»Ha! Sie lesen etwas Tragisches!« rief mein Freund. »Das ist köstlich;

nur zu! Wir wollen ihr Pathos beobachten.« Er machte rasch die Türe

auf; welch sonderbarer Anblick! Auf einer Erhöhung saß der Leipziger

und heulte laut; es wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, und sein

Lieblingsdichter hatte für diesen Zustand gesorgt. Neben ihm saß der

neue Gesell; sein Schmerz war nicht minder tief, aber er beherrschte

ihn mit männlicher Festigkeit; doch auch ihm hing eine Perle in den

Wimpern. Auf der Seite saßen fünf oder sechs hübsche Mädchen, unter

denen ich Karolinchen sogleich erkannte; sie schienen einem geliebten

Toten ein letztes Opfer zu bringen, denn sie wischten mit den Schürzen

ihre schönen weinenden Augen, und in ihren Mienen war ein so wahrer

Ausdruck von Kummer und namenlosem Jammer, daß ich über die Tiefe ihrer

Empfindungen staunte.

Sie nickten uns zu, wir nahmen schweigend Platz. »Tu nur nicht

so erschrecklich, Leipziger!« sagte der neue Gesell mit dumpfer,

gebrochener Stimme. »Sie wird ja bald vollends ausgerungen haben, die

arme Seele; machen Sie nur gefälligst weiter, Jungfer Köhlerin.«

Diese wischte ihre Tränen ab, die wie ein Wasserfall herabrollten, und

las mit zitternder Stimme weiter.

Sie hatte geendet und legte schnell das Buch nieder; die Mädchen

weinten noch etwas weniges in der Stille fort; der Leipziger aber

vertrank seinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres.

»Wir sind heute leider zu spät gekommen, um noch etwas von Ihrer

Lektüre profitieren zu können. Was haben Sie heute gelesen?« -- »Rochus

Pumpernickels Tod;« antwortete der neue Gesell. »O, Herr Doktor, das

ist eine so grausam rührende Geschichte, als im ganzen Evangelium keine

steht!« -- »So? A. v. S. macht auch rührende Geschichten?« fragte jener

weiter. »Ich habe bisher geglaubt, er sei immer nur fröhlich und heiter

und lasse seine Leutchen heiraten, nebst schöner Mitgift von ein paar

Milliönchen?« -- »Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,« entgegnete

Karolinchen; »es ging so hübsch und fröhlich an.« -- »Das ist gerade

das Schöne, daß man glaubt, es komme alles so freudig wie immer, und

dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das ist um so

rührender, daß einem die Tränen unwillkürlich laufen; ach, und wie wahr

ist es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist

ja der Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim gelesen

habe, und viele andere rührende Historien. Und sieht man es nicht alle

Tage?« setzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte. »Wie

viele zärtliche Liebschaften hat schon das grausige Schicksal getrennt!«

Karolinchen weinte still; der Leipziger aber schlug mit dem Hammer auf

den Absatz eines Stiefels, daß es Funken gab. »Den Kerl, den Alten

soll der Teufel holen; er ist an allem schuld, der heimtückische

Sackermenter; hier möcht' ich ihn haben, zwischen meinen Knieen, ich

wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!« -- »Ja, der ist an allem schuld,«

klagten die Mädchen. -- »Sie lieben also diesen Schriftsteller?« fragte

ich. »Sie scheinen ihn allen andern vorzuziehen?« -- »Gewiß!« sagte der

neue Gesell. »Sehen Sie, es mag wohl sonst noch Dichter geben; aber

sie sind nur für die vornehmen Leute, sie sind uns zu hoch; da ist nun

A. v. S. gerade recht für uns, so gemein wie er schreibt keiner. Ihn

verstehen wir; wenn er etwas sagt, so weiß man auch, was er will. Ich

kann Ihnen versichern, es ist mir oft, wenn ich ihn lese, als säße ich

im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger,

erzählte mir eine schöne Geschichte.«

Ich sah mich nach meinem Freund um, er saß ganz ernsthaft da und rief

alle Augenblicke aus: »Es ist zum Erstaunen!«

»Und Kernmädchen hat er,« fuhr der große Kritiker fort, »so schön

und köstlich, daß einem ordentlich der Mund wässert. Nicht wahr, ihr

Jungfern?«

Die Mädchen erröteten, doch, was sie sich lächelnd in die Ohren

flüsterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umstoßen.

»~Vox populi, vox Dei!~« sagte ich. »Denken viele Leute so wie Sie?«

-- »Ich bin weit herumgekommen,« erwiderte er mit Feuer, »aber überall

fand ich die gleiche Liebe für diesen Mann! Alle Handwerksburschen von

Bildung lassen sich für ihn totschlagen.«

Der Doktor stand auf, er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört,

um seine Behauptung bestätigt zu finden. Wir nahmen Abschied von diesem

ästhetischen Klub und gingen. Unter der Haustür nahm er meine Hand.

»Nun, was meinen Sie?« sagte er, indem Spott und Hohn um seinen Mund,

aus seinen Augen blitzten. »Glauben Sie jetzt, daß auch in Deutschland

ein Schriftsteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit Ihren

Franzosen, die ihren Voltaire hinter dem Pfluge lesen und von den Reden

eines Foy in den ärmlichsten Hütten begeistert sind? Kann nicht auch

bei uns ein großer Geist durchdringen und ein Mann des Volkes allgemein

werden?« -- »Ja,« erwiderte ich und drückte ihm die Hand, »er kann es,

wenn er es versteht, gemein zu sein.«

Ein paar Reisestunden.

Ein Bruchstück.

Vorwort an Madame J. Floret,

Eigentümerin des ~Hôtel de Flandre, Rue Notre Dame des Victoires à

Paris~.

Sehr verehrte Frau!

Sie gehören unter die wenigen Menschen, die mir auf mein ehrliches

Gesicht hin und ohne andern Schein als etwas Scheinheiligkeit getraut

haben, und ich würde Ihre trefflichen Eigenschaften, ein gutes Herz,

nachsichtige Augen, ein offenes Ohr und einen für ~Rue Notre Dame des

Victoires~ hinlänglichen Verstand, öffentlich gemacht haben, auch wenn

ich es Ihnen nicht versprochen hätte.

Als ich, versehen mit allem, was ein mutiges, junges Herz unterstützt,

in Ihr Haus trat, da dachte ich freilich nicht, es einst so plötzlich

verlassen zu müssen; doch wäre auch jene Begebenheit schon damals

vor meiner ahnungslosen Seele gestanden, an eine so romantische,

samaritanische, beinahe unglaubliche Zuversicht einer Eigentümerin

eines Hotel garni hätte ich nie geglaubt.

Ich vergesse jenen Abend nie, als ich vor Schrecken, Unwillen und Angst

beinahe leblos, bei Ihnen eintrat, nach meiner Rechnung fragte und

Ihnen gestand, daß ich abreisen müßte. Ich hatte von allem gemünzten

Gold, das auf der Erde umherrollt, noch zwei Zwanzigfrankstücke,

von dem ungemünzten in Barren, Gefäßen und Geschmeiden einen Ring,

und alles übrige Schätzbare bestand in einigen Kleidern, welche

rechtlicherweise noch nicht mein gehörten.

Ihr Scharfblick, verehrte Frau, oder nenne ich es lieber barmherzigen

Instinkt? kurz, jene unbegreifliche Ahnung sagte Ihnen in _einem_

Augenblicke alles; Sie schlugen das wohlbekannte Buch von grünem

Saffian auf, Sie lispelten freundlich: vierhundertundfünfzig Frank, und

ich wiederholte mit bebender Zunge: vierhundertundfünfzig! Und als ich

Ihnen dann meinen Kummer auseinanderzusetzen wagte, wie gütig waren Sie

da, wie mütterlich besorgt fragten Sie nach den kleinsten Umständen!

Genug! Sie haben mir aus einer Verlegenheit geholfen, die, so klein

sie dem Namen nach sein mochte, für mich in jenem Drang der Umstände

niederdrückend, schmerzlich war. Es war in meinen Augen, obgleich ich

gewiß war, schon im folgenden Monat meine Schuld tilgen zu können,

nichts anderes als ein Geschenk; denn konnten Sie wissen, daß ich

ehrlich genug sein werde, die Summe heimzuzahlen? Und mit welcher

Urbanität wußten Sie es zu bieten! Wie fein wußten Sie der peinlichen

Notwendigkeit, eine Wohltat annehmen zu müssen, alles Drückende zu

benehmen! Es ist heute ein Jahr seit jenem Abend verflossen, aber noch

heute steht jedes Ihrer Worte deutlich und wie gedruckt vor meiner

Seele. »Es haben schon viele deutsche Doktoren bei mir gewohnt,«

sprachen Sie, bald auf Ihr Buch, bald auf mich blickend, »meistens

~au cinquième~ und ~quatrième~, Sie sind der erste gewesen ~au

second~; alle haben geraucht wie Sie, alle haben schlecht Französisch

gesprochen, alle verlangten anfangs ein Kopfkissen von Federn statt

meiner trefflichen Rollen von Roßhaar, keiner von ihnen konnte mit dem

Kaminfeuer zurecht kommen, fast alle schrieben den ganzen Vormittag,

oft bis vier Uhr, und Gott weiß, was sie geschrieben; aber alle waren

redliche, ehrsame Leute und mir, ich gestehe es (ihre runden Köpfe

und blonden Haare abgerechnet), lieber als meine jungen Landsleute,

die über einen unpolierten Nagel an der Wand eine Stunde sprechen

können und doch nicht mehr wert sind, als daß man sie daran aufhänge.

Ich habe gehört,« fuhren Sie fort, »daß alle diese jungen Herren,

wenn sie nach Deutschland zurückkehren, unsere schöne Hauptstadt in

Büchern beschreiben und weitläufig erzählen, was sie daselbst gehört

und nicht gehört, gesehen und nicht gesehen haben. Mein Vetter,

Doktor Q--, Sie müssen ihn oft bei mir gesehen haben, und die Leute

behaupten, er sehe mir ähnlich, obgleich sein Teint dunkler ist als

der meinige, nun dieser Vetter ist Mitarbeiter am Globe, und es ist

nicht die schlechteste Zeitung, die in Paris gelesen wird. ›Die

Deutschen, Madame,‹ sagte er mir oft, ›sind in der Gesellschaft nicht

zu gebrauchen, aber die Feder ist ihre Zunge; sie sind treffliche

Leute mit der Feder und in der Tat gelehrt; ihre Literatur fängt an,

bei uns bekannt zu werden, und es ist nicht das Schlechteste, was wir

vom Auslande empfangen.‹ So sprach er oft, und meine Achtung vor Ihren

Landsleuten stieg.

»Monsieur Off,« fuhren Sie fort, denn mein Name war Ihnen nicht

geläufig, »Sie haben viel geschrieben, solange Sie auf Nr. 15 im Hotel

de Flandre waren. Doktor K., Ihr Landsmann, hat mir auch versichert,

daß man schon einige von Ihren Schriften gedruckt habe; Monsieur Off,

gegen einen solchen Mann kenne ich meine Pflichten, und diese Rechnung

(Sie machten einen dicken Strich dadurch) soll Ihnen nicht länger

beschwerlich fallen; aber Sie werden auf Ihrer Seite auch so gütig

sein, meiner und meines Hauses in Ihrer nächsten Schrift zu erwähnen,

und ich weiß, diese vierhundertundfünfzig Frank werden mir dann schöne

Zinsen tragen.«

Wahrlich, verehrte Frau, noch zur Stunde kann ich nicht glauben, daß

es Ihnen mit jener Bitte ernst war; denn wer von meinen Landsleuten

wird gerade deshalb, weil ich dort wohnte, Ihr Hotel beziehen? Dies

Buch, vor welches ich Ihren Namen setze, Sie selbst können es nicht

lesen, und Jean, ~le garçon~, spricht zwar die Worte Brot, Schnaps,

Salz, Wein, Wurst, Bett, die er auf seinen militärischen Durchreisen

bei uns zu lernen die Gnade hatte, deutlich genug aus; aber auch

er wird unsere Buchstaben so wenig lesen können als die gotischen

Charaktere an den Butiken der deutschen Schneidermeister, die ihn oft

zu Verwünschungen steigerten. Vielleicht wohnt irgend einer meiner

Landsleute ~au quatrième~, und in diesem Fall können Sie sich einige

Kapitel übersetzen lassen, vorausgesetzt, daß Sie sein _ang_ und _ong_

verstehen.

Auf jeden Fall aber müssen Sie sich durch Ihren gelehrten Vetter

von der Redaktion des Globe ein Certifikat verschaffen, daß ~à la

tête~ dieser Schrift wirklich eine Zueignung an Sie zu lesen ist,

denn Sie könnten glauben, dadurch, daß ich darauf bestand, meine

Rechnung zu tilgen, habe ich mich von meinem Wort und einer angenehmen

Pflicht losgesagt. Wem könnte ich ein Buch, in dem meine Landsleute

flüchtige Zeichnungen der Sitten Ihres und meines Volkes finden

sollen, würdiger zueignen als einer liebenswürdigen Repräsentantin des

neuen Frankreichs, einem Kinde der Revolution, das, obgleich so weit

entfernt von Politik als vom Studium der Geographie, die Abschnitte

seines Lebens nach den Leiden und Freuden seines Vaterlandes zählt?

Sie wurden von der Sturmglocke des dreizehnten Vendemiaire aus

Mutterleibe geläutet; als Bonaparte sich die Krone Karls des Großen

auf die Stirne setzte, warf Sie, Neugierige, eine Volkswelle an die

Treppe des ~Hôtel-Dieu~; die Stirnnarbe, die Sie davontrugen, ist noch

nicht verschwunden, aber sie steht Ihnen gut, und Sie wissen es. Bald

fluchte Ihr junges, der Liebe erschlossenes Herz Cäsarn und seinem

Glück, denn Ambroise, der hübsche Kommis aus der ~Rue Montmartre~,

sollte als Voltigeur helfen Rußland erobern, und bald beweinten Sie

Frankreich und sich -- Ambroise mit erfrornen Beinen konnte nicht

wieder über die Beresina voltigieren. Monsieur Floret war Ambroises

Nachfolger in der Wohnung Ihres Herzens; jedoch erbte er nicht das

ganze Appartement, er mußte sich mit _einer_ Kammer begnügen, die

andern blieben für Ambroises Andenken verschlossen. Alle Kammern

konnten sich indessen nicht enthalten, bange zu klopfen, als Herr

Floret im Kleide der Pariser Nationalgarde, Gewehr im Arm, Abschied

nahm, um an die Barriere zu fliegen, und Sie -- zum letztenmal umarmte,

ehe er unter Blüchers erstem Kanonendonner wiederkam. Frankreichs

Geburtswehen beschleunigten Ihr Glück. Sie stiegen mit Ludwig XVIII.

auf den Thron des Zahltisches und saßen ungleich fester, denn Sie

bedurften seitdem keiner Restauration; ja, Herrn Florets Tod, der an

dem Tage, wo der alte Lilienstengel eine junge Knospe trieb, zu ~Père

la Chaise~ schlafen ging, statt ihn zu erschüttern, diente dazu, ihn

zu befestigen. -- Leben Sie wohl auf Nimmerwiedersehen; einfache und

-- meine Landsmänninnen mögen die Nase rümpfen, so viel sie wollen --

tugendhafte Frau; Ihr Andenken soll mich begeistern, wenn sich die

liebenswürdige Seite Ihres Volkes mir zuwendet, ich werde sie aufsuchen

und mit Liebe aufsuchen, und ewig sollen mir die Worte unvergeßlich

bleiben, die Sie im Augenblicke des Abschieds, anfangs in einem Tone,

als seien Sie die Sprecherin Ihrer Nation der meinigen gegenüber, dann

mit zitternder Stimme und mit feuchtem Auge sprachen: »Monsieur, ich

achte Ihre Nation, und diese Achtung hat sich vermehrt, seitdem ich die

Ehre hatte, Sie kennen zu lernen. Reisen Sie glücklich, und kommen Sie

schnell wieder in das schöne Frankreich, wenn Sie zu Hause friert --

~car je suppose, qu'il n'y a pas loin de chez vous aux glaces, où mon

pauvre petit Ambroise a péri~.«

* * * * *

Es sind schon so viele Reisen nach Paris geschrieben und gedruckt

worden, daß man eine eigene Bibliothek davon errichten könnte, und

es scheint, es sei eine sehr überflüssige Mühe, nach der tausendsten

noch die tausendunderste herauszugeben; dennoch kann keinem Reisenden

das Recht bestritten werden, seine eigene Reise zu beschreiben, so

wenig als einem verboten werden könnte, seine Biographie oder Reise

durchs Leben herauszugeben, weil er etwa nur Nachtwächter, Doktor der

Philosophie und nicht König, Kaiser oder Goethe war; jeder lebt, denkt

und reist anders als sein Vordermann, und es kommt am Ende weder auf

die Reise, noch auf die Beschreibung, sondern darauf an, ob einer etwa

so viele Leser findet, als ich mir wünsche.

Vergebens würde übrigens einer aus meiner Reisebeschreibung zu

berechnen hoffen, wie viele tausend Taler ein junger Mann etwa in einem

Monat brauchen könnte, wo die besten Nachtlager und die teuersten

Mittagessen, wo die höchsten Türme und die breitesten Straßen seien.

Vergebens wird einer, der töricht genug ist, sie als ~Guide des

voyageurs~ mitzunehmen, nach andächtigen Empfindungen und richtigen

Notizen über irgend ein bedeutungsvolles Monument blättern; ich

schreibe weder zur Erbauung noch zur Bereicherung der Geographie, ich

dränge niemand meine Empfindungen auf, denn jeder hält am Ende doch

seine eigenen für die besten; ich will nur wiedererzählen, was ich

gehört habe, nur einiges Vorübergehende, aber Bedeutungsvolle, was

andere nicht gesehen haben, will ich beschreiben.

Darunter gehört zum Beispiel nicht das Städtchen Saarlouis, sondern die

Leute, die von dort aus in dem Metzer Eilwagen mit mir fuhren; obgleich

es beinahe so viele Geschichten von Postwagen gibt als Gespenstersagen

und Lichtkarzmärchen, so bin ich doch versucht, von einigen dieser

Personen zu sprechen.

Ich saß in einer Ecke und mußte es mir gefallen lassen, wenn mich die

übrigen so aufmerksam betrachteten wie ich sie; es ist mir übrigens

gewiß nicht zu verargen, wenn meine Blicke hauptsächlich auf einer

jungen Dame mir gegenüber hafteten, von deren Antlitz ich freilich

nichts sah als eine dunkle Locke und ein glänzendes Auge; denn eine

große Kapuze, welche sie am Mund mit einem Tuch verschlossen hielt,

umhüllte den Kopf; daß sie jung sei, sagte mir nicht nur die schlanke

Taille, die Behendigkeit, womit sie in den Wagen gestiegen war, sondern

auch ein gewisser Aberglaube, denn meine Base in Frankfurt hatte mir

prophezeit, ich werde mit einer schönen jungen Dame nach Paris fahren.

Ich bemerkte, daß ihr die Stellung der nächsten vier Füße unbequem sei,

machte ihr Raum, konnte aber nicht verstehen, in welcher Sprache sie

mir dankte, denn ich hatte bei dem Manöver einen dicken Mann, ihren

Nachbar, auf seinen Leichdorn getreten, und er brummte vernehmlich und

deutsch. Es war morgens vier Uhr, die Luft kühl, aber gegen acht Uhr

mußte nach meiner Rechnung der Nebel und mit ihm die Kapuze der schönen

Nachbarin fallen.

Ein Mann mit kühnem, dunklem Gesicht und schwarzen Falkenaugen,

einem schon ins Graue spielenden Bart um die Oberlippe, saß in der

anderen Ecke neben dem dicken Mann. »Ein echt französisches Gesicht,

ein Offizier,« dachte ich, »und zwar einer von der alten Armee und

auf halbem Sold, denn seine Kleidung ist etwas ärmlich, er sieht

unzufrieden aus und will wahrscheinlich die Ehrenlegion Heinrichs IV.

nicht tragen, denn er hat kein Band im Knopfloch. Welche Gedanken

sprechen aus diesem dunkeln Auge! Dieselbe Straße nach Deutschland

ist er in der Revolution als junger feuriger Patriot, nachher als

Offizier des Kaisers, vielleicht an der Spitze eines Regiments gezogen!

Auf diesem Wege vielleicht hat er seine tapfern Truppen aus den

Feldzügen von Sechs und Neun zurückgeführt! Jetzt bezeichnet ihm diese

Kaiserstraße nur noch wehmütige Erinnerungen ehemaliger Größe; noch

lange nicht ist seine ganze Generation ins Grab gestiegen, und doch

ist alles dahin vorangeeilt, was ihnen groß und teuer war, und dieses

schöne Frankreich deucht ihnen ein großer Kirchhof, wo ihr Ruhm und

ihre Hoffnungen begraben liegen und auf eine frohe Urständ warten.«

Der kleine junge Mann an meiner Seite könnte etwa ein angehender

Kaufmannsdiener sein; in meinem Herzen halte ich ihn aber für einen

deutschen Schneider, der nach Paris reist, um sich auszubilden. Noch

gibt es einen jungen Menschen in einem blauen flandrischen Hemde an der

Seite meines Nebenmannes; er schläft schon und ist seinem Gesicht nach

unbedeutend.

Bis jetzt wurde noch kein deutliches Wort unter der Gesellschaft

gewechselt. Nach und nach schlafen die meisten, nur das Auge der jungen

Dame sehe ich hie und da aus der Kapuze leuchten.

_Fünf bis sechs Uhr morgens._

Der dicke Mann schnarcht schrecklich; sein Kopf droht auf die Schulter

der jungen Dame zu sinken, ich bringe ihn durch einen kleinen Fußtritt

zu sich selbst, er fährt auf, setzt sich zurecht, schläft wieder ein

und schnarcht von neuem. Seine Bewegung hat den französischen Oberst

erweckt; er sieht sich unzufrieden und stolz um. Es gefällt mir nicht,

daß er eine ungeheure Dose von Horn hervorzieht und schnupft; er

schläft bald wieder ein.

Die Morgenluft weht immer kälter. »Soll ich vielleicht das Fenster

vorziehen? Wird es Ihnen nicht zu kalt?« fragte ich so freundlich als

möglich die junge, schöne Dame und denke erst bei »zu kalt« daran, daß

wir längst auf französischem Boden sind und Mademoiselle kein Deutsch

verstehen wird. Aber sie antwortet mit heller, wohltönender Stimme,

jedoch ohne die Kapuze zu lüften: »Wenn es Ihnen selbst nicht zu kalt

wird, danke ich; ich bin wohl verwahrt.«

Also eine Deutsche, dachte ich, nun, um so besser, da werde ich doch so

bald unsere Sprache nicht verlernen. »Ihr Nachbar, mein Fräulein,« fuhr

ich fort, »ist wohl etwas unbequem für Sie; der Wagen ist zu enge, als

daß ein solcher Koloß mit Recht in der Mitte sitzen dürfte.«

»Und doch möchte ich ihn noch weniger zum Tete-a-tete,« erwiderte sie.

Ich errötete beinahe über diese Artigkeit und war doch eitel genug zu

fragen: »Und warum?«

»Ich denke, ein schlafender Koloß würde nicht so artig sein, auf meine

Bequemlichkeit Rücksicht zu nehmen.«

Ich weiß nicht, ob sie mir wirklich dadurch für ihre Sicherstellung vor

den breiten Hufen des dicken Mannes danken wollte, aber ich verbeugte

mich, murmelte etwas von Schuldigkeit gegen Damen und war in demselben

Augenblicke wieder unmutig über mich selbst; weil sie doch vielleicht

mich nicht gemeint hatte, ließ die angeknüpfte Unterhaltung fallen

und suchte wie ein gleichgültiger Reisender auszusehen, obgleich noch

mancher Streifblick an dem glänzenden Auge der jungen Dame vorüberflog.

_Sechs bis sieben Uhr._

Die Pferde werden gewechselt; die Schlafenden erwachen und starren

mit glanzlosen, schläfrigen Augen auf einige zerlumpte Weiber und

Kinder, die mit ihrem kreischenden Patois und ihren Holzschuhen einen

unangenehmen Lärm machen. Der Oberst zieht an einem alten ledernen

Riemchen eine silberne Uhr aus der Tasche, und ich denke, er müsse

seit der Restauration sehr zurückgekommen sein. Der dicke Mann hat

ein unerträglich dummes Gesicht, und wenn ich ihn nicht für einen

Viehhändler halte, so ist nur seine reinliche Kleidung schuld; ich

mache ihn zu einem holländischen Krämer. -- Man fuhr weiter, und aufs

neue zogen mich die melancholischen Züge des Obersten an. Er sang ganz

leise vor sich hin ein Liedchen, das er mit den Silben »Leon« und einem

tiefen Seufzer endete; ach! es war Napoleon, sein Held, sein Kaiser,

von welchem er sang! Jetzt zog er eine Schreibtafel heraus, die, ich

muß es gestehen, ein wenig schmutzig und verbraucht war; aber nur um

so interessanter schien sie mir, denn sie war wohl ein Andenken an

einen gefallenen Kameraden; er hatte, stellte ich mir vor, als er

einst nachts beim Mondlicht über das Schlachtfeld ritt, die bleichen

Züge seines Freundes erkannt, er schwang sich vom Pferd, kniete nieder

zu ihm, rief mit schmerzlichen Tönen seinen Namen, aber jener hörte

nicht mehr, die bleichen Lippen, die er küßte, sie konnten seinen

Abschiedsgruß nicht erwidern. Da nahm er mit einer männlichen Träne

jenes Andenken, und es hat ihn in Glück und Unglück begleitet. Ich sah

wieder nach ihm hin; er warf bald nachdenkliche Blicke über das Land

hin, bald zeichnete er mit fester Hand seine Gedanken auf, und nichts

schien mir gewisser, als daß dieser alte Offizier (ich ließ ihn jetzt

zum General avancieren) das Land durchfliege, um seine militärischen

Erinnerungen aufzufrischen und -- seine Memoiren über die Feldzüge der

Franzosen zu ergänzen.

_Sieben bis acht Uhr._

Die junge Dame ist eingeschlafen oder scheint wenigstens zu ruhen; noch

immer ist ihr Gesicht neidisch verhüllt. Der junge Schneider an meiner

Seite läßt seinen großen Hummerkopf bald links, bald rechts fallen,

ohne aufzuwachen. Aber der junge Bursche im blauen Hemd ist erwacht,

und wunderbar! zwischen ihm und dem General oder Oberst entspinnt sich

ein Gespräch; ich lausche, aber es ist nicht Englisch, nicht Deutsch,

weder Französisch noch Holländisch; am meisten Aehnlichkeit hat es mit

dem Italienischen, und ich würde den Offizier für einen Korsikaner

oder einen Veteranen der italienischen Armee halten, kämen nicht Worte

in ihrem schnellen Gespräche vor, die völlig fremd tönen. Doch muß es

wenigstens nicht die Muttersprache des Jüngern sein, denn er scheint

sich hie und da auf den rechten Ausdruck zu besinnen, und der ernste

ältere Mann weist ihn mit einem leichten Lächeln zurecht. Der dicke

Holländer ist jetzt mit tiefem Stöhnen auch erwacht, betrachtet seine

Nachbarn einen Augenblick aufmerksam, lauscht auf ihre Sprache und

fragt dann langsam und höflich: »~Vos este Espanol, Senor?~«

Ah! dachte ich, vielleicht ein edler, vertriebener Spanier, vielleicht

ein Genosse Minas?

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 25 / 26 段