Die Lampe der Schuster war verlöscht, ein schönes Mädchen trat aus

dem Hause und machte die eisernen Stangen der Fensterladen los; die

Laden öffneten sich von innen, ein hübscher, junger Mann sah heraus,

um die Stange herein zu nehmen, das schöne Kind reichte sie hin,

zog sie zurück, wenn er helfen wollte, sie neckte ihn, daß er nicht

schneller sei als sie. Das wird der Pariser sein, dachte ich, und das

Mädchen mit den schwarzen, feurigen Augen, mit dem blühenden Rot auf

den Wangen ist wohl niemand anders als Mamsell Karoline, des Meisters

Tochter. Diese Scene zog mich an. Sie schienen sich verglichen zu

haben, der junge Mann empfing die Stange, man ging an den zweiten

Laden. Hier erneuerte sich das Schauspiel; der Pariser drohte ihr,

er zeigte mit dem Finger auf seinen Mund und dann auf sie, es war

deutlich, er drohte ihr mit einem Kuß, und sie -- lachte und gab die

Stange nicht. Welch unchristliches Verhältnis! Man ging endlich an das

dritte Fenster; der Laden ging auf, der Pariser erschien mit einer

Eisenstange bewaffnet und machte Ausfälle gegen seine Schöne; sie

parierte aber -- ~malheureusement~, mochte der Pariser denken, seine

Stange gleitete ab und zerschlug klirrend eine Scheibe. Man senkte

bestürzt die Waffen, die feindlichen Parteien vereinigten sich, um das

Unglück zu betrachten; eine kleine Figur wurde auf der Bank hinter

dem Pariser sichtbar, es war wohl Brenners Karlchen, der Lehrjunge,

der so jammervoll die Hände über dem Kopf zusammenschlug; der böse

Meister, der seit der Russenzeit erst um acht Uhr aufsteht, und

dessen Morgenlied Geschrei und Zanken ist, fiel mir ein -- gewiß, ihn

fürchteten sie, vor ihm zitterten sie. Der Pariser zog ein Stückchen

Geld aus der Tasche, er drehte es hin und her, es war sehr klein -- er

fuhr wieder in die Tasche, er brachte nichts mehr hervor; wer will es

ihm verargen? Es war ja gestern Sonntag, und ich wollte wetten, er war

mit Karolinchen auf dem Tanzboden und hat ihr fürstlich aufgewartet.

Er sah sein Stückchen Geld an und errötete. Das schöne Kind drängte

seine Hand mit dem Gelde zurück; sie zog ein Beutelchen aus dem Busen

und zählte ab, was etwa zu einer neuen Scheibe reichen konnte; der

Pariser widersetzte sich, aber er schien der süßen Gewalt ihrer Blicke

nachzugeben, sie gab dem jammernden Burschen das Geld, man hob das

Fenster aus, und bald sah ich ihn aus dem Hause und um die nächste Ecke

traben. Mögen die Götter seine Schritte lenken, daß er nicht fällt und

die übrigen zwei Scheiben mit zerbricht! Aber diese Unterbrechung hatte

die Freuden der beiden Leutchen gestört; Karoline ging ins Haus, der

Geselle an die Arbeit, und ich sah nur noch, wie das Mädchen hie und da

ängstlich zum Fenster herausschaute, als wolle sie Brenners Karlchen

mit dem Fenster erspähen; wenn der Vater kam, ehe er zurück war, wenn

er den Schaden bemerkte, den sie beide angerichtet -- ich glaubte in

ihren Mienen diese Angst zu lesen. Doch war ich überzeugt, wenn dieser

unglückliche Fall eintreten sollte, so nahm sie die Schuld auf sich;

hätte der Alte nicht auf so manches schließen können, wenn er den Kampf

mit den Eisenstäben erfuhr? Es schlug acht Uhr, unwillkürlich fing ich

selbst an unruhig zu werden; ich glaubte im Geist den Lieferanten der

Russenzeit in weiten Pantoffeln herbeischlurfen zu hören; ein böser

Husten wird ihn schon zuvor anzeigen, wie wird er toben, wie wird er

fluchen, wenn er --

Da kommt Brenners Karlchen um die Ecke gefahren; er hat das Fenster

unter dem Arm; jede Spur von Angst ist aus Karolinchens Zügen

verschwunden; sie nimmt dem Burschen das Fenster schon von der Straße

ab; sie hängt es ein; triumphierend schaut sie durch die neue Scheibe;

der Pariser ergreift ihre Hand und zieht sie vom Fenster. Wird er noch

Zeit gefunden haben, seine fürchterliche Drohung zu vollziehen, und sie

für die Neckerei an ihren frischen Lippen bestrafen?

3. Der zweite Stock.

Die Jalousien des zweiten Stockes mir gegenüber öffneten sich, ich

erschrak; ein ungeheurer Knebelbart schaute zum Fenster heraus. »Das

ist sicher der kleine Leutnant,« sagte ich zu mir, »das muß ein

fürchterlicher Kriegsmann sein!« Ich wagte es, wieder aufzublicken und

nach ihm hinüberzuschielen; wo hatte ich nur meine Augen gehabt, daß

ich vor seinem Anblick so erschrak? Der Bart war allerdings bedeutend

und gehörte in die Klasse der grimmigen, aber hinter diesem Wall von

Haaren lag ein kleines, freundliches Gesichtchen, ein Näschen, das

schalkhaft zwischen dem Grimmigen hervorguckte, ein paar wackere

Aeuglein, die auch nicht im geringsten zum Erschrecken eingerichtet

waren. Der Kriegsmann hatte mit der Brust nicht sehr weit über den

Fenstersims emporgeragt, als er die Jalousien öffnete; jetzt hatte er

sich wohl einen Stuhl ans Fenster gerückt, denn er erschien auf einmal

groß und schaute mit dem halben Leib auf die Straße herab; doch nach

Verhältnis seiner Arme und seines Kopfes zu urteilen, mußte er ein

kleiner, untersetzter Mann sein; ich erinnerte mich, daß ihn Christel

den kleinen Leutnant genannt hatte. Nichtsdestoweniger brachte er eine

ungeheure Pfeife hervor, die bis in den ersten Stock hinabreichte. Sie

mochte ein bedeutendes Gewicht haben, denn der kleine Leutnant hielt

sie mit beiden Fäusten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Als der Kriegsmann einige Zeit seinen Morgenbetrachtungen nachgehängt

haben mochte, fing er an, mit der langen Pfeife an den Jalousien zu

seiner Linken zu pochen. Sie taten sich auf, ein mageres, bleiches

Gesicht, eine lange, hagere Figur, in einen geblümten Schlafrock

gehüllt, schaute hervor; es war der Doktor Salbe.

Die Straße, in welcher ich wohnte, war ziemlich schmal; ich konnte,

wenn ich das Fenster öffnete, das Gespräch meiner Nachbarn hören; ich

öffnete daher mein Fenster, ließ die Gardinen herab, um nicht von ihnen

bemerkt zu werden, und lauschte.

»Wo habt Ihr Euch gestern nacht herumgetrieben, Doktor?« sprach der

Leutnant mit schalkhaften Blicken, indem sich der Bart zu einem

angenehmen Lächeln bis an die Ohren verzog. »Warum kamt Ihr nicht in

den goldenen Hahn? Ich wollte wetten, Ihr waret in einem Singtee.«

Der Doktor nickte und zündete still lächelnd eine Zigarre an der Pfeife

des Soldaten an. »Ich war im Singtee,« antwortete er mit hohler Stimme;

»Leutnant! da war es wieder herrlich! Im goldenen Hahn geht es mir

Sonntags gar zu roh her. Eure Kameraden rauchen so schlechten Tabak,

und das Schreien und Schwadronieren von den Gefechten setzt meinen

Nerven zu. Aber bei dem Professor Nanze war es gestern wieder göttlich!«

»War die Fremde auch dort?« fragte der kleine Krieger und deutete auf

den ersten Stock seiner Wohnung. »Waren auch die beiden Fräulein da?«

»Die Mutter, die Töchter und die Fremde; und wissen Sie wohl, wer

sie ist? Sie wird Cousine tituliert, und die Oberforstmeisterin tut

sehr freundlich mit ihr. Und denken Sie, ich wurde ihr vorgestellt

als Nachbar vom oberen Stock; sie war holdselig und hat auch mein

Trauerspiel gelesen und meine Erzählungen in der Zeitung für noble

Leute.«

Auch ein Genosse der seligen Tante Idoina, dachte ich und machte ihm

hinter den Vorhängen eine Faust, denn er schien mit dem Leipziger

Magister im Bunde gegen mich zu sein. Indem hörte man einen wahrhaft

höllischen Lärm in der Wohnung des Schusters. Eine tiefe Baßstimme

fluchte und tobte, wie die rauhen Töne des Violons; dazwischen hörte

man Karolinen und ihre Schwester in hohen, klingenden Tönen wie

Oboe und Klarinette, und Brenners Karlchen, der wohl Schläge bekam,

fistulierte mit greulichen Violinpassagen dazwischen. Es war kein

Zweifel, der Russenschuster war erwacht und hielt seinen feierlichen

Einzug in sein Reich.

»Hören Sie doch, wie der Alte wieder rumort,« sagte Doktor Salbe; »mich

dauern nur die Mädchen, er probiert sicher an Karolinchen ein paar neue

Knieriemen. Apropos, wie stehen Sie mit Karolinchen, Leutnant?«

»Gar nicht,« antwortete er mürrisch und blies große Wolken vor sich

hin; »die hochmütige, schnippische Person! Ich weiß nicht, was sie

jetzt wieder im Kopf hat, sie dankt kaum, wenn ich sie grüße. Es ist

mir auch ganz einerlei,« fuhr er ärgerlich fort: »meine Gedanken stehen

jetzt auf die Fremde, auf die Cousine; der will ich die Cour machen;

Höllenschwernötchen, Doktor! Das sollt Ihr mal sehen.«

»Hoho!« fiel ihm sein Nachbar mit hohlem Lachen ins Wort. »Wenn Sie

erst wüßten, was ich weiß, Wertester!«

»Donner! Hat sie von mir gesprochen? Salbe! Ihr foltert mich; hat sie

von mir gesprochen?«

»Nein! Aber sie sagte mir viel Schönes über mein Flötenspiel, das sie

vorgestern nacht in den Schlaf gewiegt habe.«

Ich glaubte, der Leutnant werde bei diesen Worten zum Fenster

hinausstürzen; er hüpfte auf seinem Stühlchen hin und her und rückte

weiter über die Brüstung heraus, um dem Doktor näher zu sein. »Und Ihr

habt dem lieben Kind doch gesagt, daß ich es bin, der musiziert?«

»Jawohl; ich sagte ihr, daß ich nur Gitarre schlage und etwas

weniges dazu singe; der Flötist aber sei mein Nachbar, der Leutnant

Münsterturm. Ich will Ihnen auch gar nicht im Wege stehen; ich habe

an meinem neugriechischen Roman so entsetzlich zu arbeiten, daß ich

vor den nächsten vierzehn Tagen an keine Liebe denken kann; aber den

goldenen Hahn sollten Sie sich abgewöhnen; Sie sollten in gebildete

Zirkel sich einlassen, dort können Sie die Haus-Cousine treffen.«

»Gott straf' mich, Ihr habt nicht unrecht!« unterbrach ihn der liebende

Soldat. »In den goldenen Hahn kommt sie doch nicht, also muß ich sie

anderen Ortes aufsuchen. Aber Ihr kennt ja meine Antipathie gegen das

Teetrinken, ich riskiere, daß ich auf der Stelle krank werde, wenn ich

dieses laue Wasser zu mir nehme. Was haltet Ihr davon, Doktor, wenn

ich Punschessenz mit mir nehme in einem Gläschen und, während ich nach

der tollen Sitte mit der Tasse auf und ab spaziere, heimlich einige

Tröpflein in den Tee gieße? Dann kann er mir nichts schaden.«

»Wahrhaftig, das könnten Sie tun, kaufen Sie Essenz, ich will Sie

einführen in Nanzes göttlichen Singtee.«

»Am Donnerstag bekomme ich meinen neuen Uniformsfrack,« antwortete er

vergnügt; »dann gehen wir miteinander in den Singtee.«

4. Jocko.

Ein Besuch, der mir gerade jetzt sehr ungelegen kam, unterbrach meine

Beobachtungen. Es war einer jener freundlichen Alltagsmenschen, die,

wenn sie mit uns Billard gespielt haben, auf der Promenade einige

hundert Schritte mit uns gingen, in der Loge zufällig neben uns einen

Platz fanden, sich unaufgefordert zu unsern Freunden zählen. Er hatte

sicher nicht geruht, bis er mein geringes Stübchen aufgefunden; er

kam, wie er versicherte, nur aus Teilnahme, und doch war es die

unverschämteste Neugierde, die ihn hergetrieben hatte; er und sein Hund

beguckten und berochen jeden Winkel meines Zimmers; ich sah ihm an, wie

er Notizen sammelte, um abends einige Damen über mich und meinen Spleen

zu unterhalten.

»Sie sind doch ein glücklicher Mensch,« sagte er; »waren Sie in

Gesellschaft, so vergaßen die Damen, daß es gegen allen guten Ton sei,

länger als fünf Minuten über einen Gegenstand zu sprechen. Man lauschte

begierig auf Ihre Worte, weil Sie ein halber Gelehrter sind.«

»Sie können sich doch wahrlich nicht beklagen,« erwiderte ich; »wie

glänzend haben Sie vor drei Wochen die Damen unterhalten, als Sie den

Brief aus Paris bekommen hatten.«

»Es war der einzige glückliche Abend meines Lebens,« sprach er mit

süßer Wehmut; »mein Mode-Korrespondent hatte den vernünftigen Einfall,

mir einige Anekdoten aus den Salons, einiges Neue über Damenputz und

über die Stellung einer modernen Pariserin beim Tee-Eingießen, und wie

sie in Gegenwart ihres jungen Ehemannes die Schlafhaube aufsetze, zu

schreiben. Ich brachte es bei Graf C. vor; man fand mich köstlich, man

fand mich liebenswürdig und amüsant. Es war aber auf Ehre der einzige

Abend. Aber Sie! Wie glücklich sind Sie.«

»In was soll nur mein Glück bestehen?« fragte ich, ärgerlich über seine

Ausrufungen.

»Haben Sie nicht immer das verdammte Spiel: ›_Der Chevalier de

Papillot_‹, von vorn bis hinten ohne Anstoß behalten können? Und ich!

Wenn ich am herrlichsten frisiert und gebrannt war, so wurde das dumme

»~Chevalier de Papillot a une papillote~« gespielt, meine Frisur ging

zum Teufel, denn ich konnte den französischen Sermon nicht behalten und

bekam den ganzen Kopf voll Papilloten. Aber Sie! Hatten Sie den ganzen

Abend nichts getan, als an einer Tür gestanden und finster in die

Zimmer geblickt, so gab es doch Leute, die Sie sehr interessant fanden.

Jetzt verlassen Sie sogar die Welt, werden melancholisch; ich wollte

wetten, wenn ich es geworden wäre, man hätte gelacht, und Sie werden

bemitleidet, zurückgesehnt; es gibt sogar junge Damen, die ganz offen

den Fächer vor das linke Auge halten, wenn von Ihnen gesprochen wird.«

»Den Fächer vor das linke Auge halten? Wozu denn, was soll es denn

bedeuten?«

»Sie wissen nicht einmal dieses Zeichen der trauernden Liebe? Das ist

das Neueste, was man hier in der Liebessprache kennt; das heißt ~à la

Jocko~ trauern.«

»~À la Jocko~ trauern!« rief ich. »Wer trauert denn mit der Windfuchtel

vor dem linken Auge um mich?«

»Gehen Sie, das wissen Sie nur zu gut; Oberhofmeisters Trinettchen ist

ganz melancholisch geworden. Auf Ehre, ich sah sie zweimal ~à la Jocko~

trauern. Ist das nicht rührend?«

»Was werden Sie heute mit Ihrem Tag anfangen?« fragte ich, um mir das

Erröten über die trauernde Jocko zu ersparen. »Wo werden Sie speisen?

Werden Sie ins Theater gehen?«

»Speisen?« sagte er wehmütig lächelnd. »Speisen! Ich lebe gegenwärtig

wie ein Klausner. Denken Sie sich mein Unglück!«

Ich war begierig; sollte ihn etwa auch eine Tante enterbt haben, war

er vielleicht auf halben Sold gesetzt wie ich? Er schien bekümmert,

geheimnisvoll.

»Denken Sie sich mein Unglück! Schon seit einiger Zeit bemerkte ich,

daß mir meine Röcke und Westen nicht mehr recht passen wollten. Ich

nahm daher das vormalige Maß meiner Taille (mein Schneider in Frankfurt

und ich haben jeder ein Exemplar, und zwar aus Draht geflochten, daß

es sich nicht verzieht); ich nehme es, lege es um, und o Schrecken!

ich bin seit einem Vierteljahr um zwei Daumen breit stärker geworden!

Ich war außer mir, ich wütete, ich war nahe daran, Hand an mich selbst

zu legen. Ich entdeckte mich dem jungen Baron F.; Sie kennen seinen

herrlichen Wuchs, er tröstete mich, er gab mir Mittel.«

»Nun, in was bestehen diese?«

»Zuerst mußte ich Rhabarbertinktur nehmen, daß ich beinahe tot war.

Dann darf ich acht Tage lang nichts genießen als eine Tasse voll

Gerstenschleim, einige Austern und ein Glas Madeira, alle Morgen nach

acht Uhr muß ich ein Glas Kräuteressig trinken und darauf spazieren

gehen. Es ist heute der fünfte Tag; es ist wahr, es hilft, ich bin

schon um einen Daumen eingegangen, aber meine Kräfte schwinden, ich

bin so schwach, daß ich heute abend nicht werde tanzen können. Es ist

nur gut, daß es jetzt Mode ist, daß wir jungen Herren nicht tanzen;

aber das ewige Stehen mit dem Hut in der Hand werde ich auch nicht

aushalten; ich werde mich setzen müssen gegen allen guten Ton und feine

Lebensart.«

»Ich bedaure Sie,« sagte ich, als er mit zitternder Hand von mir

Abschied nahm. »Wären denn fünf Tage nicht auch genug?«

»Acht Tage müssen es sein,« antwortete er seufzend; »aber dieser

Leidenskelch wird auch an mir vorübergehen; was tut man nicht um den

Ruhm, eine Taille ~à la Jocko~ zu haben.«

Armer Jocko! sprach ich bei mir, als er weggegangen war. Armseliger

Affe! Du schämst dich deiner menschlichen Gestalt und wendest alle

Mittel an, ein Pavian oder eine Wespe zu werden! Jene große Werkstätte

der Torheit ergötzte sich an einem Menschen in Affengestalt; sie

trugen sich wie der herrliche Affe, es gab nichts, was nicht den Namen

dieses Affen trug; es nimmt mich wunder, daß sie ihren König nicht ~à

la Jocko~ krönten. Aber die Narrheit bleibt nicht in jenen Mauern,

sie verbreitet sich über die Provinzen, sie passiert ungehindert die

Douanen des Rheins, und man schämt sich in Deutschland, auf eine andere

Art ein Tor zu sein, als wie es vor sechs Monaten in Paris Sitte war.

Wer ist ein größerer Affe und der Tierheit näher, jener Urjocko oder

die unzähligen Affenherren, Affenfräulein und Affenmamsellen, die an

dem Affen einen Affen gefressen haben, ihm nachäfften und mit Freude

samt und sonders Jockos wurden?

Erbärmlicher Affe! Der du mich um eine schöne Stunde betrogst!

Warum verbieten es die gesellschaftlichen Sitten, daß ich dich

freundschaftlichst aus der Türe warf?

Wie vergnügt, wie zufrieden wäre ich mit mir selbst gewesen! Wie

gut hätte ich mich an meinem Fenster unterhalten können! Und dieser

hohle Mensch, in dessen Kopf kein Gedanke war, als der an das Souper

heute abend, dessen Blick in die Zukunft nicht weiter reichte als bis

zum nächsten Ball, dessen Erinnerungen nur in Austern und Tanzmusik

bestanden, dessen Herz kein wärmeres Gefühl kannte als Neid, wenn er

nicht die feinste Taille hatte, oder die Freude, das neueste Tuch oder

die eleganteste Hutfaçon zu haben; dieser Mensch durfte sich meinen

Freund nennen, durfte mein stilles Asyl durch sein Geplauder entweihen?

Sind nicht diese Menschen die ärgsten Heiden? Es steht im Evangelium:

»Ihr sollt nicht sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken,

wie uns kleiden, denn nach diesem allen fragen die Heiden.« Und diese

Leute möchten verzweifeln, weil sie nicht wissen, ob sie heute in jenem

Hotel oder bei diesem Italiener speisen werden; sie sind in Gefahr,

krank zu werden, weil sie im Zweifel sind, ob sie sich schwarz oder

blau ankleiden sollen?

5. Die Bel-Etage.

Ich war unter diesen Gedanken wieder an mein Fenster getreten. Der Tag

war nun auch im ersten Stock gegenüber angebrochen. Ich konnte, weil

das Haus auf der Mittagsseite lag, bis in die Mitte dieser schönen

Zimmer schauen; ich nahm mein Opernglas zur Hand und musterte die

Fenster. Es waren drei junge und eine alte Dame, die ich sah; von den

Mädchen waren zwei noch im Negligee, die eine las im Fenster, schaute

übrigens oft über das Buch hinweg auf die Straße; sie schien nicht

mehr sehr jung, ihre Züge hatten schon etwas Scharfes angenommen, an

ihrem Nasenwinkel glaubte ich jenes unbeschreibliche mokante Etwas zu

bemerken, das einer meiner Freunde den Alten-Jungfern-Zug nennt.

Die zweite im Negligee schien jünger und hübscher; sie saß am Klavier

und präparierte sich wohl auf ihre Lektion oder gar auf einen Singtee.

Mama saß an ihrer Seite und schien ihr Spiel zu bewundern. An einem

andern Fenster saß ein Kind von sechzehn bis siebzehn Jahren. Es mußte

die Fremde, die Cousine sein; denn wäre dieser schöne Kopf, wären

diese Augen, deren Glanz ich aus so weiter Ferne bewunderte, schon

länger in der Stadt gewesen, ich hätte gewiß von einer schönen Tochter

der Oberforstmeisterin gehört. Sie nähte emsig an einem Kleide, aber

dennoch konnte sie sich nicht enthalten, zuweilen die Vorübergehenden

zu mustern, mit den niedlichen Fingern zu deuten, wenn ihr etwas

auffiel, und die Lesende im Negligee zu befragen. Es mußte die Fremde

sein. Ich hatte dazu mehrere Gründe. Die beiden andern Fräulein

hatten gleiche Hauben, gleiche Bänder, gleiche Ueberröcke; sie waren

die Schwestern. Die eine las, die andere musizierte, das schöne Kind

aber arbeitete; was war natürlicher, als daß es die Fremde war, die

arbeitete? Sie hatte ihre Garderobe vom Land mitgebracht. Wenn sie auch

dort nach der Mode gewesen sein mochte, so war sie doch hier schon um

einige Monate zurück. Der Leib am Kleidchen durfte vielleicht nur etwas

weiter ausgeschnitten, die Garnitur nur etwas höher gesetzt werden, so

war man noch passabel nach der Mode. Auch das, daß sie so frühe schon

in vollem Anzug war, bestärkte meine Vermutung.

Ich hatte einige Zeit mit diesen Betrachtungen hingebracht, als ich

Madame plötzlich aufstehen sah; sie winkte der Cousine, sie deutete

ans Fenster; das schöne Mädchen öffnete und sah heraus, sie heftete

ihre Blicke auf die Haustüre. Ich war begierig, wer erscheinen werde,

denn offenbar erwartete sie jemand, der aus dem Hause treten sollte;

war es der Russenschuster? Hatte der Pariser ihre Aufmerksamkeit auf

sich gezogen? Oder ging vielleicht jemand aus dem obern Stock an ihrem

Zimmer vorbei? etwa der Doktor oder Münsterturm, der kleine Leutnant?

Er war es, der Kleine! Aber welchen sonderbaren Anblick gewährte er!

Gleichsam zum Hohn hatte ihm die Natur einen großen Namen gegeben; wer

dachte sich nicht, wenn er vom Leutnant Münsterturm hörte, einen Kerl,

der dem Kölner oder Straßburger Münster Ehre machte? Aber er war ein

Duodez-Münsterchen. Er hatte eine tiefe rauhe Stimme; wenn man die

Augen zumachte und ihn fluchen und donnerwettern hörte, glaubte man

wenigstens einen riesenhaften Kürassier vor sich zu haben. ~Parturiunt

montes, nascetur ridiculus mus~; es ist der kleine Münsterturm.

Er kündigte sich zuerst durch das schreckliche Klirren eines

nachschleppenden Säbels an; dann kam ein ungeheurer Hut mit wehendem

Federbusch aus der Türe, unter ihm wandelte der Leutnant. Dieser Soldat

schien seine verkürzten Formen dadurch entschädigen zu wollen, daß er

alles, was er sich selbst beilegen konnte, in größtem Maßstabe hatte;

seinen ungeheuren Bart, die lange Pfeife, die er mit zwei Händen

balanzierte, hatte ich früher schon bewundert. Der Hut samt Federbusch

maß drei Schuh in der Höhe, also zwei Dritteile von dem Leutnant, sein

Schwert war eine furchtbare Waffe und reichte ihm, wenn es aufrecht

neben ihm stand, hoch über die Brust. Er führte die längste Reitgerte,

die ich gesehen, lange Sporen rasselten an seinen Füßchen; er ging

wohl aus, um einen Morgenritt für sechs Groschen zu machen. Er machte

Front vor der Haustüre, ich sah, daß er unter seinem Hut hinaufschielte

in den ersten Stock; er bemerkte die Fremde, eine angenehme Freude

blitzte, mir sichtbar, aus seinen Augen; er tat, als hätte er sie nicht

erblickt.

Er hieb mit der Reitpeitsche auf seinen Stiefel und rief mit tiefer,

dröhnender Stimme: »Johann!«

Ein großer Kerl in abgetragenen Soldatenkleidern fuhr aus dem Haus,

stellte sich in militärische Position, die Hand an der Mütze, und

antwortete: »Herr Leutnant!«

»Schlingel!« fuhr der Kleine fort, »hab' ich dir nicht gesagt, du

sollest meine Flöte jeden Abend einsalben mit Mandelöl? Ha! daß dich

das Donnerwetter, sie hat gestern nacht gequiekt wie ein Dudelsack.

Schmier' ein! sag' ich dir, salbe das fürtreffliche Instrument, daß es

weich töne, oder dich soll der T... holen, und ich lasse dich sechs

Stunden auf die Latten legen, daß du kein Glied rühren kannst.«

»Ganz wohl, Herr Leutnant! aber ...«

»Was aber, wenn ich befehle, gibt es kein Aber; was willst du denn?«

»Ich hätte schon gestern eingeschmiert und gesalbt, Herr Leutnant, aber

der Grunsky, bei dem ich das süße Mandelöl kaufen soll, sagt, er borge

-- mit Respekt zu vermelden -- dem Herrn Leutnant keinen Groschen mehr.«

»Was? mir _das_?« schrie Münsterturm mit entsetzlicher Stimme, daß

meine Fenster zitterten und die schöne Fremde erbleichte. »Ich ermorde

ihn, ich renne ihn mit dem Säbel durch und durch, ich zerhacke alle

Gläser, Pomeranzen und Zitronen in seinem Laden in Kochstücke, der

Kuckuck soll ihn holen, ihn und sein süß Mandelöl!« Der tapfere

Soldat wackelte zu diesen Worten mit dem Federbusch, klirrte mit

dem Säbel, stampfte mit den Sporen, focht mit der Reitpeitsche in

der Luft und blinzelte hinauf ans Fenster, welche Wirkung seine

Berserkerwut hervorbringe. »Doch, es ist unter meiner Würde, mich über

solche Kanaille zu alterieren,« fuhr er ruhiger fort, »ich werde ihn

verklagen, so tu' ich. -- Johann!«

»Was befehlen der Herr Leutnant?«

»Geh in die Apotheke in der Königstraße, dort, wo es zur Kirche

hinuntergeht, laß dir für zwei Groschen süß Mandelöl geben; laß es

aufschreiben -- die Welt kennt meinen Namen.«

So sprach der Leutnant Münsterturm. Er nahm seinen Säbel unter den Arm,

rückte den großen Hut schiefer aufs Ohr und schritt mit mächtigem Gange

die Straße hinab.

Die Fremde aber schlug das Fenster zu, setzte sich an ihren Platz und

lachte.

6. Der arme Schuster.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 23 / 26 段