der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen,
es möchte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit
wiederkäme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte
Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen
sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant
unwillkürlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort: »Laß
dich nicht von diesen da forttreiben, lieber Sorben, du kannst mir
jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein Koffer, in
diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die Schlüssel geben und
schließ auf. Dort findest du ein Strumpfband mit goldenem Schloß --«
er hielt inne, als ob er nachsänne, der Graf aber trat in der höchsten
Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er sprechen
würde -- »und richtig, ~Honny soit qui mal y pense~ ist drauf gestickt.
Das bringst du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken Bein,
und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich
könne heute nicht selbst kommen. Ja -- und weiter sage ihr, mit der
Ida sei es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu
schneiden, nur um das Gräfchen eifersüchtig -- ja, halt, bei dem Grafen
fällt mir ein, sage ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei
kein Ofenhocker, sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner
noch was anhaben wolle, so habe sie es mit mir zu tun.«
Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte.
Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so
töricht gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu
dem Rittmeister geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den
beiden etwas Hartes gesagt, aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen
und seinen Stand, der alte Herr durch seine vielen und bedeutenden
Ordenszeichen so imponiert, daß er nicht wagte, sich ihnen anders als
mit der zuvorkommendsten Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner
waren aber von beiden ganz entzückt. In des Grafen Uniform verliebten
sie sich ganz und gar, und wie geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß
ein Kommandeur der Ehrenlegion, ein alter Ritter des Theresienordens
sie mit der größten Freundlichkeit »Herr Kamerad« titulierte.
Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz
von dem Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und
machte ihm unter der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnähme,
die Proposition, ob er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so
entfernt von Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
»Lieber Gott,« sagte er, »ich weiß, wie es in der Garnison ist; habe
auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit,
daß man immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß
immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in
Garnison liege, Herr Kamerad -- ich denke, wir könnten darüber einig
sein.«
Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte
den Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als
ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die
Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen,
sich an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten
Seele zuwider, lieber hätte er sein Pferd verkauft -- da kam ihm nun
das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich
und ehrenvoll angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von
dieser Stunde an wäre er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die
Gräfin und alle Höllengeister am Kollett gepackt hätten, für die beiden
Fremden durchs Feuer gegangen.
Licht in der Finsternis.
»Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?« sprach der alte Herr zu
Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. »Was sagst du zu der
schönen Strumpfbandgeschichte?« -- »Nun, was werde ich dazu sagen,«
antwortete Emil nachdenklich, »daß er mit der Gräfin in einem sehr
unanständigen Verhältnis steht. Aber erklären Sie mir nur, was
plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die
Gräfin Aarstein heiraten solle?«
»Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen,« sagte jener und zog
einen Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren
jene Briefe, welche der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz
geschrieben hatte, um wo möglich eine Heirat zwischen Emil und der
Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und
düsterer wurden seine Züge, der alte Herr ging indessen auf und ab und
betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: »Nein,
das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten, mit mir ein solches Spiel
spielen zu wollen? Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie dies
alles zusammen?«
Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich
auf seine Schulter und sprach: »Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich
sechzig Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter
betrachte, und darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches;
jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles
klar. Daß dich in diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl,
den alten Sorben zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun
durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest
hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zärtlichen Verhältnis
mit Ida; daß der Gräfin daran lag, dich oder vielmehr dein Vermögen
nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam sie eilends
hierher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber auch, daß sie Ida von
deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein als durch den
Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus dem
Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem
keuschen reinen Engel, stand -- und hat er sein ganzes Leben hindurch
gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr -- erinnerst
du dich, daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden
Mädchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan,
Freundchen, so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du
nun dazu?«
Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte
sein Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. »O Ida, wie
tief habe ich dich beleidigt!« flüsterte er. »Was war ich für ein Tor,
wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war
ich so grausam und konnte das gute sanfte Engelskind, das mir so gut
war, das mich so lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!«
Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue
sein Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus
welchem ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. »Solange man
lebt, kann man alles wieder gut machen,« sagte er zu dem Weinenden,
»und namentlich ist nichts leichter zu schlichten als kleine
Katzbalgereien unter Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird
sich alles noch gut machen.« Und nun setzte er dem Grafen auseinander,
daß er sich so bald als möglich mit seinem Mädchen versöhnen müsse;
aber dabei dürfe er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wieviel er
diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder
ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle mögliche falsche
Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt,
wie sie mit unendlicher Freundschaft alles aufgeboten habe, ihn zu
zerstreuen und zu erheitern. »Wahrlich,« schloß er, »diesem Mädchen
bist du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem
Rittmeister abbittest -- du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine
Hand schuldig, so sehr sich auch,« setzte er schalkhaft lächelnd hinzu,
»so sehr sich auch dein Herz dagegen sträuben mag!«
Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit
zehnmal größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein »Amen, gehe
hin und tue also!« gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem
Grafen. Die Tränen waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen,
die aus dem dunkeln Auge sprühten, ein holdes Lächeln spielte um seinen
Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff
die Hände des guten Alten und preßte sie an sein lautpochendes Herz,
an die glühenden Lippen. »O, wie Herrliches verheißen Sie mir! Sie,
Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein Herz schon lange zog; o, wie
kann ich Ihnen danken, mein väterlicher Freund, mein guter, teurer --«,
doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito des Herrn von Ladenstein
gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, die jetzt noch
verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die Arme und
ging dann an die Türe: »Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile
die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als
möglich!«
Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein
Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichen
Xeres laben. »So--o?« sagte er, »nun da muß ich ja gra--tulieren!«
-- »Nun wie, alter Kauz,« sagte Ladenstein, »du scheinst dich nicht
recht zu freuen? Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr
erlesen?«
»Nun,« antwortete Brktzwisl, »sie ist schön, die Frau Gräfin --«
»Wer spricht denn von der Gräfin?« sagte sein Herr, »Fräulein Ida
meinen wir!«
»Was?« rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig, denn
jetzt hatte er wirklichen süßen Xeres im Mund. »Das Wunderengelskind?
Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau
Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schön!«
Man mußte seinem Jubel Einhalt tun, er wäre sonst spornstreichs durch
die Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt.
Das helle Wasser der Freude stand der alten treuen Seele in den Augen,
er küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war
es ein neuer schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen
bezauberte, hatte sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten,
eingeschnurrten-winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden
Kind gemacht.
Reue und Liebe.
»Und nun noch eine Bitte,« sagte der glückliche Graf zu seinem Retter
und Ratgeber, »jetzt noch eine Bitte; ich habe dem armen Kind diese
Tage her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen
gebrochen habe, lassen Sie es mich heute noch gut machen!«
Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und
er solle seine Ungeduld bis morgen zügeln, aber der Graf bat immer
dringender. »Kann ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist,
daß sie auch nur noch eine Träne über mich weint? Nein, heute abend
noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo
die Gräfin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich
lauert, macht sich eine solche Versöhnung nicht gut; Sie müssen mir
schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! Wenn ich nicht irre, hat Ida
versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach,
wenn sie mit Ihnen hinaufgeht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu
genieren.«
»Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
Namen, komm! -- Wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet
und hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das
Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich ›halt‹ sagt
oder nicht. Aber das sage ich dir, den fatalen Frack da ausgezogen und
dein Kollett an, den Familien-Ehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas
gleichsiehst; darfst dich, weiß Gott! vor König und Kaiser darin sehen
lassen, darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Mädchen zum erstenmal
ans Herz drückst.«
»Zum erstenmal ist es nun nicht,« lachte der Graf, indem er den
goldenen Säbel umschnallte, »aber leider war die erste Umarmung
gleichsam das unterbrochene Opferfest unserer Liebe, denn die Gräfin
kam dazwischen, als ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte.«
»Kamerad, das hast du schlecht gemacht,« belehrte ihn schmunzelnd der
alte Theresienritter, »wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt
werden, und wenn eine Kartätschenkugel zwischen durchfahren wollte, so
stand es wenigstens im Reglement zu meiner Zeit, denn es ist in der
Natur nichts Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener
Kuß.«
Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
Reglement des alten Herrn zu halten.
In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
Ladenstein hinüberkam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen
und schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben, er aber gab ihr
kurz zur Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren
auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen
Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes
Bonmot. Der Alte aber dachte: »Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest,
wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen worden ist, du würdest
nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht am besten!«
Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und
Malereien zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die
Treppe hinan, daß er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunter
in dem Zimmer aus, das sie, weil sie der Gräfin Platz machen mußte,
einstweilen bewohnte. Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn.
»Machen Sie doch nur keinen falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe,
lieber Ladenstein,« sagte sie, »aber die Gräfin hat uns aus aller
Ordnung herausgejagt, und besonders mir kam sie gar nicht sehr
geschickt, denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, die ich so hübsch
eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier
heraufzog.«
»So, das hat die Gräfin gewollt?« sagte der Alte, dem es immer klarer
aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich ~ad
notam~, um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre
Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf
einige Augenblicke, daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen
wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewöhnlichen
Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man die
grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen
Hand waren, »wunderschön und genial gedacht« fand; er hatte hundertmal
gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie endlich so
gemein würde, daß ein jeder Sudler ein Raphael, oder jede Dame, die den
Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude Lorrain würde. Aber
hier bekam er Respekt; da war nichts übersudelt oder schon als Skizze
weggeworfen; nein, es war alles mit einem Fleiß behandelt, mit einer
Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage selten mehr findet,
und die man gerade an den größten Kunstwerken alter Meister so hoch
schätzen muß.
Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten
verließ, heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so
tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar
bewundert fand; er stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin
bekannte, und sie waren alle meisterhaft, er wandte das letzte
Blatt in der Mappe um und hielt überrascht inne; sie wollte ihm die
Zeichnung entreißen, sie bat, sie flehte -- es half nichts, es war
ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es hätte unbetrachtet aus
den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte Kirche vor, am
Altar stand eine hohe, erhabene Figur -- bei Gott bis zum Sprechen
ähnlich -- Emil; der tiefe wehmütige Ernst, der sonst in seinen Zügen
lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn man
in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den
feinen Lippen schwebte; zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den
einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem nichts weniger
als malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige,
ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich
ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil
sie im Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte
er in der einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war
außer der Aehnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der
Gruppen auch die Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es
war nämlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe
brennenden Laterne aus, so daß nun die wunderherrlichen Licht- und
Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende
Weise angegeben war.
Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt, aber er
kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte
die Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es
war die Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr
herab, auch sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des
Wahnsinns, wie sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke,
daß der, den sie rettete, der nachher aufgelöst von Dankbarkeit nur
ihr gehört hatte, daß dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette
sie verlassen hatte? -- Sie stand, das holde Amorettenköpfchen tief
gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl sich aus ihren Augen und
rieselte über die Wangen herab.
Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren
Kummer. Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen
in Lächeln verwandeln. »Seien Sie nur ruhig, gutes, herziges Kind;
der tolle Patron da, den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen
abbitten, soll alles wieder gut machen.«
Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das
Köpfchen, als wollte sie sagen: »Das ist jetzt alles vorbei und hat
ein Ende.« Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. »Wetten
wir diese Zeichnung,« sagte er, »der undankbare Junker Obenhinaus muß
heran und muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--«
Das Mädchen ward feuerrot; »Herr von Ladenstein,« sagte sie, zwischen
Wehmut und Unmut kämpfend, »ich hätte nicht geglaubt, daß Sie --«
»Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände
geben;« damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
Versöhnte Liebe.
Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah,
und traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und
freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag
Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße,
glühende Küsse der Liebe darauf. Sie wollte die Hand zurückziehen,
sie zog ihn mit herauf, und ehe sie es sich recht versah -- doch
das konnte man nicht sagen, sie sah sich mit einem blitzschnellen
Viertelseitenblickchen nach Ladenstein um, der aber schien gar nicht
auf sie beide zu achten, denn er schaute unverwandt durch die Scheiben
in die Nacht hinaus, also ehe sie sich kaum recht versah, lag sie in
des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf ihren Lippen und --
»solch ein Kuß, das ist ein Kuß!«
Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn
die Gräfin so eifersüchtig gemacht hätte, wie er geglaubt habe, der
Rittmeister mache ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der
Gräfin die Cour gemacht, wie er -- nun, er hatte sich stark versündigt,
aber sie ließ ihn nicht weiter reden, mit dem ersten Wort seiner Reue
war ja auch ihr Kummer verschwunden, sie legte ihm das weiche, zarte
Flaumenhändchen auf den Mund und wisperte ihm errötend zu, daß sie
alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es von neuem los. Da
wollte er erstens ein kleines Küßchen zum Zeichen der Vergebung, dann
den größeren Versöhnungskuß, dann einen langen dito, daß sie ihm nimmer
bös sei, dann einen noch längeren, daß sie ganz gewiß nimmer zürne,
dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er morgen zum Papa gehe
und um sie anhalte.
»Aber, Kinder, es wird spät,« sprach endlich schon zum drittenmal der
alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten
umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt
aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte, denn an diesen
Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht. -- »Kinder,
es wird spät, und die Bilder können alle schon zehnmal gezeigt sein;
wir müssen hinunter zur Gesellschaft.«
»Nur ich nicht,« bat Martiniz, »mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
hinabzusteigen in einen nüchternen, irdischen Tee.«
Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht
bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüberzuspedieren,
und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er
doch nicht sein, den allereinzigen Gutenacht-Kuß mußte er gestatten.
Er wurde in zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift
eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich.
Idchen war es ganz schwindelig zumut, tausend Gedanken stiegen in ihr
auf und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen
und drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_
war ihr recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich
glückselig sei, daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und
dennoch spitzte sie das Mäulchen und probierte es noch einmal im
Geiste, wie sie es gemacht hatten, daß es so wundersüß schmeckte.
Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur
Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den
Hals fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht --
da mußte man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen
Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter,
aber sie mochte es machen wie sie wollte, immer guckte wieder ein
lustiges Köpfchen mit einem spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen
Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen
Kindskopf, einen Wildfang und alles mögliche, und siehe, da ging es
endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt trat sie wieder
ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die gleichgültige
Miene, bis man sich verabschiedete.
Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu
beißen und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.
Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe
sehen lassen. »Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht,«
setzte sie preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und
dachte: »Die verberstet vor Neid,« während es nur unterdrücktes
Lachen war, was dem lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte --
»wenn er morgen früh mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen,
nachmittags -- nicht angenommen, und abends, nun, da will ich ihm ein
so saures Gesicht machen, daß er nicht mehr daran denkt, uns einen
ganzen Tag zu negligieren.«
»Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!« lächelte Fräulein von
Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
»Der arme Graf!« dachte sie und lachte still in sich hinein, sie konnte
sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
Die Freiwerber.
Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an
ihrem Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session
ging, hatte Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen, es war
Viertel, er kam noch nicht.
Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl, denn der Graf hatte
sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler
Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so
ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der
bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann
aber auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die,
wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen
anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln
dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl
auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum
erstenmal geteilt ist zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der
Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will.
Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sehr
anständig finden würde, aber sie kannte ihn, wie er alles nach
den Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der
allerhöchsten Ungnade Nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen
für eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen -- sie
hatte vom Hofrate gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen,
etwas grämlichen Mann, von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch
seine Einwilligung geben?
Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar es lag kein geringer Triumph
darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz
von ihr abzureißen, überwunden zu haben, aber sie scheute sich doch
beinahe ebensosehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu
sehen, was sie für ein Gesicht machen werde, wenn man es ihr ankündige.