immer klarer wird es mir, daß ein sehr reines Verhältnis zwischen
Karolinchen und dem Pariser besteht. Wenn etwas Unchristliches in
dieser Liebe wäre, so müßte es in der Art, wie sie zusammen scherzen,
sich zeigen; der Pariser könnte nicht so zart seine Glut verraten;
er würde, wenn er schon höhere Rechte sich zugeeignet hätte, nicht,
wie ich wohl bemerkt habe, um ein Küßchen so lange betteln und sogar
schmollen, wenn er es nicht bekommt. Karolinchen könnte nicht mit
jenem heitern, ungetrübten Mut Scherze selbst beginnen, könnte ihn
nicht aus ihren klaren Augen so treuherzig anblicken, wenn sie sich
etwas Unchristliches bewußt wäre. Es ist etwas Heiliges, Holdes
um die Unbefangenheit der ersten Liebe, sollte sie sich bei einem
Schustergesellen und seines Meisters Tochter oder in dem Boudoir einer
jungen Fürstin zeigen; es ist der herrliche Schmelz, den die Unschuld
aushaucht; keine Kunst ersetzt ihn wieder, wenn du ihn abstreifst.
Oder kann der Maler dem Schmetterling die Flügel wieder malen, wenn
eine rauhe Hand ihn betastet und den Blütenstaub verwischt hat, womit
die Natur seinen bunten Mantel überkleidete? Ist nicht die sanfte Röte
auf den Wangen eines schönen Kindes ein solcher Blütenstaub? Wird die
Schuldbewußte erröten, wenn der Geliebte um ein Küßchen bittet? Wird
sie die Augen niederschlagen? Die Kunst einer Kokette geht weit; sie
kann durch großes Studium vielleicht lernen, wie und wo man die Augen
niederschlagen müsse; aber jenen holden jungfräulichen Schmelz, jenes
~rouge fin~ der Natur, kann sie bei ~Laugier père et fils, rue bourg
l'abbé à Paris~ nicht kaufen.
Ich traute daher lieber meinen Augen und meinem guten Opernglas als
der bösen Zunge der alten Christel, meiner Aufwärterin, die mir das
Verhältnis der beiden Leutchen als ein unchristliches schilderte. Ich
hatte ein Paar Pantoffeln nötig, was war natürlicher, als daß ich
meinen Nachbar, den Russenschuster, mit diesem Auftrag beehrte? Ich
hatte dabei noch eine Nebenabsicht. Der alte Russe, dachte ich, ist
wohl zu bequem und vornehm, als daß er sich zu mir bemüht; Brenners
Karlchen, den Lehrjungen, kann er auch nicht wohl schicken, um mein
Maß zu nehmen, folglich werde ich den Pariser bei mir sehen. Die
alte Christel wollte mir zwar das Vorhaben mit Gewalt ausreden; sie
behauptete, daß ich bei dem reichen Nachbar das Doppelte werde zahlen
müssen, aber es half nichts, sie mußte hinüber. Sie kam bald wieder und
berichtete, man werde kommen; sie lächelte dazu vor sich hin, als wüßte
sie noch etwas, das sie sich unbefragt nicht zu sagen getraue. Ich
konnte ihr schon den Gefallen tun, zu fragen, denn sie schwatzte gerne.
»Als ich hinüberkam,« sagte sie, »und ausrichtete, daß Sie ein Paar
Pantoffeln wünschten, da -- nein, ich kann es nicht sagen --«
»So sprich doch, Alte! was sagten sie denn?«
»Karolinchen sah recht mitleidig aus und sagte: ›Ach, zu dem bleichen
Herrn im zweiten Stock drüben? was fehlt ihm denn? er ist immer zu Haus
und sieht so trübselig durchs Fenster;‹ und der Pariser sagte: ›Ja, und
wenn er ausgeht, so sieht er so ernst und traurig aus, was fehlt ihm
denn?‹«
»Nun? und was sagtest du, Alte? Was gabst du zur Antwort?«
»Na, ich weiß es ja selbst nicht; ich sagte, es müsse Ihnen jemand
gestorben sein, Sie gehen meist in schwarzen Kleidern; und da meinten
sie -- hi! hi! da sagte Karolinchen: ›Ach, gewiß ist ihm sein Schatz
gestorben, dem armen Herrn, oder es geht ihm gar wie dem armen jungen
Werther, der auch so viel gelitten hat.‹«
Die guten Seelen! dachte ich; weil sie lieben, so kennen sie kein
anderes Leid als die Trauer der Liebe! Wie unendlich prosaischer
ist doch mein Kummer! Freilich ist mir ein Schatz gestorben; der
Leipziger Magister hat ihn gewonnen. Die alte Tante ist es, der meine
Melancholie gilt, der seligen Idoina, der Mitarbeiterin an der Zeitung
für noble und gebildete Leute. Wie prosaisch, wie so ganz miserabel und
unpoetisch! Meine Farbe spielt etwas ins Blasse, was ist natürlicher,
als daß ich Kummer habe? Ich bin viel zu Hause, ich muß über meinem
Kummer brüten; ich sehe melancholisch aus, ich könnte schwer verdauen,
ich könnte einen Roman unter falschem Namen geschrieben haben und
deswegen auf Geldbuße angeklagt sein. Aber dies alles ist uns
heutzutage zu prosaisch -- er ist melancholisch, er muß Liebeskummer
haben, ganz erschreckliche Seelenleiden; sogar die Schustermamsell, die
liebende, weiß gleich, wo einen der Schuh drücken könnte. In welcher
Schule mag sie das gelernt haben? Ja, sie hält mich für größer als ich
bin; sie vergleicht mich sogar mit dem jungen liebenden Werther, dem
unvergeßlichen; und ich -- muß erröten, jene enorme Höhe von tragischem
Pathos noch nicht erreicht zu haben!
Mit diesen Betrachtungen beschäftigt, sah ich den Pariser aus dem Hause
treten. Er sah gar nicht übel aus, und ich konnte es Karolinchen nicht
verdenken, daß sie gern mit ihm scherzte. Er war nett und elegant
gekleidet, denn zu solchen Besuchen wurde der Sonntagsstaat angelegt.
Er ist ein hübscher, gedrungener, untersetzter Bursche, lebhaft,
gewandt; es kann ihm nicht fehlen, er muß bei den Mädchen Glück machen.
Schon der Name, der _Pariser_, weckt tausenderlei günstige Meinungen
zum voraus. Der muß die Welt gesehen haben, denkt man und fühlt sich
nicht wenig geehrt, von ihm zu einem Walzer oder Dreher aufgezogen
zu werden. Ich konnte mir denken, daß er seine Sitten perfektioniert
haben werde. In der Hauptstadt der Welt, wo die Schuster in Glaswagen
bei ihren Kunden vorfahren und ihre eigenen geheimen Sekretäre haben,
welche sogleich die Maße der Kundenfüße zu Protokoll nehmen, wo die
Meister Künstler sind, ein Atelier statt der Werkstatt haben, mehrere
Kurse über Anatomie anhören, um sich in ihren Bemühungen um den Fuß
zu vervollkommnen, wo die Gesellen nicht auf einfüßigen Schemeln,
sondern in prachtvollen Fauteuils Schuhe flicken, und die Lehrjungen
oder Garçons den Draht mit parfümiertem Pech wichsen, in einer solchen
Stadt hatte er den deutschen Handwerksburschen, diesen aus Flegelei,
Courtoisie und Sinnlichkeit zusammengesetzten Kraftmenschen, ausziehen
und in den Pariser fahren müssen.
Er kam, ich hatte mich nicht getäuscht. Wie artig wußte er sich zu
verbeugen, den Hut abzulegen und ein paar Fünffingerstriche durch
sein Haar zu tun? Wie unbefangen näherte er sich, mit welcher Grazie
setzte er mir den Stiefelzieher zurecht! Er schien mich mit mitleidigen
Blicken zu betrachten, der arme Siegwart mochte ihm einfallen, oder gar
die Leiden des jungen Werthers, denn er erkundigte sich ~dolce~ nach
meiner Gesundheit.
»Sie haben eine angenehme Werkstatt da drüben,« sagte ich zu ihm,
indem er mit einem rosenfarbenen Seidenband meinen Fuß maß und sich
Notizen in eine saffianene Brieftasche aufzeichnete. »Ich meinte, Ihre
Werkstatt muß hell und freundlich sein?«
»Unser Arbeitszimmer meinen Sie? O ja, es ist hübsch und freundlich,
und man hat doch auch eine Aussicht auf die Straße.«
»Nun, und die Einsicht ist gewiß auch nicht übel; läßt Ihnen Mamsell
Karoline soviel Zeit, auf die Straße zu sehen?«
Stumm vor Staunen lag er vor mir auf den Knien; er hielt in einer
malerischen Stellung das rosenfarbne Maß in der Hand, die Brieftasche
war ihm entfallen. »I der Tausend!« preßte er heraus. »Wie meinen Sie
denn das, wertgeschätzter Herr ...?«
»Nun, ich habe letzthin eine kleine Attacke mit den eisernen
Ladenstangen gesehen, wo eine Fensterscheibe zerschlagen wurde, da
dachte ich --«
»Ei, so hat Brenners Karlchen doch recht gehabt,« rief er, »er hat
gesagt, Sie haben herausgesehen; ja, ich hatte einen kleinen Spaß mit
des Meisters Tochter.«
»Und wenn ich recht gesehen, ist sie Ihnen gut, die Mamsell?«
Der gute Pariser wurde über und über rot, und ein Strahl der Freude
schien aus seinen ehrlichen Augen zu dringen. »Was hilft es mir auch,
wenn mir das Mädchen gut ist?« sagte er nach einigen Augenblicken
leise, »ich kriege sie doch nicht!«
»Und warum nicht,« fragte ich verwundert, »ein geschickter Arbeiter,
der sogar in Paris gelernt hat, diesen sollte der Meister verschmähen?«
»Es ist wahr,« sagte der junge Schuster nicht ohne Selbstgefühl,
»ich habe in Deutschland und Frankreich gelernt; ich habe in Paris,
Amsterdam, Berlin und Frankfurt in den berühmtesten Ateliers
gearbeitet, aber was hilft's? Der Meister ist reich und vornehm, er
wird nächstens Stadtrat werden, er sucht seine Tochter in vornehme
Familien zu verheiraten. Ein Bierbrauer, ein Schweinemetzger, ein
Rotgerber, alles vornehme und angesehene Herren, die wenigstens ihre
zwanzig- bis dreißigtausend Taler schwer sind, haben um Karolinchens
Hand angehalten, und der Alte ist nur noch im Zweifel, wem er sie geben
solle.«
Der arme Bursche dauerte mich, er hatte Tränen in den Augen, während er
mir das erzählte. »Und Karolinchen?« fragte ich.
»Ach! das ist gerade mein Jammer; sie hat mich lieb, wir haben es
vergangenen Sonntag auf dem Tanzboden einander gestanden. Wenn ich
wollte, sie liefe mit mir davon, denn sie mag keinen andern als mich,
aber ich weiß wohl, in den Romanbüchern werden oft junge Frauenzimmer
entführt, die es nachher recht gut bekommen; aber was kann ich ihr
anbieten? Bis ich Meister werde zu Haus, geht mein kleines Vermögen
vollends drauf, und ich soll sie in ein Haus voll Kummer und Sorgen
führen? Nein; sie wird mich vielleicht doch auch vergessen können. Sie
soll heiraten, wie es der Vater will, sie wird dann eine vornehme,
wohlhabende Frau, und wenn sie erst ein paar liebe Büblein hat, denkt
sie nimmer an unsere Liebschaft und an den armen Pariser.«
»Aber Sie? Können Sie so ruhig entsagen? Wird es Ihnen nicht recht
schwer werden, von Karolinchen zu scheiden?«
»Ich mag nicht daran denken,« antwortete er; »es würde mir jede Stunde
verbittern; wenn einmal geschieden sein muß, so soll es schnell gehen.
Wohl wird es mich schmerzen, wenn ich wieder so allein in die weite
Welt hinaus muß, denn hier kann ich nicht bleiben; aber ich denke dann,
es wandert mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit
schwerer drückt, als sein Bündel auf dem Rücken; so geht's halt in der
Welt!«
Er ging mit einer Träne im Auge von mir.
»Also auch hier die unglückselige Macht der Verhältnisse!« dachte ich.
»Auch hier der Eigensinn der Väter, auch hier das eifrige Streben
nach Geld und Ehre! Man spricht von dem Unglück hochgeborner junger
Damen, daß sie nicht dem Zug des Herzens, sondern dem Gebot der
Verhältnisse folgen müssen. Man bedauert Prinzessinnen, daß für sie
wahrscheinlicherweise das Glück stiller, beglückter Liebe verloren
sei; man beklagt junge Gräfinnen und Fräulein von altem Adel, daß
ihrem Auge kein Mann gefallen dürfe, der nicht sechzehn Ahnen gehabt,
daß ihre Seele kein Bild legitimerweise erfüllen dürfe, das nicht
stiftsfähig wäre. Hat die Tochter des Russenschusters ein glücklicheres
Los? Es werben reiche Grafen, besternte Diplomaten um die Hand einer
jungen Dame, der Arme, Unberühmte muß zurücktreten; hier kommen ganz
außerordentlich vornehme und angesehene Leute und wollen Karolinchen
zur Frau, wer sind sie? Bierbrauer, Schweinemetzger, Rotgerber;
sollte nicht der Pariser ebensogut, sogar noch passender für sie
sein? Mit nichten! Jene haben Geld und Ansehen in der Stadt, sie sind
außerordentlich vornehm; Karolinchen muß sie heiraten. Aber welche
Nötigung ist bei all diesen Fällen? Der Vater des Fräuleins wird die
Achseln zucken und sagen: die Verhältnisse. Verflucht sei, wer dieses
Wort erfand, um einen Begriff zu bezeichnen, der auf Vernunft und Recht
keinen Anspruch machen kann!«
Ich war ergrimmt über diese Unnatur des Schusters, und in meinem
Grimm mußte ich die Resignation des Parisers bewundern. Wäre dieser
Fall in den höchsten oder in den Mittelständen vorgefallen, der
Amoroso hätte sich erstens entweder mit seinem durch die Verhältnisse
begünstigten Nebenbuhler schießen wollen, oder zweitens, er hätte
gewütet, seiner Geliebten das Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht,
sich zu erschießen, und erst auf ihr inständiges Bitten sich das Leben
geschenkt, oder drittens, er wäre ins Wasser gesprungen, oder viertens,
er wäre tiefsinnig geworden, und dieses letzte ist das Allgemeinere.
Nicht so der Pariser; er sieht sein Unglück voraus; er könnte zur Not
einen dummen Streich machen, aber das Glück und die Ehre der Geliebten
ist ihm teurer -- er liebt und vergißt sein Unglück, bis es da ist,
und dann schnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich.
Man wird sagen, er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere
Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe
gehört; kann man glauben, daß ein Schustergeselle so innig lieben
könnte als ein Dragonerleutnant oder ein Legationsrat oder gar als ein
junger Doktor? Kleinliche Torheit, die du auch hier wieder die Gefühle
nach den Ständen abmessen willst! Die Aeußerungen dieses armen Burschen
sind erhabener als die Rodomontaden hochgeborner Liebhaber, sie zeugen
von tieferer Empfindung als eure erlernten und erlesenen Sentiments,
und seine Resignation ist edler als euer Toben und Wüten gegen das
Schicksal. Er will sich nicht schießen mit seinen Nebenbuhlern wie der
Legationsrat; er will sich nicht in seinen eigenen Sonetten ersäufen
wie der Doktor; er schließt die Geliebte zum letztenmal in die Arme,
wirft sein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderstab und geht. Sein
Unglück fühlt er tief, wenn er zum letztenmal die Türme der Stadt, die
er verläßt, aus der Ferne ragen sieht; aber er denkt, es wandert noch
mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer
drückt als sein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Träne ab und
geht. Aber der Dragoner und der Legationsrat und der Doktor? Wenn jener
nicht geblieben ist, wenn sich dieser nicht erschoß, wenn der Doktor
nicht ertrunken -- so gehen sie auch und geben sich zufrieden. Aber
freilich, es gehört dazu, daß sie vorher etwas weniger gestöhnt und
gejammert hatten. So wollen es die Verhältnisse!
7. Die deutsche Literatur.
Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Doktor Salbe.
Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen, und lud mich
ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Doktor Salbe
ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft.
Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den _goldenen Hahn_
zum zweitenmal zu folgen; diese qualmende Bierstube wollte mir, da
ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber
ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser
Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Leutnants, die
aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren
entschädigten mich für das Aeußere. So war es auch in Doktor Salbes
Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir
ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer
umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte
sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an
welchem er drei Tage gedreht habe. Es sei ganz unübertrefflich, und
die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch durcheinander.
Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern; es
fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes,
halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er
schlug sich vor die Stirne. »O ihr Götter!« rief er aus, »mit meinem
herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münstertürmchen seine
Pfeife anzündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der
Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem
miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir
neue Füße einsetzen!«
Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe.
Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten,
trivialen Gedanken zu ersticken schien; man konnte sich ganz behaglich
in seiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf
und belehrte im Gespräch auf angenehme Weise. Wir sprachen eines
Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß
auf die Menschen. Ich sagte: »Die Franzosen haben das vor uns voraus,
daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst
ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen
kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzähligemal als Stereotypen
gedruckt, ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer
Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer seinen Voltaire, seinen
Rousseau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert,
daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken;
nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelkampf
richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft, sondern durch die
Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere
Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden; seine Lektüre hat ihn
vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere
Sie, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die
Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören,
die mich in Verwunderung setzte, und die ich vergebens selbst in unsern
Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber, suchen
würde.«
»Sie machen damit unserm Vaterland und seinen Schriftstellern ein
schlechtes Kompliment,« antwortete Doktor Salbe. »Es ist wahr, die
eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie
konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in
das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer
Platt, Schwäbisch und Hochdeutsch, auch noch Kantisch, Schellingisch,
Hegelisch etc. spricht und schreibt; man muß zu diesen Sprachen eigene
Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß
man Kant ins Deutsche übersetzt hat.«
»Aber sagen Sie mir um Gottes willen, zu was denn diese
Sprachverwirrung? Wie können denn unsere Philosophen auf die
Intelligenz des Volkes wirken? Und dazu sind sie ja doch auf der Welt.«
»Im Gegenteil,« erwiderte Salbe, »da haben Sie eine völlig unrichtige
Ansicht. Es mag dies vielleicht bei den französischen Philosophen der
Fall sein. Aber bei uns sind die Philosophen nur für das Katheder
geschaffen; sie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen in den
Bänken sitzt, über Sonne, Mond und Sterne und die Erbsünde aufzuklären;
sonst haben sie lediglich nichts mit dem Publikum zu tun. Kennen Sie
denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstags-Abschied?«
»Wie? ein Artikel über die Philosophen? Kein Wort habe ich davon
gehört.«
»Man wußte wohl, daß die populäre Philosophie der Franzosen für das
Volk durchaus schädlich sei, weil die Menschen dadurch Aufklärung,
eine Art von illegitimer Vernunft bekommen; daher hat man sehr weise
damals das Gesetz erlassen und heimlich auf allen Universitäten und
Gelehrten-Anstalten verbreitet: ›Alldieweilen, die durch die in das
für sich schon intelligente Leben so leicht eingreifende Philosophie
angesteckten Menschen allzuleicht rebellische sogenannte Ideen
bekommen, so sollen die für die auf den zu der Vorbereitung junger
Leute errichteten Instituten bestehenden Lehrstühlen angestellten
Philosophen dahin gehalten sein, daß, wenn sie Bücher schreiben, so in
dies Fach einschlagen, diese also abgefaßt seien, daß andere zu dieser
Wissenschaft nicht bestimmte Leute solche gar nicht kapieren können.‹«
»Das stand im Regensburger Reichstags-Abschied?«
»Jawohl, und daher dämmten die Philosophen ihre Bücher mit allerlei
wunderlichen Redensarten ein, so daß, wenn ein ungelehrter Bürger
in ein solches Opus hineinschaute, ihm die Worte vor den Augen
herumtanzten, ihm die überschwenglichen Gedanken wie ein Mühlrad im
Kopf herumgingen, und er in Gefahr war, darüber ein Narr zu werden. Es
war dies auch ganz gut; Sie wissen, die Deutschen sind eine Nation, die
gar zu schnell Feuer fängt wie nasser Zunder, daher war dies Mittel
ganz gut. Denken Sie nur an jene Zeit, wo eine Regierung dies Interdikt
aufhob, und ein Gelehrter Reden an die deutsche Nation in natürlicher
Sprache hielt, was entstand daraus für ein Spektakel. Man hat daher das
Interdikt aufs neue geschärft, ja, die Philosophen müssen jetzt sogar
mystisch sprechen; selbst wenn einer z. B. über Deutschland und die
Revolution schreiben wollte, müßte er seiner Rede kurzen Sinn in diese
Wortspezereien einbalsamieren.«
»Ha! jetzt erst ist mir das große Geheimnis unserer Literatur klar und
deutlich! Also daher kommt es, daß wir so weit zurück sind; da bleibt
also für das Volk nichts übrig als Genoveva und Eulenspiegel?«
»Das möchte ich doch nicht behaupten,« sagte Salbe; »unsere mittlern
und untern Stände lesen sehr viel, nur natürlich nichts, was auf den
gesunden Menschenverstand Anspruch machen könnte. Sie haben ihren
Spieß, ihren Cramer, ihren Lafontaine, in neuerer Zeit hauptsächlich
ihren Clauren. Alles liest, aber unschädliches Zeug, das ihren
Verstand ganz gelinde affiziert, Gespenstergeschichten, Mordtaten,
Räuberhistorien, Heiratsaffären mit vielem Geld etc.«
»O Gott! weiter nichts? so kommen also unsere größten Geister, ein
Schiller, ein Goethe, ein Tieck nicht unter das Publikum?«
»Behüte! Schiller kennen sie zur Not vom Theater her, aber er ist meist
zu hoch für sie, eigentlich zu gut. Von Goethe, Tieck, Jean Paul weiß
man nichts. Sie haben für die Ewigkeit geschrieben, aber nicht für
unser Volk.«
Der ästhetische Klub.
~Conticuere omnes, intentique ora tenebant.~
»Wertester!« sprach mein Freund zu mir, als wir die Treppen meines
Hauses herabstiegen, »Sie würden sich sehr irren, wenn Sie glaubten, es
gäbe nur in höhern Ständen ästhetische Gesellschaften. Jene herrlichen
Tees, wo feingebildete Menschen sich über die neuesten Erzeugnisse der
Literatur besprechen, finden sich, nur unter anderer Form, auch unter
den gemeineren Leuten. Wie jene mit dem Teewasser eine neue Novelle
oder einen Sonettenkranz einschlürfen, so haben diese ihre eigenen
Schriftsteller, welche sie beim Biere mit derberem Stoffe bewirten.«
-- »Und zu einem solchen ästhetischen Biere werden Sie mich führen,
Doktor?« -- »Gewiß! Der Meister des Hauses, wohin wir wandern, geht
alle Nachmittage in die Schenke; seit nun der neue Gesell im Hause ist,
wird jeden Nachmittag ästhetischer Klub gehalten. Er ist ein schöner
Geist und besorgt mit großer Auswahl die Lektüre. Die beiden Töchter
des Meisters und einige Freundinnen aus der Nachbarschaft bilden den
Damenzirkel; sie stricken oder nähen, trinken dünnen Kaffee dazu, den
die Mädchen unter sich bezahlen, und eine von ihnen hat das Amt des
Vorlesers; denn der neue Gesell arbeitet streng an seinen Schuhen fort;
sein Geschäft beschränkt sich darauf, den Zirkel auf die Schönheiten
des Gelesenen aufmerksam zu machen. Er und der Leipziger trinken Bier.
Ich war schon einigemal in diesen Klubs; natürlich hüte ich mich wohl,
in die Schönheiten ihrer Literatur einen Zweifel zu setzen. Ich staune
und bewundere mit ihnen; und so bin ich wohl gelitten in diesem Kreise
und darf es wagen, Sie einzuführen.«
Wir standen vor der Türe und horchten; aber das war kein fröhlicher
Leseklub! Ich sah den Doktor ängstlich an, denn deutlich hörte man ein
vielstimmiges Schluchzen und Weinen; es wurde mit jammernder Stimme
etwas gelesen; wir strengten unsere Ohren an, aber vernahmen nur
Gestöhn und tiefes Herzseufzen.