Gedichte?« -- »Erzählungen oder ein Roman, Herr Salzer.« -- »Um
diesen Preis werden Sie nichts Schönes finden,« erwiderte er lachend;
»doch hier ist der Katalog.« -- »Wie? Nichts Schönes um zwei Taler,
und doch kostet ein Roman von Walter Scott nur zwanzig Groschen!« --
»Wenn Sie Uebersetzungen haben wollen,« sagte er; »ich dachte, Sie
wollten Originale.« -- »Aber, mein Gott,« entgegnete ich, »wenn ein
guter Roman aus einer anderen Sprache nur zwanzig Groschen kostet,
warum hält man denn die deutschen Bücher so teuer?« -- »Meinen
Sie,« erwiderte er unmutig, »wir werden auch noch die Originale um
einen Spottpreis wegwerfen? Diese Uebersetzungen, diese wohlfeilen
Preise werden uns ohnedies bald genug ruinieren. Was ist denn jetzt
schon unser schöner Buchhandel geworden? Nichts als ein Verkaufen
im Abstreich; alles soll wohlfeil sein, und so wird alles schlecht
und in den Staub gezogen. In jeder Ecke des Landes sitzt einer, der
mit wohlfeiler Schnittware handelt, und wir anderen, die uns noch
dem Verderben entgegenstemmen, gehen darüber zu Grunde.« -- »Aber
wie kann denn diese Veränderung des Handels so großen Einfluß auf
Originale oder auf die Buchhandlung üben?« -- »Wie?« fuhr er eifrig
fort. »Wie? Es ist so klar als die Sonne; das Publikum wird dadurch
verdorben und verwöhnt! Ich streite Scott und den beiden Amerikanern
ihr Verdienst nicht ab; sie sind im Gegenteil leider zu gut. Aber jedes
Nähtermädchen kann sich für ein paar Taler eine Bibliothek klassischer
Romane anschaffen. Unnatürlich schnell hat sich die Sucht nach dieser
Art von Dichtungen verbreitet, und hunderttausend Menschen haben jetzt
durch diese Groschenbibliotheken einen Maßstab erhalten, nach welchem
sie eigensinnig unsere deutschen Produkte messen.« -- »Um so besser
für die Welt; wird denn nicht dadurch die Intelligenz und der gute
Geschmack verbreitet und das Schlechte verdrängt?« -- »Intelligenz
und Geschmack, das Bändchen um neun Kreuzer rheinisch!« rief er aus.
»O, ich kenne diese schönen Worte! Guter Geschmack! Als ob nur die
Leute über dem Kanal guten Geschmack hätten! Intelligenz! Meinen Sie
denn, die Menschen denken dadurch vernünftiger, daß sie jetzt alle
selbst rezensieren und sagen: Es ist doch nicht so schön als Walter
Scott und Cooper, und nicht so tief und witzig als Washington Irving?
Und welcher Segen für unsere Literatur und den Buchhandel wird aus
diesem Samen hervorgehen, den man so reichlich ausstreut? Verkehrtheit
der Begriffe und einige schlechte Nachahmungen (wie ich mich schämte
bei seinen Worten!) und überdies unser Ruin. Die Schriftsteller
verlangen immer stärkere Honorare; wofür man sonst einen Louisdor
zahlte, will man jetzt fünf, und im umgekehrten Verhältnis werden die
Bücher weniger gesucht als jemals. Ueberdies hat auch diese Herren
Walter Scotts Fruchtbarkeit angesteckt. Sie sind jetzt sparsam mit
Gedanken und verschwenderisch mit Worten. Gedanken, Szenen, Gemälde,
die man sonst in den engen Rahmen eines Bändchens fügte, werden
auseinandergezogen in zehn, zwölf Bände, damit man mehr Geld verdiene,
und was früher vier, fünf hübsche Verse gegeben hätte, wächst jetzt
in holperiger Prosa zu ebensovielen Seiten an.« -- »Also geht die
gereimte Poesie nicht mehr?« -- »Wer will sie kaufen? Privatleute?
die sehen vornehm herab und nennen alles Verselei; Gelehrte? die
bekommen es vom Autor, damit sie ihn desto gnädiger rezensieren
möchten; Leihbibliotheken? die führen nur Romane, weil sie ihr Publikum
kennen. Und diese Leihbibliotheken sind noch unser Unglück. Jedes
Städtchen hat ein paar solcher Anstalten. Das Publikum denkt, warum
sollen wir für ein Buch so viel Geld wegwerfen, wenn wir es in der
Leihbibliothek lesen können. Man kauft sich Groschenübersetzungen
oder wohlfeile Taschenausgaben, um doch eine Bibliothek zu haben,
und der Buchhändler, der ein Buch verlegen will, kann also höchstens
noch auf fünfhundert Leihbibliotheken rechnen. Und wenn heute wieder
ein Goethe oder Schiller geboren würde, man könnte keine fünfhundert
Exemplare absetzen, das Publikum hat Glauben, Vertrauen und Lust
an unserer Literatur verloren.« -- »Und von alledem sollten Scott
und die Taschenausgaben die Schuld tragen?« -- »Ja! und diese
unselige Zersplitterung durch alle Zweige ist auch mit schuld! Die
Schriftsteller zersplittern ihr Talent in Almanache und Zeitschriften,
weil sie dort gut bezahlt werden; das Publikum zersplittert sein
Geld für diese Luxuswaren, weil sie Mode geworden sind; wir selbst
überbieten uns; jeder will einen Almanach, eine Zeitschrift haben; und
diese Taschenkrebse sind es, die unsere Krebse erzeugen.« -- »Aber,
Herr Salzer,« sagte ich zu dem Unmutigen, »warum schwimmen Sie gegen
den Strom? Warum veranstalten Sie nicht selbst Taschenausgaben? Warum
unternehmen Sie keine Zeitschrift? Oder schämen Sie sich vielleicht,
selbst mitzumachen?« -- »Schämen würde ich mich eigentlich nicht,«
erwiderte er nach einigem Nachdenken. »Was ein anderer tut, kann Salzer
und Sohn auch tun. Aber ehrlich gestanden, ich fürchte, mit einer
Zeitschrift zu spät zu kommen; und wer soll sie schreiben? Etwas Neues
muß heutzutage neu, auffallend, pikant sein, wenn es Glück machen
soll; so habe ich mich schon lange umsonst auf einen ausgezeichneten
Titel besonnen, denn der Titel muß jetzt alles tun. Hätte ich nur hier
einige tüchtige Männer vom Fache, eine kritische oder belletristische
Zeitschrift sollte bald dastehen; denn ich bin ein _unternehmender
Geist_ so gut als einer.«
5. Der unternehmende Geist.
»Man hat jetzt Morgen-, Mittag-, Abend- und Mitternachtblätter, man
hat alle Götter- und Musentitel erschöpft, man sieht sich genötigt,
zu den sonderbarsten Namen Zuflucht zu nehmen, will man Aufsehen
machen, denn nur der neue Klang ist es, der das Alte, längst Gewöhnte
übertönt, und jeder Vernünftige sieht ein, daß eine neue Zeitschrift
nicht an und für sich besser ist als die alten. Erzählungen, Gedichte,
Kritiken finden sich hier wie dort, und gute Mitarbeiter werden nicht
zugleich mit dem Namen des Blattes erfunden.« -- »Aber, Herr Salzer,«
erwiderte ich, »warum verlassen denn die Menschen oft die längst
bekannten Zeitschriften, um auf ein paar Probeblätter hin eine neue
anzuschaffen?« -- »Das liegt ganz in unserer Zeit; Veränderung macht
Vergnügen, und neue Besen kehren gut,« antwortete er; »so ist einmal
das Publikum, wetterwendisch, und weiß nicht warum. Kleider machen
Leute, und eine hübsche Vignette, ein auffallender Titel tun in der
Lesewelt so viel als eine neue Mode in einer Assemblee. Wer diesen
Charakter der Menschen recht zu nützen versteht, kann in jetziger
Zeit noch etwas machen; hätte ich nur einen Titel!« -- »Da unsere
Zeitschriften gegenwärtig so vielseitig sein müssen,« sprach ich, »was
denken Sie zu dem Titel: ›Literarisches Hühnerfutter‹?« -- »Wäre nicht
so übel; man könnte in der Vignette das Publikum als ein Hühnervolk
darstellen, welchem von der Muse kleingeschnittenes Futter vorgestreut
wird; aber es geht doch nicht! In dem Futter könnte eine Beleidigung
liegen, weil es schiene, als wollte man das Publikum mit dem Abfall von
dem großen Mittagstisch der Literatur füttern; geht nicht!« -- »Oder
etwa -- ›die Abendglocke‹.« -- »Abendglocke? Wahrhaftig! Ei, das ließe
sich hören! Es liegt so etwas Sanftes, Beruhigendes in dem Wort. Will
mir doch den Gedanken bemerken; aber ein kritisches Beiblatt müßte
dazu; ich habe schon gedacht, ob man es nicht ›der Destillateur‹ nennen
könnte.« -- »Es liegt etwas Wahres in Ihrer Idee,« entgegnete ich, »die
Bücher werden allerdings neuerer Zeit durch einen chemischen Prozeß
rezensiert oder abgezogen; man destilliert so lange, bis sich das X
Geist, das man suchte, verflüchtigt, oder bis der gelehrte Chemiker der
Welt anzeigen kann, aus welchen verschiedenen Bestandteilen das Gebräue
bestand, das er zersetzte; aber das Blatt röche doch zu sehr nach einer
Materialhandlung oder nach gebrannten Wassern; was aber halten Sie von
einem ›kritischen Schornsteinfeger‹?«
Der Buchhändler sah mich eine Zeitlang schweigend an und umarmte mich
dann voll Rührung. »Ein Fund, ein trefflicher Fund!« rief er; »was
liegt nicht alles in diesem einzigen Wort! die deutsche Literatur
stellt den Kamin vor, unsere Rezensenten die Schornsteinfeger, sie
kratzen den literarischen Ruß ab, damit das Haus nicht in Brand
gerate. Ein Oppositionsblatt soll es werden, Aufsehen muß es machen,
das ist jetzt die Hauptsache; der kritische Schornsteinfeger! Und die
Kunstkritiken geben wir unter dem vielversprechenden Titel: ›_Der
artistische Nachtwächter!_‹« Hastig schrieb er sich den Namen auf
und fuhr dann fort: »Herr! Sie hat mein Schutzengel in meinen Laden
geführt; wenn ich so hinter meinem Arbeitstisch sitze, bin ich wie
vernagelt, aber schon oft habe ich bemerkt, wenn ich mich ausspreche,
kommen mir die Gedanken wie ein Strom. So, als Sie vorhin von Walter
Scott und seinem Einfluß sprachen, ging mir mit einemmal eine herrliche
Idee in der Seele auf. Ich will einen deutschen Walter Scott machen.«
-- »Wie? Wollten Sie etwa auch einen Roman schreiben?« -- »Ich? o
nein, ich habe Besseres zu tun; und _einen_? nein, zwanzig! Wenn ich
nur meine Gedanken schon geordnet hätte. Ich will mir nämlich einen
großen Unbekannten verschaffen, dieser soll aber niemand anders sein
als eine Gesellschaft von Romanschreibern; verstehen Sie mich?« --
»Noch ist mir nicht ganz klar, wie Sie --« -- »Mit Geld kann man
alles machen; ich nehme mir etwa sechs oder acht tüchtige Männer,
die im Roman schon etwas geleistet haben, lade sie hierher ein und
schlage ihnen vor, sie sollen zusammen den Walter Scott vorstellen.
Sie wählen die historischen Stoffe und Charaktere aus, beraten sich,
welche Nebenfiguren anzubringen wären, und dann --« -- »O, jetzt
verstehe ich Ihren herrlichen Plan; dann errichten Sie eine Fabrik,
etwa wie jene in Scheerau. Sie lassen sich Kupferstiche von allen
romantischen Gegenden Deutschlands kommen; die Kostüme alter Zeiten
kann man von Berlin verschreiben; Sagen und Lieder finden sich in des
Knaben Wunderhorn und anderen Sammlungen. Sie setzen ein paar Dutzend
junger Leute in Ihr Haus; die _Sechseinigkeit_, der neue Unbekannte,
gibt die Umrisse der Romane, hie und da zeichnet und korrigiert er an
einem großartigen Charakter; die vierundzwanzig oder dreißig anderen
aber schreiben Gespräche, zeichnen Städte, Gegenden, Gebäude nach der
Natur --« -- »Und,« fiel er mir freudig ins Wort, »weil der eine mehr
Talent für Gegendmalerei, der andere mehr für Kostüme, der dritte für
Gespräche, ein vierter, fünfter fürs Komische, andere wieder mehr
für das Tragische --« -- »Richtig! so werden die jungen Künstler in
Gegendmaler, Kostümschneider, Gesprächführer, Komiker und Tragiker
eingeteilt, und jeder Roman läuft durch aller Hände, wie die Bilder bei
Campe in Nürnberg, wo der eine den Himmel, der andere die Erde, jener
Dächer, dieser Soldaten zeichnet, wo der erste das Grün, der zweite das
Blau, der dritte Rot, der vierte Gelb malen muß nach der Reihe. Und
Einheit, Gleichförmigkeit wird dadurch erreicht, gerade wie in Walter
Scott, wo alle Figuren offenbar Familienähnlichkeit haben; und eine
Taschenausgabe veranstalten wir davon, so wohlfeil als nur möglich;
auf vierzigtausend können wir rechnen. Und der Titel soll heißen: _Die
Geschichte Deutschlands von Hermann dem Cherusker bis 1830 in hundert
historischen Romanen!_«
Herr Salzer vergoß einige Tränen der Rührung. Nachdem er sich wieder
erholt hatte, drückte er mir die Hand. »Nun? bin ich nicht ein so
unternehmender Geist als irgend einer?« sprach er. »Was wird dies
Aufsehen machen! Aber Sie, Wertgeschätzter, waren mir behilflich,
diesen Riesengedanken zu gebären; suchen Sie sich das schönste Buch in
meinem Laden aus, und zum Dank sollen Sie -- einer der Vierundzwanzig
sein!«
6. Schluß.
So war ich denn durch mein günstiges Geschick in kurzem dahin gelangt,
wohin ich mich so lange gesehnt hatte. Jetzt hatte ich nicht mehr
nötig, die Leute und ihren Geschmack in einer Leihbibliothek zu
studieren, hatte nicht mehr nötig, ängstlich nach Plan und Anordnung
eines Werkes oder gar nach vortrefflichen Gedanken umherzusuchen;
ich war ein Glied, ein Finger des neuen Unbekannten geworden, durfte
schreiben nach Lust und mein Geschriebenes gedruckt lesen. Es ist
bekannt, welch großen Erfolg das Unternehmen des Herrn Salzer hatte,
und schon längst ist es kein Geheimnis mehr für die Welt, aus welchen
Bestandteilen eigentlich der große Unbekannte bestand. Es konnte uns
nur schmeicheln, daß man anfänglich auf berühmte und vorzügliche
Schriftsteller riet, wie z. B. auf den Professor Lux, der indessen
seine Uebersetzungsmaschine erfand, den Dichter F. Kempler und andere
Treffliche, ja, daß man einen Augenblick sogar Willibald Alexis, trotz
seiner bekannten Abneigung gegen die deutsche Geschichte, im Verdacht
hatte. Längst haben sich jene sehr verdienstvollen Herren genannt, die
das Direktorium gebildet haben, und mir bleibt nur noch übrig, einiges
von dem Anteil zu erzählen, welchen ich selbst an dem Unternehmen hatte.
Weil ich einige Teile Deutschlands genau kannte, erhielt ich zuerst
eine Stelle unter den Gegendmalern. Leider schrieb ich aber in dem
Roman _das Konzilium in Konstanz_: »Leicht und schwebend trug sie der
Kahn an den rebenbepflanzten Hügeln hin von _Basel_ nach _Konstanz_ --«
diese Stelle wurde, von den sechs Direktoren übersehen, gedruckt, und
die Rezensenten und das ganze Publikum wunderten sich höchlich, daß man
damals den _Rheinfall hinauf_ gefahren sei, und zur Strafe wurde ich
in die Klasse der Gesprächführer versetzt. Gespräche in Wirtshäusern,
auf Straßen und Märkten, Händel und Wortstreit wurden mir zugeteilt. In
dieser Eigenschaft blieb ich, bis einer der sentimental und heroisch
Sprechenden einen großen Fehler machte. Er sagte nämlich: »Die Wolken
zogen bald _vor_, bald _hinter dem Mond_;« vergebens berief er sich
auf die Autorität eines Herrn S..., aus dessen _historischem Roman_
er diese herrliche Stelle entlehnt habe; man erklärte die Worte für
widersinnig, weil die Wolken nicht _hinter dem Mond_ vorbeiziehen, und
setzte ihn ab; seine Stelle fiel mir zu. In diesem Fache leistete ich
mehr als in den beiden andern. So ist z. B. der größte Teil des Romans:
»_Der Dom zu Aachen oder die Paladine Karls des Großen_« von meiner
Hand. Auch in »_Barbarossa oder die Hohenstaufen_« habe ich etwa zehn
Kapitel geschrieben. Meine letzte Arbeit vor Auflösung des Unternehmens
war das achte, neunte und fünfzehnte Kapitel in der »_Schlacht von
Kunersdorf_«.
Man hat viel über und gegen dieses großartige Unternehmen, das ich,
wiewohl zufällig, ins Leben rief, geschrieben und gesprochen. Wenn
man bedenkt, daß in der kurzen Zeit von zwei Jahren fünfundsiebzig
Bände oder fünfundzwanzig Romane aus der Fabrik des deutschen
Unbekannten hervorgingen, so muß man zum mindesten den Fleiß und die
Ausdauer der Teilnehmer bewundern. Man hat vorgeworfen, daß einige
geschichtliche Charaktere gänzlich verzeichnet seien, daß sogar
bedeutende Anachronismen vorkommen; aber wie kraftlos erscheint ein
solcher Vorwurf gegen die übrigen Vorzüge des Unternehmens! Sind nicht
alle Gegenden so treu geschildert, daß man sieht, man habe nicht die
Natur, sondern wirkliche Gemälde abgezeichnet? Haben wir nicht bei
den Kleidungen unserer Helden und Damen die Kostüme des pünktlichsten
und genauesten Theaters von Europa als Vorlegeblätter vor uns gehabt?
Hat nicht Herr Salzer mit schwerem Gelde allerlei altertümliches
Hausgerät aus Burgen und Rüstkammern gekauft, damit wir desto richtiger
zeichneten?
Das ist historische Wahrheit und Treue, und das ist es auch, was das
Publikum verlangt; das übrige, genaue Beachtung der geschichtlichen
Charaktere oder Zeiten ist nur Nebensache; Kleider, Schuhe, Stühle,
Häuser usw. wird man in allen fünfundsiebzig Bänden niemals unwahr
finden. Daß nach zwei Jahren schon diese Art von Darstellungen aus
der Mode kam, war nicht unsere Schuld; aber leider scheiterte das
schöne Unternehmen an der Veränderlichkeit des Publikums. Aus der
Mode entstand das Ganze, und mit dem günstigen Wind dieser Mode
segelten wir auf dem Strom der Geschichte, und unser Wahlspruch war:
»Verletzet eher die Wahrheit der Geschichte, verzeichnet lieber einen
historischen Charakter, nur sündiget nie gegen die Mode der Zeit und
den herrschenden Geschmack des Publikums.«
Freie Stunden am Fenster.
~Laetus sorte tua vives sapienter.~
~_Horatius_.~
1.
Mein Onkel war gestorben; er hinterließ ein hübsches Vermögen, das
meinen heimlichen Kummer wieder stillen konnte; aber er hatte es
einer Witwe vermacht, die er noch in seinen alten Tagen gern gesehen.
Ich erklärte, der Wille des Seligen sei mir zu heilig, als daß ich
ihn umstoßen möchte, d. h. die Advokaten hatten mir gesagt, daß ich
den Prozeß in allen Instanzen verlieren würde; aber die ganze Stadt
pries meinen Edelmut. Sie hatte gut loben, die ganze Stadt; Loben
kostet nichts, aber um so viele Hoffnungen betrogen, um das ganze
Vermögen des Onkels ärmer zu sein, das war hart! Ich habe in meiner
Jugend im Kinderfreund gerne ein Stück gelesen, es hieß: »Edelmut in
Niedrigkeit«; nachher hat mich oft ein anderes: »Armut und Edelsinn«
bis zu Tränen gerührt. -- War es vielleicht die Ahnung, daß ich einst
diese Rolle selbst spielen müsse, was mir Tränen auspreßte? Meinen
einzigen Trost, meine süße Hoffnung, die Tante in Leipzig, rührte vor
vier Wochen der Schlag. Ich, ihr nächster Leibeserbe, machte bei dieser
Nachricht bedeutende Einkäufe in schwarzem Tuch, zog einen ganz neuen
Menschen an, und meine Bekannten wußten sich diesen Aufwand nicht
zu erklären. Die Tante hat ihre Taler einem ganz fremden Menschen
vermacht. Ich dachte anfänglich, aus Haß gegen mich, weil ich einmal
geäußert: _die Zeitung für gebildete und noble Menschen_ sei schlechtes
Zeug, sie aber hatte alles trefflich und genial gefunden; aber nein,
es verhielt sich anders. Die Tante, ich erfuhr es erst vor einigen
Tagen, die selige Tante war Schriftstellerin gewesen. Unter dem Namen
Idoina Strahlen hatte sie in die Zeitung für noble etc. Erzählungen,
Aphorismen aus ihrem Leben, Romanzen und dergleichen geliefert. Ja,
sie hatte sogar Romane für Leihbibliotheken geschrieben; wer kennt
nicht »Lisbethas letzte Seufzer« in Duodez; »Die Mohrenschlacht oder
die grausamen Herzen, eine spanische Geschichte«; wem ist nicht »Meine
erste Liebe oder der blutige Säbel« bekannt? Ich hatte sie oft auf die
Seite geworfen, wenn sie mir nebst anderer dergleichen Ware in die
Hände fielen; konnte ich denken, daß sie mich um mein Erbe bringen
würden? Idoina las alle ihre Produkte einem Magister vor, der sie
~quoad stylum~ korrigierte, reinlich abschrieb, an die Zeitung für
noble etc. oder an die Verleger verschickte und, wenn sie erschienen
waren, in sechs oder acht Journalen günstig rezensierte. Es konnte
nicht fehlen -- die selige Tante hinterließ ihm ihren Mammon.
Das neue Kleid war gekauft und konnte nicht mehr ungekauft gemacht
werden; ich verkaufte mein Piano, um jenes zu bezahlen. Es war gut, daß
nicht noch etwas Schwereres zu vergüten war. Als mir nämlich die Kunde
von dem Tod der seligen Idoina kam, als ich mich im neuen Kleide vor
dem Spiegel musterte, fand ich, daß ich gut genug zu einem Ehemanne
aussehe. Wenn ich nicht irrte, so mochte dies auch des Oberhofmeisters
Trinette finden. Ich hatte Aussichten, gemächlich mit einer Frau leben
zu können; ich las aufrichtige Liebe in ihren schönen, braunen Augen;
ich wollte endlich einen Schritt vorwärts tun, da kam die Leipziger
Post, der Magister hatte das Erbe, und ich -- blieb stehen, ich ging
rückwärts. Jetzt erst war ich arm, denn ich hatte keine Hoffnung mehr.
Ich dachte ernstlich über meine Stellung in der Welt nach und fand,
daß ein armer Teufel eine um so traurigere Rolle spiele, je weiter er
oben steht. Moreaus Rückzug wird für das Glänzendste gehalten, was
dieser große General getan hat. An mir war es jetzt, eine ähnliche
Operation zu machen; ich mußte mich ohne Schande aus den Salons
zurückziehen, mein Rückzug mußte einem Siege gleichen, wenn ich mir das
Erröten ersparen wollte. Man kann sich denken, daß ich am schwersten
daran kam, jene treffliche Stellung zu verlassen, die ich gegen die
Bastion Trinette eingenommen hatte. Meine Vorposten waren schon so weit
vorgeschoben, daß sie täglich mit dem Feinde plänkelten, ich war daran,
die Laufgräben zu eröffnen, es war mathematisch gewiß, daß ich siegen
mußte; wer hat eine solche Stellung nicht mit einer Träne im Auge
aufgegeben?
Aber mein Rückzug war meisterhaft; es fand sich eine Gelegenheit, gegen
Trinette den Eifersüchtigen zu spielen; ich erschien einige Abende
bei den fröhlichsten Soupers, bei den glänzendsten Bällen düster und
in mich gekehrt, es fiel auf, und jetzt hatte ich gewonnen. »Er ist
melancholisch,« sagte die ganze Stadt; ich war melancholisch, denn ich
hatte ja nichts mehr, um die Freude zu bezahlen, die Melancholie kann
man aber umsonst haben. Ich gab meine vier Zimmer in der Hauptstraße
auf und bezog ein kleines Stübchen in einem entlegenen Teile der Stadt.
»Nein, wie er melancholisch ist!« sagten die Leute. Ich speiste sonst
im ersten Gasthof; jetzt ließ ich mir die Speisen aus einer Garküche
bringen. »Er ist ein Narr,« war das Urteil der Welt, und jeder, der
mich sah, fragte mich teilnehmend, wie es mir gehe? Die Ehre war
gerettet; ich wollte lieber für einen Narren, für melancholisch -- als
für einen armen Teufel gelten.
Es wohnt sich übrigens ganz gut in dem kleinen Stübchen. Die einzigen
Möbel, die mir gehören, sind ein großer Fauteuil, ich konnte es nicht
übers Herz bringen, ihn zu verkaufen, denn meine gute Mutter war
darin verschieden; das andere war ein Schreibtisch, der beinahe ein
Drittel des Stübchens einnahm -- mein Vater hatte daran gearbeitet.
Anfangs vermißte ich mein Piano sehr ungern. Es gab in meinem Tag so
manche freie Stunde, die ich mir mit Musik verkürzt hatte. Aber bald
entdeckte ich ein Möbel, das mir noch größern Genuß verschaffte als
das Klavier; es war mein Fenster. Mein Stübchen lag im zweiten Stock;
ich konnte, wenn ich mein Opernglas zu Hilfe nahm, ganz bequem in die
Etage meiner Nachbarn schauen; ich lernte beobachten, und stundenlang
saß ich an meinem Fenster. Ich komme mir oft vor wie der Ritter
Toggenburg. Es ist zwar kein Nonnenkloster, dem gegenüber ich mein
Hauswesen aufgeschlagen habe; aber doch schaue ich vielleicht mit nicht
geringerer Andacht nach dem schönen, zweistöckigen Haus und lausche,
bis ein Fenster klingt und ich auch Worte vernehme. Auch bleibe ich so
nach und nach ein Junggeselle wie der melancholische Ritter, doch soll
mich Gott bewahren, daß ich darüber das bißchen Geist aufgebe wie der
Toggenburger, und es wäre mir höchst fatal, wenn man von mir sagte:
»Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da,
Nach den Fenstern noch das bleiche,
Stille Antlitz sah.«
2. Die Liebe parterre.
»Christel!« sagte ich am Morgen, nachdem ich mich eingerichtet hatte,
zu der alten Aufwärterin, die mir den Kaffee brachte, »Christel, wer
wohnt da gegenüber in dem breiten Hause?« -- »Parterre wohnt der
Schuhmacher Rupfer, mitten die gnädige Frau, und oben der Doktor und
der Leutnant.« -- »Nicht so schnell, Christel, nicht so schnell, da
weiß ich so viel als vorher; wem gehört das Haus?« -- »Dem Schuhmacher,
daß mir's Gott verzeih'!« antwortete sie. »Ist es nicht eine Sünde,
daß ein Schuhmacher einen solchen Palast hat? Das kommt aber alles von
der Russenzeit. Da hat ihm sein Vetter, der Kriegsrat-Kanzelist, eine
Schuhlieferung verschafft, und weil die Russen bekanntlich große Füße
haben, so --« -- »So war auch der Abfall groß, natürlich; aber wie
sind die Leute? Der Meister scheint früh auf zu sein, ich sah schon um
fünf Uhr Licht; auch einige Mädchen glaubte ich zu bemerken.« -- »Der
Alte um fünf Uhr auf?« rief Christel mit wegwerfender Miene. »Ja, dem
tut's not; der lebt wie ein großer Herr seit der Russenzeit und steht
vor acht Uhr nicht auf. Sie werden schon merken, wann er aufsteht.
Geht ein rechtes Geschrei los in der Werkstatt, hören Sie einen Mann
schimpfen und die Mädchen heulen, so ist der Alte aufgestanden; das
ist alle Tage, die Gott gibt, sein Morgenlied.« -- »Wer arbeitet denn
aber so früh am Tag in der Werkstatt? Sind die Mädchen so fleißig?«
-- »Wie man will;« erwiderte sie, »es ist eigentlich der Pariser, der
Geselle des Schuhmachers, und Brenners Karlchen, der Lehrjunge; diese
arbeiten vom frühesten Morgen; aber auch Mamsell Karoline, die größere
mit den schwarzen Augen, ist mit der Torglocke auf. Früher hätte man
sie nicht mit zehn Pferden aus dem Bette gebracht; aber seit der
Pariser im Haus ist, steht man alle Morgen schon um fünf Uhr auf; das
macht, sie lebt mit ihm in einem unchristlichen Verhältnis.« -- »Und
im ersten Stock wohnt die gnädige Frau? Wie heißt sie denn? Hat sie
Familie?« -- »Es ist die Frau Oberforstmeisterin von Trichter. Der Mann
ist gestorben, sie hat zwei Fräulein und einen ungeratenen Sohn. Sie
tun auch zu vornehm; es soll nicht immer richtig sein mit dem Geld,
und die Titel und vornehmen Bekanntschaften kann man nicht wechseln
lassen.« -- »So, die wohnt hier?« Ich hatte in den Zirkeln, die ich vor
meinem Rückzug besuchte, von einer solchen Frau von Trichter gehört;
doch erinnerte ich mich nicht mehr gewiß, was von ihr gesprochen wurde.
»Und oben?« fuhr ich fort, indem ich auf die Fenster zeigte, die in
gleicher Höhe mit den meinigen waren; »oben?« -- »Nun, da wohnt der
Doktor und der kleine Leutnant.« -- »Was ist das für ein Doktor? Ein
Mediziner?« -- »Nein, es ist kein Menschendoktor; aber soviel ich
weiß, soll er ein gelehrter Herr sein, der Doktor Salbe, und Bücher
schreiben. Ich habe ihm früher auch den Kaffee gebracht, aber er macht
ihn jetzt selbst, der Hungerleider, in der Maschine mit Spiritus. Wenn
er sich nur die Finger recht verbrennte mit dem Weingeist! Was hat er
nötig, mit der Maschine Kaffee zu machen? Aber freilich, jetzt soll
alles mit Maschinen gehen und mit Dampf. Sie gönnen einer armen Frau
nicht einen Groschen mehr, den sie ehrlich erworben.« -- »Und der
Leutnant,« unterbrach ich ihre Philippika gegen den Maschinenkaffee des
Doktors, »wie sagst du, daß er heiße?« -- »Man nennt ihn in der ganzen
Nachbarschaft nur den kleinen Leutnant. Er ist ein freundlicher Herr,
aber reich muß er auch nicht sein, denn er reitet um sechs Groschen
spazieren und hat zwar große Sporen, aber kein Pferd.«
Christel hatte unter diesen Belehrungen mein Stübchen aufgeräumt und
ging.