großmütige Liebhaber, »wenn man so einen Winter allein zubringen
soll, ist es für ein junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich
nicht Luft machen soll. Einen braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr
zum Intermezzo wohl gewünscht, wäre mir lieber gewesen, als hören
zu müssen, daß mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen
wollen.«
Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von
einem Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte -- es war beinahe
nicht zu ertragen, doch hielt er an sich, denn er wußte, wie schlimm
es ist, in einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel
anzufangen.
»Hattest du bange?« lachten die Reiter den Rittmeister an.
»Nicht im geringsten,« replizierte dieser; »ich kenne mein Täubchen
zu gut, als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn
solche Wichte ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem
andern schnäbeln lassen als von ihrem Hähnchen.«
Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf --
es war ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so
kommen, daß ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu
entfernen oder loszubrechen.
Unschuld und Mut.
Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling
so tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden
seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen
hätte? Die nächste schicklichste Gelegenheit mußte entscheiden.
»Nun, Brüderchen,« sagte ein anderer zum Rittmeister, »wir sind hier
so ziemlich unter uns, gib weich, beichte uns ein wenig, wie stehst
du mit der kleinen Präsidentin?« Der Rittmeister spielte von Anfang
den Zarten, Zurückhaltenden, endlich aber auf vieles Zureden gab
er wirklich weich und -- rühmte sich heimlich von ihr erhaltener
Begünstigungen, die Emils Blut zu Eis erstarren ließen. Plötzlich aber,
wie eine Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen,
engelreinen Kindes, mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen,
jungfräulichen Erröten vor das Auge -- nein! nein! rief es mit tausend
Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der
Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer Metze
malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. »Von
wem sprechen Sie da, mein Herr?« fragte er ihn. Der Rittmeister konnte
sich nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von
dem zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blick
einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
lassen; da kam er aber an den Falschen.
Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen
waren; Hoheit, Mut, Zorn, alles sprühte auf einmal wie mit _einem_
Feuerstrom aus diesen Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen
niederschlug. »Was fällt Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es
ist hier niemand, der danach zu fragen hätte.«
»Sie haben,« fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, »Sie haben dem
ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt, es
hat also auch jeder das Recht zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich
frage_ jetzt!«
»Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor,« lachte der Rittmeister; »es
kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein
anderer sich darein zu legen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit
Ihrer Gesellschaft beehren wollen -- Kellner, noch einen Kelch hierher
für den Herrn da!«
»Ist unnötig,« rief der Graf, »es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte
ich gerne beantwortet haben.«
»Nun ja,« schnarrte Sporeneck, »wenn Sie sich durchaus in meine
Herzensangelegenheit mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr
delikat finde, ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin,
gesprochen.«
»Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
vorhin taten?«
»Wer will es mir wehren?« lachte der Rittmeister und maß den Grafen von
oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen.
»Wer will es mir wehren, ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!«
»Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten?«
»Dame hin oder her,« antwortete der Rittmeister. »Sie fangen an,
anmaßend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher -- Polacken
behaupten, was ich sagte.«
»Nun ja,« sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört
hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, »nun ja, so muß
ich nur _Sie_ bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art
unterhalten lassen von diesem erbärmlichen Lügner.«
»Donner und alle Teufel!« fuhr der Rittmeister auf, »wie kommen Sie mir
vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue
Bohnen.«
»Tun Sie, was Ihnen beliebt,« sagte der Graf, »ich wohne hier und bin
auf Nr. 2 zu finden.« Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. »Das
ist spaßig,« lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei
von der Brust wegging, »das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen
kleinen Gang zu machen habe!«
Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der
Schrauberei. »Hol' mich der Teufel,« sagte ein alter Leutnant, »das
Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen
verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!«
Man beriet sich jetzt, was zu tun sei, man verteilte die Rollen,
Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein, den alten Leutnant
bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht
sonst wo einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte
eine ungemeine, spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz
herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole
losbrenne; den andern war es übrigens nicht so ganz wohl zumut, das
schnelle Ende des Streites hatte aus allen Köpfen den Champagnerdampf
weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affaire, und manchen
wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen Uebermut herbeigeführt
worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen Sporeneck, und auch
er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese Gedanken hinter
lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum Grafen zu
gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer Viertelstunde kam
dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: »Sporeneck, morgen früh acht
Uhr, auf Pistolen.«
Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen,
und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte
Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen;
er erzählte:
»Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander
im Zimmer auf und ab gegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn
sehr höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit Nein geantwortet, worauf
er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die
Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen
Sekundanten lasse er danken, der alte Herr, der bei ihm ist, werde ihm
sekundieren.« Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß
er seinem Rivalen mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne;
er wollte mit dem Champagner weitermachen, die nüchtern gewordenen
Kameraden ließen es aber nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest
auszuschlafen, und versprachen, um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff
zu frühstücken.
Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus.
Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel
gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
zurück, es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
bestimmt für das von Martiniz erkannte. »Wo er nur hinreiten mag an
diesem kalten Tag, ob er --« der Gedanke an eine plötzliche Abreise
ohne Abschied durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten
Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich
tief betrübte; die Gräfin war ja noch hier; sie wußte nichts von seiner
Abreise, er konnte also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte
sie Emils Stimme aus dem Torweg heraufzuhören: »Adieu, Madame, adieu!«
Es galt offenbar der Mondwirtin; o, wie gerne wäre sie in diesem
Augenblicke die Ehehälfte des Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und
das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hören!
Der alte Brktzwisl, die gute treue Seele sprang hervor, ergriff den
Zügel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht, jetzt
kam Mart-- nein, ein Offizier in fremder, glänzender Uniform. Jetzt
kam auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich
unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit
vielen Orden behängt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der
Offizier. »Eine schöne geschmackvolle Uniform,« dachte Ida; wenn sie
nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein Bekannter
von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor, wie, sollte etwa
Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen Orden, und
diesem glänzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust -- wenn er,
eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich, wenn er doch nur den hohen
Ulanenkalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein Gesicht sehen könnte.
Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf
und stieß den Offizier an, er richtete das Haupt auf, er sah herauf --
es war Emil von Martiniz.
Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete
ihn die Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die
dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor
und beschatteten die blendend weiße Stirn; das dunkle Auge voll
hohen Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie
an ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine
Welt ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen,
schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er ritt, er sah so
kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen,
und es werde in schmetternden Tönen Marsch-Marsch geblasen; sie konnte
nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligee, sie öffnete
das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das
Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Aeuglein sahen so klar und
freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft
gerötet, das Mäulchen so süß und küßlich, um das feine, liebe
Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei, und
dann ein Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken
und Brust herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen
Morpheus entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten --
das ganze Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum --
Noch einmal sah der Graf zu diesem Engelskind hinauf, das in der
Glorie der jungfräulichen Unschuld mit der Wehmut gekränkter und doch
verzeihender Liebe zu ihm herabsah -- noch einmal, vielleicht das
letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf,
und eine Träne blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferd
beide Sporen in den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand,
unwillkürlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen
herzlichen Kuß zu: »~Adieu, mon coeur!~« rief er, und dahin flogen die
Reiter, in einem Augenblick war nichts mehr von ihnen zu sehen.
»Was war das? Wem galt das?« fragte sich Ida, als sie sich ein wenig
von ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf -- er warf
einen Kuß herauf -- wem flog er zu? Ihr oder der Grä-- konnte diese
nicht auch im Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß
zugeworfen haben? Sie mußte Gewißheit haben, sie schickte schnell
hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon aufgestanden sei. -- Exzellenz
lagen noch schuhetief in den Federn und schliefen. »Also mir, mir --«
lächelte das stillselige Mädchen vor sich hin, schaute hinaus und
zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo er gehalten, wo er
ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, konnte er nicht
nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr seinen Kuß
geschickt haben, nur um _sie_, die er doch gesehen haben mußte, zu
kränken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief
in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte
er gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt
hatte, sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.
Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie
engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder
recht gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie
vor ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön
stand. So träumte sie, das liebliche, bräutliche Mädchen, sie ahnte
nicht, welchen gefährlichen Gang der Geliebte ging, und daß die Parze
so schnell den Faden ihres Glückes zerreißen könne, daß dann das Herz,
an dem sie so gerne ruhte, für immer ausgeschlagen haben würde, daß die
kühnen, liebesprühenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer
schließen könnten, aus welchem auch die süßeste Stimme, das zärtlichste
Klagen der Liebe nicht aufweckt.
Das Duell.
Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen
sie jetzt im Schritte dem bestimmten Orte zugehen; sie schwiegen eine
Zeitlang, und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen.
Emils Brust erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da
einmal, als stehe sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend
reiner Unschuld vor ihm und flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe
zu, daß er auch nur einen Augenblick habe an ihr zweifeln können;
dann kamen wieder alle Qualen der Eifersucht über ihn, er wiederholte
sich alles, was er zwischen ihr und Sporeneck bemerkt hatte, und das
Billett von gestern -- »nein! _sie ist schuldig_,« rief er laut und
unmutig. Gestern abend nämlich, als Schulderoff sie verlassen hatte,
war Brktzwisl gekommen und hatte einen kleinen Zettel gebracht, der
wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein müsse. Er war offen, Emil
konnte sich nicht enthalten, einen Blick hineinzuwerfen, und ward weiß
wie die Wand. Schweigend reichte er Ladenstein das Billett, und dieser
las:
»Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin
mutwilligerweise abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir
übrigens an einem Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas
anderes haben. Willst Du eine Busenschleife? Willst du ein Schnürband
von meinem Korsettchen?«
»Das ist freilich stark,« hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
»kennst du die Handschrift?« -- »Von wem soll es sein als von ihr,
die mich um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine
Stunde früher gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht
getadelt, daß er von seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll
sprach!«
»Kennst du Idas Handschrift?« fragte der alte Herr noch einmal. »Es
kommt hierbei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst.«
Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es
könne ja aber doch niemand anders geschrieben haben, denn die Adresse
lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu
geschüttelt und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere
Wendung geben könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und
darum könne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden,
nachher werde sich vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun
auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte
ihm jenen lauten Ausruf: »Sie ist dennoch schuldig,« entlockt.
Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst:
»Urteile nicht zu frühe. Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht
die Schuld mit dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte
Martiniz. Schlägt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei
mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich
für die Ehre einer Dame; solange du für sie kämpfst, darfst du nicht
an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir
das Mädchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu
Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick übermannt, dein
zärtliches Lebewohl zuriefst -- und du wirst freudiger streiten.«
Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den
Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer
des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz, er nahm sein Roß
zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.
Sporeneck und seine Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten
und hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten
Uniformen angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur
Hochzeit, denn sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz
und militärische Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als
sie den strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden
Ulanen ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt,
wie flink das zivile Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand
er die Zügel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine
Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater
ererbte Ehrensäbel glänzten im Morgenrot, der ganze Mann hatte etwas
Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, das sie beinahe mit Ehrfurcht
bewunderten.
»Alle Teufel, wer hätte das gedacht?« flüsterte Sporeneck. »Hätte
ich das gewußt -- weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo
jeder Rittmeister für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn
ich gewußt hätte, daß er Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes
gewesen.«
»Und alle Wetter,« fuhr ein anderer fort, »sieh nur den alten Graukopf,
wie der behängt ist, eins -- zwei -- drei -- sieben Orden hat das
Kerlchen und noch obendrein einen Stern! siehe, das Theresienkreuz --
und weiß Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion, das muß ein fixer Kerl
sein.«
Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
»Herr Kamerad,« sprach er, »wenn's gefällig ist.«
Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die
Aeußerung des Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der
Graf Soldat wäre, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben
hätte. Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu
parlamentieren. Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten
Sinn des Grafen, man maß die Schritte ab, man schüttete frisches Pulver
auf die Pfannen -- fertig!
Sporeneck hatte den ersten Schuß. »Nun, wenn es denn einmal sein muß,«
sagte er, drückte ab und -- den Kalpak riß es dem Grafen von dem
Kopf, mitten durch war die Kugel gegangen, er stand unverletzt. Ein
sonderbares Feuer sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole
aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem
Rittmeister und wehre ihm ab, zweimal setzte er an, zweimal ließ er die
Pistole wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem Lachen:
»Wird's bald, Herr Kamerad?« Und in demselben Augenblick krachte es,
Sporeneck wankte und fiel.
Er hatte genug, gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen.
Der Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab
wenig Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der
vor der Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und
sein Begleiter zur Stadt zurück.
Fingerzeig des Schicksals.
Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die
Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die
Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug, aber so viel
merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich
geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen
habe. Von dem Duelle war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt
geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem
Tore fest, daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme, die übrigen hatten
sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und
hatte heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid
erhalten, er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf
der Gräfin Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu
bitten, nachmittags hinüberzukommen. Er schlug es ab, denn er war noch
zu aufgeregt von dem blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die
ohnehin ihn immer sehr langweilte, hätte konversieren mögen.
Endlich als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte
die Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer
Teil verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein,
mit ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu
besuchen. Sie gingen mit.
In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als
die beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten
die übrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie
flüsterten etwas mit Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der
Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug,
das nicht wohl für einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff
besann sich aber nicht lange. Er erklärte, daß er es auf die Gefahr
hin, seinen Freund zu beleidigen, über sich nehmen wolle, die Fremden
einzuführen, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst noch gewünscht
habe.
Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
entstellt, nur daß sein Auge unstät umherirrte. Sie hatten ausgemacht,
daß zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn
der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte
dann hastig seine Hand: »Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?«
rief er. »Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein
heiraten?«