Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders

konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist

vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt,

meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit

man in diesem Augenblick einen frischen Strauß Vergißmeinnicht empfängt.

Doch, wenn meine Worte auch nur auf _einem_ Antlitz jene Röte der Scham

aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,

wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von _ihm_ abwenden, so

habe ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in

diesen Landen noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die

Hand drücken und sagen: »Du hast gedacht wie wir!« Amen.

Skizzen.

Inhaltsverzeichnis.

Seite.

Die Bücher und die Lesewelt.

1. Die Leihbibliothek 225

2. Geschmack des Publikums 227

3. Der große Unbekannte 230

4. Besuch im Buchladen 233

5. Der unternehmende Geist 235

6. Schluß 238

Freie Stunden am Fenster 240

2. Die Liebe parterre 243

3. Der zweite Stock 246

4. Jocko 249

5. Die Bel-Etage 252

6. Der arme Schuster 255

7. Die deutsche Literatur 261

Der ästhetische Klub 264

Ein paar Reisestunden 267

Hochzeitgruß an Karl Grüneisen 278

Die Bücher und die Lesewelt.

1. Die Leihbibliothek.

Als ich noch in --n lebte, gehörte es zu meinen Vormittagsvergnügungen,

in eine Leihbibliothek zu gehen; nicht um Bücher auszuwählen, denn die

Sammlung bestand aus vier- bis fünftausend Bänden, die ich größtenteils

zwei Jahre zuvor in einer langen Krankheit durchblättert hatte, sondern

um zu sehen, wie die Bücher ausgewählt werden. Ich trug mich damals mit

dem sonderbaren Gedanken, ein Buch zu schreiben; ich hatte noch keinen

bestimmten Gegenstand oder Zweck und war noch sehr unentschieden, nach

welchem großen Meister ich mein erstes Stück verfertigen sollte; an

den innern Wert des künftigen Buches dachte ich zwar mit unbehaglichem

Gefühl, denn unter allen meinen Gedanken war ich bis jetzt auf keinen

gestoßen, der sich, selbst mit Schwabacher Lettern gedruckt, schön

ausgenommen hätte; doch schien mir das größte und notwendigste für

einen, der ein Buch machen will, daß er die Menschen studiere, nicht um

Menschenkenntnis zu sammeln, die lernt man jetzt in Büchern, sondern um

den Leuten abzusehen, was etwa am meisten Beifall finde, oft und gerne

gelesen werde. ~Vox populi, vox Dei~, dachte ich, gilt auch hier. So

saß ich denn manchen Vormittag in der Bibliothek, um die Leser und ihre

Neigungen zu studieren.

Der Bibliothekar war ein alter, kleiner Mann, der in den zehn Jahren,

die ich in seiner Nähe lebte, beständig einen apfelgrünen Frack, eine

gelbe Weste und blaue Beinkleider trug; ich suchte ihm zu beweisen, daß

er seinen Anzug nicht greller und abgeschmackter hätte wählen können;

er brach aber, nachdem ich einiges Schlagende aus der Farbenlehre

vorgebracht hatte, in Tränen aus und versicherte mir, er trage sich so

und werde sich bis an sein Ende so tragen, denn von diesen Farben sei

sein Hochzeitskleid gewesen, das er sich sechs Wochen vor der Hochzeit

und leider zu frühe habe verfertigen lassen; denn die Braut sei schnell

am Nervenfieber gestorben. Der Bibliothekar hatte in seinem Fach eine

vieljährige Erfahrung, und interessant war, was er zuweilen darüber

äußerte. »Morgens,« sagte er mir z. B., »morgens werden am meisten

Bücher ausgetauscht, das ist die Zeit der zweiten und dritten Teile.

Es kommt nicht daher, wie ich anfänglich glaubte, daß zu dieser Zeit

die Bedienten und Kammermädchen ihre Ausgänge in die Stadt machen, denn

dann müßte sich dieses Verhältnis auch auf erste Teile erstrecken,

nein, es kommt vom Nachtlesen her.« -- »Vom Nachtlesen?« fragte ich

verwundert.

»Davon, meine ich, daß die Leute interessante Bücher bei Nacht lesen.

Ein großer Teil der Menschen, die jungen und ganz gesunden ausgenommen,

kann nicht in derselben Minute einschlafen, wo sie zu Bette gehen.

Zum Opium mag man nicht greifen, weil man damit, einmal angefangen,

fortfahren muß; da gibt es nun kein besseres Mittel, als zu lesen.«

-- »Gut, ich verstehe,« erwiderte ich; »aber Sie sagen ja selbst von

interessanten Büchern: sind denn diese zum Einschläfern eingerichtet?«

-- »Nicht alle und nicht für alle; natürlich muß man unterscheiden,

für wen dies oder jenes interessant sein kann. Sie kennen die Gräfin

Winklitz? Nun, die kann am längsten nicht einschlafen; mich dauert

nur das Kammermädchen, die ihr jede Nacht oft bis zwei Uhr vorlesen

muß. Nun gebe ich einmal aus Irrtum dem Mädchen Görres' Deutschland

und die Revolution mit -- Sie wissen, für den Kenner gibt es nichts

Interessanteres -- acht Nächte haben sie daran gelesen, und doch hat

es nur 190 Seiten, und jedesmal ist die Gräfin um elf eingeschlafen.

Das Mädchen wußte mir Dank für das ›schläfrige Buch‹. Kommt, um Ihnen

nur noch ein Beispiel zu geben, kommt zu meinem großen Erstaunen der

alte Professor Wanzer, der über Mathematik liest, in meinen Laden.

Er habe seit zwanzig Jahren nichts Belletristisches mehr gelesen,

als zuweilen die Traueranzeigen im Merkur, und nun wünsche er doch

wieder eine Uebersicht über das zu bekommen, was einstweilen Gutes

geschrieben worden. Ich fragte ihn, ob er von Walter Scott etwas

gelesen? Er erinnerte sich, von dem berühmten Mann gehört zu haben,

und nimmt Ivanhoe mit, Ivanhoe, diese herrliche Geschichte! Den andern

Tag kommt er ganz verdrießlich, wirft mir ein paar Groschen und den

Scott auf den Tisch und sagt, die Rittergeschichten, die er in seiner

Jugend gelesen, seien bei weitem schöner gewesen; er sei schon über den

ersten Teil eingeschlafen; bitte Sie ums Himmels willen, über Ivanhoe

einzuschlafen!« -- »Aber wie hängt dies mit Ihren Beobachtungen über

die zweiten und dritten Teile zusammen?« unterbrach ich ihn.

»Nun, wir sprachen gerade von interessanten Büchern, und da kam ich

auf die Gräfin und den Professor. Kommt aber ein interessantes Buch

an den rechten Mann, so geht es, wie wenn ein Pferd flüchtig wird.

Abends war man im Theater oder in Gesellschaft, man hat nachher gut zu

Nacht gespeist und rüstet sich nun, zu Bette zu gehen. Die Lampe auf

dem Tische am Bette ist angezündet, das Mädchen oder der Bediente hat

einen ersten Teil zurechtgelegt, alles ist in Ordnung, nur der Schlaf

will nicht kommen. Man rückt die Lampe näher, man nimmt das Buch in

die Rechte, stützt den linken Ellbogen in die Kissen und schlägt das

Titelblatt auf. Sagt der Titel dem Leser zu, hat er sich über das

erste, oder, wie ich's nenne, Geburtsschmerzen-Kapitel hinübergewunden,

so geht es rasch vorwärts, die Augen jagen über die Zeilen hin, die

Blätter fliegen, und solch ein rechter Nachtleser reitet einen Teil

ohne Mühe in zwei Stunden hinaus. Gewöhnlich ist der Schluß der ersten

Teile eingerichtet wie die Schlußszenen der ersten Akte in einem Drama.

Der Zuschauer muß in peinlicher Spannung auf den nächsten Akt lauern.

Unzufrieden, daß man nicht auch den zweiten Teil gleich zur Hand

hat, und dennoch angenehm unterhalten, schläft man ein; den nächsten

Morgen aber fällt der erste Blick auf das gelesene Buch, man ist

begierig, wie es dem Helden, der am Schlusse des ersten Teils entweder

gerade ertrunken ist oder ein sonderbares Pochen an der Tür hörte und

soeben »herein!« rief, weiter ergehen werde, und wenn ich um acht

Uhr meinen Laden öffne, stehen die Johanns, Friederichs, Katharinen,

Babetten schon in Scharen vor der Türe, weil gnädiges Fräulein, ehe

sie eine englische Stunde hat, der Herr Rittmeister, ehe die Schwadron

spazieren reitet, die Frau Geheimrätin, ehe sie Toilette macht, noch

einige Kapitel im folgenden Teil des höchst interessanten Buches lesen

möchten.«

2. Geschmack des Publikums.

»O, daß ich auch einer der Glücklichen wäre,« dachte ich, als jetzt

die Leihbibliothek sich öffnete und ein Gemisch von bordierten

Bedientenhüten und hübschen Mädchengesichtern sich zeigte, »einer

jener Glücklichen, deren zweiter Teil mit so großer Sehnsucht erwartet

wird!« Nicht ohne Neid blickte ich auf die Bände, die der kleine

Bibliothekar mit der wichtigen Miene eines Bäckers zur Zeit einer

Hungersnot verteilte. -- Er hatte die dringendsten Kunden befriedigt,

das Geld oder die Leseschulden eingeschrieben, und ich konnte jetzt

eine wichtige Frage an ihn richten, die mir schon lange auf den Lippen

schwebte, die Frage über den Geschmack des Publikums.

»Er ist so verschieden,« antwortete er, »und ist oft so sonderbar als

der Geschmack an Speisen. Der eine will süße, der andere gesalzene; der

eine Seefische, Austern und italienische Früchte, der andere nahrhafte

Hausmannskost: in _einem_ Punkte stimmen sie aber alle überein, sie

wollen gut speisen.« -- »Das heißt?« -- »Sie wollen unterhalten

sein; natürlich jeder auf seine Weise.« -- »Aber wer ist der Koch,«

rief ich aus, »der für diese verschiedenen und verwöhnten Gaumen das

Schmackhafte zubereitet? Wie kann man es allen oder nur vielen recht

machen? Denn darin liegt doch der Ruhm des Autors.« -- »Sie sind nicht

so verwöhnt, als man glaubt,« entgegnete er; »die Mode tut viel, und

wenn nur die Schriftsteller fleißiger die Leihbibliotheken besuchten,

mancher würde finden, was ihm noch abgeht, oder was er zuviel hat. Kann

doch keiner ein guter Theaterdichter werden, der nicht mit der ganzen

Stadt vor seinem eigenen Stücke sitzt, aufmerksam zuschaut und lauscht,

was am meisten Effekt macht.«

Der Mann sprach mir aus der Seele; er hatte ausgesprochen, was auch ich

schon lange mir zugeflüstert hatte. »Die Leihbibliotheken studiere,

wer den Geist des Volkes kennen lernen will,« fuhr er mit Pathos

fort. »Sehen Sie einmal, Bester, jene lange Reihe von Bänden an; die

weißen Pergamentrücken sind so rein, als hätte man sie nie oder nur

mit Handschuhen angefaßt. Wer ist wohl der Autor, der so vergessen und

gleichsam in Ruhestand versetzt dort steht?«

Ich riet auf eine Reisebeschreibung oder auf ein naturhistorisches Werk.

»Letzteren Artikel führen wir gar nicht,« antwortete er wegwerfend;

»nein -- es ist Jean Paul.« -- »Wie!« rief ich mit Schrecken,

»ein Mann, der für die Unsterblichkeit geschrieben, sollte schon

jetzt vergessen sein? Hat er denn nicht alles in sich vereinigt,

was anzieht und unterhält, tiefen Ernst und Humor, Wehmut und

Satire, Empfindsamkeit und leichten Scherz?« -- »Wer leugnet dies?«

erwiderte der kleine Mann. »Alles hat er in sich vereint, um auch die

verschiedensten Gaumen zu befriedigen; aber er hat jene Ingredienzien

klein gehackt, wunderlich zusammengemischt und mit einer ~Sauce

piquante~ gekocht; als es fertig war und das Publikum kostete, fand

man es wohlschmeckend, delikat, aber es widerstand dem Magen, weil

niemand seine Kraftbrühen, den sonderbaren dunkeln Stil ertragen

konnte. Dort stehen alle seine Gerichte unberührt, und nur einige

Gourmands im Lesen nehmen hie und da ein Kampanertal oder einen Titan

nach Hause und schmecken allerlei Feines heraus, das ich und mein

Publikum nicht verstehen. Sehen Sie in jener Ecke die lange Reihe mit

den neuen grünen Schildchen? Das ist Herder; auch dieser -- doch hier

kommt ein lebendiges Beispiel die Straße herauf; kennen Sie Fräulein

Rosa von Milben?« -- »Gewiß; ich sah sie zuweilen und fand in ihr eine

Dame vom feinsten Geschmack und sehr belesen; zwar etwas empfindsam

und idealisch, aber dabei von einer liebenswürdigen Unbefangenheit.«

-- »Des Fräuleins Kammermädchen wird sogleich eintreten, und da haben

Sie die beste Gelegenheit, den feinen, empfindsamen Geschmack jener

Dame kennen zu lernen.« -- »Ich wollte erraten, von welcher Art ihre

Lektüre ist,« erwiderte ich, »etwa Rosaliens Nachlaß oder Jacobs'

Frauenspiegel, Tiedges Urania oder Agathokles von Karoline Pichler.« --

»Stellen Sie sich nur ruhig an jene Seite, wir werden sogleich sehen.«

Ich tat, wie er mir sagte; ich nahm ein Buch aus dem Schrank und

stellte mich, scheinbar mit Lesen beschäftigt, in eine Ecke. Das

Mädchen trat in das Gewölbe, richtete eine freundliche Empfehlung vom

gnädigen Fräulein aus, und sie lasse fragen, ob man denn No. 1629 noch

immer nicht haben könne?

»Nicht zu Hause,« antwortete er nach einem flüchtigen Blick auf die

Bücherschränke; »hier ist eine andere Nummer für Ihr Fräulein. Sie

soll sich gut unterhalten.« Das Mädchen ging. »Schnell einen Katalog,«

rief ich, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte, »lassen Sie

mich sehen, was 1629 ist!« Mit ironischem Lächeln reichte mir der

Alte den Katalog; ich blätterte eilig, fand, und mein Herz erstarrte

vor Verwunderung, denn No. 1629 war -- »Leben und Meinungen Erasmus

Schleichers von Cramer!« -- »Wie! dieses, um wenig zu sagen, gemeine

Buch darf Fräulein Rosa, die liebenswürdige Einfalt, lesen?« sprach ich

unmutig. »Und wenn keine Gouvernante, keine Mutter ihre Lektüre ordnet,

darf sie sich selbst etwas solches erlauben? Doch es ist ein Irrtum,

die Zahlen sind falsch aufgeschrieben!« -- »Wertester Herr,« erwiderte

der Bibliothekar, »Sie trauen den Menschen zu viel Gutes zu. Hier ist

ein Zettelchen, das ich heimlich aus dem Körbchen des Kammermädchens

nahm, Erasmus Schleicher ist es und kein anderer; ~noscitur ex socio~

-- an deinem Kameraden kennt man dich; hier stehen die übrigen Nummern,

nach welchem das Herz des Fräuleins verlangt, vergleichen Sie!«

Zürnend nahm ich das Blättchen, auf welchem zierlich die Worte: »Für

Fräulein von Milben« und eine lange Reihe von Zahlen geschrieben

waren. Ich fing mit der ersten Nummer an und fand Leute, welchen

freilich die Nachbarschaft des alten Erasmus keine Schande brachte.

1585 der deutsche Alcibiades, 2139 der Geist Erichs von Sickingen und

seine Erlösung, 2995 Historien ohne Titel, 1544 der Blutschatz von H.

Clauren. 1531--40 Scherz und Ernst von H. Clauren. Nein, weiter mochte

ich diese Herzensgeheimnisse nicht entziffern. »Welche Heuchlerin ist

dieses Mädchen!« rief ich. »Das ist ihre Lektüre, und ich glaubte, sie

werde nur die Stunden der Andacht lesen!« -- »Da müßten Sie wahrhaftig

einen guten Teil unserer jungen Damen Heuchlerinnen nennen, denn

Clauren und Cramer und dergleichen sind ihre angenehmste Lektüre, und

daß sie nicht darüber sprechen, ist noch keine Heuchelei.« -- »Aber,

mein Gott, warum lesen denn wohlgezogene Leute so schlechte Bücher,

von welchen sie ohne Erröten nicht sprechen dürfen? Wahrhaftig, der

Umgang mit schlechten Büchern ist oft gefährlicher als der Umgang mit

schlechten Menschen.« -- »Warum?« entgegnete der Büchermann lachend,

»warum? Das ist nun einmal der _Geschmack der Zeit_.«

3. Der große Unbekannte.

Ein Bedienter unterbrach uns. »Die Frau Gräfin von Langsdorf läßt sich

ein Buch ausbitten;« sprach er.

»Was für eine Nummer?« -- »Das hat sie nicht gesagt. Aber ich glaube,

sie will eine Geistergeschichte.« -- »Geistergeschichte?« fragte der

kleine Bibliothekar, umhersuchend, »darf es auch eine Rittergeschichte

sein? Die Geister sind alle ausgeliehen.« -- »Ja, nur etwas recht

Schauerliches, das hat sie gerne,« erwiderte der Diener, »so wie das

letzthin, die schwarzen Ruinen oder das unterirdische Gefängnis, das

hat uns sehr gut gefallen.« -- »Liest Er denn auch mit?« sagte der

kleine Mann mit Staunen.

»Nachher, wenn die Frau Gräfin einen Band durch hat, lesen wir es

auch im Bedientenzimmer.« -- »Gut; will Er lieber das Geisterschloß,

die Auferstehung im Totengewölbe oder das feurige Racheschwert von

Hildebrandt?« -- »Da tut mir die Wahl weh,« erwiderte er; »was müssen

das für schöne Bücher sein! Nu -- ich will diesmal das feurige

Racheschwert nehmen, behalten Sie mir das Geisterschloß für das nächste

Mal auf.«

Kaum hatte sich der Diener der Gräfin, die gerne Schauergeschichten

las, entfernt, so trat gemessenen Schrittes ein Soldat ein.

»Für den Herrn Leutnant Flunker beim fünfzehnten Regiment den blinden

Torwart vom alten Schott?« -- »Freund, hat Er auch recht gehört?«

fragte der Leihbibliothekar. »Den blinden Torwart vom alten Schott?

Ich kenne keinen Autor dieses Namens.« -- »Es soll auch kein Auditor

sein,« entgegnete der Soldat vom fünfzehnten, »sondern ein Buch; der

Herr Leutnant sind auf der Wache und wollen lesen.« -- »Wohl! Aber vom

alten Schott? Es steht weder ein alter noch ein junger im Katalog.«

-- »Es ist, glaub' ich, derselbe, der so viel gedruckt hat, und den

sich alle Korporals und Wachtmeister um zwei gute Groschen gekauft

haben.« -- »Walter Scott!« rief der Kleine mit Lachen, »und das Buch

wird Quentin Durward heißen.« -- »Ach ja, so wird es heißen!« sprach

der Soldat. »Aber ich darf den Herrn Leutnant nichts zweimal fragen,

sonst hätte ich wohl den Namen gemerkt, und er hat sich das undeutliche

Sprechen vom Kommandieren angewöhnt.« Er empfing seinen blinden

Torwart und ging. Aber der Himmel hatte ihn in diesem Augenblick in

die Leihbibliothek gesandt, und seine Worte hatten einen Lichtstrahl

in meine Seele geworfen. »So ist es denn wahr,« sprach ich, »daß die

Werke dieses Briten beinahe so verbreitet sind als die Bibel, daß alt

und jung und selbst die niedrigsten Stände von ihm bezaubert sind?«

-- »Gewiß, man kann rechnen, daß allein in Deutschland sechzigtausend

Exemplare verbreitet sind, und er wird täglich noch berühmter. In

Scheerau hat man jetzt eine eigene Uebersetzungsfabrik angelegt, wo

täglich fünfzehn Bogen übersetzt und sogleich gedruckt werden.« -- »Wie

ist das möglich?« -- »Es scheint beinahe so unmöglich, als daß Walter

Scott diese Reihe von Bänden in so kurzer Zeit sollte geschrieben

haben; aber es ist so, denn erst vor kurzer Zeit hat er sich öffentlich

als Autor bekannt; die Fabrik habe ich aber selbst gesehen.« -- »Wird

vielleicht durch Verteilung der Arbeit Zeit gewonnen?« fragte ich.

-- »Einmal dies,« entgegnete er, »und sodann wird alles mechanisch

betrieben; der Professor Lux ist sogar gegenwärtig beschäftigt, eine

Dampfmaschine zu erfinden, die Französisch, Englisch und Deutsch

versteht, dann braucht man gar keine Menschen mehr. Die Fabrik ist aber

folgendermaßen beschaffen: Hinten im Hof ist die Papiermühle, welche

_unendliches Papier_ macht, das schon getrocknet wie ein Lavastrom

in das Erdgeschoß des Hauptgebäudes herüberrollt; dort wird es durch

einen Mechanismus in Bogen zerschnitten und in die Druckerei bis unter

die Pressen geschoben. Fünfzehn Pressen sind im Gang, wovon jede

täglich zwanzigtausend Abdrücke macht. Nebenan ist der Trockenplatz

und die Buchbinder-Werkstätte. Man hat berechnet, daß der Papierbrei,

welcher morgens fünf Uhr noch flüssig ist, den anderen Morgen um elf

Uhr, also innerhalb dreißig Stunden, ein elegantes Büchlein wird. Im

ersten Stock ist die Uebersetzungsanstalt. Man kommt zuerst in zwei

Säle; in jedem derselben arbeiten fünfzehn Menschen. Jedem wird morgens

acht Uhr ein halber Bogen von Walter Scott vorgelegt, welchen er bis

mittags drei Uhr übersetzt haben muß. Das nennt man dort: ›aus dem

Groben arbeiten‹. Fünfzehn Bogen werden auf diese Art jeden Morgen

übersetzt. Um drei Uhr bekommen diese Leute ein gutes Mittagbrot. Um

vier Uhr wird jedem wieder ein halber Bogen gedruckte Uebersetzung

vorgelegt, die durchgesehen und korrigiert werden muß.« -- »Aber was

geschieht denn mit den übersetzten Bogen vom Vormittag?« -- »Wir werden

es sogleich sehen. An die zwei Säle stoßen vier kleine Zimmer. In

jedem sitzt ein Stilist und sein Sekretär; Stilisten nennt man dort

nämlich diejenigen, welche die Uebersetzungen der dreißig durchgehen

und aus dem Groben ins Feine arbeiten; sie haben das Amt, den Stil zu

verbessern. Ein solcher Stilist verdient täglich zwei Taler, muß aber

seinen Sekretär davon bezahlen. Je sieben bis acht Grobarbeiter sind

einem Stilisten zugeteilt; sobald sie eine Seite geschrieben haben,

wird sie dem Stilisten geschickt. Er hat das englische Exemplar in der

Hand, läßt sich vom Sekretär das Uebersetzte vorlesen und verbessert

hier oder dort die Perioden. In einem fünften Zimmer sind zwei

poetische Arbeiter, welche die Mottos über den Kapiteln und die im Text

vorkommenden Gedichte in deutsche Verse übersetzen.«

Ich staunte über diesen wunderbaren Mechanismus und bedauerte nur, daß

die dreißig Arbeiter und vier Stilisten notwendig ihr Brot verlieren

müssen, wenn der Professor Lux die Uebersetzungsmaschine erfindet.

»Gott weiß, wie es dann gehen wird,« antwortete der kleine Mann; »schon

jetzt kostet das Bändchen in der Scheerauer Fabrik nur einen Groschen;

in Zukunft wird man zwei Bändchen um einen Silbergroschen geben, und

alle vier Tage wird eins erscheinen.«

4. Besuch im Buchladen.

Mein Entschluß stand fest; einen historischen Roman ~à la~ Walter

Scott mußt du schreiben, sagte ich zu mir, denn nach allem, was man

gegenwärtig vom Geschmack des Publikums hört, kann nur diese und keine

andere Form Glück machen. Freilich kamen mir bei diesem Gedanken noch

allerlei Zweifel; ich mußte die Werke dieses großen Mannes nicht nur

lesen, sondern auch studieren, um sie zu meinem Zweck zu benutzen. Ein

dritter und der mächtigste Zweifel war, ob ich einen Verleger bekommen

würde. Ich beschloß daher, ehe ich mich an das Werk selbst machte, die

Wege kennen zu lernen, die man bei solchen Geschäften zu gehen hat.

Den Buchhändler Salzer und Sohn kannte ich von der Harmonie her; ich

steckte zwei Taler zu mir, um ein Buch bei ihm zu kaufen und so seine

nähere Bekanntschaft zu machen.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 21 / 26 段