»Die Abdankung der drei Minister betrachten die Demokraten sicher als

ihren ersten Sieg. Wird dieser Rücktritt nicht überall den Anschein

erwecken, als ob ihre Sache gerecht sei?«

Oberleutnant Wetzig war ein ernster und kluger Offizier, der seinen

jüngeren Kameraden kannte und schätzte.

»Mag jeder über die Billigkeit der demokratischen Forderungen so

wohlwollend denken, wie er will,« antwortete er, »eine bewaffnete

Erhebung muß aber aufs schärfste verurteilt werden. Bisher führten sie

als Hauptgrund ins Feld, die Regierung sei gegen die Krönung des Königs

von Preußen. Ich bin neugierig, was sie nun vorbringen werden, nachdem

ihnen diese Waffe aus der Hand geschlagen ist.«

Kurt richtete sich unwillkürlich höher auf.

»Ich verstehe Sie nicht ganz,« entgegnete er.

Der Oberleutnant bemerkte sein Erstaunen.

»Haben Sie noch nicht gehört, daß der König gesprochen hat?«

»Nein,« entgegnete Kurt erregt, »mir ist nichts davon bekannt.«

»Nun, also: heute mittag ist eine Deputation des Deutschen Vereins

im Schloß gewesen, um König Friedrich August zur Anerkennung der

Reichsverfassung zu bewegen. Der König hat diese Männer huldvoll

empfangen und ihnen geantwortet: Meine Herren, ich bin bereit, die

Reichsverfassung anzuerkennen, sobald König Friedrich Wilhelm von

Preußen sie anerkannt hat.«

Kurt trat einen Schritt zurück und starrte dem Sprecher ins Gesicht.

»Das Wort ist also gefallen,« fuhr Oberleutnant Wetzig fort, »das

Tausenden die Augen über die wahre Lage öffnen müßte, -- wenn sie hören

wollten. Die letzten Nachrichten aus der Altstadt lassen aber erkennen,

daß die Empörer sich der Einsicht verschließen. Ja, die Erklärung

kommt den Führern der Bewegung sehr ungelegen. Sie bieten alles auf,

um zu verhindern, daß die Zustimmung des Königs zur Kaiserkrönung im

Lande bekannt wird, damit ihnen nicht das schärfste Mittel verloren

geht, mit dem sie weite Kreise aufreizen. Jetzt verbreiten sie unter

der Bevölkerung die Nachricht, der König verweigere rundweg die

Anerkennung. Und diese Fälschung wird von der Hauptstadt aus ins Land

fliegen und das Feuer der Empörung schüren. Damit geben die Führer

aber den Beweis, daß sie die friedliche Schlichtung des Streits nicht

wollen, sondern den Aufstand. Das bedeutet -- Revolution!«

Eine kurze Weile stand Kurt sprachlos. Dann erwiderte er scheinbar

ruhig, aber mit tiefer Bewegung:

»Vor wenigen Tagen sagte mir Schönberg, die Kameraden verstünden

nicht, wie ich noch immer für die Forderungen der demokratischen

Partei Sympathien hegte. Auch Sie, Wetzig, werden diese Stimmen gehört

haben ...«

Oberleutnant Wetzig nickte.

»Ich gestehe freimütig,« fuhr Kurt fort, wobei seine mühevolle

Sprechweise verriet, wie es in ihm arbeitete, »daß ich wünschte, die

Forderungen möchten bewilligt werden, denn ich hielt sie für gerecht.

Ähnlich haben sich, mehr oder weniger entschieden, viele von uns

ausgesprochen.«

Der Oberleutnant nickte wieder.

»Nachdem ich jetzt aber gehört, daß man fortfährt, das Volk

aufzureizen, obwohl _die_ Forderung erfüllt ist, von deren Bewilligung,

wie die Demokraten bisher behaupteten, allein der Frieden des Landes

abhinge, -- jetzt darf ich keine Minute länger einer Partei innerlich

zustimmen, deren Führer so verwerfliche Mittel benutzen. Meine warme

Anteilnahme für die Sache ist erloschen. Ich bin aus einem Anhänger zu

ihrem Gegner geworden!«

Kurts Erregung hatte sich, während er sprach, immer mehr gedämpft. Nun

schöpfte er ein paarmal tief Atem und sagte:

»Ich habe besonders dem Advokaten Marschall meine Sympathien nicht

verhehlt. Deshalb werde ich ihn sogleich aufsuchen, um ihm zu

erklären ...«

»Langsam, lieber Allmer,« mäßigte Wetzig. »Ich verstehe recht gut, was

Sie empfinden. Aber Sie werden sich gedulden müssen. Die Truppen sind

durch Kommandanturbefehl konsigniert.«

»Herr Oberleutnant, ich bitte um eine Stunde Urlaub,« entgegnete Kurt

in dienstlichem Ton, indem er sich verneigte.

Wetzig konnte nur schwer ein Lächeln unterdrücken.

»Ich als Ihr Kompagnieführer soll Sie beurlauben? Selbst der Oberst

könnte es nicht, wenn Sie ihn darum bäten.«

Und als er Kurts peinliche Enttäuschung bemerkte, setzte er leiser

hinzu:

»Helfen Sie sich allein, lieber Allmer. In Uniform gehen Sie aber

nicht! Ziehen Sie rasch Ihr Zivil an und machen Sie's kurz. Und seien

Sie auf den Straßen vorsichtig. Wie es heißt, sind in Altstadt alle

Teufel losgelassen.«

Kurt erwiderte den freundschaftlichen Rat mit einem dankbaren Blick und

drückte Wetzigs dargebotene Hand. Dann entfernte er sich unauffällig

aus dem Kasino. Eine Viertelstunde später verließ er in Zivilkleidung

die Kaserne.

Der Abend war hereingebrochen. Auf der Allee drängten sich die

Menschen. In Altstadt herrschte ein Getümmel, wie es Kurt noch nicht

erlebt hatte. Auf dem Schloßplatz, im Georgentor und in der Schloßgasse

scholl unausgesetzt wüster Lärm. Große Scharen halbwüchsiger Burschen

zogen Arm in Arm an ihm vorbei, pfeifend und brüllend. Unanständige

Lieder wurden gesungen und drohende Rufe gegen den König und die

Regierung ausgestoßen. An der Ecke des Taschenbergs stand gegenüber

dem Schloß ein großer Haufe, der unzählige Hochs auf die abgedankten

Minister ausbrachte.

Unmittelbar vor der kleinen Brüdergasse wurde Kurt durch eine neue

Zusammenrottung wiederum am schnellen Vorwärtskommen gehindert. Hier

riß der Pöbel unter betäubendem Lärm das Straßenpflaster auf und

errichtete neben dem Hotel Stadt Gotha -- quer über die Schloßgasse --

mit Hilfe der granitnen Trottoirplatten eine hohe Barrikade. Auf ihrer

Brüstung stand ein einzelner Mann, der die Arbeitenden unterwies, wie

sie den Bau aufzurichten hätten, um ihn besonders stark zu machen.

Kurt kannte den Mann auf der Barrikade; es war der Hofbaumeister Semper.

Endlich hatte Kurt das Marschallsche Haus erreicht. Schnell stieg er

die dunkeln Treppen hinauf und trat durch die nur angelehnte Tür ein.

Die Wohnung schien verlassen. Auch im Vorsaal war es finster. Nur durch

die Ritzen einer Tür drang ein Lichtschimmer.

Kurt schritt auf diese Tür zu. Da hörte er, wie in dem Zimmer auf dem

Klavier ein paar leise Akkorde angeschlagen wurden und wie darauf der

gedämpfte Gesang einer Frauenstimme ertönte:

Und ob die Wolke sie verhülle,

Die Sonne bleibt am Himmelszelt ...

Kurt öffnete leise. An dem alten Tafelklavier saß Valentine. Sie war

bleich, und auf ihren herben Zügen lag ein ungewohnter Schimmer von

Mädchenhaftigkeit, der den auf der Schwelle Stehenden betroffen machte.

Eine kurze Weile betrachtete er sie. Da bemerkte ihn Valentine und

schreckte zusammen. Ihre schöne Altstimme brach ab, und nun kam das

Mädchen auf ihn zu.

»Ich hatte Sie nicht gleich erkannt, Herr Leutnant,« versetzte sie,

»weil ich Sie nur immer in Uniform gesehen habe.«

Kurt bemerkte, daß Valentine weich gestimmt und nicht so sicher war wie

sonst.

»Es täte mir sehr leid,« fuhr sie fort, ihn mit einer Handbewegung zum

Sitzen einladend, »wenn Sie durch diesen Besuch in eine unangenehme

Lage gerieten. Auf den Gassen ist es nicht geheuer.« Dabei sah sie

verständnisvoll auf Kurts hellgrauen Zivilanzug. »Aber ich habe Sie

doch um diese Unterredung bitten müssen.«

Kurt machte eine Bewegung, als ob er den Sinn ihrer Worte nicht

verstanden hätte.

»Heinrich Mißbach wird Ihnen überbracht haben ...«

Kurt verneinte. Mißbach hätte ihm nichts mitgeteilt.

»Dann hat er's vergessen. Gewiß vor Bestürzung, weil Anna ihm

gleichzeitig von der Erkrankung meiner Mutter erzählt hat. Das wird den

guten Jungen erschreckt haben.«

»Ihre Frau Mutter ist erkrankt?« fragte Kurt teilnahmvoll.

Valentine hörte die Wärme aus seiner Stimme heraus.

»Leider -- ganz plötzlich. Professor Richter weiß noch nicht, was ihr

fehlt. Sie hat hohes Fieber. Vielleicht wird es Lungenentzündung. Jetzt

ist Anna einstweilen bei ihr.«

»Die Vorsaaltür stand offen,« sagte Kurt, um sein unerwartete

Erscheinen zu erklären.

Valentine hörte diese Worte nicht. Sie sann eine Weile nach. Endlich

begann sie stockend:

»Ich mußte Sie noch heute sprechen, Herr Leutnant, weil ich Sie

bitten wollte, Ihre Besuche bei uns aufzugeben. Die Entwicklung

der politischen Vorgänge hat sich von gestern zu heute in einer so

schroffen Weise vollzogen, daß Sie es mit Ihrer Stellung nicht würden

vereinbaren können, wenn Sie uns die Freundschaft weiter schenken

wollten, die uns bisher verband. Ich weiß nicht, ob Ihnen schon bekannt

ist, welch entscheidende Wendung der heutige Tag gebracht hat?«

Kurt bestätigte, daß er es wisse.

»Dann wäre es freilich nicht nötig gewesen, Sie noch einmal zu bemühen

... Aber« -- das Mädchen atmete tief auf -- »ich wünschte auch, mich

... persönlich von Ihnen ...«

Kurt sah stumm vor sich nieder. Eine tiefe Pause entstand. Endlich

sagte er:

»Ich bin heute aus freien Stücken hierhergekommen, Fräulein Valentine.

Ich wollte Ihrem Herrn Vater erklären, daß meine Pflicht als Offizier

und -- ich möchte das besonders betonen -- meine persönlichen

politischen Anschauungen mich zwingen, das Haus zu meiden, in dem ich

so manche frohe Stunde verlebt habe.«

»Ich ahnte es, als Sie eintraten,« sagte Valentine leise.

Beide schwiegen.

Kurt erkannte noch einmal Valentinens Edelmut. Sie war ein hochherziges

Mädchen! Daß sie jetzt seine politische Gegnerin war und eine tiefe

Kluft ihn für alle Zukunft von ihr trennen würde, konnte seine

Hochachtung vor ihr nicht verringern.

»Mein Vater ist leider nicht zu Hause,« unterbrach Valentine das

Schweigen. »Der Sicherheitsausschuß tagt auf dem Rathause ...«

»Bitte teilen Sie Ihrem Herrn Vater mit, daß ich hier war,« antwortete

Kurt.

Valentine neigte zustimmend den Kopf. Dann erhoben sich beide fast

gleichzeitig und standen eine kurze Weile stumm einander gegenüber.

»Ihrer Frau Mutter meine besten Wünsche,« sagte Kurt in gedämpftem Ton.

»Ich danke Ihnen, Herr Leutnant,« erwiderte sie noch leiser.

»Und Ihnen, Valentine ...« Er stockte. »Sie brachten mir Ihre

Freundschaft entgegen,« -- hier sah er, wie das Mädchen in tiefer

Bewegung erschauerte -- »ich bot Ihnen die meinige ...«

Kurt kämpfte schwer. Endlich fuhr er mit halblauter Stimme fort:

»Lassen Sie mich in dieser Abschiedsstunde frei bekennen, Valentine,

daß es eine Zeit gab, zu der es mehr war als Freundschaft, was ich für

Sie empfand. Es kann Ihnen nicht verborgen geblieben sein. Aber ich

bin nahe daran gewesen, bitteres Unrecht zu tun, -- mein Herz war nicht

mehr frei. Ich stand im Begriff, einem guten Menschen unaussprechlichen

Kummer zu bereiten. Sie wiesen mein leises Werben sanft zurück.

Sicherlich vermochten Sie meine Empfindungen nicht zu teilen, -- ich

weiß es nicht. Ihre Zurückhaltung war mein Heil, sie hat mich vor

schwerer Schuld bewahrt. Dafür werde ich Ihnen immer dankbar sein!«

Valentine hatte dieses Bekenntnis mit abgewandtem Gesicht angehört. Sie

unterdrückte ihre schweren Atemzüge, aber ihre Schultern zuckten leise.

Plötzlich griff sie in die Tasche ihres Kleides und reichte ihm stumm

einen verschlossenen Brief ohne Aufschrift. Kurt nahm den Brief und

steckte ihn achtlos ein.

»Leben Sie wohl, Valentine,« sagte er.

Sie hielt ihm die Hand hin.

»Werden Sie glücklich, Kurt!«

Er ergriff ihre Hand und hielt sie eine Sekunde lang umschlungen.

Dann wandte er sich ab und verließ die Stube, ohne noch einmal den

Blick zurückzuwenden. --

Als sich Kurt der Schloßgasse wieder näherte, empfing ihn brausender

Lärm. An der Barrikade bei Stadt Gotha wurde noch immer fieberhaft

gearbeitet, und eine tobende Menge wogte auf und ab. Einige der Männer

waren mit Gewehren und Säbeln bewaffnet.

Kurt war noch zu tief bewegt, daß er die drohende Haltung des

aufgeregten Volkshaufens und die Schmährufe auf den König beachtet

hätte. So rasch es ihm gelang, eilte er die Schloßgasse hinunter. Die

Brücke war fast menschenleer. Den Neustädter Markt bedeckten die

Jahrmarktsbuden, vor denen aber nur wenig Käufer standen. Auf der

Hauptstraße wogte noch immer eine dichte Menge, darunter eine große

Anzahl von verdächtigen Gestalten. Doch ging es hier weit ruhiger zu

als in der Altstadt.

Plötzlich dachte er an Ursula. Und ein heißes Verlangen ergriff ihn, zu

ihr zu eilen, seine Schuld zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten.

Sein Herz war übervoll.

Kurt bog in den Obergraben ein und ging dann rasch durch die

Kasernenstraße bis zum Pförtchen. In wenigen Minuten hatte er die

Hospitalstraße hinter sich und stand nun vor dem kleinen Haus des

Kriegsrats. Im Wohnzimmer brannte hinter den niedergelassenen Rouleaux

mattes Licht.

Als Kurt durch den Hausflur ging, hörte er seine Schritte hohl von den

Wänden zurückschallen. Da tastete er nach der Tür, über deren Schwelle

er einen Schimmer sah, und öffnete. Die Kerze auf dem Tisch trug eine

große Lichtschnuppe, daß die Flamme niedrig brannte und das Zimmer nur

dürftig erleuchtet war.

Herr von Abendroth saß in seinem Lehnstuhl, das dickumwickelte kranke

Bein auf einen zweiten Stuhl vor sich hochgelegt. An seiner Seite

hockte auf der Fußbank Ursula, die Ellbogen auf die Knie gestützt und

die Hände vor das Gesicht geschlagen. Als Kurt eintrat, ließ sie die

Hände langsam sinken, als wenn sie aus einer Erstarrung erwache, und

sah ihn verständnislos an.

Da sprang Ursula mit einem Mal auf, und Kurt glaubte, eine Fremde zu

sehen. In starrer Haltung und mit zurückgeworfenem Kopf stand sie

vor ihm. Ihr Gesicht war aschfahl, und aus ihren weitgeöffneten Augen

trafen ihn die erzürnten Blicke eines tief verletzten Weibes.

»Wie, Herr Allmer!« rief sie mit schneidender Stimme, »Sie wagen es

wirklich ...«

Kurt war wie gelähmt. War dieses Mädchen, das zitternd vor tiefster

Empörung dort stand und ihm diese Worte zurief, war das Ursula? Da

brach wie ein Himmelsturz die Empfindung der Schwere seiner Schuld auf

ihn nieder, und er senkte den Blick vor Ursulas Augen.

Noch rang das aller Fassung beraubte Mädchen nach Worten, als Kurt tief

erschüttert sprach:

»Ursula, ich habe gefehlt. Ich komme zu dir als ein Bittender, der

seine Schuld büßen will. Höre mich an. Ich flehe darum! Weise mich

nicht von dir, -- um deiner großen Liebe willen!«

Da lachte das Mädchen schrill auf.

»Um meiner Liebe willen? Nein, Herr Allmer, das Possenspiel, das Sie

mit mir trieben, ist aus! Mit grausamer Hand haben Sie aus meinem

Herzen gerissen, was ich darin wie ein Heiligtum bewahrte. Ja, ich

will es bekennen,« stieß sie hervor, wobei sich ihre Stimme bis zur

äußersten Kraftanstrengung steigerte, »ich will es ohne zu erröten

gestehen, daß ich Sie liebte mit der ganzen heißen Glut, die ein

unschuldiges Mädchenherz für den geliebten Mann nur erfüllen kann.

Empfand ich doch, daß diese Leidenschaft selbst stärker war, als die

Liebe, mit der ich von meiner sterbenden Mutter Abschied nahm. Jetzt

aber ist in meinem Herzen erstickt, was ich für Sie sorgsam darin

hegte! Sie selbst waren es, der dies vollbracht!«

Kurt krampfte die Hände ineinander.

»Ursula! -- Ursula! --« rief er verzweifelt.

»Nein, Herr Allmer!« schrie das Mädchen, während Blitze aus ihren Augen

brachen, »Ihr Flehen ist umsonst!« -- Sie schlug wiederholt mit der

Hand heftig auf ihre Brust. »Alles ist hier tot, -- alles! Verlassen

Sie mich! In diesem Hause ist kein längeres Bleiben für Sie!«

»Herr Kriegsrat,« stammelte der Erschütterte und wollte zu dem alten

Herrn hineilen, aber seine Füße hingen wie gebannt an der Stelle, »Sie

waren immer so gütig zu mir wie ein Vater ...«

Herr von Abendroth lag regungslos im Stuhl und hielt die Augen mit der

Hand bedeckt und vermochte nicht zu antworten.

»Was zögern Sie noch!« rief Ursula befehlend, -- »gehen Sie!« und wies

nach der Tür.

Noch eine kurze Weile verharrte Kurt wie betäubt in seiner

zusammengesunkenen Haltung, als wenn er die Kraft, diesen Ort zu

verlassen, erst sammeln müsse. Müde wandte er sich dann um, tat ein

paar Schritte und -- blieb stehen.

»Ich komme wieder,« murmelte er schwer atmend.

»Nein, versuchen Sie es nicht!« klang Ursulas Stimme jetzt ruhiger,

aber unerbittlich. »Sie würden nur von neuem von der Schwelle dieses

Hauses gewiesen werden.«

Ein paar Sekunden vergingen noch. Dann verließ Kurt Allmer wortlos und

unsicheren Schritts das Abendrothsche Haus.

Ursula blieb in steifer Haltung in der Mitte des Zimmers stehen und

horchte angestrengt auf die sich entfernenden Schritte. Als der letzte

verhallt war, ging sie ruhig zum Tisch zurück, sank schwer auf einen

Stuhl nieder und sah unbeweglich nach der Tür. So verharrte sie eine

geraume Zeit. Dann legte sie die Arme auf den Tisch und vergrub ihr

Gesicht darin. Bis sich endlich der alte Herr mühsam von seinem Stuhl

erhob, zu der Sitzenden hinkte und sich neben ihr niederließ. Mit

unendlicher Schonung richtete er die still Weinende auf, schlug die

Arme um sie und legte ihren Kopf an seine Brust.

Inzwischen war Kurt völlig erschöpft in die Kaserne zurückgekehrt. Kaum

hatte er seine Stube betreten, als es an der Tür stark klopfte und

gleich darauf Korporal Mißbach mit tief bekümmertem Gesicht ins Zimmer

trat.

Heinrich war halb verzweifelt, weil er nichts über die kranke Frau

Marschall erfahren konnte. Kein Soldat durfte ja die Kaserne verlassen.

»Herr Leutnant möchten,« stotterte er, »ich hatte ganz vergessen, --

möchten heute abend noch zu Valen... zu Fräulein Marschall kommen.«

Kurt winkte ab. »Schon gut.«

Der geängstigte Bursche verstand, der Herr Leutnant war bereits drüben

gewesen. Da fiel ihm dessen verstörtes Gesicht auf, das nichts Gutes

weissagte. Schon sollte er nach der Kranken fragen. Da besann er sich,

vor wem er stand, und ging tief bedrückt aus dem Zimmer.

Heinrichs Erscheinen hatte Kurt an den Brief erinnert, den Valentine

ihm beim Abschied gegeben. Er zog ihn aus der Tasche, riß den Umschlag

auf und las:

Fräulein Marschall!

Nachdem Sie bisher alle Ihre Künste aufgeboten haben, um Herrn

Leutnant Allmer in Ihr Haus zu locken, begingen Sie gestern

abend auch noch die unglaubliche Taktlosigkeit, sich von ihm

auf offener Straße küssen zu lassen. Ich darf kaum hoffen, daß

Sie noch empfinden können, was Menschen von Erziehung von einer

Person, wie Sie sind, halten. Ich möchte Ihnen nur mitteilen,

daß Herr Allmer der heimliche Verlobte einer jungen Dame von

Stand ist. Vielleicht glimmt noch ein Funken weiblicher Scham

in Ihrer Brust!

Amalie von Zehmen.

Und darunter war mit Bleistift gekritzelt:

Selbst wenn ich Ihr Verlöbnis gekannt, hätte ich das Gefühl in

meinem Herzen nicht ersticken können, das mich während ein paar

kurzer Monate unaussprechlich glücklich gemacht hat.

Valentine.

* * * * *

Auch in der engen Offizierstube war ein von Schmerz Überwältigter

willenlos auf den Tisch gesunken. Aber es kam niemand, der ihm

liebevoll Trost zugesprochen hätte.

Achtes Kapitel

Am nächsten Morgen hielten die Kompagnien wieder auf dem Kasernenhof

Einzelexerzieren ab. Die große Felddienstübung mit den Gardereitern bei

Rähnitz war abgesagt worden.

Die Offiziere standen beieinander und machten ernste Mienen. Die

Mannschaften waren in großer Spannung. Allerlei Gerüchte liefen

herum, nach denen es in der Altstadt zwischen den Aufrührern und der

Kommunalgarde schon zu blutigen Zusammenstößen gekommen war.

Die Vormittagstunden schlichen dahin; jeder merkte, daß das Exerzieren

nur abgehalten wurde, um die Zeit hinzubringen. Niemand war richtig

dabei. Und eine gedrückte Stimmung, die auf allen wie Blei lastete,

verhinderte selbst das Aufkommen des alten Soldatenhumors, der schon

über manche ernste Stunde hinweggeholfen hat.

Unter den Soldaten der damaligen Zeit herrschten die erheblichsten

Altersunterschiede. Es gab welche, die kaum das siebzehnte Lebensjahr

erreicht und wiederum Unteroffiziere, die die Fünfzig überschritten

hatten. Unter ihnen waren Verheiratete, deren Frauen eine Wirtschaft

betrieben oder einen kleinen Kramladen besaßen. Der Dienst endete

zumeist zeitig am Abend, und die Mannschaften hatten viel freie Zeit,

die sie im engen Verkehr mit dem Kleinbürgertum verbrachten.

In den letztverflossenen Jahren hatte es unter der sächsischen

Bevölkerung gewaltig gegärt, und die Stimmung gegen die Armee war

verbittert. Der Soldat erfreute sich lange nicht mehr der hohen

Schätzung wie nach den Freiheitskriegen, sondern wurde über die Achsel

angesehen.

Als sich aber der Unwille des Volks gegen die Regierung steigerte,

änderte sich das Verhalten der bürgerlichen Kreise. Sie versuchten,

unter den Mannschaften Mißstimmung zu erregen und besonders die

Unteroffiziere für ihre Ideen zu gewinnen.

So hatte es sich, vornehmlich während der letzten Monate, vielfach

zugetragen, daß nicht nur einfache Männer aus dem Volke, sondern auch

Vertreter des gehobenen Bürgerstandes in den Wirtshäusern mit Soldaten

zusammensaßen, ihnen Bier und Branntwein reichen ließen und Zigarren

darboten. Man hätte sich früher geirrt, wurde den Arglosen versichert,

wenn man sie gehaßt und vertierte Söldlinge genannt habe. Der einfache

Soldat sei ein Freund des Volks, und man müsse ihn schätzen! Er allein

verstünde die große Not, die jetzt im Lande herrsche! Er gehöre zum

Volk und fühle mit ihm! Aber die Offiziere --!

So war es nicht schwer gewesen, den Beifall manches Leichtgläubigen zu

gewinnen. Und die Zuversicht weiter Kreise, die Disziplin der Armee

zu lockern, war erheblich gewachsen. Man hatte sich immer mehr mit

dem Gedanken vertraut gemacht, die Truppen im Ernstfalle gegen die

Regierung zu benutzen.

Aber der Gang der Ereignisse bereitete den Zuversichtlichen die

schwersten Enttäuschungen. Der Soldat nahm die Darbietungen schmunzelnd

an und ließ sich Bier und Zigarren gut schmecken. Er nickte zu den

Anklagen beistimmend und schimpfte unter der Einwirkung des Branntweins

zuweilen wohl auch auf die Zustände und auf gewisse Offiziere, die

durch Strenge unbeliebt waren. Den guten Soldatengeist konnten diese

Wühlereien aber nicht ertöten. Der Soldat erinnerte sich seiner

Mannszucht in dem Augenblick, als er sah, daß die Sicherheit des

Thrones und der Frieden des Landes ernstlich gefährdet waren.

Die Truppen taten ihre Schuldigkeit. Und ihre Erbitterung wuchs, je

mehr sich die Hartnäckigkeit steigerte, mit der ihnen die Aufrührer

während des Straßenkampfes Widerstand leisteten. --

Kurt ging während des ganzen Tages mit verstörtem Gesicht umher. Seine

Kameraden beobachteten, wie schwer er seelisch litt und schoben es auf

die große Enttäuschung, die er mit seinen lange gewahrten Sympathien

für die bürgerliche Bewegung erlebt hatte. Anfänglich versuchten sie,

den Schweigsamen aufzuheitern. Aber sie gaben ihre Bemühungen auf, als

sie erkannten, daß sie fruchtlos waren.

Wieder war es Abend geworden, als Kurt einsam in seinem Zimmer saß. Da

wurde ihm eine Dame gemeldet. Es war Tante Sidonie. Das alte Fräulein

hatte all ihre, jederzeit streng gewahrte Feierlichkeit verloren. Sie

war völlig fassungslos und konnte vor innerer Bewegung kaum sprechen.

Ihre stumme Hilflosigkeit rührte Kurt. Er sah, wie tief sie erschüttert

war. Ganz gebrochen saß sie auf der Stuhlkante, und ihre schmalen,

weißen Hände zitterten beständig.

Endlich bat sie ihn, ihr alles zu erzählen. Sie wäre heute bei

Abendroths gewesen und hätte auch die Zehmen dort getroffen. Aus ihrem

Munde habe sie die schweren Anklagen vernommen, die gegen ihn gerichtet

würden.

Kurt schüttete der Tante sein Herz aus. Es tat ihm wohl, zu einem

vertrauten Menschen sprechen zu können. Er begann damit, wie er

Valentine Marschall kennen gelernt, schilderte seine Besuche bei ihren

Eltern und verschwieg nicht den tiefen Eindruck, den das geistig

hochstehende Mädchen auf ihn gemacht. Anfänglich hätte sie durch ihre

Klugheit sein Interesse geweckt, dann hatte er ihren edlen Charakter

erkannt und sie hoch geschätzt, bis er schließlich entdeckt, daß sich

ein warmes Gefühl für das Mädchen leise in sein Herz geschlichen. Damit

hätten auch die schweren seelischen Kämpfe begonnen, unter denen er

viel gelitten.

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 7 / 18 段