Die Damen stolzierten in hundertfach gefältelten Röcken einher, die die

Krinoline derart aufbauschte, daß der krampfhaft zusammengeschnürte

Oberkörper daraus hervorstieg wie ein Lilienstengel aus der Tonne.

Der Busen war durch raffinierte Hilfsmittel bis zum Kinn in die Höhe

gezwängt, und der Saum des Rockes betrug fünfzehn Ellen. Andere

Kleider besaßen zwanzig oder mehr Volants, die von den Hüften aus

dachziegelartig überhingen und kunstvoll geglöckelt, ausgezackt oder

plissiert waren. Ein solches Kleid erweckte den Anschein, als ob eine

Anzahl von Tüten ineinander gesteckt sei. Unter dem käfigartigen

Gehäuse der Krinoline, deren weiter Umfang das Führen mancher Dame

schlechthin unmöglich machte, wurde reichlich ein Dutzend Unterkleider

getragen.

Das Haar war in der Mitte glatt gescheitelt, und die Zöpfe bedeckten

Ohren und Nacken. Die Hüte hatten schmale Krempen. Am meisten wurden

aber kokette Hauben mit dicken Rüschen getragen, deren bunte Bänder

unter dem Kinn zu einer Schleife geknüpft waren. Dieser Kopfschmuck

war bei kluger Wahl vortrefflich geeignet, den störenden Anblick

manches häßlichen Antlitzes um ein Erhebliches zu mildern. Das starke

Geschlecht sieht über solche unschuldige Mittelchen der Frauenlist

großmütig hinweg. Kleinliche Männer gibt es nun einmal nicht ...

Besitzen doch nicht selten gerade die mißlungenen Bilder kostbare

Rahmen.

Bei den Männern diente auch die Tragart des Bartes als

Unterscheidungsmerkmal der politischen Gesinnung. Ein Schnurrbart galt

noch als verläßlich; zierlich gestutzt, erhöhte er die Aufmerksamkeit,

die man seinem Besitzer schenkte. Denn diese Form ließ auf Geist

und Lebensart schließen. Wer aber gar glatt rasiert und mit langen,

schmalen Koteletten erschien, gehörte sicherlich zu den geistig

Auserlesenen und konnte einer erheblich über das Tagesmaß hinabgehenden

Beachtung sicher sein.

Bedenklicher stand es mit den Männern in Vollbärten! Das ausrasierte

Kinn, anfänglich Merkmal alter, verabschiedeter Offiziere,

entschuldigte zur Not noch. Aber der Vollbart schlechthin galt als

unsäglicher Verächter aller bestehenden Staatseinrichtungen. Vollbart

-- Demokratenbart. Puh!

Auch sehr hundefreundlich war diese Zeit. Wer einen solchen

Hausgenossen besaß, hegte ihn wie ein Kind. Natürlich führten die

Spaziergänger auf der Herkulesallee ihre vierbeinigen Freunde bei sich.

Der langsam dahinwandelnde, alles Begegnende mit Blicken unsäglicher

Verachtung streifende Bernhardiner verriet die hervorragende

gesellschaftliche Stellung seines Besitzers. Ebenso hohes Ansehen

verschafften hochbeinige, gelbe Windspiele. Spitze bezeugten

Königstreue. Der friedliche Bürger hielt es mit dem Affenpinscher.

Alte Fräuleins bevorzugten weiße Pudel mit langem Behang oder

Malteserhündchen. Wer eine Dogge führte, mußte ein forscher Kerl sein;

Besitzer von Bullenbeißern gehörten aber sicherlich der Opposition an.

Und aus der Hefe des Volks kam zweifellos jeder, wer einen Hund um

sich hatte, der augenscheinlich von mehr als einem Vater stammte, --

Promenadenmischung!

[Illustration: Appell der Barrikadenkämpfer.]

Fünftes Kapitel

In diesen Apriltagen wurde in dem dunkeln Hause in der kleinen

Brüdergasse ein Fest begangen: das Marschallsche Ehepaar war vierzig

Jahre verheiratet.

Im allgemeinen feierte man in der Biedermeierzeit wenig. Die

sprichwörtliche Einfachheit war glänzenden Gastereien abhold. Selbst

die Wohlhabendsten liebten nur prunklose Geselligkeit. Aber die hohen

Familienfeste wurden doch sehr beachtet.

Der Abend dieses Tages sah bei Marschalls eine größere Anzahl von

Freunden und Gevattern vereinigt. Auch Kurt Allmer befand sich unter

den Eingeladenen.

Das innerliche Zerwürfnis des jungen Offiziers war im Laufe des Winters

immer mehr gewachsen. Seine Besuche im Hause des alten Kriegsrats

hatte er freilich mit peinlicher Regelmäßigkeit innegehalten. Kurt

empfand, daß sein Herz noch ebenso laut für Ursula schlug, als beim

Erwachen seiner Liebe zu ihr. Dennoch waren seine Versuche vergebens

gewesen, sich von dem Einfluß zu befreien, den Valentine Marschall auf

ihn ausübte. Sein Verhältnis zu ihr war im Gegenteil immer vertrauter

geworden.

Diese Unschlüssigkeit bedrückte ihn zuweilen recht schwer. Hier

erfüllten ihn der glänzende Geist und die ruhige Sicherheit eines

jungen Weibes immer wieder von neuem mit Bewunderung, -- dort sah

er, abgeschieden von jeder Geselligkeit, ein stilles Mädchen von

unerschöpflicher Herzensgüte und mit allen sonstigen Eigenschaften

eines wahrhaft edlen Frauengemüts.

So war Kurt Allmer zum Zweifler und Träumer geworden.

Die großen Stuben der Marschallschen Wohnung waren mit Gästen gefüllt,

unter denen sich Valentine mit natürlicher Ungezwungenheit bewegte.

Ihre reife Gestalt umschloß ein schmuckloses, weißes Kleid, und das zu

einem einfachen Knoten geknüpfte, üppige Haar erhöhte die Wirkung ihres

ausdrucksvollen Kopfes. Kurt saß abseits in einer Ecke des Zimmers

und beobachtete, wie Valentine von einer Gruppe zur andern ging. Wenn

sie mit den Gästen sprach, wußte er, daß sie mit Sicherheit für jeden

die richtigen Worte fand. Valentine würde nach seiner Überzeugung in

einer großen und glänzenden Gesellschaft wahrhafte Triumphe feiern. Für

diesen schlichten bürgerlichen Kreis aber erschien sie ihm zu vornehm.

Endlich stand Kurt auf und mischte sich unter die Gäste.

Die Ausstattung der Marschallschen Wohnung war wie in allen

bürgerlichen Häusern recht einfach. Die meisten Stuben waren blau

oder weiß getüncht. Nur die Wände der beiden besten Zimmer waren seit

kurzem mit großblumigen Papiertapeten beklebt, deren Muster -- nach

dem Urteil der heutigen Zeit -- greuliche Geschmacklosigkeit verrieten.

Übrigens galt Tapete als unerhörter Luxus. In der guten Stube war sogar

eine kornblumenblaue Rosette inmitten einer knallroten Rosenranke in

die Mitte der weißen Decke gemalt. Diese ungewöhnliche Verschönerung

wurde allseitig beachtet.

Die Möbel bestanden aus Kirschbaumholz. Nur ein kleiner Schreibtisch

war von Mahagoni. Auf ihm ruhten viele neidische Blicke.

An den Wänden hingen gute Kupferstiche in einfachen, schwarzen Rahmen

und einige tollgemalte Ölbilder. In der guten Stube standen auf

Wandbrettern nickende Chinesen und sonstige Porzellanfiguren, daneben

Tassen, die rührende Inschriften besaßen. Ein kleiner Tisch trug das

übliche Potpourri: eine große Vase, gefüllt mit Rosenblättern und süß

duftendem Lavendel. Auch ein umfangreicher Glasschrank war vorhanden.

Diese Servante barg zierliche, gläserne Figuren, schöne Tassen,

silberne Leuchter -- der Familienschatz! -- und die Patengeschenke.

Jetzt betrat Kurt das hinterste Zimmer, in dessen Mitte ein runder,

einbeiniger Tisch stand. Auf ihm waren Berge von Butterschnitten

aufgehäuft; dazwischen befanden sich Teller mit kaltem Aufschnitt. Ein

paar Damen halfen der Hausfrau, die Herrlichkeiten so zu ordnen, daß

sie schon durch das Auge den Gaumen reizten.

»Meine liebe, gute Marschall,« hörte Kurt eine steinalte Dame sagen,

»ich sehe, daß Sie heute recht leichtsinnig gewesen sind. So viel

aufzutragen! Hier ist Wurst und da ist Wurst, drüben Käse und hüben

Schinken, ja, in der Mitte sogar kalter Braten und -- Russischer

Salat ... O, o! meine Liebe! Na, für heute sei Ihnen Nachsicht

gewährt. Man ist nicht alle Tage vierzig Jahre verheiratet. Aber an

unsern gewöhnlichen Gastabenden bleibt es bei drei Zulagen und an den

Familienfesttagen bei vier. Jede Schüssel darüber kommt unweigerlich

unter den Tisch. Mit unserer guten, alten Sitte wollen wir nicht

brechen!«

Zur Bekräftigung dieser Worte sah sich die greise Sprecherin nach allen

Seiten bedeutungsvoll um. Und die alten und jungen Frauen nickten ihr

ernsthaft zu, und es bestand unter allen Übereinstimmung.

Der eiserne Druck, der bis zu den Freiheitskriegen auf Sachsen gelegen,

hatte seine wirtschaftlichen Verhältnisse ärger zerrüttet, als die des

übrigen Deutschlands. Überall befleißigte man sich großer Sparsamkeit.

Die Mittel der Hausfrauen zum Wirtschaften waren außerordentlich

gering. Und doch mußten sie auskommen! Sie knapsten, wo sie konnten,

und die Tüchtigen unter ihnen verstanden es sogar, im Laufe des Monats

noch einige Schwenzelpfennige gut zu machen, wofür sie die Ihrigen

an Geburtstagen beschenkten. Das Essen war damals in ganz Sachsen

schlecht. Der Dresdner aber galt als der geistigste Esser. --

Da wurde Kurt plötzlich von hinten angesprochen. Es war die im Hause

lebende Schwester von Frau Marschall, ein kleines, rundliches Fräulein,

das von jedermann Friedchen genannt wurde. Friedchen plauderte viel,

lachte gern und war überaus harmlos. Feinde hatte sie nicht. Nur gab es

etliche, die behaupteten, Friedchens Gedankenspeicher müsse ganz und

gar verbaut sein. Mehr sagten diese Spötter nicht.

»Sie scheinen sich zu langweilen, Herr Leutnant,« versetzte Friedchen

vorwurfsvoll. »Finden Sie nicht, daß himmelblaue Schleifen Bürzelchen

besser stehen als rosenrote?«

Kurt nickte zustimmend. Bürzelchen war der wie ein Kind auf ihrem Arm

ruhende, sehr häßliche Zwergmops mit doppelt gespaltener Nase und

Friedchens unzertrennlicher Begleiter.

»Kommen Sie doch in die gute Stube zu uns jungen Leuten,« sagte das

fünfzigjährige Mädchen. »Wir spielen Blindekuh und Kämmerchenvermieten.

Ach, wie reizend wäre es, wenn Sie sich einmal auf den Mokierstuhl

setzten!«

Kurt mußte lächeln und wollte irgend etwas Nichtssagendes erwidern.

Aber Friedchen kam ihm zuvor. Das war überhaupt ihre Stärke, daß sie

sich stundenlang mit jemand unterhalten konnte, ohne daß der andere

einmal zum Wort kam.

»Nein, Herr Leutnant,« rief sie begeistert, »was ich jetzt lese! Dieser

göttliche Fouqué! Seine Romane übertreffen an Natürlichkeit selbst das

Leben. O Gott, wie entzückend er doch schreibt! Wie ästhetisch, nein,

wie gefühlvoll!«

Dazu warf sie einen schmachtenden Blick zur Decke und drückte den Mops

fest an sich. Kurt mußte sich das Lachen verbeißen.

»Gestern habe ich mir wieder vier seiner Bücher aus der Leihbibliothek

geholt,« fuhr sie fort, »und die letzte Nacht durchgewacht und im Bett

gelesen. Gerade als die Kerze niedergebrannt war, hatten sie sich.

Nein, wie wundervoll!«

Da trat Valentine heran.

»Tante,« sagte sie, »du sollst jetzt Blindekuh sein, alle wünschen es.«

Damit drängte sie das dicke Fräulein mit dem schläfrig dreinblickenden

Mops sanft fort.

»Ich gehe ja schon,« sagte Friedchen eilfertig. »Aber Herr Leutnant,

bevor Sie uns heute verlassen, müssen Sie sich noch in mein Stammbuch

einschreiben.«

Kurt versprach es.

»Warum so einsam?« fragte Valentine, als sie allein waren. »Wollen Sie

nicht mit nach den vorderen Stuben kommen?«

Kurt sah eine Sekunde lang in die schönen, grauen Augen des Mädchens,

deren Blick ruhig auf ihn gerichtet war.

»Am liebsten möchte ich, wir beide wären allein, Fräulein Valentine,«

sagte er leise.

Valentine stand unbeweglich. Der warme Ton seiner Worte hatte sie

getroffen. Kurt fühlte es. Aber er konnte nicht erraten, welche

Gedanken das Mädchen erfüllten. Da griff er heimlich nach ihrer Hand.

Ein heißer Strom drang ihm zum Herzen, als er merkte, wie ihm die Hand

nicht entzogen ward.

»Valentine,« flüsterte er.

Ein weicher Zug trat in das herbe Gesicht des Mädchens. Aber sie blieb

stumm. Nur ihre glänzenden Augen schienen größer zu werden.

»Valentine,« wiederholte Kurt, und es war ihm, als wenn sie seinen

Händedruck fast unmerklich erwidert hätte.

Da erwachte Valentine wie aus einem Traum. Sie fühlte, daß sie nahe

daran gewesen war, ihre Umgebung und sich selbst zu vergessen. Sanft

entzog sie dem jungen Mann ihre Hand, richtete sich hoch auf und sprach

in ihrer kühlen Weise:

»Wir wollen zu den Herren gehen, Herr Leutnant. Dort werden Sie besser

aufgehoben sein, als bei den Spielenden.«

Dieser Ton rief Kurt wieder zu sich. Valentine bemerkte, wie er

errötete, und blickte zur Seite.

»Kommen Sie, Herr Leutnant,« sagte sie noch einmal.

Da ging er an ihrer Seite aus der Stube, und sie führte ihn in das

Herrenzimmer.

Hier war der lange Tisch voll besetzt, und die angeregte Unterhaltung

drehte sich wie immer um die Politik. Die Luft war mit Rauch angefüllt,

daß alle Anwesenden wie in Nebel getaucht erschienen.

Kurt setzte sich auf den Stuhl, der für ihn herangeschoben wurde, und

hörte schweigend auf das Gespräch. Valentine hatte sich neben ihn

gesetzt.

»Befehlen der Herr Leutnant?« hörte er neben sich eine leise Stimme.

Und wie er aufsah, stand der Korporal Mißbach mit einem gefüllten

Bierglas da und stellte es vor ihn auf den Tisch.

Immer wieder dieser Mißbach, dachte Kurt. Es war ihm immer unangenehm

gewesen, wenn er den Korporal bei Marschalls gesehen hatte. Er kannte

zwar Mißbachs Verhältnis zum Hause und schätzte ihn wegen seiner

Brauchbarkeit im Dienst. Aber das wiederholte Zusammentreffen mit dem

Korporal in der Marschallschen Familie bereitete ihm Unbehagen. Dieses

Gefühl hatte er gleich am ersten Abend gespürt, als er hörte, wie

Valentine den Korporal duzte.

Valentine richtete leise eine Frage an Mißbach. Kurt sah, wie sich

dieser täppisch-vertraulich zu dem Mädchen niederbeugte und ebenso

leise erwiderte:

»Deine Mutter ist bei den Damen in der hintern Stube.«

Darauf nickte Valentine befriedigt, und der Korporal entfernte sich,

mit seinen großen, knarrenden Stiefeln so vorsichtig auftretend, wie er

es vermochte.

Mißbach nennt das Fräulein ebenfalls Du? dachte Kurt. Da empfand er

einen bitteren Geschmack auf der Zunge und sah geflissentlich an

Valentine vorbei nach dem Sprechenden hin.

»Ich will ja zugeben,« rief Musikdirektor Röckel, »daß das

Märzministerium einen schweren Stand hatte. Aber Pforten und Oberländer

hätten die Sache nicht so schnell hinwerfen dürfen. Das waren doch

Kerle! Und was haben wir an ihrer Statt bekommen? Dieser Beust! Den

hätten sie auf seinem Gesandtenposten in London ruhig lassen sollen.

Und Rabenhorst? -- Rabenhorst ist ein Vertreter der schärfsten Reaktion

und hält immer die Hand erhoben, mit der er die Bajonette, wenn's gilt,

heranwinken wird.«

Kurt empfand bei diesen Worten Unbehagen. Der Angegriffene war seit

kurzem Kriegsminister.

»Gemach,« versetzte Hofbaumeister Semper, »es muß am Ende doch gehen,

wie das Volk will. Um seinetwillen ist die Regierung da, nicht

umgekehrt.«

»So ist es richtig,« warf Advokat Minkwitz ein. »Wenn's anders wär',

wozu hätten wir dann die konstitutionelle Verfassung?«

»Was fragen die Regierenden lange nach den verfassungsmäßigen Rechten

des Volks,« rief Röckel mit heiserer Stimme und lachte spöttisch dazu.

»Die Fäden der Politik sind durcheinander geworfen, sage ich, und

dieser Knoten läßt sich nicht wieder auffitzen. Wir müssen ihn eben

zerhauen!« Dazu schlug er mit der Faust auf den Tisch.

Von mehreren Seiten wurde diesen Worten zugestimmt.

»Nicht unüberlegt handeln, Freunde,« sagte der Hausherr mit Mäßigung.

Denn Advokat Marschall, das wußte Kurt, war ein Feind jedes

ungesetzlichen Mittels, die Forderungen der Demokratie durchzusetzen.

»Der Beschluß des Reichsparlaments,« fuhr Marschall in seiner ruhigen

Weise fort, »den König von Preußen zum Deutschen Kaiser zu krönen,

bildet, wie ihr wißt, den Hauptteil unseres Programms. Warten wir erst

ruhig ab, ob die Fürsten sich untereinander einigen werden. Es muß

ihnen schließlich doch selbst daran gelegen sein, ihre Länder unter dem

Schutz eines machtvollen deutschen Kaisertums zu regieren!«

Die Gemäßigten stimmten lebhaft bei.

»Nein!« rief Röckel wütend, »die deutschen Fürsten neiden dem vierten

Friedrich Wilhelm die Würde und spinnen heimlich Intrigen gegen das

Parlament. Spricht man nicht schon davon, daß sie es mit bewaffneter

Hand sprengen wollen?«

»Unsinn!« warf Professor Richter ein, der Chefarzt des Klinikums.

»Doch, so ist es!« schrien mehrere Stimmen durcheinander.

»Am Ende besitzen wir doch kein Recht dazu, den Fürsten eine

Entschließung aufzudrängen,« sagte Advokat Marschall.

Da sprang Hofbaumeister Semper erregt in die Höhe und beugte sich weit

über den Tisch.

»Keine Berechtigung, sagst du? Die Menschheit darf ihre

unveräußerlichen Güter fordern, wenn die Machthaber sie ihnen

vorenthalten. Alle Völker ringsum haben sich ihre Einheit errungen,

wir allein sind noch elend zersplittert. Ohne festen Zusammenschluß

um einen kraftvollen, alle Fürsten überragenden Kaiser kommen wir

Deutschen nun einmal nicht vorwärts! Jahrhundertelang haben unsere

Stammesbrüder gegen sich gekämpft und den Spott des Auslandes auf sich

gezogen. Jetzt ist das Wunderbare geschehen, daß das ganze deutsche

Volk sich eint und wieder einen Kaiser haben will, einen Kaiser, der

die Zügel der Regierung in starke Hände nimmt und uns endlich aufwärts

führt. Und da treten uns die Fürsten entgegen,« -- hier schlug die

Stimme des Sprechenden vor Ergriffenheit um -- »da kommen die Fürsten

und sagen: Nein, wir wollen nicht, wir wollen selbständig bleiben, weil

ein Kaiser unserer Macht Abbruch tut ...«

Hofbaumeister Semper konnte nicht weitersprechen. Seine Augen waren mit

Tränen gefüllt. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte er sich nieder.

Ebenso wie Advokat Marschall, galt Professor Richter als Vertreter der

gemäßigten Partei unter den Demokraten. Deshalb machte es auf die

Zuhörer Eindruck, als er jetzt mit tiefem Ernst sagte:

»Semper spricht wahr! Das Volk hat ein Recht darauf, seine Einheit

zu fordern, und die Fürsten dürfen sich seinen Wünschen nicht

entgegenstellen. Das wäre Verrat am großen deutschen Vaterland! Das

Wohl des Volkes steht über den Wünschen der Herrschenden, ihren

Dynastien Fortdauer und Machtstellung zu sichern. Doch vermag ich nicht

daran zu glauben, daß sich die Fürsten der Kaiserwahl widersetzen

sollten. Denn solange der _Kaiser_thron auf sicheren Füßen steht,

wanken auch die kleinen Thronstühle nicht.«

Professor Richter hielt im Sprechen inne und sah sich nach allen Seiten

bedeutungsvoll um. Dann fuhr er fort:

»Der Widerstand liegt aber weniger bei den Fürsten, als vielmehr bei

ihren Beratern, deren Familien seit Jahrhunderten am Staatsruder

sitzen. Das ist noch ein böses Erbstück aus der schwärzesten Zeit des

Mittelalters, daß fast ausnahmslos der Adel die höchsten Ämter im

Staate einnimmt, obwohl ihn das Bürgertum auf dem Gebiete des Geistes

und der erfolgreichen Arbeit schon längst überflügelt hat.«

Diese ruhig gesprochenen Worte fanden großen Beifall; am lautesten

stimmte Advokat Lindeman zu.

»Wir müssen von unserer Regierung verlangen,« versetzte er, »daß sie

den König nicht beeinflußt, sich der Kaiserkrönung zu widersetzen.«

Röckel, der Hitzkopf, war des gemäßigten Tons dieser Unterhaltung schon

längst überdrüssig. Er sprang auf und schrie:

»Verlangen, Lindeman? Das wäre umsonst! Zwingen müssen wir sie!

Die Geschichte beweist, daß sich das Gelingen immer nur auf die

Seite derer gestellt hat, die in ernsten Zeiten für ihre Sache keine

Waschfrauenreden hielten, sondern rücksichtslos handelten. Nun, die

Zeiten sind ernst! Und an uns liegt es, ob sie später einmal groß

genannt werden sollen!«

Noch hatte sich Röckel trotz seiner hohen Erregung gescheut, mit dürren

Worten auszusprechen, was er mit diesem »rücksichtslos handeln« meinte.

Doch verstand ihn jeder.

Aber auch Hofbaumeister Semper war des Spielens mit Worten müde.

»Zwingen, sagt Röckel,« versetzte er, das aufgegriffene Wort

bedeutungsvoll wiederholend, »und womit wollen wir die Minister

zwingen, wenn alle Petitionen und mündlichen Vorstellungen umsonst

sind?«

»Mit den äußersten Mitteln!« schrie der Musikdirektor.

Semper war noch immer nicht zufrieden. Das Wort, auf das es ankam, das

einzige Wort, das auszusprechen sich jeder scheute, obwohl es allen auf

der Zunge lag, dieses Wort mußte fallen. Auf den Straßen hörte man es

schon. Aber in diesem Kreis von Männern, die Ansehen besaßen, und deren

Ehrenhaftigkeit niemand anzuzweifeln wagte, unter ihnen mußte es gesagt

werden. Dann erst würde den Machthabern der Ernst der Stunde aufgehen.

»Und was wäre dieses Mittel?« fragte Semper beharrlich.

Lautlose Stille herrschte. Wenn man _hier_ die letzte Zuflucht

besprach, die dem Volke blieb, -- das empfand jeder der Anwesenden --,

dann würde sich die Kunde davon rasch verbreiten, und die Regierenden

würden sagen: Die Bürger Dresdens machen Gemeinschaft mit den

Demokraten aus der Hefe der Gesellschaft.

Noch wartete der Hofbaumeister auf die Antwort, als vom unteren

Ende des Tisches eine Frauenstimme klar und ruhig in das Schweigen

hineintönte:

»Das Schwert!«

Da war das Wort gefallen, das die Männer auszusprechen sich gescheut

hatten! Aus dem Munde eines Mädchens war es gekommen. Der Bann war

gebrochen. Alle fuhren auf und sahen nach der Tür. Dort stand bleich

und mit weit geöffneten Augen Valentine Marschall. Nur die zitternden

Nasenflügel verrieten die hohe Erregung, die das ruhig erscheinende

Mädchen erfüllte.

»Valentine! Kind!« rief Advokat Marschall. Aber seine Stimme ging

in dem Lärm unter, der jetzt anhob. Von allen Seiten wurde laut

zugestimmt, und das Wort wurde immer von neuem wiederholt. Ein paar

Heißsporne sprangen auf und riefen stürmisch durcheinander. Selbst die

Gemäßigten hielten nicht mehr zurück, sondern bezeichneten die Lage als

ernst genug, daß man vor keinem Mittel zurückschrecken dürfe, das zur

Erfüllung des Volkswillens diene.

Den letzten Teil der Unterhaltung hatte auch Frau Marschall mit

angehört, die unbemerkt in die offene Tür getreten war. Sie war eine

Frau mit nüchternem Verstand und ließ sich von aufwallenden Gefühlen

nicht so leicht fortreißen. Als sich der Lärm gelegt hatte, sagte sie

in trockenem Tone:

»Kinder, gebärdet euch nicht so wild. Wartet erst einmal ab, ob der

preußische König überhaupt Kaiser werden will.«

Diese Worte dämpften die Erregung augenblicklich. Es lag Klugheit

darin. Natürlich mußte sich Friedrich Wilhelm erst entscheiden.

Vorderhand war der Zeitpunkt noch nicht gekommen, das Äußerste

anzuwenden.

»Aber es muß Klarheit darüber bestehen, was wir zu tun haben, wenn uns

nur noch die letzte Notwendigkeit bleibt,« rief Röckel hitzig, dem es

nicht gefiel, daß sich die Erregung so rasch gelegt hatte.

Das Gespräch wurde nun in ruhigerem Ton geführt, wenn auch der tiefe

Eindruck nicht verflüchtete, den die erregte Szene auf alle gemacht

hatte.

Auch Advokat Marschall stand unter dieser Wirkung.

»Wir wissen jetzt,« sagte er, »was unsere Pflicht ist, wenn alle

gesetzmäßigen Mittel fruchtlos sind. Erreichen müssen wir unser Ziel!

Warten wir ab, welchen Weg uns die Regierung weist.«

Am tiefsten hatte die spannende Unterhaltung vielleicht auf Kurt

gewirkt. Er hatte den klaren Eindruck gewonnen, daß in diesem Kreise

die Würfel gefallen waren. Wohl gab es unter den Anwesenden Hitzköpfe,

die zu Unüberlegtheiten neigten. Aber die meisten kannte er als ruhige

und gewissenhafte Männer. Das hatte Bedeutung, wenn sich Bürger, wie

die hier versammelten, für die Anwendung von Gewalt erklärten. Dann

mußte die Not des Volkes wirklich aufs Höchste gestiegen sein!

Auch daran dachte Kurt, daß die Erregung in beiden Kammern des Landtags

von Tag zu Tag wuchs.

Die Verhandlungen blieben stecken, trotz manchen vortrefflichen Wortes,

das dort gesprochen wurde.

Freilich saß in der Volksvertretung auch eine beträchtliche Anzahl

von Männern, die die Verhandlungen verwirrten oder mit Absicht

erschwerten: ehrliche Phantasten, Thronstürzer und hohle Köpfe. Hatte

nicht erst jüngst der Abgeordnete Bell die Worte in die Versammlung

geschleudert: Ich kenne die Absichten der Regierung nicht, aber ich

mißbillige sie! Das hatte die Besonnenen sehr aufgebracht; sie wußten,

wie solche Reden der guten Sache schadeten und das Parlament vor aller

Welt lächerlich machten.

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 4 / 18 段