sie ihm sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden
Küssen bedeckt hatte; »wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das
Bewußtsein, dem Freunde genutzt zu haben, so danken Sie mir dadurch,
daß Sie sich wieder den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und
froh sind, wie es Menschen gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem
Ort der Freude geschenkt hat.«
Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein
klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr,
daß er erfüllen wolle, was sie ihm geheißen.
Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen
etwas schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber
auch nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke junge Mann mit dem
zarten, sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer
gewichen war, das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite
die feine Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus
den sinnigen, schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem
hinaufsah -- sie beide umstrahlt von dem ungewissen milden Schein der
Laterne an den Seiten, und im Hintergrund der Altar und die wunderlich
geformten Bogen und Säulen des majestätischen Tempels. »Nun,« dachte
Berner, »sei es um ein paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit
wieder hier am Altar, dort auf den Stufen steht dann der Herr Pastor
~primarius~, und weiter unten müssen mir die beiden Leutchen dort
knien: der Herr Pastor spricht dann den Segen, und sie sind kopu--«
Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl
stand hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten
Augen, die vor seliger Rührung übergingen. »Das ist Ihr Werk, Herr
Hofrat,« schluchzte er, »möge es in Zeit und Ewigkeit --«
»Sei still,« flüsterte Berner, »dein Werk ist es, denn hättest du nicht
endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor.«
Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. »Nun, am Ende ist es
doch der Himmelsengel dort,« schluchzte er weiter, »der es vollbracht
hat; ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir
hätten doch nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles
dem alten Herrn Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen
zu der holdseligen, zukünftigen Frau Gräf--« Ein Wink seines Herrn
unterbrach ihn, er eilte zu ihm hin, küßte die Hände des Grafen und
den Saum von Idas Gewand und brachte dann, wie ihm der Graf befahl,
Idas Mantel. Scherzend, als ging' es von einem Ball nach Hause, hing
Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um und hüllte ihr das Köpfchen
so tief in den Schal, daß nur noch das feine Näschen hervorsah; der
Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben seiner Retterin her,
und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das Gesichtchen
immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.
Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine
Talerquelle doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. »So Gott
will,« sagte zu ihm der alte Diener, als er die Türe schloß, »sind wir
zum letztenmal nachts da drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch
nichts schaden, alter Kauz. Wenn deine durstige Seele nach einem Glas
Wein verlangt, so komme nur zum alten Brktzwisl in den Mond, da setzen
wir uns dann hinter den Tisch, die Frau Wirtin muß Alten geben, und wir
trinken dann aufs Wohlsein meines Herrn und des schönen Fräuleins.«
Neue Entdeckung.
Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem
man sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit
freundlichem Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn
er Rhabarber zwischen den Zähnen hätte, ein »wenn nur das heilige
Kreuzdonner --« oder, »wenn nur das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen«
um das andere heraus. Er rapportierte, daß er einen Brief von der alten
Exzellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dieser ankündige, daß er seine
Briefe nach Fuselbronn, einer Badeanstalt zwischen Freilingen und der
Residenz seitwärts gelegen, zu schicken habe. »Der Kuckuck!« rasaunte
der alte treue Knecht, »hätte der alte Herr nicht die vierzehn Meilen
weiter machen können? Jetzt wäre er hier in Freilingen und schaute
das Glück seines Herrn Brudersohnes mit leiblichen Augen, könnte
nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was hilft mich das, daß
er wieder schreibt: ›Brktzwisl, scheue keine Kosten, wir können es ja
bezahlen, wenn der Himmel unserm Emil wieder gesunden Menschenverstand
verleihen will.‹ Was hilft mich das? In allen Nestern von Italien,
Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir herumfuhren,
habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was nur die
Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: ›Reise weiter!
Zerstreuung hilft! Glückliche Reise.‹ -- Jetzt, wo wir hier Zerstreuung
und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn kuriert
hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der verfluchte
Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben, wie einem Doktor
oder Professor?«
So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht ~stante pede~ eine
Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten
vor. »Alter Narr!« rief er endlich, »muß man dir denn die Nase drauf
stoßen und eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst
du dich denn nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten
vierzehn Tagen deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen
lassen, daß dein Herr zum Sterben in das Mädchen verschammert sei? Und
wenn der Herr Onkel das weiß, nun ja -- das Fräulein ist von gutem
Adel, ich sehe nicht ein, was für ein besonderes Hindernis --«
»Weiß Gott, so tu' ich,« rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den
Respekt so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft
machte; »aber eines fehlt doch immer noch, mein Herr sollte nur erst
mit dem Fräulein im reinen sein, aber geben Sie acht, geben Sie acht,
der macht uns einen Streich! Er ist so blöde, so furchtsam --«
Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß,
indem sein Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem
Sofa, der Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner
Tochter Boudoir eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine
eigne freie Kunst um das Augenparlieren ist; da schwatzten jetzt die
guten Leutchen ein langes und breites mit dem Herrn Papa von Bergen
und liegenden Gründen, nebenher hielten sie sich die schönsten Reden
durch verstohlene Blicke, mit einer Beredsamkeit, einem rednerischen
Feuer, von dem selbst Cicero in seiner Rednerkunst keine Aufschlüsse
gibt, und wovon auch kein Wörtchen weder in der Syntax der deutschen
Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken und ästhetischen
Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern abgehaspelt
werden. Der Präsident taute immer mehr auf, denn Martiniz sprach von
einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne habe,
und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn
er es vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein
-- er gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten
Handschreiben, besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz
des Zivilverdienstordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen
Landsmann und sein liebes Gräfchen, und zog kichernd und schnalzend
über seine vortrefflich gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus.
Das Tete-a-tete.
Solange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zumut;
zwar prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen, denn das
Wiedersehen nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige
Mitternacht war, führt immer eine kleine unabweisbare Verlegenheit mit
sich; man ist nicht sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem
man sich verlassen hat. Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß
man, wie in jedem Gespräch, so auch in dem Flüstern der angehenden
Liebe abends wärmer ist und in einer Viertelstunde weiter kommt als
den Morgen nachher, wo schon der Verstand mehr mit der Phantasie
über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz auf den ersten
Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich von ihr
geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können,
wovon sein Herz so voll war -- und jetzt, jetzt hatte er wieder allen
Mut verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen
gescherzt und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen
verblüffen zu lassen -- wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem
Mädchen gegenüber? Es war aber auch unmöglich, bei dem Engelskind
die Fassung zu behalten; -- erfreute der herrliche Tannenwuchs,
das Ungezwungene, Graziöse der Haltung, das Auge, war man beinahe
geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen
Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt
der blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen,
war man wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre
brand-brand-brand-raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen
und orientalisch geschweiften Brauen mit den Cyanen-Augen machten, war
man hingerissen von dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen,
die Perlen hinter dem schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen
mögen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern
das Amorettenköpfchen recht fest Mund auf Mund zu drücken -- o! so
durfte sie ja nur das Auge aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll
jungfräulicher Hoheit auf den sündigen Menschen und seine Begierden
herabblitzen lassen, so schlich man sich so ducks und geschmiegt hinter
die Grenzbarrieren der Bescheidenheit zurück, als haben einen zehn
Paßvisitatoren und zwanzig Gendarmes dahinter zurückgedonnerwettert.
Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will,
von Verdorbenheit der Sitten, und daß kein reputierliches Frauenzimmer
mehr allein auch nur eine Meile weit reisen könne; an den Männern
liegt es wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den
Schutz- und Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen
hinausgehen. Der Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen
jungen Herren, welche glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse
auch unwillkürlich von ihrer interessanten Erscheinung hingerissen
sein. Nein, seinem scharfen Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese
saubern Herren, als sie sich mit ihrer dreisten, handgreiflichen
Unverschämtheit an sie drängten, hatte ablaufen lassen; wenn auch ihm
keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn er sich auch schmeicheln
durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen ausgezeichnet worden zu
sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt war, wer stand ihm
dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre Freundschaft einen
hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn er zärtlichere
Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür -- zwar der Hofrat hatte es ihm zu
dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es nicht
so sei, aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen
Mädchenherzens? Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen Anderen,
Würdigeren lie--
»Nein! er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es
ihn gepeinigt; die guten Betten, über welche er jeden Morgen der Frau
Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte;
die Kopfkissen -- Jakobs Stein muß ein Eiderdaunenpfühl dagegen gewesen
sein, denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter
träumen, die ihn in den Himmel -- es peinigte ihn den ganzen Morgen und
Vormittag, bis er endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_
zu verschaffen.
Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als
wären es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch solange
der Papa dabei saß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als
er gedacht habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien
ihn selbst aufzumuntern, aber nein, es war ja nur das gewöhnliche
freundschaftliche Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in
seine Kanzlei, und doch hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel
nehmen und festhalten mögen; jetzt Mut! -- Aber es schnürte ihm die
Kehle zusammen, er konnte nicht anfangen, alles schien ihm zu gemein,
zu trivial für diese Stunde. --
»Warum so still und trübe, Martiniz?« fragte Ida, als der Graf noch
immer keine Worte finden konnte. »Sie sind doch wohl nicht krank?« Wie
wohl tat ihm diese Teilnahme! -- Das Gespräch war eingeleitet, und
dennoch konnte er nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein
-- er beschloß, ihn auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von
vorhin auf und ging die Landsitze, die ihm angeboten worden waren,
einzeln durch; auf allen war Idchen bekannt; und wie unendlich hübsch
stand es dem Mädchen, wenn sie von der Landökonomie so kunterbunter
plapperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Es war ihm, als
säße er schon mit ihr abends vor der Türe seines Schlößchens, die
Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf seines Vaters Schloß
gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als züchtiges, hübsches,
allerliebstes Frauchen; und wie sie dann -- nein, es war zu hübsch,
wenn er es sich vorstellte -- wenn sie dann sorglich die Kinder
hineinschickte -- und selbst aufstand -- und ihn bei der Hand nahm --
und die andere Hand ihm auf die Stirne legte -- und, ja -- und dann
sagte: Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht
zu Bett --«
»Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen,« unterbrach Ida
mit fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, »und sehe Ihnen zu, wie Sie
so gar nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels
ausklügeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf
irgend einem Landgut und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage
vertreiben wollen.«
»Ach,« antwortete Emil, »so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn
man so allein, so ganz allein auf der Erde ist.«
»Nun, das kommt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh
machen, können Freunde zu sich bitten --«
»Freunde?« fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. »Es ist
wohl etwas Gutes um Freunde, aber sie kommen und gehen; und das Herz
verlangt nach etwas Bleibendem.«
»Wer bedenkt,« antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann,
»wer bedenkt, wieviel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese
Ansicht nicht schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf
der Erde.«
So hatte es aber der Graf auch wieder nicht gemeint. »Nein,« sagte er,
»es hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so
streng behaupten; etwas ist, was dem Manne in jedem Wechsel bleibt.
Ihnen darf ich sagen, ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick
dem Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten
Bande der Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der
Geselligkeit öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder
über mein Unglück spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost
gewährte, die mir aus gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene
Schreckensstunde, die mich von den Menschen verbannte, nachfolgte,
die den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land rastlos
fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf
ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer geholfen, mir fehlt --
sei du es mir -- ein liebes Weib.« --
Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt -- ihr Auge
hing an seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen, denn sie
meinte nicht anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis
zu vernehmen. Mit einem Schrei der Ueberraschung, der Freude, der
Verlegenheit flog sie daher vom Stuhle auf, als er endete. -- »Herr
Graf -- Marti--« stammelte sie in steigender Verlegenheit, ihr Gesicht
brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham. --
»Mein Mädchen, meine Ida!« flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab
in seine Arme, er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. »O, laß
mir noch _einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_
Trost, den deiner Liebe!« -- »Mein Emil!« hauchte sie aus den süßen
Lippen hervor -- und der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an
die Brust, wollte eben den ersten, heiligen Kuß reiner Lie--
Da schmetterten Posthörner die Straße herab, ein schwerer Reisewagen
rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten
Haus; aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß
das Fenster auf -- aber erbleichend trat sie zurück. -- »Mein Gott im
Himmel!« rief sie, »es ist die Gräfin Aarstein.« -- Die Saat des Bösen
reift schnell.
Zweiter Teil.
Das Unkraut im Weizen.
Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei
Schulderoff und Komp. taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen
großgezogen werden und sicher einmal an einer Intrige sterben, die sie
gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln -- Onkel Sorben hatte
kaum den Brief seiner liebenswürdigen Posaunenseraphsnichte zu Gesicht
bekommen, als er wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die
Geschichte so geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke
-- vom Herrn eine Dose, vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der
Gräfin ein Paar Pferde, und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er
nie verschmäht, und dies alles sollte ihm so ein naseweises Ding, die
kaum hinter den Ohren trocken, wegliebäugeln.
Die Röte des Zornes lag noch auf seinem Gesichte, als er bei der Gräfin
vorgelassen wurde, er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck,
ihr täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief
in der Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben
mochte, denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein, ihr
kolossaler Busen wogte ungestüm auf und ab.
»Exzellenz,« krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
»Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
Zukünftigen aus Freilingen.« -- Die Gräfin und der Rittmeister warfen
sich bedeutende Blicke zu, aber der graue Hofmann ließ sich nicht
merken, daß er es gemerkt habe -- »ja, aus Freilingen; er soll dort ~en
passant~ ein galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten
von Sanden Tochter, angeknüpft haben; solches wäre nun unter andern
Umständen ziemlich gleichgültig, Exzellenz werden sich aber vielleicht
noch aus dem Brief aus Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein
Schwärmer genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht
zu tr--«
»Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie
recht, und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens
einmal so weit eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen
oder nicht; -- was schreibt sein Onkel?«
Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung, denn
sein Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel
spiele; als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von
seinem Reichtum sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise
erklärte und alle Segel aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da
wollte es Sorbens Glücksstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel.
Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es
daher, den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin
Aarstein zu gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als
er werde leichtes Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den
fatalen Verhältnissen der Aarstein, und -- ja es mußte gehen, er
schrieb dem alten Martiniz und trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin
für den Neffen an. Mittlerweile hatte er, um sich bei der Gräfin, die
dem regierenden Hause so nahe verwandt war, wichtig und unentbehrlich
zu machen, viel von seinem großen Einfluß peroriert, den er auf seinen
Intimus, den alten Martiniz, habe, und jedesmal, so oft auf die Heirat
die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt: »Es fehlt sich gar nicht, der
alte Pole muß wollen, was ich will, und damit holla!«
Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten
Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
größten Ehre gereichen könne, und daß er sich unendlich freue, die
schöne Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hierher
war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken; -- was übrigens _sein_
Votum in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit
Wünschen begnügen, denn er habe den Grundsatz, in solche Affairen sich
auch nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von
dieser Seite vollkommen und wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung
weder zu- noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten,
natürlich nicht unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht
überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder Wahl.
Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt,
der Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen
zugreifen und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne
weitere Speranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr
weit in der Kultur zurück sein, daß man von einer _Heirat nach Liebe_
sprechen konnte; doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte
auf dieser Seite nicht mehr herausgehaudert werden, der alte Herr von
Sorben dachte also: »~Vogue la galère~, der alte Narr _muß_ wollen!«
machte gute Miene zum bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der
Gräfin, der alte Martiniz sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses
Gewissen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen
Goldfischchen doch nicht anbeißen mochte -- nein! Er konnte den
Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja um Ehre und Reputation gekommen,
denn auf _seine_ Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man sich
nicht mehr geniert und von der Verbindung, als von etwas, das sich von
selbst verstünde, überall gesprochen.
Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle,
und die fatale Querfrage der Gräfin: »Was schreibt sein Onkel?«
hätte ihn beinahe aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich
und antwortete mit der heitersten Miene von der Welt: »Der ist, wie
ich schon oft gesagt habe, durchaus damit einverstanden, und diese
Verbindung liegt ganz in seinen Wünsch--«
»Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden? -- Das sind nicht
die Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten
mir, er schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein
Neffe mich --«
Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. »Vollkommen
damit einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er
selbst zuerst auf den glücklichen Gedanken kam.«
»Nun, was wollen wir weiter?« fuhr die Gräfin ruhig fort. »Mein
Gräfchen wird nicht das ungehorsame Söhnchen spielen wollen, denn die
drei Milliönchen, die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir
sagen, wegfallen, wenn er mich nicht --«