»Was reden wir aber lange von Dingen, die uns nichts angehen

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Rund um den Kreuzturm

[Illustration: Altmarkt mit Kreuzkirche 1849]

Rund um den Kreuzturm

Roman

aus den Dresdner Maitagen

von 1849

von

Gustav Hildebrand

Mit Federzeichnungen von Josef Windisch

[Illustration]

Verlagsbuchhandlung Schulze & Co., Leipzig 1913

Geschützt durch Urheberrechtsgesetz vom 19. Juni 1901

~Copyright by Schulze & Co., Leipzig 1912~

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig

[Illustration: Der erste Zusammenstoß vor dem Zeughaus.]

Erstes Kapitel

Über der breiten Hauptstraße, die in Dresden vom Blockhaus in einer

schnurgeraden Linie nach dem Bautzner Platz lief, lag die Dämmerung.

Es war ein sonniger Oktobertag gewesen. Der Wind hatte die letzten

Fäden des Altweibersommers über die buntbelaubten Äste der Bäume

gehängt, und auf den Bänken der breiten Mittelallee hatten sich

zahlreiche Spaziergänger ausgeruht und die behagliche Wärme der

Sonnenstrahlen genossen. Jetzt war es kühl, und der Abendwind bewegte

leise die Zweige. Die vergilbten Blätter schwebten unaufhörlich zur

Erde nieder und wurden vom Winde überallhin verstreut.

Unter den dichten Baumreihen war es belebt. Friedliche Bürger

schlenderten Arm in Arm mit ihren Frauen die Allee hinab, junges Volk

trieb allerhand Allotria, und Kinder tummelten sich spielend zwischen

den Spaziergängern. Besonders lebhaft war es auf dem unteren Teil der

Hauptstraße. Hier stand, gegenüber der Dreikönigskirche, breit und

wuchtig die alte Kaserne des 1. Linien-Infanterieregiments Prinz Albert.

Aus vielen Fenstern dieses großen Baues sahen Soldaten heraus, die

mit untenstehenden jungen Mädchen plauderten oder mit vorübergehenden

Bekannten Begrüßungen austauschten. Hier und da baumelten über ihren

Köpfen an einer Schnur frischgescheuerte Halsbinden und Feldmützen.

Zuweilen blieben die auf der Allee Lustwandelnden wohl ein Weilchen

stehen, um den Melodien der alten Soldatenlieder zu lauschen, die aus

der Kaserne schallten.

Inzwischen war es dunkel geworden, und die wenigen Gaslaternen flammten

trübe auf. Auch in den Mannschaftsstuben wurde Licht gemacht.

Die Soldaten hatten heute Brotfassen. Aus diesem Grunde war das breite

Hauptportal der Kaserne, wie an jedem dieser Tage, dicht umlagert.

Besonders Kinder und einfache Frauen drängten sich heran, um für wenige

Groschen ein frisches Kommißbrot zu erhandeln.

Unter dem hohen Torbogen stand der Posten vor dem Gewehr, die

Ungeduldigen von Zeit zu Zeit zurückweisend. Hinter ihm unterhielt

sich in der breiten Halle eine Anzahl jüngerer Unteroffiziere im

Drillichanzug.

Plötzlich rief halblaut eine Stimme: »Der Kasernendienst!«

Im Nu kam Bewegung in die Gruppe, denn das Herumstehen im Hauptportal

war verboten. Aller Blicke richteten sich nach dem auf den Kasernenhof

mündenden Ausgang. Dort stand, durch die in der Mitte der Vorhalle

hängende Gaslaterne nur spärlich beleuchtet, eine hohe, straffe

Gestalt. Von dem breiten Gesicht war in dem Halbdunkel nicht mehr zu

sehen als ein martialischer, weißer Schnurrbart. Auf der Brust trug der

unbemerkt Herangekommene ein dickes Notizbuch, das zwischen ein paar

geöffnete Waffenrockknöpfe geschoben war.

Da tönte es scharf und befehlend durch das Portal:

»Korporal Mißbach!«

»Herr Feldwebel!« antwortete eine laute Stimme, und von der Gruppe

der Unteroffiziere löste sich einer und eilte zu dem Rufer hin. Zwei

Schritte von ihm entfernt blieb er kerzengerade stehen, die Hände an

die Hosennaht pressend.

»Bist du für heute fertig?« fragte der Schnurrbärtige leise.

»Ja, Vater,« antwortete der junge Korporal.

»Hat deine Kompagnie nicht noch Instruktionsstunde?«

»Nein.«

»Dann wollen wir zusammen Abendbrot essen. Geh' voran, ich komme

sogleich.«

Der Korporal machte auf den Hacken stramm kehrt und verschwand.

Inzwischen hatten sich die übrigen Unteroffiziere unbemerkt aus dem

Staube gemacht, und das Hauptportal war leer. Der Posten vor dem

Gewehr, ein älterer Soldat, stand erwartungsvoll auf seinem Platz. Die

äußerliche Ruhe, die er zur Schau trug, konnte ein geübtes Auge nicht

über seine innere Unrast hinwegtäuschen.

Jetzt betrat der Kasernendiensthabende mit langsamen Schritten die

leere Torhalle. Ein kaum merklicher Seitenblick durch das Fenster der

erhöht liegenden Wachtstube belehrte ihn, daß man darin nur auf das

Zeichen wartete. Noch einmal trat der Fuß des Revidierenden nieder,

-- da legte die Schildwache die Hand an den Mund und rief mit lauter

Stimme:

»Rrrraus!«

In demselben Augenblick flog die Tür der Wachtstube auf, und die

Mannschaft eilte auf den Korridor. Die Soldaten rissen ihre Gewehre

aus den Stützen, stampften die kurze Treppe hinunter und stellten

sich in einem Gliede schnurgerade auf. Der Kasernendiensthabende

stand währenddessen unbeweglich inmitten der Halle und musterte das

Heraustreten der Wache mit scharfen Blicken.

Jetzt war das Glied ausgerichtet. Der wachthabende Sergeant trat mit

einer Linkswendung einen Schritt vor und kommandierte, daß seine Stimme

von den Mauern zurückschallte:

»Schultert -- Gwehr!«

Die Gewehre krachten an die linken Schultern.

»Präsentiert -- Gwehr!«

Derselbe scharfe Ton wie vorher, als sollten die Schäfte zersplittern.

Dann herrschte lautlose Stille. Der Kasernendiensthabende rührte sich

noch immer nicht von seinem Platze. Aber seine Augen verschlangen

förmlich die Präsentierenden.

Da näherte er sich endlich dem rechten Flügel des Glieder und der

Sergeant meldete:

»Als Wachthabender! Parole Leipzig. Auf Wache und Posten nichts Neues!«

Als das Wort Leipzig fiel, blitzte es in den Augen des Revidierenden

auf, und er rieb die Zähne aufeinander, daß die langen Spitzen des

starken Schnurrbarts zuckten. Dann ging er mit langsamen Schritten die

Wache ab, jeden Mann mit durchdringendem Blick auf Haltung und Anzug

musternd.

Den regungslos stehenden Soldaten wurde während dieser wenigen Sekunden

schwül, und jeder riß sich zusammen. Denn Feldwebel Mißbach, der in

der Reihe der Subalternoffiziere Kasernendienst tat, genoß im ganzen

Regiment ein Ansehen, das schon an Furcht grenzte.

Jetzt ging er hinter der Wache entlang. Jeder Mann reckte sich

unmerklich noch höher auf, und die Nacken preßten sich an Halsbinde und

Waffenrockkragen. Plötzlich blieb er stehen, fuhr einem Soldaten mit

der Hand unter den Tschako und schnarrte nur das eine Wort:

»Haarschnitt!«

Der Gemeinte zuckte vor Schreck leise zusammen. Diese verstohlene

Bewegung war dem scharfen Auge des Feldwebels nicht entgangen.

»Stillstehen!« herrschte er den vor Aufregung Zitternden an. »Der Kerl

springt im Gliede 'rum wie'n Sack voll Flöhe.«

Der Soldat stand wie eine Bildsäule und wagte nicht Atem zu holen. Erst

als er gewahr wurde, daß auf die Zurechtweisung nichts folgte und der

Revidierende weiterging, beruhigte er sich langsam.

»Die Wache ist gut aufgestellt,« sagte Feldwebel Mißbach

außergewöhnlich wohlgelaunt zum Wachthabenden. »Tragen Sie ins Journal

ein: Revision fünf Uhr fünfundfünfzig.«

»Schultert -- Gwehr! -- -- -- Beim Fuß -- Gwehr! -- -- -- Trett -- ab!«

Damit ging die Wachtmannschaft auseinander, froh, daß die Revision

so gut abgelaufen war. »Der liebe Gott« -- wie Feldwebel Mißbach im

Regiment allgemein genannt wurde -- hatte heute seinen guten Tag.

Unterdessen war der Korporal Heinrich Mißbach durch eine lange Flucht

matterhellter Korridore und über einige Treppen gegangen, bis er das

Revier der 3. Kompagnie erreicht hatte. Hier öffnete er die erste

Tür, schlug den dunkeln Wollvorhang dahinter zurück und betrat die

väterliche Wohnung. Am Fenster saß eine weibliche Gestalt, die beim

Schein einer dicken Stearinkerze nähte.

»Guten Abend, Linchen!«

Das Mädchen ließ die Arbeit sinken und sah auf. Als sie den Bruder

erkannte, huschte wie ein Sonnenstrahl ein mattes Lächeln über ihr

bleiches und eingefallenes Gesicht.

»Guten Abend, Heinrich!« erwiderte sie. Und ihre großen Augen blieben

an der Gestalt des Eingetretenen hängen.

Heinrich Mißbach ging zu dem gelben Kachelofen, legte die Hände auf den

Rücken und lehnte sich stumm daran.

»Soll ich dir eine Tasse Kaffee einschenken?« fragte das Mädchen mit

herzlicher Bereitwilligkeit, »er ist gerade noch warm.«

Mit diesen Worten war sie zum Tellerbrett gegangen, hatte eine mit

bunten Blümchen bemalte Steinguttasse herabgenommen und wollte gerade

die eiserne Ofenröhre aufmachen, als der Bruder sagte:

»Ich habe schon in der Menage Kaffee getrunken. Laß es sein, Linchen.

Der Vater schickt mich; ich soll mit euch Abendbrot essen.«

Das Mädchen stellte die Tasse schweigend wieder auf den Platz zurück.

Beim Hinaufreichen klirrte das Geschirr in ihrer Hand; ihr Arm mochte

wohl zittern.

Karoline Mißbach zählte vierunddreißig Jahre. Sie war klein und ein

wenig verwachsen.

Heinrich beobachtete seine Schwester verstohlen; er fühlte, daß er

sie mit seiner Antwort betrübt hatte. Und es schien ihm, als ob der

alte Leidenszug auf ihrem Gesicht heute tiefer ausgeprägt sei, denn

sonst. Sie war vor dem Tellerbrett stehengeblieben und wandte ihm den

Rücken. Der Anblick ihrer hinfälligen Gestalt und ihre ergebene Haltung

schnitten ihm ins Herz.

Mit ein paar langen Schritten war er an ihrer Seite, faßte sie um die

Schultern und zog sie an sich.

»Linchen,« sagte er leise und in weichem Ton, »sei nicht so traurig. Es

tut mir doch weh, wenn ich's mit ansehen muß.«

Das ältliche Mädchen lehnte den Kopf an die Brust des großen Bruders

und sah mit dem Ausdruck eines unsäglichen Glücksgefühls zu ihm auf.

Ihr Gesicht war verhärmt und unschön. Aber aus ihren großen Augen

strahlte unerschöpfliche Herzensgüte. Jetzt schimmerten diese Augen in

feuchtem Glanz.

»Wenn du doch öfters zu mir kommen wolltest, Heinrich!« sagte sie

leise. Da schwieg sie auch schon wieder, weil sie den Vorwurf empfand,

der in ihren Worten lag. Sie entwand sich den Armen des Bruders und

hantierte verlegen vor dem Tellerschrank herum.

Heinrich Mißbach kehrte zum Ofen zurück. Er war ein großer,

breitschultriger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren mit

schwerfälligen Bewegungen.

»Sei nicht böse, Linchen,« versetzte er mit leise durchklingender

Herzlichkeit. »Du weißt ja ...«

Die Schwester seufzte tief.

»Ja, ich weiß,« sagte sie mit unsäglicher Bitterkeit.

»Wenn ich dich bloß aus diesem Kerker befreien könnte!« fuhr der junge

Korporal auf, seine natürliche Gelassenheit vergessend. Dazu sah er

sich in dem weißgetünchten, mit nüchternem Kasernengerät dürftig

ausgestatteten Raum zornig um.

»Heinrich,« flehte das Mädchen, »hier wurden wir ja geboren, und auch

unsere Mutter hat hier gelebt.«

Diese Worte schlugen den aufwallenden Zorn des Bruders nieder.

»Bist du gestern bei Marschalls gewesen?« fragte er begütigend.

»Ich war drüben,« antwortete sie. »Und ich soll während des ganzen

Winters in jeder Woche auf _zwei_ Tage kommen. Valentinens Ausstattung

wird genäht.«

Heinrich sah schweigend vor sich nieder.

»Wenn wir diese guten Leute nicht hätten, Linchen,« versetzte er

endlich.

Das Mädchen seufzte wieder, antwortete aber nicht.

»Und wenn es unsere leiblichen Eltern wären, sie hätten nicht besser an

uns handeln können,« murmelte er.

Die Schwester nickte stumm und senkte den Kopf auf die Brust.

Da fuhr sie plötzlich in die Höhe. Der Tür näherten sich stampfende

Schritte, und gleich darauf trat Feldwebel Mißbach in die Stube.

»Na, Junge, da bist du ja schon!« rief er Heinrich zu, der sich

beim Eintreten des Vaters unwillkürlich aus seiner bequemen Haltung

aufgerichtet hatte.

»Linchen, schaff' Nahrung!« fuhr Mißbach die Tochter mit lauter Stimme

an, »ich habe einen wahren Wolfshunger.«

Mit Hast schlug das Mädchen die Doppeltür des Küchenschrankes auf,

während Mißbach den Säbel abschnallte und an den eisernen Haken am

Türgewände aufhing. Dann zog er den Waffenrock aus und fuhr in eine

alte, tuchene Ärmelweste, deren niedriger Kragen mit einer schmalen,

weißgrünen Bandborte und zwei Wappenknöpfen besetzt war.

»Steh' nicht wie ein Pfahl, Junge!« rief Mißbach mit seiner schallenden

Stimme. »Jetzt ist's aus mit den Honneurs. Hier bist du gemütlich zu

Hause. Nicht wahr, Linchen?«

Das Mädchen lächelte demütig.

»Setz' dich da her, Heinrich! Und du trag' auf!«

Der junge Mann gehorchte und nahm dem Vater gegenüber am Tische Platz.

Linchen ging zum Fenster, holte den eisernen Leuchter und stellte ihn

auf den weißgescheuerten Tisch. Dann brachte sie das Abendbrot. Mißbach

ergriff den frischen Brotlaib, kratzte mit dem Messer drei fromme

Kreuze darauf und schnitt auf.

»Das Ränftchen kriegt heute der Junge,« sprach er und warf Heinrich den

knusperigen Anschnitt zu.

»Frisches Wurstfett von Beilichs,« sagte Linchen, dem Vater den Napf

hinschiebend.

»Ausgezeichnet!« frohlockte dieser und strich das grünliche Fett dick

auf die Schnitte.

»Hier, Junge -- und nun iß!«

Linchen setzte sich zwischen Vater und Bruder an die Schmalseite des

Tisches und schnitt eine saure Gurke in Scheiben.

Mißbach war ein hoher Fünfziger, von straffer, soldatischer Haltung.

Seine Brust war breit, und der weißhaarige Kopf saß auf einem wahren

Stiernacken. Seine gute Stimmung war offensichtlich.

»Kinder,« versetzte er, mit vollen Backen kauend, »heute ist der Tag

von Leipzig. Gott straf' mich, -- mein Ehrentag! Laßt's euch erzählen,

wie's zuging.«

Die Geschwister kannten die nun folgende Geschichte schon auswendig.

»Halt!« rief Mißbach, bevor er begann, lief zur Tür und schrie hinaus:

»Hegenbarth!«

Linchen trat währenddessen zum Schrank und nahm ein großes Glas mit

silbernem Deckel heraus, auf dem inmitten eines erhaben gearbeiteten

Eichenkranzes ein kleiner Tschako aufgelötet war. Das war das Bierglas,

das Feldwebel Mißbach von den Offizieren des Regiments am Tage seines

dreißigjährigen Dienstjubiläums als Geschenk erhalten hatte.

Soldat Hegenbarth, Mißbachs Faktotum, trat in die Stube, nahm das Glas

und brachte es nach erstaunlich kurzer Zeit mit dunkelm Bier gefüllt

zurück.

»Also, der Tag von Leipzig!« rief Mißbach mit blitzenden Augen. »Prost!«

Nachdem er einen tiefen Zug getan, wischte er mit dem Handrücken den

Schaum von dem langen Schnurrbart, strich rasch ein paarmal die Enden

hinaus und begann:

»Ihr wißt, wie ich's im Sommer Anno dreizehn bei meinem Gutsherrn

nicht mehr aushielt. Als von Leipzig die Kunde ins Land ging, eine

Anzahl Studenten hätte sich den Preußen angeschlossen, marschierten wir

ihrer fünf Bauernjungen aus dem Sächsischen geradeswegs in die Festung

Magdeburg hinein. Hier lernten wir rasch den Schießprügel gebrauchen.

Ein paar Wochen darauf standen wir schon unter Blüchers Kommando. Alles

war fieberhaft erregt; man munkelte, es würde bald losgehen.

Da krachten von Leipzig her Kanonen. Wir schrien auf vor Ungeduld! Was

befiehlt aber der schuftige Bernadotte dem Blücher? Marschieren Sie

nach Wittenberg! Doch unser Alter war viel zu schlau. Er ließ sich

durch Napoleons Geflunker nicht täuschen wie der Schwedenprinz. Pariert

also vor dem Feind nicht Order, sondern rückt nach Leipzig! Wär's

schief gegangen, so hätten sie ihn vor den Sandhaufen gestellt!

Bei Möckern kriegen wir endlich den Marmont zu packen, aber gleich

so fest, daß ihm die Luft ausgeht. Gottstrambach! Wir waren einfach

nicht mehr zu halten. Ganze Bataillone brachen vor ohne Kommando, über

Hecken, Zäune und Mauern hinweg. Die Franzosen hatten das Dorf besetzt

und wollten es nicht hergeben. Wir stürmen! Kartätschen schlagen in uns

ein und metzeln die Kompagnien reihenweis nieder. Wir stürmen! Da sind

wir Mann an Mann. Jetzt war ihnen das letzte Brot gebacken!

Wie die leibhaftigen Teufel fahren wir in ihre Artillerie und bringen

die Kanonen zum Schweigen. Aber weiter! Eine Kirchhofsmauer hemmt

unsern Lauf. Helft mir hinauf, schrei' ich. Da heben mich schon starke

Arme hoch. Ich trete auf die Mauerkrone, -- krach! fährt vor mir ein

Schrapnell in den Boden und wirft eine Wolke von Erde und Steinen auf

mich. Ich falle rückwärts von der Mauer hinab, die Augen voll Sand. Man

stellt mich von neuem hinauf, und ich springe hinunter. Andere folgen

mir. Zwischen den Stätten der Dahingeschiedenen hebt nun eine grausige

Schlächterei an.

Da sehe ich, nicht weit entfernt, einen baumlangen Franzosen, der auf

einer Stange einen flügelspreizenden Adler aus glänzendem Erz trägt.

Das Blut steigt mir ins Hirn! Ich breche quer durch die Kämpfenden, bis

ich vor dem Goliath stehe. Her damit! schrei' ich ihn an und will ihm

den Stock aus den Händen reißen. Er lohnt mir's mit einem Fußtritt. Da

hau' ich ihm die Flinte über den Schädel, daß der Kolben zersplittert,

-- und mit ihm seine Stirn. Der Riese stürzt wie ein Sack nieder; ich

habe die Stange mit dem Vogel! Jetzt fallen mich die Rothosen an wie

Wölfe. Blind vor Wut faß' ich mein Gewehr an der Mündung und schwing'

es im Kreise um mich herum.

Da bekam manch einer eine arge Kopfnuß! Aber ich hatte die Trophäe und

hätte sie für's ewige Leben nicht wieder hergegeben!«

Feldwebel Mißbach hatte sich warm geredet. Jetzt schlug er mit der

Hand auf die Tischkante, beugte sich über das Bierglas und sagte

eindringlich:

»Kinder! Vierzig Kanonen haben wir an diesem Tage genommen, aber nur

einen einzigen Adler. Und das war der meinige!«

Heinrich hatte anfänglich nur mit Widerstreben der Erzählung zugehört.

Allmählich hatte ihn jedoch die packende Schilderung mit fortgerissen.

Jedesmal, wenn der Vater mit seiner anschaulichen Lebhaftigkeit diese

Szene erzählte, wurde Heinrich warm. Wahrlich, ihn trennte innerlich

eine Kluft von seinem Vater. Aber zuweilen empfand er fast widerwillig

eine stumme Hochachtung vor ihm.

»Als nach dem Feldzug die Eisernen Kreuze verteilt wurden,« fuhr

Feldwebel Mißbach fort, »erhielt ich eines der ersten. Und wie wir

aus Frankreich zurückgekehrt waren, da hatte ich mich des Pflugs und

des Dreschflegels entwöhnt. Nachdem die Freiwilligen ihren Abschied

erhalten hatten, bot ich unserm jetzigen Regiment meine Dienste an. Man

stellte mich jungen Dachs mit der hohen Auszeichnung, die in Sachsen

nur noch wenige trugen, mit Freuden ein. Heute jährt sich der Tag von

Leipzig zum fünfunddreißigsten Male!«

Mißbach legte das Messer beiseite. Das war für Linchen das gewohnte

Zeichen. Sie lief zum Pfeifenbrett, wo sie stets einen frisch

gestopften Kopf bereit hielt, und brachte die lange Pfeife. Dann schlug

sie einen Funken vom Stahl, fing ihn mit dem Zunder auf und hielt

diesen an den Tabak, worauf Mißbach unter großem Behagen mit mächtigen

Zügen den Rauch vor sich hinpaffte.

»Was ich noch sagen wollte,« hob er wieder an und lehnte sich dabei

zurück: »Kinder, ihr wißt, daß wir jetzt in einer ganz verteufelten

Zeit leben. Die Welt dreht sich nicht mehr friedlich rundum wie bisher.

Man möchte sie aus den Angeln heben. Vor ein paar Monaten wurde in

Berlin so ein bißchen Revolution gespielt. Gott sei Dank mißglückte

der Versuch. Andere Städte hatten Geschmack daran gefunden und

folgten. Hierzulande ist man friedlicher gesinnt. Aber allerlei dunkle

Ehrenmänner blasen insgeheim in die Funken unter der Asche. Und so leid

mir's tut, wenn ich's aussprechen muß: der Herr Advokat Marschall ...«

»Vater!« rief das Mädchen mit angsterfüllten Augen und zitternden

Lippen. Aber schon erschrak sie ob ihrer Kühnheit.

»Ja, Linchen, ich muß es aussprechen,« fuhr Mißbach mit ungewohnter

Duldsamkeit fort, »unser Herr Advokat gehört auch zu den

Friedensstörern. Ich weiß ja, daß ihr sagen möchtet, er hat uns viel

Gutes erwiesen. Niemand kann's leugnen. Aber -- die Pflicht vor allem!

Bis zu meiner Sterbestunde soll's ihm unvergessen sein, wie er an

eurer Mutter und an mir und an euch gehandelt hat. Und die Madam nicht

weniger. Alles das darf uns aber nicht hindern, den richtigen Weg zu

gehen.«

Mißbach schwieg. Die Geschwister tauschten rasch einen verstohlenen

Blick aus.

»Der Herr Advokat ist von der Oppositionspartei, wie sie die Leute

nennen. Viele hohe Herren gehören ihr an, das ist unbestritten. Sogar

Minister sind dabei und -- wie gesagt -- selbst Offiziere. Das mag

jeder für sich verantworten, wenn's von ihm gefordert wird. Ich will

jedenfalls meine Hände rein halten. Und ihr habt zu handeln wie euer

Vater. Deshalb verlange ich von euch, daß ihr das Haus des Herrn

Advokaten so lange meidet, bis er nicht mehr in dem Ruf steht, gegen

die alte Ordnung zu räsonnieren. Heinrich, du verstehst mich,« schloß

Mißbach mit einem strengen Blick auf seinen Sohn. »Und du, Linchen,

gibst die Nähtage bei der Madam vorderhand auf!«

Das stille Mädchen mit dem Duldergesicht saß mit niedergeschlagenen

Augen regungslos. Aber in ihrer Brust stieg -- wohl zum erstenmal in

ihrem Leben -- ein Sturm herauf, und die bleichen Wangen färbten sich

dunkelrot.

»Vater,« versetzte sie mit mühevoller Zurückhaltung, »nur ein paar

Wochen laß mich noch hingehen.«

Mißbach blies gleichmütig den grauen Rauch in die Luft.

»Unmöglich, Linchen.«

»Valentinens Wäscheausstattung soll fertiggestellt werden.«

»Warum nicht? Dafür findet sich jeden Tag eine Näherin.«

Das Mädchen zitterte vor Aufregung. Der Widerstand, den sie geleistet,

brach schon zusammen. Ihre Kraft war nur stark im Dulden, nicht im

Kämpfen. Sie krampfte unter dem Tisch die Hände ineinander und stieß in

flehentlichem Ton aus:

»Vater, du bist grausam! Bedenke doch, wie gern wir zu Marschalls

gehen.«

»Mehr als mir lieb ist.«

»Besinn' dich auf alles, was wir ihnen zu danken haben ...«

Mißbach trank ruhig sein Bier aus.

»Heul' nicht, Mädel,« sagte er kurz. »Ich habe nie ein Hehl daraus

gemacht, daß wir diesen Leuten Dank schulden. Der Herr Advokat ist ein

Ehrenmann! Wer das jemals in Abrede gestellt hätte, wär' mein Feind

gewesen. Aber seit einiger Zeit ist auch in ihn, wie in so manchen

andern hochachtbaren Mann, der Teufel gefahren. Ich darf es nicht mehr

länger mit ansehen, daß meine Kinder im Hause eines Anhängers der

Opposition ein- und ausgehen. Basta!«

Heinrich hatte während dieser Unterhaltung still vor sich hin gesehen.

Sein Denken und Tun war von Natur aus schwerfällig; darin unterschied

er sich aufs schärfste von seinem Vater. Aber wenn er sich in etwas

verbissen hatte, so ließ er auch nicht wieder davon ab. Einen gefaßten

Vorsatz verfolgte der junge Mann mit äußerster Zähigkeit.

Jetzt räusperte sich Heinrich und versetzte stockend:

»Wer kann denn aber behaupten, daß die Demokraten sich nicht um das

Wohl des Volkes sorgten? Die Männer, die an der Spitze dieser Bewegung

stehen, werden bloß deshalb angefeindet, weil sie anders wollen, als

die Regierung.«

Mißbach nahm die Pfeifenspitze aus dem Mund und sah seinen Sohn

mißbilligend an.

»Und die offene Gewalt, die sie anderwärts schon anwendeten?« sagte

er barsch. »Warum reizen sie die Menge auf, bis Blut fließt? So

machten sie es in Berlin und erst vor kurzem auch in Wien. Ich habe

nicht danach zu fragen, was die Volksaufwiegler beabsichtigen, und ob

noch so viel ehrenwerte Männer in ihrem Lager sind. Ich bin Soldat.

Damit ist es entschieden, welche Gesinnung ich habe. Sie wenden sich

wider Regierung und König. Das genügt für mich, sie als meine Feinde

anzusehen!«

Heinrich ließ sich durch diese Worte aber nicht irre machen. Doch

schwieg er. Denn der Vater betrachtete jede Gegenrede, wie er wußte,

als Widerspruch. Und die Erziehung der Geschwister war von Jugend an

darauf gerichtet gewesen, sein Urteil als höchste Wahrheit anzusehen

und sich unter seinen eisernen Willen zu beugen.

»Was reden wir aber lange von Dingen, die uns nichts angehen,«

versetzte Mißbach ungeduldig. »Du bist wie ich Soldat, Heinrich. Was

ich von mir sagte, gilt ebensogut für dich! Wir haben unsern Fahneneid

geschworen. Seitdem gehören wir mit Leib und Seele dem König. Was

sich gegen ihn richtet, trifft auch uns. Wenn er seine Soldaten ruft,

marschieren wir. Und damit Gott befohlen. Blitz und Donnerschlag soll

den treffen, der anders denkt!«

Während der letzten Worte stand Feldwebel Mißbach auf, ging in die Ecke

zum Spucknapf und klopfte die kalte Asche aus dem Pfeifenkopf.

»Jetzt muß ich die Bodenräume revidieren, mein Kasernendienst ruft

wieder,« sagte er, zum Säbel greifend. »Wenn ich zurückkomme, mach'

ich auf dem Sofa ein Nickerchen. Gegen elf weckst du mich, Linchen!

Dann will ich die Kasernentore noch ein Stündchen im Auge behalten.

Vor allem aber jetzt ein frisches Glas Bier in der Kantine. Heute ist

Leipzig! Mein Ehrentag! Teufel nochmal!«

Damit stampfte er hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Gleich darauf

hörten die Zurückgebliebenen vom Korridor her seine scheltende Stimme.

Jetzt sahen sich die Geschwister stumm an. Der verzweifelte Blick des

Mädchens begegnete dem trotzigen des Bruders.

»Heinrich,« wehklagte Linchen, »nun verlangt der Vater auch noch dieses

Opfer von uns.«

»Er ist ein Unmensch,« knirschte der junge Mann. »Ah ..., wie das

wohltut, einen so liebevollen Vater zu haben!«

»Glaub' mir, er empfindet Freude dabei, wenn er uns das Marschallsche

Haus verbietet; er ahnt es, wie schwer er uns damit trifft,« versetzte

Linchen.

Dazu weinte sie still in sich hinein.

»Ich weiß es,« antwortete Heinrich dumpf, während ein furchtbarer

Zorn in ihm heraufstieg. »Schon von frühester Jugend an,« fuhr er mit

zusammengebissenen Zähnen fort, »hat er uns gequält. Wenn er wußte,

daß wir eine Freude hatten, so dämpfte er sie. Ja, er brachte uns

selbst in frohe Stimmung, um diese bald wieder zu verscheuchen, weil

man vor allem in der Lust Maß halten müsse. Wie oft hat er unsern

kindlichen Frohsinn nicht grausam in Leid verwandelt. Der Mensch

sei nur geschaffen, damit er seine Schuldigkeit tue, war sein immer

wiederkehrendes Wort. Pflicht hieß der Knüppel, mit dem er jede heitere

Regung in uns niederschlug. Pflicht und immer wieder -- Pflicht!«

Der junge Mann sah finster vor sich nieder. Seine starken Fäuste lagen

auf dem Tisch. Ihr Zucken verriet die gewaltige Erregung, die den

Phlegmatischen durchzitterte.

Da fuhr er auf.

»Verflucht sei die Pflicht, die der unschuldigen Freude den Ausdruck

wehrt und das Leben zur Qual macht! Heuchelei und Unnatur ist das,

nichts anderes!«

Linchen war erschrocken zusammengezuckt. In solchem Zorn hatte sie den

Bruder noch nicht gesehen. Sie neigte sich zu ihm und schmiegte sich

zitternd an seine Brust. Diese Bewegung machte den Wütenden ruhiger.

Und im plötzlichen Aufwallen seines mitleidigen Herzens preßte er die

Zitternde an sich. Er wußte, daß ihr Leben noch ärmer an Freude gewesen

war, als das seinige. Seit seiner frühesten Jugend hatte die ältere

Schwester Mutterstelle bei ihm vertreten. Während langer Jahre hatte

sie keine Liebe genossen, bis er herangewachsen war und sie sich beide

fest aneinander geschlossen. Von unscheinbarer Gestalt wie die Mutter

und mit einem tiefen Stachel im Herzen, war sie wie die Verstorbene

freudlos durchs Leben gegangen.

»Linchen, sei nicht traurig,« sagte Heinrich schmeichelnd und strich

der Schwester die Haarsträhnen von den eingefallenen Schläfen zurück.

Sie sah ihn an, und ein ganzer Himmel von Liebe brach aus ihren

vergrämten Augen, seine Freundlichkeit lohnend.

»Ich habe ja dich, Heinrich,« stammelte sie, unter Tränen lächelnd.

Der junge Mann merkte, wie sich auch seine Augen füllten. Da stand er

rasch auf, um Linchen seine Weichheit nicht sehen zu lassen.

Linchen deckte nun schweigsam den Tisch ab, und Heinrich verfolgte

in Gedanken versunken mit den Augen ihre Bewegungen. Dann trug sie

die Kerze wieder zum Nähtisch und setzte ihre Arbeit fort. Da sagte

Heinrich der Schwester gute Nacht und verließ sie.

Als er seine Stube betrat, war die ganze Visitation darin versammelt

und putzte beim Kerzenschein die Gewehre und Uniformstücke für den

Dienst am nächsten Morgen.

Heinrich setzte sich an seinen Tisch am Fenster, stützte den Kopf

in die Hand und sah sinnend hinaus in die Dunkelheit und auf die

gegenüberliegenden Häuser der Ritterstraße. Unten im Speisesaal schälte

eine Kompagnie Kartoffeln; ihr Gesang schallte dumpf aus der Tiefe

herauf:

Was nützet mir ein schöner Garten,

wenn Andre drin spazieren gehn.

Hinter ihm pfiffen die Mannschaften Tanzbodenmelodien und machten derbe

Scherze. Der junge Korporal am Fenster hörte es kaum.

Zu Marschalls sollte er nicht mehr gehen? Die Menschen sollte er

meiden, von denen er so viel Liebes und Gutes erfahren?

Der Vater hatte des Advokaten politische Anschauung getadelt! Wer so

hohe Ehrbegriffe besaß wie Marschall, wer in der ganzen Stadt solche

Achtung genoß und heimlich so viel Wohltaten erwies, -- ein solcher

Mann sollte einen Vorwurf verdienen? Heinrich lachte bitter in sich

hinein, wenn er Marschall mit seinem Vater verglich. Nur ein wenig

möchte der Vater von Marschalls Herzensgüte besitzen!

Des Grübelnden Aufmerksamkeit wurde jetzt auf die Vorgänge in der

Stube gelenkt. Der Gefreite vom Tagesdienst war mit dem Parolebuch vom

Hauptmann zurückgekehrt. Er warf die große Ledertasche auf den Tisch

und schnallte das Seitengewehr ab.

»Kameraden,« sagte er laut und nahm den Tschako vom Kopf, »heute ist

im Körnergarten zur Erinnerung an die Schlacht von Leipzig Tanz. Wie

wär's, wenn wir alle hingingen!«

»Wir haben keine Nachtzeichen,« versetzte einer der Soldaten. »Wenn es

anfängt schön zu werden, müssen wir nach Hause.«

»Ach was,« sagte der Gefreite mit gedämpfter Stimme. »Wenn wir

kein Blech haben, so streichen wir eben Zapfen. Wer hat denn heute

Kasernendienst?«

»Der liebe Gott,« erwiderte ein anderer leise und sah verstohlen nach

dem Korporal.

»Ffft,« machte der Gefreite, »das ist freilich faul!«

Einige der Soldaten stimmten trotzdem für das längere Ausbleiben,

andere fanden es sehr bedenklich.

Da konnte es Heinrich nicht länger aushalten. Er stand auf und ließ

eine Kerze auf seinen Tisch stellen. Dann nahm er seinen kleinen

Spiegel aus dem Schrank, kämmte sich vor ihm sorgfältig das Haar,

zog seinen besseren Waffenrock und die guten Dienststiefel an und

schnallte das Seitengewehr um. Nachdem er noch den Mützenschirm mit dem

Rockzipfel blank gerieben, schloß er seinen Schrank zu und verließ die

Stube.

Der Abend war fast kalt. Leichter Nebel wallte in den Gassen und

trübte die halbkreisförmigen Flammen der Gaslaternen. Auf der Allee

waren jetzt nur noch wenig Menschen. Aber vor den hellen Schaufenstern

drängten sie sich auf dem Bürgersteig.

An der Ecke der Ritterstraße wohnte ein Kaufmann. Heinrich betrat den

Laden und kaufte zwei Dreierzigarren. Hiervon brannte er sich eine an,

während er die andere zwischen die Waffenrockknöpfe schob. Seit kurzem

war ja den Soldaten das Rauchen auf der Straße gestattet, und von

dieser Erlaubnis wurde viel Gebrauch gemacht.

Nun schritt er die Hauptstraße entlang. Ob denn der Vater im Ernst

daran glaubte, daß er nicht mehr zu Marschalls gehen würde? Heinrich

erschien das Verbot mit einem Mal lächerlich. Bis jetzt hatte er in

allem das Geheiß des Vaters befolgt, so schwer es ihm zuweilen auch

geworden war. Aber hier? Hier konnte, nein, hier wollte er ihm nicht

gehorchen! Er hätte damit ja alles aufgeben müssen, was ihm Freude

machte. Denn an dieser Familie hing der junge Mann mit seinem ganzen

Herzen!

Zweites Kapitel

Heinrichs Mutter war als Mädchen bei Marschalls Näherin gewesen und

ihnen auch noch dann treu geblieben, nachdem sie Mißbach geheiratet

hatte. Marschalls hatten die stille Frau lieb gehabt und ihr viele

Wohltaten erwiesen. Es war ihnen bekannt, daß sie an der Seite ihres

polternden und jähzornigen Gatten furchtbar litt. Die liebevollen

Menschen bewunderten die Seelengröße des einfachen Weibes, mit der

sie ihr schweres Geschick ergeben trug. Nie kam eine Klage von ihren

Lippen, und Tröstungen, die man ihr zusprach, wies sie sanft zurück.

Linchen begleitete als kleines Kind die Mutter an ihren Nähtagen

regelmäßig in das Marschallsche Haus. Später tat es Heinrich. Dort

verlebten beide die glücklichsten Stunden ihrer Kindheit. Vor dem

wetternden Vater daheim fürchteten sie sich. In dem alten, dunkeln

Hause des Advokaten dagegen ging ihnen das Herz auf. Hier waltete

köstlicher Frieden. Und die nach dem Hofe gelegene, hoch gewölbte

Galerie, die breiten Treppen mit den angetretenen Sandsteinstufen

und die vielen heimlichen Schlupfwinkel boten ihren Spielen und ihrer

kindlichen Phantasie einen unerschöpflichen Anreiz.

Als Linchen zehn Jahr alt geworden war, durfte sie die Mutter nicht

mehr begleiten. Daheim lag ein großköpfiger, starker Junge in der

Wiege, der die kleinen, dicken Fäuste verlangend nach seiner jungen

Pflegerin ausstreckte. Dieses Brüderchen war das getreue Abbild des

Vaters, was dem Gestrengen nicht wenig schmeichelte. Und er gelobte

sich, den Jungen zu einem tüchtigen Soldaten zu erziehen.

Das Würmchen lag noch in den Windeln, als Feldwebel Mißbach mit der

Erziehung auch schon begann. Nun ist es allerorts sattsam bekannt,

daß die Kinder, besonders im zartesten Alter, gegen die erziehlichen

Einwirkungen der Eltern entschiedene Abneigung besitzen. Auch der

kleine Heinrich betrachtete die hierauf gerichteten Bemühungen seines

Vaters recht argwöhnisch. Der heimliche Zwist zwischen Vater und Sohn

trat etwa um die Zeit offen zutage, als Heinrich die ersten Gehversuche

machte. Vater Mißbach hatte einen harten Kopf, aber auch der seines

Söhnchens war nicht von Pappe. Bedauerlicherweise schien diese Tugend

die einzige zu sein, die sie gemeinsam besaßen.

Noch guckte dem kleinen Heinrich das weiße Zipfelchen fürwitzig aus dem

Hosenschlitz, als er schon seine festen Grundsätze hatte. Und er fand

es recht störend, daß der Vater immer anders wollte, als er. Dennoch

verfolgte er seine Eingebungen mit äußerster Zähigkeit.

Gegen die wie Graupelwetter auf ihn niederfallenden Belehrungen zeigte

Heinrich offene Geringschätzung, und die väterlichen Liebkosungen

waren ihm unbequem. Heinrich offenbarte keine Anlage, jemals ein

rücksichtsloser Draufgänger zu werden, wie es sein Vater war. Im

Gegensatz zu diesem faßte er seine Entschlüsse langsam, und sein

Handeln war träge. Aber in dem beharrlichen Festhalten an seinen

Vorsätzen und in der skrupellosen Verachtung des Eindrucks, den seine

Willensäußerungen machten, war er dem Vater überlegen.

So bestand schon frühzeitig eine Spannung zwischen Vater und Sohn,

deren Ursache ihre gänzlich verschiedenen Charaktereigenschaften

bildeten und welche von Tag zu Tag durch eine Erziehung verschärft

wurde, die zwar das Beste des Kindes wollte, aber doch verkehrt war.

Und als eines Tages der Dreikäsehoch der väterlichen Erziehungskunst

rücksichtslos eine scharfe Abfuhr erteilte, war der Bruch fertig. Dem

Feldwebel Mißbach trat endlich die Galle ins Blut. Mit fester Faust

hob er den jungen Verächter seiner weisen Lehren an der Jacke hoch

in die Luft und hielt ihm mit der Säbelscheide eine aufs knappste

zusammengedrängte Vorlesung über die Pflichten eines braven Kindes --

die übliche letzte Zuflucht, wenn sich die rednerische Begabung als zu

kümmerlich erweist.

Der kleine Heinrich quittierte dieses Höchstmaß aller bisher

empfangenen Prügel mit weithin vernehmlichem Einspruch. Und der

Zufall fügte es, daß sich diese familiäre Auseinandersetzung an einem

schönen Sonntagvormittag mitten auf dem Kasernenhof abspielte. Ihre

Lebhaftigkeit rief die Soldaten aller Kompagnien an die Fenster, so daß

die Exekution sozusagen vor versammelter Mannschaft vollzogen wurde.

Seit diesem Tage lebten Vater und Sohn in offener Feindschaft.

Wenn Mißbach die feinen Regungen der Seele seines Kindes verstanden

hätte, würde er entdeckt haben, daß Heinrich nur mit Hilfe eines

Mittels zu erziehen war: mit Liebe. Hätte der Knabe diese genossen,

wäre er leichter als viele andere Kinder zu zügeln gewesen. So aber

begleiteten ihn auf seinem Lebenswege Strenge und Grausamkeit. Das Kind

mit der fein empfindenden Seele wurde widerspenstig und störrisch, wie

es das Los verprügelter Kinder ist.

Der geringe Rest von Liebe zu seinem Vater verschwand spurlos

aus dem Herzen des heranwachsenden Knaben, als er die unzähligen

feinen Nadelstiche empfand, die der Vater ihm schonungslos -- aus

erzieherischer Notwendigkeit, wie er meinte -- zufügte. Da erstarrte

die kindliche Seele allmählich. Am schwersten freilich litt das

blutende Mutterherz. Bis es den Gram nicht länger tragen konnte und

aufhörte zu schlagen. --

Die Hauptstraße hinabschreitend, hatte Heinrich seine frühe Jugend

wieder einmal an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Bei ihr verweilten

seine Gedanken ungern. Danach aber kamen herrliche Jahre, eine Zeit, um

derentwillen ihm das Leben erst wertvoll erschienen war. Es war sein

Aufenthalt im Marschallschen Hause.

Nachdem Heinrich die Garnisonschule verlassen, willigte der Vater auf

Marschalls Zureden darein, daß sein Sohn den geschätzten Beruf eines

Advokatenschreibers einschlug. So kam Heinrich zu seinen Wohltätern.

Advokat Marschall hatte noch nie einen so anstelligen und gelehrigen

Schreiberlehrling besessen, wie Heinrich es war. Seine Handschrift

war wie in Stahl gestochen, und die Schleifen der Buchstaben waren so

überaus zierlich und wohlgerundet, daß jedermann seine Freude daran

hatte. Bald schrieb er alle notariellen Verhandlungen und feierlichen

Urkunden. Und wenn der Herr Kanzleivorsteher an den hohen Aktenständern

vorüberging, liebäugelte er mit den klaren, wohlgefälligen Aufschriften

auf den Aktenschwänzen und nannte Heinrich im stillen eine wertvolle

Kraft der Kanzlei.

Aber auch in andern Dingen verstand es Heinrich vortrefflich, sich in

die Gunst seines Brotherrn zu setzen.

Frau Marschall war eine gutherzige Dame, die das Vertrauen des

verschlossenen Jungen im Fluge gewonnen hatte. Sie kannte die Qualen,

die er unter der Erziehung seines Vaters erlitten, und ihr weibliches

Empfinden ließ sie ahnen, wie sehr sich Heinrich seit dem Tode seiner

Mutter nach Liebe gesehnt. Deshalb war sie mild und gütig zu ihm und

sorgte für sein Wohlbefinden wie für das ihres eigenen Kindes.

Heinrich erkannte ihre Zuneigung mit unsäglicher Freude, und das

übervolle Herz des Knaben hängte sich an seine Wohltäterin. Er verehrte

Frau Marschall aus tiefster Seele. Wo er sich ihr dienstbar erweisen

konnte, tat er's, und seine unbeholfenen Bemühungen für die grenzenlos

verehrte Frau fanden zuweilen einen rührenden Ausdruck.

Der junge Schreiberlehrling begnügte sich aber nicht allein mit seiner

Tätigkeit in der Advokaturkanzlei.

Wenn Heinrich nach Schluß der Schreibstube in der Küche sein Abendbrot

verzehrt hatte, machte er sich überall nützlich. Mit Hammer und Zange

strich er wie ein guter Geist durch die Räume des alten Hauses,

klopfte hier und da einen locker gewordenen Nagel fest, brachte

geschickt schwer zu schließende Türschlösser in Ordnung, wachte

darüber, daß die leeren Waschfässer nicht eintrockneten und erwarb sich

die volle Gunst der alten Köchin durch allerlei Handreichungen. Kein

schiefhängendes Rouleau entging seinem spähenden Blick, und die Türen

getrauten sich kaum noch, leise zu knarren. Sogleich erschien Heinrich

mit seinem Fläschchen und kitzelte mit dem öligen Federbart ihre

trocken gewordenen Angeln.

Besuchte Frau Marschall das Königliche Hoftheater, so ging Heinrich mit

gravitätischen Schritten hinterdrein und trug den großen Operngucker.

War die Vorstellung zu Ende, so wartete er schon wieder unter einem

bestimmten Baum am Zwingerwall und hing seiner Herrin das schottische

Umschlagetuch zum Schutz gegen die Abendkühle sorgfältig über die

Schultern. Zu Hause angekommen, schloß er die Tür auf, zündete die am

Fuß der Treppe zurechtgestellte Kerze an und leuchtete der Madam vorauf.

Bevor er aber seine Bodenkammer aufsuchte, ging er in die Küche,

briet über der Öllampe gewissenhaft kleine Speckstückchen lecker, als

Nachtschmaus für seine kleinen Freunde, die Mäuse, die er mit einer

engelsfrommen, nicht müde zu machenden Beharrlichkeit bekriegte.

Sobald dann am nächsten Morgen das liebliche Geräusch der Kaffeemühle

an sein feines Ohr drang, stand er hurtig auf und huschte im schlichten

Nachtgewand und auf bloßen Füßen zu den Mausefallen. Und wenn er ein

unglückliches Opfer darin entdeckte, spiegelte sich in seinem Auge

ungeheuchelte Freude.

Mit diesen vielseitigen Talenten machte sich Heinrich im Marschallschen

Hause geradezu unentbehrlich. Überall verspürte man sein stilles

Walten. War etwas verlegt, so forderte man seine Hilfe; er fand es.

Auf dem Boden wußte er unter den alten weggestellten Geräten ebensogut

Bescheid, wie im Keller unter den Einmachetöpfen, Kartoffeln und

Kohlen. -- Heinrich war der Liebling des Hauses.

Die kleine Valentine, Marschalls einziges Kind, war ihm besonders

zugetan. Bereits in früheren Jahren, als er die Mutter an ihren

Nähtagen zu Marschalls begleitete, hatte er mit dem um wenige Jahre

jüngeren Mädchen herzliche Freundschaft geschlossen. Keine von

Valentinens Gespielinnen verstand es so gut, mit Puppen umzugehen, wie

Heinrich. Seine Phantasie war unerschöpflich im Erfinden neuer Spiele.

Jeden Tag sorgte er für Abwechslung. Und seine Geduld und Nachsicht,

die das kleine, herrische Wesen manchmal arg herausforderte, kannten

keine Grenzen. --

Von diesen freundlichen Erinnerungen begleitet, hatte Heinrich den Weg

zurückgelegt und die Schloßgasse erreicht. Nun bog er in die kleine

Brüdergasse ein und betrat das Marschallsche Haus. Schon auf der Treppe

drang ihm ein süßer Duft entgegen. In der Küche stand vor dem Herd die

Köchin und rührte mit einem langen Holzlöffel emsig den Inhalt eines

großen, eisernen Topfes durcheinander.

»Du kommst wie gerufen,« sagte Frau Marschall, als sie ihn bemerkte.

»Valentine, gib dem Heinrich erst mal eine tüchtige Käsebemme, dann

mag er weiterrühren. Ich habe noch ein paar Metzen Pflaumen bekommen,«

setzte sie zur Erklärung für ihn hinzu.

Mit diesen Worten war Frau Marschall aus der Küche gegangen, als sie

noch einmal zurückkam.

»Hast du heute Nachtzeichen?« fragte sie.

Heinrich war verdutzt. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erinnerung an

die Unterhaltung der Soldaten in seiner Stube, die das späte Heimkommen

aufgaben, weil sein Vater Kasernendienst hatte. Da sah er in das

erwartungsvolle Gesicht von Frau Marschall, die, wie es schien, seine

Hilfe brauchte.

»Ja,« log er und legte Mütze und Seitengewehr auf den Fensterstock.

»Das paßt gut. Wir haben heute abend Gesellschaft, da kannst du den

Herren immer frisches Bier hineintragen. Dort in der Ecke liegt das

Fäßchen.«

Damit ging sie.

»Hier ist deine Bemme, Heinrich,« sagte Valentine und legte das

bereitete Käsebrot auf den Küchentisch.

Heinrich biß herzhaft hinein. Das schmeckte besser als das Abendbrot

des Vaters! Dann nahm er der Köchin den Holzlöffel aus der Hand und

rührte das Mus fleißig um.

»Wer kommt denn heute?« fragte Heinrich.

»Ach, du kennst ja doch alle,« antwortete Valentine ausweichend und

unter leichtem Erröten, während die Köchin mit den Kellerschlüsseln

hinausging.

Nun plauderten sie miteinander. Heinrich warf ab und zu einen

verstohlenen Blick zur Seite. Valentine wird wirklich immer hübscher,

dachte er. Zwar war der ausgeprägte Zug um ihren Mund für ein junges

Mädchen zu herb. Aber die schöne, breite Stirn und der ruhige Blick

ihrer braunen Augen gefielen ihm.

Valentine war schon für die Gesellschaft angekleidet. Die einfache,

blaue Wollbluse spannte sich über ihrer kräftig entwickelten Brust.

»Wie geht's Linchen?« fragte Valentine im Gespräch.

Heinrich empfand plötzlich ein Würgen in der Kehle und räusperte sich.

»Gut,« versetzte er etwas kurz, »wie immer.«

»Sie kommt doch von nächster Woche ab _zwei_ Tage?« meinte Valentine

dringlich.

Heinrich wußte nicht sogleich zu antworten. Sollte er beichten, daß

ihnen der Vater heute ihr Haus verboten hatte? Und der Ingrimm stieg

wieder in ihm herauf. Ach, mochte es Linchen doch selbst ausrichten.

Sie würde in den nächsten Tagen sicherlich zu Frau Marschall gehen.

»Wenn du es ihr gesagt hast, wird sie schon kommen,« versetzte er

unwirsch und stieß den Löffel wiederholt nachdrücklich in die Tiefen

des Muses hinein.

Valentine stand auf und trat an den Herd.

»Du tust doch gerade, als ob du den Boden vom Topf stoßen müßtest,«

sagte sie lachend. »So rührt man ja in ganz Dresden kein Pflaumenmus.

Warum bist du denn mit einem Mal so schlecht gelaunt? Bin ich etwa

schuld daran?«

Heinrich fühlte, daß er sich verraten hatte. Die letzten Worte des

Mädchens aber machten ihn verlegen.

Er lächelte und rührte besänftigt weiter.

»Warum sollte ich denn schlechter Laune sein?« warf er gleichmütig hin,

»was du nicht gleich denkst.«

Das Mädchen trat an ihn heran, legte den Arm auf seine Schulter und

strich liebkosend über sein welliges Haar. Heinrich tat, als wenn er

das nicht bemerke, aber ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte ihn.

»An diesen langen Ohren habe ich mich immer festgehalten,« sagte

Valentine und nahm seine Ohrmuschel in die Hand. »Du krochst auf den

Knien in der Stube herum, und ich ritt auf deinem Rücken. Jetzt weiß

ich erst, was für ein gutmütiger Junge du gewesen bist. Kein anderer

hätte meine Teufeleien so willig ertragen wie du. Denkst du noch

manchmal daran, Heinrich?«

Der Bursche stand regungslos über den großen Topf gebeugt, und der

Rührlöffel lag untätig in seinen Händen.

»Laß das Pflaumenmus nicht anbrennen,« mahnte das Mädchen. Da erinnerte

er sich seiner Pflicht und nahm hurtig die Kreisbewegungen wieder auf.

Draußen klangen leichte Schritte, und das Mädchen trat vom Herd zurück.

»Guten Abend, Fräulein Valentine,« tönte im nächsten Augenblick eine

Stimme hinter ihnen.

Heinrich guckte sich neugierig um. In der Tür stand hoch aufgerichtet

ein junger Offizier ohne Säbel und Mütze. Es war Leutnant Allmer von

seiner Kompagnie. Da trennte Heinrich sein Schicksal von dem des

Pflaumenmuses und ließ den Löffel im Stich. Er ruckte zusammen und nahm

militärische Haltung an. Der Offizier blickte überrascht zuerst auf den

Korporal, dann auf das Mädchen.

»Rühr' weiter, Heinrich,« sagte Valentine ruhig und wandte sich

an den Eintretenden. »Guten Abend, Herr Leutnant. Sie lieben

Überraschungen ...«

Den jungen Offizier machte diese Begrüßung sichtlich sehr verlegen. Er

schlug die Hacken zusammen und ergriff rasch die dargebotene Hand.

»Ihre Frau Mutter schickt mich ... sie sagte ... ich solle doch gleich

einmal ... Sie seien in der Küche ...«

»Rühr' weiter, Heinrich,« gebot Valentine noch einmal dringlich,

als sie sah, daß dieser noch immer steif stand. Denn Mannszucht und

Überraschung hielten den jungen Korporal im Bann. Auf die abermalige

Mahnung gedachte er wieder des Pflaumenmuses und rührte nun um so

geschwinder.

Mit ruhiger Sicherheit wandte sich das Mädchen wieder zu dem Offizier:

»Ich darf es der Mutter nicht länger überlassen, die Gäste allein zu

bewillkommnen. Gehen wir hinein, Herr Leutnant.«

Während Valentine das sagte, näherten sich auf dem Gang gewichtige

Schritte der Tür, und ein großer, wohlbeleibter Mann mit weißem

Haupthaar und Vollbart trat in die Küche. Leutnant Allmer eilte auf ihn

zu:

»Herr Advokat ...«

»Ei der Tausend,« rief dieser erfreut, »willkommen!« und reichte ihm

die Hand. »Wollen Sie nicht immer hineingehen, Herr Leutnant? Aber ich

hörte doch, der Heinrich sei da? Ah, da ist er ja. Stich flink das

Fäßchen an, Heinrich, und bring' uns Bier.«

»Rück' den Topf vom Feuer,« rief Valentine.

»Ach so, der Junge rührt Pflaumenmus,« meinte Herr Marschall, wobei

sich sein breites, gutmütiges Gesicht zu einem Lächeln verzog.

Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849 · 第 1 / 18 段