Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein Purpurröschen,

sie preßte dem Hofrat die weiche Flaumenhand auf den Mund, daß ihm

Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so tüchtig aus, wie

er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch ein ganz kleines,

unreifes Ding war. »Wie oft habe ich hören müssen,« eiferte sie,

»man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und Sie, böser

Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz schwarz; wie oft

haben Sie gesagt, man solle nicht alles untereinander werfen, sondern

jedes Ding ordentlich an seinem Platz lassen, wo es steht, und Sie

nehmen da und dort etwas, rudeln und nudeln es recht bunt durcheinander

wie ein Apotheker und malen die Leute damit an. Ist das auch recht?

Kann das Ihr sonst so geordnetes Oberbuchhaltergewissen vertragen?«

Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon, denn der Mund

war ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au!

hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon, der Hofrat schöpfte tief

Atem und sagte endlich: »Das verdient Strafe, und die einzige Strafe

sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!« Ida behauptete

zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen, aber es half nichts; der

Hofrat begann: »So wissen Sie denn, daß der Graf seit einem Jahr Europa

durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als _einen_, höchstens

zwei Tage verweilt, daß er auch hier eigentlich nur einen Rasttag

halten wollte, es sind Wochen daraus geworden, ich gebe Ihnen mein

Wort, wegen Ihnen allein ist er hiergeblieben.« Der Hofrat hatte seine

Strafe richtig beurteilt, sie schrak zusammen, als er es aussprach.

»Wegen mir wäre er hiergeblieben? Meinetwill--« sie konnte nicht

weiter, ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit schwebte

um die roten, frischen Lippen, der zarte Inkarnat ward überall zur

Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht ein tiefes

Rätsel für den Forscher war -- war es Freude, war es Schmerz? -- das

überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft. Das hatte der

Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem anfangen, wollte die

lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des Scherzes auf die Wunde

legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen hatte, wollte das Mädchen

aufheitern, zerstreuen; aber war es denn möglich, war das möglich, wenn

man _dieses_ Auge in Tränen sah? So mit ihrem Schmerz beschäftigt,

hatte er ganz überhört, daß man schon zweimal an der Türe geklopft

habe; leise wurde sie endlich geöffnet, auf dem weichen Fußteppich

hallte kein Schritt -- Ida war es, als wehe sie ein kühlendes Lüftchen

an, es war ihr so wunderwohl zumut, sie nahm das Tuch von den weinenden

Augen und tat einen lauten Schrei, denn vor ihr stand in voller

Lebensgröße Graf Martiniz.

Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade in

diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida gesprochen

hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange in diesem

peinlichen Stillschweigen, er entschuldigte sich, so unberufen

eingetreten zu sein, er habe aber niemand zum Anmelden gefunden, und

auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet. Er setzte sich

neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines Hausfreundes, ob er

den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach! er war ja der Grund

dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die aus den geheimnisvollen

Tiefen des liebevollen Mädchenherzens heraufdrangen.

Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr, sie wollte lächeln, aber

ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er hatte so

freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu dürfen, daß

es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem Feldherrnauge schaute der

Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch mußten die Blößen benutzt

werden, der Zweck heiliget die Mittel, dachte er, wirf sie beide in

einen wirbelnden Strom, sie werden sich eher finden, sich vereint an

den Strand hinausretten; er ergriff also sein Hütchen, brach auf und

flüsterte dem Grafen laut genug, daß es Ida hören konnte, ins Ohr: »Und

wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen und nach ihrem Kummer fragen, sie

sagt Ihnen doch nicht, warum sie weint. Um Sie, bester Graf, weint das

Fräulein, weil sie meint, Sie seien unglücklich, und doch nicht helfen

kann.« Mit schnellen Schritten witschte er aus dem Zimmer, es war ihm

zumut wie einem, der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird.

»Der Würfel liegt,« sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte,

»er liegt, zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder

Ungrad!«

Entdeckung.

Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Oelgötzen;

keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem hielten

sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen gewagten

Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, als steche

ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, und ein

anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie herab, und im

nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedeheiß zumut, als ob die

Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede und ein Rheinstrom

von rotglühendem flüssigem Eisen durch alle ihre Nerven sich ergösse.

Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und davonlaufen, sollte sie

lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit weinen, ein tiefer Seufzer

entriß sich dem gepreßten Herzen --

Und Martiniz -- was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium

dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und

Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet

und ihr dabei die Schleppe von der ~drap d'argent~nen Hofrobe

abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch

dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen

Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er hatte

-- doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblick helfen, daß er

sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn hin;

sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die ihm in

seinen Träumen allnächtlich erschien und ihn zum Gott machte, sie hatte

um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt!

Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham auf

dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund, tiefer

herab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser Brust

ansah -- er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt, die

Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen, niedlichen

Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit wahrhaftem

Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und alle Grazien,

was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen Gesichtchen aller

Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle Amorettenköpfchen? Es

lag _ein_ Liebreiz in diesem süßen Wesen. -- Er hörte sie seufzen,

eine große, helle Perle hob sich unter den seidenen Wimpern, er

ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund darauf, sie zog das weiche

Wunderpatschchen nicht weg.

»Können Sie zürnen, mein Fräulein,« hub er an, »daß ich zu so

ungelegener Zeit« -- er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten; --

keine Antwort.

»Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich

hätte mir gewiß nicht die Freiheit« -- noch keine Antwort.

»Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; zarte

Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel früher als

andere, möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls vergelten, die mir

so unendlich wohltun« -- keine Antwort, nur Perlchen um Perlchen drängt

sich über den feinen Rand der Wimpern.

»Sie zürnen mir also dennoch,« fuhr Martiniz trübe lächelnd fort,

»das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein andermal zu

besuchen.« Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen, aber Ida hielt

ihn fest.

»Herr Graf!« flüsterte sie leise bittend.

»Warum nennen Sie mich Herr Graf?« antwortete Martiniz. »Wie oft haben

Sie versprochen, Martiniz und, wenn ich recht gut bin, Emil zu sagen?«

»Martiniz!« flüsterte sie wieder.

»O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht

mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?«

»Emil!« hauchte sie kaum hörbar, aber in diesem einzigen Wörtchen lag

ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten, voll

namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; doch

er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber dennoch

kam er bald wieder in den rechten Takt der vertrauenden Freundschaft.

Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen, warum er so

trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde sie ihn

entschuldigen.

Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie

der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen

Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu

gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener

langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch seiner

Verstandskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die ganze Erde so

öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die selige Ruhe im

Grabe gegönnt, ja beneidet habe, besonders seine Schwester habe er

glücklich gepriesen, denn betrogen von dem Mann, den sie liebte, wie

hätte sie ferner glücklich leben können?

Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den

Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen schien,

um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen und dann

zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum unerbittlichen

Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief gebracht, den seine

Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe; er enthielt das

Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen Schande. Antonio habe

lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter, doch nicht der einzig

Begünstigte sei. Er habe sie in einem Augenblick getroffen, der ihm

keinen Zweifel über die Unwürdigkeit der Geliebten gelassen. Doch zu

edel, sie der Schmach und dem Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe

er ihr erlaubt, seinen Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen

wolle er Warschau verlassen und _sie_ nie mehr sehen; ihren Ring, bei

welchem sie ihm mit den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der

nächsten besten Metze schenken.

»Dies war die einzige Strafe,« fuhr Martiniz fort, »die sich der edle,

so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich handelte,

wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die Schande

meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche Zusammenkunft mit

ihm schlug ich in meiner Wut aus, so stellte er sich denn mit seinem

ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut vor die Mündung meiner

Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld meiner Schwester und seine

Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich selbst.

Ich wurde ruhiger als es Abend wurde, aber zu derselben Stunde, wo er

verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein blutbedecktes

Bild stand vor mir da, meine Seele faßte das Schreckliche nicht, ich

verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen Stunde naht er mir alle

Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde; kein Raum ist ihm zu weit,

kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir im frohesten Zirkel meiner

Freunde erscheinen.

Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte

Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist

für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur

ist mir erstorben; ein rastloser Flüchtling eile ich über die Erde

hin, verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst

erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete, ich fliehe

und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger

Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der

letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die der

Frühling aus meiner Asche keimen läßt.« --

Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten

Martiniz erhoben und war davongeeilt. Er war von seiner eigenen

Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten

Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte

stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache

hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende

Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich

kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von den

zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida, das

Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ die

Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber ruhiger

zu werden, sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge etwas so

schwärmerisch Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über einen

großen Entschluß nach.

So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe

hineinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über

seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das

Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel

zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese

Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte. --

Doch da war er ja der Mann dazu, auch die vereiteltsten Verhältnisse

wieder zu entwirren. »Haben sie sich auch wie ungeschickte Hauderer

ein wenig verfahren,« dachte er, »der alte Berner weiß sie schon

wieder ins rechte Gleis zu bringen.« Als er aber den Grafen nicht

mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar bitterlich weinte und

schluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen --

da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf, eine Gänsehaut flog über

seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust zusammen. -- »Sicher einen

dummen Streich gemacht,« brummte er vor sich hin. Da schaute sich Ida

nach ihm um. Unter den verweinten Augen hervor traf ihn doch ein so

mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl und warm wurde, als hätte er den

besten ~Extrait d'Absynthe~ vor den Magen geschlagen. -- »Habe ich ein

dummes Streichelchen gemacht, mein Kindchen?« fragte er kleinlaut,

machte aber so verschmitzte, kluge Aeuglein dazu, daß Ida, so ernst sie

sein wollte, lächeln mußte. Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie

sie von Anfang durch seine doch etwas gar zu indiskrete Aeußerung sehr

außer Kontenance gekommen, daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken

könne, denn der Graf habe ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt,

und sie sei wie von ihrem Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome

könne befreit werden. Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkt,

wo er sie haben wollte. Jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf

einmal im klaren und rieb sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter

Seligkeit die Hände. Sie können und müssen ihn retten, und darum hat

mir mein Genius das tolle Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen

ihn überzeugen, daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen

machen, daß er wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei

Tag freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche

läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit

höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst

zu fürchten. Aber bedenken Sie nur alle anderen Unannehmlichkeiten,

die ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so

recht im Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen

herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles Leben,

alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der zartesten

Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich der Champagnerpunsch, den

Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder Kardinal, und für Liebhaber

des Roten auch Bischof aufgesetzt werden soll, wenn man glaubt, jetzt

geht es erst recht an, da wird er nach und nach ernster und stiller,

zieht einmal um das andere die Uhr aus der Tasche oder läßt sie in

der Tasche repetieren, daß man glaubt, er habe ein Glockenspiel im

Magen, und -- hast ihn gesehen -- schleicht er sich ~sans adieu~ fort

und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin kann ich es, ob ich gleich

die heiligsten fürchterlichsten Eide dazu schwöre, noch immer nicht

begreiflich machen, daß er nicht auf ganz schlimmen Wegen im Dunkeln

schleiche. ›Ich weiß das besser,‹ sagt sie immer; ›im Dunkeln ist gut

munkeln -- das mache mir ein anderer weis.‹ Und dann, wie unangenehm

ist ein solches Verhältnis, wenn der Herr Graf einmal in den heiligen

Stand der Ehe sich begeben soll. Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre

Tücher und Tüchelchen, ihre Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn

sie im Hemdchen und Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft, ganz weit

hinüberrückt, um noch einem zweiten Platz zu m--«

»Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?« unterbrach ihn das Fräulein

eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über

errötend, eines hinter das Ohr versetzte, die Knie zusammenkniff,

schelmisch lächelte und innerlich beinahe platzte. »Was wissen Sie von

Nachtkorsettchen und Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar

nicht in Ihr Fach, und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der

Schuster bleibe bei seinem Leisten.«

»Leider, Gott erbarm's!« seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner

mit komischem Pathos, »leider heißt es bei mir: ~ne ultra crepidam~;[1]

ich darf nichts sehen als die hübschen Füßchen, und höchstens, aller

-- allerhöchstens Jahrs einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder

auf Martiniz zu kommen -- ich habe hin und her gedacht, ich weiß nur

_ein_ Mittel, wie man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die

Torheit des Gespensterglaubens an ihn hinpredigen, solange wir wollen,

er gibt uns recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein

Phantom. Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida,

Sie müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei

ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er wird

so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie verschwindet.« Ida

sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit mädchenhafter Scheu. Sie gab

dem Hofrat zu bedenken, daß das sich aufdringen heiße. Was die Welt

dazu sagen werde, wenn sie einem landfremden Menschen in die Kirche

nachlaufe, und dies und jenes -- aber der Hofrat, der das Mädchen von

seiner Kindheit an kannte, sah tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar

das Mädchenhafte gegen das Unschickliche, das nach den Begriffen der

Welt darin liegen könne, sträube, daß aber das Edle und Große, das sie,

nur von wenigen gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust

verschloß, schon jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen

haben müsse, denn in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten

Nachdenkens, ihre Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen

Entschlusses mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken,

was die Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht

in die Kirche führen: »Und landfremd,« fuhr er mit schalkhaftem

Lächeln fort, »landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens

ist es in den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange

gekannt hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir

den landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: _ich möchte

hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen_,

sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann?« -- Es ist etwas im

weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, daß

sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht sich

gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für solche

großen Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht Schwärmerei

nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes und lispelte

mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest entschlossen: »Ich will

es tun, denn ich fühle es: _der Zug des Herzens ist des Schicksals

Stimme_!«

[1] Nicht über den Leist hinaus.

Die Heilung.

Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten

Haus ein Paar dunkle Gestalten traten; die eine größere war in einen

dicken Ueberrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, die

andere kleinere hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf

geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang

schien, denn die Person, die ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke

aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Häusern

hin, gingen mehrere Straßen entlang und verschwanden endlich im Portal

der Münsterkirche.

Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz;

es war der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große,

knarrende Kirchtüre auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten.

Die kleinere schien zu zögern, als scheue sie sich, in den

nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als aber der Küster mit seiner

Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu werden und folgte, doch

sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor, als fürchte sie,

irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen hervorgucken zu sehen.

Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit

vorspringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil

der Kirche übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort

ihren Platz; die Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne

näherzutreten, die an dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel

nicht unterscheiden konnte. Indem hörte man den Glockenhammer im Turme

surren und zum Schlag ausholen, der erste Glockenschlag von Mitternacht

rollte dumpf über die Kirche hin, und zugleich hallten eilende Schritte

den mittleren Säulengang herauf, dem Altar zu. Es war Martiniz mit

seinem Diener.

Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte,

auf die Stufen des Altars.

Zuerst sah er still vor sich hin, er weinte und seufzte, und, wie in

jener Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er

mit wehmütiger bittender Stimme: »Bist du noch immer nicht versöhnt?

Kannst du noch immer nicht vergeben, Antonio!« Seine Stimme tönte voll

und laut durch die Gewölbe der Kirche, aber kaum war der letzte Laut

verhallt, da rief eine silberreine, glockenhelle Stimme, wie die eines

Engels vom Himmel: »_Er hat vergeben!_«

Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen, seine Wangen röteten sich,

sein Auge glänzte, er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und

rief: »Wer bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?« Da

rauschte es an jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat

hervor, der Graf trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien

sich emporzusträuben, sein Blick hing starr an jeder Bewegung des

Nahenden, die Gestalt kam näher und näher, der milde Schein der Laterne

empfing sie, noch einige Schritte, und -- der dunkle Mantel fiel, ein

seraphähnliches Wesen -- Ida mit der Taubenfrommheit eines himmlischen

Engels schwebte auf den Grafen zu, dieser war in ein willenloses

Hinstarren versunken, noch immer glaubte er, einen Bewohner höherer

Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus der Betäubung

weckte.

»Ich bin es,« flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das

mutige, engelschöne Mädchen, »ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines

Toten verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein

Gott der Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt,

was er aus Uebereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue

den Richter zu versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist

auch der Ihrige; ich weiß, Sie werden ihn nicht zu schanden machen. Du

aber,« setzte sie mit feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen

das Schiff der Kirche wandte, »du, der du durch die Hand des Freundes

fielst, wenn du noch diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz,

so erscheine in dieser Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein

Zeichen deiner Nähe!«

Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht,

kein Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem

Lächeln, mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem strahlenden Auge wandte

sich Ida wieder zum Grafen. »Er schweigt,« sagte sie, »sein Schatten

kehrt nicht wieder -- er ist versöhnt!«

»Er ist versöhnt!« jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. »Er ist

versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben

ihn gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso

hoch, ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den

blutigen Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken --?«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 9 / 26 段