blutige Arbeit begleiteten, verstärkte den grausigen

Eindruck.

Heinrich blickte verzweifelt an dem Hause hinauf. Es sah aus, als wenn

es von seinen Bewohnern verlassen sei. Auch hinter den Fenstern der

nebenliegenden Häuser konnte er keine menschliche Seele entdecken. Ob

Marschalls schon geflüchtet waren? Und wohin? Diese Ungewißheit quälte

ihn fürchterlich.

Da riß er sein Gewehr von der Schulter und schlug mit dem Kolben

wiederholt heftig an die Tür, daß sie dröhnte. Aber es blieb alles

still. Der dumpfe Schall im Hausflur bildete die alleinige Antwort.

Eine geraume Weile noch blieb Heinrich auf der Mitte der Gasse stehen,

scharf zu den Fenstern hinaufspähend. Dann begann es zu dunkeln.

Enttäuscht warf er sein Gewehr über die Schulter und entfernte sich

langsam. Morgen in aller Frühe, bevor das Gefecht von neuem beginnen

würde, wollte er wieder hier sein.

Nun ging er das schmale Gäßchen wieder zurück bis zur Wilsdruffer

Gasse. Hier waren die Gasflammen angezündet, und eine dichtgedrängte

Menge wogte auf und ab. Die meisten Männer waren bewaffnet, etliche

angetrunken. Sie sangen Freiheitslieder oder stießen unflätige Rufe

aus.

Aus einigen Häusern schleppten Freischärler und Turner unter wildem

Geschrei Kommunalgardisten und angesehene Bürger heraus, nachdem sie in

deren Wohnungen eingedrungen waren und die Besitzer mit Drohungen oder

Gewalt zum Mitgehen veranlaßt hatten.

»Auf die Barrikaden mit den Hunden!« schrien sie und stießen die zu

Tode Geängstigten vor sich her.

Heinrichs Blick fiel auf einen Greis, der augenscheinlich aus dem

Bett geholt worden war und dem man keine Zeit gelassen hatte, die

Oberkleider anzuziehen.

Zwei Frauen hielten ihn umschlungen: eine ehrwürdige, alte Dame und

ein junges, bildschönes Mädchen. Sie weinten laut und beschworen die

Bedränger, ihren Gatten und Vater freizulassen. Er sei krank und könne

vor Fieber kaum stehen. Da faßten rohe Fäuste nach den Bittenden und

rissen sie zurück. Die alte Dame rang die Hände ineinander und schrie

verzweifelt auf, während das sich heftig sträubende Mädchen im Gedränge

zu Boden geworfen wurde.

»Verfluchte Hexe!« brüllte ein zerlumpter Freischärler der zitternden

Greisin geifernd ins Gesicht, »sollen wir uns die Knochen allein

entzweischießen lassen? Hat nicht Ihr Mann noch in der vergangenen

Woche im Tivoli den Krieg für Recht und Freiheit gepredigt? Nun haben

wir den Kampf! Jawohl, Maulhelden spielen! Und wenn's dann losgeht,

in's Bett kriechen!«

»Vorwärts, du alter Sünder!« schrie ein anderer dem Greise zu,

der inmitten einer drohenden Rotte stand und ohnmächtig auf die

gemißhandelten Frauen sah.

Da traf ein heftiger Kolbenstoß den Rücken des alten Mannes, daß er

wankte. Dann rissen ihn die Freischärler mit sich fort. Die gellenden

Wehrufe der alten Dame schallten ihnen hinterdrein.

Heinrich drängte sich zu dem noch immer mitten im Gewühl auf der Gasse

liegenden jungen Mädchen. Ein ekelhaft aussehender Kerl kniete auf

ihrer Brust und rang mit ihr.

»Lassen Sie augenblicklich das Mädchen los,« sagte Heinrich, sich

niederbeugend, mit wutbebender Stimme.

Der Freischärler hielt die sich mit letzter Kraft Wehrende an den

zarten Handgelenken gepackt und preßte ihr die Hände auf die Kehle.

Als er die drohenden Worte vernahm, sah er auf und maß Heinrich mit

funkelnden Augen. Im nächsten Augenblick empfing der Kniende einen

Faustschlag gegen die Schläfe, daß er wie leblos auf das Pflaster sank.

»Stehen Sie auf,« sagte Heinrich und richtete die Zitternde in die

Höhe. »Wo wohnen Sie?«

»Meine Mutter!« rief das Mädchen in den Tönen der Verzweiflung.

Heinrich sah sich um. Da bemerkte er die alte Frau, die inzwischen

niedergesunken war und in Gefahr schwebte, von der Menge zertreten

zu werden. Rasch schlang er den Arm um das Mädchen und bahnte sich

mit seiner ganzen Kraft einen Weg durch das Gedränge. Nachdem er die

Ohnmächtige erreicht hatte, nahm er sie in seine Arme und hob sie auf.

»Gehen Sie voran,« rief er dem Mädchen zu, »ich folge Ihnen!«

So gelangten sie zu einem vornehmen Bürgerhaus in der Wilsdruffer

Gasse, in dessen erstem Stock sich die Wohnung befand. Heinrich legte

die alte Frau behutsam auf das Sofa und wandte sich zum Gehen.

Da eilte ihm das Mädchen nach, ergriff seine Hände und küßte sie

wortlos viele Male und unter heftigen Tränen. Heinrich fühlte, wie ihm

die Bewegung die Kehle zuschnürte. Er dachte an Frau Marschall.

»Geben Sie Ihrer Mutter Wasser,« sagte er mit Anstrengung, »dann wird

sie wieder aufwachen. Und schließen Sie das Haus zu.«

Damit ging er.

Auf der Gasse wurde er sogleich wieder vom Strom der Menge erfaßt und

fortgeschoben. In einem der letzten Häuser vor dem Altmarkt sah er

einen verschlossenen Laden, an dessen Tür mit Kreide geschrieben war:

Heilig ist das Eigentum! Vor diesem Laden standen zwei Männer, unter

deren Axtschlägen das Holz der Tür in Splitter flog. Jetzt fiel die

Tür krachend ein, und ein paar heruntergekommene Gesellen, die auf

diesen Zeitpunkt schon ungeduldig gewartet hatten, stürmten hinein. Im

Nu war darin alles durcheinandergeworfen, und die Plünderer ergriffen

die Goldwaren und Schmuckgegenstände und stopften sie in ihre Taschen,

worauf sie hohnlachend den Laden wieder verließen. Ein anderer Haufe

drängte hinein.

Mit grimmiger Enttäuschung erkannten diese Neugekommenen, daß alle

Kästen bereits ausgeraubt waren. Einen lästerlichen Fluch ausstoßend,

strich einer der Gesellen ein Schwefelholz an und warf es in einen

Haufen Papier. Zischend fuhr die Flamme hoch auf und griff mit gieriger

Gefräßigkeit um sich. Eine Minute später glich das Innere des Ladens

einem Feuermeer.

Heinrich fühlte, wie ihn die Wut schüttelte, und er wandte sich ab.

Wieder riß ihn der Strom fort bis zum Altmarkt. Hier standen die

Menschen wie eingekeilt Schulter an Schulter.

»Wo bleiben die Zuzüge?« rief es von allen Seiten. »Brot fehlt! Geld

wollen wir haben! Waffen! Waffen! Munition! Waffen!«

Ein sinnbetäubender Lärm hob an. Alles schrie durcheinander. Einige

forderten dazu auf, das Rathaus zu stürmen. »Dort sitzen die Schufte

und tun sich gütlich! Wir können unterdessen umkommen wie Hunde!«

Ein alter Kommunalgardist versuchte, die ärgsten Schreier zu beruhigen.

»Die provisorische Regierung,« meinte er begütigend, »arbeitet die

ganze Nacht durch. Habt nur Vertrauen, Mitbürger, sie wird schon alles

gut hinausführen.«

»Was, der Schwarzgelbe will Fisematenten machen und uns nasführen?«

brüllte ein zerlumpter, riesenhafter Kerl, trat hinzu und schlug den

Kommunalgardisten mit der Faust ins Gesicht, daß diesem das Blut aus

dem Munde brach und er zur Seite taumelte.

»Es lebe die Menschlichkeit!« schrien Tausende von Stimmen. »Hoch

die Freiheit! Nieder mit der Regierung! Tod dem König! Tzschirner,

Tzschirner ... hooch!«

Da trat der Gerufene auf den Balkon des Rathauses.

»Nieder mit dem Verräter!« empfingen ihn wütende Rufe. »Zerreißt das

Aas in Kochstücke!« und wieder: »Hoch, Tzschirner! ... hooch!«

Die Parteien gerieten zusammen. Brüllend wie Tiere schlugen sie mit

Knüppeln und Fäusten aufeinander ein, zerkratzten und zerbissen sich

die Gesichter und rissen sich die Kleider in Stücken vom Leibe. Die

am Boden sich wälzenden Knäuel gerieten in Gefahr, unter die Füße der

drängenden Menge zu kommen.

Da -- ein Trompetenstoß! Der Tumult verringerte sich. Alles horchte.

Advokat Tzschirner, das Oberhaupt der provisorischen Regierung, beugte

sich über das Balkongeländer und rief mit gemachtem Pathos über die

Köpfe der wie durch einen Zauberspruch plötzlich still gewordenen Menge

hinweg:

»Mitbürger! Der Kampf ist uns schnöde aufgezwungen worden! Aber die

heilige Sache siegt! Die Gerechtigkeit muß triumphieren! Das langmütige

sächsische Volk hat seine besten Söhne auf die Barrikaden gesandt,

um die Einheit und Freiheit Deutschlands zu erkämpfen. Bewundernd

richtet das ganze gesittete Europa seine Augen auf euch! Die ohnmächtig

zusammengebrochene Regierung hat fremde Truppen herangezogen, -- ein

Schrei der Entrüstung zittert durch die gebildete Welt. Aber ihr werdet

den Kampf mit um so größerer Tapferkeit fortführen, ihr, die Helden

der Freiheit! Durch Nacht zum Licht! Tod den Bedrückern! Tod den

Blutsaugern! Tod den Tyrannen! Es lebe das geeinte, freie und große

deutsche Vaterland! Es lebe die Menschlichkeit! Es lebe die Revolution!«

Die Wirkung dieser Rede war unbeschreiblich. Während Tzschirner

zurücktrat und sich die tropfende Stirn trocknete, brach auf dem

Altmarkt ein ohrenzerreißendes Geschrei aus. Tausende von Stimmen

jubelten, kreischten und brüllten durcheinander. Der Sprecher hatte

alle Gemüter entflammt. Wäre er unter der Menge gewesen, so hätte

man ihn vor Begeisterung zerrissen. Die Männer fielen in Verbrüderung

einander um den Hals und küßten sich. Wer so unvorsichtig war, zu

dem Gehörten Bedenken zu äußern, wurde blutig geschlagen. »Hoch die

Revolution! Hoch Deutschland! Nieder mit den Volkstyrannen!«

Heinrich empfand einen heftigen Widerwillen gegen den wüsten Auftritt

und wollte den Altmarkt verlassen. Als er versuchte, sich durch das

Gedränge einen Weg zu bahnen, stand plötzlich hochroten Gesichts und

mit rollenden Augen ein Freischärler vor ihm, der ihn schon eine Weile

argwöhnisch betrachtet hatte.

»Warum stimmst du nicht in den Beifall ein?« schrie dieser ihn an.

Heinrich empfand nicht übel Lust, den Mann an der Kehle zu fassen. Aber

er verlor seine Besonnenheit nicht.

Da holte der Kerl drohend mit dem Gewehrkolben aus. Heinrich schoß das

Blut in die Schläfen. Wenn ihn jetzt die Beherrschung verließ, schlug

er seinem Bedränger mit der Faust die Stirn ein. Im nächsten Augenblick

würden ihn freilich die Umstehenden, die schon eine drohende Haltung

annahmen, in Stücke zerreißen.

»Gib Beifall,« zischte der Freischärler, sinnlos vor Wut.

»Hoch! hoch!« rief Heinrich und zwang sein Gesicht zu einem Lächeln.

Da ließ der Mann von ihm ab, und der Kreis, der ihn umgab, öffnete sich.

Die schmetternden Klänge eines Horns hallten durch den Tumult. Alles

lauschte nach der Richtung, aus der die Töne kamen. Auch Heinrich

sah neugierig dahin. Da erkannte er, wie von der Seegasse her ein

neuer Trupp auswärtiger Kämpfer vor das Rathaus marschierte. Die

Ankommenden waren über und über mit Staub bedeckt und durch einen

anstrengenden Gewaltmarsch sichtlich sehr ermüdet. Aber die Mehrzahl

hatte ihre straffe Haltung bewahrt, und der Anblick der Menge und deren

jauchzender Beifall richtete auch die Mattgewordenen wieder auf. Alle

trugen Gewehre über den Schultern und auf dem Rücken gepackte Ränzel.

Dem Äußeren nach zu urteilen, waren es Handwerker, bärtige Männer mit

ernsten Gesichtern und schwieligen Händen, die daheim in der Werkstatt

das Schurzfell abgebunden und Hobel und Hammer beiseite gelegt hatten,

um das Werkzeug mit der Waffe zu vertauschen.

»Willkommen, Brüder! Woher des Wegs?« wurde ihnen von allen Seiten

entgegengerufen.

»Von Schneeberg und Aue und Eibenstock!«

»Wo seid ihr heute früh aufgebrochen?«

»Seit Freiberg in einem unterwegs! Ihrer fünfzig treffen morgen noch

ein.«

Die Menge raste in Verzückung.

Der Führer, ein hochgewachsener Mann, mochte seines Zeichens Schmied

sein. Wie er, seine breiten Schultern leicht wiegend, in ungebeugter

Haltung den Marschierenden voranschritt, zeigte er nicht die geringste

Müdigkeit. In dem ernsten Gesicht zuckte kein Muskel. Das laute

Beifallrufen schien keinen Eindruck auf ihn zu machen.

Jetzt ließ er seine Schar -- wohl an die hundert Mann -- vor dem

Rathaus halten und Gewehr abnehmen. Auf dem Balkon stand Oberstleutnant

Heinze, der Kommandant der Freischärler, und begrüßte die Angekommenen

unter jubelnder Zustimmung der Menge.

Als der Wortschwall nicht enden wollte, riß dem ruhigen

Handwerksmeister aus dem Erzgebirge die Geduld, und er rief mit

kerniger Stimme dem Sprecher hinauf:

»Wie steht es um die Sache! Willigt die Regierung in die Verfassung

ein?«

»Die bisherige Regierung hat aufgehört zu existieren,« antwortete der

Oberstleutnant. »Es gibt keine anderen Machthaber in Sachsen, als die

provisorische Regierung des die Knechtherrschaft niederwerfenden Volks!«

Bei diesen Worten lief eine Bewegung durch die Angekommenen.

»Wenn die Minister nicht mehr sind,« rief der Mann wieder, »mit wem

verhandelt ihr denn dann?«

»Es gibt nichts mehr zu verhandeln,« antwortete es von oben herab. »Die

Würfel sind gefallen! Wir kämpfen gegen die schandwürdigen Söldlinge

der Tyrannei, die in dem Blut ersticken sollen, das um ihretwillen

vergossen worden ist.«

Während dieser Wechselrede war es auf dem weiten Platz merkwürdig still

geworden. Jeder bemühte sich, die gesprochenen Worte zu erhaschen.

»Das klingt aber doch ganz anders,« rief der Führer wieder, »als eure

gedruckten Proklamationen, die ihr uns sandtet. Da hieß es, eine große

bewaffnete Kundgebung sei unternommen, um den König von dem ernsten

Willen des Volks zu überzeugen.«

»König?« -- -- -- Kommandant Heinze lachte spöttisch auf. »Der König

ist mitsamt seinen Ministern geflohen. Das Feld gehört uns! Und wir

wollen den mit Bürgerblut gedüngten Acker bestellen, daß die Saat der

Freiheit herrlich aufgeht. Nieder mit allen Knechtenden des Volks! Hoch

die menschenbeglückende Freiheit! Hoch die Revolution!«

Ein Sturm brauste über den weiten Platz. Hüte und Fäuste wurden in

die Luft geworfen, und das Tosen von abertausend Stimmen schlug wie

schäumende Brandung gegen die Häuser: »Hoch die Freiheit! Hoch die

Reichsverfassung! Hoch die Revolution!«

Der starke Mann unter dem Balkon des Rathauses stand eine Sekunde lang

wie versteinert. Dann wandte er sich zu seinen Leuten. Seine starke

Stimme bebte in tiefer Bewegung, als er ihnen zurief:

»Ich brauche euch nach diesen Worten nichts mehr zu sagen! Ihr wißt

jetzt alles ...«

Ein einziger Ruf der Zustimmung aus hundert Kehlen unterbrach ihn.

»Die Gewehre übernehmen! Zweimal linksschwenkt marsch!«

Da flogen die Flinten auf die Schultern, und die ermüdete Schar trat

mit neu erwachter Kraft den Weg wieder an, den sie vor wenigen Minuten

gekommen war.

Bis zu diesem Augenblick hatte die Menge das Schweigen gewahrt, das

nach dem Beifallsturm von neuem eingetreten war. Jetzt aber brach ein

wahres Höllengeschrei aus, und die Abziehenden wurden mit Schmähreden

und Schimpfworten überschüttet. Die Wildesten unter der Menge stellten

sich der Kolonne entgegen und versuchten, ihr den Weg zu versperren.

Aber die Marschierenden schlossen dicht auf, und vor ihrem energischen

Ausschreiten wichen die Wutheulenden zur Seite.

Heinrich war aus unmittelbarer Nähe Zeuge dieses Vorfalls gewesen,

denn er hatte dicht neben dem großen Tor des Rathauses gestanden. Der

Führer der Schar hatte ihm gefallen. Er mußte ein kernhafter Mann von

altem Schrot und Korn sein. Auch seinen Leuten sah man die Achtbarkeit

an und die knorrige Art ihrer Gesinnung. Schade, daß sie wieder

abzogen! Das Toben der leidenschaftlich erregten Menge mußte jeden

Vernünftigdenkenden allerdings mit Ekel erfüllen. Doch brachte eine

bewaffnete Erhebung das wohl so mit sich.

Auch die überschwenglichen Worte des Kommandanten waren gerade nicht

geeignet gewesen, die Abziehenden für die Sache zu gewinnen. Aber

wuchert nicht auch zwischen den saftgeschwellten Halmen eines blühenden

Kornfeldes allerlei Unkraut? Die braven Erzgebirgler müßten die Männer

sehen, die auf den Barrikaden kämpften! Da würde ihnen das Herz

aufgehen!

Andere Gedanken als diese kamen Heinrich nicht. Der junge Mann war

ein reiner Tor und von der Lauterkeit der bürgerlichen Erhebung so

durchdrungen, daß kein Argwohn in seiner Seele aufstieg. Er hatte

niemand, der ihm die Binde von seinen Augen gelüftet hätte. So war er

ein typischer Vertreter für viele. Der Advokat Marschall stand an der

Spitze der Bewegung, Professor Richter, der Hofbaumeister Semper und

andere Männer ohne Falsch, deren Namen mit Achtung genannt wurden. Das

genügte Heinrich. Damit war bewiesen, daß das Volk berechtigt handelte!

Hätte die Regierung die billigen Forderungen erfüllt, so wäre die

Anwendung der Gewalt unterblieben. Anstatt aber nachzugeben, hatte sie

das Volk vor den Kopf gestoßen -- --

Heinrich hatte genug von dem Schreien, das seine Sinne verwirrte und

dessen Ende nicht abzusehen war. In seinem Magen wühlte der Hunger.

Aber woher sollte er jetzt etwas zu essen bekommen! In eine abgelegene

Gasse laufen, um ein noch geöffnetes Wirtshaus zu suchen, danach

fühlte er kein Verlangen. Er war zu abgespannt. Seine Müdigkeit war

größer als der Hunger. Die Schwäche mußte wohl noch eine Folge der

Gehirnerschütterung sein, die er erlitten. Schlafen, nur schlafen!

Da sah er die hellerleuchtete, breite Hausflur des Rathauses und trat

hinein. Drei Ratsdiener sperrten ihm den Weg. Er drängte den nächsten

zur Seite und ging durch die Halle. Im Hintergrund entdeckte er eine

Tür, die ins Freie führte.

Nun stand er auf dem Hof. Hier war es still. Der Lärm drang vom

Altmarkt nur wie entferntes Summen herein. Das Schießen hatte wohl

schon seit einer Stunde aufgehört. Jetzt mochte es elf Uhr sein. Der

Himmel war bewölkt, und der Hof des Rathauses lag in tiefem Dunkel.

Heinrich stellte das Gewehr an die Wand und legte sich auf den

Erdboden. Ah -- wie das wohl tat! Und er fühlte, daß er zum Umsinken

müde gewesen war. Nur jetzt nicht mehr denken, bloß schlafen.

Er versuchte, seinem Körper eine bequeme Lage zu geben, was ihm denn

zuletzt auch leidlich gelang. Nur unter den zu tief liegenden Kopf

hätte er gern eine Unterlage gehabt. Zwar war es empfindlich kühl, aber

das würde ihn nicht sonderlich stören.

Da stieß er in seinem Bemühen, den Arm unter den Kopf zu legen, mit

der Hand an etwas Hartes. Er richtete sich auf und sah sich um.

Hinter ihm war ein großer Haufen Steine, wie ihm schien, an der Wand

aufgeschichtet. Schon halb im Schlaf beugte er sich zurück, ergriff

einen und legte den Kopf darauf. So ging es besser. Doch was war das?

Roch der Stein nicht wie Brot?

Vollständig ermuntert fuhr Heinrich auf und untersuchte den

vermeintlichen Stein. Wahrhaftig, es war ein Brot! Hart zwar, aber

doch Brot. Der wohlgesetzte Haufen war gewiß für die Verpflegung der

Barrikadenkämpfer bestimmt. Da fühlte er mit einem Schlage wieder den

nagenden Hunger, den er schon vergessen hatte.

Diese köstliche Entdeckung erschien ihm wie ein Wunder. Aber er

grübelte nicht weiter nach, sondern zerbrach das Brot über dem Knie und

fiel heißhungrig darüber her. Das schmeckte! Binnen kurzer Zeit hatte

er die Hälfte aufgezehrt. Dann griff er noch einmal zurück, nahm ein

zweites Brot und legte den Kopf darauf. Die Sättigung bereitete ihm

Wohlbehagen, daß er sich vergnügt streckte. Madam Marschall, dachte er

noch, Valentine -- -- -- dann war er fest eingeschlafen.

[Illustration: Der Angriff auf das Turmhaus.]

Elftes Kapitel

Als Kurt an jenem Abend von Valentine Abschied genommen und das

Marschallsche Haus verlassen hatte, war das Mädchen noch eine Zeitlang

in der Stube geblieben. Ihr ernstes Gesicht hatte deutlich verraten,

wie der Abschied sie ergriffen. Sie wußte, daß es ein Lebewohl für

immer gewesen war.

Der ritterliche Sinn des jungen Offiziers und sein vornehmer Charakter

hatten auf Valentine, bald nachdem sie ihn kennen gelernt, einen

tiefen Eindruck gemacht. Und sie hatte gefühlt, wie ihr Herz in seiner

Gegenwart lauter schlug. So war nach kurzer Zeit für den jungen

Offizier eine ungestüme Leidenschaft in ihr erwacht, die Valentine

freilich vor aller Welt sorgfältig verbarg. Am ängstlichsten vor dem

heimlich Geliebten selbst.

Aber warum hütete das Mädchen ihr zartes Geheimnis tief im Herzen?

Warum verriet sie es selbst dann nicht, als sie glückselig gewahrte,

wie der Geliebte verstohlen um ihre Zuneigung warb?

Valentine war trotz ihrer Jugend bereits eine jener stillen Frauen,

deren sittliche Kraft im Entsagen stärker sein kann, als die

stürmischen Wallungen des Herzens. Sie wußte, daß zwischen ihr und dem

Geliebten die verworrenen Zeitverhältnisse eine tiefe Kluft schufen,

die sich von Tag zu Tag erweiterte.

Anfänglich war die politische Bewegung Gemeingut aller gewesen.

Besonders in der königstreuen Bürgerschaft bis zu den höchsten Kreisen

hinauf herrschte tiefe Verstimmung, und das sehnlichste Verlangen nach

einem endlichen inneren Frieden erfüllte aller Herzen. Wohl gab es

erhitzte Gemüter, die maßlose Forderungen in das Land hineinschrien.

Aber sie waren in der Minderzahl, und ihr Gebaren wurde verurteilt.

Als die Partei der Gemäßigten im Laufe der weiteren Entwicklung aber

sah, daß sie für ihre ruhig ausgesprochenen Wünsche bei der Regierung

kein Gehör fand, als sie erkannte, wie oben die Verwirrung bis zur

Kopflosigkeit wuchs, als sich die Spannung zwischen Landtag und

den Regierungsvertretern stetig erhöhte und die Behörden, anstatt

Nachgiebigkeit zu üben, scharfe Polizeimaßregeln ergriffen, da sah

mancher wahrhaft vaterländisch Gesinnte sorgenvoll in die Zukunft, und

die Anhängerschaft der Regierungsfeindlichen wuchs mit bedrohlicher

Schnelligkeit.

Aber noch immer wurzelte das Programm der radikalen Partei im Boden der

bestehenden monarchischen Staatsform.

Da schoß aus der Tiefe des leidenschaftlich bewegten Volks plötzlich

die Flamme der Unbotmäßigkeit hoch auf. Die Luft schien mit einemmal

von einem berauschenden Element durchdrungen zu zu sein, das auch die

Sinne der ruhig gebliebenen Kreise der Bürgerschaft allmählich umfing.

Viele von denen, die bisher mit einer friedlichen Schlichtung der

Wirrungen gerechnet hatten, erklärten sich jetzt für die Anwendung von

Gewalt, denn sie fühlten ihr Hoffen enttäuscht und sahen keinen andern

Ausweg.

Valentinens kühler Verstand hatte diese Entwicklung geahnt. Aus diesem

Grunde war sie auf der Hut gewesen, daß die Stimme ihres Herzens

dem Geliebten nicht verriet, wie es um sie stand. Sie kannte den

ehrenhaften Charakter des jungen Offiziers nur zu gut und wußte, daß

ihn seine politischen Anschauungen und die hohe Auffassung von seinem

Beruf eines Tages von ihr trennen würden. Sie wollte ihn deshalb nicht

an sich fesseln, um ihm und sich selbst den Schmerz der Entsagung zu

erleichtern.

Noch erkannte das Auge des Unerfahrenen nicht die über aller Häuptern

schwebende Katastrophe. Hofften doch selbst Männer, die das Leben reif

gemacht, in blinder Harmlosigkeit so lange auf ein gütliches Ende, bis

der Sturm losbrach und ihnen die Zügel der Führerschaft entriß.

Diese Empfindungen hatten Valentine unablässig erfüllt. Kurt mußte vor

einem schweren inneren Kampf bewahrt bleiben! Sie war fest überzeugt,

daß er von ihr gehen würde, auch wenn sich ihre Seelen gefunden. Aber

er sollte sich nicht mit blutendem Herzen von ihr wenden. Deshalb

kämpfte das Mädchen tagein, tagaus einen verzweifelten Kampf gegen die

stetig wachsende Leidenschaft in ihrem Herzen.

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 11 / 18 段