vorüberschritt, die auf der schlechtbeleuchteten, menschenleeren Straße
unbemerkt herangekommen war. Kurt fühlte plötzlich den Drang, sich nach
ihr umzusehen. Die lange Gestalt, die eckigen Schultern, -- war ihm die
in der Dunkelheit schon wieder Verschwundene nicht bekannt? Aber schon
hatte er die Unterbrechung wieder vergessen.
Er vernahm Valentinens Stimme, die bewegt sagte:
»Ich danke Ihnen, lieber Freund, für Ihre Worte.«
Dann reichte sie ihm die Hand und fügte in ihrem gewöhnlichen Tone
hinzu:
»Nun gute Nacht; man wird mich schon erwarten!«
»Gute Nacht, Fräulein Valentine,« gab er zurück. Damit trennten sie
sich.
Kurt ging die Antonstraße langsam zurück. Zu einem Besuch bei Tante
Sidonie verspürte er kein Verlangen mehr. Seine Gedanken beschäftigten
ihn viel zu sehr.
Als er den Bautzner Platz betrat, fiel ihm eine Menschenansammlung auf.
Die Leute standen in Gruppen zusammen und sprachen erregt miteinander.
Aber er ging achtlos an ihnen vorüber.
Am Eingang der Hauptstraße, kurz vor der Kaserne, hielt wieder eine
zusammengedrängte Menge.
Inmitten des Haufens stand auf einem umgestürzten Schubkarren ein
sorgfältig gekleideter Mann, der mit lebhaften Worten auf die
Umstehenden einsprach.
Als Kurt vorbeikam, hörte er die Worte: »... der König von Württemberg
ist erschossen, der König von Hannover ist tot. Berlin befindet sich
in vollem Aufstand. Neunhundert Mann Truppen sind von Böhmen her in
Freiberg eingerückt, um der sächsischen Regierung zu helfen ...«
Da schrie der Haufe wüst auf, und die weiteren Worte des Redners gingen
in dem Tumult unter.
Kurt erschrak. Wenn das wahr wäre! Noch quälte ihn dieser Gedanke, als
sein Blick auf die friedlich liegende Allee fiel und auf die Kaserne,
aus deren Fenstern das Pfeifen und Singen der Soldaten herausschallte.
Das beruhigte ihn, und er mußte über seine Besorgnis lächeln.
Heute war Sonnabend. Irgendein Harmloser hatte nach der Arbeit
reichlich über den Durst getrunken, und nun spukte es in seinem Hirn.
Die Tagesereignisse boten einer lebhaften Einbildung ja genug Stoff, um
ungewöhnliche Vorgänge maßlos zu übertreiben.
Mit schnellen Schritten ging er weiter, bis er das Kasernentor erreicht
hatte. Da hörte er, wie eine Stubenmannschaft in den stillen Abend
hineinsang:
Eine Kugel kam geflogen,
Gilt sie mir oder gilt sie dir -- --
Dieses schwermütige Lied stimmte ihn wieder ernst.
* * * * *
Am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, zog der Dresdner, wie er es
bei seinem sprichwörtlichen Familiensinn gewohnt war, bald nach dem
Mittagessen mit Kind und Kegel hinaus vor die Tore.
Innerhalb der Stadt bildete die Brühlsche Terrasse den
Hauptanziehungspunkt. Auf dem Belvedere wurde vom frühen Nachmittag
an Musik gemacht. Die Gäste saßen eng zusammengedrängt friedlich
beieinander, aßen zu den mitgebrachten Semmelzeilen dünngeschnittene
Zwiebelwurstscheiben und tranken Weißbier oder Kaffee.
Nach dem Essen wurde die Zigarre in Brand gesteckt. Hierzu dienten
fingerlange Schwefelhölzer, deren giftgrüne Kuppen einmal ums andere
fortsprangen und auf den Kleidern ernsthafte Schadenfeuer anrichteten.
Deshalb galt es auf der Hut zu sein und jeden dieser Ausreißer durch
rasches Daraufschlagen unschädlich zu machen. Obendrein beleidigte
der verbrennende Phosphor empfindlich die Nase. Wer am guten Alten
festhielt, zog die kurze Stummelpfeife und den Tabaksbeutel von
Schweinsblase aus den Tiefen der baumelnden Rockschöße und paffte
Portoriko oder den beißenden Varinaskanaster seelenvergnügt in die Luft.
Als Unterhaltungsstoff dienten natürlich die sich immer mehr
zuspitzenden politischen Tagesereignisse.
Gegen Abend machte sich alles wieder auf den Heimweg. Der Mann nahm
die Kinderwagendeichsel in die Hand und zog unverdrossen daran; die
herangewachsene Nachkommenschaft jagte als Eskorte nebenher, und den
Schluß des Zuges bildete die Mutter mit dem ärgsten Schreier auf dem
Arm. Um sieben Uhr wurde zu Hause das bescheidene Abendbrot gegessen.
Danach ging man bald schlafen, um am andern Morgen für das Tagewerk
der beginnenden Woche wieder gekräftigt zu sein.
Einige verzehrten das Abendbrot draußen. Die mußten es schon faustdick
haben, obwohl nur sechsunddreißig Pfennige genügten, daß der Dresdner
Bürger sich delektieren konnte: achtzehn Pfennig für eine Portion
Sauerbraten und ebensoviel für eine große Lase Bier.
Die großen Kaffeegärten außerhalb der Stadt waren an schönen Sonntagen
bis auf den letzten Platz gefüllt. Da wurde aber politisiert!
Glücklicherweise hat bei den streitbaren Sachsen der Kaffee niemals
als ein aufregendes Element gewirkt. Das ist eine der wenigen
Tatsachen, über die bis heutigen Tages unter allen Völkern, gleichviel
welcher Hautfarbe und von welchem Glaubensbekenntnis, wohltuende
Übereinstimmung herrscht. Dafür sind aber auch dortzulande die
Kaffeekannen viel größer als anderswo.
Wer gemächlich spazieren gehen wollte, ging bis zu Brechlings an der
Vogelwiese, oder in das Ostragehege, oder bis zur »Goldenen Sonne«
auf den Scheunenhöfen. Besonders Rüstige dehnten den Spaziergang bis
zum »Schusterhaus« aus. Auch das »Waldschlößchen« war ein beliebtes
Ziel für weitere Ausflüge, ebenso »Kammerdieners« und die »Grüne
Tanne« am Eingang der Dresdener Heide. Selbst bis auf das »Lämmchen«
liefen welche. Ja, es gab etliche, die marschierten bis Blasewitz,
ließen sich dort nach Loschwitz über die Elbe setzen und klimmten den
Plattleitenweg empor bis zum »Weißen Hirsch«, um alsdann über die
Mordgrundbrücke und an der Saloppe vorbei nach Hause zurückzukehren.
Aber das waren Gewaltleistungen, die in dieser gemächlichen Zeit wenig
Nachahmer fanden. Wer sie glaubhaft nachweisen konnte, forderte die
stille Bewunderung seiner Zuhörer stärker heraus, als heutzutage ein
Afrikareisender mit seinen Berichten.
Der große Kaffeegarten des »Lämmchens« an der Blasewitzer Landstraße
war an dem sonnigen Aprilsonntag von Besuchern überfüllt. Auch
Feldwebel Mißbach war mit Linchen und Heinrich hier eingekehrt. Sie
hatten sich am Hospitalgarten über die Elbe rudern lassen und waren
dann quer über die großen Wiesen gegangen.
Die Unterhaltung im Garten galt der gestern erfolgten
Landtagsauflösung. Das sei ein Trompetenstoß, der über das ganze Land
hinweg vernommen würde.
Von diesem Thema kam keiner los. Und wenn ein Beherzter, um das
Gespräch zu wechseln, von den neuen Rüböllampen anfing, oder wenn einer
behauptete, die Pieschner Bauern täten jetzt zu wenig Kümmel in ihren
echten Altenburger Ziegenkäse, so landete er mit seinem Redekähnchen
nach fruchtlosem Plätschern beim dritten Satze doch wieder im Hafen der
Politik.
Selbst Feldwebel Mißbach redete von Politik. Und das wollte etwas
heißen!
»Kinder, wie gut ist es bloß,« sagte er, »daß ihr nicht mehr zu
Marschalls geht! Der Advokat gilt heute als einer der gefährlichsten
Demokratenführer.«
Linchen antwortete nicht, und auch Heinrich blieb stumm. Er wurde bis
über die Ohren rot und guckte aufmerksam in sein Bierglas.
»Sie sollen es nur nicht zu bunt treiben,« fuhr Mißbach übelgelaunt
fort, »sonst mischt sich die Polizei noch ganz ordentlich hinein und
setzt die Ärgsten hinter Schloß und Riegel.«
Heinrich räusperte sich.
»Es gibt schon beinahe niemand mehr,« sagte er vorsichtig, »der nicht
der Bewegung angehörte. Ob die Leute nicht doch vielleicht ein bißchen
recht haben?«
»Ob sie recht haben oder nicht,« erklärte Mißbach barsch, »ist
ganz egal. Darauf kommt's hier nicht an. Sie wollen anders als das
Ministerium. Und das darf in einem geordneten Staat nicht sein. Die
Welt ist immer regiert worden und hat bis heute bestanden. Sie wird
auch in Zukunft bestehen.«
»Was früher galt, braucht aber heute nicht mehr gut zu sein,« warf
Heinrich ein.
»Das ist es ja,« ereiferte sich Mißbach, »was die Unzufriedenen
immer sagen. Aber bisher ist es gegangen, warum sollte es so nicht
weitergehen? Sie behaupten, alles müsse mit der Zeit fortschreiten,
auch die Staatseinrichtungen. Die Freiheit des Bürgers sei
eingeschränkt. Nun frage ich einen Menschen, wer sie einschränkt. Der
Staat? Ja, womit denn! Der hätte viel zu tun, wenn er sich um den
Einzelnen kümmern wollte. Wer bloß ordentlich für Frau und Kind sorgt,
seine Steuern pünktlich bezahlt und Achtung vor dem Gesetz hat, der
bleibt ungeschoren und hat seine Freiheit.«
Mißbachs lebhafte Augen blieben hier auf Heinrich ruhen.
Das Gesicht des Jungen gefiel ihm nicht! Es sah aus, als wenn er den
Worten des Vaters nicht glaube.
»Aber Zucht muß sein,« fuhr er ärgerlich fort. »Sonst gibt's Mord und
Todschlag.«
»Es ist viel Armut im Lande,« versetzte Heinrich bescheiden. »Durch
freiheitlichere Gesetze soll den Notleidenden geholfen werden. Der
Wohlstand würde sich damit heben, sagen die Leute.«
Feldwebel Mißbach lachte gezwungen.
»Du redest wie ein Buch, Junge. Laß diese Gedanken fahren, rate ich
dir! Der Wohlstand soll sich heben? Ist nicht alles schon viel besser
geworden? Du lieber Gott! Wenn ich daran denke, wie es vor dreißig
Jahren war. Damals konnte man wirklich von schlechten Zeiten sprechen.
Da nährte sich eine Familie von dicken Erbsen, Kartoffeln mit Salz und
Kaffee. Und doch wurden die Kinder groß und stark dabei! Und wie ist
es heute dagegen? Jeden Tag kann der arme Mann natürlich nicht Fleisch
essen. Aber er wird satt, und das ist die Hauptsache. Und zu einem
Stückchen Streuselkuchen Sonntagnachmittags reicht es bei vielen.«
Da richtete sich Linchen plötzlich auf und sah über die Nebensitzenden
hinweg. Durch den Mittelgang des Gartens schritt Valentine, ihr
hinterdrein Madam Marschall. Feldwebel Mißbach, der ebenfalls auf die
Kommenden aufmerksam geworden war, zog die Augenbrauen zusammen.
»Kinder,« sagte er, »unser Weg ist noch weit. Den Groschen für die
Überfahrt können wir uns sparen. Wir gehen über die Augustusbrücke nach
Hause. Trinkt aus.«
Schweigend gehorchten Linchen und Heinrich, und bald darauf verließen
sie mit dem Vater den Garten. Kaum waren sie auf die Straße getreten,
als ihnen unvermutet Advokat Marschall entgegenkam.
»Ah, guten Tag, Herr Feldwebel!« rief der immer wohlgelaunte alte
Mann. »Guten Tag, Linchen! Guten Tag, Heinrich!«
Auf Mißbachs Gesicht spiegelte sich peinliche Verlegenheit. Hier auf
der offenen Straße mit dem Demokratenführer zusammenstehen! Wenn
das jemand sah! Gleichwohl nahm Mißbach aus dem in Fleisch und Blut
übergegangenen Gefühl der Unterordnung unter den Höherstehenden
militärische Haltung an.
»Na, wie geht's, Herr Feldwebel?« fragte Marschall freundlich.
»Danke, Herr Advokat, gut.«
»Was macht die Gesundheit?«
»Daran fehlt's mir nie.«
»Immer viel Dienst?«
»Dienst ist nie zuviel.«
»Haben Sie in der Zeitung gelesen, daß es jetzt ernst wird?«
»Ich lese keine Zeitung, Herr Advokat.«
Marschall hatte Mißbachs frostige Haltung längst bemerkt.
»Haben Sie gar kein Interesse für die Vorgänge, die jetzt das ganze
Land rege gemacht haben?« fragte er.
»Man hört so mancherlei,« antwortete Mißbach, »aber man horcht nicht
darauf. Sie wissen ja, Herr Advokat, ich bin Soldat ...«
»Bilden Sie sich kein Urteil über die Vorgänge?«
»Mein Urteil kommt von oben herab.«
»Ob das nicht ein Fehler ist, wenn man heute keine eigenen Gedanken
hat?«
Feldwebel Mißbach stockte eine Sekunde lang. Dann platzte er heraus:
»Wenn das ein Fehler von mir ist, so ist mein ganzes Leben ein Irrtum
gewesen. Kommt der Tag, an dem ich das einsehe, dann geh' ich hin und
schieße mir eine Kugel vor den Kopf.«
Marschall sah mit einem Gefühl von Bedauern und Bewunderung auf Mißbach.
»Na, nichts für ungut. Adieu, Herr Feldwebel,« sagte er, ihm die Hand
reichend.
»Adieu, Herr Advokat,« versetzte Mißbach und richtete sich höher auf.
[Illustration: Die Ruinen des Opernhauses und des Zwingers.]
Siebentes Kapitel
Als Kurt am nächsten Morgen den Anzug der in Reih und Glied stehenden
Mannschaften nachgesehen hatte und die Visitationen danach zum
Einzelexerzieren auf dem Kasernenhof auseinandergerückt waren, kam
der Regimentsadjutant und überbrachte ihm den Befehl, mittags auf
Altstädter Hauptwache zu ziehen.
Kurt trat vom Exerzieren der Kompagnie weg und begab sich auf _den_
Teil des Exerzierplatzes, wo die zum Aufziehen befehligten Wachen
Garnisonwachtdienst übten. Hier meldete er sich beim Offizier du jour.
»Instruieren Sie Ihre Wachtmannschaft vor dem Wegtreten noch
einmal recht sorgfältig über ihr Verhalten bei Verhaftungen und
Waffengebrauch,« befahl dieser. »Auf Befehl der Kommandantur ziehen
die Wachen heute mit scharfen Patronen auf, die in der Wachtstube
aufbewahrt werden. Den Posten auf dem Zwingerwall besetzen Sie mit ganz
zuverlässigen, alten Leuten. Welcher Unteroffizier zieht mit Ihnen
auf?«
»Korporal Mißbach.«
»Der ist gut! Schärfen Sie ihm aber die größte Aufmerksamkeit ein,
besonders für die Abendstunden, wo Sie im Theater sind.«
»Zu Befehl, Herr Major!«
Das Stellen der Wachen auf dem Kasernenhof um die Mittagsstunde
vollzog sich vor einer großen Zuschauermenge. Viele Offiziere hatten
sich dazu versammelt, und wohl alle dienstfreien Mannschaften sahen
aus den Korridorfenstern zu. Nachdem auf das Kommando: »Offiziere
und Unteroffiziere vorwärts -- marsch!« die Wachthabenden vor die
Front marschiert waren und der Offizier der Ronde »Parole Pillnitz«
verkündet hatte, trat der Regimentskommandeur heran. Mit lauter Stimme
gab er bekannt, daß heute vormittag die Auflösung des Landtags vor den
beiden versammelten Kammern stattgefunden habe. Es seien Unruhen zu
befürchten. Wenn die Lage einer Wache schwierig werden sollte, müßten
die Wachthabenden und Posten kaltes Blut bewahren. Immer genau nach der
Instruktion handeln! Sich nicht im Eifer hinreißen lassen! Angetrunkene
nicht reizen! Aber energisch auftreten und, wenn nötig, von der Waffe
Gebrauch machen! Alle verdächtigen Wahrnehmungen seien sofort der
Kommandantur zu melden.
Hierauf rückten die Wachthabenden wieder ein. Das Präsentieren
erfolgte, der Parademarsch, und Schlag ein Viertel auf eins marschierte
die Wachtparade zum Hauptportal der Kaserne hinaus, mit klingendem
Spiel die Allee hinab.
Die Hauptstraße war heute belebter als an anderen Tagen. Unter die
üblichen Spaziergänger, die mittags regelmäßig das Aufziehen der
Wachtparade begleiteten, war eine große Anzahl unbekannter Gesichter
gemischt, mit Demokratenbärten, weißen Filzhüten mit aufgeschlagener
Krempe und blutroter Feder. An einigen Häusern waren Zettel angeklebt,
die scharfe Proteste gegen die Auflösung des Landtags enthielten, mit
der Überschrift: Kampf um Recht und Freiheit!
An der Ecke der Heinrichstraße war eine große Menge versammelt.
Hier hielt vor der Neustädter Schule der voraufgerittene
Regimentskommandeur, Oberst von Friederici, zu Pferde und ließ die
Wachtparade noch einmal an sich vorbeimarschieren.
Oberleutnant von Schönberg-Pötting kommandierte als Wachthabender der
Schloßwache zuerst die Ehrenerweisung. Dann folgte Kurt Allmer mit der
Altstädter Hauptwache. Hinter ihm schallten die Kommandos der übrigen
Wachthabenden. Die Gewehre krachten an die Schultern, und der harte
Boden der Allee dröhnte unter den Tritten der Vorbeimarschierenden.
Bei diesem Anblick der in vortrefflicher Mannszucht stehenden Truppen
mochte es wohl manchem Zuschauenden unter dem Schlapphut heiß werden,
und manche blutrote Feder wippte auf und nieder, die Erregung ihres
Trägers verratend.
Ob Soldaten wie diese zu gewinnen waren? Nun, schon die nächsten Tage
sollten die Antwort auf diese Frage geben.
Während der Nachmittagstunden war der Waffenplatz der Altstädter
Hauptwache von Neugierigen umstellt, Leute, denen man auf den ersten
Blick den friedlichen Bürger ansah, der gekommen war, um etwas nicht
Alltägliches zu erleben, Demokraten, die sich auf ihren martialischen
Gesichtsausdruck viel zugute taten, angetrunkene Kommunalgardisten und
Turner.
Einer der Schlapphüte versuchte, mit dem Posten vor dem Gewehr ein
Gespräch anzuknüpfen, wobei er durchblicken ließ, daß die Armee mit
dem Bürgertum gehen müsse. Der Soldat wandte sich aber gleichmütig ab
und ging mit langsamen Schritten an den starken Ketten entlang, die im
Bogen von einem steinernen Kegel zum andern hingen und die Grenze des
Waffenplatzes bildeten.
Ein kurzer, heftiger Guß, der am späten Nachmittag fiel, trieb die
Gaffer auseinander.
Gegen Abend übergab Kurt dem Korporal Mißbach die Wache, um seinen
Dienstplatz im Theater einzunehmen. Jedes außergewöhnliche Vorkommnis
sollte ihm ohne Verzug gemeldet werden.
Dann schritt Kurt über den leeren Theaterplatz hinweg. Am Hotel
Bellevue fiel sein Blick auf eine Anschlagsäule, die die Ankündigung
der heutigen Vorstellung trug:
_Nehmt ein Exempel daran!_
Lustspiel in Alexandrinern
in 1 Akt
von
Karl Töpfer.
Wenige Tage darauf wußte die Dresdner Bevölkerung, daß diese
Ankündigung prophetisch auf die kommenden Ereignisse hingewiesen hatte.
Nur die Bezeichnung Lustspiel traf die Wirklichkeit nicht. Denn es war
ein Drama von erschütternder Wirkung, das die Berliner »Alexandriner«
in der sächsischen Hauptstadt aufführen halfen.
Als Kurt nach der Vorstellung zur Wache zurückkehrte, wurde diese
gerade von dem Offizier der Ronde revidiert. Korporal Mißbach wußte
nichts Außergewöhnliches zu melden. Auch die Nacht verlief ruhig.
Den von der Ablösung zurückkehrenden Posten war nichts von Bedeutung
aufgefallen. Ein paar Leute hatten versucht, die Schildwachen zur
Aufgabe ihres Postens zu überreden und sich der allgemeinen Bewegung
anzuschließen. Sie waren aber ohne Schwierigkeit abgewiesen worden.
Kurt schlief während der Nacht schlecht. Schwere Zweifel quälten ihn.
Immer wieder fragte er sich, ob die Forderungen des Volkes gerecht
seien. Da vernahm er, wie eine unbekannte Stimme antwortete: Würden
sonst Männer wie Marschall, Richter, Semper, Lindeman und viele andere
hochachtbare Namen im ganzen Lande die Forderungen vertreten? Haben
sich nicht selbst die gestern abgedankten Minister mit den Wünschen des
Volks einverstanden erklärt?
Kann die Regierung die Forderungen mit gutem Gewissen bewilligen?
fragte Kurt wieder.
Sie kann es, lautete die Antwort.
_Alle_ Forderungen?
Da schwieg die Stimme. Kurt waren Ursulas Worte eingefallen: sie
wissen nicht mehr zu unterscheiden zwischen den nationalen Wünschen,
denen auch die der Bewegung Fernstehenden zustimmen können, und den
staatsfeindlichen Forderungen.
Der so gesprochen, war auch ein Ehrenmann ohne Tadel -- der alte Herr
von Abendroth! Wo lag hier die Grenze, die das heilige Recht vom Frevel
schied!
Ihr droht, euern Wünschen mit Gewalt Geltung zu verschaffen, warf der
einsame Mann in der Offizierswachtstube dem unsichtbaren Sprecher vor.
Es ist die letzte Möglichkeit -- klang es zurück. Alle Mittel, die das
Gesetz vorschreibt, sind umsonst gewesen. Der Menschlichkeit müssen
ihre Rechte werden!
Die Regierenden sind Menschen mit schwacher Kraft wie ihr. Große
Aufgaben brauchen Zeit, sie durchzuführen.
Wir haben Jahr um Jahr geduldig gewartet. Das Volk verlangt jetzt
gebieterisch seine Freiheit.
Kurt preßte die Lippen zusammen. Das Wort Freiheit aus diesem Munde
hatte einen fatalen Klang.
Der König von Preußen hat abgelehnt, sagte der Träumende.
Nicht freiwillig, antwortete es. Die regierenden Männer beeinflussen
ihre Fürsten, sich gegen den Krönungsbeschluß des Reichsparlaments
aufzulehnen.
Wißt ihr denn, ob nicht unser König der Krönung geneigt ist? Billigte
er sie, so wäre eure Hauptforderung erfüllt.
Er sträubt sich, klang es zurück. Er denkt nicht daran, zuzustimmen.
Wenn er aber erklärte, daß er für die Krönung sei?
Wir glauben ihm nicht.
Nicht einem Königswort? fuhr Kurt den Sprecher zornig an.
Hier schwieg die Stimme. Der Leichtschlummernde hörte draußen auf dem
Waffenplatz die langsamen Schritte des Postens vor dem Gewehr in die
Nacht hineinschallen. Sonst war alles still. Wenn der König sprechen
würde! Dann müßten sich die Unzufriedenen im Lande bescheiden. Und
gäben sie ihre feindselige Haltung dennoch nicht auf, so läge es für
jeden Gutgesinnten klar zutage, daß die Entrüstung über die ablehnende
Haltung des Königs nur als Deckmantel diente, unter dem man das Volk zu
Gewalttaten gegen die staatliche Ordnung aufreizte.
Dann hätte der alte Kriegsrat recht. Und wer es mit dem Wohl des Volkes
ernst meinte, müßte der Bewegung den Rücken wenden. --
Während der Vormittagstunden war der Verkehr vor der Hauptwache
wieder sehr lebhaft. Wie tags vorher umstand eine gedrängte Menge die
Einfriedigung des Waffenplatzes, meist übles Gesindel, das den Soldaten
freche Worte zurief. Die Erregung steigerte sich, als allgemein
bekannt wurde, drei Minister, unter ihnen Herr von Ehrenstein, hätten
abgedankt. Sie wollten mit ihrem Rücktritt beweisen, hieß es, daß sie
die reaktionären Ansichten der im Amt verbleibenden Minister von Beust
und Rabenhorst nicht teilten.
Kurz vor der Wachtablösung wurde Heinrich aus der Wachtstube gerufen,
da ihn jemand sprechen wolle. Und wie er den Flur des Wachtgebäudes
betrat, sah er die Köchin von Marschalls.
»Heinrich, die Madam ist plötzlich krank geworden,« sagte Anna zu ihm.
Heinrich erschrak.
»Was fehlt ihr denn?« fragte er bestürzt.
»Professor Richter war schon zweimal bei ihr,« antwortete das Mädchen.
»Madam hat hohes Fieber. Der Herr Advokat ist außer sich. Komm nur
heute abend einmal hin.«
Heinrich warf einen raschen Blick durch die offengebliebene Tür in die
Wachtstube, wo die Mannschaften schon die Tornister auf den Rücken
warfen.
»Ja, ja, freilich komm' ich, Anna,« versicherte er. »Es wird doch
nichts Schlimmes sein?«
Das Mädchen zuckte mit den Achseln.
»Hoffentlich nicht. Ach, du lieber Gott, die gute Madam!« klagte sie,
in die Hände schlagend.
Heinrich fühlte seine Brust beengt. Er horchte auf: in der Wachtstube
traten die Leute an.
»Ich komme gegen Abend bestimmt,« rief er, sich rasch entfernend.
Da vernahm er noch einmal Annas Stimme:
»Ach, Heinrich, ich habe ja etwas vergessen. Valentinchen hat mir
aufgetragen, du möchtest Herrn Leutnant Allmer bitten, daß er sie heute
abend besucht. Du sollst es aber ja nicht vergessen!«
Heinrich stand schon in der Tür. Er wandte sich noch einmal um, nickte
dem Mädchen zu und eilte dann in die Wachtstube.
»Valentinchen hat gestern abend einen Brief gekriegt, danach hat sie
lange heimlich geweint ...« rief Anna ihm noch nach. Aber die Worte
verhallten in dem Lärm, der in der Wachtstube herrschte.
Heinrich schnallte rasch den Tornister auf den Rücken und griff
nach dem Tschako. Da rief der Posten auch schon »Rrrraus!« und die
Wachtmannschaft drängte eilig in die Vorhalle nach den Gewehrstützen.
Nachdem Kurt die Wache in die Kaserne zurückgeführt hatte, legte er
sich zu Bett und schlief ein paar Stunden. Als ihn sein Bursche
weckte, war es hohe Zeit, daß er sich in das Kasino begab.
Beim Essen wurde eine lebhafte Unterhaltung geführt. Kurt erfuhr, daß
sich die Lage erheblich verschärft hatte und daß der Ausbruch der
Empörung stündlich erwartet wurde. Aus allen Teilen des Landes waren
schlimme Botschaften eingetroffen. In Leipzig, Chemnitz und Bautzen
hätten die Unruhen einen so bedrohlichen Charakter angenommen, daß man
von offenem Aufruhr reden könne. Im Vogtlande gähre es gewaltig. Die
Führer der Demokraten zögen von einem Ort zum andern, wiegelten die
Landbevölkerung auf und machten Anstrengungen, die noch Lauen unter
der Bürgerschaft in die Bewegung hineinzuziehen. Der Zustand sei sehr
ernst, die Stimmung der Regierung wenig zuversichtlich. Wie solle man
einen bewaffneten Aufstand niederwerfen? Jetzt, wo mehr als die Hälfte
der Truppen in Schleswig sei!
Nachdem die Tafel aufgehoben war, zog Oberleutnant Wetzig, sein
Kompagnieführer, Kurt in eine Fensternische.
»Nun, wie war die Wache?« fragte er.
Kurt erzählte seine geringen Erlebnisse.
»Es wird Ernst, Allmer,« sagte der Oberleutnant.
Noch bestürzt von dem eben Gehörten erwiderte Kurt: