Endlich -- ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat

er heraus -- mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie

hatte, als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ...schen

Gesandten gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von

goldener Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die

Brust quer herab, auf der Brust -- was Tausend! da hatte er ja sogar

einen Stern! »Nun, das muß doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von

Ladenstein,« dachte Ida und machte große Augen, »und sonst sieht er

doch ganz schlicht aus.«

Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe, gewiß wollte Emil

noch einmal -- nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr

willkommen. Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als

könne sie heute nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen

tiefen, tiefen Hofgala-Knicks, als er so bebändert, besternt und

übergoldet zu ihr eintrat, und wußte nicht gleich recht, wie sie ihn

empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: »Ich weiß

wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida nicht empfängt wie einen

alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das hätte ich doch nicht

gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so einschüchtern

ließe!« Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht aus,

daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson

empfangen hatte; er zog sie zutraulich zu sich auf den Diwan und

erzählte, daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa

stehe und sie hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde. --

Das Mädchen ward feuerflammrot, sie hatte sich noch von keinem Menschen

Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch

kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zumut. --

Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reserve-Bataillon

und Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem

Flitterputz angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa

noch einiges Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.

Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es

denn doch fehlen könne, und sagte: »Ach, vor meinem Vater ist mir nicht

so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte,

aber der Onkel --«

»Nun, was für ein Onkel ist denn das?« fragte Ladenstein aufmerksam und

neugierig.

»Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein

gar böser alter Herr sein« (Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in

die Länge bei diesen Nachrichten), »das hat mir Hofrat Berner, der den

jungen Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil

ab, denn er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr

soll auch sehr viel an dem Neffen tun --« (es zuckte wie tiefe Rührung

in Ladensteins Gesicht), »wenn nun dieser die Sache erfährt,« setzte

sie traurig hinzu, »wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere

ausgesucht hätte, wenn er Nein sagt.«

»O, er sagt nicht Nein, er kann keine Bessere finden,« unterbrach sie

der alte Herr voll wunderbarer Rührung.

»Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach,

wenn man nur den erweichen könnte; sehen Sie, Ladenstein,« sagte sie

unter Tränen lächelnd, »ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es

ist zwar eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe

ich dazu ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene

aus der Kirche, die ich Ihnen gestern zeigte, die habe ich nun ganz

eigentlich für den alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa

zweifelt, daß ich seinem Neffen so recht von Herzen gut bin, so -- das

tun Sie mir schon zu Gefallen, und Sie kennen den alten Herrn gewiß --

so zeigen Sie ihm die Gruppe da, sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die

seinen Emil von dem schrecklichen Wahn befreite; wollen Sie?«

Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen

rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er

nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen.

Endlich faßte er sich doch wieder, er wischte die Tränen hinweg, er war

freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.

»Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen,« sagte er lächelnd,

»ich kenne ihn so gut wie mich selbst, und darf sagen, daß ich sein

innigster -- bester Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen,

der Alte schlägt mit Freuden ein, aber das Bild da soll er haben, und

wie ich ihn kenne, wird er es hoch anschlagen, es wird sein bestes

Kabinettstück sein.«

Fortsetzung der Freier.

Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein

zum Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil

sagte seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine,

nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil

könne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen, denn offenbar gehe es

den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte

wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes

verstand, aber sie scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es

wäre aber auch Sünde gewesen, ihn in seinem Glücke zu stören. Er saß so

selig neben dem bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und

Glück, daß er nichts anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie.

Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das

Mädchen. Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag

das heilige Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein

reizendes Lächeln, das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten

Stand einer Braut, bald Wonne und Freude verriet.

»Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen,« rief der glückliche

Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut

hatte. »Mein lieber, guter Emil,« lispelte sie und sank in seine Arme

und barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich

es ihm Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt

zu sehen, das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und

in den herrlich gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie

aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite

mehr Freude. Er faßte das Engelsköpfchen an dem samtnen Kinn und hob es

aufwärts. Wie mild, wie treu blickten ihn diese Augen an, wie würzig

wölbten sich die Purpurlippen ihm entgegen! Er schlug den Arm um den

schlanken Leib, er preßte sie an sich und sog in langen, langen Küssen

das süßeste Leben in sich ein.

Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht

zumut gewesen, wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr

durch alle Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die

Fingerspitzen, bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so

wonnig zumut, als sollte sie aufgelöst in innige Liebe vergehen. Sie

wollte ihn ansehen und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich

schämen und schalt sich wieder aus über die Torheit, denn es war ja ihr

Bräutig--; nein, das fiel ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht

ihr Bräutigam, Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt

-- es schickte sich doch nicht so recht, sie wand sich verschämt aus

seinen Armen und wollte eben sagen, daß er doch ein wenig einhalten --

Da ging die Türe auf, und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden

Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. »Ich gratuliere,«

rief er, »der Herr Papa willigt ein!« Ida flog an den Hals ihres

Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine

Wangen und küßte ihn und war ein so munteres, wähliges Kind, als habe

er ihr eine hübsche Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde

geschenkt.

Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn

voll Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen?

Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. »Nach dem, was Seine

Exzellenz, Ihr Herr O--« ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich

schnell korrigierte -- »was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus

kein Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre.«

Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater,

den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr

Zeugen ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der

Hochzeit, der Graf wollte lieber heute als morgen und hätte gern sein

liebes Bräutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster

geführt. Aber dagegen sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv

aus, als sie so ernsthaft sagte: »Nein, wenn es einmal sein muß, so muß

es auch recht sein. Im Hausüberröckchen traut man kein reputierliches

Fräulein.« Der Präsident stimmte bei, er sagte: »Sie haben ja noch gar

nichts, wo Sie nur Ihr Haupt hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen

Stuhl, kein Bette!«

Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: »Ein Vierteljahr

ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen

könnten, da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie

man es nur wünschen kann. Da ist --« er zog eine große Schreibtafel

hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie -- »da ist

ein gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft

Groß-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn

Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim

zur Morgengabe übermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm

gefällig ist.«

Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals.

»Mein teurer, väterlicher --«

»Still, still, ist schon gut,« unterbrach ihn der alte Herr, indem er

ihm die Hand auf den Mund legte, »bedenke dein Versprechen. Ich habe

hier nur den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er

einmal da ist!« -- »Ach, wo ist er denn, der gute Onkel,« rief Ida,

»daß ich ihm danken kann für seine unendliche Güte?«

»Wird auch kommen zu seiner Zeit,« antwortete Ladenstein, indem ihm

eine Träne der Rührung im Auge blinkte, »er wird schon kommen und eine

Freude an seinem holden Töchterchen haben, einstweilen soll ich Idchen

in seinem Namen küssen.« Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die

schöne Stirne.

Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er

las, desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll

faltete er die Papiere zusammen und sagte: »Nein, das ist zu arg, das

ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau

mit dem schönen neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert,

mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und

Feldern, weiß Gott! seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern

wert, nein, bedenkt auch noch --«

»Still, alter Herr!« unterbrach ihn Ladenstein. »Macht kein solches

Wesen von dem Zeug. Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und

gibt es gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe

Bräutchen, nämlich ein kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen

von hier. Man hat mir gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen

gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte

erb- und eigentümlich zum Brautgeschenk übermacht.«

Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. »Doch

nicht mein liebes Blauenstein?« rief sie.

»Ebendasselbe,« antwortete Ladenstein und überreichte ihr die

Schenkungsakte.

Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer

umher wie närrisch und rief immer: »Mein Blauenstein, mein liebes,

herziges Blauenstein!« daß die drei unwillkürlich über die possierliche

Freude des Mädchens lachen mußten.

Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses

Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs

elegant eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von

einem schönen Wald umgeben, und die vierte Seite, die Fassade des

Schlößchens, gegen den schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische

Aussicht hinüber in Täler und Berge -- und dieses lauschige, liebliche

Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem fröhlichen Bräutchen, und dort zu

wohnen als Frauchen mit ihrem Emil -- gewiß, ein solcher Gedanke hätte

manche andere tanzen gemacht!

Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr

einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden

Mädchens auf die nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte

Papa Präsident große Gesellschaft geben und dort das junge Paar als

Braut und Bräutigam präsentieren.

Die Soiree.

»Was aber der Präsident Sanden dick tut!« sagten die Freilinger, als

jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die

meisten dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher

er sich auf alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal

Minister zu werden.

Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch

mehr von diesem »Dicktun« überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstern,

die gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze

Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und

Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue

Erscheinung für Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die

Wände waren mit Festons von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die

sich in den deckenhohen Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen

und Girlanden vervielfältigten. Ein ganzer Hausrat der prächtigsten

Kristalle, Vasen, Teller, Becher, Platten, Schüsseln, Bouteillen

blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in tausend vielfarbigen

Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und Leuchtern ward heute

aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über diese Pracht.

Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die

Finger daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten

habe; denn man wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne

Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem

Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er ~in petto~ habe. Er

empfing seine Gäste höchst freundlich, aber zeremoniös, sprach mit

keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich überall und allen mit.

Die Gräfin -- nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als ob

ihr das Fest gehöre, denn sie war wie gewöhnlich prachtvoll, aber nicht

gerade festlich gekleidet.

Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich

am nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und

seine Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten

Freunde des Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude

daran, daß der Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die

Garnisonsoffiziere sehr über die Achsel angesehen und ganz obenhin

behandelt hatte, entschlüpfen würde. »Wenn die Ida doch keinem von

uns gehören soll,« hatte Schulderoff geäußert, »so gönne ich sie am

liebsten dem Martiniz; er ist Soldat, und das muß man ihm lassen, brav

wie der Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte,

als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und fest habe ich in meinem

Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte er doch recht, denn

Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir selbst das Herz im

Leib hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand her als von der

Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck zum Teufel moduliert

hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer ewigen

Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von

der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, wer

nicht von ihren Reizen hingerissen wird.«

So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden; so sehr hatte die

Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.

Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem

festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin

hatte den größten Hof um sich, denn man dachte nicht anders, als sie

müsse doch vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand

mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch, die Gräfin suchte

vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte

eine tüchtige Schelte einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung

zu strafen; überhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken

aufgedrängt -- der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen,

dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte,

war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß er heute im

Hause gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister --

der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf ihn.

Im ganzen war er ihr gleichgültig, denn ihre Neigungen waren sehr

flüchtiger Natur, auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter,

und sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das

beinahe Liebe war -- aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer

der ~Cavaliere servente~ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei

Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die

Jagd geritten war, wie die übrigen Offiziere äußerten, so hätte er

wenigstens ein Billett an sie hinterlassen können -- aber sie wollte es

ihm entgelten.

Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte

die fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser

Sirene begeben habe.

Die Braut.

Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich

noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich -- der

Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen -- endlich ging

die Tür auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den

Saal -- herein trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger

Kleidung, mit Sternen und Orden besäet (wir kennen ihn schon), an

seinem Arm ein holder, verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig

und doch voll wunderbarer Majestät -- Ida.

Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid, man

hatte noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den

Schwanenhals ein Perlenschmuck, der, es waren scharfe Kenner in dem

Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fürchterlichsten

Flüchen, er sei unschätzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im

zierlich geordneten Haar einen Solitär, die Gräfin hätte heulen

mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen müssen -- er

war in Kost und Logis bei Salomon Moses' Söhnen -- und doch hätte er

gegen dieses Wasser, gegen die funkensprühende Kraft dieses Steins

verbleichen müssen!

Hatten die Gäste schon dies Paar mit weit aufgerissenen Augen

angestarrt, so riskierten sie jetzt vor Verwunderung den schwarzen Star

zu bekommen, denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er

einen Jüngling, hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform,

den Diamantorden auf der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit

flunkernden Steinen übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran

die Agraffe, ein Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend

Taler geschätzt wurde; der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling

trat näher, es war Emil.

Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich -- der Präsident empfing

aus Ladensteins Hand sein Idchen, so trat er mit dem Pärchen in den

Kreis -- die Gräfin mochte ahnen, was vorging, denn sie schoß wütende

Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden

neigte sich Ida, das Engelskind und errötete über und über; der Graf

aber schaute fröhlich, stolz, mit seinem siegenden Glutblick im Kreise

umher, der Präsident verbeugte sich und begann: »Verehrte Freunde, ich

habe Sie eingeladen, ein glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu

begehen -- meine Ida hat sich heute verlobt mit dem Grafen Emil von

Martiniz.« Von Anfang tiefe, tiefe Stille, man hätte eine Mücke können

trappen hören -- unwillkürlich flogen die Blicke der erstaunten Gäste

nach der Gräfin, denn _sie, sie_ mußte ja nach ihren Kalkülen die Braut

sein, dann öffneten sich die Schleusen der Beredsamkeit, ein ungeheurer

Strom von Gratulationen, gegenseitigen Lobpreisungen brach über die

Dame herein, man hörte sein eigenes Wort nicht, so gingen, wie in einer

Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler und Mäulchen.

Endlich fand auch die Gräfin Worte, sie hatte, das übersah sie mit

_einem_ Blick, das Schlachtfeld verloren, jetzt galt es, sich geordnet

zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch

eine tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie

wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr

Glück zu ihrer Verbindung. »Aber dennoch, Kinderchen,« setzte sie hinzu

und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus

den Augen sprühte und ihr Mund krampfhaft zuckte, »dennoch weiß ich

nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß,

aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr

Oheim, der Minister, darüber denkt; wenigstens, soviel ich mir von ihm

habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr zugeben.«

Ida war ganz bleich geworden, sie dachte im Augenblick nicht daran, daß

nur böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse, das Wasser

schoß ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick

auf Ladenstein und Martiniz; jener stand auf der Seite und sah ernst,

beinahe höhnisch der Gräfin zu, Emil aber sagte ganz kalt und gelassen:

»Wissen Sie das so gewiß, gnädige Frau?« Dieser Gleichmut reizte sie

noch mehr; eine hohe Röte flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten

noch tückischer. »Ja, ja, das weiß ich gewiß,« rief sie, »ein Freund

Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir über diese Sache

hinlänglich Licht gegeben, daß ich weiß, daß er diese Mesalliance nie

genehmigen wird, Sie werden es sehen!«

»Und dennoch _hat_ er sie genehmigt,« antwortete eine tiefe, feste

Stimme hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um, es war der alte

Ladenstein, der sie mit einem höhnischen, sprechenden Blick ansah;

sie konnte seinen Blick nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem

Lächeln, hinter das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. »Das

müßte doch sehr schnell gegangen sein,« sagte sie und schlug eine

gellende Lache auf, »noch vor fünf Tagen lauteten die Nachrichten

hierüber ganz anders, der Herr von Sorben sagt mir --«

»Er hat Sie belogen,« entgegnete der alte Herr ganz ruhig.

»Nein, das wird mir zu stark,« rief die hohe Dame gereizt, »von einem

Mann wie Herr von Sorben bitte ich in anderen Ausdrücken zu sprechen;

wie können _Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz --«

»Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin,« sagte der alte Herr und

beugte sich tief, »ich heiße mit Ihrer Erlaubnis Dagobert Graf von

Ladenstein-Martiniz.«

Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des

Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich

nach Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie

zu einer Säule versteinert, doch hatte sie, sobald sie wieder Atem

hatte, auch Fassung genug, zu sprechen; so freundlich und herablassend

als möglich wandte sie sich an das junge Paar: »Nun, da wünsche ich

doppelt Glück, daß ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher

gefallen, seine Maske abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf

einen Augenblick gestört haben.«

Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in

ihrem wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen

Ida. Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in

einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken

erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. »An allem Unheil ist

Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fräulein Sorben,« rief die Wütende,

»warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns

nichts gesagt, daß der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen?

O, ich möchte --!« Der orangenfarbene Teint von Fräulein Sorben war ins

Erdfahle übergegangen, sie hatte die stille Wut und machte sich hier

und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle

Tränenwasser in den Augen stand.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 16 / 26 段