Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so

gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste

zur Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf

Vernunft und wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen -- sie

sind leider nur für wenige geschrieben. Wer liest sie? Der Gelehrte,

der Bürger von wahrer Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich

über das Gebiet der Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für

_diese_ schreibt? Ob seine Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn

nur lesen? Und wenn sie ihn lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung,

auf welcher sie stehen, nicht von selbst den Takt verleihen, um das

Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter hundert Menschen, welche lesen,

sogar zehn wären, die sich aus jenen Instituten unterrichten, verhallt

nicht eine solche Stimme bei neunzig andern?

So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,

gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde, er --

schüttelte den Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut

seine Straße. Wußte er doch, daß ihm ein großes ansehnliches Publikum

geblieben, zu dessen Ohren jene Stimmen nie drangen, wußte er doch,

daß, wenn ihn der ernste Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen,

wie einen räudigen Hund, der seine Schwelle nicht verunreinigen soll,

das Töchterlein oder die Hausfrau eine Hintertür willig öffnen werde,

um auf die Honigworte des angenehmen Mannes zu lauschen, der Ernst

und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, um ihm von den ersparten

Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht abzukaufen.

Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche

Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich

getadelt wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder

unreif ist oder nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht

entspricht. Hier kann höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer

Gespenstergeschichte oder eines ehrlichen Ritterromans widmete,

übel angewendet scheinen, oder der Geschmack kann darunter leiden.

Solange für die jugendliche Phantasie, für Sittlichkeit keine Gefahr

sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur den Verfasser

zurechtweisen, wie er es verdient, das allgemeine Publikum wird

freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,

daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn

sie diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge

reizt und dem Ohre schmeichelt, durch Gemeinheit und unreines Wesen, so

ist sie ein Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell

und offen zu wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt,

die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und

Edle, Reine und Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das

bedauernswürdiger ist als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der

Länder wegrafft.

Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz

dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter

euch kann _leugnen_, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann,

der trete auf und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes,

die ihr den wahren Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt,

Männer, die ihr die Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern

schmücken wollt, Männer, die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau

für ein hohes Gut erachtet, ihr, ich weiß es, fühlet mit mir. Aber

ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß jene öffentlichen Stimmen,

die den Marktschreier rügten, der den Verblendeten Gift verkauft,

nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich habe gefühlt wie

ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei: »_Gegen Gift

hilft nur wieder Gift._« Ich dachte nach über Ursache und Wirkung

jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie

hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte.

Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten,

mußt ihn würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch

pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen

auch dann nicht widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht,

wenn sie an _dieser_ »Trüffelpastete«, an _diesem_ »Austernschmaus«

keinen Ekel fassen, so sind sie nicht mehr zu kurieren, oder -- es war

nichts an ihnen verloren.

Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von

Scherz und Ernst, die üppig wuchernde Sumpfpflanze Vergißmeinnicht nach

allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs

mein Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche

Arbeit; alle seine Kunstworte (~termini technici~) alle seine

Wendungen, alle seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüme, worein er

seine Püppchen hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit,

jenen feinen durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_,

als _verhüllt_, alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende

Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will,

dies alles und so vieles andere mußte ich suchen mir zu eigen zu

machen. Ich mußte einkehren auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen,

ich mußte einkehren in seiner Garküche und die rauchenden Pasteten, den

Braten, den schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner dampfenden

Weine mußt' ich kosten, mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte

die »_brüsselnden Bläschen im Lilien-Kelchglas auf und niedertanzen_«

sehen -- und dann erst konnte ich sagen, ich habe den Clauren studiert.

Dann erfand ich eine Art von Novelle, in der Manier, wie Clauren

sie gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch

zu zwei Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben

angedeuteten Gesetzen: 1) ein junger, schmächtiger, etwas bleicher,

rabengelockter Mann, unglücklich, aber steinreich; 2) die Heldin

des Stücks, ein tanzendes, plauderndes, naives, schönes, lüsternes,

mitleidiges »Dingelchen«, dem das Herzchen alsbald vor Liebe »puppert«,

dem die Liebe alles Blut aus dem Herzen in die Wangen »pumpt«. (Welch

gemeines Bild, von einem Weinfaß entlehnt, eines Küfers würdig!) 3)

ein ~Spiritus familiaris~, wie wir ihn beinahe in allen Claurenschen

Geschichten treffen, ein altes, freundliches »Kerlchen«, das den

Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4) ein neutraler Vater, der zum

wenigsten Präsident sein muß; 5) ein paar Furien von Weibern, die das

böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6) einige Husarenleutnants

und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit; 7) ein alter

Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8) Bediente, Wirte etc. So waren

die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen, und jetzt

mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht darauf

genommen werden, daß man sein Dessin immer im Auge behielt, daß man

immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das

Gewebe mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr

herausgehoben und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus

Ida eine ganz honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des

Hofrats Berner hätte mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden

können; man hätte aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, würdiges

Ganzes machen können! Aber dann -- war der Zweck verfehlt. So flach als

möglich mußten die verschiedenen Charaktere auf der Leinwand stehen,

steif in ihren Bewegungen, übertrieben in ihrem Herzeleid, grell in

ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in der Liebe. Jene Novelle

an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich oft in der Seele

geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten »Zutätchen«

einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer Schwanenbrust,

jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen etc. sprechen mußte, wenn

ich nach seinem Vorgange von schönen »Wäd--«, von süßen »Kü--« (was

nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte;

wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem »jungfräulichen Kind« wie

glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle anderen Tücher

wegwirft und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht,

wenn ich nach Anleitung seines ~Gradus ad Parnassum~ als Beiwort zu den

Haaren »kohlrabenschwarz« oder »Flachsperücke« setzen mußte, wenn man

statt der Augen »Feuerräder« oder »Liebessterne« hat, »Korallenlippen«,

»Perlenschnüre« statt der Zähne, Schwanenhälse samt dito Brust, Knie,

die man zusammen »kneift«, weil man vor Lachen »bersten« möchte;

Wäd-- und Füßchen zum Kü-- und dergleichen lächerliche, gemeine

Worte. Nachdem gehörig _getollt_, _gejodelt_, _getanzt_, _geweint_,

_abgehärmt_ war, nachdem, wie natürlich, das Laster besiegt und die

Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen

im Haare auf die Bühne geführt war, wurden als Morgengabe mehrere

Millionen Taler, einige Schlösser, Parks, Gründe etc. aufnotiert und

Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein »erschreckliches Hallo, daß man

nicht wußte, wo einem der Kopf stand«, es wurde trefflich gespeist und

getrunken, und das selige Liebespaar beinahe bis in die Brautkammer

befördert.

Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so

auch zum _Mann im Monde_, auf diese Art suchte er seinen Zweck zu

erreichen, durch Uebersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen,

die Satire sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen

andächtigen Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da

und dort bemerkt, daß der Mann im Monde diesen Zweck erreichte. Jeder

vernünftige, unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und Gott sei

es gedankt, es gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese

öffentliche Rüge der Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.

Oeffentliche Blätter, deren ernster würdiger Charakter seit einer Reihe

von Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben

gefunden, daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche,

verderbliche Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner,

ehrwürdige Versammlung, daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste,

ohne Ansprüche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den

Hochberühmten anzugreifen. Steht doch jedem Leser das Recht zu, seine

Meinung über das Gelesene, auf welche Art es sei, öffentlich zu machen,

steht doch jedem Mann in der bürgerlichen Gesellschaft das Recht zu,

über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner Zeitgenossen von einigem

Einflusse sind, zu sprechen.

Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen Könige und

Harfenisten _David_ vergleichen zu wollen, aber hat nicht der Sohn

Isais, obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath

ein steinernes _Vergißmeinnicht_ an die freche Stirn geworfen, ihm in

_Scherz_ und _Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_

vor sich hertragen lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht

gesungen: »Er hat zehntausend geschlagen« (worunter man die Zahl seiner

Anhänger verstehen könnte), denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der

Seite des Philisters; natürlich hat er ja, wie Asmus sagt,

»-- Federn auf dem Hut

Und einen Klunker dran.«

Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich

erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.

Gehen wir aber in Betrachtung, wie es dem Mondmanne auf der Erde

erging, weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall.

Als dieses Buch, dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der

Mimili-Manier auch sein _angenommener_ Name nicht fehlen durfte, in

alle vier Himmelsgegenden des Landes ausgegeben wurde, erwarteten

wir nicht anders, als Clauren werde »geharnischt bis an die Zähne«

auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen, uns mit Schwert und Lanze

anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen zur Seite. Wir freuten

uns auf diesen Kampf, wir hatten ja für eine gute Sache den Handschuh

ausgeworfen. Vergebens warteten wir. Zwar erklärte er, was schon auf

den ersten Anblick jeder wußte, dieser Mann im Monde sei nicht sein

Kind, aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem namhaften

Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von

seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl

literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,

begnügte er sich als Gegengewicht das »Tornisterlieschen« auf die

Wagschale zu legen, und ging hin, vor den bürgerlichen Gerichten

zu klagen, man habe seinen Namen mißbraucht. Hatte man denn die

paar Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen, war es nicht vielmehr

seine heillose Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes

unreines Wesen, was man anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines

bürgerlichen Gerichts ihn rein machen von den literarischen Sünden,

die er begangen, konnten sie mit der Flut von Tinte, die bei diesem

Vorfall verschwendet wurde, ihn reinwaschen von jedem Flecken, der

an ihm klebte, konnten sie ihm, indem sie ihm ihr bürgerliches Recht

zusprachen, eine Achtung vor der Nation verschaffen, die er längst in

den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten sie, indem sie genugsam

Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er geschrieben, weniger

_schlüpfrig_ machen?

Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als

wirklich vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man

Claurens Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen

sei, wenn man die acht Buchstaben, die das ~non ens~ bezeichneten, H.

C. l. a. u. r. e. n. in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes

Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus

nicht unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen

mystischen acht Buchstaben zu bilden, z. B. Hurenlac oder Harnceul.

Der geheime Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über

diesen Spruch und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan, und _er

habe_ recht. Wie täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire:

der Mann im Monde, gegen seinen angenommenen Namen gerichtet? -- Namen,

Herr! tun nichts zur Sache, der Geist ist's, auf den es abgesehen war.

Und die Richter vom Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_

entscheiden, ob die Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner

Wohlgeboren Schriften sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe

halten vor dem Auge, das nach kritischen Gesetzen urteilt und nach

den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet doch die Schriften

eines Clauren gehören? Der _Name_, nicht die _Sache_, konnte nach

bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal, nachdem er

mit Glück seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den Geist und

die Sprache seiner Schriften zu verteidigen! -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- Bedenke:

Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte,

Doch das _Gemeine_ steigt lautlos zum Orkus hinab.

Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht

_vergessen_ sein wird, denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der

_Scherz_, und _Ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von

welchem Einfluß war dieser Name auf seine Mitwelt, was hat er für die

Würde seiner Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und -- man wird

nach Werken, nicht nach Worten richten.

Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde

wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen

diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den

Königen der Phantasie, hinübergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen

wir das schöne merkwürdige Wort: »Gute Bücher sind gute Taten!« Wird

man von Clauren dasselbe sagen?

Doch genug davon, noch hat weder Clauren noch ein Gerichtshof der

Erde den Mann im Monde nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind

begierig, ob und wie es geschehen werde.

Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer. Habt

ihr bis hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich,

denn ihr wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich

übrigens, wenn ihr mich dennoch nicht verständet, nicht _recht_

verständet. Es möchte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von

mir gehen und denken: der Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn

jeglichem heiteren Geistesgenuß entsagen, sollen wir so ganz asketisch

leben, daß unsere Taschenlektüre Klopstocks Messias werden soll?

Mit nichten, und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem

Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die

Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm

über seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister

gegeben, die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen

die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade

weil sie den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten,

gerade deswegen suchten sie von diesem Ernste -- trüben Sinn und jene

Traurigkeit zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit

Bitterkeit mustert. Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das

Edle und Große mit dem heitern Gewande der Laune zu verbinden, möchte

auf den ersten Anblick schwer erscheinen. Aber England und Deutschland

haben uns seit Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir

glauben dürfen, wenn nur der Geschmack der Menge besser wäre, der

Geister, die sie würdig und angenehm zu unterhalten wüßten, würden

immer mehrere auftauchen. Welchen Mann, der nicht allen Sinn für Scherz

und muntere Laune hinter sich geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht

die Schilderung eines sonderbaren, verschrobenen Charakters, wer

erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht,

sondern die Figuren, die er uns gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang

nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls Prügelszenen ein Lächeln

abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in

das unterste gemeinste Leben, aber sehet ihr ihn jemals gemein werden,

wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der

aus manchem Herzen selbst die Wurzeln des Vergißmeinnicht gerissen hat,

Walter Scott treibt sich in den gemeinsten Schenken des Landes, in

den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher, aber sehet ihr ihn jemals

gemein werden? Weiß er nicht, wie jene niederländischen Künstler,

sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch selbst unreinlich und

schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine Schilderungen, selbst an das

Gefährliche streifende Situationen, jedem Mädchen von Zucht und Sitte

vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?

Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine

schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise

auf, sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden

und treten reinlich in die Hausflur, während Menschen wie Clauren,

wilden Jungen oder Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und,

nicht zufrieden, sich selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden

besudeln und mit Kot bespritzen.

Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in

unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und

Würde jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden

freundlich zu Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns

ein Goethe, ein Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben,

die sich mit jeder Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch

der Vergißmeinnicht-Mann so gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen

Blüten zahlreicher anderer Erzähler nicht einmal vom Hörensagen

kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es, ihre Blumen am Sumpf

zu brechen oder ihre Farbe mit dem Wasser einer Pfütze zu mischen,

sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und interessant,

daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu ordnen sei,

daß selbst das Neue, Ueberraschende angenehm für das Auge sein müsse.

Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung der

Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,

nicht der üppige Bau ihrer Glieder, war ihnen die Hauptsache. Und

darum können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit

erneuertem Vergnügen lesen, während uns _der Berühmte_ schon nach der

ersten Viertelstunde anekelt.

Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere

Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe,

die ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut,

eine Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie

selbst bei ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so

manche herrliche Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden,

seine Memoiren entzückten die Pariser, Tiecks und Hoffmanns Novellen

fanden hohe Achtung über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers

tragische Helden seiner Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen

handelten bisher von jenen Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen

ausführen zu können. Mit Stolz dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses

einseitigen Handels vorüber ist.

Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer

Uebersetzer, aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt,

ein Vergißmeinnichtchen oder ein Bändchen von Scherz und Ernst zu

übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: »Das

ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furore, _den_

müßt ihr lesen!« Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig

gegen Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur

erträglich zu finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von

unserem soliden Geschmacke bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer

Tafel oder ein Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch

beschrieben finden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen

errötet, wenn er alle jene obscönen Beiworte, alle jene kleinlichen

Schnörkel streicht und nur die interessante Novelle gibt, wie Herr N.

die Demoiselle N. N. heiratet? Was wird dann übrig sein?

Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen

ab, preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die

Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget

Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen etc. in den

Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,

und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe

von Freund Heun!

Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das

deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst.

Schämet euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langeweile nicht anders töten

könnet als mit Hilfe dieses Clauren, schämet euch, ihr Frauen, wenn

ihr Gefallen finden könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures

Geschlechtes, schämet euch, ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in

diesem Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet. Errötet,

wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt habt, errötet vor euch

selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen lüsternen Bildern zu

schmücken. Es gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene

Jungfräulichkeit der Seele: man darf darauf rechnen, daß ein Mädchen

sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.

Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu

verlieren ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn

lesen, als den Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige

Lieder singen.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 20 / 26 段