»Und keinen Hufen Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack! solange

mein Oheim noch Herr im Lande ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen,

und das Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie

mitnehmen und dort meinetwegen für Geld sehen lassen!«

»Ach, das ist ja gerade das Unglück,« seufzte Frau von Schulderoff,

»daß wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie

der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitsgeschenk,

erfahre ich soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche nette

Blauenstein gekauft!«

»Gekauft?« preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz

verbissen hatte, heraus, »gek--«

»Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen

geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!«

»Das fehlte noch!« knirschte die Gräfin und rauschte weiter.

Präliminarien.

Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem

Oheim. Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten

Herrn vorgestellt; dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr

Glück noch gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie

es ihn betrüben würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig

aufnähme. Und jetzt, nein! sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter

Seligkeit! Der freundliche, gütige Ladenstein hatte sich wie durch

einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz, den Minister Grafen

von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, väterlich,

traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden sie das nette,

lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte, sie lachte und tollte, gab

verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen

war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste Jungfrau

und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in _einer_

Person.

Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend

erst war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette

geworfen und schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als

er in den Salon trat, daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder

präsentierte; er hätte mögen aus der Haut fahren vor teilnehmendem

Jubel seines alten treuen Herzens. »Das ist _mein_ Werk,« lächelte er

vor sich hin, »ganz allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen,

nachdem es einmal eingefädelt war.« Aber wie riß er die Augen auf, als

er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche

auch hier seien, hörte! »Nun, da muß es was Tüchtiges gesetzt haben,«

dachte er, »das beste wird sein, ich frage Idchen selbst.«

Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich

dem alten Grafen vor, denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund

und Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft

schmerzlich vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm

alles so bald wie möglich zu erzählen.

»Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund,« unterbrach Graf Martiniz

seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;

»lassen wir sie; uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu

sorgen. Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich

darauf verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren

Jahren einmal Oberhofmeister, das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da

wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern,

wie man es hierzulande noch nicht sah.«

Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine

Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. »Nicht zu Haus, das

kann ich für meinen Tod nicht leiden, die Hauskopulationen reißen jetzt

so ein, daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht

dieselbe wie eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und

jeden; aber der Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den

gewöhnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald

der Altar weggeräumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da trauen

lassen, so kommt einem auch das neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor,

daß man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat.« -- Also in der Kirche;

nachher sollten die Gäste hinausfahren nach Blauenstein.

Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue

Besitzung des lieben Pärchens sei, und daß Groß-Lanzau auch noch dazu

gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar

Kapriolen in die Luft gemacht -- nach Blauenstein, dort mußte das

Schloß festlich geschmückt sein, und zum Essen, was man nur Feines und

Gutes haben kann! Nachher -- die beiden Alten sahen sich an, und beiden

zuckte der kleine, sarkastische Schelm um den Mund, denn beiden fiel

ein, daß sie noch Junggesellen seien -- »nun, nachher,« fuhr der Graf

fort, »muß das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen

als ~garde de dame~ auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen,

daß die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden,

wir beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glück, das wir, Sie und

ich, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben.«

Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der

Rührung im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte

sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. »Und wann soll die

Hoch--«

»Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein,« rief der alte Herr; und der

Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche

versammelte Gäste dazu ein.

Zurüstungen.

Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen

Tagen gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,

Nähterinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer,

Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem

Zimmer sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und

alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit

abhinge.

Machten aber diese schon wichtige Gesichter -- hu! da grauste einem

ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man

den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer

und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein

Zeichen, daß er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief

er sich beinahe die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen

aufschneiderischen Angedenkens, da war zu bestellen und zu besorgen, er

lief hin und her, in alle Ecken und Enden der Stadt, ja, man will ihn

an mehreren Orten zugleich gesehen haben.

Bei Nacht -- nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst

tot war; nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen,

müde geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein

Schlaf über ihn.

Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein

auf den Nachttisch setzen; in einem großen Korbe standen vor ihm

Bücher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk:

»Wahrhafte und akkurate Beschreibung der solennesten Festins am Hofe

Ludwigs XIV.« Ferner: »Der allzeitfertige ~maître de plaisir~ für

Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil.« »Der galante

Junker, oder wie Tänze, Schmäuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am

schönsten zu arrangieren.« Sogar das Festbüchlein von Krummacher hatte

er sich aus dem Buchladen kommen lassen, denn er dachte nicht anders,

als es müssen darin allerhand neue und noch nie gesehene Festivitäten

erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert haben, als dem nicht

also war.

Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten

Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und

Auszüge, er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit,

denn das sah er ein, wenn man alle die schönen Sachen, die er sich

aufnotiert hatte, ausführen wollte, so mußte man vierzehn Tage lang

Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was

er weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel, ja, es war

ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida bis zum Tode

ermüdet in ein Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete, als

wollte er sagen: »Sieh, für dich opfere ich mein Leben auf.«

Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen

gesehen, oder waret ihr es einmal oder -- nun, wenn ihr es selbst

noch seid, gratuliere ich von Herzen -- nun, wenn ihr ein solches

süßes Engelskind kennt, mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen,

mit dem verstohlenen Lächeln des küßlichen Mundes, der sich umsonst

bemüht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen,

namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr

sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann,

dem sie bald ganz, ganz angehören soll, verstohlen die Hand drückt,

ihm die Wange streichelt, wenn sie den weichen Arm vertrauungsvoll um

seine Hüfte schlingt, wie um eine Säule, an der sie sich anschmiegen,

hinaufranken, gegen die Stürme des Lebens Schutz suchen will, wenn sie

mit unaussprechlichem Liebreiz die seidenen Wimpern aufschlägt und mit

einem langen Blick voll Ergebenheit, voll Treue, voll Liebe an ihm

hängt, wenn die Schneehügel des wogenden Busens sich höher und höher

heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich ungeduldig dem Herzen des

Geliebten entgegendrängt -- kennet ihr ein solches Mädchen, so wißt

ihr, wie Ida aussah. Kennet aber _ihr_ ein solches Engelskind, ihr

Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über die Erde

hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures

Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter -- wißt ihr eine

solche frische Hebe-Blüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das

etwa auch so warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte

wie Ida, o, so bekehret euch, solange es Tag ist; wenn sie sich euch

vertrauensvoll im Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure

Brust legt, aus milden Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen

Samtpatschchen die Falten von der Stirne streichelt -- ihr werdet mir

für den Rat danken.

Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht

bildhübschen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, wie er den Arm um

sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü--

Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen

gedacht? -- Ja? -- Nun gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam

aus.

So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß

der herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man

sich's versah, sagte sie adieu, ließ packen, und -- weg war sie.

Hochzeit.

Und endlich war der schöne Tag gekommen.

Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen,

und der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund.

Vor der Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor

einem Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren

besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang.

Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf, bis an den Altar durfte kein

Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief

an dem Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er

hätte viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen

dürfen: »Sehet, der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht

richtig mit ihm; er hatte allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn

allnächtlich hierher in die Münsterkirche trieb. Da herein konnte er

aber nicht, und ich, der Küster von Freilingen, habe ihm allnächtlich

zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das Wunderkind,

das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat von dem Uebel, das mir,

nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler einbrachte; habe ich

es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt, daß die beiden

Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen Altar kommen

würden?«

So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und

wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner

Glorie zeigen durfte, aber -- er tat sich doch auch wieder nicht wenig

darauf zu gut, daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten

könne. Aber seine Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine

Freude war. Vom Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte

es sich etwas kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner

Liebsten gehabt, aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen

eigenen Willen gehabt.

Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz,

jetzt, ja, sie mußten es sein, der große Glaswagen des Präsidenten fuhr

vor; darin saßen der Präsident und Emil. »Ach! der schöne Offizier!«

schrien die Freilinger und machten lange Hälse. »Wie prächtig, wie

wunderhübsch!« flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder

laut pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.

Er hatte die Staatsuniform angelegt, sie schloß sich um den herrlichen,

schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden

wäre; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heute leicht gerötet

und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein

stolzes, glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der

in einem fort Bückling über Bückling machte, gerührt und freundlich

reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.

Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender,

geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des

Grafen und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte

Brktzwisl, der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hinten

drauf stand, sprang ab, riß die Glastüre auf, schlug klirrend den

Tritt herab -- jetzt regt sich kein Atem mehr in der ganzen großen

Menge; jedes Auge ist erwartungsvoll auf die geöffnete Türe geheftet.

Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem

himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesicht, stiegen aus

und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte

Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich, etwas

Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen, weißseidenen Schuhe

-- jetzt -- ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein

Paar überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund -- hübsch stand das

Bräutchen zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem

Seidenzeug schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie

darüber hingehaucht war ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein

Geschenk des Oheims, und mit der reichen Blonden-Garnierung, in welche

es endigte, mit der Diamantenschnalle und dem aus Venetianerketten

geflochtenen Gürtel, welcher den wunderniedlichen Blusenleib

zusammenhielt, wenigstens seine achttausend Taler wert, und die

Brasseletts mit den großen Steinen und das Diadem, um das sich der

Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine

verstand, dem mußte hier der Mund wässern, aber war nicht alles dies im

Grund unbedeutende Façon, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind

selbst, einzufassen?

Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen

vergaß nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen

Gruß zuzuwinken, daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht

begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft

gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Züge Idas, als sie sich

dem wohlbekannten Altare näherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils,

des Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Rührung

an ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Mädchen

mit hingebender Liebe gegen den bösen Feind der Schwermut und des

Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.

Mühsam rang sie nach Fassung; die Freude, daß sich alles so schön

gefügt hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog

sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hierher zu dieser

Stätte, und ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung

begann, als der würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis

anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den

wunderbaren Fügungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein Werkzeug

zur Beglückung vieler wähle, da strömten ihre Tränen über. »Ja,« dachte

sie bei sich selbst, »es ist erfüllt, was damals ahnungsvoll meine

Seele füllte, _der Zug des Herzens ist Gottes, ist des Schicksals

Stimme_.« Und viele Tränen flossen, denn auch die Augen derer, die

einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen hatten, gingen über.

Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre

Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem

Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunklen Irre des Lebens zu

einem schönen lichten Ziele führte.

Der Schmaus.

Schnurstraks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze

Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem

die neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt,

um alles zu leiten. Sechs Böller riefen ihnen ihre Freudengrüße

entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein

donnerschlagähnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am

Portal des schönen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren, als

Emil sein Weibchen auf den Balkon herausführte, um die herrliche Gegend

zu übersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein schrankenloses

Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft.

Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein

zu nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem

Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloß -- es lag zwar niedlich,

geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und

Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles

noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal

war Hafer aufgeschüttet gewesen, kurz, man hatte gesehen, daß es eine

gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Käufer hätte nicht geglaubt,

innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig werden zu

können. Und jetzt -- die behaglichste Eleganz, die man sich denken

konnte; diese Trümeaus, ein Gardist mit sieben Fuß hätte sich, und

hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt, perfekt

am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten Federchen darin

sehen können. Diese breitarmigen Lüster, diese Kristall-Lampen, diese

geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten, Etageren, diese Pracht von

Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen, Leuchtern, Vasen,

an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen kann; gar nichts

war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem Feenpalast umher,

und die Mädchen und die Frauen! -- Ida wandelte zwar wie eine Königin

in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin gelebt, aber

man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und Zufall, die

einen im Schlafe heimsuchen.

Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner

seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen

Paares hatte er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging,

und zwar alles auf dem höchsten Fuß, denn wenn einer der Gäste nur vom

silbernen Teller ein wenig aufsah, der mit seinem Nachbar konversierte,

husch! war der Teller gewechselt und eine neue Speise dampfte ihm

entgegen. Aber auch in der Küche hatte er gewaltet, und es hätte wenig

gefehlt, so hätte er aus lauterem Eifer, alles recht delikat zu

machen, sich selbst zu einem Ragout oder Haschee verarbeiten oder zu

einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einiger Zutat von Zucker

zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch ihn hielten die

Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig reichbesetzte Tafel aus

dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu dieser Jahreszeit, und

alles so fein und delikat gekocht!

Da war:

Schildkrötensuppe.

Coulissuppe von Fasanen mit Reis.

*

~Hors d'œuvres.~

Pastetchen von Brießlein mit Salpicon.

Kabeljau mit Kartoffeln und ~Sauce hollandaise~.

*

~Du bœuf au naturel.~

Englischer Braten mit ~Sauce espagnole~.

*

Gemüse.

Spargeln mit ~Sauce au beurre~.

Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein.

*

~Entrées.~

Junge Hühner mit ~Sauce aux fines herbes~.

~Financière~ mit Klößen.

Schinken ~à la broche au vin de Malaga~.

Feldhühnersalmi.

Kalbskopf ~à la tortue~.

~Fricandeau à la Provençale.~

*

Braten.

Kalbsschlegel.

Rehbraten.

Feldhühnerbraten.

Kapaunenbraten.

~Dindon à la Perigord.~

*

Salat vielerlei.

*

Süße Speisen.

Sulz von Malaga.

~Crême~ von Erdbeeren.

~Compote mêlée.~

~Crême panachée mêlée.~

Punschtorte mit Früchten.

~Tartelettes aux abricots.~

~Tourte de chocolat montée.~

Gußtorte.

*

Dessert.

Punsch ~à la glace~.

~Crême de Vanille.~

Schluß.

Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte unbemerkt von

den bechampagnerten Gästen die junge Frau. Sie warf den schweren

Hochzeitsstaat ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein

allerliebstes Reisekleidchen, denn nach der Tafel sollte gleich

eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden, so wollte

es der alte Graf.

Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so

wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberröckchen

schloß so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden

Löckchen gaben dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren

so rosig, die Aeuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres

bräutlichen Glückes, kleine, kleine Schelmchen saßen in den Grübchen

der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern

von Sehnsucht und Erwartung; das Mäulchen, so spitzig wie zum Küssen,

zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur verborgen waren.

Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette und

Minette und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre

wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. »Diese herrliche,

jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des

Korsettchens zu zersprengen droht!« sagte Minette. »Diese weißen Arme!«

flüsterte Philette. »Diese Füßchen,« dachte Trinette weiter, »diese

Wäd--«

»Der Herr Graf wird ganz selig sein,« wisperte Lisette der Babette zu,

doch nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie

wollte tun, als hätte sie nichts gemerkt, aber ward flammenrot von der

Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das

schneeweiße Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven

Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus, ganz dunkel

überpurpurt entschlüpfte sie den sechs dienstbaren Geistern und lief

wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal.

Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende, alles war darin

einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der

Brautstaat; kein Wunder, es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins

gelobte Land der Ehe reiste.

»Warum bist du nur so über und über rot?« fragte Emil sein holdes

Weibchen, indem er sie näher an seine Seite zog. »Hat dir jemand was

getan?«

Sie wollte lange nicht heraus. »Die Babette,« flüsterte sie endlich und

errötete von neuem, »die Babette hat so dumm gefragt.«

»Nun, was denn?« fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es

wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden,

aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeitstag, und doch -- es

ging nicht; er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich,

nachdem er hatte versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen,

flüsterte sie ihm ins Ohr. »Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und

da hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll.« Selig

schloß der Graf sein Engelsweibchen in die Arme, er wollte antworten,

aber seine Antwort verhallte im Geräusch der aufbrechenden Gäste.

Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm

sein Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen, denn

dort beschloß er ihr zu antworten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 17 / 26 段