Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen.

Der Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen

können, aber das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten

an demselben Abend verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die

Gräfin schrieb, so oft sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister

in den Mond hinüber und spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu

verfolgen. Nach den letzten Briefen schien es zwar wegen ihrer selbst

nicht mehr nötig zu sein, weil sie den Grafen schon so umgarnt zu haben

glaubte, daß an kein Entrinnen mehr zu denken sei. Dem war aber nicht

also. Dem Grafen, der nur durch die Brille der Eifersucht sah, wollte

es trotz seiner Resignation fast das Herz abdrücken, daß Ida in einem

solchen Verhältnis mit dem Rittmeister sei. Wenn er bei Präsidents war,

ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm wohl bis an die

Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn geneckt oder

ihm einen neuen Schnack aufgetischt, hatte ihn dann unter Tollen und

Lachen hereingezogen ins Zimmer, dort war dann das Mäulchen gegangen

wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte sie

ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu

holen, hier was zu zeigen, und welche Freude gewährte es dann, das

Mädchen dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben,

alles Grazie und Anmut, es war, wie wenn über die ganze Gestalt _ein_

zauberisches Lächeln gewoben gewesen wäre, und jetzt -- und jetzt!

Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar

bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da

mußte sie aber wohl an den Sporeneck denken, denn sie neigte sich so

abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremd; oft kam es ihm sogar

vor, als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das

er sich nicht anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so

am Narrenseil geführt zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft

demaskiert worden zu sein. Zuzeiten wünschte er sich auch den Hofrat

herbei, um mit ihm über das Mädchen und seine grenzenlose Koketterie zu

sprechen.

Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so

offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen

alle Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines

gebrochenen Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht

lebhaft vorstellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom

Gram der Liebe gebrochenen Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor,

das _nicht_ zu vergessen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn sie

selbst aus Uebermut oder törichter Eifersucht ein schönes, nur für sie

schlagendes Herz gekränkt, geknickt, gebrochen haben, da merken sie es

nicht, sie können sogar noch ein recht ungläubiges Hohngelächter der

Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille Träne im trüben Auge, den

wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man sie aufmerksam

macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. »Da wird man seine

Gründe haben,« lachen sie und gehen ungerührt vorüber und denken nicht,

daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen sterben

könne.

Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in

Erfüllung zu gehen, als hier bei Martiniz und Ida.

Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er

tausend Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu

quälen und zu härmen, die rechte fand er nicht. Es war eine wunderbare

Veränderung vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst

das Leben, die Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen.

Die bleicheren Wangen, das trübere Auge, das ja so deutlich von

tränenvollen Nächten, von gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand

verstehen, am wenigsten der, um welchen diese stillen Tränen flossen.

Es war ihr oft zumut, als sollte sie nur eben die heißen, ausgeweinten

Augen zuschließen und sich in das Grab legen lassen; dort, wenn die

Erde so kühl um die vier Bretter und zwei Brettchen, welche die arme

Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie nicht mehr gefoltert

werde von dem Anblick, wo ihr geliebter Jüngling näher und näher,

enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich verwickele -- dort,

dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war ihr ja das

ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht, daß sie es war, die er

verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuschließen,

nicht das brach ihr das Herz. Zwar es hatte ihr Mühe und Tränen

gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit Bitterkeit

daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über

seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte

überwunden; sie war tief in sich gekehrt; aus den geheimnisvollen,

unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut

heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe,

einer andern angehören könne.

Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches

Herz, daß er an _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit den

Fingern deuteten und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_

verloren gehen sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem

armen, unerfahrenen Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen,

daß er bei der Gräfin dafür büßen sollte; aber Emil -- ihr feiner,

weiblicher Takt, der darin so weit und so scharf sieht, sagte ihr, daß

er noch ein Neuling in der Liebe sei, daß er sein Herz frei bewahrt

habe, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß _sie_ seine erste Neigung

gewesen sei; und doch er, der so namenloses Unglück schon erduldet

hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden? Ach, wie

oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm hätte

sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe,

wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein

pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der

Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten, heiligen Kuß

der Liebe ihm entgegengewölbt hatte; dies alles war ja längst vorüber,

war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller

Sehnsucht, die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen,

ihm hätte sie alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für

den Grafen aufgerufen.

Aber er war noch nicht zurück, darum verschloß sie ihren Schmerz in

die Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die

Aarstein flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den

sinnlichen Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in

die Ohren geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem

unbewachten Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der

üppigen, buhlerischen Dame Potiphar -- sie errötete vor dem Gedanken

und preßte die Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn

etwas solches geschah -- dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig

verschrieben.

Feine Nasen.

So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden

gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe

verschlungen wurden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.

Fräulein von Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag

durch die getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über

den Stand der Dinge belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten

vor Freude, wenn sie wieder Neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein

verlorener Posten, den Fräulein Ida weder mit Tränen noch Gebet wieder

heraushauen konnte.

Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der

traurigen Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster,

blässer, trüber war als sonst, war weder ihrem noch des Rittmeisters

Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude,

die sich in einem vierstimmigen Gelächter Luft machte, befiel sie,

als Sporeneck erzählte, daß er sie durch seinen Tubus, mit welchem er

hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster visierte, bitterlich habe

weinen sehen.

Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer

Verzweiflung sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte;

sie hatte alle ihre Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet,

teils durchschimmern lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es

nicht verborgen bleiben, daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur

schade, daß er auf die Liebe so trefflich eingeschult war, daß er sechs

oder acht der zärtlichsten Liebschaften zumal haben konnte und jede

die Betrogene war. So hatte also die beleidigte Dame dem naseweisen

Backfisch, der sich erdreistet hatte, in ihrer Gegenwart Grafen in sich

verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal weggeputzt. »Da kann

man sehen,« sagte sie zu sich, »was die Routine macht. Das armselige

Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe sie noch in den Windeln

gesehen, und sie will sich mir gleichstellen. Aber das Affengesicht

hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund sauber

abgewischt, hat ihr die verliebten Aeuglein ausgeputzt, daß sie sieht,

daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt.«

Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das

Ding so ein wenig gemerkt. Als sie damals miteinander aus der Kirche

gekommen waren -- seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn

kein einziges Mal mehr befallen -- damals hatte er sich ein Herz

gefaßt und zu dem Grafen gesagt: »Wie doch das Fräulein so hübsch, so

tausenddonnernett aussah am Altar. ~Bassa manelka~, wie müßte sie erst

aussehen bei Tag und als Bräutchen --!« Dem Grafen schien der Gedanke

nicht übel einzuleuchten, denn er hatte zufrieden gelächelt und gesagt:

»Nun, was nicht ist, kann noch werden.« Er aber hatte sich folgenden

Tages gleich hingesetzt und an den alten Herrn Grafen geschrieben:

»So und so, und dem gnädigen Fräulein und sonst auf Gottes weitem

Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn schuldig. Es kann

aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind mehr geben.

Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu vermelden,

aus Bohnenstroh, aber Gott weiß, sie reichte dem schönen Fräulein das

Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie allerwenigstens

ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch rein in sie

verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich gewesen wäre,

ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und Liebhaberei. Das hat

ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich Euer Exzellenz,

meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe.«

So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung

vom Wahnsinn gemeldet wurde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe

die Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier

gemalt hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen.

Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfer See,

am Rhein, an der Seine, an der Nordsee immer geheißen: »Der Herr

Graf befindet sich noch im alten Zustand.« -- »Die Krankheit scheint

zuzunehmen.« -- »Die Aerzte wußten wieder nichts.« -- »Die Aerzte geben

ihn auf.«

Hier in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der

Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn

denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im

Geiste, wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde:

»Nun, in Gottes Namen, macht Hochzeit!«

Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben, denn

sein Herr -- der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie

damals, als jene Freudenbotschaft abging -- er war niedergeschlagen,

traurig; fragte der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche

Frage zustand, was ihm denn fehle, so erhielt er entweder gar keine

Antwort oder der Graf stöhnte so schmerzlich, daß es einen Stein hätte

erbarmen mögen, und sagte dabei: »Du kannst mir doch nicht helfen, alte

Seele!«

Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her,

was es denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig

und trutzig mache -- da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine große

Dicke, so halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--

Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar

wahrscheinlich; wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein

im Stich ließ -- nein, er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen,

aber da soll ihm doch das siedende Donnerwetter auf den Leib -- er

schlug zu diesem Gedanken so grimmig auf seines Herrn Rock zu, den er

im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in dichten Wolken umherflog. »Ja,

da wollte ich,« rief er in seinem Selbstgespräch weiter und klopfte

immer schrecklicher, »wenn du die dicke Trutschel nimmst und das schöne

Fräulein, die dich aus den Klauen des schwarzen Teufels herausklaubte,

wenn du die fahren läßt, alles siedende Schwefelpech des Fegfeuers soll

dich dann kreuzmillionenmal --«

»Wen denn?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um

und glaubte nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer

ältlicher Mann, mit feinen klugen Gesichtszügen, in einem schlichten

Reiseüberrock, dem nur ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige

Bedeutung gab, stand vor ihm. »Alle guten Geister!« stammelte endlich

Brktzwisl, indem er den Fremden noch immer mit weit aufgerissenen Augen

anstarrte -- »wie kommen Euer Ex--«

»Halt jetzt dein Maul von dergleichen,« sagte der Herr mit dem

Ordensband freundlich, ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz

nicht; wo ist dein Herr?«

Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehreremal, führte dann den

fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte

dort noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner

großen Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude

dem Fremden in die Arme sank.

Der Fremde war aber niemand anders als -- doch gerade fällt uns ein,

daß der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset,

und es wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses

Inkognito früher verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet,

es abzulegen.

Der Herr Inkognito.

Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem

Schauplatz, es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines

Herrn von Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung

eines Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht,

ihn in diesem Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch

nicht gebeugte Gestalt des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein

sprechendes Gesicht erwarben ihm Achtung, und als vollends der

Präsident, ein Kenner in solchen Dingen, das Theresienkreuz auf seiner

Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur Verehrung. Er wußte, daß, wer

dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen Sinn des Wortes war, und daß

ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte, die nicht die Laune des

Glücks oder hohe Protektion zu einer glänzenden erhoben, sondern die

_aufgesucht_ unter Gefahr hohen Mut und tiefe Einsicht bewährte.

Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Manne wunderbar angezogen.

Seit der Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit

geheimem Widerwillen der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag,

entgegengesehen. Der Graf kam entweder gar nicht oder sehr spät oder

er unterhielt sich mit der Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen

Fräulein und Damen kamen ihr schal und langweilig vor, daß sie glaubte,

nicht eine Stunde bei ihnen sitzen zu können; der Rittmeister, dessen

Geschäfte beim hiesigen Regimente noch immer nicht zu Ende gehen

wollten, war ihr am fatalsten von allen.

Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte

und dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden, er

half ihr Tee einschenken, Arrak und Milch umherreichen, und verrichtete

alle jene kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner

Dame erlaubt werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die

Ohren zu flüstern, aber die gleichgültigsten Dinge, etwa ob sie noch

mehr Milch oder noch mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn

er die zärtlichste Liebeserklärung gewagt hätte.

Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zustatten. Sie sorgte dafür, daß

er neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend

sicher sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde.

Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so

tief und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines

grauen Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte,

war eine Kraft, ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine

Schande gemacht hätte. Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen

zu behagen; sein ernstes Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine

lebhaften Augen wurden glänzender -- solch ein Mädchen hatte er selten

getroffen, und er war doch auch ein bißchen in der Welt gewesen. Diesen

klaren Verstand, dieses richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so

viel Humor und Witz, er war ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus;

er bewunderte die wunderherrlichen Blumen, die sie machte, man kam von

diesen auf die natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb

ihr eine Blume, die so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden

gar hübsch ausnehmen würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum

hatte er die Form der Blätter erwähnt, so sagte sie ihm auch schon,

daß die Blume ~Calla aethiopica~ heißen müsse, weiß blühe und auch

äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er bekam ordentlich Respekt vor

dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte; aber da war nicht jenes

Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten Damen so oft findet.

Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch kein Wörtchen mehr

von Botanik, und es war, als habe sie nie davon gesprochen.

Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie

hatte alles gelesen und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken

bekommt oder in einem Almanach findet; nein! sie hatte interessante

Geschichtswerke gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus

machte sie nichts Großes. Je wichtiger das Werk war, desto bescheidener

war ihr Urteil, und dabei tat sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen

dergleichen gelesen hätte. Und als sie auf ausländische Literatur

kamen, als sie von Lord Byron, seinen herrlichen Gedichten und seinem

unglücklichen Ende sprachen, als der alte Herr mit dem Theresienkreuz

ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist sich höher als alle

anderen geschwungen, weil er den Menschen und die ganze Natur so tief

erkannt habe; da antwortete ihm -- nein, es ging über seine Begriffe

-- antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, als

hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen:

»~The tree of knowledge is not that of life.~«[2]

[2] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.

Er war ganz selig, der alte Herr, ein solches Mädchen hatte er in

vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und

bepperte mit seinem lieben, hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die

Welt hinein, das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen

doch wieder ein wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an, er war

ganz weg und dankte dem Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond

zurückgekommen waren, daß er ihn mit einem so interessanten Geschöpf

bekannt gemacht habe.

Emil auf der Folter.

Dieser sah ihn wehmütig an und seufzte. »Glauben Sie mir,« sagte er,

»auch ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie

eine Erscheinung wie aus dem Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen

aus der Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch

mit einer Würde, einer Höhe, jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich,

mir habe sie der Gaben schönste aufbewahrt -- ach! da gewahrte ich, daß

schon ein anderer diesen Kranz zerpflückt --«

»Nein, ich kann's nicht glauben,« rief der ehrwürdige Theresienritter,

»dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,

herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der

Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich

den ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!«

»Aber mein Gott,« rief Emil ungeduldig, »habe ich Ihnen nicht gesagt,

was mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen

Sie doch nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock

nachzog, um ihn recht vis-a-vis zu haben --«

»Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts,

denn ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so

schamlos zur Schau.«

»Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin --«

»Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue

ich nicht, dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich

habe sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig, darum

darf ich auch meinem Blicke trauen, denn ich bin unparteiisch und

schaue nicht durch die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich

habe diesen Abend Dinge gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der

Erfolg wird lehren, daß ich recht hatte.«

So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es

wenig Eindruck zu machen, denn er murmelte: »Weiß alles, und ist alles

gut, wenn nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!«

Der Rittmeister.

Was doch oft an einem kleinen unscheinbaren Zufall das Glück der

Menschen hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden

Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements

speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr

hinabgekommen war, stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er

sich schlechte Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und

Unter-Justizleuten versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man

sehe und höre doch manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder

zur Augen- und Ohrenweide dienen könne -- sie gingen. Gerade an diesem

Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck einige Freunde der Garnison

zu sich auf ein Abendbrot in den Mond gebeten.

Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und

waren bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache,

ein kleines Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte

ihm, wie gewöhnlich durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in

telegraphischer Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage

jetzt vollkommen sei. Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie

diesen Abend, und sie sähe nächstens einer Erklärung von seiner Seite

entgegen. Das hatte der Rittmeister seinem Vertrauten, dem Leutnant von

Schulderoff, und einigen andern vorgetragen, man stieß an auf das neue

gräfliche Paar und auf den galanten Hausfreund, und so kam man auch,

weiß nicht wie, darauf, ob man nicht den Grafen auch einmal ein wenig

schrauben sollte. Sie stimmten alle darüber ein, daß dies sehr dienlich

wäre, um Unterhaltung für den heutigen Abend zu haben, und sie machten

sich auch gar kein Gewissen daraus. Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre

es etwas anderes; einen Kameraden schraubt man nicht gerne, aber solch

ein ziviles Gräfchen, das in der Welt umherreist, um den Damen schön zu

tun und sein Geld auf die langweiligste Manier totzuschlagen -- nun,

das kann man mit gutem Gewissen.

Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit

von der Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte,

und harrten, ob er nicht komme. Er kam, und mit ihm der andere Gast,

aber diesmal ohne Ordensband, denn er hatte nur einen unscheinbaren

Oberrock an. Martiniz und der ältere Herr unterhielten sich flüsternd

miteinander; um so lauter waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der

Champagnerbouteillen fingen an zu springen, und in kurzem waren die

Herren allesamt kreuzfidel und erzählten allerlei Schnurren aus

ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich nach und nach

verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon abgehandelt,

und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube

anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff

sein Champagnerglas, stand auf und rief: »Nun, Bruder Sporeneck, eine

Gesundheit recht aus dem Herzen -- deine Ida!«

Aufflogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen

Lilienkelche aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust

aus, als hätte die Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die

Lippen zusammen und sah den Theresienritter an.

»Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder,« fuhr Schulderoff fort, »ich

wäre selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine

früheren Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 13 / 26 段