drängten sich mehrere Herren herein.
»Wie wär's, wenn wir es uns heute abend in der Küche bequem machten,«
schlug einer vor, worauf die andern lachend beistimmten.
Advokat Marschall lachte am meisten.
»Meine Frau wird außer sich sein, wenn sie diese Bescherung sieht,«
versicherte er. »Aber, erlauben Sie: Herr Leutnant Allmer, -- Herr
Doktor Minkwitz, Herr Advokat Tzschirner, Herr Hofbaumeister Semper,
Herr Musikdirektor Röckel.«
»Nein, was soll denn aber das bedeuten?« rief hinter ihnen Frau
Marschall, die Hände zusammenschlagend.
Ihre weiteren Klagen wurden von der lauten Heiterkeit der Herren
übertönt.
»Kommen Sie, Herr Hofbaumeister,« wandte sich Frau Marschall an den ihr
zunächst stehenden Herrn, »wir wollen vorangehen.«
»Ihr Diener, Madam,« versetzte dieser, der Hausfrau artig den Arm
reichend. Und so zog die ganze Gesellschaft unter ausgelassener
Fröhlichkeit wieder zur Küche hinaus. Leutnant Allmer und Valentine
bildeten den Schluß.
Nur Heinrich blieb zurück und schlug geschwind den hölzernen Bierhahn
in das Fäßchen.
* * * * *
Als einige Stunden später die Herren das Marschallsche Haus verlassen
hatten, ging auch Heinrich nach Hause. Mit raschen Schritten lief er
die Schloßgasse hinab, durch das dunkle Georgentor und trat sodann auf
den Schloßplatz.
Es war eine kühle Herbstnacht. Der Mond war von Wolken ganz verhüllt.
Nur ein paar vereinzelte Sterne funkelten am Himmel.
Der mächtige Bau der katholischen Hofkirche lag wie ein ungeheurer
Felsblock zu seiner Linken. Von ihrem Haupttor schallten die langsamen
Schritte eines Nachtwächters herüber.
Die Uhr des Schloßturms verkündete gerade mit feierlichen Schlägen
die Mitternachtsstunde, als Heinrich die Augustusbrücke betrat. Hier
standen die Gaslaternen in großen Abständen. Ihr spärliches Licht
wurde von der Dunkelheit fast aufgesogen. In der Tiefe rauschte dumpf
die Elbe, deren hochgehendes Wasser sich an den mächtigen steinernen
Pfeilern brach. Auf dem Strom lag undurchdringliche Finsternis. Drüben
am Belvedere auf der Brühlschen Terrasse schimmerten matt ein paar
Lichter.
Heinrich empfand leises Unbehagen. Wenn er nur erst in seinem Bette
läge, dachte er. Er tat es ungern, Zapfen zu streichen.
Endlich stieg am Ausgang der Brücke der kolossale Würfel des
Blockhauses aus der Dunkelheit herauf. Der Posten vor dem Gewehr der
Neustädter Hauptwache lehnte verschlafen am Schilderhaus und sah über
den Markt hinweg auf den stumm zu Pferde sitzenden August den Starken.
Heinrich ließ die Hauptstraße links liegen und schlug den Weg durch die
Kasernenstraße ein, an dem langgestreckten Gebäude der Ritterakademie
vorbei. Jetzt hatte er die Kaserne erreicht. Unwillkürlich verkürzte er
seine Schritte. Ob Linchen schon schlief? Sicherlich nicht. Sie wachte
ja die halben Nächte durch und nähte für die Herrschaften!
Er ging über die Ritterstraße und blieb vor dem hohen Hoftor stehen.
Oder sollte er bis zum Tor in der Magazinstraße gehen? Dort galt das
Übersteigen für weniger gefährlich! Aber seine Trägheit siegte, und er
blieb.
Heinrich sah sich nach allen Seiten um. Kein Mensch war zu sehen. Die
mächtige Kaserne lag wie ausgestorben. Hinter keinem Fenster, so weit
er sehen konnte, brannte noch Licht. Da stieg er entschlossen auf
den Prellstein neben dem Tor, griff in eine Vertiefung im Rahmen des
Holzes und kletterte, Füße und Knie zwischen Tor und Mauer einstemmend,
so weit in die Höhe, bis er mit der rechten Hand die obere Kante des
Tores erfassen konnte. Nun griff er mit der Linken nach, machte einen
Klimmzug und schwang sich in Reitsitz. Prüfend glitten seine Augen in
die pechschwarze Dunkelheit hinein. Bevor er hinabsprang, mußte er
überzeugt sein, daß niemand in der Nähe lauerte.
Aber so weit der Blick reichte, war nichts Verdächtiges zu sehen. Da
ließ er sich leise am Tor hinab und sprang auf die Erde. Noch einmal
lauschte er -- kein Laut! Vorsichtig ging er bis zur Ecke des Gebäudes,
von wo er den Kasernenhof übersehen konnte.
Der ausgedehnte Platz lag in tiefer Einsamkeit. Die Finsternis ließ
den Blick nicht weit dringen. Totenstille! Die Tritte seiner schweren
Stiefel so viel er konnte dämpfend, lief Heinrich quer über den
gepflasterten Weg, der rund um den Kasernenhof führte, bis er die
festgestampfte Erde des Exerzierplatzes unter den Füßen fühlte. Hier
waren seine Schritte fast unhörbar. Das Tor, durch welches er in die
Kaserne gelangen konnte, lag in der Mitte des Flügels; es stand auch
während der Nacht offen. Langsam ging er weiter und stierte unter
Anspannung aller Sinne in die Dunkelheit hinein.
Plötzlich blieb er stehen. Hatte er nicht ein leises Geräusch gehört?
Seine Schläfen schmerzten, so angestrengt sah er den Weg entlang.
Da erkannte er in geringer Entfernung eine menschliche Gestalt, die
regungslos am Stamm einer der Platanen am Rande des Exerzierplatzes
lehnte. Heinrich starrte nach dem Baum. Nein! Es war kein Irrtum, dort
stand jemand.
Blitzschnell wandte er sich um; -- da rief laut eine befehlende Stimme:
»Halt! Stehen bleiben!«
Den jungen Korporal durchzuckte es: »Der Vater!« Gleichzeitig hörte er,
wie dieser ihm nacheilte.
Schnell lief Heinrich den gepflasterten Weg zurück. Aber kaum hatte
er ein paar Schritte getan, als sein Knie mit aller Kraft gegen
einen harten Gegenstand rannte. Es war eine der Bänke, auf denen die
Soldaten Sonnabends ihre Drillichkleidung scheuerten und die er in der
Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Das leichte Gerät flog unter lautem
Geräusch zur Seite.
Heinrich fühlte einen heftigen Schmerz am Knie und stürzte seiner
ganzen Länge nach auf die Steine. Im nächsten Augenblick sprang er
wieder auf, den Schmerz verbeißend. Aber schon hörte er dicht hinter
sich die eilenden Schritte seines Vaters.
Da fiel sein Blick auf ein offen gebliebenes Speisesaalfenster zu
ebener Erde. Wie toll schoß er darauf zu, stolperte jedoch, schlug
noch einmal hin und rutschte alsdann auf der schiefen Fläche der
Fensterhöhlung kopfüber in den Speisesaal hinunter. Halb betäubt von
dem Sturz raffte er sich auf und eilte durch den dunkeln Raum nach
der Tür. Sie war verschlossen. In blinder Wut warf er seinen schweren
Körper so heftig dagegen, daß die Krampe aus ihrem steinernen Lager
flog und die Tür donnernd aufsprang. Dann lief er weiter. Am vorderen
Ende des Ganges blieb er keuchend stehen und horchte. Es war alles
still. Hastig zog er die Stiefel aus, nahm sie in die Hand und rannte
in sinnloser Eile nach dem Revier der 4. Kompagnie.
Endlich hatte er sein Bett erreicht, das sich in dem Karree der
Unteroffiziere befand. Eine übermannshohe Wand aus Latten und grauer
Leinwand trennte diese Lagerstätten von denen der Mannschaften. Auf
dem großen Schlafsaal herrschte tiefe Stille. Nur das übliche laute
Schnarchen einiger Schläfer war zu hören.
Heinrich blieb erschöpft vor seinem Bett stehen und wischte sich mit
dem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. Das verletzte Knie
schmerzte fürchterlich. Endlich ging sein Atem langsamer, und er
kleidete sich aus.
Da hielt er plötzlich inne: auf dem Korridor klangen hastige Schritte.
Vornübergebeugt lauschte er mit offenem Munde eine Sekunde lang. Dann
vernahm sein scharfes Ohr deutlich Säbelklirren. Und diese Tritte? Es
war wieder sein Vater! Er mußte ihn in der Dunkelheit unsicher erkannt
haben und hegte Verdacht. Geschwind ergriff Heinrich Mütze, Waffenrock,
Stiefel und Seitengewehr und schleuderte alles unter das Bett. Dann riß
er die Hosen und Unterhosen auf, schob sie bis unter die Knie hinab,
sprang ins Bett und warf sich die Decken über.
Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und Feldwebel
Mißbach trat in den Schlafsaal. Er nahm die Laterne mit der trübe
brennenden Öllampe von dem Nagel in der Tür und näherte sich mit
wuchtigen Tritten dem Bett seines Sohnes. Heinrich lag unbeweglich auf
dem Rücken -- scheinbar in tiefem Schlafe. Kopfschüttelnd leuchtete
Mißbach dem Schläfer ins Gesicht. Schon wollte er sich wieder
entfernen, als er plötzlich die Bettdecke erfaßte und bis über den
Leib des Liegenden zurückschlug. Heinrich fühlte, wie sein Herzschlag
aussetzte.
Wenn der Vater die Decke noch um eine Handbreit tiefer hinabschob, sah
er die Hosen, und er war entdeckt! Ein furchtbarer Zornausbruch seines
Vaters mußte folgen. Zudem würde er morgen sein Zuspätkommen und seine
Flucht im Frührapport dem Regiment melden. Ja noch mehr! Er würde
den Ungehorsamen auf der Stelle arretieren und auf die Kasernenwache
bringen.
Heinrich zwang mit ungeheurer Willenskraft seine Aufregung nieder. Kein
Muskel zuckte in seinem starren Gesicht ...
Da warf Feldwebel Mißbach die Decke wieder zurück, trug die Laterne
wieder zur Tür und verließ den Schlafsaal.
Noch lange, nachdem Heinrich die Tritte hatte verhallen hören, lag er
regungslos. Ein furchtbarer Kampf tobte in ihm. Scham und Zorn rangen
miteinander. Und er fühlte zum erstenmal, solange er diente, mit
grausamer Deutlichkeit, was für ein schlechter Soldat er war. Jeder
seiner Kameraden beschämte ihn. Warum mußte ihn aber auch sein Vater
gewaltsam aus dem Marschallschen Hause reißen, aus einem Berufe, dem
er mit Lust und voller Hingabe angehangen! Sein Vater! Alles, was ihm
in seinem Leben Kummer bereitet, war von seinem Vater gekommen! Und
zuletzt hatte ihn dieser in eine Laufbahn gezwungen, in der er sich
tief unglücklich fühlte.
Heinrichs Zorn bäumte auf. Ja, jetzt wußte er es: er haßte seinen Vater!
Da war es ihm, als wenn eine linde Hand über sein Haar striche, --
Valentinens Hand. Und in seinem Ohre klang leise ihre liebe Stimme. Im
Nu war der jähe Zorn des jungen Menschen verraucht, und er empfand, daß
er weich wurde.
Eine Zeitlang biß Heinrich die Zähne zusammen und sträubte sich tapfer
gegen die Schwäche. Zuletzt fühlte er sich aber besiegt. Er wandte den
Kopf auf die Seite und weinte still bittere Tränen.
[Illustration: Der Zug mit dem ersten Toten vor dem Königlichen Schloß.]
Drittes Kapitel
Am nächsten Vormittag exerzierten die Rekruten aller Kompagnien wie
alltäglich auf dem Kasernenhof.
Unter den vielen kommandierenden Unteroffizieren befand sich auch
Heinrich. Seine Visitation übte gerade langsamen Marsch. Die jungen
Soldaten waren noch reichlich unbeholfen. Sie standen zaghaft auf einem
Bein und wackelten wie schlafende Hühner.
»Lehrschritt vorwärts -- marsch!« kommandierte Heinrich mit
Löwenstimme. Da warf die im Gänsemarsch stehende Reihe die Beine in die
Luft, und jeder kämpfte mit den herabhängenden Armen um das bedrohte
Gleichgewicht wie ein unsicher gewordener Seiltänzer, bis die riesigen
Transtiefel krachend niederschlugen. »Und -- rechts! und -- links! und
-- rechts! und -- links! ...«
»Halt! Los!« Nach diesem Kommando guckten sich die jungen Soldaten
jedesmal verwundert um und freuten sich, den soliden Kasernenhof wieder
unter beiden Füßen zu haben.
Jetzt trat Leutnant Allmer, sein Rekrutenoffizier, an ihn heran.
»Korporal Mißbach,« fragte er leise, »hatten Sie gestern Nachtzeichen?«
Heinrich fühlte einen Stich in der Brust.
»Zu Befehl, Herr Leutnant,« antwortete er, ohne sich zu besinnen.
Leutnant Allmer hatte diese Antwort erwartet. Eine Sekunde lang stand
er unschlüssig; er wußte, daß der junge Korporal die Unwahrheit gesagt
hatte. Dann wandte er sich ab und ließ Heinrich stehen.
Um elf Uhr war das Exerzieren zu Ende. Und weil heute Sonnabend war,
fiel die übliche Gymnastik und das Gewehrfechten am Nachmittag aus.
Dafür fand gründliches Revierreinigen statt.
Leutnant Allmer wartete noch so lange, bis die Visitationen eingerückt
waren. Dann verließ er durch das Hauptportal die Kaserne. Die Hände
in den Manteltaschen, schritt er langsam schräg über die Allee und
durch das Schmiedegäßchen bis zur Königstraße. Hier betrat er das
gegenüberliegende Haus und zog an dem spiegelblanken, messingnen
Klingelknopf im ersten Stock.
Nachdem ihn das Mädchen eingelassen hatte, klopfte er an eine der
weißlackierten Türen und trat sodann in die Stube.
»Guten Tag, Tante,« sagte er, die Tür behutsam hinter sich schließend.
Auf dem verschossenen roten Ripssofa mit eingewirkten gelben
Phantasieblumen saß häkelnd eine hagere, kleine Dame, um deren Mund und
Augen ein spätherbstlicher Zug lagerte.
Sie erwiderte seinen Gruß in kühlem Ton und reichte ihm mit einer
gemessenen Bewegung die Spitzen ihrer langen, dürren Finger. Dann
zeigte sie stumm auf den Stuhl gegenüber. Leutnant Allmer nahm an dem
runden Sofatisch Platz, während die kleine Dame die Häkelnadel wieder
ergriff, die während der kurzen Begrüßung neben dem riesigen Ball
zusammengewickelter Spitze geruht hatte.
Diese schon lange verblühte Jungfrau war Tante Sidonie. Sie lebte von
einer sehr bescheidenen Rente, aß nur wenig mehr als ihr noch älterer
Papagei und verrichtete all ihr Tun und Lassen mit einer feierlichen
Pedanterie, daß ihre Bewegungen zuweilen wie die einer Marionettenfigur
erschienen. Bei alledem war sie sehr fleißig! Mangels einer andern
Beschäftigung strickte sie im Laufe eines jeden Jahres einen
vollgemessenen Scheffel Strümpfe, häkelte ein Knäuel Madeiraspitze von
der Größe einer Kanonenkugel und saß dabei ein tiefes Loch in das Sofa,
-- ebenfalls jedes Jahr eins.
»Warst du kürzlich bei Abendroths, liebe Tante?« fragte Leutnant Allmer
ein wenig kleinlaut.
Tante Sidonie richtete über die hüpfenden Finger hinweg den Blick
scharf auf den Frager, wobei sich ihre spitze Nase zu verlängern schien.
»Nein, Kurt,« erklärte sie in feierlichem Ton, »ich hatte in dieser
Woche noch keine Zeit, Besuche zu machen.«
Das klang wie ein sanfter Vorwurf.
Leutnant Allmer blickte schweigend auf die Kanonenkugel und verstand.
Diesem angeregten Zwiegespräch folgte eine längere Pause. Dem jungen
Offizier wurde es ungemütlich. Er sah vor sich nieder und spielte mit
seinem Portepee. Die Augen der Tante glühten wie Kohlen. Er fühlte
förmlich ihren sengenden Blick auf seinem Gesicht.
»Bist du viel ausgewesen?« fragte sie endlich scheinbar harmlos.
Leutnant Allmer rückte sich auf dem Stuhl zurecht und war entschlossen,
scharf auf der Hut zu sein. Jetzt begann es. Vorläufig plänkelte sie
freilich noch.
»Zweimal,« versetzte er vorsichtig. »Am Dienstag bei der Kommandeuse
auf einen Löffel Suppe und gestern beim -- Advokaten Marschall.«
Tante Sidoniens Rücken hatte sich während der letzten Worte heimlich
von der Sofalehne losgelöst. Jetzt saß sie steif wie eine Wachsfigur.
Nur die Finger, die wie Tanzpuppen durcheinanderflogen, bewegten sich
an ihr. Das Häkchen der Nadel schoß von Zeit zu Zeit blitzschnell vor,
faßte mit seinem scharfen Zahn den immer ängstlicher werdenden Faden,
sprang alsdann wieder zurück und führte ihn mit so ungewöhnlicher
Geschwindigkeit durch ein Labyrinth von Schleifen und Maschen, daß ihm
hätte schwindelig werden dürfen. Dem wie gebannt zuschauenden Neffen
gingen die Augen davon über.
»Beim -- Advokaten -- Marschall?« wiederholte sie mit Geisterstimme.
Leutnant Allmer nickte.
»Bei Marschall,« wiederholte er wie ein Echo.
Das dumpfe Ticktack des langen Perpendikels der alten Schwarzwälder
Uhr klang in das Schweigen hinein. Der junge Mann strich sich über die
Stirn und schloß eine Sekunde lang die Augen. Da war es ihm, als wenn
er nächtlicherweile einsam im Bankettsaal einer alten Burg säße und
die schlurfenden Schritte von unsichtbaren Gestalten vernähme.
Aus dieser Beklemmung befreite ihn Tante Sidoniens vorwurfsvolle Stimme.
»Kurt,« sagte sie halblaut.
In dem jungen Mann begehrte es auf. Er umklammerte den Säbelgriff
krampfhaft und sagte:
»Es tut mir aufrichtig leid, daß du für Marschalls so wenig Sympathien
hast, liebe Tante; es sind wirklich recht umgängliche Menschen.«
Die hagere Gestalt auf dem Sofa schien zu wachsen. Ihre Augen nicht
von der Arbeit wendend, bot sie ein Bild vollkommener Ruhe. Nur die
Finger tanzten emsig, und der Faden machte verzweifelte Kreuz- und
Quersprünge. Der Neffe verspürte einen Hauch eisiger Kälte, der von dem
grell gemusterten Sofa ausging. Da ließ Tante Sidonie plötzlich die
Hände in den Schoß sinken.
»Du weißt, wie man von Marschall spricht,« versetzte sie.
Kein Fremder hätte aus dem ruhigen Ton ihre innere Erregung
herausgehört. Tante Sidonie war viel zu sehr Dame, daß sie ihre
Gereiztheit jemals verraten hätte. Allein der Neffe verstand sie.
»Es herrschen jetzt ungewöhnliche Zeiten, liebe Tante,« antwortete er
beschwichtigend. »Auf der Seele des Volks liegt ein Druck. Allerorts
ist man der Meinung, daß die verantwortlichen Männer den König schlecht
beraten. In beiden Kammern des Landtags spricht man dies unverblümt
aus, und in den öffentlichen Versammlungen fallen erregte Worte. Die
große Masse verhält sich ja ruhig; aber in den Herzen zittert der
Widerhall dieser Reden nach und schürt die tiefe Unzufriedenheit, die
im Lande herrscht. Bei uns ist es noch nicht einmal so schlimm wie
anderwärts. Der König sei wohlgesinnt, sagt man allgemein, aber der
Einfluß auf ihn wäre verhängnisvoll. Und unter den Ministern besteht
keine Einigkeit. Ein paar Heißsporne aus der Mitte der Abgeordneten
reden fortgesetzt Unüberlegtheiten und reizen auf. Dazu die stürmischen
Verhandlungen im Frankfurter Parlament und die blutigen Aufstände in
den Nachbarländern. Aber unser gutmütiges sächsisches Volk gelüstet es
nicht nach Ausschreitungen. So etwas wie die Berliner Märztage könnte
bei uns nie vorkommen. -- Es wird sich ja alles noch klären.«
Kurt Allmer hatte anfänglich erregt gesprochen. Aber im Laufe seiner
Rede hatte er sich wieder beruhigt. Tante Sidonie hatte sich inzwischen
wieder ihrer Arbeit erinnert und häkelte emsig weiter. Freilich war
ihre äußerliche Ruhe trügerisch. Dennoch hob sie die Augen nicht auf,
als sie entgegnete:
»Advokat Marschall steht mitten in der Bewegung, die gegen den König
gerichtet ist ...«
»Nicht gegen den König,« fiel Kurt Allmer ihr ins Wort, »sondern gegen
die Regierung!«
»Aber es ist ein Sturmlaufen wider Gesetz und Ordnung.«
»Die Gesetze sollen frei machen, liebe Tante; die bestehenden bedrücken
aber, -- wie man sagt.«
»Staatsfeindliche Umtriebe ...«
»Es sind nicht die Schlechtesten, die an der Spitze der Bewegung
stehen! Männer von Ehre und Ansehen!«
Da reckte sich die alternde Jungfrau höher auf und sah den kühnen
Sprecher scharf an. Ihr tief eingewurzeltes monarchische Empfinden war
verletzt.
»Du bist ein beredter Verteidiger der Widerspenstigen! Das muß ich
gestehen! -- Aber wer es mit seinem Volke gut meint, geht immer mit dem
König!«
Kurt Allmer zuckte unmerklich mit den Schultern. Das verworrene
Zeitbild war ihm in seinen Tiefen nicht völlig klar. Das gestand er.
Aber die gute Tante klammerte sich zäh an das Althergebrachte. Das
allein war vortrefflich. Wer zu ihr von Fortschritt und Entwicklung
sprach, machte sie argwöhnisch. Sie vermochte den Geist, der auch die
Gemäßigten jetzt erfaßt hatte, nimmermehr zu begreifen.
Tante Sidonie merkte wohl, daß sie auf dem betretenen Pfad nicht weiter
konnte, und zog sich vorsichtig zurück. Plötzlich schlug sie einen
Haken.
»Aber wozu streiten wir um Ideen! Gehst du bei Marschalls ein und aus,
um allein von der Politik zu hören?«
Das war für ihren Mund stahlscharf gesprochen. Allmer empfand den Stich
und schwieg. Endlich versetzte er mit gut gespielter Harmlosigkeit:
»Die Menschen, die dort zusammenkommen, liebe Tante, sind sehr
interessant. Es wird auch nicht immer von Politik geredet. Und Fräulein
Marschall,« schloß er in leichtem Tone, »ist eine wohlerzogene junge
Dame und für ihr Alter recht klug.«
Nun war es heraus, worauf Tante Sidonie hinzielte.
Der flache Busen der Schweigenden hob sich einige Male höher als
sonst, bevor sie, ohne aufzusehen, langsam sagte:
»Wenn ein Mann mit Verpflichtungen, wie du, wiederholt in einem Hause
verkehrt, in dem sich ein junges Mädchen befindet, so gibt dies leicht
Anlaß zu falschen Deutungen.«
Kurt Allmer schwieg. Da fuhr sie fort:
»Dein Herz ist gebunden! Fühlst du innerlich nicht einen leisen
Widerstreit, wenn du dort bist?«
Der junge Offizier errötete.
»Valentine Marschall besitzt ungewöhnliche Geistesgaben,« sagte er
rasch, »und viel weibliches Empfinden. Mein Verhältnis zu ihr ist
wirklich ganz harmlos. Ich plaudere gern mit feingebildeten jungen
Damen.«
»Glaubst du nicht, daß Ursula darunter leidet, wenn du ihr selbst nur
einen geringen Teil deiner Neigung entziehst, um sie einem anderen
Mädchen zuzuwenden?«
Allmer kämpfte eine leichte Verlegenheit nieder.
»Ursulas Verstimmung, die sie vielleicht gegen Fräulein Marschall
hegt,« antwortete er ausweichend, »würde sich sogleich ins Gegenteil
kehren, wenn sie Valentine kennen lernte.«
»Kurt,« sagte Tante Sidonie mit sanftem Nachdruck, »einem Mädchen wie
Ursula muß es weh tun, wenn sie weiß, daß der Geliebte ihr nicht sein
ganzes Herz schenkt! Allerdings giltst du vor der Welt noch frei,
euer Verlöbnis besteht vorläufig ja nur heimlich. Den tiefen Schmerz,
den Ursula vor kurzem durch den überraschenden Heimgang ihrer Mutter
erlitt, muß erst die Zeit lindern, bevor ihr euch vor der Welt als
Brautpaar bekennt. Aber gerade dieser tiefbedauerliche Hinderungsgrund
verpflichtet dich zu großen Rücksichten und verlangt von einem jungen
Mann von Familie den höchsten Beweis feinen Taktes.«
Diese Worte kamen wie von einer Mutter und übten eine tiefe Wirkung auf
den Zuhörenden.
»Glaubst du, liebe Tante, daß Ursula sich über meinen Verkehr bei
Marschalls beunruhigt?« fragte Kurt. »Wir haben doch verabredet, daß
ich nur in schicklichen Zeiträumen im Abendrothschen Hause vorsprechen
soll, um jede Nachrede zu vermeiden.«
»Das ist wohl richtig,« antwortete Tante Sidonie. »Aber Ursula weiß um
dein wiederholtes Zusammentreffen mit Valentine Marschall. Freilich
ist sie ein viel zu edler Charakter, um Argwohn zu hegen oder dich
zu bitten, die Besuche bei Marschalls einzustellen. Dennoch leidet
sie darunter, wie ich empfinde. Denn sie liebt dich mit ihrem ganzen
keuschen Herzen.«
Kurt lehnte sich zurück. Er fühlte deutlich sein Unrecht. Ursula war
wirklich ein vornehmer Charakter. Seine ganze Seele hing an diesem
herrlichen Mädchen, und es würde ihm weh tun, wenn er sie betrübt hätte.
Tante Sidonie erkannte mit scharfem Blick die innerliche Not des jungen
Neffen. Plötzlich legte sie die Häkelarbeit mit liebevoller Sorgfalt
in einen umfangreichen, weißen Spankorb, den rosafarbene Schleifen
freundlich zierten, und sagte:
»Du ißt jetzt mit mir, Kurt, und danach machen wir zusammen einen
Besuch bei Abendroths.«
Kurt warf der Tante einen dankbaren Blick zu, stand auf und schnallte
den Säbel ab. Tante Sidonie ging zu dem perlengestickten Klingelzug
neben der Tür und läutete.
»Anna, du kannst decken,« sagte sie zu dem eintretenden Mädchen. »Der
Herr Leutnant bleibt bei uns zu Tisch.«
Jetzt lächelte Kurt. Nun war sie wieder ganz Tante Sidonie, steif und
gemessen in ihren Bewegungen, ausdrucksvoll und feierlich in ihren
Worten. Worin das Mittagessen bestehen würde, wußte er übrigens auch
schon.
Heute war Sonnabend, also der Tag des großen Reinemachens. Da wurde in
der ganzen Wohnung das Unterste zu oberst gekehrt. Besen und Staubtuch
wirbelten in der Luft, und das Röhrwasser ergoß sich in Fluten. So
heischte es die Würde jeder ordentlichen Hausfrau. Deshalb unterblieb
an diesem Tag auch die zeitraubende Zubereitung des einfachen
Mittagessens. Statt dessen kamen auf den Tisch der sparsamen Tante nur
der übliche dünne Kaffee und hauchartig bestrichene Butterbemmchen.
Endlich war Tante Sidonie zum Ausgehen bereit. Ihr Kleid stammte
sicherlich aus dem vorigen Jahrzehnt. Aber es war fleckenlos und
peinlich gebürstet. Und Tante Sidonie trug es mit Würde!