-- alles war still. Er trat auf den Korridor und klinkte die Tür leise
wieder zu. Dann sprang er die Treppenstufen hinauf und stand nun vor
den Offizierswohnungen. Dort befand sich die Stube vom Leutnant Allmer,
die kannte er. Mit ein paar Sätzen war er an der Tür und glitt hinein.
Das Zimmer war unaufgeräumt, wie es sein Bewohner in der Eile des
Alarms verlassen hatte. Der Kleiderschrank stand weit geöffnet; ein
grauer Zivilanzug hing vornan, darüber lag auf einem Brett ein kleiner,
runder Hut.
Mit zitternden Händen riß Heinrich die Knöpfe seines Waffenrocks auf,
warf die Uniform ab und fuhr in den Anzug. Er war ihm zu eng, aber was
tat das! Zwei Minuten später, als er das Zimmer betreten, stand er
wieder auf dem Korridor.
Die Sinne aufs äußerste anspannend, lief er die Treppen hinunter bis
ins Kellergeschoß und jagte dann durch den langen Gang, um das hintere
Tor nach der Ritterstraße zu erreichen. In der Kaserne herrschte eine
tiefe, befremdende Stille. Als er das Ende des Korridors erreicht
hatte, sprang er die Halbtreppe hinauf, nach dem Ausgang auf den
Kasernenhof. Hier war das Kompagnierevier seines Vaters. Unwillkürlich
warf er einen Blick hinein.
Da hörte er leises Geräusch. Und wie er sich umwandte, sah er einen
Menschen, bei dessen Anblick ihm das Herz fast stillstand: an der
leeren Gewehrstütze lehnte totenblaß Linchen. Heinrich war wie gelähmt.
Stumm trafen sich die Augen der Geschwister. Plötzlich streckte das
Mädchen flehentlich die Hände nach dem Bruder aus und sank lautlos
auf die steinernen Fliesen nieder, während sich Heinrich blitzschnell
umwandte und davonschoß. Er hörte noch, wie hinter ihm ein menschlicher
Körper dumpf auf die Steinplatten aufschlug, -- dann sprang er auf den
Kasernenhof hinaus.
Mit wenigen Sätzen war er an demselben Tor, das er in jener
unheilvollen Nacht überstiegen, kletterte mit Hilfe der wagrechten
Balken hinauf und sprang auf die Straße hinunter. Nun rannte er am
Gerichtsamt vorbei, um das Arresthaus herum und die Hospitalstraße
hinunter bis zur Glacisstraße.
Hier stand dicht am Elbufer ein niedriges Haus, aus dessen Fenstern
ein alter Herr und ein schönes, junges Mädchen mit bleichem Gesicht
verwundert auf den Eilenden blickten.
»Hallo,« rief Heinrich im Näherkommen dem Fährmann zu, »schaff mich
hinüber!«
In der nächsten Sekunde sprang er ins Boot, und der Staken des
weißhaarigen Schiffers stieß ins Wasser.
[Illustration: Kampf an der Ecke Wallstraße-Scheffelgasse.]
Neuntes Kapitel
Am jenseitigen Ufer dehnte sich die Wiese bis zum Eliasfriedhof.
Heinrich ging langsam darüber hinweg. Die große Erregung und das
anhaltende rasche Laufen hatten ihn außer Atem gebracht. Hier war er in
Sicherheit!
Wohl fühlte er sein Gewissen schlagen, wenn er an den Schritt dachte,
den er getan. Aber er war frei! Das war ein köstliches Gefühl, wie er
es noch nie empfunden hatte. Er hätte es nicht ausgehalten, sein Leben
lang in der Kaserne zu verbringen. Nein, er hätte es nicht gekonnt,
und wenn er sich die ewige Seligkeit damit verdient hätte! In den
letztvergangenen Tagen war er fast tiefsinnig geworden. Die meisten
seiner Kameraden waren immer fröhlich und gern Soldat. Er hatte sie nie
begriffen!
Jetzt näherte er sich den ersten Häusern der großen Ziegelgasse. Da
sah er am oberen Ende der schmalen Gasse einen hohen Bau, der den Weg
sperrte. Es war die äußerste Barrikade in der Pirnaischen Vorstadt.
Als Heinrich die Barrikade erreicht hatte, umringten ihn ein paar
finsterblickende Bewaffnete und erkundigten sich nach seinem Begehr.
»Kämpfen will ich,« sagte er.
Die Züge der Barrikadenmänner hellten sich auf, als sie das hörten.
Solche athletische Burschen wie diesen konnten sie noch viele brauchen.
»Geh auf den Altmarkt,« entgegnete einer, »dort ist andauernd Appell.
Da kannst du dich melden.«
Damit ließen sie ihn vorbei. Bald hatte Heinrich den Elbberg erreicht.
Hier bemerkte er am Brühlschen Garten wieder eine Barrikade.
Den Platz vor der Synagoge bedeckte eine aufgeregte Menschenmenge.
Auf dem Moritzmonument stand ein Mann, der die Zuhörenden zum Kampf
anfeuerte. Aus seinen Reden erfuhr Heinrich, daß der Aufstand seine
ersten Opfer schon gefordert hatte. Als das Volk versucht, in das
Zeughaus einzudringen, hätten die Soldaten geschossen. Vier Tote
seien auf dem Platz geblieben. »Männer,« rief der Sprecher, »es ist
Bürgerblut geflossen! Mag nun dies Blut über die kommen, die es
verschuldet, die frevelhaft die göttlichen Rechte des Volks mit Füßen
getreten haben!«
Die Menge schrie Beifall und setzte sich stadtwärts in Bewegung. Auch
Heinrich wurde mitgerissen. Vor den Haupttoren des Zeughauses staute
der Strom. Hier stand bereits Kopf an Kopf eine unübersehbare Anzahl
von Menschen. Aus den geöffneten Fenstern des gegenüberliegenden
Kuffenhauses sahen bewaffnete Turner heraus, die Gewehre im Anschlag.
Da kam durch die Rampische Gasse ein hoher Leiterwagen, gezogen von
Männern in grauen Hüten mit roten Federn. Auf dem Wagen lag ein alter
Mann mit entblößter Wunde, -- einer der vier Gefallenen. Man hatte ihn
vor dem Königlichen Schloß zur Schau gestellt und währenddessen die
Fenster über dem Georgentor mit kurzen Knüppeln eingeworfen. Jetzt
wurde er unter großem Tumult nach dem Klinikum auf dem Zeughausplatz
gebracht.
Als der Tote vom Wagen gehoben wurde, brach die Menge in ein Wutgeheul
aus. Heinrich sah, wie eine große Anzahl der Umstehenden plötzlich
nach Deichsel und Rädern griff und den Wagen im Sturmschritt gegen das
mittlere Haupttor des Zeughauses rollte. In demselben Augenblick, in
dem die Torflügel durch die Wucht des Anpralls dröhnend aufsprangen,
krachte aus dem Innern ein Kartätschenschuß in den nachdrängenden,
dichten Haufen hinein.
Im Nu war das Geheul verstummt; nur ein paar Wehlaute gellten. Und
als sich der Rauch verzogen hatte, war das Pflaster mit etwa zwanzig
Gefallenen bedeckt. Die meisten lagen regungslos. Einige wälzten sich
unter heftigen Zuckungen herum und wimmerten leise. Heinrich fühlte
einen heftigen Schlag am Kopf, daß er taumelte und in die Knie sank.
Eine kurze Weile mochte er so gelegen haben. Da weckte ihn das
stärker als vorher abbrechende Wutgeschrei der Menge, die jetzt das
Straßenpflaster aufriß und einen Hagel von Steinen gegen das Zeughaus
richtete. Gleichzeitig krachten aus den Fenstern des Kuffenhauses
in rasender Geschwindigkeit die Gewehre der Turner. Der Tumult war
unbeschreiblich.
Da sprang Heinrich in die Höhe. Eine unbändige Wut flammte in ihm auf.
Gierig griff er nach den umherliegenden Steinen und schleuderte sie
nach dem Zeughaus. Aber das befriedigte ihn nicht. Als er neben sich
einen Turner das Gewehr auf das von der Zeughausbesatzung schnell
wieder verrammelte Tor richten sah, sprang er hinzu, riß ihm die Waffe
aus der Hand und schoß sie über aller Köpfe hinweg ab. In diesem
Augenblick fühlte Heinrich eine unwiderstehliche Schwäche. Er griff mit
den Händen in die Luft und sank zu Boden. Wie im Traum merkte er noch,
daß man ihn aufhob und forttrug. Dann schwand ihm das Bewußtsein.
Als Heinrich aus seiner tiefen Ohnmacht erwachte, war es stockfinster.
Endlich gewöhnte sich aber sein Auge an die Dunkelheit, und er sah eine
kleine Öllampe hängen, die nur ein schwaches Licht verbreitete.
Er lag in einem Bett, das in einem großen Raum stand, der zwei Reihen
von Betten enthielt. Zuerst wußte er nicht, wie er hierher gekommen
war, bis sich die Erinnerung langsam einstellte. Der Lärm vor dem
Zeughaus gellte ihm mit einem Male wieder in den Ohren, und nun entsann
er sich deutlich, daß ihm nach dem Schuß, den er abgegeben, die Sinne
geschwunden waren.
Heinrich sah sich um. Neben ihm lag ein alter Mann, der ihn neugierig
betrachtete.
»Sie müssen einen ganz grimmigen Schlag vor den Kopf bekommen haben,«
sagte dieser leise. »Ist Ihnen jetzt wieder wohl? Sie liegen in der
Klinik.«
Heinrich sah den Sprecher fragend an. Was dieser redete, war ihm
unklar.
»Na,« fuhr der Nachbar gutmütig fort, »Sie sind wieder bei sich, das
sehe ich nun schon. Mit mir ist es auch schneller gegangen, als ich
geglaubt hätte. Gerade wie ich mich nach dem ersten Stein bückte, wurde
ich umgestoßen und mit Füßen getreten. Eine Weile hält man das für
eine so gute Sache wie die unsrige schon aus. Endlich wurde mir's aber
doch zuviel, und ich konnte nicht mehr aufstehen. So bin ich hierher
gekommen. Als man Sie hereinbrachte, dachte ich, es sei ein Toter.«
Mit schwerer Zunge versetzte Heinrich:
»Jetzt erinnere ich mich, daß ich plötzlich einen starken Schmerz an
der Schläfe verspürte.«
»Es wird ein Prellschuß gewesen sein,« gab der alte Mann leise zurück.
»Seien Sie froh, daß es nicht ärger gekommen ist. Ihre Kugel war eben
noch nicht gegossen.«
Die Morgendämmerung drang durch die Fenster in die Krankenstube hinein.
»Aber es war doch heller Tag, wie es passierte,« sagte Heinrich
verwundert. »Und nun habe ich die vielen Stunden bis zum Morgen
geschlafen?«
Der Nachbar lächelte.
»Welcher Tag war es denn, als Sie den Treffer kriegten?«
Heinrich besann sich.
»Welcher Tag? Nun, gestern -- Donnerstag.«
»Heute ist Sonnabend,« versetzte der alte Mann nickend, »Ihre Ohnmacht
hat also sechsunddreißig Stunden gedauert.«
Heinrich machte ein erstauntes Gesicht. Und nun erfuhr er, was sich
inzwischen zugetragen hatte.
»Der König ist gestern bei Nacht und Nebel heimlich auf die Festung
Königstein entwichen,« erzählte der Nachbar, »und mit ihm sind
die Minister geflohen. Da das Land jetzt also buchstäblich ohne
Regierung ist, hat sich auf dem Rathaus aus der Mitte der Bürger eine
provisorische Regierung gebildet. Nun gilt es nur noch, den Truppen
klarzumachen, was es heißt, daß ihr Kriegsherr und seine ersten
Ratgeber sie preisgegeben haben. Wenn die Soldaten vernünftig sind und
die neue Regierung anerkennen, dann ist alles in Ordnung. Sachsen wird
Republik, und alle deutschen Länder werden auf uns neidisch sein, daß
wir das so rasch und ohne große Opfer erreicht haben. Freilich,« schloß
der Erzähler nachdenklich, »sicher ist es noch nicht, ob die Truppen
mit uns gemeinschaftliche Sache machen.«
Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und ihre Strahlen machten die
Schläfer munter. Heinrich sah, daß alle Betten belegt waren. Wie ihm
sein freundlicher Nachbar mitteilte, waren es Aufständische, die bei
dem Zeughaussturm verwundet worden waren. Einige mußten schwer leiden.
Sie lagen regungslos in den Kissen und stöhnten leise.
Als der Morgenkaffee ausgeteilt wurde verbreitete sich die Neuigkeit,
daß gestern abend die leichte Infanterie aus Leipzig angekommen sei,
und vor einer Stunde wäre aus Chemnitz ein Bataillon vom Leibregiment
eingetroffen.
Diese Kunde verursachte große Enttäuschung unter den Verwundeten. Denn
man hatte schon allgemein damit gerechnet, daß jede Stadt ihre Truppen
am Abmarsch hindern würde, damit die Dresdner Garnison nicht verstärkt
werde.
Der alte Mann neben Heinrich war aber ein Feuerkopf.
»Nun, so mag es gehen, wie es will,« eiferte er. »Wir werden endlich
doch triumphieren. Glauben Sie mir, junger Freund, unsere gerechte
Sache muß siegen! -- Fühlen Sie sich kräftig genug, die Klinik wieder
zu verlassen?«
Heinrich streckte die Glieder und bejahte. Die allgemeine
Kampfesstimmung hatte auch ihn erfaßt. Und wozu wäre er denn sonst aus
der Kaserne entflohen?
»Dann werde ich Ihnen ein Gewehr verschaffen,« versetzte der Alte.
»Verstehen Sie, damit umzugehen?«
Heinrich erklärte, daß er es könne, verschwieg aber, wo er es gelernt
hatte.
Da traten zwei Ärzte in den Saal. Der ältere von ihnen war der Leiter
der Klinik, Professor Richter. Sie gingen von einem Bett zum andern,
maßen die Temperatur der Fiebernden, erneuerten die Verbände und gaben
der begleitenden Pflegerin Verhaltungsmaßregeln.
Als sie zu dem alten Mann traten, erklärte dieser, daß ihm nichts mehr
fehle, und daß er die Klinik verlassen würde.
Jetzt wandte sich der Professor zu Heinrich und untersuchte ihn.
»Schwere Gehirnerschütterung,« sagte er zu seinem Begleiter, »die eine
tiefe Ohnmacht zur Folge hatte. Der Mann muß eine Riesennatur haben,
sonst wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Sie sind entlassen.«
Mit diesen Worten wollte er sich zum nächsten Kranken wenden, als sein
Blick auf Heinrichs Gesicht haften blieb. Sinnend betrachtete er ihn
eine kurze Weile. Dann beugte er sich zu ihm nieder und fragte leise:
»Sind Sie nicht Heinrich Mißbach?«
Heinrich schwieg. Aber er fühlte, daß er rot wurde.
Professor Richter schüttelte den Kopf und maß den Liegenden mit einem
vorwurfsvollen Blick. Heinrich konnte den Blick nicht aushalten und
schlug die Augen nieder. Er kannte den Professor seit vielen Jahren und
wußte, welch hohe Achtung er im Marschallschen Hause genoß.
Mittlerweile hatte sich der alte Mann angekleidet, und Heinrich beeilte
sich, ebenfalls rasch fertig zu werden. Der Boden des Klinikums brannte
ihm unter den Füßen.
Als sie auf den Zeughausplatz traten, war es neun Uhr vorbei. Aus der
Richtung des Königlichen Schlosses drang das Knattern von Gewehrfeuer
herüber. Der Platz war mit einem lärmenden Menschenhaufen bedeckt,
aus dessen Mitte unaufhörlich wilde Drohungen und Flüche schallten.
Das Zeughaus lag wie ausgestorben. Seine Tore waren geschlossen. Der
Wandputz war durch die vielen Gewehrschüsse stark beschädigt, und die
eingeschossenen Fenster hatte die Besatzung mit Bohlen und großen
Kisten verrammelt.
Der alte Mann führte Heinrich durch die kleine und große Schießgasse,
die beide mit starkbesetzten Barrikaden versperrt waren, bis zu seiner
Wohnung am oberen Ende der Moritzstraße, dicht neben dem Gewandhaus.
Auf dem kleinen, mit Messing eingefaßten Porzellanschild an der
Tür stand der Name Dietze. Heinrich war verwundert, als er die gut
bürgerlich eingerichteten Stuben sah.
Herr Dietze setzte schnell ein einfaches Frühstück auf den Tisch.
Während sie aßen erfuhr Heinrich, daß sein Gastgeber lange Jahre einen
Kaufmannsladen bewirtschaftet hatte. Als im vorigen Jahr seine Frau
gestorben war, hatte er das Geschäft verkauft und ein zurückgezogenes
Leben geführt. Durch den Ausbruch des Aufstands war er aus seiner
Ruhe aufgejagt worden. Rasch hatte er seine Hausmagd entlohnt und die
Wohnung verschlossen. Dann war er auf die Gasse geeilt, um sich den
Turnern anzuschließen. Kaum hatte er aber den Zeughausplatz erreicht,
als er auch schon zu Boden gerissen wurde und unter die Füße der
Drängenden geriet.
»Das ist sicherlich eine Vorbedeutung,« schloß der alte Mann. »Aber mag
kommen, was will, ich habe vorgesorgt. Sehen Sie, junger Freund, ich
besitze ein gemütliches Heim und einige Tausend Taler erspartes Geld.
Ich könnte meine alten Tage hinbringen, ohne Not zu leiden. Aber ich
mag hier nicht ruhig sitzen, während draußen um die Freiheit gekämpft
wird. Was tut es auch, ob ich ein paar Jahre früher oder später sterbe.
Ich habe weder Kind noch Kegel. Niemand wird Kummer haben, wenn mir
etwas zustößt. Vor ein paar Tagen bin ich auf dem Bezirksamt gewesen
und habe mein kleines Vermögen bei Heller und Pfennig den Kindern
vermacht, deren Väter im Kampfe fallen werden. Alles hab' ich bedacht.
Ich bin immer für Ordnung gewesen.«
Diese Rede machte auf Heinrich einen tiefen Eindruck. Während des
Essens hatte er wiederholt an die kranke Frau Marschall gedacht, und er
war entschlossen gewesen, alsbald nach der Brüdergasse zu gehen. Jetzt
wagte er nicht, dies zu tun. Der alte Mann hätte ihm nicht geglaubt und
ihn für feig gehalten.
Nun führte Herr Dietze Heinrich in die Schlafkammer, wo er aus dem
Kleiderschrank zwei Gewehre hervorzog.
»Hier,« sagte er, indem er Heinrich eins gab, »das soll Ihre Waffe
sein. Ich schenke sie Ihnen.«
Heinrich war überrascht. Das Gewehr war ein nagelneuer Hinterlader.
Er öffnete das Schloß und zog die Kammer zurück, um den Mechanismus
zu prüfen. Die Militärgewehre waren älteren Systems, und ihre
Treffsicherheit konnte mit der Wirkung dieser Gewehre längst nicht
wetteifern.
Herrn Dietze war die Überraschung Heinrichs nicht entgangen.
»Eine schöne Büchse, nicht?« fragte er stolz. »Noch bevor es Ernst
wurde, habe ich die Gewehre beim Büchsenmacher Gründig gekauft. Sie
sollen ausgezeichnet schießen, versicherte er mir.«
Nun stopfte sich Heinrich noch die Taschen voll Patronen, und dann
verließen sie die Wohnung wieder.
»Wir gehen zu der Barrikade auf dem Zeughausplatz,« sagte Herr Dietze
in Kampfstimmung. »Wenn die Truppen angreifen sollten, geht es an der
Brühlschen Terrasse sicher zuerst los.«
Sie liefen den Weg, den sie gekommen, wieder zurück und meldeten sich
bei dem Kommandanten der Barrikade, unweit des Gondelhafens. Dieser
Freischärler war ein wüst aussehender Kerl, der dem Branntwein stark
zugesprochen hatte. Er begrüßte die beiden Ankommenden mit Handschlag
und brachte ein Hoch auf sie aus, in das die Barrikadenbesatzung
begeistert einstimmte, worauf Herr Dietze mit einem Hoch auf die
Freiheit antwortete.
Hier erfuhren sie auch, daß die Führer des Aufstandes mit dem
Zeughauskommandanten eine Konvention abgeschlossen hatten, nach der die
Kommunalgarde die Wache des Zeughauses und die Posten besetzt hielt,
während die Truppen das Innere des Gebäudes bewachten.
Plötzlich nahm der Lärm des Gewehrfeuers im Zentrum der Stadt erheblich
zu. Die Besatzung der Barrikade brach hierüber in laute Jubelrufe
aus, die sich unter den auf dem Zeughausplatz müßig Herumstehenden
fortpflanzten.
Da kam die Nachricht, daß der Kriegsminister den Befehl über das
gesamte Militär dem Generalleutnant von Schirnding übertragen habe.
Diese Kunde bereitete den Freischärlern, soweit sie diesen alten
Veteranen aus den Freiheitskriegen von ihrer Dienstzeit her kannten,
einiges Unbehagen. Denn der General galt als ein umsichtiger und
außerordentlich energischer Offizier.
Aber bald war die anfängliche Beklemmung wieder gewichen, und die
Besatzung harrte voll Ungeduld des Angriffs der Truppen. Besonders
waren es die Turner, deren Kampfbegierde kaum noch zu zügeln war. An
der hinteren Seite der Barrikade waren große Fässer aufgestellt, über
die starke Bretter führten. Auf dieser Laufbrücke stand die Besatzung,
die Gewehre über den oberen Barrikadenrand hinweggeschoben. Aber
nirgends war ein Soldat zu sehen.
Unter den Harrenden ging gerade wieder einmal die frisch gefüllte
Schnapsflasche herum, als plötzlich das Kommando erscholl:
»Achtung!«
Diesen Ruf hatte unwillkürlich Heinrich ausgestoßen, der mit dem zu
seiner Linken stehenden Herrn Dietze das Trinken verschmäht und
wachsam nach dem Gondelhafen geschaut hatte. Die Aufrührer blickten
überrascht auf und erkannten, wie eine Kompagnie leichter Infanterie
die niedrige Terrassentreppe heruntereilte. Im nächsten Augenblick
schlugen die auf kurze Entfernung abgefeuerten Kugeln der Soldaten in
die Barrikade ein und fast gleichzeitig tönte es aus hundert Kehlen:
»Hurra!«
Jetzt krachten wie eine geschlossene Salve die Gewehre der
überrumpelten Barrikadenbesatzung in die Stürmenden hinein. Aber
die Soldaten kehrten sich nicht an die Wirkung der Schüsse. Mit
verblüffender Kühnheit rannten die Schützen unter dem rasselnden
Gewehrfeuer quer über den Platz, allen voran ihr Hauptmann mit
gehobenem Säbel. In wenigen Sekunden waren sie an der Barrikade und
kletterten an ihr empor.
Gerade als die ersten schwarzen Tschakos vor den Augen der Besatzung
am oberen Rand der Barrikade auftauchten, sprang der Kommandant auf
die Brüstung und schickte sich an, die Gewalt des Sturmes im letzten
Augenblick durch eine Ansprache zu beschwören.
»Soldaten! --« rief er, da traf ein schwerer Kolbenstoß seine Brust und
warf ihn rücklings in die Tiefe. Heinrich schoß sein Gewehr auf den vor
ihm hochkommenden Kopf ab, daß dieser blitzschnell wieder verschwand.
Dann stand die Brüstung voll Soldaten. Ein Schützenkorporal, dessen
Augen wie die einer Katze funkelten, ergriff Heinrichs Gewehr an der
Mündung, um es ihm zu entreißen. Heinrich ruckte heftig zurück, -- da
flog der kleine Korporal im Bogen über ihn hinweg und schoß mit dem
Kopf voran auf das Pflaster hinunter.
Heinrich stand gerade im Begriff, sich gegen einen andern Angreifer
zu wenden, als er zu seiner Linken einen dumpfen Schlag und einen
entsetzlichen Schrei hörte. Er fuhr herum und sah Herrn Dietze mit weit
aufgerissenen Augen zusammensinken. Der Hut war ihm herabgeflogen,
Schädel und Stirn waren gespalten, das Gesicht mit Blut überströmt.
Schon riß der Soldat auf der Barrikadenkrone, der den furchtbaren
Schlag getan, das mit beiden Händen gefaßte Gewehr wieder in die Höhe,
als Heinrich ihm in grenzenlosem Zorn seine Gewehrmündung in den Leib
rannte. Der Getroffene verfärbte sich im Augenblick leichenblaß. Die
emporgehobene Waffe entglitt den sie umklammernden Händen, und der
Schütze fiel langsam um und rollte von der Barrikade auf die Straße
hinunter.
Jetzt bemerkte Heinrich, daß er nur noch allein auf der Barrikade
stand. Seine Mitkämpfer rannten in voller Flucht über den Zeughausplatz
hinweg, als wenn der unwiderstehliche Ansturm sie fortgeblasen hätte.
Da knirschte er eine Verwünschung, sprang hinab und eilte ebenfalls
zurück. Die ihm nachgesandten Kugeln pfiffen wirkungslos an ihm vorbei.
Auf dem mittlerweile überraschend schnell leer gewordenen Platz
stand vor dem Zeughause Professor Richter mit dem Heinrich ebenfalls
bekannten Advokaten Heintz, beide die dreifarbige Kokarde am Hut und
ohne Waffen.
Heinrich hielt in seinem raschen Lauf inne, trat an Doktor Richter
heran und sagte atemlos:
»Herr Professor, eilen Sie rasch davon, die Schützen werden auf Sie
schießen.«
Professor Richter sah eine Sekunde lang in das ihm wohlbekannte Gesicht
des Burschen, bis er antwortete:
»Warten Sie drüben am Kuffenhaus auf mich. Ich habe mit Ihnen zu
sprechen. Jetzt aber fort!«
Da hörte Heinrich von hinten her den Gleichtritt heranrückender
Schützenkompagnien, vor deren Front die ausgeschwärmte Sturmmannschaft
lief. Er eilte hinüber zu der Kuffenhausbarrikade, die von ihren
Verteidigern schon preisgegeben war, und verbarg sich dahinter.
Als die Kompagnien die Mitte des Zeughausplatzes erreicht hatten, trat
Professor Richter grüßend an den Führer heran. Der Major kommandierte
Halt und ließ die Gewehre abnehmen. Bevor jedoch Professor Richter das
Wort ergreifen konnte, fuhr Advokat Heintz den Major in barschem Ton an:
»Wie können Sie hier vorrücken, Herr! Das ist neutraler Boden. Sie
mißachten die Konvention!«
Heinrich sah, wie dem bereits ergrauten Offizier das Blut ins Gesicht
stieg, und vernahm, wie dieser mit mühsam erzwungener Ruhe antwortete:
»Ich handle nach meinem Befehl!«
»Aber die Konvention, die die Zeughausbesatzung mit der Kommunalgarde
abgeschlossen hat?«
Der Offizier zuckte mit den Achseln.
»Nun, so wird die Kommunalgarde doch wenigstens die Wache und Posten
besetzt halten dürfen?«
Der Major verneinte bestimmt.
»Dann fordere ich entschieden, daß die Kommunalgarde ihre Posten vor
dem Abmarsch ordnungsgemäß einziehen darf!«
»Dagegen habe ich nichts einzuwenden,« antwortete der Major kühl.
»Sorgen Sie bitte dafür, daß dies rasch geschieht. Im übrigen lehne ich
es ab, mit Ihnen weiter zu verhandeln.«
Mit diesen Worten wandte er dem Advokaten den Rücken und rief die
vor ihren Kompagnien stehenden Hauptmänner zu sich heran. Advokat
Heintz aber eilte in den Zeughof, und wenige Minuten darauf rückte
die zweiundachtzig Rotten starke Kommunalgardenbesatzung durch die
Rampische Gasse ab.
Jetzt vernahm Heinrich die Stimme des Majors:
»Die Barrikade neben der Frauenkirche ist stark besetzt. Die 3.
Kompagnie rückt sogleich durch die Rampische Gasse vor und nimmt die
Barrikade!«
Der Offizier, an den der Befehl gerichtet war, salutierte mit dem
Säbel. Da schritt Professor Richter schnell auf den Major zu und sagte
in verbindlicher Haltung:
»Herr Major von Reitzenstein, bitte erlauben Sie mir, der Sturmkolonne
voranzueilen. Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Besatzung der
Barrikade zum Abzug zu bewegen.«