Als er dies sagte, lösten sich Tante Sidoniens ineinandergerungenen

Hände und tasteten zitternd über die Falten des Kleides in ihrem Schoß.

In dem Herzen des alten Fräuleins mochten verklungene Lieder aus der

Jugendzeit leise wieder erklingen, und verblichene Bilder stiegen

wohl in ihrer Seele herauf, die sie längst vergessen geglaubt. Damals

mochte auch bei ihr der Zorn aufgeflammt sein, als ihre zartesten

Mädchengefühle tief verletzt wurden. Heute urteilte sie milder. Die

Zeit hatte den bitteren Schmerz geläutert, und in der Seele der alt

gewordenen Jungfrau war ein großes Verzeihen langsam herangewachsen.

»Sage mir alles, Kurt,« bat sie unter leisem Weinen.

Da schilderte er den Verlauf seiner Beziehungen zu Valentine Marschall,

sprach von seinen Sympathien für das Programm der demokratischen

Partei, von den Zweifeln an der Rechtmäßigkeit und Billigkeit ihrer

Forderungen, die an ihm immer wieder heraufgestiegen seien, und endlich

von der Stunde, in der die Binde von seinen Augen gefallen war.

»Ich weiß, daß ich gegen Ursula gefehlt habe,« fuhr Kurt fort. »Aber

ihr reines Bild ist auch während der Tage meiner Schwachheit nicht

aus meinem Herzen verdrängt gewesen. Zu derselben Stunde, in der ich

erkannte, daß ich den Forderungen der demokratischen Partei aus

Überzeugung nicht mehr beistimmen konnte, wich auch mit einem Schlag

alle Schwäche von mir, die der Grund meines Schwankens zwischen

Valentine und Ursula gewesen war. Schon vor diesem Zeitpunkt hatten

sich meine Empfindungen für Valentine Marschall, wie ich dunkel

empfand, heimlich gewandelt. Ich bewunderte und schätzte das geistvolle

Mädchen mehr, als ich noch Zuneigung für sie hegte.

Der Bruch mit den Demokraten verscheuchte auch mein Zaudern und hieß

mich handeln. Ich teilte Valentine Marschall meine politische Wandlung

mit und sagte ihr für immer Lebewohl, wobei ich nicht unterließ, sie

in mein Inneres blicken zu lassen. Heute bin ich mehr als je davon

überzeugt, daß sie ein hochherziger Charakter ist.

Als es mich sodann drängte, Ursula alles zu gestehen und um Verzeihung

für meine Schuld zu bitten, war es zu spät. Ich zürne ihr nicht, denn

ich habe ihr Vertrauen schlecht belohnt und ihre reinen Empfindungen

verletzt.«

Tante Sidonie hatte dieses Geständnis stumm und mit abgewendetem

Gesicht angehört. Ihre Haltung war gebrochen. Alle Beherrschung war

von ihr gewichen. Sie verstand, wie hier jeder Versuch zu versöhnen,

vergeblich sein mußte.

An diesen beiden Menschen hing Tante Sidonie mit ihrem ganzen Herzen.

Ihre Brust hatte von Jugend an das große Sehnen erfüllt, Liebe zu geben

und zu empfangen. Doch hatte sie nie einen Menschen in ihr Inneres

blicken lassen und ihre Weichheit stets unter einer zurückweisenden

Haltung verborgen. So war die unerfüllt gebliebene Sehnsucht mit ihr

alt geworden. An Kurt, den Sohn ihrer verstorbenen Lieblingsschwester,

hatte sich ihr Herz geklammert. Sein Glück sollte das ihrige sein!

Deshalb hatte er ihre Liebe, ohne es zu wissen, mit Ursula teilen

müssen. Im Träumen und Wachen waren die beiden jungen Menschen ihr ein

und alles gewesen! -- Und nun -- -- --?

Lange saßen Kurt und Tante Sidonie mit gesenkten Augen wortlos einander

gegenüber.

Endlich sagte das alte Fräulein tonlos:

»Was wird die Zukunft noch an Schlimmem bringen!«

Kurt stand auf.

»Was sie auch bringen mag, liebe Tante,« versetzte er in tiefem Ernst,

»ich werde mit dem Schicksal nicht hadern, sondern es in Geduld auf

mich nehmen.«

Da erhob sich auch Tante Sidonie, küßte den Neffen mit zuckenden Lippen

und ging still wieder fort, wie sie gekommen war.

* * * * *

Blutigrot stieg am Morgen des verhängnisvollen Donnerstags die

Sonne herauf. Man schrieb den 3. Mai 1849. Als das Frühlicht hinter

den Loschwitzer Höhen aufglimmte und die ersten Sonnenstrahlen die

Kirchturmspitzen der sächsischen Hauptstadt vergoldeten, als die

Milchfuhrwerke über das holprige Straßenpflaster rollten und in der

alten Infanteriekaserne auf der Hauptstraße die schmetternden Töne der

Reveille die Schläfer weckten, da herrschte in der Altstadt schon reges

Leben.

Während der ganzen Nacht war bei Laternenschein rastlos an der

Aufrichtung der Barrikaden gearbeitet worden. Das Straßenpflaster und

die Granitplatten der Bürgersteige lieferten hierzu ausgezeichnetes

Material. Ein Meister von Ruf hatte ihren Bau geleitet und sein Bestes

für das Gelingen eingesetzt, so daß ihre Festigkeit, wie sich erweisen

sollte, selbst der furchtbaren Gewalt der Zwölfpfünder spottete.

Die meisten Barrikaden waren fünf Ellen stark und reichten bis zum

ersten Stockwerk der Häuser. Die beiden stärksten standen auf der

Moritzstraße, Ecke Neumarkt, und bei Stadt Gotha.

In den frühesten Morgenstunden begannen von auswärts die Zuzüge der

Bewaffneten. Aus der Oberlausitz, aus Leipzig, Freiberg und Riesa, aus

den Bergwerken des Erzgebirges, den dichtbevölkerten Weberdörfern des

Vogtlandes und den großen Bezirken der Zwickauer Kohlenschächte eilten

die Männer in starken Tagesmärschen heran. Besonders zahlreich stellten

sich die Turner und Studenten ein. Auch befand sich unter der Menge

eine erhebliche Anzahl Polen, deren Sammelpunkt das Café français war.

Jeder Schwarm wurde von dem im Rathaus andauernd tagenden

Sicherheitskomitee begrüßt, und die den Altmarkt bedeckende Menge

jauchzte den Eintreffenden in überschäumender Begeisterung zu.

»Revolutionshimmel!« -- »Barrikadenwetter!« -- »Retter des Vaterlands!«

Die Kommenden brachten eine überraschende Anzahl von Zündnadelgewehren

und Spitzkugelbüchsen mit. Viele der Männer waren sichere Schützen, die

ihre Schießfertigkeit in den heimatlichen Schützengilden längst erprobt

hatten.

So zeigte sich schon mit Sonnenaufgang in den Straßen eine

ungewöhnliche Bewegung. Die dem Tumult gegenüber ohnmächtigen

städtischen Behörden sandten am Vormittag noch einmal eine Abordnung

ins Schloß, darauf hinweisend, daß die aufs höchste gestiegene

Leidenschaft des Volks schon in der nächsten Stunde zum Ausbruch

kommen könne.

Der Monarch empfing diese Abordnung tiefernst und wiederholte, daß er

die Reichsverfassung alsbald anerkennen und die Kaiserkrönung billigen

werde, wenn Preußens König darein willigte. Ohne Preußen könne aber

kein machtvolles, großes Deutschland erstehen, nur ein zerstückeltes

und uneiniges. -- Während diese Worte fielen, umstanden Tausende und

aber Tausende das Schloß und harrten ungeduldig der Entscheidung.

Die Kommunalgarde wurde durch anhaltende Glockenschläge vom Kreuzturm

herab zusammengerufen. Aber auch in ihren Reihen gärte es gewaltig.

Und unter den friedlich Bleibenden gab es ihrer viele, die in Uniform

und Bewaffnung alten, biederen Landsoldaten glichen und die ganz

außerstande waren, gegen entfesselte Volksleidenschaften zu kämpfen.

Dazu wurden die Massen auf der Wilsdruffer Gasse, auf dem Altmarkt, dem

Postplatz und vor dem Zeughaus immer aufgeregter.

Beim Linienregiment Albert war für den heutigen Vormittag kein Dienst

angesetzt. Die Kompagnien hielten sich zum Abrücken bereit. Kein Mann

durfte das Kompagnierevier verlassen; die Leute blieben in den Stuben

versammelt. Die Seitengewehre mit Patronentasche waren umgeschnallt,

und die Hosen steckten in den Stiefelschäften. Auf den Tischen lagen

die gepackten Tornister mit aufgeschnalltem Feldkessel, die gerollten

Mäntel und die gefüllten Brotbeutel. Daneben standen die Tschakos.

Gegen elf Uhr wurden die Kompagniefeldwebel auf das Regimentsbureau

gerufen. Dort erfuhren sie unter anderem, daß alle Mannschaften

auszurücken hätten, wenn der Befehl zum Abmarsch käme. Nur die Köche

und die drei Unteroffiziere vom Kasernendienst sollten unter Hauptmann

Zimmermann in der Kaserne zurückbleiben.

Diesen letzten Teil des Befehls hörte auch Heinrich, der sich

mit seinen beiden Kameraden gerade beim Regimentsadjutanten als

Unteroffizier vom Kasernendienst gemeldet hatte. Als er bei seinem,

inmitten der Feldwebel stehenden Vater vorüberging, raunte ihm dieser

mit finsterem Gesicht zu:

»Ich habe mit dir sofort nach dem Befehlschreiben zu sprechen!«

Heinrich ahnte nichts Gutes und begab sich in die väterliche Wohnung.

Der junge Mann war tief bedrückt. Durch die Konsignierung der Truppen

war es ihm nicht möglich gewesen, die Kaserne zu verlassen, um zu

Marschalls zu gehen. Er wußte nicht, wie es mit der Kranken stand, und

die Besorgnis um sie quälte ihn fürchterlich.

Linchen empfing den Bruder mit tief bekümmertem Gesicht. Auch sie litt

schwer unter der Ungewißheit.

»Der Vater ist vorhin hier gewesen,« sagte sie trostlos. »Er war ganz

wild auf dich.«

Heinrich legte die Hände auf die Patronentasche und zuckte verächtlich

mit den Achseln.

»Wenn wir nur etwas von der Madam wüßten, Linchen, das ist mein ganzer

Kummer,« sagte er. »Hättest du wirklich nicht einmal hinüberhuschen

können?«

»Du glaubst nicht, wie der Vater auf mich aufgepaßt hat,« antwortete

die Schwester. »Nicht eine Stunde lang hat er mich aus den Augen

gelassen. Ich befürchte bald, es ist ihm hinterbracht worden, daß du

immer drüben gewesen bist. Das wäre ja fürchterlich!«

Heinrich murmelte etwas Unverständliches.

Da schlug das zitternde Mädchen die Arme um seinen Hals und zog ihn zu

sich herab.

»Ach, Heinrich,« stammelte sie mit zitternder Stimme, »mir ist so

bange!«

»Sei ruhig, Linchen,« tröstete der ungeschlachte Bursche und tätschelte

liebevoll die bleichen Wangen seiner Schwester. »Es wird wieder einmal

ein Donnerwetter geben. Das sind wir doch schon gewohnt.«

Das Mädchen erschauerte tief, als wenn sie ein furchtbares Verhängnis

ahne.

»Sei geduldig, lieber, guter Heinrich,« flehte sie, »-- antworte ihm

nicht, -- kein Wort sage zu allem, -- was er auch vorbringen mag.«

Heinrich nickte.

»Versprich mir's,« stammelte Linchen mit fliegendem Atem.

»Ja doch,« antwortete er ungeduldig.

Da klang draußen Stampfen, und die Tür flog auf. Feldwebel Mißbach trat

ein. Sein Gesicht war von Zorn gerötet. Er warf das dicke Notizbuch auf

den Tisch und schrie:

»Lump, meineidiger! Du hast dein Versprechen nicht gehalten.«

Heinrich blickte beiseite. In so maßloser Wildheit mochte er seinen

Vater erst recht nicht sehen.

»Ich habe nichts versprochen,« antwortete er verbissen.

»Warum hast du meinem Befehl nicht gehorcht?« schrie Mißbach noch

ärger.

Heinrich schwieg.

»Rede!« donnerte Mißbach.

»Ich konnte nicht.«

»Du konntest nicht? Du konn -- test -- nicht? -- --

Heiliggottverdammich, so rede doch, warum du nicht konntest!« Die

Stimme schlug ihm über.

»Gegen seine Natur kann niemand,« antwortete Heinrich mit unnatürlicher

Ruhe. »Marschalls haben an mir gehandelt wie Eltern.«

»Ungeratener!« schrie Mißbach in so fürchterlichem Ton, daß Linchen

entsetzt zusammenfuhr. »Hund von einem Sohn! Ich wünschte, du wärst

schon frühzeitig krepiert, anstatt ein solcher Schuft geworden!«

Heinrichs starker Körper bebte. Da sah er in Linchens totenblasses

Gesicht. Ihre Augen waren mit herzzerreißendem Flehen auf ihn

gerichtet. Das gab ihm die Kraft, seine furchtbare Erregung

niederzuzwingen.

»Und dieser Advokat, der ehrlose Lump, litt es!« fuhr Mißbach von neuem

auf. »Der König- und Landesverräter ...«

Diese Worte trafen Heinrich wie ein Peitschenhieb.

»Herr Marschall ist ein Ehrenmann,« versetzte er mit leisem Beben in

der Stimme. »Und was er tut, tut er zum Wohle des leidenden Volks!«

»Waas?« schrie Mißbach. »Bekennst du dich etwa auch für seine

hochverräterischen Ideen?«

Linchen rang hinter dem Vater Heinrich die Hände zu. Jetzt kommt es zum

Ärgsten, durchzuckte es sie. Heinrich gewahrte ihre Verzweiflung, aber

er konnte sich nicht länger beherrschen! Nein -- bei Gott, er konnte es

nicht! Den väterlichen Freund in diesem Augenblick verlassen, hielt

er für einen Schimpf. Und es mußte jetzt herunter von der Brust, was

ihm lange schon fast den Atem raubte! Dem Vater furchtlos ins Gesicht

sehend, antwortete Heinrich:

»Lügen kann ich nicht, Vater. Willst du es wissen, wie es um mich

steht? Nun gut: ich bin auf der Seite des Herrn Advokaten!«

Feldwebel Mißbach stand regungslos inmitten des Zimmers, als wenn ihn

der Schlag getroffen hätte. Seine mächtige Gestalt war hochaufgereckt,

und seine breite Brust arbeitete schwer. Er rang nach Luft, um nicht zu

ersticken. Plötzlich schlug er eine entsetzliche Lache auf.

»Hahaha! So hat mich meine Ahnung doch nicht betrogen,« höhnte

er zwischen keuchenden Atemstößen, die seinen starken Körper

erschütterten. »Seit sechsunddreißig Jahren trage ich den Rock

des Königs in Ehren, damit ihn schließlich das eigene Blut in den

Straßenkot zerrt. Hahaha!«

Plötzlich riß das erzwungene Lachen ab. Eine maßlose Wut flammte in dem

jähzornigen Manne auf.

Linchen wußte, was kommen würde und eilte instinktiv zu dem Bruder.

Da machte der Vater mit dem Arm eine abwehrende Bewegung gegen sie,

daß der leichte Körper des Mädchens wie ein Ball zur Seite flog. Dumpf

schlug sie mit der Stirn gegen den eisernen Untersatz des Kachelofens

und blieb ohnmächtig liegen.

Mit einem Sprung stand Mißbach jetzt vor seinem Sohn und packte ihn mit

der Faust an der Kehle.

»Bube!« keuchte er in einem fort und stieß Heinrich im Zimmer vor

sich her. »Bube! ...« Heinrich rannte gegen den schweren Tisch, daß

er von seinem Platze sprang. Im nächsten Augenblick drückte Mißbach

den sich Sträubenden rücklings auf den Tisch nieder. Heinrich sah das

Gesicht des Vaters dicht über sich gebeugt. Es war blaurot. Die Augen

funkelten, und der Schaum stand dem Rasenden vor dem Munde. Nur nicht

die Besonnenheit verlieren! durchfuhr es wie ein Blitz Heinrichs Hirn,

nur jetzt ruhig bleiben. Der Vater war ein Riese, das wußte er. Wenn er

jetzt aber aufsprang, zerriß er ihn!

»Kanaille!« knirschte Mißbach sinnlos vor Wut und riß mit der freien

Hand den Säbel aus der Scheide -- -- --

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames.

Der langgezogene Ton eines Hornes hallte vom Kasernenhof halb

verklungen herauf, den Arm des Rasenden lähmend. In der nächsten

Sekunde flogen dröhnend Türen auf, und die polternden Schritte und das

laute Durcheinanderrufen der an die Korridorfenster eilenden Soldaten

wurden hörbar.

Noch einmal tönte der einsame Hornruf: Das Ganze sammeln! Da fiel ein

zweiter, ein dritter, ein vierter ein. Jetzt hatte auch der Signalist

aus der nebenliegenden Mannschaftsstube das Horn an die Lippen gesetzt

und erwiderte pflichtgemäß das Alarmsignal, das nunmehr in allen

Kompagnierevieren nachgeblasen wurde.

Zu gleicher Zeit begannen die Trommeln dumpf zu rasseln. Der Tambour

der Kompagnie lief auf dem Korridor auf und ab und schlug unaufhörlich

den Wirbel. Die Trommeln anderer Kompagnien klangen darein --

Generalmarsch!

Feldwebel Mißbach hatte wie versteinert in den plötzlichen Lärm

hineingehorcht. Jetzt ließ er von Heinrich ab und stieß den Säbel

wieder in die Scheide. Seine Besinnung war zurückgekehrt; die Pflicht

rief! Schnell raffte er das vom Tisch gefallene Notizbuch auf, warf den

gerollten Mantel über den Kopf, ergriff den Tschako und stürzte aus der

Stube.

Nun richtete sich Heinrich auf. Sein Haar war verwirrt, sein Gesicht

bleich. Der Hals war gerötet, wo die Faust seines Vaters gelegen hatte.

Langsam griff er nach der beim Ringen vom Kopfe gefallenen Mütze und

setzte sie auf. Draußen schallte brausender Lärm: auf den Rücken

fliegende Tornister, erregtes Durcheinanderrufen, aus den Stützen

gerissene Gewehre und die dröhnenden Schritte der Davoneilenden.

Da fiel Heinrichs Blick auf das wie tot am Boden liegende Linchen. Er

trat zu ihr, nahm die Ohnmächtige in die Arme und legte sie auf das

Sofa. Dann eilte auch er hinaus.

Auf dem Kasernenhof hatten sich inzwischen die Kompagnien gesammelt.

Zwar glichen sie noch aufgestörten Ameisenhaufen, und von allen Seiten

liefen noch Soldaten herbei. Aber die energisch dazwischen tretenden

Kompagniekommandanten brachten bald Ordnung in das Durcheinander.

Kommandorufe fuhren in den Lärm, und die einzelnen Züge der Kompagnien

richteten sich.

In der Mitte des Kasernenhofes hielt Oberst von Friederici.

»Bitte zu melden!« klang seine Stimme über alles hinweg.

Die Bataillonskommandanten wurden ungeduldig; noch waren einige

Kompagnien nicht in Ordnung.

»Herr Hauptmann von Carlowitz, die fünfte Kompagnie melden!« -- »Rasch,

achte!« -- »Ihre Meldung fehlt noch, Herr Hauptmann von Falkenstein!«

Die Hauptmänner eilten vor und wieder zurück. »Zweites Bataillon --

Achtung! Schultert -- -- Kontermandiert! -- -- Augen -- rechts!«

Endlich standen die Bataillone, und der Oberst empfing die Meldungen.

»Die Herren Offiziere!« rief er, worauf die Hufe der galoppierenden

Pferde der Stabsoffiziere und Adjutanten mit kurzem Dröhnen den

Exerzierplatz schlugen, während die Hauptmänner und Leutnants schnellen

Schritts vor die Front liefen.

Während nun der Regimentskommandeur zu den ihn umgebenden

Offizieren sprach, hielt vor der Kaserne auf dampfendem Pferde ein

Generalstabshauptmann und klopfte mit dem Säbelkorb an das wegen der

Unruhen geschlossene, eisenbeschlagene Tor. Der Wachthabende öffnete,

und der Reiter ritt in die Torhalle.

»Wo ist Herr Oberst von Friederici?«

»Dort,« erwiderte der Unteroffizier und zeigte in die Richtung.

Aber schon hatte der Fragende seinen Braunen gespornt und flog auf

die dichte Gruppe in der Mitte des Kasernenhofes zu. Kurz vor dem

Regimentskommandanten parierte der Generalstäbler sein Pferd und legte

die Hand an den Helm:

»Befehl des Herrn Kriegsministers! Das Regiment soll mit einem

Bataillon unverzüglich das Königliche Schloß besetzen. In einer Stunde

sollen drei Kompagnien nach dem Zeughaus marschieren; der übrige Teil

des Regiments soll gleichzeitig ins Schloß folgen!«

Der Oberst dankte und wandte sich -- ohne noch eine Frage an den

Überbringer des Befehls zu richten -- in vollkommener Ruhe wieder zu

seinen Offizieren.

»Das I. Bataillon nach dem Schloß abrücken. Die 5., 9. und 10.

Kompagnie marschieren in einer Stunde unter Herrn Hauptmann von

Falkenstein nach dem Zeughaus ab. Die übrigen Kompagnien des Regiments

folgen dem I. Bataillon unter Herrn Major von Egidy zu derselben Zeit

in das Schloß! Ich reite mit dem I. Bataillon.«

Nun folgten noch ein paar kurze Weisungen der Bataillonskommandanten.

Dann senkten die Hauptmänner die Degen und eilten zu ihren Kompagnien

zurück.

Leutnant Allmer stand mit tiefernstem Gesicht vor der 4. Kompagnie. Die

Mannschaften harrten in stummer Erwartung. In der Kompagnie nebenan

ging Feldwebel Mißbach aufgeregt hinter dem dritten Glied entlang und

rückte an den Tornistern herum.

Da kam Oberleutnant Wetzig zurück.

»Die 4. Kompagnie besetzt das Prinzenpalais!« rief er. »Ich erwarte von

euch die größte Aufmerksamkeit und während des Marschierens peinliche

Ordnung. -- -- Lieber Allmer,« sagte er leise zu Kurt, »nun aber

frischen Mut. Jetzt wird's Ernst!«

»Sie können unbedingt auf mich rechnen, Wetzig,« antwortete Kurt

bedeutungsvoll und ging auf den Flügel seines Zuges.

Da ertönten die Kommandos. Die Kompagnien nahmen über, schwenkten ein

und traten an.

Als sich das Bataillon mit dem Regimentsstab an der Spitze dem

Hauptportal näherte, riß Heinrich mit den beiden andern Unteroffizieren

vom Kasernendienst die großen Torflügel auf. Im gleichen Augenblick

zuckte der Stab des Bataillonstambours nieder, und der Tambourzug

schlug ein. Betäubend hallten die Wirbel von den Mauern der hohen

Torhalle zurück.

Vor dem Kasernentor stand eine gedrängte Menge, deren Vorderste beim

Nahen der voranmarschierenden Spitze von zehn Unteroffizieren beiseite

flogen.

Eine Stunde darauf rückten auch die beiden andern Bataillone ab.

Jetzt rief der als Kasernenkommandant zurückgebliebene Hauptmann

Zimmermann die diensthabenden drei Unteroffiziere zu sich und verteilte

sie auf die verschlossenen Tore. Heinrich erhielt die Aufsicht über

das Hauptportal und mußte sich in der von der Mannschaft verlassenen

Wachtstube am Fenster nach der Hauptstraße aufstellen.

Die Allee war menschenleer; alles war aus Neugierde mit dem Regiment

fortmarschiert.

Heinrich lehnte die brennende Stirn an die Fensterscheibe. Sein Kopf

schmerzte zum Zerspringen. Wenn er an den Auftritt mit seinem Vater

zurückdachte, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht. Jetzt galt ihm

sein Leben nichts mehr! Diese Schmach konnte er nie vergessen! Warum

mußte der Signalist auch gerade in dem Augenblick Alarm blasen, wo er

den Säbel funkeln sah! Eine Sekunde später, und es wäre alles vorbei

gewesen. Aber er konnte nicht lügen! Wer es auch sei, der ihn fragte,

er würde antworten, daß er es mit dem Volke hielt!

Heinrich verfiel in dumpfes Grübeln. Er dachte an seine freudlose

Jugend, an seine verstorbene, liebevolle Mutter, an Linchen, die sich

aufzehrte vor Leid, und an die zahllosen Zornausbrüche des Vaters und

seine grausamen Bestrafungen, mit denen er im Herzen seines Sohnes alle

kindliche Liebe schon frühzeitig getötet. Hatten die Kinder nur ein

einziges Mal eine weiche Regung bei ihm entdeckt? Nein! Nie! Dienst und

Pflicht und Schuldigkeit, -- wie hallten diese Worte jetzt in seinem

Ohre wider.

Wenn ihn das Schicksal doch auf einen anderen Lebensweg gestellt

hätte! Mit welcher Freudigkeit würde er alles getan haben, was man

ihm auferlegte. Nur Soldat durfte er nicht werden! Diesen Beruf hatte

ihm sein Vater schon in früher Jugend verleidet. Wie ihn die Luft der

Kaserne doch fast zum Ersticken brachte! -- Und von den Lippen des

jungen Korporals kam ein gepreßter Schrei ohnmächtiger Wut.

Er wandte sich vom Fenster ab, und seine Augen glitten durch die leere

Wachtstube. Die Pritschen waren in die Höhe geschlagen und die Bänke

davor ausgerichtet. Wenn er bloß wüßte, wie es der Madam ging! Und

gleichzeitig gedachte Heinrich der zahllosen Wohltaten, die ihm die

Gute erwiesen. Das liebe Haus auf der Brüdergasse stand vor seinen

Augen, und er sah die heimlichen Winkel, in denen er mit Valentine so

oft Versteck gespielt, und die dämmerigen Kanzleistuben mit den hohen

Aktengestellen an der Wand und den alten, mit zahllosen Tintenflecken

bedeckten Schreibtischen.

Heinrich fühlte, wie er weich wurde; seine Augen gingen ihm über.

Dort hätte ihn der Vater lassen müssen, da wäre ein zufriedener und

rechtschaffener Mensch aus ihm geworden!

Wenn er wenigstens hätte mit ausziehen und kämpfen dürfen! Vielleicht

würde eine Kugel Mitleid mit ihm haben!

Doch nein, es war gut so. Nicht gegen die fechten, deren Sache er

innerlich unterstützte. Denn die Männer, zu deren Bekämpfung die

Soldaten ausgezogen, waren trotz allem doch im Recht! Darauf konnte

er blind schwören! Hätte sich andernfalls ein solcher Ehrenmann wie

Advokat Marschall mit an ihre Spitze gestellt? Deshalb war es gut so,

daß er dazu bestimmt worden war, hier zu bleiben, anstatt zu kämpfen.

-- Aber, halt -- -- kämpfen?

Heinrich klammerte sich am Fensterbrett fest. Ein jäher Gedanke war

in ihm erwacht, fürchterlich und doch berauschend schön -- -- -- Noch

einmal: kämpfen? -- -- Ja, -- kämpfen! Aber nicht gegen sie, -- nein,

mit ihnen!

Das Blut jagte durch seine Adern, und die Gegenstände in der Wachtstube

tanzten vor seinen Augen. Wie, wenn er jetzt heimlich aus der Kaserne

entwich? Ein Stockwerk höher lagen die von ihren Inhabern verlassenen

Leutnantsstuben. Dort würde er Zivilkleidung finden!

Wenn er nach Altstadt flüchtete und sich der Bürgerpartei anschlösse

und sagte: Hier bin ich, ich will an Eurer Seite fechten -- --

Du brichst den Eid! flüsterte ihm eine Stimme zu. Du begehst

Fahnenflucht! Du verläßt deinen Posten vor dem Feinde!

Der junge Mann schlug mit der Faust auf den Fensterstock, daß die

Scheiben klirrten und seine Knöchel bluteten.

Ja und abermals ja! schrie eine andere Stimme in ihm den Warner

nieder. Wie würde sich Herr Marschall freuen -- und die Madam -- und

Valentine --

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 8 / 18 段