Aber man denke meinen Schrecken, als der Oberst, der General,

Empecinados und Minas Genosse, der interessante Mann in

österreichischem Dialekt antwortete: »Um Vergebung, wir sind halt

böhmische Glashändler, mein Neffe da und ich, und reisen nach Sevilla,

wo ich mit Trink- und Tafelgläsern handle.« Und nun erzählte er

unerträglich breit und langweilig, daß sein Bruder in Frankfurt

einen Glashandel habe, daß Stoffel, der Neffe, daselbst in Kondition

gestanden und jetzt auch auf sechs Jahre nach Spanien gehe; wie dort

der Glashandel beschaffen sei, und wie viele tausend Trinkgläser sie

alljährlich schmuggeln und verkaufen. Ich verwünschte den Böhmaken,

seine Adlernase, sein schönes Auge, seinen ehrwürdigen Bart und den

holländischen Krämer, der ihn zum Sprechen gebracht; ich verwünschte

vor allem meine eigene Torheit, von einem General der alten Armee zu

träumen; seine silberne Uhr fand ich jetzt ganz in der Ordnung, in sein

schmieriges Souvenir schrieb er keine erhabenen Erinnerungen, sondern

Kunden und Gläser ein, und wenn er mit dem melancholischen Auge über

das Land hinstreifte, setzte er Kaisergulden in Dollars, und schlechte

Konventionskreuzer in schlechtere Maravedis um. Ich schämte mich, in

der Physiognomik noch so weit zurück zu sein; denn jetzt hatte der alte

Kerl allen Schimmer der Einbildungskraft verloren und erschien mir,

genauer betrachtet, wie ein ganz gewöhnlicher böhmischer Musikant, wie

man sie, gelb und sonnenverbrannt, mit dicken Bärten und dunkeln Augen

umherziehen sieht; um ihn nicht zu sehen, schloß ich die Augen und

drückte mich in meine Wagenecke.

_Acht bis neun Uhr._

Das Auge der schönen Dame glänzt wieder, aber der Wind mag ihr noch zu

heftig sein, sie hat die Kapuze noch immer nicht zurückgeschoben. Der

dicke Mann sucht ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, aber sie antwortet

einsilbig, und diese Zurückhaltung freut mich, denn ich kann den

feisten Holländer, seit er Spanisch sprach, noch weniger leiden als

zuvor. Er fährt übrigens mit großer Ruhe fort, ihr den Namen jedes

Dorfes zu nennen, das man an der Landstraße sieht, und weiß einige

Anekdoten von dem Maire von Fouligny, welches eben hinter uns liegt, zu

erzählen. Dabei lacht er aber immer zuerst, legt, wenn die Schneide der

Anekdote kommt, seine Hand zutraulich auf den Arm der jungen Dame, um

sie gleichsam einzuladen, sich ebenfalls mit ihm und den Böhmen halb

tot zu lachen, und hält es für keine Beleidigung, wenn sie (offenbar

mit einem Seitenblick auf mich) unwillig ihren Arm zurückzieht.

Der dicke Mann befand sich gerade mitten in einer Geschichte, die zu

meiner großen Besorgnis für das zarte Ohr der jungen Dame etwas obscön

zu werden drohte, als man hinter dem Wagen einigemal heftig: ~halte!

postillon! halte!~ rufen hörte; zugleich jagte ein Reiter vorüber,

der einen großen Brief emporhielt. Der Wagen hielt, Kondukteur und

Postillon fluchten; der erstere schwang sich nach einigem Wortwechsel

von seinem Imperial herab und trat dann mit dem großen Brief an unserem

Schlag herauf, musterte die Gesellschaft aufmerksam, zog seine Mütze

und bot den Brief herein. Ich saß zunächst, nahm ihm den Brief aus

der Hand und las die Ueberschrift: ~A monsieur, monsieur le Comte

Blankenspeer, à Saarbruk, poste restante, citissimo~. Da stieg der

schlafende Schneider auf einmal bei mir im Preis, denn niemand anders

konnte der Graf sein; des Kondukteurs ~allons, monsieur!~ und ein Stoß,

den ich ihm in die Seite gab, weckten ihn; ich überreichte ihm den

Brief, er starrte ihn gedankenlos an und gab ihn dann kopfschüttelnd

und murrend zurück. Der Kondukteur wurde ungeduldig über die Zögerung:

»~Allez, messieurs~,« rief er, »~qui est donc monsieur le Comte de

Blanquesepère?~«

»Ist der Brief an mich?« fragte der Holländer verwundert, riß ihn mir

aus der Hand, las flüchtig die Adresse -- und erbrach das Siegel.

Schnell zog er darauf die Börse, befriedigte den Kurier, den man ihm

nachgeschickt hatte, und der Wagen fuhr weiter. Aber ich -- sah mich

zum zweitenmal getäuscht, und um so bitterer, als der Herr Graf zwar

nach wie vor die Miene eines holländischen Käsekrämers behielt, aber

das Mädchen mit den schwarzen Augen es jetzt gar nicht mehr bemerken zu

wollen schien, daß seine Hand schwer auf ihrem runden Arme ruhe; ja,

zu meinem Aerger lachte sie sogar einigemal mit heller Stimme auf, als

der Herr Graf die Gnade hatte, einige Schnurren aus seinem Leben zu

erzählen.

_Von neun bis zehn Uhr._

In Courcelles wurde zum Frühstück angehalten. Wir traten in das

freundliche Zimmer, wo bereits auf dem großen Roste die Kotelettes

knisterten; die Männer legten Mützen und Mäntel ab; das Gewölk, das um

das Haupt der Jungfrau hing, zerriß plötzlich, und mir war, als erwache

ich jählings aus einem schmeichelnden Traume. Wer sah nicht schon ein

unbekanntes Schloß aus dem Morgennebel tauchen? Man mustert es; es ist

bewohnt, ist nicht übel gebaut, ist vollständig unter Dach, aber der

Totaleindruck, und hier eine Efeuranke, dort eine unvermauerte Ritze,

hier ein Krähennest, dort ein schlimmer, einspringender Winkel am

Dachstuhl verkünden laut, es habe seine schönste Zeit gesehen. Wenn ein

solcher Zustand einer Baulichkeit herkömmlichermaßen etwas Poetisches

hat, so war der analoge Zustand meiner Reisegefährtin nur zu sehr

geeignet, mich in die platte Wirklichkeit zurückzuwerfen; kurz, ich

hatte ein ziemlich erhaltenes Exemplar einer alten Jungfer vor mir, und

die schönen, schwarzen Sterne, die Verführer meiner Einbildungskraft,

und die Reminiszenzen einer Jugendblüte, die keine Frucht getragen,

preßten mir jetzt nur den Seufzer aus: warum kann man solche Brillanten

nicht aus der alten Hülse brechen und modern fassen lassen? Wie mancher

~Seigneur châtelain~ mit jedem Quader, der von den Zinnen seines

Erbsitzes in den Graben stürzt, froher und lebenslustiger wird, so war

meine Unbekannte, wie dies so gewöhnlich ist, mit den Breschen, welche

in den Wall ihrer Zähne gefallen waren, regsamer, ihre Zunge geläufiger

geworden; denn kaum hatte sich der General-Glashändler einen Zipfel der

Serviette in das Ordensknopfloch gesteckt, kaum standen die duftenden

Kotelettes auf dem Tisch, so sagte mir die Kadenz ihres quiekenden

Sprachinstruments, daß sie eine meiner südlichen Landsmänninnen aus

den Grenzmarken von Schwaben und Franken sei, und ungefragt gab sie

uns zum besten, wie sie ihren Herrn Bruder, den Kaufmann Morgenstern

zu Paris, in einer wichtigen Angelegenheit besuche. Ihr Herr Bruder

habe im vorigen Jahre durch die grobe Unwissenheit der französischen

Hebammen den Stammhalter des französischen Zweiges des Morgensternschen

Hauses verloren; da nun jetzt wiederum nahe Hoffnung zum Aufgang eines

neuen Morgensternes sei, so habe er sich entschlossen, trotz der

französischen Erziehungskunst, trotz der Protestationen von Madame,

denselben ~à l'allemand~ aufgehen zu lassen, und deshalb _sie_, seine

Schwester, berufen, die durch langjährige Praxis sich damit vertraut

gemacht habe, wie in der Morgensternschen Familie die Sauglappen

gebunden und der Kinderbrei gebraut werde. Zur Bekräftigung ihrer

Aussage und damit in keinem Winkel unserer Herzen ein Argwohn über

ihren wahren Charakter bleibe, teilte sie uns mit triumphierender Miene

lithographierte Karten aus, auf denen in gotischen Buchstaben zu lesen

stand: ~Jules Morgenstern, marchand tailleur, palais royal, galerie

de bois No. 65 à Paris etc.~ Unter diesem interessanten Gespräch ging

das schmackhafte Frühstück vorwärts, alle Details einer deutschen

Wochenstube wurden besprochen und mit den französischen Instituten

derselben Art verglichen. Der Herr Graf, überhaupt ein sehr leutseliger

Herr, ging mit Herablassung und Sachkenntnis in die populäre Materie

ein, und selbst die Böhmen fanden beim Artikel der Milchgläser und

Saugflaschen Gelegenheit, ein kritisches Wort anzubringen. Auf diese

Weise war die Genesis sämtlicher gräflich Blankenspeerschen und

Schneider Morgensternschen Sprossen abgehandelt worden, und schon

begann ich zu fürchten, daß nun die Reihe an die böhmische Deszendenz

kommen möchte, als sich der Kondukteur den Mund wischte, und Madeleine

mit ihrem Teller und ihrem: ~Messieurs, n'oubliez pas la fille!~ das

Zeichen zum Aufbruch gab. --

Hochzeitgruß an Karl Grüneisen.

_Berlin_, den 18. September 1826.

Mein lieber Vetter!

Entweder kommt dieser Brief vor Deiner Hochzeit zu Dir, oder er kommt

gerade recht dazu oder nachher. In beiden ersten Fällen begünstigt

mich der Zufall, im letztern wirst Du auch ~post festum~ den guten

Willen für die Tat nehmen. Ich möchte Dir nämlich recht viel Glück

und Segen in diesem Stande wünschen, und diese, Du hast sie ja schon,

sollen lange und ungetrübt bei Dir verweilen. Wie ich noch klein

war, dachte ich mir das Heiraten als eine sehr leichte Sache und

wußte nicht, warum die Leute so viel Wesen davon machen und sogar

in die Kirche gehen. Ich dachte, sie ziehen zu einander, die beiden

Brautleute; _er_ sorgt dafür, daß Geld ins Haus kommt, und _sie_ kocht

ihm dafür allerlei, was er haben mag, und hält Haus. Es ging mir aber

damit wie mit dem Konfirmieren. Auch bei diesem Aktus kamen mir die

Menschen und ihre Zeremonien wunderlich vor; die Knaben und Mädchen

blieben ja, was sie waren, und wuchsen unter der Hand des Pfarrers um

keinen Zoll. Als ich aber selbst dabei war, da ging es mir in einem

andern Lichte auf. Ich tat einen kurzen, aber ernsten Blick aufwärts

und dann ins Leben vor mir, und da kam mir alles so feierlich vor

und hatte eine andere Bedeutung gewonnen. Der Pfarrer trug nichts

dazu bei, wohl aber ein anderer. So denke ich mir, wird es auch beim

Kopulieren sein. Es gibt Augenblicke, wo der Vorhang vor unserer Seele

auffliegt, wo wir ahnungsvoll in die Zukunft blicken. Welch reiche

Aussicht hat in solchem Moment ein Hochzeiter! Liebe, treue innige

Liebe, und Kindtaufschmäuse, und Weihnachtsbäume, die er anzündet und

die dennoch auch ihm leuchten, und Spielsachen und das erste Wort des

Kindes; und wenn es erst gehen kann, und wenn die Mutter es singen

lehrt, singen die einfach schönen Lieder des Vaters, die er der Mutter

dichtete in den Tagen der Jugend! Und wenn Deine Blicke weiter und

immer weiter hinausgehen, wenn Enkel um Euch spielen und am goldenen

Abend singen: »Und als Großvater die Großmutter nahm, da war Großvater

ein Bräutigam.« Schöne Aussicht! und wie feierlich wird sie erst, wenn

Dein Auge vorüberstreift am Krankenlager, am Kummer häuslicher Leiden,

an mancher tränenschweren Stunde, die jedes wartet, so lange er auf

der Erde geht. Da faßt wohl Deine Hand mutig die Hand der Geliebten,

da schaut getrost Dein Auge in ihr Auge, da denkst Du wohl, geteilter

Schmerz ist halber Schmerz. Und Du hat recht; auch Leiden zu teilen mit

der Geliebten, muß süß sein, denn unglücklich ist nur der Einsame.

Glück auf den Weg, mein lieber Vetter, Euch kann es nimmer fehlen, denn

Eure Seelen haben sich in einem reinen, klaren Element, im Reiche der

Töne, gefunden und verstanden, und gehört denn dieses Reich nicht mehr

als jedes andere dem Jenseits an?

In meine innigen Wünsche für Dein Wohl stimmen alle Deine Freunde und

Freundinnen in Bremen und Berlin ein; Hitzigs und der Frau v. Chamisso

mußte ich Deine l. Frau oder Braut wiederholt beschreiben, und die

Ohren müssen Euch geklungen haben, als wir in Bremen im alten Rheinwein

Euer Wohl ausbrachten.

Wie gerne hätte ich meine Wünsche in einige Reime gebracht, weil nun

einmal Karmina üblich bei derlei Gelegenheiten, aber Du weißt, man muß

dazu aufgelegt sein, und einem Dichter möchte ich nicht gerne schlechte

Verse zur Hochzeit schicken. Nimm mit diesen Zeilen vorlieb und mit

einem redlichen Herzen, das Dir Gutes wünscht. Grüße mir Onkel, Tante

und Base Luise; Deiner Liebsten aber küsse, Du tust es ja gerne, die

schöne Hand und die blanke Stirne im Namen

Eures treuen Vetters

_Wilhelm Hauff_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 82: einmal → einmal in der Woche (laut älteren Ausgaben)

welche regelmäßig {einmal in der Woche} des Abends

S. 186: schimmernde → schwimmende (laut älteren Ausgaben)

in Seligkeit {schwimmende} Bräutchen

S. 244: Sonne → Scene

Diese {Scene} zog mich an

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 26 / 26 段