ganzen Lebendigkeit in Kurts Erinnerung herauf. Immer wieder gingen
seine Gedanken zu Valentine, wie sie streitbar neben ihm gestanden und
furchtlos gesprochen. Kurt fühlte sich im Bann des Mädchens. Er liebte
die geistige Stärke an der Frau. Ein wenig weibliche Holdseligkeit,
wie sie Ursula in hohem Grade besaß, hätte er Valentine gewünscht. Ihr
Wesen war grundverschieden gegen das ihrer Altersgenossinnen. Wenn Kurt
Valentine aber mit den meisten Töchtern der höheren Stände verglich,
wenn er an deren engen Gesichtskreis dachte, an ihr Läppischtun und an
ihre Saumseligkeit, mit der sie tändelnd die Tage und Jahre hinlebten,
so empfand er deutlich, daß Valentine hoch über allen diesen Mädchen
stand.
Auch der Reden gedachte Kurt noch einmal, die er heute gehört. Waren
denn die politischen Verhältnisse in Wahrheit so schlimm, daß die
Erregung des Volks bis zu dieser bedrohlichen Höhe anwachsen durfte?
Sicherlich hatten die Regierenden hier und anderswo Mißgriffe getan.
Ihr geringes Verständnis für die Wünsche des Landes hatte viel böses
Blut gemacht. Der Drang des Volkes nach freiheitlicheren Staatsformen
wurde von oben herab stark bekämpft. Man glaubte dort, selbst die
maßvollsten Forderungen seien nichts anderes als versteckte Attentate
auf das monarchische Regiment. Alles sei nur darauf gerichtet, das
Bestehende umzustürzen und nach den Ideen einiger zügelloser Schwärmer
von Grund auf neu zu gestalten. Daß die Bewegung, trotzdem man sie
scharf bekämpfte, aber immer weiter um sich griff, und immer mehr
Männer von Bedeutung sich ihr anschlossen, hätte die Regierung doch
stutzig machen müssen! -- So spann der junge Mann seine Gedanken weiter.
Wohl gab es auch Minister, die den Ernst der politischen Lage
erkannten. Aber diese verschwindende Minderzahl erwies sich tatsächlich
als ohnmächtig, die regierenden Kreise zu beeinflussen. Sie unterwarfen
sich entweder gegen ihre Überzeugung dem starken System oder nahmen
ihren Abschied. Es stand in dieser drangvollen Zeit keiner auf, der
die Kraft besessen hätte, wahrhaft Großes zu vollbringen. Die feudalen
Herren draußen im Lande und im Regierungsapparat bangten vor jedem
kleinen Zugeständnis, aus Besorgnis, ihre jahrhundertealten Rechte
geschmälert zu sehen.
Und der König? Kurt kannte den Gerechtigkeitssinn Friedrich Augusts und
wußte, daß er für das Wohl seines sächsischen Volkes ein warmes Herz
hatte. Zudem waren dem jungen Offizier Anhänglichkeit und Liebe zum
Herrscherhaus vererbt und mit seinem Blut unzertrennlich verbunden.
Soweit sich die Geschichte seines Geschlechts verfolgen ließ, hatten
die Allmer im Heeres- und Staatsdienst in guten und bösen Zeiten treu
zum Hause Wettin gestanden. Ihnen nachzueifern war für ihn nicht nur
Bedürfnis, sondern auch Ehrenpflicht! Und Kurt war bereit, für den
König sein Alles ebenso bereitwillig hinzugeben, wie es seine Vorfahren
getan hatten. Der Name Allmer mußte seinen alten guten Klang behalten!
Wie stellten sich nun aber die Führer der großen Bewegung zu der
Person des Königs? Das wußte Kurt freilich nicht. Und er fühlte eine
leise Beklemmung. Wenn sich der Zorn der Unzufriedenen gegen den König
richtete, dann würde er sich von ihnen wenden.
Doch nein! Es war ja heute abend wiederholt ausgesprochen worden, der
Unwille des Volkes gelte allein den Ratgebern des Königs. Man klagte
sie an, daß sie Friedrich August gegen die Kaiserkrönung argwöhnisch
gemacht hätten und ihn in seinem Widerstand bestärkten. Dazu wären sie
ängstlich darauf bedacht, die wirkliche Stimmung im Volke vor ihm zu
verbergen. Den falschen Dienern der Krone also zürnte man, nicht dem
Monarchen.
Das waren Kurt Allmers Betrachtungen über die tiefgehenden Strömungen
dieser bewegten Zeit. Und ebenso arglos urteilten viele Tausend andere,
darunter Männer, die lebenserfahrener waren, als ein junger Offizier.
In Vieler Herzen brannte das ungestillte Sehnen nach einem Frieden,
der die Wünsche des Volkes erfüllte, ohne das Ansehen des Königs zu
schmälern.
Diese Freunde einer gütlichen Schlichtung des endlosen Haders
vermochten aber nicht, in die gährenden Tiefen der Bewegung zu schauen.
Sie hätten sich mit Entsetzen von dem Anblick des aufgehäuften
Zündstoffs gewendet, in den nur ein lichter Funke zu fallen brauchte,
um ihn aufflammen zu lassen.
Als Kurt das Portal der Kaserne erreicht hatte, begegnete er dem ihm
befreundeten Oberleutnant von Schönberg-Pötting, der zur gleichen Zeit
vom Bautzner Platz her mit ihm am Tor eintraf.
»Hallo, Karl,« rief Kurt, »wo bist du heute abend gewesen?«
»Bei meinen Eltern. Und du?«
»Zu einer Familienfestlichkeit bei Advokat Marschall.«
Oberleutnant von Schönberg schwieg dazu. Sie gingen durch das Tor,
nachdem der schließende Unteroffizier geöffnet hatte. Der verschlafene
Posten vor dem Gewehr präsentierte. Nun stiegen die beiden Offiziere
die Treppen hinauf.
Kurt fiel die ungewohnte Schweigsamkeit seines Freundes auf. Plötzlich
sagte er zu dem Oberleutnant:
»Warum bist du heute abend so still?«
Und als Schönberg mit der Antwort zögerte, legte er seinen Arm in den
des Freundes und veranlaßte ihn, auf dem spärlich erleuchteten Korridor
stehenzubleiben.
»Lieber Karl,« sagte Kurt mit leisem Vorwurf, »ich weiß nicht, ob ich
mich irre. Aber ich glaube bemerkt zu haben, daß du in der letzten Zeit
nicht mehr so offen zu mir gewesen bist, wie sonst.«
Der Oberleutnant sah ihn in leichter Verlegenheit an.
»Habe ich, ohne es zu wissen, gegen dich gefehlt?« fragte Kurt, »dann
sag' es mir, damit ich's wieder gutmache. Zwischen Freunden darf keine
Verstimmung herrschen.«
Schönberg machte eine verneinende Gebärde.
»Aber es hat sich dennoch etwas zwischen uns geschlichen,« drang Kurt
in ihn, »das empfinde ich gerade in diesem Augenblick ganz deutlich.«
Schönberg blickte beiseite und wollte ausweichend antworten.
»Nein, Karl,« versetzte Kurt, »so leichten Kaufs entrinnst du mir
nicht. Also sprich offen.«
Der Oberleutnant lächelte gezwungen.
»Karl,« bat Kurt noch einmal, »bitte, sprich!«
»Na, wenn du's willst, meinetwegen ...,« entgegnete Schönberg endlich.
»Lieber Kurt, es geht ja keinen etwas an, was du treibst, aber ... man
redet so allerhand. Man meint, du träfst wohl nicht immer das Richtige
in der Wahl deines ... Verkehrs.«
Kurt schoß das Blut ins Gesicht.
»Das kann sich nur gegen Marschalls richten,« versetzte er gereizt.
»Die Familie ist durchaus ehrenwert, und der Advokat genießt einen
ausgezeichneten Ruf!«
»Das läßt sich nicht leugnen,« erklärte der Oberleutnant. »Aber du
weißt, Kurt, wie vorsichtig gerade wir sein müssen.«
»Hätte ich gefehlt?« warf Kurt ungeduldig ein.
Schönberg hatte den Handschuh abgezogen und betrachtete angelegentlich
seine gepflegten Fingernägel.
»Marschall ist zweifellos ein Ehrenmann,« antwortete er, aufsehend.
»Aber sieh, lieber Kurt, du weißt, wie jetzt alles erregt ist ...«
Und als Kurt nichts erwiderte, setzte er zögernd hinzu:
»Schon den Schein muß man meiden.«
»Karl,« sagte Kurt mit Nachdruck, »glaube mir, die ganze Bewegung ist
nur gegen die Regierung gerichtet, die nun einmal, laß es mich offen
aussprechen, viele Mißgriffe getan hat.«
Der Oberleutnant blickte den Freund erstaunt an.
»Ja, gewiß,« fuhr Kurt fort, »gegen die Regierung, nicht aber gegen den
König.«
Schönberg schien nicht zu begreifen. Er zuckte mit den Achseln, schwieg
aber.
»Sind nicht selbst hochgestellte Männer unter den Demokraten, deren
Wahrhaftigkeit niemand anzuzweifeln wagt?«
Der Oberleutnant nickte.
»Und mißbilligt, wohin man auch hört, nicht jedermann die Zustände?
Räsonnieren nicht selbst wir manchmal?«
Lächelnd bestätigte Schönberg die Wahrheit dieser Worte. Aber er wurde
gleich wieder ernst.
»Kurt,« antwortete er, »was du da sagtest von König und Regierung, er
drüben und sie hüben, -- lieber Kurt, diese Unterscheidung erscheint
mir etwas gekünstelt. Ich denke immer, die beiden bilden eins?«
»Du irrst, Karl,« entgegnete Allmer. »Dem König bleibt viel verborgen.
Wenn er nur wüßte, was das Volk bewegt, dann würde so manches besser
sein.«
Und als der Oberleutnant nichts darauf antwortete, sagte sich Kurt
insgeheim: Das ist einer von den Abseitsstehenden, die die ganze
Bewegung und ihre tiefen Ursachen nicht verstehen.
Er trat nahe an den Freund heran und versetzte:
»Sei überzeugt, Karl, daß ich wachsam bleiben werde. Du kennst mich
doch! Der schlimme Zwist hat seinen Höhepunkt erreicht. Schon die
nächsten Tage müssen eine friedliche Lösung bringen. Denke doch nur
daran, was für vortreffliche Männer an der Spitze der Bewegung stehen.
Aber bis zu dieser Stunde liegt wirklich nicht der geringste Grund vor,
dieses gesellige Haus zu meiden.«
Mit diesen Worten bot er Schönberg die Hand.
»Davon bin ich nun überzeugt, lieber Kurt,« erwiderte dieser und schlug
lebhaft ein. Mit dieser Aussprache war die alte Freundschaft wieder
besiegelt, und die Freunde sagten sich gute Nacht.
Schon ein paar Schritte entfernt, rief der Oberleutnant noch einmal
zurück:
»Du, Kurt, heute habe ich im Vorübergehen Fräulein von Abendroth auf
ein paar Worte über den Gartenzaun gesprochen. Sie sah recht blaß
aus, der alte Kriegsrat scheint ihr viel Sorge zu machen. Übrigens
erkundigte sie sich auch, wie dir's gehe und läßt dich grüßen.«
»Danke, danke,« versetzte Kurt und biß sich auf die Lippe, daß sie
heftig schmerzte. Und als er auf seinen Finger sah, mit dem er die
schmerzende Stelle unwillkürlich berührt hatte, hing ein dicker
Blutstropfen daran.
Kurt hatte in dem Augenblick, wo Schönberg ihm Ursulas Grüße bestellte,
daran gedacht, wie er vor wenigen Stunden Valentinens Hand gepreßt
hatte.
Sechstes Kapitel
Während der nächsten Tage befand sich das ganze sächsische Volk, allen
voran die Einwohnerschaft Dresdens, in einem Taumel. Die Erregung wuchs
ungeheuer, und die Ereignisse drängten zur Entscheidung.
Wer abseits vom Tageslärm aufmerksam gelauscht, der hätte den eisernen
Tritt der schweren Zeit vernommen, mit dem sie über das sächsische
Land hinwegschritt. In diesen Tagen bereitete sich ein bitterernster
Abschnitt der Geschichte des jungen Königreiches vor. Die von Kugeln
durchlöcherten Blätter, worauf Klio mit zitterndem Griffel die
kommenden Geschehnisse niedergeschrieben, tragen Blutspuren, und ihre
Ränder hat das Feuer versehrt.
Am Morgen nach dem Feste bei Marschalls mußte Kurt an einer
Felddienstübung teilnehmen, zu der zwei kriegsstarke Kompagnien auf
den »Heller« rückten. An seiner Stelle beaufsichtigte ein Sergeant das
Rekrutenexerzieren.
Die Übung dehnte sich so lange hin, daß die Truppen erst am späten
Nachmittag wieder in der Kaserne eintrafen. Obgleich Kurt sehr müde
war, kleidete er sich nach dem Essen rasch um und begab sich zu Ursula.
Als er das Abendrothsche Haus erreichte, war es schon dunkel.
Der alte Kriegsrat hatte sich frühzeitig zu Bett gelegt, und Ursula war
allein im Zimmer. Sie saß in dem hohen Lehnstuhl des Großvaters und
blickte gedankenschwer in die Flamme der auf dem Tisch stehenden Kerze.
Bei Kurts unvermutetem Eintritt fuhr Ursula auf. Langsam kam sie ihm
ein paar Schritte entgegen. Plötzlich blieb sie jedoch stehen, und
als Kurt sie umschlang, fühlte er, daß sie heftig zitterte. Diese
Wahrnehmung steigerte seine Befangenheit, die er schon auf dem Wege
verspürt hatte.
Er führte das Mädchen zu dem großen Stuhl zurück und nötigte sie sanft
zum Sitzen. Dann zog er sich einen Sessel heran, und nun plauderten sie
von gleichgültigen Dingen.
»Geht es deinem Großvater nicht gut, Ursula?« fragte Kurt.
»Er fühlt sich nicht schlechter als sonst,« antwortete sie in müdem
Ton. »Aber gerade heute Nachmittag war ihm gar nicht wohl. Deshalb ging
er so früh schlafen.«
»Du bist doch nicht krank, liebe Ursula?« forschte Kurt mit heimlichem
Bangen, »du siehst bleich aus!«
»Nein, nein,« wehrte sie hastig ab, »es ist nichts; ich bin ganz
wohlauf.«
Während sie dies sprach, sah sie auf den Teppich nieder. Kurt
betrachtete aufmerksam Ursulas Gesicht. Es erschien ihm schmal, wie
er es noch nicht beobachtet hatte. Sie mußte leiden. Zärtlich nahm er
ihre Hand und streichelte sie. Ursula tat ein paar tiefe Atemzüge. In
der nächsten Sekunde stand sie auf, als wenn sie ihre innere Bewegung
verbergen müßte, ging zum Tisch und ergriff die eiserne Lichtschere,
die neben dem Leuchter lag.
»Sieh, Kurt,« scherzte sie und machte einen schwachen Versuch, zu
lächeln, »die Lichtschnuppe neigt sich dir zu. Du wirst bald einen
Brief bekommen oder eine Neuigkeit hören.«
So sprechend, putzte sie sorgfältig die Flamme wieder hell.
Kurt hatte sich gleichfalls erhoben und stand nun neben ihr. Beide
schwiegen. Der Schein der Kerze lag voll auf dem bleichen Gesicht des
Mädchens. Kurt sah die herabgesenkten Augenlider, umrandet von langen,
sammetnen Wimpern, und den feingeschnittenen Mund.
Da fiel plötzlich die eiserne Lichtputzschere laut auf den Tisch
nieder, und im nächsten Augenblick warf Ursula schluchzend ihre Arme
um seinen Hals und lehnte sich willenlos an ihn. Von tiefer Bewegung
übermannt, setzte sich Kurt auf einen Stuhl und zog die heftig Weinende
auf seinen Schoß nieder. Ihre Wangen lagen aneinander, und der junge
Mann fühlte Ursulas Tränen auf seinem Gesicht.
Kurt versuchte nicht, diesen jähen Tränenstrom aufzuhalten, dessen
Grund Ursula aller Fassung beraubt hatte. Er drückte die Schluchzende
sanft an sich, flüsterte ihr alle Schmeichelnamen leise ins Ohr, die er
ihr gegeben, und streichelte ihre Wangen. Endlich wurden die schweren
Atemstöße leichter. Das Weinen ließ nach, und das Mädchen wurde
ruhiger. Sie griff nach ihrem Taschentuch und trocknete die Tränen.
»Geliebte,« sagte Kurt in tiefer Bewegung, »ich habe dich betrübt, ich
weiß es. Verzeihe mir.«
Ursula hob den niedergesunkenen Kopf auf und sah ihn mit einem Blick
voll unendlicher Liebe an.
»Kurt,« antwortete sie leise, die Augen noch voll Tränen, »wenn du doch
öfter an mich denken wolltest. Empfindest du nicht, wie schwer ich
darunter leide?«
Dem jungen Mann versagte die Sprache, und es stieg ihm feucht in die
Augen.
»Ich habe dich von ganzem Herzen lieb,« stammelte er.
Ursula atmete tief auf.
»Ich glaubte, du wolltest dich von mir wenden,« kam es fast unhörbar
von ihren Lippen.
Kurt empfand, wie ihn diese leise Klage erschütterte.
»Sei versichert,« erwiderte er mit zuckenden Lippen, »daß ich dich
wahrhaft und innig liebe!«
Mit diesen Worten zog er Ursula an sich, und sie fühlte den lauten
Schlag seines Herzens.
So hielten sie sich eine lange Weile umschlungen. Dann erhob sich das
Mädchen, strich das hereingefallene Haar über die Stirn zurück und
setzte sich von neuem in den Lehnstuhl am Fenster. Ihr Gesicht war noch
bleicher als vorher.
»Ich hörte,« sagte sie endlich zögernd, »du verkehrtest viel in
Kreisen, die der politischen Bewegung nahestehen. Sieh, lieber
Kurt, ich verstehe nichts von all dem, was sich jetzt draußen
abspielt. Dieses kleine Haus ist meine Welt. Der Großvater bedarf der
sorgfältigsten Pflege --«
»Argwöhne nicht, liebe Ursula,« fiel Kurt ihr ins Wort, »daß die
Bewegung im Volke grundlos und etwa auf den Umsturz gerichtet sei. Die
besten Namen sind mit ihr verbunden.«
»Ich weiß es,« versetzte das Mädchen. »Der Großvater sagt zwar immer,
die Leute seien verblendet und wüßten nicht mehr zu unterscheiden
zwischen den nationalen Forderungen, denen auch die der Bewegung
Fernstehenden zustimmten, und den inzwischen heraufgekommenen
staatsfeindlichen Bestrebungen. Er sähe den Dingen auf den Grund, denn
er sei ein alter Mann, dem das Leben die Sinne geschärft habe.«
»Dein Großvater irrt, wenn er etwa meint, daß die Führer das Bestehende
zerstören wollen. Aber in den alten Grundpfeilern des Staatsgefüges
sind viele Steine verwittert. Die sollen durch frische ersetzt werden,
bevor der morsche Bau zusammenbricht.«
Ursula wußte hierauf nichts zu erwidern. Der Geliebte sprach ja
förmlich begeistert; vielleicht hatte der Großvater doch unrecht.
»Sei es, wie es wolle,« versetzte sie fügsam, »nur um das eine bitte
ich dich, lieber Kurt, vergiß mich nicht über diesem allen.«
»Ich werde dir niemals wieder Grund geben, traurig zu sein,« antwortete
er herzlich. Damit war Ursula zufrieden.
Nun unterhielten sie sich noch eine Zeitlang, bis sich Kurt erhob und
Abschied nahm.
»Empfangt ihr denn nicht manchmal Besuch in eurer Abgeschiedenheit?«
fragte er.
»Solange der Großvater sich noch viel Schonung auferlegen muß, bitten
wir niemand zu uns,« antwortete Ursula, »natürlich nehmen wir auch
keine Einladungen an. Nur selten kommt jemand auf einen kurzen Besuch.
Sie wissen nicht, ob sie gern gesehen sind. Witterns sprechen ab und zu
vor und meine Freundin Amalie von Zehmen.«
Beim Klange dieses Namens zuckte es in Kurts Mundwinkeln. Die Zehmen
war eine ältere Jungfrau mit überfreundlichem Getue und einer
gefürchteten Zunge, die schon manches Unheil angerichtet hatte. Er
konnte ihre süßliche Art nicht ausstehen. Aber er schwieg.
Beim Abschiednehmen empfand Kurt noch einmal Ursulas ganze Hingebung.
In unsäglicher Bangigkeit hielt sie ihn umschlungen, erwiderte seine
Küsse innig und bat ihn zögernd noch einmal, sie nicht allzu lange
auf sein Wiederkommen warten zu lassen. Kurt versprach es und nahm
bewegten Herzens und mit einer seltsamen Beklommenheit von Ursula
Abschied -- -- --
Es war ein milder Frühlingsabend, Ausgangs April. Kurt schritt langsam
die Glacisstraße hinunter, um Tante Sidonie noch auf ein Stündchen
zu besuchen. Als er über den Bautzner Platz gegangen war und in die
Königstraße einbiegen wollte, hörte er hinter sich eine bekannte Stimme
rufen:
»Guten Abend, Herr Leutnant!«
Kurt wandte sich rasch um und erkannte Valentine Marschall. Sie trug
einen langen, dunkeln Mantel und hatte den Kopf in ein weißes Tuch
gehüllt.
»Sie sehen ja heute Ihre besten Freunde nicht,« sagte sie lächelnd und
streckte ihm die Hand entgegen.
Kurt war höchlich überrascht. Und er empfand zum erstenmal bei
Valentinens Anblick ein leises Gefühl von Unbehagen. Aber er faßte sich
rasch und murmelte eine Entschuldigung. Valentine wehrte ab.
»Ich bin heute abend zu Lindemans eingeladen,« plauderte sie.
»Begleiten Sie mich dahin, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«
Kurt erklärte sich gern bereit. Er hätte nur die Absicht gehabt, seiner
Tante guten Abend zu sagen. Erwartet würde er nicht. Damit bot er
Valentine den Arm, und nun schlenderten sie um den einsamen Platz.
»Wissen Sie denn auch schon, welch wichtiger Vorgang sich heute in der
Ersten Kammer zugetragen hat?« fragte Valentine lebhaft.
Kurt verneinte. Valentine kenne seine Anteilnahme an den politischen
Zuständen, fügte er hinzu, aber die Tagesereignisse verfolge er nicht.
Dazu sei er dienstlich zu sehr in Anspruch genommen.
»Nun also, dann hören Sie: Präsident Joseph hat heute die von der
Regierung vorgelegte Steuerbewilligung von der Tagesordnung abgesetzt.«
»Und was bedeutet das?« fragte Kurt, der den Sinn dieses Vorgangs nicht
recht begriff.
»Ach, Sie Weltfremder,« lachte Valentine. »Sagen Sie niemandem, daß Sie
mein Schüler gewesen sind. Was dies bedeutet? Der Landtag verweigert
der Regierung den Kredit! Und zu alledem sind die Sitzungen am Montag
zu Ende.«
»Also ist die Regierung nunmehr ohne gesetzmäßige Mittel? Der Landtag
hat ihr den Konflikt angesagt?«
»So ist es,« antwortete Valentine, »und wissen Sie, wie der famose Herr
von Beust diesen Schlag erwidert? In der heutigen Abendausgabe des
›Journals‹ hat er die Auflösung des Landtags bekannt gegeben.«
»O,« entfuhr es Kurt, »das wird wieder böses Blut machen.«
»Dieser Schritt ist eine unglaubliche Unklugheit,« fuhr Valentine
erregt fort. »Wie mein Vater sagte, wird der Landtag darauf bestehen,
daß die Auflösung nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung in den Kammern
selbst und durch ein Königliches Dekret ausgesprochen wird. Die
Regierung soll nur fortfahren, solche Fehler zu machen. Damit reizt sie
das Volk bloß auf und treibt es zur Katastrophe.«
Kurt schwieg. Valentine hatte recht; durch solche Unklugheiten gab die
Regierung ihre Autorität preis.
»Und nun noch eine Neuigkeit: gestern hat der König von Preußen die
Kaiserkrone bestimmt abgelehnt.«
Kurt konnte die peinliche Überraschung nicht verbergen, die ihm
diese Mitteilung bereitete. Zwar hatte er schon bei Marschalls die
Befürchtung aussprechen hören, an der unentschlossenen Haltung der
Fürsten möchte das große Werk der Einigung aller deutschen Stämme
scheitern. Dennoch glaubte man allgemein, daß der König von Preußen dem
Drängen des Volkes nachgeben und die angebotene Krone annehmen würde.
Und nun hatte er sie doch ausgeschlagen!
»Die Ablehnung zu dieser Stunde kommt mehr wie ungelegen,« bemerkte
er, »denn alle Welt wird glauben, daß es nur am Widerstand der Fürsten
liegt, wenn Friedrich Wilhelm sich zur Annahme der Kaiserkrone nicht
bereit erklärt hat.«
»Das ist zweifellos auch der alleinige Grund,« entgegnete Valentine
bestimmt. »Warum sollte Friedrich Wilhelm die ihm vom Reichsparlament
angetragene Würde sonst ablehnen? Weiß er doch, daß die Krönung der
Wunsch aller ist! Das ganze deutsche Volk wird die wahre Ursache der
Ablehnung erkennen und wie einen Schlag ins Gesicht empfinden. Und wer
hat in der Tat die ungeheuerliche Kränkung dem Volke bereitet? Niemand
anders, als die Fürsten mitsamt ihren Regierungen!«
Während dieser Unterhaltung waren sie die Antonstraße hinabgeschritten.
An der Ecke der Querallee blieb Valentine stehen.
»Hier bin ich angelangt,« sagte sie, ihren Arm aus dem ihres Begleiter
ziehend.
Kurt hatte Valentinens Erregung aus ihren Worten deutlich herausgehört.
Er begriff die starke Verstimmung des Mädchens. Aber der Ton, in dem
sie gesprochen, war ein Mißklang, der ihm das nämliche Unbehagen
bereitete, das er schon gestern empfunden, als Valentine die offene
Gewalt als das letzte Mittel bezeichnet hatte. Gewiß schätzte er ihren
starken Charakter! Hier aber fühlte er, daß sie aus Eifer für das
Gelingen des großen nationalen Gedankens die Wahrung ihrer weiblichen
Würde vergaß. Das schmerzte ihn! Und es lag Weichheit und Wärme in
seiner Stimme, als er plötzlich sagte:
»Ich kann es recht wohl begreifen, Fräulein Valentine, wenn Sie jetzt
bitter enttäuscht sind. Denn Sie haben aus natürlicher Neigung und
weil ihre häuslichen Verhältnisse Sie von Jugend auf darin bestärkten,
der nationalen Bewegung viel größeres Interesse gewidmet, als andere
Frauen. Begeisterung für eine edle Sache verrät immer ein empfindsames
Herz. Wenn sich aber ein Weib in dem Maße, wie Sie es getan, in den
politischen Kampf begibt, dann reißt sie der Eifer nur zu leicht über
die Schranken hinweg, die ihr die Natur gezogen hat. Warmes Mitgefühl
für die Sache des Volkes in bewegten Zeiten ziert auch die Frau. Aber
der Mann sieht es doch lieber, wenn sie abseits vom Tageslärm steht und
ihre weibliche Würde sorgfältig wahrt. Würden Sie nicht besser tun, das
offene Eintreten für die Rechte des Volkes den Männern zu überlassen?«
Valentinens Erstaunen war während dieser Worte immer mehr gewachsen.
Eine maßlose Gereiztheit hatte sich ihrer bemächtigt, und die scharfe
Entgegnung lag ihr schon auf der Zunge, mit der sie Kurts Ratschlag
zurückweisen wollte. Da bemerkte sie, wie sein Blick ernst, aber voll
ehrlicher Anteilnahme auf ihr haftete.
Eine kurze Weile ruhten beider Augen fest ineinander. Dann senkte
Valentine den Blick und Kurt sah, wie eine dunkle Röte in ihr Gesicht
schlug. Da trat er im plötzlichen Aufwallen warmen Mitgefühls dicht an
das Mädchen heran und berührte mit den Lippen ihre Stirn.
»Liebe Valentine,« sagte er leise und mit bewegter Stimme, »ich wollte
Ihnen bei Gott nicht weh tun ...«
Valentinens hohe Gestalt überlief ein Zittern. Langsam strich sie mit
der Hand über die Augen und trat einen Schritt zurück.