hinab. Endlich hatten sie das untere Ende erreicht. Hier stand nahe dem
Elbufer in einem Garten ein einstöckiges Haus, dessen schwärzliches
Ziegeldach sein hohes Alter bezeugte. In diesem Hause wohnte der
pensionierte Königlich Sächsische Kriegsrat Christoph von Abendroth mit
seiner Enkelin Ursula.
Als Kurt hinter der Tante die zum Eingang führenden wenigen Stufen
hinaufschritt, fühlte er eine leise Beklemmung, die aber wieder von
ihm wich, als sie im Flur den weißhaarigen, betagten Kriegsrat sahen,
der sie mit lauter Freude begrüßte. Während Tante Sidonie den alten
Herrn mit einer Frage absichtlich eine Weile zurückhielt, betrat der
junge Offizier eine der auf den Flur mündenden Stuben.
An dem großen, runden Tisch inmitten des Zimmers saß in einem
schlichten, schwarzen Hauskleid ein junges Mädchen, in das Lesen
eines Buches versunken. Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie
auf. Vor freudiger Überraschung errötend, erhob sie sich und ging
dem Eintretenden entgegen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt und
lieblicher Schönheit. Ihre feinen Züge trugen einen vornehmen Ausdruck,
verbunden mit scheuer Zurückhaltung. Ursula von Abendroth galt als eins
der schönsten Mädchen der Dresdner Gesellschaft.
Kurt näherte sich ihr rasch und küßte sie auf Stirn und Mund. In
leichter Verwirrung schloß sie flüchtig die Augen und erwiderte die
Liebkosung mit mädchenhafter Befangenheit.
»Verzeih', Ursula,« sagte Kurt schmeichelnd, »daß ich diesmal länger
als sonst fern blieb.«
Es drängte ihn, das zu sagen, denn bei Ursulas Anblick fühlte er seine
Schuld deutlicher als bisher. Doch wagte er nicht, Gründe für sein
Ausbleiben anzuführen.
Das Mädchen hatte inzwischen ihre Befangenheit bekämpft und lud ihn zum
Sitzen ein.
»Wie ist dir's ergangen, Kurt?« fragte sie, ohne auf seine Worte
einzugehen.
»Gut, liebe Ursula. Und dir?«
»Danke, mir auch. Großvater ist immer kränklich gewesen und bedurfte
sorgsamer Pflege. Nun wo der Winter kommt, zwickt ihn auch sein altes
Podagra wieder in den Füßen. Du weißt ja ...«
Kurt nickte bedauernd.
»Ich habe ihm einen dicken, wollenen Fußsack gestrickt, den er bis über
die Knie heraufziehen kann. Damit sitzt er tagsüber viel im Lehnstuhl
und liest eifrig die Zeitungen. Du kennst seine Vorliebe für Politik.
So gutmütig er sonst ist, wird er beim Lesen zuweilen doch recht
unmutig und schilt auf alle, die die Unzufriedenheit im Lande schüren.«
Kurt sah zur Seite. Dem Gespräch rasch eine andere Wendung gebend,
versetzte er:
»Denk' mal, liebe Ursula, vor einigen Tagen sagte mir der Oberst, er
beabsichtige, mich im kommenden Jahr zum Adjutanten zu machen.«
Das Mädchen sah in freudiger Bewegung auf.
»Ach, wie freue ich mich über diese Nachricht,« antwortete sie mit
strahlenden Augen. »Viel Glück dazu, Kurt,« und hielt ihm ihre schöne,
weiße Hand hin.
Kurt lächelte befriedigt.
»Wenn es gut geht, mache ich das Bataillonsexerzieren im nächsten
Sommer schon zu Pferde mit. Die Adjutantur ist ja stets mein
sehnlichster Wunsch gewesen. Natürlich reite ich nun auch immer, wenn
sich Gelegenheit hierzu bietet. Ich habe schon mit allen berittenen
Herren des Regiments gesprochen. Wer von ihnen einmal verhindert ist,
sein Pferd zu bewegen, überläßt es an diesem Tage mir.«
»Das ist wirklich eine gelungene Überraschung und auch für mich eine
große Freude,« versetzte Ursula.
Während sie so plauderten, kamen Tante Sidonie und Herr von Abendroth
herein. Ursula ging dem alten Fräulein entgegen und ergriff mit einem
Willkommengruß die dargebotene Hand. Ihre bescheidene Haltung, mit der
sie Ältere begrüßte, zeugte für die vortreffliche Erziehung des jungen
Mädchens.
»Meine liebe, kleine Pflegerin,« sagte der Kriegsrat scherzend zu Tante
Sidonie, indem er den Arm um Ursula legte. »Sie vergißt sich selbst
noch ganz vor Eifer, den sie an mich wendet, anstatt an ihre Jugend zu
denken.«
»Aber Großvater!« rief Ursula, verlegen lächelnd und mit leisem Vorwurf.
Tante Sidonie strich mit der Hand liebevoll über die Wange des jungen
Mädchens.
»Kindchen,« sagte sie eindringlich, ihre gewohnte Förmlichkeit für
einen Augenblick vergessend, »Ihre Wangen sind wahrhaftig ein wenig
blaß. Denken Sie auch an sich und gehen Sie öfters ins Freie.«
Ursula schlug eine dunkle Röte ins Gesicht.
»Ich bin ja täglich im Garten,« entgegnete sie.
»Wie wär's, Herr von Abendroth,« wandte sich Tante Sidonie an den
Kriegsrat, »wenn wir jetzt alle zusammen einen Spaziergang elbaufwärts
nach Linkens Bad machten? Die Sonne scheint gerade so warm. Können Sie
bis dorthin gehen?«
Die jungen Leute waren von diesem Vorschlag freudig überrascht. Kurt
sah mit einem warmen Blick auf Tante Sidonie. Er wußte, daß sie gewohnt
war, ihr tägliches Arbeitspensum peinlich inne zu halten. Aus diesem
Grunde würde sie die auf den Spaziergang verwendete Zeit beim Schein
der Kerze nachholen.
Der alte Herr stimmte dem Vorschlag erfreut zu.
»Ich fühle mich heute so wohl,« versetzte er schmunzelnd, »daß ich's
recht gut wagen kann. Wir haben lange genug das Zimmer gehütet.«
»Sei nicht unvorsichtig, Großvater,« mahnte Ursula.
»Nein, nein, kleines Hausmütterchen,« antwortete er mit jugendlichem
Feuer, »heute wollen wir den schönen Herbsttag genießen.«
Damit klingelte er und bestellte den warmen Flauschrock.
Ursula versuchte zwar noch einmal, den Großvater zum Bleiben zu
bestimmen. Aber der alte Herr ließ keine Einwendungen gelten. Und so
schlenderten sie nach kurzer Zeit am Ufer der Elbe entlang. Tante
Sidonie hielt sich immer neben dem Kriegsrat, während die jungen Leute
ein Stück vorauf waren.
»Lassen Sie uns hübsch langsam gehen, Herr von Abendroth,« meinte sie
mit Vorbedacht, »damit Ihnen der Spaziergang auch gut bekommt.«
Und als sie bemerkte, wie sich der Abstand bis zu dem jungen Paar trotz
alledem nur wenig vergrößerte, blieb sie plötzlich stehen und sagte,
sich umwendend:
»Finden Sie nicht, daß heute ein ungewöhnlich klarer Tag ist? Sehen Sie
doch bloß, man kann auf der Brühlschen Terrasse die Spaziergänger ganz
deutlich erkennen.«
Mit dieser kleinen List hatte sie den Redefluß des alten Herrn in das
richtige Fahrwasser gelenkt, denn der Kriegsrat studierte, seitdem
er pensioniert war, mit großer Vorliebe die Wissenschaft von den
atmosphärischen Erscheinungen. Voll Eifer erklärte er ihr den Grund,
warum jetzt eine längere Reihe von schönen Tagen gewesen sei und daß
nach den Anzeigen in der Natur das heitere Wetter noch einige Zeit
anhalten würde. Tante Sidonie hörte eine Weile aufmerksam zu, dabei
aber in einem fort über die Schulter zurückspähend. Plötzlich versetzte
sie:
»Kommen Sie, Herr von Abendroth, wir wollen jetzt weitergehen, damit
Sie keine kalten Füße kriegen.«
»Gnädiges Fräulein sind so gütig um mich besorgt,« sagte der alte Herr
erfreut, während Tante Sidonie mit Befriedigung wahrnahm, daß die
jungen Leute nunmehr einen tüchtigen Vorsprung gewonnen hatten.
Viertes Kapitel
Die Winterstürme waren ins Land gebraust. Der Vorplatz des Café réale
auf der Brühlschen Terrasse -- wo in der schönen Jahreszeit vom
frühen Morgen an durchreisende Fremde und wohlhabende einheimische
Bürger an kleinen runden Tischen saßen und aus den zwiebelgemusterten
Tassen von Meißner Porzellan ihren Kaffee tranken -- war verödet.
Die Besucher hatten sich in die geheizten Räume dieser beliebten
Stätte geselliger Zusammenkunft zurückgezogen und sahen durch die
angelaufenen, hohen Fensterscheiben hinaus in das Schneetreiben. Mit
innigem Behagen beobachteten sie bei einer Tasse heißen Kaffees, wie
der scharfe Nordost in die dicht herabschwebenden Flocken blies, daß
sie durcheinanderwirbelten.
Der langgestreckte, niedrige Pontonschuppen hinter der Stallwiese
drüben über der Elbe trug ein dickes Schneedach, und das alte Hospital
ragte einsam über die entlaubten Bäume seines großen Gartens hinweg.
Auf der Elbe war Eisgang. Langsam schwammen die beschneiten Schollen
talwärts, nachdem sich die größten an den starken Pfeilern der
Augustusbrücke zersplittert hatten. Sorgsam in ihre Mäntel vermummt,
hasteten die Fußgänger über die Brücke, und die Kutscher der Omnibusse
und Droschken trieben die Pferde zur Eile an und wehrten sich, so gut
sie konnten, gegen den schneidenden Wind, der pfeifend in die großen
Kragen ihrer Umhänge fuhr, daß sie hochauf flatterten. --
Auf Heinrich Mißbach hatte sich seit jenem Abend, an dem er vor seinem
Vater geflüchtet war, ein schwerer Druck herabgesenkt. Der junge Mann
sah jetzt mit tiefer Niedergeschlagenheit, daß der Soldatenberuf ihn
niemals befriedigen konnte.
Als Heinrich das Haus seiner Wohltäter auf strenges Geheiß seines
Vaters mit der Kaserne vertauschen mußte, hatte er zum erstenmal mit
dem Leben gehadert. Der schmucke, grüne Rock mit dem blauen Kragen
und den hellen Aufschlagpatten, die blauen, weiten Hosen und der hohe
Tschako mit den hellblauen Regimentsabzeichen, die Uniform, die seine
Kameraden mit Lust trugen, gewann ihm keine Freude ab. Er hatte gegen
das ganze Soldatenhandwerk schon seit früher Jugend stille Abneigung
besessen. Der Lärm und der Geruch der Kaserne, die Scheltworte der
Unteroffiziere und die derben Späße der Mannschaften, dazu der
überstrenge Vater und das seelisch wie körperlich leidende Linchen ...
Heinrichs Brust war wie zusammengeschnürt, wenn er diese geräuschvolle
und bedrückende Umgebung mit der wohltuenden Stille des alten,
verwinkelten Bürgerhauses in der kleinen Brüdergasse verglich.
Dem Verbot des Vaters entgegen, war er nach wie vor an seinen freien
Abenden heimlich zu Marschalls gegangen, immer von der geheimen Furcht
begleitet, der Vater möchte seinen Ungehorsam entdecken. Linchen hatte
sich dem strengen Gebot freilich fügen müssen. Einmal noch war sie
von daheim fortgeschlichen und wie gebrochen bei den guten Leuten
erschienen, um ihnen unter bitteren Tränen das Geheiß des Vaters
mitzuteilen. Madam Marschall hatte dieses Verbot schon lange im stillen
befürchtet. In ihrer mütterlichen Weise redete sie auf das fassungslose
Mädchen liebevoll ein und vertröstete es auf bessere Zeiten. Ihr Haus,
das wisse Linchen ja, stehe immer für sie offen, und die herzliche
Zuneigung aller seiner Bewohner werde ihr erhalten bleiben.
Mit diesem Trostspruch hatte Linchen die traute Stätte verlassen.
Mehr noch als an Linchen, hingen Marschalls freilich an Heinrich, der
schon als zur Familie gehörig galt. Niemand konnte sich denken, wie es
ohne den Jungen gehen sollte.
Als Advokat Marschall am Abend des Tages, an dem Linchen gebeichtet
hatte, in die Küche trat, sah er Heinrich mit einer Unschuldsmiene,
als wenn nichts vorgefallen sei, auf seinem gewohnten Platz sitzen
und das Abendbrot verzehren. Da war er zu ihm hingegangen und hatte
ihm schonend vorgestellt, daß er besser täte, wenn er sich dem Willen
seines Vaters füge. Leicht waren ihm die Worte nicht gefallen, denn
Heinrich war ihm ans Herz gewachsen.
Als dieser aber die schwermütigen Augen zu ihm aufgeschlagen, in
denen sich tiefe Traurigkeit und stille Angst abspiegelten, da hatten
dem alten Mann die Worte gefehlt, seine Ermahnung zu wiederholen,
und er war schweigend aus der Küche gegangen. Niemand von Marschalls
war imstande, mit Heinrich noch einmal über das schlimme Verbot zu
sprechen. Jeder bemühte sich, ihn durch vermehrte stille Freundlichkeit
zu trösten.
Madam Marschall vermied es, an den Abenden, wo Heinrich einmal nicht
gekommen war, nach dem leeren Platz zu sehen. Sie bangte vor der
Möglichkeit, daß der Stuhl nun immer leer bleiben könnte. Valentine
plauderte stundenlang mit dem Burschen und war bemüht, ihn aus seiner
Traurigkeit zu reißen. Und die seit vielen Jahren in der Familie
lebende Köchin, die ihrem Liebling schon immer heimlich manchen guten
Bissen zugesteckt hatte, tat dies nunmehr ganz offen.
Heinrich war das Schoßkind von allen. Er fühlte es und empfand darüber
unsägliche Freude. Aber er blieb traurig, und in seinen Augen stand
immer der Ausdruck eines stillen Kummers. --
Kurt Allmer war während der letzten Wochen in schweren Widerstreit
mit sich geraten; sein inneres Gleichgewicht war gestört. Er fühlte
sich aus seiner ruhigen Bahn geworfen. War er bisher in heiterer
Sorglosigkeit durchs Leben gegangen, so verfiel er jetzt oft in tiefes
Grübeln. In solchen Stunden stiegen Zweifel in ihm auf, ob er recht
gehandelt, daß er sich Ursula von Abendroth genähert.
Zu jener Zeit, als er Ursula kennen gelernt, war sie von zahlreichen
Anbetern umschwärmt gewesen. Junge und gereiftere Herren aus den
ersten Kreisen der Gesellschaft huldigten ihr, und hochgestellte
Damen zeichneten sie durch ihre Gunst aus. Vereinigten sich doch auch
in Ursula herzgewinnende Anmut und hohe Schönheit mit einem reich
empfindenden Herzen. Kurt hatte bald eine tiefe Zuneigung zu dem
Mädchen gespürt. Doch war er nicht beherzt genug gewesen, sich ihr zu
nähern.
Da hatte Ursula einmal ihre großen, dunkeln Augen fester als sonst auf
ihn gerichtet, und er hatte ihren langen Blick erwidert. Von Stunde an
fühlte Kurt, daß innerlich eine Schranke zwischen ihnen gefallen war.
Er suchte eifrig Gelegenheit, das junge Mädchen in Gesellschaften zu
sehen und war darin erfinderisch, scheinbar zufällige Begegnungen mit
ihr herbeizuführen. Ein beseeligendes Empfinden beschlich ihn, als er
merkte, wie Ursula seinen emsigen Bemühungen nicht auswich. Die allen
verborgen gebliebenen Beweise ihrer Zuneigung, die er mit stummem Jubel
wahrnahm, wurden immer deutlicher, bis er die heimlich Geliebte eines
Tages bei Tante Sidonie traf, wo die langersehnte Aussprache erfolgte.
Noch an demselben Abend verfiel Ursulas Mutter in eine schwere
Krankheit, der sie bald erlag. Kurz vor dem Hinscheiden gestand das
Mädchen der Mutter ihre Liebe. Kurt wurde gerufen, und die Sterbende
segnete den Herzensbund ihrer Kinder.
Nach diesem bittern Verlust war Ursula verwaist, und der Großvater
hatte sie zu sich genommen. Kurt durfte die Geliebte nur selten sehen.
Sie hatte dies um der teuern Toten willen selbst so gewünscht. In den
kurzen Stunden aber, in denen er bei ihr weilte, hatte er reines Glück
genossen.
Da war Valentine Marschall auf seinen Lebensweg getreten.
Advokat Marschall genoß den Ruf eines Mannes, auf dessen
Ehrenhaftigkeit wie auf einen Felsen gebaut werden konnte, und galt
zugleich als einer der tüchtigsten Advokaten Dresdens.
Als solcher hatte er den Nachlaß der verstorbenen Frau von Abendroth
geordnet. Und da der alte Kriegsrat zu dieser Zeit gerade wieder
kränkelte, hatte Kurt in seinem Auftrag wiederholt mit Marschall
verhandelt. Sein Verhältnis zu Ursula, um das niemand wußte, hatte er
auch dem Advokaten verschwiegen. So war es gekommen, daß Herr Marschall
ihn eines Tages nach einer langen Konferenz zum Abendbrot einlud. Bei
dieser Gelegenheit hatte er Valentine kennen gelernt.
Valentine Marschall war eine außergewöhnliche Mädchenerscheinung. Schon
ihr Gesicht verriet, daß sie einen starken Charakter besaß. Es war
ernst, und seine Züge waren scharf geschnitten. Von ihrem Vater hatte
Valentine ein Stück seiner Weichheit geerbt. Aber ihr Verstand überwog
die Weichheit, und sie wußte ihre Gefühle meisterhaft zu beherrschen.
Weibliche Anmut hatte sie nicht. Dafür verriet ihr Auftreten Sicherheit
und strotzende Lebenskraft.
Schon als Kind hatte Valentine den Drang empfunden, der Unterhaltung
der Männer zu lauschen, die allabendlich das gastliche Haus ihres
Vaters besuchten. Besonders politischen Gesprächen, die in dieser
bewegten Zeit im gebildeten Bürgertum eifrig gepflogen wurden, konnte
sie in einer dunkeln Ecke des Zimmers stundenlang und ohne zu ermüden
zuhören. So hatte sich ihr Verstand schon frühzeitig vertieft, und die
Umgebung, in der sie herangewachsen, bot ihrem scharfen Denken viel
Nahrung.
Valentinens sicheres Urteil und die Gewandtheit, mit der sie ihre
Gedanken treffend und in klaren Worten ausdrückte, hatten Kurt gleich
am ersten Tag gefesselt. Dabei verstand es das Mädchen trefflich,
schicklich Maß zu halten. Wenn Kurt ihr zuhörte, hatte er stets das
Empfinden, daß sie mehr wußte, als sie aussprach. Ihr angeborene
Taktgefühl bewahrte sie glücklich davor, als unweiblich zu erscheinen.
So war es unbewußt Valentine gewesen, die in Kurt eine lebhafte
Aufmerksamkeit für die verworrenen politischen Zustände in den Ländern
deutscher Zunge wachgerufen.
Anfänglich hatte er versucht, seine geringen Kenntnisse von den großen
Fragen dieser bewegten Zeit sorgfältig zu verbergen. Nach wiederholtem
Zusammentreffen mit dem Mädchen war ihm das aber nicht mehr gelungen.
Er hatte ihre Überlegenheit willig anerkannt und sie im stillen als
seine Lehrmeisterin betrachtet. Ihr Wissen von der Vergangenheit des
deutschen Volkes war tiefgründig, und nicht selten bewunderte er ihre
Gedankenschärfe, mit der sie die starken Fäden ineinanderwob und wieder
entwirrte, die sich unsichtbar durch die Weltgeschichte ziehen und
hervorragende Persönlichkeiten und die Völker umschlungen halten. Diese
Kenntnis verdankte Valentine ihrem Vater.
Was Wunder also, daß dieses eigenartige Mädchen den jungen Mann stark
anzog. Er fühlte sich ihr auf geistigem Gebiete unterlegen und geriet
allmählich unbewußt unter ihre Herrschaft. Nicht eines von all den
Mädchen, die er kannte, hätte sich mit Valentine Marschall messen
können. Die meisten von ihnen waren, wie er jetzt wußte, Valentine
gegenüber unbedeutend.
Die in den höheren Gesellschaftskreisen jener Zeit herrschenden
Anschauungen zwangen die nicht verheirateten Frauen zur Untätigkeit.
Sie genossen unbesorgt um die Zukunft die Annehmlichkeiten des
elterlichen Hauses, schwärmten für Zerstreuungen, himmelten den
Jüngling ihrer Anbetung heimlicherweise so lange an, bis der
Glorienschein dieses Idols verblich, weil ein neu heraufgezogener Stern
es überstrahlte, und lasen tage- und nächtelang. Aber ihr Lesestoff
war süßlich und kraftlos wie abgestandene Limonade. Dieses Tändeln und
Nichtstun lähmten den Willen, verweichlichte die Mädchen und erzeugte
eine Rührseligkeit, der man sich freudig hingab. Bei allen passenden
Gelegenheiten wurden reichlich Tränen vergossen. Zu ernster Arbeit auf
einem bestimmten Gebiete waren sie zu untüchtig. Ja, die Arbeit galt
bei einem großen Teil jener unversorgten Töchter als ihrer nicht würdig.
Diese Ansicht, von dem was schicklich, war auch der Grund, weshalb man
über jede Äußerung eines starken weiblichen Willens mit heimlichem
Lächeln geringschätzig die Achseln zuckte. Und wenn sich ein Mädchen
von kraftvollem Charakter gegen den Druck der herrschenden Verhältnisse
auflehnte, weil er die weibliche Würde verletze, so bestrafte man diese
Kühnheit mit gesellschaftlicher Ächtung.
Kurt verschwieg seiner Braut das Interesse, welches er für Valentine
Marschall gewonnen hatte, und auch seine Besuche im Hause des
Advokaten, die er in so kurzen Zeiträumen wiederholte, als es die
Gepflogenheit erlaubte, verheimlichte er vor Ursula.
Inzwischen hatte sich die politische Spannung innerhalb der weißgrünen
Grenzpfähle erheblich verschärft. Überall, wohin die Tageszeitungen die
Kunde von den bewegten Vorgängen in den größeren sächsischen Städten
trugen, horchte man auf, und jedermann war verwundert, daß offene
Kundgebungen gegen die Regierung auch im Lande der allzeit gemütlichen
Sachsen geschehen konnten.
Das Erschießen des feurigen Demokraten Robert Blum in Wien häufte
unter der Dresdner Bevölkerung viel Zündstoff an. Ein endloser Zug von
Anhängern der Opposition begab sich bei Glockengeläute, mit Musik und
umflorten Fahnen vom Altmarkt durch die Schloß- und Frauengasse nach
der Frauenkirche zur Totenfeier. Selbst Minister verschmähten es nicht,
an dieser Kundgebung teilzunehmen.
Noch herrschte aber der Geist der Ruhe und Besonnenheit im Lande.
Mit wahrhaftem Edelsinn bemühten sich weite bürgerliche Kreise um
die friedliche Lösung der immer schwieriger werdenden nationalen
Fragen, und Vieler Augen hingen voll Sehnsucht an hohen, aber unklaren
Freiheitsidealen. Doch das Unkraut niederen Parteitreibens überwucherte
schon heimlich die edlen Reiser, die der lebensfrische Baum echt
nationalen Empfindens getrieben hatte.
Aus der Tiefe drängte der Egoismus von Persönlichkeiten herauf,
die zwar ehedem lautere Grundsätze gehegt, die aber jetzt von dem
glühenden Ehrgeiz erfüllt waren, sich um jeden Preis an die Spitze der
großen Bewegung zu stellen. War diese bisher eine rein bürgerliche
gewesen, so huldigten nun diese Männer dem Pöbel, dessen Anschauungen
natürlich erst recht verworren waren. So kam es, daß die von hoher
Begeisterung getragenen Bestrebungen an nationalem Wert erheblich
einbüßten und die Straßendemokratie allmählich die Herrschaft erhielt.
Die Bewegung gewann immer mehr an revolutionärem Charakter.
Die Streitigkeiten in den beiden Kammern wuchsen. Das Märzministerium
trat zurück, und der Krieg mit Dänemark brach aus. Nach einer
Parade auf dem »Heller« bei Dresden marschierte der größte Teil der
sächsischen Truppen nach Schleswig-Holstein. Niemand ahnte, daß ihre
Abwesenheit der Hauptstadt verhängnisvoll werden sollte.
Das 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert war als Besatzung in
Dresden zurückgeblieben. --
Kurt hatte von Tante Sidonie erfahren, daß Ursula um seinen regen
Verkehr mit Marschalls wußte, und bei seinem Zusammensein mit ihr
empfand er, wie sie im stillen litt. Doch berührte sie mit keinem Wort
ihren heimlichen Kummer. Wenn die Geliebte ihn errötend empfing, wenn
er fühlte, wie sie bei seinen Liebkosungen in bräutlicher Verschämtheit
erzitterte, da vergaß er, was ihn so machtvoll in das bürgerliche Haus
in der Altstadt zog. Liebevoll hielt er die schlanke Mädchengestalt
umfangen und flüsterte Ursula die zärtlichsten Schmeichelnamen zu.
Wenn aber dann die Abschiedsstunde nahte, überfiel Kurt eine seltsame
Beklemmung. Er kämpfte mit einer Verlegenheit und wagte nicht, sein
baldiges Wiederkommen zu versprechen. In solchen Minuten stand
Ursula still an seiner Seite, und in ihre dunkeln Augen, aus denen
während der kurzen Stunden ihres Beisammenseins der Widerschein eines
unaussprechlichen Glücks geleuchtet hatte, stahl sich eine stumme
Klage. In bangem Trennungsschmerz schmiegte sich das Mädchen scheu an
den Geliebten und sah dem Scheidenden mit umflortem Blick lange nach.
Aber Ursulas Liebe war nicht nur innig, sondern auch felsenfest. Ihr
Vertrauen zu dem Geliebten hieß alle bösen Einflüsterungen schweigen.
Zerknirscht empfand Kurt die Seelengröße des Mädchens. Und doch gelang
es ihm nicht, sich aufzuraffen und alle Regungen aus seinem Herzen zu
reißen, die wider seine reinen Empfindungen für Ursula stritten.
* * * * *
Das Jahr 1849 begann mit einem strengen Winter, dem ein zeitiger,
milder Frühling folgte. Weiche Winde strichen durch das Elbtal. Im
Großen Garten blühten auf den ausgedehnten Wiesenflächen zwischen
saftiggrünen Grashalmen Veilchen und Anemonen. Die Herkulesallee hinauf
und hinab bewegte sich an schönen Nachmittagen eine endlose Reihe von
Lustwandelnden, die die milde Frühlingsluft und den würzigen Geruch
des Erdbodens mit vollen Zügen einatmeten und sich die warme Sonne
behaglich ins Gesicht scheinen ließen.
Da sah man Herren im Spenzer oder im großkarrierten Bratenrock, mit
riesigen Vatermördern und unförmigen Krawatten, Spazierstöcken mit
tombakenem Knauf oder mit dick zusammengewickelten, baumwollenen
Regenschirmen.
Kein Wunder, wenn in dieser erregten Zeit, wo die politischen Wogen
immer höher schlugen, die Gesinnung auch äußerlich zum Ausdruck
gebracht wurde. Ob die Zylinderhüte glatt gebügelt und spiegelblank
oder glanzlos und drahthaarig waren wie das Fell einer nassen Katze,
der man mit der Hand vom Schwanz bis zu den Ohren über den Rücken
streicht, gleichviel, -- die Angströhre galt gemeiniglich als das
Zeichen konservativer Gesinnung. Anders war es dagegen mit dem großen,
schlappen Filz, dem sogenannten Karbonarihut. Wer diesen trug, galt als
verdächtig.