die er trotz der ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte
es Virgil übelnehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt,
wer lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn
er die glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind
Männer, die von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen.
Ueberwiegt aber nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen
preußischen geheimen Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom
Kopf bis zu den Zehenspitzen beschreibt? Es kommt freilich sehr viel
darauf an, ob auf dem hohlen Schädel seiner Mimili ein italienischer
Strohhut oder eine Toque von Seide sitzt, ob die Federn, die solche
schmücken, Marabu- oder Straußfedern oder gar Paradiesvögel sind;
und dann die niedlichen »Sächelchen« von Ohrgeschmeide, Halsbändern,
Brasseletts etc., daß »einem das Herz puppert«, und dann die Brüsseler
Kanten um die wogende Schwanenbrust und das gestickte Ballkleid und
die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen Pariser Ballschuhe oder
ein Negligee wie aus dem leichtesten Schnee gewoben, und dieses
Ueberröckchen und jenes Mäntelchen und dieses Spitzenhäubchen, aus
dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. ~O sancta
simplicitas!~ Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen, ihr
kneipt die Kniee nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht
halb zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer
geheimer Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was
man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider! ihr lachet
nicht! Ihr leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht,
ihr sprechet, das ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts
Ueberirdisches, Romantisches! ~Tout chez comme nous~, bis aufs Hemde
hat er uns beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die
er alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen »im
Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!« Wie schön! Vornehme Damen, die bei
Präsidents A, bei Geheimrats B., bei dem Bankier C oder gar bei Hofe
Zutritt haben, finden alles »haarklein« beschrieben, von der Polonäse
bis zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen
auf den Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach, ihre
Phantasie trägt sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und »der Himmel
hängt ihnen voll Geigen«. Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen,
ohne sich selbst darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame
zu dem Ball »aufgedonnert« haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren
Clauren zur Hand, treten unter dem Tisch mit den tanzlustigen Füßen den
Takt eines Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen
eines Fastnachtsballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen,
köstliche Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen
können!
Als ein viertes treffliches Haupt-Ingredienz für liebevolle weibliche
Seelen ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu
rechnen, das Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich
diese Leute nicht sehr durch hohe Verstandesgaben aus, doch wir wollen
diesen Fehler an Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes
Sprichwort, da hat der Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes
haben die Vergißmeinnicht-Männer herrliche Rabenlocken, einen etwas
schwindsüchtigen Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht,
unter fünf Fuß, sechs Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche
Formen, sprechende Augen, die Hände und Füße aber wie andere Menschen.
Sie sind gerade so eingerichtet, daß man sich ohne weiteres auf den
ersten Augenblick in sie verlieben muß. Dabei sind sie meistens arm,
aber edel, stolz, großmütig und heiraten gewöhnlich im fünften Akt.
Auf welche edle weibliche Seele sollte ein solcher Held neuerer Zeit
nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie von ihm liest?
Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers oder
Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
ohngefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
Fünftens: Von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trümeaus, von
herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepia-Malerei und
dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und
Zutaten für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1)
Zutaten, die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
Unter Nr. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Werte zu sprechen, so gilt
hier dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle,
jungfräuliche Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es
wüßte, so hat er ganz recht, daß er nie eine Thekla, eine Klothilde
oder ein Wesen, das etwa ein Titan oder Horion lieben könnte, unter
seiner Affenfamilie mittanzen läßt. Was das Aeußere betrifft, so macht
er es wie jener griechische Künstler, der aus sieben schönen Mädchen
sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt den hohen Sinn, der in
der Sage von dem Künstler liegt.
Sechs zogen vorüber und zeigten dem entzückten Auge stolz die
entfesselten Reize ihrer Jugend. Die siebente, als die Gewänder fallen
sollten, errötete und verhüllte sich, und der Künstler ließ jene sechs
vorübergehen und bildete nach diesem Vorbild jungfräulicher Hoheit
seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs hat er wohl aufgenommen,
der siebenten, als sie verschämt, verhüllt, errötend nahte, hat er die
Türe verschlossen.
Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem, der
große Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die
entfesselten Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen,
siehe -- doch wie? Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten
Epitheta wiedergeben, die sich mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen
gatten? Ich bin ein Mann und erröte, erröte darüber, daß ein Mann
aus der sogenannten guten Gesellschaft die sittenlose Frechheit hat,
alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den Reizen drucken zu
lassen, die er bei seinem Weibe fand!
Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am
Palaste der neuen Kirke die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet
ihr, seine reiche glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere
Bilder, reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch,
er dachte an sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er
seine Gesänge dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit-
und Nachwelt, und siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen
um die Nymphen und rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre
Glieder. Aber, ~si parva licet componere magnis~, was soll man zu jener
skandalösen Geschichte sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang
des Freimütigen, eines Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel
einheimisch ist, erzählt?
Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten
aufdecken, die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame
kommt eines Tages auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen
Vorreden, daß sie zwar seit vierzehn _Tagen_ verheiratet, und
_glücklich_ verheiratet, aber durch einen kleinen Ehebruch von einer
Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann nicht ahnen dürfe. H.
Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame gesagt, sie sei nicht
zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit ~et cetera~ zeige.
Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte, das Bisherige
ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum mindesten
ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem belletristischen
Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_ verheiratet, seit
vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin! Aber nein! Der
Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur selbst ein;
er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur, er
beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen
wagen, wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn
zu rügen. Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man
in guter Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren,
der geliebte, verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes.
Schande genug für ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art
ungestraft erzählen läßt!
In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden.
Bald wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie
zu Bette gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an
Doralicens Angst, zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally
im Bade plätschern und möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen,
bald sieht man ein Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon
bittet, der glühenden, durch alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke
beim Tanze abwärts auf die Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht
zu gedenken; Honigworte für Leute, die nichts Höheres kennen als
Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten für einen verwöhnten Gaumen,
treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und alte Gecken, die mit
ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind, um dem Restchen
Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
kitzeln. »Heda, Kellner, hierher sechs Flaschen des brüsselnden
Schaumweins; ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt!
Eingeschenkt! laßt ihn nicht verrauchen! jetzt für jeden zwei, drei
Dutzend Austern draufgesetzt!« Ist diese Sprache nicht herrlich?
Wird man nicht an Homer erinnert, der immer so redlich angibt, was
seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur gewöhnliches
Schweinefleisch, und die Weinsorten rühmt er auch nicht besonders; aber
ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer wollte
es übelnehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man im
glänzenden Gewande, mit zufriedener Miene auf den Promenaden
umherschlendern sieht. Ihr haltet sie für das glücklichste Geschlecht
der Menschen, diese Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf
zu leben. Ihr täuschet euch; oft hat ein solcher Herr nicht soviel
kleine Münze, um eine einfache Mittagskost zu bezahlen, und was er
an großem Gelde bei sich trägt, kann man nicht wohl wechseln. Einen
solchen nun fragte ich eines Tages: »Freund, wo speiset Ihr zu Mittag?
Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit zufriedener Miene die Straße
herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in den Zähnen stochernd; bei
welchem berühmten Restaurateur speiset Ihr?«
»Bei Clauren,« gab er mir zur Antwort.
»Bei Clauren?« rief ich verwundert. »Erinnere ich mich doch nicht,
einen Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen
zu haben.«
»Da habt Ihr recht,« entgegnete er, »es ist aber auch kein hiesiger,
sondern der Berliner, H. Clauren. --«
»Wie und dieser schickt Euch kalte Küche bis hierher?«
»Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch
das Rätsel lösen,« fuhr er fort, »ich bin arm, und was ich habe, nimmt
jährlich gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser
im Kaffeehause weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten,
was fange ich in diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt?
Ich kaufe mir alle Jahre von ersparten Groschen das herrliche
Vergißmeinnicht von H. Clauren, und ich versichere Euch, das ist mir
Speisekammer, Keller, Fischmarkt, Konditorei, Weinhandlung, alles in
allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem Büchlein auf zwanzig Seiten
immer eine oder zwei, wie ich sie nenne, Tafelseiten kommen. Ich setze
mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem an Festtagen Butter
kommt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an den Tisch, speise
vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im Vergißmeinnicht
oder in Scherz und Ernst. Seine Tafelseiten werden mir nun zu delikaten
Suppentafeln, denn mein Teller ist nicht mehr mit schlechtem Brot
besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere Gebäck, nein, ich
esse mit Clauren, und _der_ Mann versteht, was gute Küche ist. Was da
an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen, an --«
»Genug,« fiel ich ihm ein, »und Eure Phantasie läßt Euch satt werden?
Aber könntet Ihr hierzu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr
hättet zum mindesten mehr Abwechselung.«
»Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
recht. In den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht
wird, aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es
schmeckt, Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern
er kaut auch jede Schüssel vor und erzählt, so schmeckte es, und wie
natürlich ist es, wenn er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über
den Bart herabgeträufelt sei, oder wie jener vor Vergnügen über die
Trüffelpastete die Augen geschlossen. Ueberdies hat man dabei den
herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, und wenn ich das
Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im Geiste
Drymadeira, Bordeaux oder Champagner unter.«
So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes
Claurensches Traktament, der Verdauung wegen, zu promenieren.
Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener
bereitet aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist
aber hier nicht mehr als Rumford und andere?
Speist und tränkt er nicht durch eine einzige Auflage des
Vergißmeinnichts fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des gemeinen
Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja sogar
Armeen verproviantieren? Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
nähme das Vergißmeinnicht zur Hand, ließe seine Kompagnie Hungernder
antreten, ließe sie trockenes Kommißbrot speisen und würde ihnen einige
Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen, sie
verdienen es nicht, denn wahrer bitterer Ernst ist es, daß solche
Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen ~à la
carte~, wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den
gebildeten Pöbel in seinem Wahne läßt, als wäre dies das Manna, so in
der Wüste vom Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst
und dem Auslande, vor Mit- und Nachwelt schänden!
Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt,
den man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern ~Sauce piquante~ nennen
könnte: das ist die _Sprache_. Man wirft, nicht mit Unrecht, den
Schwaben und Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben,
aber wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf,
daß er so gemein schreibt, wie er gemein und unedel zu sprechen und
zu denken scheint. Man hat in neuerer Zeit manches verschrobene
und verschränkte Deutsch lesen müssen; waren es Wendungen aus dem
fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus einer spanischen Novelle,
es wollte sich in unserer reichen, herrlichen Sprache nicht recht
schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen, die Voß nach
Analogie Homers vornahm; aber man kann Männer dieser Art höchstens
wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals; denn es
lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der Sprache
zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
sagen, womit der Erfinder der Mimili-Manier seine Produkte einkleidet?
König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan
mit köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem
Haupte. Du redest sie an mit Ehrfurcht, denn du verehrst in ihr
eine wohlerzogene Frau aus gutem Hause, aber sie antwortet dir mit
wieherndem Gelächter, sie gesteht, sie müsse lachen, daß »_sie der Bock
stößt_«; sie spricht in Worten, wie man sie nur in Schenken und auf
blauen Montagstänzen hören konnte, sie enthüllt sich, ohne zu erröten,
vor deinen Augen und spricht Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem
Geschmack, wehe dir selbst und deinem sittlichen Wert, wenn dir nicht
klar wird, daß die, welche du für eine anständige Frau gehalten, eine
feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten Vergnügen einer verworfenen
Klasse!
Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hierher setzen, da ja
das Buch, über welches wir sprechen, der Mann im Monde, ein lebendiges
Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben
und Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr
sagt sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er
aber selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich
dabei ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten,
die als auf ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung
gebaut erscheinen sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche
Ende der Dame Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes
Sprichworts: »Junge H...n, alte Betschwestern,« wir glaubten, der
gute Mann habe sich in der braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine
Sünden mit Zerknirschung ein und werde mit Pater Willibald selig
entschlafen. Das Tornisterlieschen, Vielliebchen und dergleichen
überzeugten uns freilich eines andern, und wir sahen, daß er nur ~per
Anachronismum~ den Aschermittwoch _vor_ der Fastnacht gefeiert hatte.
Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet zur Sünde wird, so
geht es auch hier; er schändet die Religion nicht weniger, als er
sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen, rührenden Szenen
sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff, durch Rührung
zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von London,
die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine
Geschichte erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt,
der sich Zutritt in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte.
Dieser Mensch betrug sich von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man
manche seiner Manieren übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt
sich gewöhnlich zu den Frauen und Mädchen, weil ihm das Gespräch der
Männer zu ernst war, und jene lauschten gerne auf seine Rede, weil er
ihnen Angenehmes sagte. Nach und nach aber fand es sich, daß dieser
Mensch seiner gemeineren Natur in dieser Gesellschaft wohl nur Zwang
angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte den Ohren unschuldiger
Mädchen Dinge vor, worüber selbst die Eltern hätten erröten müssen.
Wie es aber zu gehen pflegt; das Lüsterne reizt bei weitem mehr als
das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber offenem
Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für eine
Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
Der fremde Mann wurde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den
Männern nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse
freier dachten als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen,
die sonst einem unbescholtenen Kind von fünfzehn bis sechzehn Jahren
fremd sein müssen. Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser
schlechten Sitten, und siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden:
»Es ist der liebenswürdige, angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat.«
Viele der Männer versuchten es mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen
zu bringen; umsonst, er schüttelte die Pfeile ab und plauderte fort.
Die Männer wußten nicht, was sie tun sollten, denn es ist ja gegen die
Sitten der guten Gesellschaft, selbst einen verworfenen Menschen die
Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer einen andern Weg. Er setzte
sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen auf die Rede des Mannes
und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst seine Stimme. Und
eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte sich an seine
Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den Frauen
nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich
und unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch
dennoch in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm
ab, er aber stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
»Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe,« dachte jener, und
wohl ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
wollte auch _der Mann im Monde_, und das war ja unsere erste Frage, er
wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur
und des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
Wie er diesen Zweck verfolgte? Ob es ihm gelingen _konnte_? ist der
Gegenstand der folgenden Fragen.
II. Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck
der Mann im Monde zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen
welchen er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so
kommt es uns zu, andächtig miteinander zu betrachten, _wie_ er diesen
Zweck verfolgte.
Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen
Mann angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse
Gewohnheit oder unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft
zu verbannen. Das erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen
Gegenstand mit Ernst, mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von
ihrem Irrtum zu überführen, seine Blöße offen vor das Auge zu bringen.
Diesen Weg hat man auch mit dem Claurenschen Unfug zu wiederholten
Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine Zuhörer, kennet hinlänglich jene
öffentlichen Gerichte der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei
der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu Gericht sitzen, aber
unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine die Journale, die
sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt bestechliche
Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an Obskurantismus
laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen, zugunsten
und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem Kindlein
wurde gebührendes Lob gespendet, und das Publikum eingeladen,
einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der
deutschen Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige
Winkelblätter, die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten
sich nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach
allen Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten
sei. Sie steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die
Lust an jenen Produkten unter euch überhand nahm, sie bewiesen mit
triftigen Gründen, wie schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend
ein solcher Geschmack sei, wie entnervend er schon zu wirken anfange.
Manch herrliches Wort wurde da über die Würde der Literatur, über
wahren Adel der Poesie und über euch gesprochen, die ihr nicht errötet,
ihm zu huldigen, die ihr so verstockt seid, das Häßliche _schön_, das
Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_, das Lächerliche _rührend_
zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie in den Wind gesprochen
scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem Wert _dagegen_
erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man müßte glauben,
der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch ein anderer
Grund fände.