Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den

Händen; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein

tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an

die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr

Emil und seine glückliche Ida.

Nachschrift.

Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und

getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, in welchen

sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen

und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme

anzünden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden,

die das Schicksal nach Ost und West verschlagen. Auch heuer war ich

hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten.

Als ich an dem stattlichen weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon

manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche, jubelnde »Er

ist's, er ist's,« das von schönen Lippen herab dem Freunde entgegentönt!

Ich traf sie alle, alle meine Lieben, da war meine holde, sinnige

Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer

Kriegsrat, da war Graf Law und seine Klementine, da war meine süße

Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein

russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß

ihn nur immer den Grünmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und

Emmeline Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der

Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr

Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose,

Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klothilde und

ihr Sekretär. -- Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein

Ball von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende

nehmen. Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen

Gespräch kam. Freilich trübte der Tod unserer Magdalis und ihres treuen

Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode

so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des

Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen

geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein.

Wir tollten, lachten und schäkerten, der weiße Hirsch faßte kaum so

viele Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen

behelfen.

So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem

weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab, da -- wir saßen gerade beim

Kaffee, da fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und

schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen, denn -- gut

essen und trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten -- Logis --

ohne unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten

wir gerade nicht gerne unter uns haben. In einem prächtigen Landau,

mit vier Postpferden bespannt, saßen ein Herr und eine junge Dame; sie

hoben die Köpfe in die Höhe --

»Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz,« rief ich, und zugleich rief

Vally: »Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!« Ich sprang gleich

hinab, um sie heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern

ältlichen Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und

Vally flogen einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo

Vally lebt, kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog

mich zu den beiden jungen Damen, um welche die übrigen schon einen

dichten Kreis geschlossen hatten. »Sehen Sie,« sagte er zu mir, »das

ist seit gestern mein liebes Frauchen.«

Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in

Hamburg kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie

wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden.

So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung,

daß ihn Liebe zu einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte;

und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war

durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.

Auch in den drei andern Gästen, der Leser wird unschwer den alten

Martiniz, den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben, lernte

ich wackere, liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war

es uns allen, als haben wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt,

so trefflich paßten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der

junge Graf erzählte uns seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie

zufällig er nach Freilingen, wie zufällig er auf jenen Ball, wo er

Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufällig der alte Oheim auf einer

Geschäftsreise diese Gegenden berührte, dem Neffen eine Ueberraschung

bereiten wollte und als ~Deus ex machina~ mitwirkte und die Ränke der

bösen Aarstein vereiteln half, wahrlich, wir mußten diese Fügungen

bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt:

»_Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme._«

Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch

wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.

Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt

zu erzählen.

Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall

findet, sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich

darf sagen, sie sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir, sie sind auch

wieder durch den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden.

H. Clauren.

Kontroverspredigt

über

H. Clauren und den Mann im Monde,

gehalten

vor dem deutschen Publikum

in der Herbstmesse 1827

von

Wilhelm Hauff.

Text: Ev. Matth. 8. 31. 32.

Allen Verehrern

der

Claurenschen Muse

widmet diese Blätter in bekannter Hochachtung

der Verfasser.

Ehrwürdige Versammlung, andächtige Zuhörer!

Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,

verschmähten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der

Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich

zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische

Gegenstände nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten

nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie

hatten Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies

einige Jahrhunderte später, und man trifft in den Kirchenvätern nicht

undeutliche Spuren, daß sie über allerhand literarische Subtilitäten,

sogar über die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen

Rednerstuhl gesprochen haben.

Berühmte Kanzlerredner neuerer Zeit haben oft und viel, zum Beispiel

über das Theater gepredigt, oder über das Tanzen am Sonntag oder

über das Singen unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen,

namentlich das Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer

Vesperpredigt das Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es

ein Heide erfunden.

Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde

darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten

unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer

solchen Aufdeckung von Irrtümern und böswilligen Gewohnheiten bis ins

einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge

fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel

treibt, so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der

Textesworte eine Betrachtung anstellen über:

Den Mann im Monde

von

H. Clauren;

und zwar betrachten wir:

I. Wer und was ist dieser Mann im Monde? Oder -- was ist sein

Zweck auf dieser Welt?

II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? Und wie erging es ihm auf

dieser Welt?

I. Andächtige Zuhörer! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die

vor einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand

ihrer Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu

stellen, damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer

Einsicht gesegnet hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und

einsehe. Es hat in unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_

gefehlt, das heißt an solchen, die für ein großes Publikum schrieben,

das, je allgemeiner es war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch

machen konnte und wollte. Solche Volksmänner waren jene, die sich in

den Grad der Bildung ihres Publikums schmiegten, die eingingen in den

Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und sich, wie der Prediger Abraham

a Santa Clara, wohl hüteten, jemals sich höher zu versteigen, weil

sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese Leute handelten bei den

großen Geistern der Nation, welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken

und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack zurecht und gaben

sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und Herzenslust

verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler geworden

und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und

Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er

ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke

anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker,

färben ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und

verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.

Die Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und

schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht

halten würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten

könnte, wenn er nicht auch berausche. Daher nehmen sie Tollkirschen

und allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindeln macht;

oder, um die Sache anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen

auf eine gewisse Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen

Teil von Frauenspersonen Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den

Schleier, den sie darüber gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr

zu reizen. Sie kleiden ihr Gewerbe in einen angenehmen Stil, der

die Einbildungskraft leicht anregt, ohne den Kopf mit überflüssigen

Gedanken zu beschweren, sie geben sich das Ansehen von heiterem,

sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen Natürlichkeit, die lebt

und leben läßt, sie sind arglose Leute, die ja nichts wollen, als ihren

Nebenmenschen seine »oft trüben Stunden erheitern« und ihn auf eine

natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies sind die Wölfe

in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die Krallen

kommen frühe genug ans Tageslicht.

Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung

nicht vor allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines

unschuldigen Blumenmädchens auf die Messe zieht und »Vergißmeinnicht«

feilbietet. Ich weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da

unten in den Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich

weiß wohl, daß er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist,

ihr Nähermädchen, ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen

Bürgerstöchterlein, ich weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget,

ihr, die ihr auf etwas Höheres von Bildung und Geschmack Anspruch

machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne von, ihr gnädigen Frauen und

andere Mesdames. Ich weiß, daß er das A und das O eurer Literatur

geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr ihn beständig

bei euch führt und, wenn der Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn

schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch einige

Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;

ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist, aber

nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und ebendeswegen will ich seinen

Namen aussprechen, er nennt sich _Clauren_. ~Anathema sit!~

Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre

machte, Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über

Erziehung von Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen

als einige Kriminalgeschichten etc., so habt ihr euch wohl gehütet, es

in guter Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf

gutem Wege; denn Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen.

Gewinn für ihn und für sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen

pflegt, in die Mode gekommen wäre! dazu war er aber auch zu groß, zu

stark. Ihr wolltet euch die Mühe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken

ganz zu folgen. Er wollte euch losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit,

er wollte euch aufrütteln aus eurem Hinbrüten, mit jener ehernen

Stimme, die er mit den Silberklängen seiner Saiten mischte, er sprach

von Freiheit, von Menschenwürde, von jeder erhabenen Empfindung, die

in der menschlichen Brust geweckt werden kann. -- Gemeine Seelen! Euch

langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war euch nicht allgemein

genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es über euch

vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch

sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen -- ihr

konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.

Da war eines Tages in den Buchläden ausgehängt: »Mimili, eine

Schweizergeschichte.« Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier,

zu erzählen, _so angenehm_, _so natürlich_, _so rührend_ und _so

reizend_! Und in diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge

und den Gehalt jenes Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man

nicht auf den ersten Anblick diese Manier angenehm finden. Es ist ein

ländliches Gemälde, dem die Anmut nicht fehlt, es ist eine wohltönende,

leichte Sprache, die Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz

macht, keine Saite zu stark anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den

Gedankenflug nie höher zu nehmen als bis an den Plafond des Teezimmers.

Es ist wirklich angenehm zu lesen, wie eine Musik angenehm zu hören

ist, die dem Ohre durch sanfte Töne schmeichelt, welche in einzelne

wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie darf keinen Charakter haben,

diese Musik, sie darf keinen eigentlichen Gedanken, keine tiefere

Empfindung ausdrücken, sonst würde die arme Seele unverständlich werden

oder die Gedanken zu sehr affizieren. Eine angenehme Musik, so zwischen

Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume hinüberlullt.

Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die euch

entzückte.

Das _zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau

zusammen, diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes,

Erhabenes um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller

ist auch einmal dort eingekehrt, ich meine mit Wilhelm Tell. Sein Drama

ist so erhaben als die Natur der Schweizerlande, es bietet Aussichten,

so köstlich und groß, wie die von der Tellskapelle über den See hin;

aber nicht wahr, ihr lieben Seelen, der ist euch doch nicht natürlich

genug? Zu was auch die Seele anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die

Taten einer großen Vorzeit? Zu was Weiber schildern wie eine Gertrude

Stauffacher oder eine Bertha oder Männer wie einen Tell oder einen

Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser, viel natürlicher zu machen!

Statt großartige Charaktere zu malen, für welche er freilich in seinem

Kasten keine Farben finden mag, malt er euch einen Hintergrund von

Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh; das ist ~pro primo~

die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit schlanker Taille von

acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das

eiserne Kreuz im Knopfloch etc. Das ist der Held des Stückes. Eine

interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper genommen,

mit Armen, Taille, Beinen etc., und _interessant_, nicht wegen des

Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt

und so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden

kommt ein frisches, rundes »Dingelchen« zu stehen, mit kurzem Röckchen,

schönen Zwickelstrümpfen etc. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und

ihres Anzuges könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe.

Das Schweizerkind, die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d.

h. sie geniert sich nicht, in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu

lüften und ihn den Schnee und dergleichen sehen zu lassen, daß ihm

»angst und bange« wird. Einiger Schweizerdialekt ist auch eingemischt,

der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatürlich klingt. Kurz,

es ist nichts vergessen, die Natur ist nicht nur nachgeahmt, sondern

förmlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es nur

die Natur, so wie man sie mittels einer ~Camera obscura~ abzeichnen

kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, der in der Natur lebt, ist

weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur kopierte. Zeichnet die

nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr eine Mimili, und

freilich alles so natürlich als möglich.

Das _dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte, war -- das

_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es

ist ein Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird, wie bittere

Mandeln einem süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren

desto angenehmer und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen

Zuhörerinnen, und ich habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt,

versetzt euch gar zu gerne in ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht

dem Körper, doch dem Geiste nach. Wenn ihr so dasitzet und nähet oder

stricket und über eure Nachbarn gehörig geklatscht habt, kommt gar

leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe an die Reihe, und ihr

träumet und träumet und vergesset die Welt und die Maschen an eurem

Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so denkt man gerne

an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade so machet

ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von welchem

ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr

keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und

wie den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafee ein

Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers

braten, je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder

verrenkt, desto rührender kommt es euch vor, und doch habt ihr dabei

immer noch den Trost ~in petto~, daß der Autor, der diesen Jammer

arrangiert, zugleich Chirurg ist und die verrenkten Glieder wieder

einrichtet, zugleich Notar, um den Heiratskontrakt schnell zu fertigen,

zugleich auch Pfarrer, um die guten Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt

recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet nicht gerührt sein durch tiefere

Empfindungen, man darf bei euch nicht jene Moll-Akkorde anschlagen, die

durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit einer Aeolsharfe auf einer

Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende Konterbaß Meister, und je

gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.

Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimili-Manier, nämlich auf

-- -- das _Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid,

das ist aber die Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide

steckt, jenes war die Kutte, unter welcher er unschuldig wie der

heilige Franziskus sich bei euch einführt; aber siehe da, das ist der

Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst du ihn erkennen. Und was ist

dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind

jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die eurem Auge

angenehm erscheinen. Es freut mich, zu sehen, daß ihr, da unten, die

Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich, zu sehen, daß hin und

wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut

mich, daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren, wenn ich diesen

Punkt berühre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzuwohl, was ich

meine.

Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis,

ein Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je

gesehen, daß sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit

herabsteigen mußten, um sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte

es wirklich wahr sein, daß jene edleren Geister nur für wenige

Menschen ihre hehren Worte aussprechen, daß die große Menge nur immer

dem Marktschreier folgt, weil er köstliche Zoten spricht, und sein

Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges Männervolk, daß du

keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die körperlichen Reize eines

Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem Marmorbusen, von hüpfenden

Schneehügeln, von schönen Hüften, von weißen Knieen, von wohlgeformten

Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus vulgivaga. Armseliges

Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung schöpfen wollet,

errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur eurem Körper

huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen Bewegung

eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern spielt,

das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige Flamme

reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des Witzes,

der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,

wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief

erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen

Sinn schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von

andern geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen

Vergißmeinnicht-Blümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine

andere als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist.

Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz

der Mimili-Manier. Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten,

die ihr Erfinder machte. Wie das Unkraut sich üppig ausbreitet, so

ging es auch mit dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur.

Die Mimili-Manier wurde zur Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war

natürlicher, als daß Clauren eine Fabrik dieses köstlichen Zeuges

anlegte, und zwar nach den vier Grundgesetzen, nach jenen vier

Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili fanden? Bei jener Klasse von

Menschen, für welche er schreibt, liegt gewöhnlich an der _Feinheit des

Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht grell und schreiend sind.

Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht haben, oder konnte er

vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine zarteren Nüancen

der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so unkünstlerisch und grob

als möglich angelegt; ein fadengerades Heiratsgeschichtchen, so breit

und lang als möglich ausgedehnt; von tieferer Charakterzeichnung ist

natürlich keine Rede; Kommerzienräte, Husarenmajore, alte Tanten,

Ladenjünglinge ~comme il faut~, etc. Die Dame des Stückes ist und

bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die nach Verhältnissen

kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally, Magdalis oder

Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe sie Geld

oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem

geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.

Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen

auf das Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens, einige

artige Kupfer mit schönen »_Engelsköpfchen_,« angetan nach der

»_allerfunkelnagelneuesten_« Mode. Diese werden natürlich in der

Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt und gestochen, und nachher

der resp. Namen unten hingeschrieben. Sündigerweise benutzt der

gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher Damen, die er als

Quasie-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns in der Seele

weh getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch hohe

Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete

Dame, bei dem Tornisterlieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu

Gevatter stehen mußte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 18 / 26 段