Diese ruhigen Worte machten Eindruck. Professor Richter war den

Offizieren hinlänglich als besonnener Mann bekannt. Zudem wußten sie um

den ehrenvollen Ruf, den er als Leiter der chirurgischen Klinik genoß.

Eine kurze Weile schwankte der Major, dann hatte er sich entschieden.

Wenn die Barrikadenbesatzung abzog, blieb unnützes Blutvergießen

erspart. Denn der Sturm durch die lange und schmale Gasse würde viele

Opfer kosten.

»Versuchen Sie es immerhin, Herr Professor,« versetzte der Major. »Ich

werde mit dem Vorrücken noch zehn Minuten warten.«

Heinrich hatte mit verhaltenem Atem dieser laut geführten Unterhaltung

zugehört. Jetzt trat er hinter der Barrikade vor und rannte Professor

Richter nach, der die Rampische Gasse hinablief. Als er ihn erreicht

hatte, sagte dieser zu ihm:

»Suchen Sie den Advokaten Marschall, Heinrich. Er soll morgen in

aller Frühe, wenn es noch ruhig ist, seine Frau, sorgfältig in

Betten verpackt, nach dem Trompeterschlößchen fahren lassen. In der

Brüdergasse ist sie nicht mehr sicher, man hat dort was vor. Ich würde

im Laufe des Vormittags nach ihr sehen.«

Diese Worte versetzten Heinrich in große Bestürzung, und stotternd

fragte er nach dem Befinden der Kranken. Aber Professor Richter wehrte

mit der Hand ab und eilte zu der Barrikade hin, über deren oberen Rand

die im Anschlag liegenden Verteidiger hinwegsahen. Heinrich blieb

während des Laufens immer an der Seite des Professors.

Endlich hatten sie die Barrikade erreicht.

»Wer ist hier der Kommandant? Ich will ihn sprechen!« rief Professor

Richter keuchend.

Da stieg hinter der Brüstung ein hochgewachsener, hagerer Mann langsam

herauf, der einen eng zugeknöpften, schwarzen Schößenrock trug.

Sein Gesicht war bleich und eingefallen und wurde von einem langen,

kohlschwarzen Bart eingerahmt. Die tiefliegenden Augen glühten in

politischem und religiösem Fanatismus. Der Mann war ein Pastor. Als die

schrillen Töne der Sturmglocken über das sächsische Land schallten,

hatte er Kanzelrock und Barett an den Nagel gehangen und war zum Kampf

nach der Hauptstadt geeilt.

»Was wünschen Sie, mein Herr?« fragte der Kommandant mit tiefklingender

Stimme und in unverfälschter oberlausitzer Mundart.

Professor Richter antwortete:

»Ich ersuche Sie dringend, Ihren Leuten die Weisung zu geben, die

Barrikade sofort zu räumen. Auf dem Zeughausplatze stehen drei

Kompagnien der leichten Infanterie, die in wenigen Minuten zum Sturm

vorrücken werden.«

»Sie sollen kommen,« versetzte der Hohläugige gelassen. »Wir harren

ihrer schon längst.«

»Es wäre Wahnwitz, wenn Sie den Angriff abwarten wollten! Gegen diese

Übermacht können Sie nichts ausrichten.«

»Es verlangt uns danach, für die Freiheit zu sterben; Gott wird mit uns

sein und unser Auge schärfen und unsern Arm stark machen!«

»Aber Sie opfern sich mit ihren tapfern Männern umsonst. Der Ansturm

der Truppen wird Sie über den Haufen werfen.«

»Wer den Sieg erringen soll, steht bei dem droben!« antwortete der

Lange mit mühsam gebändigter Leidenschaft.

Das Pathos dieser Worte befremdete Professor Richter, und er ahnte den

Geistlichen in dem Sprecher.

»Nun, mein Herr!« rief er ungeduldig, »wenn Sie den Namen des

Allmächtigen so geflissentlich im Munde führen, dann kennen Sie sicher

auch das göttliche Wort: Wer unnütz Blut vergießt, des Blut soll auch

vergossen werden.«

Der Mann auf der Barrikade stand wie eine Bildsäule, die Rechte auf

das Gewehr gestützt, die freie Hand in die schwarzrotgoldene Binde

geschoben, die den hageren Leib umschloß.

»Das Vaterland hat seine Söhne gerufen,« antwortete er mit

unerschütterlichem Gleichmut, »sie sind gekommen und bereit, für sein

Heil zu sterben. Wer für die höchsten Güter der Menschheit kämpft,

erwirbt sich die Liebe des himmlischen Vaters!«

Professor Richter fuhr erbittert auf. Der Mann war ein Schwätzer, und

die Sekunden waren zu kostbar, sie für die Bekehrung eines Fanatiker

hinzugeben.

»Leute!« schrie er der Barrikadenbesatzung zu, die dem Wortwechsel

aufmerksam zugehört hatte, »ich muß euern Mut ehren. Aber besonnenen

Männern ziemt es, von einer nutzlosen Tollkühnheit abzustehen. Ihr habt

die Pflicht, euer Leben nicht in den Wind zu schlagen! Setzt es dort

ein, wo Ihr dem Vaterland damit nützen könnt. Seid vernünftig und räumt

die Barrikade!«

Der tiefe Eindruck dieser Rede auf die Barrikadenmänner war

offensichtlich. Was der da unten sprach, traf den Nagel auf den Kopf.

Professor Richter bemerkte ihr Schwanken.

»Die Kindschen Häuser,« rief er, »und die beiden Hotels an der

Moritzstraße sind längst noch nicht stark genug besetzt. Das sind

Stützpunkte, die wir behaupten müssen! Geht dorthin und verstärkt die

Besatzung. Aber zögert nicht mehr! Die Truppen können jeden Augenblick

angreifen.«

Der Kommandant fühlte die starke Wirkung dieser Worte auf seine Leute.

Und er las auf ihren Mienen, daß der Warner sie überzeugt hatte. Nur

wenige schienen noch unschlüssig zu sein.

Da feuerte er mit zündender Rede noch einmal zum Bleiben an. Aber seine

Stimme wurde niedergeschrien. Und aus der Mitte der Erregten trat einer

in Turnerkleidung an die Brüstung und rief hinab:

»Wieviel Kompagnien, sagten Sie, stünden auf dem Zeughausplatz?«

»Drei! Eure Barrikade mit der geringen Besatzung ist für einen solchen

Ansturm zu schwach.«

»Der Mann hat recht; wahrhaftig, er hat recht,« wandte sich der Turner

an seine Kameraden. »Wozu sollen wir uns umsonst opfern? Auf dem

Neumarkt werden unsere drei Dutzend Gewehre besser gebraucht. Auf,

Brüder, ziehen wir nach Hotel Rom!«

Diesen Worten wurde lärmend zugestimmt. Die Mutigen waren klug genug,

die Nutzlosigkeit ihres Ausharrens einzusehen, und den weniger

Herzhaften kam der Abzug von dieser gefährlichen Stelle gelegen. Lieber

aus den Fenstern eines verrammelten Hauses herausschießen, als einen

Sturm auf freier Barrikade abwehren.

»Nach Hotel Rom!« schrie es durcheinander, und die Besatzung kletterte

von der Barrikade herab.

Um die Lippen des Mannes mit dem Asketengesicht spielte ein

verächtliches Lächeln; -- schweigend lief er seinen Leuten nach. Auch

Heinrich schloß sich den Zurückgehenden an, nachdem er gesehen, wie

Professor Richter die Rampische Gasse zurückeilte, an deren Ende der

zum Angriff schreitende vorderste Schützenschwarm soeben sichtbar wurde.

Kaum hatte der Trupp der abziehenden Freischärler den Neumarkt

betreten, als er schon von der Bildergalerie her lebhaft beschossen

wurde. Sogleich begannen einige zu laufen.

Da klang die erzürnte Stimme des Geistlichen im Insurgentengewand:

»Ein Feigling, wer läuft! Will das streitende Bürgertum sich zum

Gespött der Knechtenden machen?«

Diese Worte brachten wieder so viel äußerliche Ruhe in den Haufen,

daß die Männer ohne Hast weitermarschierten, ungeachtet der vielen

vorbeischwirrenden Kugeln. Wenn eine solche dicht über sie hinwegpfiff,

zog jeder unwillkürlich den Kopf ein, obwohl alle wußten, daß das

Geschoß bereits vorbeigeflogen war, wenn sie sein Pfeifen hörten.

Jeder Einzelne fühlte die ungeheure Nervenanspannung, die das langsame

Vorwärtsschreiten in dem Kugelregen verursachte. Aber keiner wagte zu

laufen. Zwar konnten sie ihren Führer nicht sehen, denn er ging hinter

ihnen. Doch fühlte jeder seine Nähe, und sein dämonischer Einfluß

beugte die Männer unter seinen Willen und zwang sie, der hohen Gefahr

kaltblütig die Stirn zu bieten.

»Es ist ein Unsinn,« rief Heinrich, »unter Feuer stehende Abschnitte im

Schritt zu passieren. Das tut nicht einmal das Militär!«

Der Kommandant warf dem Rufer aus seinen flackernden Augen einen

mißbilligenden Blick zu, verschmähte es aber, zu antworten.

Da erhielt der Trupp plötzlich auch von hinten starkes Feuer, das die

leichte Infanterie abgab, die inzwischen die verlassene Barrikade

besetzt hatte. Heinrich hörte deutlich das Kommando: »Zug -- Fert'g!

-- An! -- Feuer! -- Ladet -- Gwehr!« -- -- Und eine Sekunde darauf

schlugen auch von der Brühlschen Terrasse her Kugeln in ihrer Nähe ein,

die die Münzgasse entlang fegten.

In den scheinbar gleichgültig dahinschreitenden Männern zitterte jeder

Nerv. Unter dem gräßlichen Eindruck, den dieses furchtbare Kreuzfeuer

ausübte, brach die nur noch mühsam aufrecht erhaltene Ruhe endlich

doch zusammen. Das ging über Menschenkraft! Und als plötzlich einer

der Marschierenden inmitten des Haufens stolperte und mit einem

markerschütternden Schrei vornüberfiel, da rannten alle wie auf ein

Signal in wilder Flucht über den Platz hinweg, bis sie Stadt Rom

erreicht hatten.

Nur der hagere Kommandant im schwarzen Schößenrock ging mit erhobenem

Haupt und die Schritte absichtlich verkürzend in unerschütterlicher

Ruhe weiter, obwohl die Kugeln wie Hagelkörner an ihm vorbeiflogen.

Sein bleiches Gesicht trug den Ausdruck unsäglicher Verachtung.

So erreichte er unbeschadet das Hotel.

Zehntes Kapitel

In Stadt Rom angekommen, stellte sich Heinrich sogleich an eines der

Fenster dieses stark besetzten Hauses und begann kaltblütig nach

der Bildergalerie auf der gegenüberliegenden Seite des Neumarkts zu

schießen. Aus den Fenstern des Johanneums und vom äußersten Flügel des

Brühlschen Palais her wurde lebhaft zurückgeschossen.

Dem Hotel Stadt Rom gegenüber stand an der andern Ecke der

Moritzstraße mit dem Neumarkt das Hotel de Saxe. Dieses mächtige

Haus war gleichfalls von Freischärlern besetzt, welche aus allen

Stockwerken feuerten. Die Straße zwischen beiden Hotels sperrte eine

hohe Barrikade. Aus den Kindschen Häusern, die von der Frauengasse bis

zum Jüdenhof den Platz begrenzten, krachten die Gewehre der Aufrührer

unaufhörlich hinüber nach den Truppen auf der am Ende der Münzgasse

sichtbaren Brühlschen Terrasse und im Coselschen Palais neben der

Frauenkirche.

Heinrich merkte bald, daß die Kugeln der Truppen wenig Wirkung hatten.

Er kannte ihre Perkussionsgewehre ja ganz genau und wußte, daß die

Entfernung für sie sehr groß war, während die Geschosse aus den

weittragenden Büchsen der bürgerlichen Kämpfer die Stellungen der

Truppen mit unverminderter Kraft erreichten.

Als Ziel hatte sich Heinrich das letzte Fenster der Bildergalerie an

der Ecke der Augustusstraße gewählt. Da schien es ihm mit einem Mal,

als ob er die Leute in diesen Fenstern kenne. Er sah scharf hinüber. Es

war kein Irrtum, -- die Mannschaften seiner Kompagnie standen dort!

Eben hatte der Soldat Kießling seiner Visitation das Gewehr erhoben und

zielte herüber. Heinrich sah den Feuerstrahl aus der Mündung blitzen

und hörte trotz des unaufhörlichen Krachens ringsum deutlich den Knall

des Schusses, als wenn nur dieses eine Gewehr abgefeuert worden sei.

Im nächsten Augenblick dröhnte das steinerne Fenstergewände dicht neben

seinem Kopf, zerborstenes Blei spritzte umher, und ein großes Stück

Sandstein fiel auf das Fensterbrett vor ihm nieder.

Heinrich rieb sich den Staub aus den Augen. Da sah er, wie Soldat

Kießling sein Gewehr gleichmütig wieder lud und von neuem anlegte.

Schnell riß Heinrich den Kolben an die Backe und drückte ab. Krachend

fuhr der Schuß hinaus. Im nächsten Augenblick sank drüben dem Zielenden

das Gewehr vom Kopfe herab und fiel zum Fenster hinunter, während

Kießling eine Schmerzensbewegung machte und auf seine herabhängende

rechte Hand starrte.

Da wurde der Verwundete vom Fenster gezogen, und ein anderer Soldat

trat an seine Stelle. Heinrich biß die Zähne aufeinander und machte das

Gewehr wieder fertig. Langsam hob er die Waffe und zielte scharf auf

den eben Herangetretenen.

Plötzlich ließ er das Gewehr sinken. Er konnte nicht schießen! Der

jetzt dort stand, war Korporal Johne, ein vortrefflicher Mensch. Johne

war der Einzige gewesen, mit dem er jederzeit treue Kameradschaft

gehalten hatte.

Heinrich trat vom Fenster zurück und sicherte das Gewehr. Auf seine

Kompagnie mochte er nicht zielen. Es gab hier genug Schützen, die

aus Mangel an Fensterplätzen nicht zum Feuern kamen. Er konnte sich

eine andere Stelle aussuchen. Übrigens wurde es auch Zeit, daß er zu

Marschalls ging.

Bei diesem Gedanken fühlte Heinrich, wie ihm das Blut ins Gesicht trat.

Denn er war sich dessen bewußt geworden, daß er Professor Richters

Auftrag im Eifer des Gefechts bald vergessen hätte.

Die Mauern von Stadt Rom und den Nachbarhäusern der kleinen Kirchgasse

waren von den Verteidigern durchgeschlagen worden. Heinrich hing das

Gewehr über die Achsel und verließ auf diesem Wege das Hotel. Als er

die Badergasse erreicht hatte entschloß er sich, die Barrikade bei

Stadt Gotha aufzusuchen, von deren Stärke er im Hotel Rom schon gehört

hatte. Dort war er auch in Marschalls nächster Nähe.

Auf dem Altmarkt war das Gewühl so dicht, daß Heinrich nur langsam

durchkommen konnte. Aus den Dörfern im Plauenschen Grunde kamen gerade

Wagen mit Lebensmitteln an. Auch zwei große Scharen auswärtiger Turner,

die mit nicht endenwollenden Jubelrufen empfangen wurden, marschierten

in geschlossener Ordnung nach dem Rathaus.

Beim Betreten der Schloßgasse hörte Heinrich die Kugeln der im

Thronsaal des Schlosses aufgestellten Truppen pfeifen. Er lief schnell

bis zur Rosmaringasse und meldete sich beim Barrikadenkommandanten.

»Sie können gleich hinaufsteigen, mein Sohn,« versetzte dieser, ein

älterer, anscheinend den höheren Ständen angehörender Herr. »Zeigen

Sie, ob Sie auch schießen gelernt haben.«

Heinrich kletterte die Leiter empor und trat hinter die Brüstung. Er

staunte über die Größe und Festigkeit dieser Barrikade. Sie reichte

fast bis zum zweiten Stock des Hotels und war ganz aus Pflastersteinen

und Granitplatten gebaut. Auf der Plattform lagen die Verteidiger Mann

an Mann und schossen unaufhörlich nach dem Schloß, aus dessen Fenstern

über dem Georgentor das Feuer heftig erwidert wurde. Zu Füßen der

liegenden Schützen kniete eine zweite Reihe, und über diese hinaus

ragten die Köpfe des hinter der Barrikade auf Laufbrettern stehenden

dritten Gliedes.

Das unaufhörliche Krachen der Gewehre von den in drei Etagen feuernden

Schützen in der schmalen Schloßgasse mit ihren hohen Häusern war

ohrenzerreißend und machte eine mündliche Verständigung auf der

Barrikade nahezu unmöglich.

Heinrich stellte sich in die hinterste Reihe, legte die Gewehrmündung

auf eine der quer gezogenen Latten und schoß so lange, bis er keine

Patrone mehr hatte.

Da sah er ein paar große hölzerne Eimer stehen, woraus jeder, der

sich verschossen hatte, seine Munition ergänzte. Und da fast alle

Freischärler die erst vor kurzem in den Handel gekommenen Hinterlader

besaßen, paßten die Patronen für jedes Gewehr.

Plötzlich bemerkte Heinrich, wie in der Tiefe des Georgentores einige

Soldaten sichtbar wurden. Und sein scharfes Auge erkannte eine Kanone,

deren Umrisse in dem Hintergrund des dunklen, durchgangartigen Tores

nur schwer zu sehen waren.

Noch zielte er darauf, als das Geschütz unter donnerartigem Krachen

abgefeuert wurde. Im nächsten Augenblick schlug der Vollkugelschuß in

die Vorderwand der Barrikade ein, den festen Bau erschütternd.

Eine kurze Weile stockte auf der Barrikade das Feuer, und man hörte,

wie der heftige Luftdruck Hunderte von Fensterscheiben des Schlosses

und der ihm zunächstliegenden Häuser der Schloßgasse zertrümmerte und

wie die herabfallenden Stücke auf dem Straßenpflaster zersplitterten.

Dann nahm die Barrikadenbesatzung das Feuer mit vermehrter Heftigkeit

wieder auf.

Bald krachte das Geschütz drüben noch einmal, und als Antwort schrien

bei den Freischärlern ein paar Stimmen verzweifelt auf. Diesmal war es

ein wohlgezielter Kartätschenschuß gewesen, der dicht über die Brüstung

hinweggestrichen war.

Das erste Opfer war ein blutjunges Bürschlein, -- zart wie ein Mädchen.

Laut stöhnend wurde er an Heinrich vorübergebracht. Seine Brust

war durch einen Steinsplitter vom Herzen bis zum Hals aufgerissen.

Der junge Mann, fast noch ein Knabe, blickte aus stieren Augen und

stammelte wirre Worte. Plötzlich rief er gellend: »Mutter, -- --

Mutter!« dann fiel sein Kopf zurück.

Nach ihm wurden zwei Tote hinabgelassen und hierauf noch ein

Verwundeter, ein bartloser Student mit den Farben der Leipziger

Saxonen. Heinrich sah, wie dieser die Hand lächelnd auf den Unterleib

preßte und heldenhaft jeden Schmerzenslaut unterdrückte. Aber von

seinen Lippen floß Blut, so biß er darauf.

Aufs äußerste erbittert, richteten jetzt alle die Gewehre auf den

Eingang des Georgentors, und ein Triumphgeschrei brach aus, als das

Geschütz plötzlich zurückgezogen wurde.

Dafür feuerten die Truppen aus den Fenstern des Thronsaales nun um

so heftiger, und die Zahl der Verwundeten auf der Barrikade wurde

immer größer. Auch hörte man jetzt in der Richtung des Neumarkts

Kanonenschüsse, und das Gewehrfeuer, das vom Zwinger herüberschallte,

steigerte sich von Minute zu Minute.

Der Barrikadenkommandant war auf die Brüstung gestiegen. Hier stand

er, auf den blanken Säbel gestützt, furchtlos inmitten des dichten

Kugelregens und feuerte die Verteidiger zu immer rascherem Schießen an.

Plötzlich hörte Heinrich, wie in seinem Rücken eine Stimme in den

betäubenden Lärm hineinschrie:

»Herr Kommandant, Herr Kommandant! Ich habe Ihnen eine Meldung

abzustatten!«

Der Gerufene vernahm die Stimme und ging zu dem auf der Leiter

Stehenden zurück.

»Was bringen Sie?« fragte er, sich zu ihm hinabbeugend.

»Die Wache auf dem Kreuzturm hat vor einer halben Stunde mit dem

Fernrohr beobachtet, wie ein Bataillon vom Berliner Alexanderregiment

auf dem Neustädter Bahnhof ausgeladen worden ist.«

Der Kommandant fuhr erzürnt auf.

»Fremde Truppen im Land? Das ist Verrat am eigenen Volk! -- Aber laßt

sie nur kommen,« fügte er lächelnd hinzu, »wir werden ihnen schon

heimleuchten! Wie steht es auf dem Neumarkt?«

»Die Unsrigen halten sich vortrefflich. Die beiden Hotels werden jetzt

von der Augustusstraße her mit Kanonen beschossen. Aber die Kugeln

richten wenig Schaden an. Die Verluste der Truppen sind größer als die

unsern.«

»Bravo, bravo!« rief der Kommandant. »Und wie sieht's im Zwinger aus?«

»Das Leibregiment hat den Wall und den Mathematischen Salon besetzt.

Dort sitzen sie wie in einer Mausefalle. Das Feuer vom Turmhaus an der

Ostra-Allee und von der Spiegelfabrik am Postplatz räumt furchtbar

unter ihnen auf.«

»An dieser Stelle steht das Gros der Turner,« versetzte der Kommandant

frohlockend. »Ein wackres Korps, diese Turnerschaft, schlägt sich

ausgezeichnet!«

»Die provisorische Regierung läßt Ihnen den gemessenen Befehl zugehen,

Herr Kommandant, Ihre Barrikade um jeden Preis zu behaupten. Stadt

Gotha bilde den Schlüssel für unsere ganze Stellung. Sie könnten so

viel Scharfschützen und Munition fordern, wie Sie wollten. Von der

unbegrenzten Hingabe der auf Ihrer Barrikade Kämpfenden hinge unser

aller Schicksal ab, denn die Schloßgasse bildet das Einfallstor in

unsere Stellung.«

Mit diesen Worten stieg der Bote die Leiter wieder hinunter.

Der Kommandant blieb eine Sekunde lang wie betäubt stehen. Dann

richtete er sich ruckartig auf und wandte sich zu seinen Leuten,

deren Gewehre unaufhörlich die blutige Arbeit verrichteten. Mit

einer ungestümen Bewegung riß er die auf der Mitte der Barrikade

aufgepflanzte schwarzrotgoldene Fahne in die Höhe, stieg mit

jugendlicher Behendigkeit auf einen umgestürzten Patroneneimer und

schrie mit der ganzen Kraft seiner Stimme in den Höllenlärm hinein:

»Brüder! Ihr kämpft auf dem bedeutungsvollsten Punkte der ganzen

Stellung. Die Geschichte wird die Namen derer, die hier gefochten,

einst mit Ehrfurcht nennen! Die Blicke aller Mitkämpfenden sind voll

Bewunderung auf uns gerichtet. Die provisorische Regierung erwartet

von euch, daß jeder sein Herzblut daran setzt, diesen Ehrenplatz

nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen. Die große Stunde

der Entscheidung ist gekommen! Es lebe die Einheit und Freiheit

Deutschlands! Es lebe die deutsche Reichsverfassung!«

So stand der Mann in grauem Haar mit dem feurigen Mut eines Jünglings,

des Eisenhagels spottend, hoch über seinen Leuten, die wallende

Fahne der Freiheit in der Faust. Und das hundertstimmige Jauchzen

der von seiner Begeisterung Hingerissenen vereinte sich mit dem

scharfen Pfeifen der Kugeln und dem stärker anschwellenden Rollen

des Gewehrfeuers zu einer schauerlichen Musik, deren rasende Weise

wie ein entfesselter Orkan gegen die Mauern der Häuser fuhr und --

zurückgeworfen -- den Kampfeslärm ins Ungemessene steigerte.

Noch war der begeisterte Jubel nicht verhallt, als der Mann auf der

Tonne plötzlich wankte und dann schwer auf die Plattform der Barrikade

niederfiel. Das dreifarbige Panier sank mit ihm nieder, seinen Körper

bedeckend.

Erschrocken eilten die Nächstliegenden hin und richteten ihn auf.

Mitten in der Stirn hatte er ein kreisrundes Loch, aus dem einige

Tropfen hellroten Bluts sickerten. Friedlich, als wenn er schlummere,

lag er vor ihnen. Seine Züge trugen noch das Lächeln der Begeisterung,

aus der er so plötzlich abberufen worden war.

Die Männer tasteten nach seinem Herzen, -- alles umsonst! Erschüttert

hoben sie den entseelten Körper auf und trugen ihn behutsam hinab. Auf

der Barrikade aber tobte der Kampfeslärm unvermindert fort, und ein

anderer stellte sich auf den frei gewordenen Platz. --

Heinrich hatte diesen Vorgang aus unmittelbarer Nähe beobachtet.

Sein Herz krampfte sich zusammen, als er den Mann zu Tode getroffen

liegen sah. Das war der Krieg in seiner ganzen Entsetzlichkeit -- der

Bürgerkrieg! Und er dachte daran, was für eine schwere Schuld die

Regierenden traf. Denn sie nur allein -- das stand bei Heinrich außer

Zweifel -- hatten den Aufstand herbeigeführt.

Da fühlte er mit einem Mal eine große Abspannung. Und er erinnerte

sich, daß er nichts wieder gegessen, seitdem er mit Herrn Dietze

zusammen gefrühstückt hatte. Der Gedanke an den gräßlichen Anblick,

den dieser gutmütige, alte Mann, von der Barrikade sinkend, geboten

hatte, vermehrte sein Übelbefinden. Aber Heinrich schämte sich seiner

Schwachheit und feuerte weiter.

Bald merkte er jedoch, wie ihn eine neue Schwäche anwandelte. Doch

was war das? Narrte ihn seine Einbildung? Hatte er unter den an

den Fenstern des Thronsaales stehenden Soldaten nicht soeben ein

wohlbekanntes Gesicht gesehen? Die Helle des Tages war schon gewichen,

-- er mußte sich getäuscht haben! Aber sein Auge war außergewöhnlich

scharf, das wußte er.

Heinrich nahm das Gewehr bei Fuß, legte beide Hände wie einen Schirm

über die Augen und sah mit äußerster Anstrengung seiner Sinne nach dem

Schloß. Da fielen plötzlich seine Arme herab, und kaltes Grausen kam

über ihn. Nein, -- jetzt war kein Zweifel mehr: er hatte unter einem

der Tschakos ein breites Gesicht mit einem starken, weißen Schnurrbart

gesehen.

Die dort im Thronsaal feuerten, waren Soldaten der 3. Kompagnie seines

Regiments, und an jenem Fenster stand sein Vater -- --

Hastig wandte sich Heinrich um und stieg die Leiter hinab. Es war die

höchste Zeit, daß er zu Marschalls ging!

War er betäubt von dem Höllenlärm, in dem er so lange gestanden? Oder

verwirrte ihn die entsetzliche Entdeckung so, die er eben gemacht?

Heinrich schwankte, daß er fast auf die Straße sank. Mit Mühe ging er

ein Stück zurück und setzte sich auf einen Fensterstock.

Endlich hatte er sich wieder soweit erholt, daß er seinen Weg

fortsetzen konnte. Bei Marschalls würde er zu essen bekommen, das mußte

ihn von neuem stärken. Da fiel ihm die Kranke ein, und dieser Gedanke

beflügelte seine Schritte.

Er ging die große Brüdergasse entlang und durch das Gäßchen nach der

kleinen Brüdergasse. Nun stand er vor dem Hause. Heinrich klinkte an

der Tür; sie war verschlossen.

Er klopfte an, vergeblich. Er klopfte stärker und wiederholte es fünf-,

sechsmal -- niemand öffnete. Die Fensterladen im Erdgeschoß, wo die

Kanzlei lag, waren geschlossen. Auch an sie klopfte er. Aber es kam

niemand, um nachzusehen, wer Einlaß begehrte.

»Hallo!« schrie Heinrich, »Anna, Anna, -- Valentine ...«

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 10 / 18 段